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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
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Zwanzigstes Kapitel.

Siegbert Holm war in der Tat nach einem dreijährigen Aufenthalte in Italien nach Deutschland zurückgekehrt, um in der Residenz seines Vaterlandes seinen dauernden Wohnsitz zu nehmen. Die Behauptung seines ehemaligen Lehrers, daß es nur das bisherige Leben und die bisherige Umgebung seien, die den jungen Künstler am Boden festhielten, daß er empor konnte, hatte sich bewahrheitet. Einmal von diesen Fesseln befreit, nahm er einen so schnellen und glänzenden Aufschwung, daß selbst Professor Bertold darüber erstaunte. Das große Bild, das er noch im ersten Jahre seines römischen Aufenthaltes vollendete, »Der Kampf mit dem Adler«, hatte einen unglaublichen Erfolg, und trug den Namen des bis dahin ganz unbekannten jungen Malers in alle Welt. Es war in fast allen Hauptstädten Deutschlands ausgestellt worden und hatte überall die ungeteilte Bewunderung errungen. Schließlich wurde es von der großen Galerie in B. angekauft, und was der Maler in den letzten beiden Jahren geschaffen hatte, hielt sich durchaus auf der Höhe dieses ersten Werkes.

Die Herbstsonne schien hell herein in das Atelier, dessen Fenster sich auf einen Garten öffneten. Der weite, prächtige Raum war mit echt künstlerischem Geschmack eingerichtet. Alle diese Waffen, Stoffe und Geräte, die in malerischer Anordnung überall zerstreut und zum Teil sehr wertvoll waren, gaben Zeugnis davon, daß, nachdem der Künstler sich Ruhm und Ehre errungen hatte, das Schicksal ihm auch den äußeren Lohn nicht schuldig geblieben war.

Professor Bertold saß behaglich in einen Sessel zurückgelehnt und hielt Umschau in dem Atelier seines ehemaligen Schülers, der ihm gegenüber an der Staffelei stand, wo er soeben ein Bild in die rechte Beleuchtung gerückt hatte. Es wäre schwer gewesen, in der schlanken vornehmen Erscheinung des jetzt dreißigjährigen Mannes mit der ruhig sicheren Haltung den alten Siegbert wiederzuerkennen. Sein Gesicht verriet, daß er jahrelang unter der Sonne des Südens gelebt hatte; aber mit der kräftig dunkleren Färbung war auch ein ganz anderer Ausdruck in diese Züge gekommen, die nichts mehr von Müdigkeit und Abspannung zeigten. Es war ein Antlitz voll Leben und Lebensmut, auf dem der Blick des Professors mit väterlichem Wohlgefallen ruhte. Nur in den Augen lag noch der alte Ernst und die alte Träumerei, aber sie hatte nichts Düsteres mehr.

»Du hast dich ja hier ganz vortrefflich eingerichtet,« sagte der Professor umherblickend. »Du scheinst bereits wieder ganz heimisch in Deutschland zu sein. Seit wie lange bist du denn eigentlich hier in der Residenz?«

»Erst seit acht Tagen,« entgegnete Siegbert. »Aber ich hatte schon bei meiner Ankunft vor zwei Monaten alle nötigen Anordnungen getroffen, und die Einrichtung wurde während meines Aufenthaltes in den Bergen vollendet. Das meiste habe ich ja auch aus Italien mitgebracht.«

»Ja, du warst nicht zu halten bis zu meiner Abreise,« sagte Bertold ein wenig unmutig. »Du wolltest durchaus noch in das Gebirge, ehe der Herbst kam. Freilich, ich kann es mir denken, daß es dich einmal wieder nach der Egidienwand zog! Von dort hat ja dein Ruhm so recht eigentlich den Ausgang genommen.«

»Und mein Glück!« ergänzte Siegbert mit einem Aufleuchten der dunklen Augen.

