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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Fünftes Kapitel.

Der Professor ging indessen im Sturmschritt vorwärts, ohne im mindesten auf die gerühmten Schönheiten des Weges zu achten. Er sah weder rechts noch links, und so bemerkte er denn auch seinen ehemaligen Schüler nicht, der nur wenige Schritte seitwärts vom Wege im Moose lag. Siegbert hatte auch heute die unvermeidliche Begleitung und Kontrolle des Pflegevaters erdulden müssen, aber wenigstens die Erlaubnis erhalten, noch eine Stunde im Walde bleiben zu dürfen, um eine Baumgruppe zu zeichnen. Er zeichnete indessen nicht, sondern blickte träumend zu den Baumwipfeln empor, als der wuchtige Tritt Bertolds die Stille unterbrach. Der junge Mann sah auf und sprang dann jäh in die Höhe; er schien im ersten Augenblick ganz verwirrt und fassungslos, und es vergingen einige Sekunden, ehe er sich zu einem scheuen, verlegenen Gruße aufraffte.

Auch der Professor stutzte bei diesem unerwarteten Zusammentreffen, aber sein Gesicht wurde nur noch ingrimmiger. Er neigte kaum merklich den Kopf und wollte ohne ein Wort vorübergehen. Doch der kurze, scharfe Blick, mit dem er das Antlitz Siegberts streifte, mochte ihm wohl dessen tiefe, krankhafte Blässe gezeigt haben. Er blieb wie unwillkürlich stehen und sagte, allerdings in sehr kaltem Tone:

»Sieh da, Herr Holm! treffen wir wieder einmal zusammen!«

»Ich hatte Ihre Ankunft bereits erfahren«, entgegnete Siegbert leise. »Aber ich wagte nicht – ich fürchtete –«. Er brach ab, und der Professor ermutigte ihn auch nicht fortzufahren, erst nach einer sekundenlangen Pause fragte er in demselben eisigen Tone:

»Wie geht es Ihnen, Herr Holm?«

Jetzt schlug Siegbert langsam die Augen auf. »Herr Professor, ich weiß, daß Sie mir noch immer zürnen. Aber, was habe ich denn so Schweres verbrochen, daß Sie mir sogar den Namen verweigern, den Sie mir doch stets gegeben haben?«

War es das Beben in dieser halbunterdrückten Stimme oder der flehende Blick der dunklen Augen, genug, der Professor empfand ein menschliches Rühren, und seine Stimme klang um einige Grade wärmer, als er sagte:

»Nun, so tragisch brauchst du die Sache nicht zu nehmen. Wenn der »Herr Holm« dich gar zu sehr kränkt, so können wir ihn meinetwegen beiseite lassen. Also, wie geht es dir?«

»Mir geht es gut«, entgegnete der junge Mann matt und mit einem Ausdruck, der die Worte geradezu Lügen strafte.

»Natürlich!« höhnte Bertold. »Wie sollte es dir denn auch anders gehen in einer so bedeutenden Stadt mit achttausendvierhundertundfünfunddreißig Einwohnern, einer alten Kirche und einem neuen Stadtgefängnis, das sehr stark benutzt wird. Schade nur, daß der Herr Bürgermeister sich nicht dazu herabläßt, es einmal sechs Wochen lang persönlich zu benutzen!«

»Sie haben meinen Pflegevater gesprochen?« fragte Siegbert.

»Soeben wurde mir das Glück seiner Bekanntschaft zuteil. Wir haben übrigens nicht bloß über das Stadtgefängnis gesprochen, sondern auch über das Ideal, die Musen und die sonstigen Gemütlichkeiten deines jetzigen Lebens. Der Herr Bürgermeister behauptet, daß du dich ganz wohl darin befindest. Willst vielleicht auch du mir das ins Gesicht hinein behaupten?«

Siegbert gab keine Antwort; der Professor schien sie auch kaum zu erwarten, denn er fuhr mit herbem Spotte fort:

»Und du malst ja auch dabei. Ich habe deine Bilder auf der letzten Ausstellung gesehen – sie waren miserabel.«

»Ja, Herr Professor«, sagte der junge Mann tonlos.

»So, also siehst du das wenigstens ein? Miserabel waren deine Genrebilder! Wiesenheimer Idyllen, mit bürgermeisterlichen und stadträtlichen Physiognomien, und dabei so trocken und nüchtern gemalt, als hättest du nie einen Funken von Talent besessen! Glaubst du denn wirklich, mit solchem Zeug irgend etwas zu erreichen?«

»Nein!« sagte Siegbert ebenso klanglos wie vorhin, aber diese eigentümliche Zustimmung zu seinem Verdammungsurteil schien den Professor nur noch mehr zu erbittern: er ließ die angenommene Kälte gänzlich fahren.

