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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Achtes Kapitel.

Vor der Türe des Wirtshauses stand Sir Conway und blickte sehr kalt und vornehm auf das frohe, aber etwas lärmende Treiben ringsum. Er hatte bei seinem Erscheinen hier überhaupt nur dem Wunsche des Professors nachgegeben, in dessen Begleitung er sich befand, teilte aber durchaus nicht dessen Geschmack, sich stundenlang unter den Bauern zu bewegen. Wo der Künstler sich mit vollem Interesse und heiterer Unbefangenheit den Eindrücken des Festes hingab, sah sein Gefährte nur eine lärmende, untergeordnete und gänzlich uninteressante Menge, die sehr wenig Rücksicht auf die Anwesenheit vornehmer Gäste nahm und diese gelegentlich ebenso drängte und schob wie jeden anderen.

Für den Augenblick jedoch hatte sich Sir Conway zu einem Gespräche herabgelassen. Der Wirt des Gasthauses, dem der vornehme Engländer wohl bekannt war, stand mit abgezogener Mütze vor ihm und gab diensteifrig irgendeine Auskunft. Der Gegenstand schien aber auch für Landleute von Interesse zu sein, denn die Nächststehenden hatten einen Kreis um die beiden geschlossen und hörten mit allen Zeichen von Aufmerksamkeit und Neugier zu.

»Es geht nicht, Mylord!« sagte der Wirt, für den jeder reisende Engländer mindestens ein Lord war, in bedauerndem Tone. »Das bringt keiner fertig. Ich habe überall herumgefragt, wie Sie es mir auftrugen, aber da hinauf wagt sich niemand.«

Sir Conway schien diese Auskunft nicht erwartet zu haben, er sah sehr unmutig aus, als der Professor mit Siegbert in den Kreis trat und in heiterem Tone sagte:

»Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen so ohne weiteres davonlief, aber ich entdeckte in der Menge diesen meinen ehemaligen Schüler, dessen ich mich schleunigst versichern wollte. Herr Siegbert Holm und – ah, die Herren kennen sich bereits, wie ich sehe!«

Die Herren kannten sich allerdings, aber sie grüßten sich sehr kalt und gemessen. Sir Conway hatte augenscheinlich die Verweigerung der Skizze nicht vergessen, und Siegbert hielt an seiner Antipathie gegen den Engländer fest. Dieser nahm übrigens kaum Notiz von ihm, sondern wandte sich nach einer kurzen Bemerkung gegen den Professor wieder zu dem Wirte.

»Haben Sie den Leuten die Summe genannt, die ich bereit bin zu zahlen, wenn das Tier mir lebend gebracht wird?«

»Das tat ich, Mylord, aber wie ich schon sagte, es findet sich keiner dazu.«

»Wovon ist denn die Rede?« fragte Professor Bertold, der jetzt auf die Verhandlung aufmerksam wurde.

Sir Conway zuckte halb verächtlich die Achseln. »Es handelt sich darum, das Adlernest an der Egidienwand auszunehmen. Ich habe einen hohen Preis dafür geboten, trotzdem will niemand das Wagestück unternehmen.«

»Das wundert mich!« meinte der Professor. »Die Leute wagen doch oft genug ihr Leben auf der Jagd oder beim Holzfällen um einer Kleinigkeit willen, und hier verdienen sie in einem Tage so viel, wie sonst mit jahrelanger Arbeit.«

»Verdienen möchte es schon ein jeder,« sagte der Wirt bedächtig, »aber es bringt's eben keiner zustande. Dem Ding ist nicht beizukommen. Da steht der Wendlin, der seit vierzig Jahren in den Bergen zu Hause ist und jeden Schritt auf der Egidienwand kennt! Der soll's Ihnen sagen, ob der Adler zu nehmen ist.«

Der genannte, ein alter, aber noch rüstiger Mann mit einem verwitterten Gesicht und grauen Haaren, trat jetzt aus der Reihe der Umstehenden hervor.