»Allerdings, Ruhm ist immer Glück, aber es ist doch merkwürdig, daß es bei uns beiden mit einer unglücklichen Liebe begonnen hat. Was wendest du dich denn ab, Siegbert? Jetzt nach drei Jahren wird man wohl endlich darüber sprechen können, wenn du auch bisher hartnäckig jeder Andeutung ausgewichen bist. Es war ein ganz vorzüglicher Gedanke von mir, dich auf dieselbe Weise zu kurieren, wie mich einst das Schicksal kuriert hat, wenn auch die Kur etwas gewaltsam war. Geschadet hat sie übrigens nicht, du hast überhaupt diese Leidenschaft merkwürdig schnell überwunden.«

»Meinen Sie?« Die Frage klang beinahe spöttisch.

»Ja, das meine ich! Ich brauchte sechs Monate, um mit meinem Liebesjammer und meinem Bilde fertig zu werden, du warfst die ganze Geschichte in acht Tagen über Bord. Es war gar nicht notwendig, daß ich dich so ängstlich vor Selbstmordideen hütete, denn kaum waren wir in Rom, so benahmst du dich wie ein Gefangener, dem der Kerker aufgeschlossen wird, und von Verzweiflung war auch nicht das mindeste mehr bei dir zu spüren. Ich glaubte, bei deinem Charakter würde dir die Sache noch mehr zu Herzen gehen wie einstmals mir.«

Um Siegberts Lippen schwebte ein leises, aber triumphierendes Lächeln, als er entgegnete: »Sie bestehen immer darauf, die Parallele zwischen unseren beiderseitigen Schicksalen zu ziehen. Bei näherer Betrachtung würde sich doch einiger Unterschied finden.«

»Gar kein Unterschied!« erklärte Bertold hartnäckig. »Es war ganz dasselbe. Unglückliche Liebe – Trennung – Verzweiflung – und als Resultat des Ganzen ein Bild, das uns berühmt machte. Die einzige Variante ist, daß ich das Ideal meiner Jugendschwärmerei malte und du Adrian Tuchner.«

Siegbert gab keine Antwort, aber seine Augen schweiften wie suchend in den Garten hinaus, der trotz der vorgerückten Jahreszeit noch im grünen Schmucke prangte, aber in diesem Augenblicke ganz leer war.

»Ich habe dir auch einen Gruß auszurichten,« begann der Professor von neuem. »Wiesenheim ist unterwegs, um seinem berühmten Sohne Gruß und Huldigung zu bringen. Ich traf gestern auf dem Bahnhof von L. den Herrn Bürgermeister Eggert nebst Familie. Sie haben unglücklicherweise von deiner Ankunft gehört und sich schleunigst auf den Weg gemacht, um dich, wenn auch ohne Reuetränen, in die Arme zu schließen. Morgen überfällt dich die ganze Gesellschaft in deinem Atelier, und sie bringen auch die Wiesenheimer Musen mit, in Gestalt des Schwiegersohnes. Du weißt doch, daß der poetische Redakteur des »Tagesboten« dein glücklicher Nebenbuhler geworden ist?«

»Ich weiß es, mein Pflegevater hat es mir ausführlich geschrieben, als er mir seinen Besuch ankündigte.«

»Und du warst gutmütig genug, diesen Besuch anzunehmen, nach der Art, wie man dich verabschiedete? Ich habe den Herrn Bürgermeister nachdrücklich daran erinnert, ich hätte überhaupt einen derartigen Brief gar nicht beantwortet.«

»Es ist der Mann, der Vaterstelle bei mir vertreten hat,« sagte Siegbert ernst. »Er meinte es ja gut in seiner Weise und er ahnte nicht, wie unglücklich mich seine Güte machte.«

»Meinetwegen!« grollte Bertold. »Wenn du diese Familienumarmung über dich ergehen lassen willst, so ist es deine Sache. Wenigstens ist jetzt keine Gefahr mehr, daß du dich nach Wiesenheim zurückschleppen läßt, zumal deine Stelle dort glänzend ersetzt ist. Der Herr Bürgermeister muß nun einmal Flammenhüter bei irgendeinem verborgenen Genius sein, der vorläufig erst Funken schlägt, und, da ihm der Maler durchgegangen ist, so hat er sich jetzt mit Haut und Haaren der Poesie ergeben.«