»Laß dein eintöniges Ja und Nein und gib mir Rede und Antwort! Warum hast du denn überhaupt gemalt? Warum hast du den Pinsel in die Hand genommen, wenn du nichts Besseres zu machen wußtest?«

»Weil ich doch irgend etwas tun mußte dafür, daß man mir Unterhalt und Erziehung gab. Das wurde gefordert, und ich hatte nicht das Recht, es zu weigern. Ich sollte und mußte malen, sollte und mußte die Ausstellung beschicken, so habe ich es denn getan, aber ich tat jeden Pinselstrich mit Widerwillen.«

»Es ist auch danach geworden!« rief der Professor und machte Anstalt, seinen ganzen Künstlerzorn über den mißratenen Schüler auszugießen; da fiel sein Blick wieder auf das Antlitz desselben, das in seiner bleichen, starren Regungslosigkeit etwas Unheimliches hatte; er stockte mitten in der Rede, trat dicht an den jungen Mann heran und faßte ihn bei den Schultern.

»Junge, was ist aus dir geworden! Wie siehst du aus? Du hast ja keinen Blutstropfen mehr im Gesicht! Habe ich es dir nicht vorher gesagt, daß sie dich zu Tode malträtieren würden? Warum bist du nicht durchgegangen damals, als es noch Zeit war?«

»Ich konnte nicht! Es wäre mehr als undankbar, es wäre infam gewesen, hätte ich dem Manne, dem ich alles verdanke, den Rücken gekehrt, sobald ich seiner nicht mehr bedurfte. Ich habe es ja versucht, die Trennung auf gütlichem Wege zu erreichen, es war aber unmöglich. Mir blieb nur die Wahl, jede Dankbarkeit, jede Rücksicht mit Füßen zu treten oder mich zu fügen.«

»Und da hast du dich natürlich gefügt. Wie dir die Dankbarkeit und Rücksicht bekommen ist, das zeigt dein Gesicht. Du siehst mir gerade aus, als wärst du eben dabei, in aller Gemütlichkeit zugrunde zu gehen.«

»Vielleicht!« sagte Siegbert dumpf. »Wenigstens habe ich mehr als einmal überlegt, ob es nicht am besten wäre, diesem ziel- und zwecklosen Leben da unten in der Ache ein Ende zu machen.«

»Dergleichen Dummheiten verbitte ich mir!« brauste der Professor auf. »Untersteh' dich nicht, mir nun auch noch gar mit Selbstmordgedanken zu kommen! Du solltest dich schämen! Ein Mensch von siebenundzwanzig Jahren, ein Künstler, der sich einst zum Höchsten berufen glaubte, und hast nicht einmal den Mut, die selbstgeschaffenen Fesseln zu zerreißen und deinem Talente freie Bahn zu schaffen!«

»Ich habe aber kein Talent!« brach Siegbert in tiefster Bitterkeit aus, »das habe ich in diesen vier Jahren einsehen gelernt. Was gibt mir denn das Recht, die Schranken der Alltäglichkeit zu durchbrechen, wenn ich nichts leiste, was über die Alltäglichkeit hinausgeht? Ich habe es ja oft genug versucht, aber es lag wie ein eisiger Druck auf mir, der allen Mut, allen Schaffensdrang lähmte. Sie haben mich gelehrt, von jeher den Blick auf das Höchste zu richten; jetzt kann ich das Sehnen und Ringen danach nicht wieder los werden, und ich weiß doch, daß mir die Kraft versagt, daß ich nichts bin, und nichts sein werde. Geben Sie mich auf, Herr Professor – ich habe mich ja längst schon aufgegeben!«

»Das fällt mir gar nicht ein!« schrie der Professor im hellen Zorn. »Denkst du, ich werde dich so ohne weiteres ins Wasser springen lassen? Junge, ich wollte, dich packte irgendein Schicksal, eine Leidenschaft, ein Unglück meinetwegen, sei es was es wolle, damit du herausgerissen würdest aus dieser verwünschten Resignation und Selbstquälerei! Du hattest Talent, das sage ich dir, und darauf verstehe ich mich besser als du; aber was dir von jeher gefehlt hat, das ist das Selbstvertrauen, die Energie, die Leidenschaft, die alles an ihr Ziel setzt. Ohne diese drei ist nun einmal nichts Hohes und Großes im Leben zu erreichen. Wärst du mir damals gefolgt, hättest du dich von dem Philistertum losgerissen und dich mitten in das Leben geworfen, es wäre alles anders geworden. Übrigens sehe ich nicht ein, warum es jetzt dazu zu spät sein soll.«