»Nein, Herr, der ist nicht zu nehmen,« sagte er entschieden. »An der Stelle nicht, sonst war's schon längst geschehen! Das Nest ist gerade mitten an der Wand, an den nackten Schroffen. Von unten kann man nicht heran, da ist die Egidienschlucht mit dem Wildwasser, und da geht's senkrecht in die Höhe. Von oben geht's auch nicht, in dem Gestein ist Kluft an Kluft. Ich möchte den sehen, der sich da hinunterwagte und der wieder aufwärts käme, ohne den Hals gebrochen zu haben.«

»Der Beschreibung nach scheint das allerdings eine Art von Heldenstück zu sein,« äußerte der Professor zu Siegbert gewandt. »Ich möchte es nicht probieren, aber das wäre vielleicht etwas für deinen Freunds Adrian Tuchner. Der Bursche sieht mir gerade aus, als wäre er imstande, selbst das Unmögliche zu erzwingen. Wenn irgendeiner, so bringt es der zustande. Wir sollten ihm die Sache einmal vorschlagen.«

Er hatte den Vorschlag nur im Scherz hingeworfen, er wurde aber ernst genommen. Es war, als sei mit dem Namen irgend etwas Unheilvolles ausgesprochen, denn es ging eine eigentümliche Bewegung durch den Kreis, und das Gesicht des alten Wendlin verfinsterte sich auffallend.

»Adrian Tuchner?« wiederholte er; »den lassen Sie nur aus dem Spiel, Herr! Der geht sicher nicht auf die Egidienwand, und wenn Sie ihm beide Hände voll Gold bieten!«

»Warum nicht?« fragte urplötzlich Adrian.

Aller Augen wandten sich auf ihn; er stand nur wenige Schritte entfernt, wo er offenbar die ganze Verhandlung mit angehört hatte, und trat jetzt langsam mitten in den Kreis, der sich augenblicklich um das Dreifache vergrößerte. Auch die Fernstehenden drängten heran, die Sache schien ein ganz anderes, erhöhtes Interesse zu gewinnen, sobald Tuchner sich daran beteiligte.

»Warum soll ich nicht auf die Egidienwand gehen?« fragte er noch einmal; die Stimme klang anscheinend ruhig, aber die Wetterwolke auf seiner Stirn und das drohende Aufblitzen seiner Augen verhießen nichts Gutes.

Es folgte ein allgemeines Stillschweigen, niemand schien Lust zu der Antwort zu haben, sogar der Wirt trat etwas zaghaft zur Seite, nur der alte Wendlin hielt unerschrocken stand.

»Nun, ich denk' es mir so,« entgegnete er. »Du bist ja seit zwei Jahren nicht droben gewesen und gehst wohl auch nimmer hinauf.«

»Hat mir einer vorzuschreiben, wo ich hingehen soll?« sagte Adrian in dumpfem, gepreßtem Tone. »Ich dächte, das wär' meine Sache!«

»Ich schreib' dir nichts vor,« versetzte dieser gelassen. »Aber recht habe ich doch. Probier' es doch und tu', was der fremde Herr verlangt! Du bringst es vielleicht allein zustande von uns allen, hast ja schon öfter solche Stückchen ausgeführt. Aber diesmal wirst du es wohl bleiben lassen, – du weißt selbst am besten, warum.«

»Wendlin, jetzt ist's genug!« fuhr Adrian wütend auf. »Wahre deine Zunge, sag' ich dir. Du schweigst jetzt oder –« er vollendete nicht, aber der Ausdruck seines Gesichtes war so unheilverkündend, daß der Alte zurückwich.

Jetzt aber gab sich unter den Umstehenden ein drohendes Murren kund, einzelne Worte und Rufe wurden laut, die stumme, scheue Zurückhaltung, die man bisher gezeigt, schien in offene Feindseligkeit ausbrechen zu wollen, aber gerade das brachte Adrian auf das Äußerste.

»Ich habe genug, sag' ich euch noch einmal!« rief er, wild mit dem Fuße stampfend. »Ich habe das ewige Gered' und Gehöhne satt. Wer was von mir will, der sag' es mir gerade ins Gesicht. Hier steh' ich und werde ihm Antwort geben – aber er mag sich wahren!«

Er stand da, als sei er bereit, mit aller Welt den Kampf aufzunehmen, die mächtige Gestalt zu ihrer vollen Höhe aufgerichtet, den Arm drohend erhoben, und seine Augen schweiften flammend umher, als wollten sie sich den Gegner suchen. Es lag bei alledem etwas Überwältigendes in diesem Trotze, mit dem ein einzelner der ganzen um ihn versammelten Menge die Spitze bot, und das verfehlte auch nicht seinen Eindruck. Niemand wagte es, die Herausforderung anzunehmen, das Murren verstummte, während die drei Fremden in höchster Betroffenheit auf die Szene blickten, die sie sich nicht erklären konnten.

