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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Sechstes Kapitel.

Es war am Nachmittag desselben Tages. In dem kleinen Bergorte, der in unmittelbarer Nähe des Fremdenhotels lag, fand heute das alljährliche Festschießen statt, zu dem die Bevölkerung der ganzen Umgegend herbeiströmte. Aber auch viele der Fremden waren erschienen, denen das Volksfest eine willkommene Abwechselung und Unterhaltung versprach. Der festlich geschmückte Ort bot in der Tat ein lebendiges und farbenreiches Bild. Die Menge der Landleute in ihren verschiedenen Trachten, das fortwährende Auf- und Abwogen, das jeden Augenblick neue, oft charakteristische Gestalten zeigte, das ganze laute und bunte Leben eines solchen Festes waren ebenso neu als anziehend für die Städter. Jetzt, gegen Abend, war das eigentliche Schießen zu Ende. Das Knallen und Jubeln auf dem Schießplatze verstummte, und dieser leerte sich mehr und mehr. Desto lebhafter ging es im Orte selbst zu, wo alles sich zusammendrängte, und wo Einheimische und Fremde, Städter und Landleute durcheinanderwogten.

Mitten durch das fröhliche Getümmel zog der Herr Bürgermeister Eggert mit seiner gesamten Familie. Als erster Würdenträger von Wiesenheim war er es gewohnt, sich bei den heimischen Festen leutselig zum Volke herabzulassen, und fühlte sich verpflichtet, das auch hier in der Fremde zu tun. Leider aber verunglückte er hier gänzlich mit seinen Leutseligkeitsversuchen, denn einerseits verstand er den Dialekt der Bergbewohner nicht, andrerseits konnten diese sich in seine Anschauungs- und Ausdrucksweise durchaus nicht finden. Trotzdem forderte er seinen Pflegesohn fortwährend auf, »Studien« zu machen, wobei er jedoch nicht ermangelte, ihm dieselben bis in das Detail hinein vorzuschreiben.

»Sieh' dir diese Erscheinung an, Siegbert,« sagte er, auf ein hübsches, etwas derbes Bauernmädchen weisend, »die Studie solltest du dir nicht entgehen lassen. Dies Mädchen als Hirtin hoch oben auf einer einsamen Alm, mit schwermutsvoller Sehnsucht in die Ferne blickend – im Hintergrunde eine Sennhütte mit lieblich weidenden Kühen und einigen Lämmern – dazu Abendrot, Alpenglühen und abziehendes Gewitter – das müßte ein Bild werden: ein Bild, mit dem du auf der nächsten Ausstellung alle übrigen schlügst?«

»Aber, Papa, die Hirtinnen pflegen gewöhnlich nicht mit schwermutsvoller Sehnsucht in die Ferne zu blicken,« warf Siegbert ein, »und diese wird es nun vollends nicht tun. Das Gesicht des Mädchens ist, wenn auch hübsch, doch gänzlich unbedeutend und nichtssagend.«

»So idealisiere es!« rief Eggert, beleidigt durch den Widerspruch. »Ein Künstler kann das, muß das können. Er muß es verstehen, die rohe Wirklichkeit zu veredeln und zum Ideale zu erheben. Aber du scheinst mir sehr wenig Lust dazu zu haben! Ich will nicht hoffen, daß du im Ernste beabsichtigst, statt einer unschuldsvollen Hirtin das Banditengesicht dieses Adrian Tuchner für eines deiner Bilder zu benutzen, sonst würde ich –«

Er hielt erschrocken inne und prallte drei Schritte zurück, denn er sah urplötzlich das »Banditengesicht« unmittelbar vor sich. Es war Adrian selbst, der vor ihm stand und scharf fragte:

»Was soll's, Herr Bürgermeister?«

»Oh nichts,« beeilte sich dieser zu versichern, »durchaus nichts, lieber Tuchner! Ich rief Sie nicht.«

»Ich hörte nur meinen Namen,« sagte Adrian, »und da wollte ich mich doch melden. Wenn Sie etwas von mir wollen, – da bin ich!« Seine Augen, die halb verächtlich und halb drohend auf dem kleinen Mann ruhten, verrieten, daß er die Äußerung gehört hatte. Das schien auch dem Bürgermeister klar zu werden, denn er retirierte schleunigst hinter Siegbert, den er als Schutzwehr gegen etwaige Angriffe des Gefürchteten betrachtete. Das erwartete Attentat unterblieb aber für diesmal, denn gerade jetzt erschienen die Musikanten, von einer jubelnden Kinderschar begleitet, und ihnen folgte die ganze Menge der Tanzlustigen. Während sie sich ihren Weg durch die Menge bahnten, gab es ein allgemeines Drängen und Stoßen, und dabei wurde Siegbert von den Seinigen getrennt. Als der Zug vorüber war, war auch der Herr Bürgermeister mit Frau und Tochter verschwunden, wahrscheinlich hatten sie sich dem Strome angeschlossen, der nach dem Wirtshause zog.

