Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Elisabeth Werner >

Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

»Wo hast du denn gesteckt? Soeben zog ganz Wiesenheim hier vorüber, in voller Verzweiflung darüber, daß ihm der teure Sohn und Familiensklave abhanden gekommen sei. Aber der Herr Bürgermeister ist ein höflicher Mann, das muß man ihm lassen. Ich habe heute morgen meinen ganzen, Gott sei Dank, ziemlich reichlichen Vorrat von Grobheit über ihn ergossen und war nun seiner bittersten Feindschaft gewärtig. Statt dessen grüßt er mich ganz freundschaftlich und fragt, ob ich dich nicht gesehen habe.«

»Sie suchen mich?« fragte Siegbert unruhig. »Da will ich doch lieber –«

»Nichts da, du bleibst!« fiel der Professor ein, ihn am Arme festhaltend. »Es kann gar nicht schaden, wenn du dir so nach und nach das Durchgehen angewöhnst, denn mit einem Male bringst du es doch nicht fertig. Aber, wen hast du denn da bei dir? Das ist ja –« er unterdrückte zum Glück noch die Fortsetzung, mit der er die Kenntnis jener Zeichnung und die Unterschlagung des Skizzenbuches verraten hätte.

Siegbert nannte den Namen seines Begleiters, und der Blick des Professors hing mit unverkennbarem Interesse an dem jungen Gebirgssohne, der in seiner kraftvollen Eigenart ganz dazu geschaffen war, ein Künstlerauge auf sich zu ziehen. Adrian war nicht unempfindlich gegen dieses so deutlich kundgegebene Interesse. Er gab freundlicher, als es sonst seine Art war, Antwort auf die Fragen und Bemerkungen des Professors und schloß sich den beiden Herren an, die sich jetzt nach dem Wirtshause wandten.

»Gut, daß ich dich treffe,« sagte Bertold, der seinen Schüler unausgesetzt festhielt, als wolle er einen etwaigen Fluchtversuch hindern. »Ich habe für übermorgen mit Sir Conway einen Ausflug auf die Egidienwand verabredet, wenn das Wetter günstig ist. Du gehst natürlich mit.«

Der junge Maler schien dies durchaus nicht so natürlich zu finden, der Name Sir Conways verdarb ihm das Vergnügen an der beabsichtigten Partie. Er wollte eine Einwendung erheben, aber der Professor schnitt ihm ohne weiteres das Wort ab.

»Du gehst mit, sage ich dir! Die Partie soll sehr lohnend sein, und wie ich höre, kann unsere Dame ohne alle Schwierigkeit bis zu der Alm reiten.«

Siegbert hob mit einer jähen Bewegung den Kopf, und seine Augen richteten sich in höchster Spannung auf das Gesicht des Sprechenden.

»Eine Dame?«

»Alexandrine von Landeck – du kennst sie ja wohl?« warf der Professor mit gleichgültiger Miene hin.

»Jawohl – ich kenne sie!« sagte Siegbert leise.

»Sie begleitet uns allerdings nur bis zu der Alm, wo die Aussicht schon umfassend genug sein soll, und bleibt dort zurück. Der Weg auf die eigentliche Wand ist allzu schwierig und nur für geübte Bergsteiger gangbar. Der Präsident will nicht zugeben, daß seine Tochter sich einer möglichen Gefahr aussetzt.«

Es vergingen einige Sekunden, dann sagte Siegbert, anscheinend ruhig, aber doch mit einem leisen Beben in der Stimme:

»Ich bedaure, Herr Professor, Ihre freundliche Einladung ablehnen zu müssen. Ich bin kein Bergsteiger und würde Ihnen auf der Tour nur hinderlich sein.«

Bertold nahm nicht die mindeste Notiz von dieser Weigerung. »Du hörst es ja, daß ein ganz bequemer Reitweg bis zu der Alm führt. Auf die Wand werden wir dich allerdings nicht mitnehmen, das ist nichts fhr dich. Du kannst inzwischen Fräulein von Landeck Gesellschaft leisten. Ihr könnt da oben gemeinschaftlich eure Skizzenbücher bereichern.«

»Es ist mir aber wirklich nicht möglich;« in dem Tone des jungen Mannes lag ein beinahe angstvolles Abwehren. »Ich habe für morgen bereits eine Verabredung mit meinem Pflegevater getroffen, ich –«

»Du gehst mit, mein Junge!« sagte der Professor mit einer Art von gemütlicher Tyrannei, »und der Herr Bürgermeister bleibt unten. Gib dir keine Mühe weiter mit deinen Einwendungen, sie helfen dir nichts. Übermorgen früh, Punkt fünf Uhr, bist du zur Stelle, und wenn du dir etwa einfallen lassen solltest, zu fehlen, so breche ich in dein Zimmer und hole dich mit Gewalt heraus. Merke dir das!«

In dem Gesichte des jungen Mannes malte sich eine peinliche Empfindung. Er kannte seinen ehemaligen Lehrer hinreichend und wußte, daß dieser imstande war, seine Drohung wahr zu machen. Anderseits tat ihm die so lange entbehrte alte Vertraulichkeit viel zu wohl, als daß er sie durch eine bestimmte Weigerung hätte verscherzen mögen. Er schwieg also vorläufig, zur großen Befriedigung des Professors, der das für unbedingte Fügsamkeit nahm.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.