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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Neunzehntes Kapitel.

Es war an einem Herbstabende, etwa drei Jahre später, als der Kurierzug, der von Süden kam, in die Bahnhofshalle von L. einfuhr. Der Zug hatte hier einen längeren Aufenthalt, und die Passagiere benutzten ihn größtenteils, um auszusteigen. In dem Gewühl, das sich nun auf dem Perron entwickelte, sah man auch einen alten Herrn von hoher Gestalt, der trotz seiner weißen Haare noch eine beinahe jugendliche Rüstigkeit zeigte. Er stand an eine Säule gelehnt und blickte heiter auf das bewegte Treiben ringsum. Soeben fuhr ein zweiter Zug, der aus einer andern Richtung kam, in die Halle ein, die Türen wurden geöffnet, und der Strom der Reisenden ergoß sich gleichfalls auf den Perron.

Unter den neuen Ankömmlingen befand sich auch ein kleiner, wohlbeleibter Herr, der eine große Reisetasche trug, und mit seiner Begleitung, die aus zwei Damen und einem Herrn bestand, dem Ausgange des Bahnhofes zuschritt. Plötzlich aber blieb er stehen, stieß einen Ausruf der Überraschung aus und arbeitete sich dann, seine Familie im Stiche lassend, aber die Reisetasche festhaltend, durch das Gedränge bis zu jener Säule.

»Herr Professor Bertold! Welch ein glücklicher Zufall führt uns hier zusammen? Wie freue ich mich, Sie wieder zu sehen, und noch dazu in unverminderter Frische und Kraft!«

Der Professor war sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber er blickte doch einige Sekunden lang ganz verdutzt auf den kleinen Mann, der ihn so freundschaftlich willkommen hieß, dann aber brach er in ein lautes Gelächter aus.

»Herr Bürgermeister Eggert, sind Sie es wirklich? Nun, wenn Sie sich freuen, mich zu sehen, – warum soll ich es nicht auch tun?«

»Unbeschreiblich!« versicherte der Bürgermeister, indem er versuchte, die Hand des Künstlers zu ergreifen und zu drücken. »Ich bin soeben mit meiner Familie hier angelangt, wir beabsichtigen die Nacht in L. zu bleiben. Haben wir vielleicht das Vergnügen, Sie dort nochmals zu sehen?«

»Nein, ich fahre mit dem Kurierzuge weiter. Ich komme direkt aus Italien und will noch vor Mitternacht in der Residenz sein.

»Das ist auch unser Reiseziel, aber wir werden erst morgen dorthin kommen. Wir wollen Siegbert in der Heimat begrüßen, unseren Siegbert, unseren teuren berühmten Sohn!«

»Ist er das wieder nach neuestem Datum?« fragte Bertold trocken. »Vor drei Jahren haben Sie den »Undankbaren« ja feierlichst verflucht und von sich gestoßen. Sie wollten ihm auf ewig Ihr Haus und Herz verschließen, wenn er auch mit heißen Reuetränen – und so weiter!«

»Ein Mißverständnis, verehrter Herr Professor!« rief Eggert, der jetzt doch einigermaßen in Verlegenheit geriet. »Siegbert hat meine damaligen Äußerungen ganz falsch aufgefaßt. Ich habe ihm nie, auch nur einen Augenblick lang, meine Liebe entzogen, ich versichere Ihnen –«

»Versichern Sie mir gar nichts,« unterbrach ihn Bertold. »Ich stand damals auf der Galerie und habe die ganze Geschichte von Anfang bis zum Ende mit angehört. Ich habe sogar Bravo gerufen, als der Junge Ihnen den Gehorsam aufkündigte. Also Sie verzichten einstweilen auf seine Reuetränen und wollen ihn in aller Freundschaft besuchen? Er wird allerdings etwas überrascht sein.«

»Wir sind bereits angemeldet,« lächelte der Bürgermeister. »Als ich durch die Zeitungen erfuhr, daß Siegbert aus Italien zurückgekehrt sei und seinen Aufenthalt in der Residenz genommen habe, schrieb ich an ihn und erinnerte ihn an die Zeit, wo er noch ganz und voll uns angehörte. Vor wenigen Tagen erhielt ich seine Antwort, die seinem Herzen alle Ehre macht. »Oh, ich wußte ja, daß er uns nicht vergessen würde! Ich komme übrigens auch als Vertreter seiner Vaterstadt, die durch mich ihrem berühmten Sohne Gruß und Huldigung sendet. Wir sind stolz darauf, daß ein solches Genie aus unserer Mitte hervorgegangen ist.

»Ja, die Abstammung merkt man ihm nicht an,« warf der Professor boshaft dazwischen, aber das störte nicht den Enthusiasmus des Herrn Bürgermeister, der mit vollem Pathos fortfuhr: »Wiesenheim hat ihn geboren! Wiesenheim sah seine Entwicklung, sein erstes Schaffen, und ich darf mit stolzer Freude sagen, daß ich es gewesen bin, der den ersten Funken seines Genius entdeckte und ihn dann treu behütet und gepflegt hat, bis er zur leuchtenden Flamme wurde!«

Das war dem Professor denn doch zu stark. Er stand im Begriff, ein volles Sturzbad über den Flammenhüter auszugießen, als dessen Familie zu rechter Zeit intervenierte. Sie hatte sich glücklich durch das Gedränge gewunden und beeilte sich nun ihrerseits, den Künstler zu begrüßen.