Siegbert lachte. »Ich hoffe, das geschieht zur allseitigen Zufriedenheit. Ellbach ist gerade der rechte Mann für Fränzchen und für ihre Eltern. Dies Leben der Abhängigkeit und Untätigkeit, das für mich zur Hölle wurde, war von jeher das Ziel seines Strebens.«

»So scheint es, aber jedenfalls versteht es dieser Genius besser, ihnen zu imponieren als du, den sie fast zu Tode malträtierten. Er läßt seine Schwiegereltern die Reisetaschen tragen und erzählt ihnen dafür alle Tage von seiner Unsterblichkeit und seinem künftigen Weltruhm. Sie glauben das natürlich felsenfest und sehen andächtig zu, wie »Edwin« den Eingebungen seiner Muse lauscht. Weiter tut er nämlich gar nichts, jede andere Beschäftigung hält er tief unter seiner Würde, aber das Lauschen bekommt ihm vortrefflich, er sieht sehr wohlgenährt dabei aus. – Doch nun genug von diesen Wiesenheimern, wir haben wichtigere Dinge zu besprechen. Dein »Kampf mit dem Adler« ist also von der Galerie angekauft?«

»Ja, und man erweist dem Bilde eine Rücksicht, die mich mit Stolz und Freude erfüllt. Es wird den Ehrenplatz unmittelbar neben Ihrer »Julia« erhalten.«

»Und da wird die aufsteigende Sonne das niedergehende Gestirn verdunkeln.«

»Herr Professor!« unterbrach ihn Siegbert mit heftiger Abwehr.

»Nun, ereifere dich nur nicht,« sagte Bertold, »das ist einmal der Lauf der Welt. Ich habe auch meine Zeit des Aufganges gehabt und schließlich ist es doch meine Kunst, die in meinem Schüler triumphiert. Ein rechter Meister ist stolz darauf, wenn sein Schüler ihn überflügelt. Ich freue mich von ganzem Herzen, daß eine junge, eine echte Kraft die Erbschaft antritt, die ich sonst verwaist zurücklassen müßte, denn unter all den anderen ist kein einziger, der sie übernehmen könnte, und ich gönne sie keinem lieber als dir. Darum eben konnte ich es nicht ertragen, daß du mir verloren gehen solltest, darum riß ich dich gewaltsam empor.«

Der Schüler reichte seinem alten Meister wortlos die Hand. Es war ein stummer, inniger Druck, aber er sprach mehr Dank aus, als Worte es vermocht hätten.

»Was meinst du, Siegbert?« fragte der Professor, urplötzlich wieder zu seinem gewohnten Humor zurückkehrend. »Es war doch gut, daß ich dich damals nicht in die Ache springen ließ. Du hattest im vollen Ernste Lust dazu.«

Siegbert senkte beschämt die Augen. »Sie wissen nicht in welcher Verzweiflung ich damals war. Seitdem habe ich es mir gelobt, nie wieder kleinmütig an mir selbst zu verzagen.«

»Das sollte dir auch schwer werden nach diesem großartigen Erfolge. Dein Bild hat ja einen förmlichen Triumphzug durch ganz Deutschland gehalten. Ist es denn noch hier in deinem Atelier?«

»Nur noch für heute, morgen soll es der Galerie übergeben werden. Ich bin froh, es noch einmal ungestört für mich allein zu besitzen, – es wurzelt ein Stück meines Lebens darin!«

Er schlug einen Vorhang zurück, der eine kleinere Abteilung des Ateliers von dem großen Haupträume trennte. Auch der Professor erhob sich, und die beiden Herren traten vor das Bild, das dort in voller Beleuchtung stand. Die lebensgroßen Gestalten schienen aus dem Rahmen hervorzutreten, und die tief gesättigten, harmonisch leuchtenden Farben brachten das Gemälde zur vollsten und glänzendsten Wirkung.

