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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Zweites Kapitel.

»Ah, Herr Präsident von Landeck! – Guten Morgen, Exzellenz. – Guten Morgen, gnädiges Fräulein! – Haben Sie schon einen Spaziergang gemacht und Sir Conway gleichfalls?« so tönte und schwirrte es durcheinander. Sir Conway fand es kaum der Mühe wert, die Begrüßung zu erwidern, der Präsident dagegen tat dies höflich, aber doch mit einer gewissen kühlen Zurückhaltung.

»Wir waren im Walde,« entgegnete er. »Meine Tochter wollte den ersten schönen Morgen nach so langer Zeit genießen. Sie scheinen in dem gleichen Fall zu sein, Herr Bürgermeister, Sie sind ja auch mit den Ihrigen unterwegs.«

»Wir haben nur unseren Siegbert aufgesucht,« erklärte der Bürgermeister. »Er war auf einmal verschwunden, und wir hatten keine Ahnung, wo er geblieben sein könnte. Zum Glück hatte jemand gesehen, wie er den Waldweg einschlug, und da –«

»Sind Sie mit Ihrer ganzen Familie natürlich nachgegangen,« vollendete der Präsident, um dessen Lippen ein leichtes, ironisches Lächeln spielte.

»Natürlich, Exzellenz, auf der Stelle! Und wo finden wir ihn? Hier im Walde, auf der nassen Wiese, wo er den ganzen Morgennebel ausgehalten hat, während der Arzt ihm so dringend Vorsicht und Schonung anempfahl. Ja, man hat seine Not mit den Söhnen, Exzellenz, wenn sie erwachsen sind, und mein Sohn hat nun vollends immer seinen Kopf für sich.«

»Herr Holm ist ja wohl Ihr Pflegesohn?« warf die junge Dame ein, während ihr Blick Siegbert streifte, der noch immer abseits stand, ohne sich mit einer Silbe an dem Gespräche zu beteiligen.

»Allerdings, gnädiges Fräulein, aber ich habe ihn stets als meinen wirklichen Sohn betrachtet. Von dem Augenblicke an, wo ich ihn als arme Waise in mein Haus aufnahm, hat er die gleichen Rechte genossen, wie mein eigenes Kind. Ich darf mich wohl rühmen, daß ich zuerst sein Talent entdeckt und zur Anerkennung gebracht habe. Er wäre nicht das erste Genie gewesen, das an der Beschränktheit und Armseligkeit seiner Verhältnisse zugrunde ging, aber ich entriß ihn diesen Verhältnissen. Ich habe nichts gespart bei seiner Ausbildung, er ist zwei Jahre lang in der Residenz gewesen und hat den Unterricht eines unserer berühmtesten Künstler genossen. Jetzt allerdings ist er selbst ein Künstler geworden, der eine glänzende Zukunft vor sich hat.«

»Papa, ich bitte dich!« fiel Siegbert ein. Sein vorhin so bleiches Gesicht war jetzt von einer flammenden Röte bedeckt, und das nervöse Zucken seiner Lippen galt vielleicht ebensosehr der taktlosen Erwähnung seiner Armut, als den nicht minder taktlosen Lobsprüchen seines Pflegevaters.

»Unterbrich mich nicht!« sagte dieser würdevoll. »Du bist ein Künstler, du hast eine bedeutende Zukunft vor dir, aber du hast keinen Mut, kein Selbstvertrauen. Werden deine Bilder nicht überall gelobt und bewundert in Wiesenheim? Schickst du sie nicht sogar zur Ausstellung in die Residenz? Und wenn sie dort noch nicht die gebührende Anerkennung finden, so ist eben der Neid, die Mißgunst deiner Kollegen daran schuld, die kein jüngeres Talent aufkommen lassen wollen.«

»Herr Holm hat in der Tat ein recht hübsches Talent,« sagte der Präsident, aber es war augenscheinlich, daß ihm nur das Mitleid mit dem jungen Manne, der so sichtlich eine Folter ausstand, zu diesem kühlen Lobe veranlaßte.

»Ein großes Talent, Exzellenz, ein großes!« verbesserte die Frau Bürgermeisterin. »Unser Siegbert galt schon als Knabe für ein Wunderkind. Sie hüben ja seine Skizzen und Studien gesehen! Allerdings sind wir nicht durchweg damit einverstanden. Da hat er zum Beispiel den Adrian Tuchner gezeichnet, diesen unheimlichen Menschen –«

»Adrian Tuchner?« fiel die junge Dame lebhaft ein. »Das ist in der Tat ein interessanter Kopf! Darf ich das Blatt sehen?«

Der Herr Bürgermeister und seine Frau Gemahlin sahen etwas betroffen aus, als die »Galgenphysiognomie« interessant genannt wurde. Fränzchen aber kam mit großer Bereitwilligkeit dem Wunsche nach, indem sie selbst die Skizzenmappe herbeibrachte und öffnete.