Frau Eggert trug gleichfalls eine große Reisetasche wie ihr Gemahl, Fränzchen dagegen hing am Arm eines jungen Mannes, der gar nichts trug, dafür aber mit unendlich herablassender Miene um sich blickte. Der Bürgermeister beeilte sich, ihn vorzustellen.

»Mein Schwiegersohn, Herr Ellbach! Ein junger Dichter, von dem wir alle Großes für die Zukunft erwarten. Ich habe das Glück, ihn gleichfalls Sohn nennen zu dürfen, wie meinen Siegbert, und wie dieser wird er die Höhen des Ruhmes ersteigen.«

»Nun, dann hätten wir ja die Dioskuren von Wiesenheim!« meinte der Professor. »Ich gratuliere Ihnen, Frau Ellbach, und auch Ihrem Herrn Gemahl.«

Fränzchen nahm den Glückwunsch mit einem Lächeln der Befriedigung entgegen, der Dichter aber ergriff augenblicklich das Wort. Er glich nicht im mindesten seinem bleichen, tiefernsten Vorgänger, und hatte auch nichts von dessen scheuer, stummer Verschlossenheit. Sein etwas breites Gesicht glänzte förmlich vor Gesundheit und Selbstzufriedenheit, und in der Korpulenz schien er sich den Schwiegervater zum Muster genommen zu haben, den er fast darin erreichte. Seine Frau hatte ihn bereits über

Namen und Stellung des Professors unterrichtet, und er ließ infolgedessen nun allerdings sein herablassendes Wesen fahren. Er begrüßte den Künstler als einen Ebenbürtigen und fuhr dann fort:

«Ich akzeptiere Ihren Vergleich mit den Dioskuren, Herr Professor. Siegbert Holm ist allerdings einige Schritte voraus auf der Bahn des Ruhmes, aber Edwin Ellbach wird ihm folgen! Ich fürchte nur, er zürnt mir, weil ich,« hier warf er einen Blick auf seine Frau, »ein Gut errungen habe, das ursprünglich ihm bestimmt war, aber wer kann der Liebe gebieten!«

»Gott bewahre!« rief der Professor. »Er zürnt Ihnen durchaus nicht, mein Wort darauf. Er gönnt Ihnen Ihre Frau Gemahlin von ganzem Herzen. Also sind Sie der frühere Sonntagsgast und Redakteur des interessanten »Tagesboten«?«

»Er ist es!« bestätigte der Bürgermeister, der wie seine ganze Familie ehrfurchtsvoll den Dichterworten gelauscht hatte, »aber die Redaktion steht jetzt unter anderer Leitung. Mein Schwiegersohn hat es nicht nötig sich mit einem Amte zu plagen, und er findet das auch unter seiner Würde. Allerdings veröffentlicht der »Tagesbote« ausschließlich seine Dichtungen, da sich leider noch immer kein anderes Blatt gefunden hat, das diese Werke zu schätzen weiß; Edwin hat sich aber von jedem alltäglichen Beruf zurückgezogen, um einzig den Eingebungen seiner Musen zu lauschen.«

»Nun, dann wäre ja alles in schönster Ordnung!« sagte der Professor. »Nur noch eine Frage. Was macht das neue Stadtgefängnis!«

»Es ist überfüllt,« erklärte der Bütgermeister in feierlichem Tone, »wir werden es vergrößern müssen. Aber Wiesenheim nimmt mit jedem Jahre einen bedeutenderen Aufschwung; jetzt lässt die Regierung sogar eine Taubstummenanstalt dort errichten!«

»Ich gratuliere! Aber da gibt die Glocke bereits das Zeichen zum Einsteigen! Leben Sie wohl, meine Herrschaften, auf Wiedersehen.«

»Bei unserem Siegbert! Sagen Sie ihm, wir hätten uns sogleich nach dem Empfang seines Briefes auf den Weg gemacht, um den Langentbehrten in die Arme zu schließen, und mit eigenen Augen sein großes Bild in der Galerie zu B. zu bewundern. In der Residenz werde ich auch die Ehre haben, Ihnen Herr Professor, die sämtlichen Dichtungen meines Schwiegersohnes zu überreichen. Wir führen sie immer bei uns, aber die Koffer sind leider nicht zur Hand, sonst würde ich –«

»Ich danke!« rief der Professor, jäh zurückweichend, »Ich muß fort und übrigens schlafe ich vortrefflich auf der Eisenbahn, auch ohne jedes Mittel.«

Die letzten Worte verhallten zum Glück in dem Läuten der Bahnhofsglocke, die bereits das zweite Zeichen gab. Der Dichter, der auf diese Weise nichts von der ihm angetanen Beleidigung erfuhr, reichte majestätisch seiner Gattin den Arm und schritt mit ihr von dannen. Die Schwiegereltern keuchten in andächtiger Bewunderung mit den schweren Reisetaschen hinterher, und der Zug, in dem sich Professor Bertold befand, dampfte weiter nach Norden.

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