Es war eine Szene wilden Kampfes, die der Künstler hier auf die Leinwand festgebannt hatte, jeder Zug an dem Bilde atmete stürmische Bewegung, aber auch zugleich erschütternde Lebenswahrheit. Im Hintergrunde ragte die Helswand auf, nackt und schroff ansteigend, nur an einzelnen Stellen von Moos und Gestrüpp umwuchert. Zur Rechten fiel der Fels jäh ab in die bläulich dämmernde Tiefe, zur Linken starrte das zackige Gestein empor, in dem sich der Horst erhob. Die ganze Macht und Wucht der Darstellung aber war auf die beiden Gestalten im Vordergrunde gelegt – den Adler, der sein Junges verteidigte, und den Mann, der mit der letzten Kraft der Verzweiflung um sein Leben kämpfte. Die Bewegung des wild gereizten Tieres, das mit ausgebreiteten Flügeln, Schnabel und Klauen zum Stoße gehoben, auf den Feind eindrang, war meisterhaft wiedergegeben. Und unter dem Adler, von seinem Stoß zu Boden geworfen und dicht an den Rand des Abgrundes gedrängt, lag der Tollkühne, der es gewagt hatte, den Horst zu ersteigen. Der rechte Arm, dem das Messer entfallen war, hob sich noch mit geballter Faust zur Abwehr, der linke versuchte sich an dem Gestein festzuklammern, das dem Stürzenden keinen Halt mehr gewährte, – der Mann war verloren, das sah man! Auf den sonnverbrannten Zügen lag eine fahle Blässe, aber selbst jetzt auf der Schwelle zwischen Leben und Tob, zeigte das energische, ausdrucksvolle Antlitz noch einen wilden, unbeugsamen Trotz und jede Muskel des riesigen Körpers spannte sich noch zum Widerstande. Nur im Auge, das starr und weit geöffnet auf den Feind gerichtet war, malte sich die ganze Todesangst und Todesqual des Verlorenen. Es war ein Blick, von dem man sich mit innerem Grauen abwandte, und der doch den Beschauer dämonisch wieder anzog und gefesselt hielt. Der Blick schien zu leben, wie das ganze Bild.

Einige Minuten lang standen die beiden Männer in schweigender Betrachtung davor, dann sagte Siegbert gepreßt:

»Ich erklärte einst dem Adrian halb im Scherze, daß ich eine Gestalt wie die seinige nur im Kampfe, in einem Ringen auf Leben und Tod verkörpern möchte – ich glaubte nicht, daß ich ihm so Wort halten würde.«

»Und ich glaubte nicht, daß du imstande wärst, eine derartige Szene zu malen,« entgegnete der Professor. »An deinem Talente habe ich nie gezweifelt, aber dies Talent voll Energie und Leidenschaft habe ich erst in dir entdeckt, als das Bild unter meinen Augen entstand. Du hast das Beste damit erreicht, was in unserer Kunst zu erreichen ist, – die vollste Lebenswahrheit!«

Der Blick des jungen Künstlers ruhte düster auf seinem Werke. »Wenn die Studie nur nicht so grauenvoll gewesen wäre! Ich habe ihn ja erlebt, diesen Todeskampf, wenn auch nicht oben auf dem Felsen, sondern unten in der Egidienschlucht. Ich habe ihn gesehen, diesen Blick voll Todesqual, dies letzte, verzweifelte Aufbäumen, und ich habe den Eindruck monatelang nicht wieder los werden können. Das Bild verfolgte mich im Wachen und im Traume, es drängte sich an mich, wie mahnend, fordernd, daß ich es zum Leben erwecke, es ließ mir keine Ruhe, bis ich zu Pinsel und Palette griff. Erst als die Gestalt auf der Leinwand vor mir stand, wich sie mir aus Kopf und Herzen.«

Bertold nickte ernst. »Ich kenne das! Es gibt Erlebnisse und Gestalten, die sich ihre künstlerische Auferstehung erzwingen. Man wird sie nicht los, bis man ihnen den Willen getan hat. Dir freilich ist jenes schreckliche Ereignis zu einem Triumphe geworden. Diesmal hast du schwerlich eine so großartige Ausbeute von der Egidienwand mitgebracht.«

»Aber eine glücklichere!« rief Siegbert, wieder mit jenem strahlenden Aufleuchten in seinen Zügen, wie vorhin.