Siegbert gab sich nun allerdings keine besondere Mühe, die Verlorenen wieder aufzufinden. Er atmete unwillkürlich auf, als er sich allein sah, und wandte sich zu Adrian, der an seiner Seite geblieben war und ietzt forschend sagte:

»Sie müssen es wohl büßen bei dem Herrn Vater, daß Sie mich gezeichnet haben? Wenn ich Ihnen zur Last bin, so sagen Sie es nur frei heraus, Herr Siegbert. Ich gehe schon!«

»Nein«, entgegnete der junge Mann rasch, denn er fühlte die Bitterkeit in diesen Worten. »Ich freue mich, Sie zu treffen, ich wollte Ihnen ohnehin meinen Glückwunsch sagen. Wir hörten es schon vorhin, daß Sie den Preis bei dem heutigen Schießen davongetragen haben und der unbestrittene Sieger geblieben sind.«

Adrian warf mit der ihm eignen trotzigen Bewegung den Kopf zurück.

»Ja, ich denke, ich habe es den anderen gezeigt, daß der Tuchner sie allesamt meistert, wenn es aufs Treffen ankommt!«

Es sprach wohl Genugtuung aus diesen Worten, aber doch nichts von dem freudigen Stolze des jungen Schützen, der im Wettkampfe mit so vielen anderen Sieger geblieben ist. Auch Adrians Gesicht war nicht heller als sonst, es ruhte der alte, finstere Ausdruck darauf, und es waren auch keine Freunde und Genossen bei ihm, die ihm den Sieg mitfeiern halfen.

Die anderen Schützen zogen jetzt in einzelnen Gruppen nach dem Wirtshause, um dort den Tag fröhlich zu beschließen. Tuchner hatte sich abgesondert, er schien ganz allein zu sein.

Er stand mit dem jungen Maler mitten unter der Menge, die sich gerade hier vor einer Schaubude zusammendrängte, aber schon nach wenigen Minuten war der Raum um die beiden weiter geworden. Die Zunächststehenden traten zufällig oder absichtlich zurück. Man machte ihnen offenbar Platz. Siegbert nahm das als eine Höflichkeit, die man ihm in seiner Eigenschaft als Fremder zuteil werden ließ, und machte eine scherzhafte Bemerkung darüber.

Adrian erwiderte keine Silbe, aber er schoß einen seltsamen Blick auf die höflichen Leute.

Sie gingen langsam weiter und gelangten auf den Kirchplatz, der jetzt den Mittelpunkt des ganzen festlichen Treibens bildete. Aus den Fenstern des Wirtshauses, das der Kirche gegenüber lag, erklangen schon die Tanzweisen, und auf dem Platze selbst saß und stand alles in bunten Gruppen durcheinander. Man begrüßte die Bekannten, man schwatzte und trank miteinander, überall gab es Händeschütteln, Zurufe und Gelächter, und die Abendsonne schien golden herab auf all dies laute und lustige Leben.

Auch Siegbert wurde davon so angezogen, daß er es anfangs gar nicht bemerkte, daß sein Begleiter fast ebenso fremd und einsam durch das Gewühl ging, wie er selbst. Adrian war doch allen bekannt, er hatte die Ehren des heutigen Tages davongetragen, aber niemand schien sich dessen zu erinnern. Er wechselte wohl hin und wieder mit einigen einen Gruß und ein paar Worte, man gab ihm auch Rede und Antwort, aber keine Hand streckte sich ihm entgegen, kein Zuruf begrüßte ihn, niemand lud ihn zum Niedersetzen ein. Dagegen wiederholte sich jenes seltsame Ausweichen und Zurücktreten fast in jeder Gruppe, der sie sich näherten, wiederholte sich mit solcher Regelmäßigkeit, daß man es unmöglich mehr für einen bloßen Zufall ansehen konnte.

Adrian schien das freilich nicht zu bemerken oder sich wenigstens nicht darum zu kümmern. Seine Haltung war herausfordernder als je, und er blickte mit unverhohlener Verachtung auf die Menge. Dabei war er offenbar stolz darauf, so vertraulich neben dem fremden Herrn hergehen zu dürfen, dem er nicht von der Seite wich. Er hatte mit vollem Eifer die Führerrolle übernommen und sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, viel und lebhaft; aber es waren nur bittere, höhnische Bemerkungen, die von seinen Lippen fielen.

»Sie scheinen ja hier mit aller Welt im Kriege zu leben,« sagte Siegbert. »Was hat man denn gegen Sie? Haben Sie die Leute beleidigt oder gönnt man Ihnen den heutigen Sieg nicht?«

»Kann schon sein!« entgegnete Adrian kalt. »Ich habe nicht viel Freunde unter meinesgleichen. Ich habe nie viel nach ihnen gefragt, jetzt fragen sie auch nichts nach mir, und das ist am Ende das Beste.«

»Aber, Adrian –« begann der junge Maler in vorwurfsvollem Tone, doch in diesem Augenblicke ertönte eine bekannte Stimme: »Siegbert! Da ist er ja!« und gleich darauf tauchte Professor Bertold auf und bemächtigte sich seines Schülers.

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