Erst jetzt, wo sie unmittelbar neben der Tochter des Präsidenten stand, sah man es, wie unbedeutend ihre ganze Erscheinung war. Klein wie ihr Vater, mit einem frischen, runden Gesicht, mit hellen Haaren und Augen, konnte sie immerhin für ein hübsches Mädchen gelten, aber trotzdem und trotz ihrer sehr eleganten Toilette verlor sie doch ungemein neben jener hohen, schlanken Gestalt im einfachen Reisekleide. Der leichte Strohhut, der auf den dunklen Flechten saß, beschattete ein Antlitz, das in seiner streng regelmäßigen Schönheit vielleicht kalt erschienen wäre, wenn nicht die großen, strahlenden Augen ihm Leben und Ausdruck verliehen hätten, und die ganze Haltung zeigte jene vornehme Sicherheit, die das Leben in der großen Welt gibt, während Fränzchen in jedem Zuge die Kleinstädterin verriet. In dem Wesen des Fräuleins von Landeck lag gleichfalls etwas von der kühlen Zurückhaltung ihres Vaters den Reisegefährten gegenüber, aber es schwand vollständig in dem Augenblick, da sie mit unverkennbarem Interesse die Zeichnung betrachtete.

»Das ist ja vorzüglich getroffen! Ich glaubte nicht, daß es möglich wäre, so viel Leben in eine bloße Skizze zu legen. Sieh nur, Papa!«

Siegbert sah auf, nur einen Moment lang, dann senkte er den Blick wieder zu Boden, aber man sah es, daß er trotzdem mit atemloser Spannung dem weiteren Gespräch folgte.

»In der Tat, frappant,« sagte der Präsident, indem er einen ziemlich gleichgültigen Blick auf die Zeichnung warf. Sir Conway, der bisher gar nicht an dem Gespräche teilgenommen hatte, und dessen Miene deutlich zeigte, wie sehr es ihn langweilte, ließ sich jetzt herab, gleichfalls einen flüchtigen Blick auf das Blatt zu richten, das die junge Dame ihm hinhielt, während sie fragte:

»Finden Sie nicht auch, daß es das Beste von allem ist, was Herr Holm hier gezeichnet hat?«

Sir Conway erinnerte sich schwerlich mehr der übrigen Leistungen des Herrn Holm, deren Betrachtung der zärtliche Pflegevater ihm gleichfalls aufgedrungen hatte; aus Rücksicht auf die Fragende aber stimmte er mit einem steifen Kopfnicken bei.

»Wirklich?« fragte der Bürgermeister gedehnt. »Nun, Siegbert, du kannst stolz sein auf das Lob aus solchem Munde. Wer selbst eine so bedeutende Künstlerin ist, wie Fräulein von Landeck –«

»Ich bin nur Dilettantin«, unterbrach ihn die junge Dame, das Kompliment ruhig ablehnend. »Ich führe den Zeichenstift nur zu meinem eigenen Vergnügen und bin mit meinen Versuchen niemals in die Öffentlichkeit getreten.«

»Alexandrine hat sich von jeher die Grenzen ihres Talents klar gemacht«, sagte der Präsident mit einiger Schärfe. »Es wäre gut, wenn das ein jeder täte. Wir hätten dann nicht so viel mittelmäßige Talente mit unmäßigen Ansprüchen.«

Die Röte schlug wieder flammend auf in Siegberts Antlitz bei diesen Worten. Der Bürgermeister und seine Gattin aber, die nicht entfernt ahnten, daß sie ihrem »genialen« Pflegesohn gelten könnten, stimmten eifrig bei.

Alexandrine hielt die Zeichnung noch immer in der Hand, und es lag ein gewisses Zögern in ihrer Stimme, als sie jetzt zu dem jungen Maler gewendet sagte:

»Sie wollen die Skizze jedenfalls für ein Gemälde benutzen, Herr Holm? – Das Blatt an sich ist freilich schon interessant genug.«

So flüchtig die Äußerung auch hingeworfen wurde, es lag doch etwas wie ein halb ausgesprochener Wunsch darin. Sir Conway erriet das, und mit einer bei ihm ungewöhnlichen Lebhaftigkeit sagte er in geläufigem Deutsch, wenn auch mit englischem Akzent:

