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Aesopische Fabeln

Aesop: Aesopische Fabeln - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAesop
titleAesopische Fabeln
publisherErnst Heimeran Verlag
printrun
editorAugust Hausrath
year1940
translatorAugust Hausrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181002
projectid2c9da124
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V. Menschenfabeln.
Menschen unter sich

84. Freund in der Not

Zwei Freunde zogen dieselbe Straße. Als ihnen plötzlich ein Bär entgegentrat, kletterte der eine rasch auf einen Baum und verbarg sich in dessen Zweigen. Der andere warf sich, als ihn der Bär ergreifen wollte, auf den Boden und stellte sich tot. Wie der Bär ihn beschnüffelte, hielt er den Atem an; denn man sagt, daß das Tier Tote nicht anrühre. Richtig trollte sich der Bär auch davon. Da stieg der andere vom Baum herab und fragte seinen Freund, was ihm der Bär denn ins Ohr gesagt habe. Der antwortete: »Suche dir künftig einen Wandergefährten, der in der Stunde der Gefahr bei dir ausharrt.«

85. Die Wanderer und das Beil

Zwei Wanderer zogen dieselbe Straße. Als nun der eine ein Beil fand, rief der andere: »Ei, da haben wir etwas Schönes gefunden!« »Bitte«, meinte der Freund, »sage nicht: wir haben gefunden, sondern: du hast gefunden.« Kurz darauf kamen diejenigen, die das Beil verloren hatten, und bedrängten den, der das Beil hatte. Da rief dieser aus: »Wir sind verloren!« »Bitte«, meinte der Freund, »sage nicht: ›wir sind verloren‹, sondern ›ich bin verloren‹. Denn auch als du das Beil fandest, hast du mir keinen Anteil daran gewährt.«

86. Der Bildschnitzer in Not

Ein Bildschnitzer hatte ein hölzernes Hermesbild verfertigt und trug es auf den Markt, um es zu verkaufen. Da sich aber kein Käufer fand, rief er, um die Leute anzulocken, aus: »Hier ist ein heilspendender Dämon zu verkaufen, der den Besitz mehrt.« Darauf sagte einer der Umstehenden: »Und wenn er diese Kraft hat, warum verkaufst du ihn dann? Du tätest doch besser daran, selbst Nutzen von ihm zu ziehn.« »Ja«, entgegnete der Bildschnitzer, »ich brauche schnelle Hilfe. Dieser aber spendet seinen Segen nur allmählich.«

87. Der Prahler

Ein Athlet, der seiner Schlappheit wegen von seinen Mitbürgern verspottet wurde, wanderte aus und kehrte nach einiger Zeit wieder in die Vaterstadt zurück. Nun prahlte er mächtig: er habe in vielen Städten Hervorragendes geleistet, vor allem aber in Rhodos einen Sprung getan, den kein Olympiasieger übertreffen könne. »Das«, sagte er, »können euch die Leute bezeugen, die zugegen waren, wenn sie einmal hierherkommen.« Da sagte einer der Umstehenden: »Höre du, wenn das wahr ist, braucht es keine Zeugen. Wohlan, hier ist Rhodos, hier ist auch die Sprunggelegenheit – also springe!«

88. Der Geizhals

Ein Geizhals veräußerte alle seine Habe und kaufte dafür einen Goldklumpen. Den vergrub er vor der Stadtmauer und ging täglich an den Platz, um ihn zu besichtigen. Ein Arbeiter, der in der Nähe zu tun hatte, beobachtete sein Kommen und Gehen und erriet die Ursache. Als der Alte wieder einmal weggegangen war, grub er nach, fand das Gold und raubte es. Wie nun der Geizhals die Schatzkammer leer fand, wehklagte er laut und raufte sich die Haare. Das sah einer und fragte ihn nach dem Grund seines Jammerns. Als er ihn erfahren hatte, sagte er: »Gräme dich nicht, sondern nimm einen Stein und vergrabe ihn an Stelle des Schatzes. Denn auch als du diesen noch hattest, wußtest du ihn nicht zu nutzen.«

89. Der ungetreue Arzt

Eine alte Frau litt an einer Augenkrankheit und versprach einem Arzt einen bestimmten Lohn, falls er sie heile. Der kam nun täglich zu ihr, salbte ihr die Augen und verband sie. Während sie dann aber mit verbundenen Augen dalag, steckte er irgend etwas von ihrem Hausgerät zu sich und nahm es mit. Schließlich war das Haus ausgeräumt, und da erklärte er die Kur für beendet und verlangte den ausgemachten Lohn. Da sie sich aber weigerte zu zahlen, rief er sie vor den Richter. Vor diesem sagte die Frau: »Es ist richtig, daß ich dem Manne einen bestimmten Lohn versprach, wenn er mich heile. Aber er hat mich nicht geheilt. Denn vor meiner Kur sah ich in meinem Haus alle möglichen Dinge. Jetzt aber sehe ich nichts mehr.«

90. Einigkeit macht stark

Ein Bauer suchte seine Söhne, die stets miteinander haderten, lange Zeit vergebens durch Zureden zur Eintracht zu bewegen. Da beschloß er, es mit einem Beispiel zu versuchen. Er forderte sie daher auf, ihm ein Bündel Stäbe zu bringen. Als das zur Stelle war, hieß er sie, das zusammengeschnürte Bündel als Ganzes zu zerbrechen. Die Söhne mühten sich nach Leibeskräften; aber es gelang nicht. Dann schnürte er das Bündel auf und gab ihnen die einzelnen Stäbe. Die wurden mit Leichtigkeit zerbrochen. »So«, sagte der Vater, »werdet auch ihr unüberwindlich sein, solange ihr einträchtig seid. Verharrt ihr aber in eurer Zwietracht, so werdet ihr eine leichte Beute der Gegner.«

91. Der Schatz im Weinberg

Ein alter Bauer, der fühlte, daß sein Ende herannahe, wollte seine Söhne zu eifrigen Landwirten machen. Daher berief er sie an sein Totenbett und sprach: »Liebe Söhne! Ich verlasse jetzt dieses Leben. Was ich erworben habe, werdet ihr alles im Weinberg finden.« Die Söhne glaubten, dort sei ein Schatz verborgen, und gruben nach dem Tod des Vaters den ganzen Weinberg um. Einen Schatz fanden sie nicht; aber der wohlbestellte Weinberg trug im nächsten Jahr vielfältige Frucht.

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