»Wir wollen sehen! Du warst in deinen Briefen ungemein einsilbig über deinen Bergaufenthalt und hast ihn doch über zwei Monate ausgedehnt. Wo sind denn deine Studien?«

»Es sind nicht bloße Studien. Ich hatte mir dort ein Atelier improvisiert, um zu malen. Das Bild ist fast vollendet, ich werde es Ihnen zeigen.«

Er kehrte in den vorderen Raum zurück und trat zu einer Staffelei, die in der Nähe des Fensters stand, plötzlich fuhr er auf.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich erhalte soeben Besuch, den ich empfangen muß. Ich bin sogleich wieder hier.« In derselben Minute war er auch schon verschwunden.

»Was ist denn das für ein Besuch, dem man entgegenstürzt, als ob das Leben davon abhinge?« brummte der Professor, der gefolgt war, indem er an das Fenster trat; aber was er hier sah, raubte ihm für den Moment die Sprache.

Durch den Garten kam nämlich Präsident von Landeck, der seine Tochter am Arme führte, im ruhigen Promenadenschritt und gewohnter vornehmer Haltung. Auf einmal machte sich die junge Dame von ihrem Vater los und eilte Siegbert entgegen, der im Sturmschritt aus seinem Atelier kam, und – im offenen Garten, am hellen Mittage, vor den Augen seiner Exzellenz des Herrn Präsidenten küßten sich die beiden! Der Professor sank auf den ersten besten Sessel, der in der Nähe stand. Auf diese schlagende Widerlegung seiner Theorie von der unglücklichen Liebe war er nicht gefaßt gewesen.

Gleich darauf trat die Gesellschaft in das Atelier, und Siegbert führte Alexandrine, deren Hand er noch immer in der seinigen hielt, seinem Lehrer entgegen.

»Meine Braut!« sagte er triumphierend. »Sie sehen, es existiert doch ein gewisser Unterschied zwischen unseren beiderseitigen Schicksalen. Alexandrine hatte mir schon damals auf der Egidienalm Herz und Hand gegeben. Ich nahm ihr Jawort mit mir, als ich mit Ihnen nach Italien ging.«

Alexandrine streckte lächelnd dem alten Meister ihre Rechte entgegen. »Ich bin Ihnen ungehorsam gewesen, Herr Professor! Sie gaben mir gemessenen Befehl, Siegbert zur Verzweiflung zu treiben, um ihn zu einem entscheidenden Entschluß zu bringen. Ich habe ein anderes Rezept angewendet, und Sie sehen, es hat auch seine Wirkung getan.«

»Und davon habe ich kein Wort erfahren!« brauste Bertold auf. »Das ist ja eine ganz abscheuliche Verschwiegenheit! Drei Jahre hast du neben mir gelebt, Siegbert, ohne mir auch nur eine Silbe davon zu verraten, Und hast es ruhig hingenommen, wenn ich dich und dein vermeintliches Unglück mit der größten Zartheit behandelte. Hattest du denn gar kein Vertrauen zu mir?«

»Trösten Sie sich, lieber Freund,« sagte der Präsident lachend. »Meine Tochter hat es mit mir nicht besser gemacht. Ich ahnte nicht, weshalb Sir Conway damals einen Korb erhielt, weshalb später so manche anderweitige Annäherung hartnäckig zurückgewiesen wurde, ich wußte auch nichts von der Korrespondenz, die eigenmächtig hinter meinem Rücken geführt wurde. Erst als Siegbert uns in diesem Sommer in den Bergen aufsuchte, da ging mir ein Licht auf, und erst da ließen sich die jungen Herrschaften zum Geständnis herbei. Ich hätte Ihnen die Nachricht längst mitgeteilt, aber Siegbert und Alexandrine bestanden darauf, Sie bei Ihrer Ankunft mit der Verlobung zu überraschen, die erst in diesen Tagen veröffentlicht werden soll.«

Der Professor tat noch immer sehr beleidigt und erzürnt, aber als Alexandrine schmeichelnd und bittend die Hand auf seinen Arm legte, und er in Siegberts strahlendes Antlitz blickte, da wollte der Zorn nicht länger standhalten.

