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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Viertes Kapitel.

Professor Bertold war es für diesmal nicht beschieden, die Waldeinsamkeit zu genießen, denn kaum hatte er den bezeichneten Weg aufgefunden, als ihm ein kleiner, wohlbeleibter Herr entgegenkam, der bei seinem Anblick stehen blieb und eiligst den Hut zog.

»Ich habe wohl die Ehre, den berühmten Professor Bertold zu sehen,« begann er sehr geläufig, »den ersten Künstler Deutschlands, dessen Meisterwerke die ganze gebildete Welt entzücken, dessen Ruhm –«

»Ich bin Professor Bertold«, unterbrach dieser kurz und trocken den Sprechenden. »Was steht zu Diensten?«

»Ich erfuhr schon gestern abend, welche Berühmtheit unser Hotel birgt,« erklärte der Bewunderer mit einer Zweiten Verbeugung, »und ich hätte mich Ihnen jedenfalls im Laufe des Tages vorgestellt. Mein Name ist Eggert, Bürgermeister von Wiesenheim.«

Der Professor richtete sich mit einem plötzlichen Ruck in die Höhe und maß mit unheilverkündenden Blicken den Herrn Bürgermeister, der ganz harmlos vor ihm stand, ohne Ahnung, daß der gepriesene Künstler eben noch den dringenden Wunsch geäußert hatte, ihm den Hals umzudrehen. Er fuhr in vertraulicher Weise fort:

»Mein Sohn hatte zwei Jahre lang das Glück, seine Studien unter Ihrer ausschließlichen Leitung machen zu dürfen, und ich freue mich unendlich, daß es mir nun auch vergönnt ist, den großen Meister persönlich kennen zu lernen –«

»Dem Sie seinen Schüler fortgenommen haben!« fiel ihm der große Meister ohne alle und jede Höflichkeit ins Wort.

»Oh, nicht doch, verehrter Herr Professor«, protestierte Eggert. »Ich weiß, es gab damals einige Differenzen zwischen unseren Ansichten. Sie wollten, daß Siegbert seine Studien in Italien fortsetze; Sie stimmten für Rom.«

»Und Sie für Wiesenheim!« rief Bertolt in einem Tone, der das schon in der Ferne grollende Gewitter verkündete. »Und Sie haben es auch richtig durchgesetzt, den armen Jungen in Ihrem Krähwinkel festzuhalten.«

Der Bürgermeister der so schwer beleidigten Stadt nahm die Miene verletzter Würde an.

»Bitte, Herr Professor, da tun Sie unserer guten Stadt unrecht. Wiesenheim bietet allerdings nicht so viel wie Rom, das gebe ich zu, aber es ist viel bedeutender, als Sie glauben. Es hat achttausendvierhundertundfünfunddreißig Einwohner, ein Kreisgericht, eine altertümliche Kirche, ein ganz neues Stadtgefängnis, das sehr stark benutzt wird –«

»Und einen Bürgermeister!« ergänzte Bertold die Aufzählung aller dieser Vortrefflichkeiten. Der genannte Herr schien das für ein Kompliment zu nehmen, denn er lächelte versöhnt.

»Ich widme allerdings seit zwanzig Jahren meine besten Kräfte dem Wohle unserer Stadt, und ich kann wohl sagen, daß sie unter meiner Leitung einen ganz bedeutenden Aufschwung genommen hat. Ich versichere Ihnen, daß sich Siegbert sehr wohl dort befindet, und es fehlt ihm auch keineswegs an der nötigen Anerkennung. In unserem »Tagesboten« wird jedes seiner Bilder mit Bewunderung, ja mit Begeisterung besprochen.«

»Das ist allerdings eine schwerwiegende Anerkennung. Der »Tagesbote« ist vermutlich das Hauptorgan von Wiesenheim?«

»Unser einziges Organ, aber ein ganz vorzügliches Blatt, besonders seit den letzten Monaten, wo es unter der Leitung eines neuen Redakteurs steht, eines jungen Dichters, der ein Genie ersten Ranges ist und dereinst den Heroen unserer Dichtkunst beigezählt werden wird. Das hat er uns nämlich gleich in dem ersten Artikel, den er schrieb, in überzeugender Weise auseinandergesetzt, und wir glauben es auch alle. Er zählt zu den Freunden meines Hauses und ißt alle Sonntage bei mir zu Mittag.«