Siegbert schüttelte leise, aber entschieden den Kopf. »Damals glaubte ich noch an mein Talent, wie Sie daran glaubten, jetzt weiß ich, daß wir uns beide getäuscht haben. Ich habe keine von Ihren Erwartungen erfüllt, kann keine erfüllen, dazu gehört vor allem der Glaube an sich selbst – und den habe ich verloren!«

Er legte die Hand über die Augen und lehnte sich an den Stamm des Baumes. Aus dem Gesichte des Professors war aller Ingrimm verschwunden, es sprach im Gegenteil eine tiefe Angst daraus, als er die Hand auf den Arm des jungen Mannes legte und bittend, beinahe weichmütig sagte:

»Siegbert, springe mir nicht in die Ache! Siehst du – das hat wirklich noch Zeit, das kannst du ja immer noch tun, wenn es durchaus nicht anders geht, probiere es erst einmal mit dem Leben! Du hast allerdings ein paar miserable Bilder gemalt, aber deshalb brauchst du doch nicht so ganz und gar zu verzweifeln.«

Siegbert richtete sich wieder empor und versuchte, sich zu fassen. »Es ist nicht das allein,« sagte er ruhiger, »ich habe es ja so lange ertragen müssen. Aber gerade hier wurde es mir in so überwältigender Weise klar, was ich hätte erringen können, wenn ich ein Künstler geworden wäre wie Sie, und was mir nun auf ewig unerreichbar ist.«

»Hier ist dir das klar geworden?« fragte Bertold. »Also steckt dir noch irgend etwas anderes im Kopfe? Heraus damit! Du wirst doch vor deinem alten Lehrer keine Geheimnisse haben?«

Der junge Mann schrak zusammen, als sei er auf einem Verrat ertappt worden. »Sie sind im Irrtum«, entgegnete er mit einer fliegenden Röte. »Ich wollte nur sagen – ich meinte nur die Schönheit und Erhabenheit der Bergnatur nach unserm so eng begrenzten Leben daheim – gewiß, ich meinte nichts anderes.«

Er nahm rasch, als wolle er jede weitere Erörterung abschneiden, seine Skizzenmappe vom Boden auf, und streckte noch etwas scheu und zögernd die Hand hin, die der Professor mit kräftigem Drucke ergriff.

»Ich nehme das als dein Versprechen, daß du vernünftig sein und keine Dummheiten machen wirst«, sagte er ernst. »Ich bleibe noch einige Tage hier, wir haben also Zeit, die Sache zu überlegen. Und nun geh', mein Junge.«

Siegbert ging und war bald aus dem Gesichtskreise seines alten Meisters verschwunden, der allein im Walde zurückblieb.

Noch vor einer Stunde hatte Professor Bertold mit der größten Entschiedenheit erklärt, daß er mit seinem ehemaligen Schüler ein für allemal fertig sei und sich nicht mehr um ihn kümmere, und doch hatte es nur dieser Begegnung bedurft, um ihm zu zeigen, wie sehr ihm Siegbert trotz alledem an das Herz gewachsen war. Er hatte damals schwer genug den Verlust seines Lieblingsschülers ertragen, des einzigen, auf den er wirklich große und bedeutende Hoffnungen setzte, den er fast wie einen eignen Sohn liebte. Sein hitziges Temperament hatte ihn beim Abschiede fortgerissen, sich ein für allemal von dem Ungehorsamen loszusagen, aber der Zorn verrauchte bald genug, und wenn Siegbert eine erneute Annäherung versucht hätte, so wäre er schwerlich zurückgewiesen worden. Aber der junge Mann, verschüchtert und zu Boden gedrückt durch die Vorwürfe seines Lehrers, an dem er mit ganzer Seele hing, von allen Seiten gefesselt und eingeengt durch die Verhältnisse, in die er zurückkehrte, wagte diese Annäherung nicht. Er wußte ja, daß er dem diktatorischen Befehl, sich von den Pflegeeltern loszureißen, nicht nachkommen konnte und durfte. So blieb er denn in scheuer Entfernung, und er und Bertold waren sich beinahe fremd geworden, als der Zufall sie hier zusammenführte.