»Die ganze Schicksalsparallele hast du mir über den Haufen geworfen,« grollte er, »und die Theorie von den absoluten Vorzügen einer unglücklichen Liebe desgleichen. Aber ich habe es ja vorhergesagt, wenn du einmal Liebesgedanken bekommst, dann gehst du auch schleunigst auf das Heiraten aus.«

»Ja, das tat ich!« rief Siegbert lachend, »und Alexandrine war durchaus einverstanden damit.«

»Ich bin es gar nicht,« brummte der Professor. »Ich bin prinzipiell gegen das Heiraten überhaupt und gegen das der Künstler nun vollends. Da es aber Alexandrine ist, die du heiratest, so bist du entschuldigt, soweit dergleichen überhaupt zu entschuldigen ist, und da mein Einspruch bei euch beiden doch nichts helfen würde, so – gratuliere ich euch!«

Damit schüttelte und drückte er die Hände des Brautpaares mit einer Herzlichkeit, die seine grimmigen Worte Lügen strafte, und wandte sich dann zu dem Präsidenten.

»Und was sagen Sie denn eigentlich zu der Geschichte. Exzellenz?«

Herr von Landeck zuckte die Achseln. »Ich habe nachgegeben, wie Sie sehen. Einigen Kampf hat es allerdings gekostet, ehe ich einwilligte, denn mein Wunsch und Wille war es nicht, daß Alexandrine einen Künstler heiratet. Ich hatte andere Pläne und Absichten mit ihrer Zukunft, aber ich habe sie dem Glücke meines einzigen Kindes zum Opfer gebracht.«

Die Worte waren halb im Scherze gesprochen, aber der Professor nahm sie dennoch gewaltig übel.

»Ihr einziges Kind hat eine sehr vernünftige Wahl getroffen,« rief er in seiner derben Weise. »Was hätte Ihre Tochter davon, wenn sie jetzt mit dem langweiligen Sir Conway auf irgendeinem langweiligen Landsitze Englands säße und auf die künftige Lordschaft wartete, die vermutlich ebenso langweilig ist. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, der Name Siegbert Holm wird noch genannt werden, wenn kein Mensch mehr weiß, daß irgendwo einmal ein Sir Conway gelebt hat, und Alexandrine wird an der Seite ihres Mannes ein glänzenderes Los haben und mehr Triumphe ernten, als wenn sie eine brillante Partie in Ihrem Sinne gemacht hätte.«

»Nur nicht so heftig«, beschwichtigte der Präsident, indem er ihm begütigend die Hand auf die Schulter legte. »Ich habe Siegbert selbst lieb genug gewonnen und gebe ihm den höchsten Beweis davon, indem ich ihm mein Liebstes anvertraue. Herrn Professor Bertold möchte ich aber doch fragen, wie er dazu kam, damals ein förmliches Rendezvous zwischen den beiden auf der Egidienalm zu veranstalten?«

»Konnte ich denn wissen, daß es einen solchen Ausgang nehmen würde!« verteidigte sich der Professor. »Ich baute felsenfest darauf, daß der blasse, scheue Träumer Alexandrine ganz gleichgültig sei, und ihm traute ich kaum eine Liebeserklärung zu; viel weniger eine Werbung. Aber rechne nur einer mit dieser verwünschten Liebe, sie stellt die vernünftigsten Pläne und Berechnungen geradezu auf den Kopf. – Bei alledem habe ich noch immer nicht dein neues Bild gesehen, Siegbert. Jetzt bin ich wirklich neugierig, was du diesmal von der Egidienwand mitgebracht hast.«