»Was bedeutet denn dies alles, Adrian?« fragte Siegbert endlich, indem er an ihn herantrat. »Was wollen die Leute mit all diesen Winken und Andeutungen sagen? Geben Sie uns Auskunft darüber.«

Adrian ließ den erhobenen Arm sinken. Er streifte mit einem langen Blick das Antlitz des jungen Mannes, der angstvoll fragend zu ihm aufsah, und seine Stimme milderte sich unwillkürlich, als er erwiderte:

»Sie werden es schon hören, Herr Siegbert, man wird es Ihnen schon zutragen, sobald ich den Rücken wende. Meinetwegen! Kommen muß es ja doch einmal. Aber hier vor meinen Ohren soll's keiner sagen, oder ich mache ihn stumm!«

Er wandte sich zum Gehen, wurde aber von Sir Conway zurückgehalten. Dieser hatte zwar gleichfalls mit Befremden zugehört, aber ihm fehlte jedes Interesse für diese Streitigkeiten der Bauern und Jäger; er nahm sich nicht die Mühe darüber nachzudenken dagegen war es ihm klar geworden, daß gerade in diesem Streit das beste Mittel zur Erfüllung seines Lieblingswunsches lag, an dem er mit echt englischer Hartnäckigkeit festhielt, und daß dieser Tuchner der geeignete Mann dazu war.

»Bleiben Sie noch einen Augenblick,« sagte er so ruhig, als habe die erregte Szene gar nicht stattgefunden. »Man scheint Ihnen hier das Wagestück nicht zuzutrauen. Ich traue es Ihnen zu. Wollen Sie mir den Adler herunterholen von der Egidienwand?«

»Ich?« fragte Adrian, wie mit einem unwillkürlichen Zurückzucken.

»Gewiß! Ich verdopple mein Gebot, wenn Sie mir das Tier lebend herbeischaffen.«

Es vergingen einige Sekunden, ohne daß Adrian antwortete. Er stand regungslos da, das Auge an den Boden geleftet. Sein tiefgebräuntes Gesicht hatte eine eigentümlich fahle Farbe angenommen, aber keine Muskel zuckte darin, es blieb eisern und unbeweglich; trotzdem kam kein Laut über seine Lippen.

»Also Sie wagen es auch nicht!« sagte Sir Conway spöttisch.

Jetzt sah Adrian auf, und ein finsterer Blick traf den Sprechenden. Dann gingen seine Augen langsam in dem ganzen Kreise umher. Er sah, daß alles mit atemloser Spannung an seinem Munde hing, daß ein jeder seine Weigerung erwartete, und, sich plötzlich aufrichtend, sagte er kalt und fest: »Ich will's tun!«

Wieder ging es wie eine Bewegung durch die Reihen der Umstehenden, aber diesmal war es offenbar Überraschung. Niemand schien diesen Entschluß erwartet zu haben. Der Engländer dagegen nickte sehr befriedigt.

»Das freut mich. Wann wollen Sie die Sache unternehmen?«

»Das weiß ich noch nicht. Ich muß erst versuchen, wie dem Nest beizukommen ist. Sie müssen noch ein paar Tage Geduld haben.«

«Ich lasse Ihnen Zeit, solange Sie wollen. Es bleibt also dabei. Bringen Sie mir den Adler, und ich zahle jeden Preis, den Sie fordern.«

»Davon sprechen wir hernach,« erklärte Adrian kurz und schroff und kehrte sich dann mit einer raschen Bewegung zu dem alten Wendlin.

»Wie ist's, willst du mit mir gehen?« fragte er in dem gleichen Tone, aber diesmal mischte sich ein leiser Hohn in seine Worte. »Den Gang nach dem Neste tu' ich allein, aber ich brauche ein paar andere, die mit Seil und Stangen zur Hand sind; du wärst mir gerade recht dazu!«

Der Alte schüttelte den grauen Kopf. »Laß das bleiben, Adrian,« warnte er. »Geh' nicht da hinauf, es kommt nichts Gutes heraus dabei.«

»Willst du mit mir gehen oder nicht?« unterbrach ihn der andere mit vollster Heftigkeit.

Wendlin sah ihn fest an. »Wenn du es durchaus willst! Es soll nicht heißen, daß ich dich zu der Sache angestiftet habe und dann im Stiche gelassen – ich gehe mit.«

»Gut, das weitere reden wir noch ab. –«

»Verlassen Sie sich darauf, Herr, ich bringe Ihnen den Adler!«

Damit wandte Adrian dem Engländer und allen übrigen den Rücken und ging ohne Gruß von dannen.

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