Der Professor hatte sich auf einen Stein niedergesetzt, um sich die Sache noch einmal gründlich zu überlegen. Dabei fiel sein Blick auf ein Buch von mäßigem Umfange, das halb versteckt im Moose lag, gerade da, wo Siegbert vorhin gelegen hatte, und jedenfalls diesem gehörte. Bertold bückte sich gleichgültig danach, um es an sich zu nehmen; zu seiner Verwunderung aber entdeckte er, daß auch dies kleine Buch Studien enthielt, obwohl der junge Maler seine Skizzenmappe mit sich genommen hatte, und gleich das erste, was ihm in die Hand fiel, war ein lose eingelegtes Blatt, jene Zeichnung, die Adrian Tuchner darstellte. Der Professor betrachtete sie scharf und prüfend und war offenbar überrascht davon.

»Sieh einmal an!« sagte er halblaut. »Wo hat der Junge diesen prachtvollen Charakterkopf her? Das ist jedenfalls Porträt, aber gar nicht so übel aufgefaßt, da ist Leben und Ausdruck in jeder Linie – daraus könnte etwas werden!«

Er legte die Zeichnung sorgfältig wieder an ihren Platz und schlug das nächste Blatt um.

»Was soll das heißen? Das ist ja Alexandrine von Landeck! Wie kommt Siegbert zu dem Bilde? Sie hat ihm sicher nicht dazu gesessen, sie sagte mir ja selbst, daß er sich fern hält. Er muß das Gesicht rein aus der Erinnerung gezeichnet haben – etwas idealisiert, aber sonst ganz vortrefflich aufgefaßt – ich könnte es nicht besser machen! Dabei hat ihn die Wiesenheimer Muse jedenfalls nicht inspiriert; das ist ganz in dem Stile, wie er früher in meinem Atelier zu zeichnen pflegte; aber schülerhaft ist es nicht mehr!«

Er blätterte mit steigendem Interesse weiter. Diesmal aber stutzte er doch ein wenig.

»Wieder Alexandrine? Ah so, diesmal hat er sie im Profil gezeichnet! – Da ist sie nun zum drittenmal! – Der Junge muß eine ganz merkwürdige Vorliebe für dies Gesicht haben; nun, es ist allerdings schön genug, um einen Maler zu fesseln. – Warum hat er mir denn diese Blätter nicht gezeigt; er muß doch wissen, daß sie sich sehen lassen können!« Das Buch wurde jetzt einer sehr sorgfältigen und gewissenhaften Prüfung unterzogen. Als sich aber auch auf dem vierten, fünften und sechsten Blatte immer wieder dieselbe Gestalt zeigte, in den verschiedensten Auffassungen und Situationen, bald wie ein Märchenbild aus phantastischen Blumengewinden hervorblickend, bald als Bergfee auf Felsen thronend, bald aus den Fluten eines Waldsees emportauchend, aber immer unverkennbar Alexandrine von Landeck in ihrer ganzen fesselnden Schönheit, da begann dem Professor ein Licht aufzugehen.

»Also so steht die Sache!« sagte er langsam. »Das war es, was ihm vorhin im Kopfe steckte, und darum ging ihm auf einmal die Schönheit der Bergnatur so überwältigend auf. Ich scheine da sein geheimes Archiv entdeckt zu haben, das er den bürgermeisterlichen Augen verborgen hält. Die Entdeckung wollen wir uns doch zunutze machen!«

Er steckte das Buch zu sich und knöpfte den Rock zu. Kaum hatte er es in Sicherheit gebracht, als Siegbert zurückkehrte, sehr eilig, sehr aufgeregt und mit ganz erhitztem Gesicht.

»Sie verzeihen, Herr Professor – ich habe etwas im Walde verloren, wahrscheinlich ist es hier zurückgeblieben. Sie haben doch nichts gefunden?«

»Nicht das Geringste«, log der Professor in großer Gemütsruhe. »Was hast du denn verloren?«

»Oh, nichts von Bedeutung, ein kleines Buch, das ich gewöhnlich bei mir trage. Es enthielt nur wertlose Skizzen.«

»So?« meinte Bertold und sah mit heimlicher Schadenfreude zu, wie der junge Maler in steigender Unruhe die ganze Umgebung nach den »wertlosen Skizzen« durchsuchte.

»Du wirst es auf dem Wege verloren haben«, sagte er endlich, »Ich werde dir suchen helfen; wir müssen ohnehin nach dem Hotel zurück.« Damit ergriff er den Arm seines Schülers und schleppte ihn mit sich fort, ganz ungerührt von der sichtbaren Pein und Verlegenheit des jungen Mannes, der keine Ahnung davon hatte, daß sein so angstvoll gesuchtes »geheimes Archiv« gemütlich neben ihm herwanderte. Der Professor machte sich leider gar kein Gewissen daraus, es zu unterschlagen.

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