»Herr Holm legt wohl keinen Wert auf die flüchtige Zeichnung, die er ja sofort wieder ersetzen kann. Wenn er sie mir überlassen wollte, so würde ich mit Vergnügen –«

»Ich bedaure, Sir Conway«, unterbrach ihn Siegbert, dessen sonst so weiche Stimme in diesem Moment beinahe schneidend klang. »Es ist eine Studie, die ich notwendig brauche. Ich kann sie unmöglich aus den Händen geben.«

Der Engländer nahm diese Weigerung offenbar sehr übel, er streifte mit einem unglaublich hochmütigen und verächtlichen Blick den jungen Mann und zuckte kaum merklich die Achseln. Aber auch Alexandrine preßte die seinen Lippen zusammen: sie legte rasch das Blatt wieder zu den übrigen, gab die Mappe Fränzchen zurück und wandte sich dann zu ihrem Vater.

»Wir werden uns beeilen müssen, Papa, wenn wir zu rechter Zeit an der Bahnstation sein und den Professor selbst empfangen wollen.«

Der Präsident sah nach der Uhr. »Es ist allerdings Zeit. Wir erwarten einen Freund aus der Residenz, der uns hier in den Bergen aufsucht, und der heute eintrifft. Auf Wiedersehen, meine Herrschaften!«

Er grüßte ebenso höflich und ebenso kühl wie vorhin, reichte seiner Tochter den Arm und schlug mit ihr den Waldpfad ein, während Sir Conway sich ihnen anschloß. Kaum waren sie außer Gehörweite, so brach ein wahres Ungewitter über Siegbert los.

»Ich weiß nicht, was ich von dir denken soll?« eiferte der Bürgermeister. »Hast du denn gar keinen Takt, gar keine Lebensart? Sahst du denn nicht, daß Fräulein von Landeck das Blatt zu haben wünschte, und daß Sir Conway sich einzig deshalb darum bemühte?«

Siegbert schien nicht zu hören, er hatte regungslos den sich Entfernenden nachgeblickt, jetzt aber wandte er sich um und entgegnete wie in aufflammendem Trotze:

»Ja, das sah ich – aber ich wollte meine Zeichnung nicht in seinen Händen wissen.«

»Du wolltest nicht?« wiederholte der Pflegevater. »Freilich, wann hättest du denn jemals etwas Vernünftiges gewollt! Da führt uns die Reise mit diesem Freiherrn von Landes zusammen, eine höchst distinguierte Bekanntschaft! Er ist Oberpräsident, Geheimrat, Exzellenz, und da die Tochter Künstlerin ist, so ist dir eine direkte Veranlassung zur Annäherung gegeben. Statt dessen hältst du dich in der absichtlichsten Weise fern und störst uns den ganzen freundschaftlichen Umgang.«

»Verzeih, Papa«, sagte Siegbert bitter. »Es ist wohl vielmehr der Präsident, der sich fernhält. Er läßt uns den Freiherrn und die Exzellenz öfter fühlen als nötig ist, und was nun vollends diesen Conway betrifft, so streift seine Nichtachtung beinahe an Beleidigung.«

Die letzten Worte wurden von den Pflegeeltern als eine Beleidigung ihrer selbst aufgefaßt. Es brach wieder ein Doppelstrom von Vorwürfen auf den jungen Mann ein, dem seine »lächerliche Empfindlichkeit« ebenso nachdrücklich vorgehalten wurde, wie seine Taktlosigkeit und sein Trotz. Siegbert hatte den letzteren längst aufgegeben und war wieder in sein müdes, mutloses Schweigen zurückgefallen. Endlich machte Fränzchen der Szene ein Ende.

»Wir wollen gehen, Papa«, sagte sie übellaunig. »Ich dächte, wir wären nun lange genug Siegberts wegen in dem nassen Walde umhergelaufen. Man verdirbt sich die ganze Toilette dabei, und es ist tödlich langweilig hier in dieser Einsamkeit, wo man keinen Menschen steht.«

Die Eltern fanden, daß Fränzchen wieder einmal recht habe, und die ganze Familie trat den Rückweg an. Siegbert folgte langsam den Voranschreitenden, am Rande des Waldes blieb er noch einmal stehen und blickte hinauf zu der Egidienwand. Der Adler kreiste jetzt wieder über den Felsen, frei und mächtig regte er seine Schwingen da oben im goldenen Sonnenlicht – in den Augen des jungen Mannes aber, die mit so qualvoll verzehrender Sehnsucht an jenem Fluge hingen, stand es deutlich geschrieben, was seine Lippen leise wiederholten: »Es ist etwas Hartes um die Gefangenschaft!«

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