»Sie sind ja ein wahrer Kunstmäzen!« spottete Bertold. »Den Maler erziehen Sie zu einer Stadtberühmtheit und dem Dichter geben Sie jeden Sonntag ein Mittagessen–eine Art Medizäer von Wiesenheim!«

Der Bürgermeister schien diesen Vergleich nur ganz in der Ordnung zu finden, denn er nickte beifällig.

»Ich halte es für die Pflicht eines jeden, der mit Glücksgütern gesegnet ist, die Kunst und die Künstler zu unterstützen. Ich habe das von jeher getan, und was Siegbert betrifft, so dankt er gerade der Ruhe und Sammlung seines jetzigen Lebens die ideale Richtung, die ihm draußen im Treiben der großen Welt verloren gegangen wäre. Ja, Herr Professor, die Gemütlichkeit, der häusliche Herd, das Familienleben, das sind die wahren Musen des deutschen Künstlers!«

Er war augenscheinlich im Begriff, sich noch des weiteren und ausführlicheren über Ideale und Musen zu verbreiten, aber die Geduld des Professors war jetzt zu Ende, das lang verhaltene Gewitter kam endlich zum Ausbruch.

»Sagen Sie es doch lieber gerade heraus, daß Sie dem armen Jungen die Freiheit nicht gönnten!« fuhr er auf, »daß Sie ihn nicht aus den Händen lassen wollten, weil Sie Furcht hatten, Ihr Genie, das Sie eigens aufgezogen haben, um Staat damit zu machen, könne Ihnen verloren gehen, sobald es Leben und Freiheit gekostet. Sie wußten so gut wie ich, daß, wenn Siegbert erst einmal Ihren Wiesenheimer Musen mit der idealen Richtung den Rücken kehrte, er auch nicht wieder kam. Darum widersetzten Sie sich der Reise nach Italien, darum riefen Sie ihn aus der Residenz zurück. Sie wollten ihn zeitlebens am Gängelbande haben, zeitlebens hinter dem Ofen festhalten; was dabei aus ihm und seiner Kunst wurde, das kümmerte Sie nicht.«

Der Bürgermeister wurde dunkelrot vor Ärger und vielleicht auch vor Verlegenheit, als man ihm die Wahrheit so rücksichtslos in das Gesicht sagte. Er protestierte in sittlicher Entrüstung und erhob seine Stimme zu den höchsten Fisteltönen:

»Herr Professor, Sie verkennen mich in der schmählichsten Weise. Ich habe meinen Pflegesohn aus Armut und Niedrigkeit emporgezogen, ich habe ihm die Mittel zum Studium gegeben. Ohne mich wäre er mit seinem Talente untergegangen –«

»Durch Sie ist er untergegangen!« schrie der Professor in seinem kräftigen Baß. »Freilich, es ist die Schuld des Jungen, er hat sich geduldig die Flügel binden lassen, bis er das Fliegen überhaupt verlernte. Die Energie, das Durchgreifen hat ihm von jeher gefehlt. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, ich hätte die sogenannte Dankbarkeit zum Kuckuk gejagt, ich hätte Ihre ganze Wiesenheimer Gemütlichkeit mit oder ohne Musen über den Haufen geworfen und wäre nach Rom gegangen!«

Er warf dem armen Bürgermeister, der wie erstarrt vor dieser Grobheit stand, noch einen wütenden Blick zu, kehrte ihm dann den Rücken und stürmte davon. Eggert sah ihm aufs höchste betroffen nach, es dauerte einige Minuten, ehe er die Sprache zurückgewann, dann schüttelte er den Kopf und sagte halblaut:

»Ein sehr exzentrischer Mensch, dieser Professor Bertold! Freilich, er gilt überall für ein Original, und bei seiner großen Berühmtheit muß man ihm die Originalität hingehen lassen, aber sie kann doch bisweilen recht unangenehm werden.«

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