Er trat vor die Staffelei, auf der sich das fast ganz vollendete Gemälde befand. Es stellte diesmal nur eine Landschaft dar, eine Szenerie des Hochgebirges in der ersten Morgenfrühe. Tief unten im Tale wogten noch dichte Nebelmassen, aber höher hinauf an den Bergen begannen sich die Schleier bereits zu lichten vor den Strahlen der aufgehenden Sonne. Das seltsame Ineinanderfließen von Licht und Schatten, von Sonnenglanz und Nebel war mit täuschender Wahrheit wiedergegeben. Man sah das Ringen und Kämpfen des Lichtes, das sich siegreich Bahn brach durch das Wolkenmeer, aus dem schon einzelne Höhen und Wälder emportauchten. Die Gipfel der Berge umwob nur noch leichter, blauer Duft, und die gewaltige Felsenkrone, die darüber emporragte, stand schon im vollen rosigen Morgenglanze. In der Mitte des Bildes aber schwebte, mit weit ausgebreiteten Schwingen, ein mächtiger Adler. Unter sich die wogenden, kämpfenden Nebel, über sich das goldene Licht des anbrechenden Tages, nahm er seinen Flug empor – zur Sonne!

Professor Bertolt hatte seine große, kritische Miene aufgesetzt; wo es sich um ein Urteil handelte, trat all seine Vorliebe für Siegbert zurück. Er prüfte das Bild scharf und streng in allen Einzelheiten, dann wandte er sich zu seinem ehemaligen Schüler und sagte einfach und kurz:

»Bravo!«

Die Augen des jungen Künstlers blitzten auf in stolzer, freudiger Genugtuung. Wie viel Ruhm und Anerkennung ihm auch in der letzten Zeit zuteil geworden sein mochte, das Lob seines alten Meisters und Lehrers stand ihm doch am höchsten.

»Du hast das Bild doch hoffentlich noch nicht versagt, Siegbert?« fragte der Präsident. »Seine Hoheit der Prinz von C.,« er sprach mit großer Genugtuung den Namen aus, »hat mir erst gestern erklärt, daß er um jeden Preis ein Werk von deiner Hand besitzen müsse. Ich bin überzeugt, er macht dies Gemälde allen andern Bewerbern streitig.«

»Ich fürchte, Papa, der Prinz wird sich noch eine Zeitlang gedulden müssen«, entgegnete Siegbert lächelnd. »Dies Bild ist bereits an meine Braut versagt; ich habe es für sie allein gemalt, und es soll der erste Schmuck unseres neuen Hauses sein. Ich löse damit gewisse Studien ein, die ich einst entwarf, und die sich noch immer in Alexandrinens Händen befinden. Jetzt darf ich sie wohl zurückfordern.«

»Was sind das für Studien?« fragte Herr von Landeck, aufmerksam werdend.

»Vermutlich jenes Skizzenbuch, in dem er die Dame seines Herzens sechsmal hintereinander abkonterfeite« spottete Bertold. »Ich habe es damals unterschlagen und dann in höchst diplomatischer Weise damit intrigiert. Ich werde Ihnen jetzt die ganze Intrige berichten, Exzellenz!«

Er zog Herrn von Landeck beiseite und begann die Beichte, die dem Präsidenten schon zum Teil bekannt war, deren Einzelheiten er aber erst jetzt erfuhr.

»Das Zeichen von damals hat uns doch Wort gehalten«, flüsterte Alexandrine, indem sie den Kopf an Siegberts Schulter lehnte. »Der Adler, der vor unseren Augen emporstieg, wies dir deinen Weg!«

»Du hast mir ihn gewiesen«, sagte Siegbert, indem er sich mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit zu ihr niederbeugte. »Du warst es, die mich aus meinem Zagen und Zweifeln emporriß und mir zurief: Nur wer das Höchste wagt, kann das Höchste gewinnen! Ich wagte – und ich gewann!«

 
Ende.

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