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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Achtzehntes Kapitel.

Die Wohnung des Bürgermeisters Eggert lag im zweiten Stockwerk des Hotels, und die Fenster derselben öffneten sich auf eine Galerie, die an dieser Seite des Hauses entlang lief und dicht mit wildem Wein berankt war. Auf dieser Galerie nun stand eine Stunde später der Professor Bertold, der es nach reiflicher Überlegung doch für gut befunden hatte, wenn auch inkognito, der entscheidenden Unterredung beizuwohnen. Er traute der Festigkeit Siegberts noch immer nicht recht und wollte für alle Fälle als Hilfskorps in Bereitschaft stehen. Daß er dabei zum Horcher werden mußte, störte seine Seelenruhe nicht im mindesten, denn übertriebenes Zartgefühl gehörte bekanntlich nicht zu seinen Fehlern. Er hatte dicht neben einem der offenen Fenster Posto gefaßt, wo herabhängendes Weinlaub ihn verbarg, während er alles hören konnte, was im Zimmer vorging.

Dort fand in der Tat eine Szene statt, die mit jeder Minute stürmischer wurde. Frau Eggert und Fränzchen bildeten eine Art von Tribunal, bei dem das Familienoberhaupt als Ankläger und Richter in einer Person figurierte, und vor diesem Gerichtshofe stand der Schuldige, dessen Erklärung mit der Gewalt einer platzenden Bombe in die Familie gefallen war.

»Bist du denn ganz und gar von Sinnen?« eiferte der Bürgermeister, »oder habe ich nicht recht gehört? Du weigerst dich, mit uns nach Wiesenheim zurückzukehren. Du willst den Professor Bertold nach Italien begleiten? Und das habt ihr beide allein unter euch abgemacht, ohne mich zu fragen! Freilich, er hat ja schon einmal versucht, dich uns zu entfremden, jetzt beginnt das alte Spiel von neuem. Nicht einen Tag, nicht eine Stunde hätte ich dich in seiner Nähe lassen dürfen. Er machte ja gar kein Hehl aus seinen Absichten, aber ich glaubte, deiner unbedingt sicher zu sein. Ich baute auf deine Anhänglichkeit, auf deine Dankbarkeit, und sehe nun, wie schmählich ich mich getäuscht habe.«

»Du tust mir unrecht, Papa!« entgegnete Siegbert in einem Ton, dem man es anhörte, wie schwer er unter diesen Vorwürfen litt. »Ich bin nicht undankbar, du weißt, daß ich damals gehorsam deinem Rufe gefolgt bin, als du mich mitten aus meinen Studien zurückriefst, aber du weißt nicht, was es mich gekostet hat. Glaube mir, auch jetzt wird der Entschluß mir schwer genug, weil ich fühle, daß er dich kränken muß, aber ich sehe die Unmöglichkeit ein, unter den bisherigen Umgebungen und Verhältnissen irgend etwas zu leisten. Ich bitte dich, im Namen all des Guten, das ich von dir empfange habe, gib mir die Erlaubnis, Professor Bertold zu begleiten. Es ist eine Lebensfrage für mich!«

»Viel zu zahm!« kritisierte draußen der Professor mit unzufriedener Miene. »Er denkt es wahrhaftig mit Bitten und vernünftigen Vorstellungen durchzusetzen. Dem Mann muß man ganz anders kommen, bei dem hilft nur Grobheit!«

Die warme, innige Bitte seines Pflegesohnes schien in der Tat die Hartnäckigkeit des Bürgermeisters nur zu steigern; er rief in höchster Erbitterung:

»So! Also eine Lebensfrage ist es für dich, uns zu verlassen, – das Haus, in dem du als Waise aufgenommen wurdest, die Menschen, die dich aus Armut und Niedrigkeit zu Reichtum und Ansehen erhoben? Siebzehn Jahre lang habe ich dich wie meinen eigenen Sohn gehalten, siebzehn Jahre lang habe ich alle nur möglichen Wohltaten auf dein Haupt gehäuft, und nun dankst du mir so?«

»Papa, ich bitte dich, nicht solche Worte!« unterbrach ihn Siegbert in qualvollster Erregung, aber der Pflegevater fuhr nur noch heftiger fort:

»Und du wagst es sogar, meine Erlaubnis zu dieser Trennung zu erbitten? Nie und nimmermehr gebe ich sie dir. Wir reisen morgen ab. Du wirst uns nach Wiesenheim begleiten. Du wirst dort bleiben, und ich werde dafür sorgen, daß der gefährliche Einfluß des Herrn Professor dich in Zukunft nicht mehr erreichen kann.«

»Dieser verwünschte Despot und Bürgermeister!« murmelte der Professor draußen ingrimmig. »Er soll es nur versuchen, mir den Jungen noch einmal zu nehmen! Diesmal mache ich ernst und drehe ihm und seinem ganzen Neste den Hals um.«

Der herrische, rücksichtslose Befehl schien indes auch auf Siegbert seine Wirkung zu üben. Seine Stimme klang ruhiger und fester, als er antwortete:

»Dann mußt du es verzeihen, wenn ich dir in diesem Falle ungehorsam bin. Es handelt sich hier um meine Laufbahn und um meine Zukunft. Ich kann und will nicht zum zweitenmal die Hand zurückstoßen, die mir beides öffnet; Professor Bertold hat mein Wort, daß ich ihn begleite, und ich werde es halten. Ich brauche die Freiheit, – in diesem Leben aber ersticke ich!«

Die letzten leidenschaftlich hervorgestoßenen Worte, die wieder wie der »Aufschrei eines Gefangenen« klangen, erregter endlich die Zufriedenheit des Inkognito-Zuhörers.

»Recht so!« brummelte er vor sich hin. »Sage ihnen einmal ordentlich die wahrheit, aber wütender – wütender! Du bist noch immer viel zu sanftmütig.«

Drinnen im Zimmer aber hatten jene Worte einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen, an dem sich auch Frau Eggert und Fränzchen beteiligten, aber das Familienoberhaupt überschrie sie beide. Von allen Seiten stürmten jetzt die bittersten Vorwürfe, die herbsten Anklagen auf den jungen Mann ein, der das eine Zeitlang schweigend über sich ergehen ließ, Aber es war nicht mehr jenes mutlose und wehrlose Schweigen, das er sonst derartigen Vorwürfen entgegensetzte. Sein Stirn begann sich immer dunkler zu röten, in seinen Augen leuchtete es immer drohender, auch bei ihn war augenscheinlich ein Sturm im Anzuge, den die nächste Minute entfesseln mußte.

»Und das muß ich von dir hören!« schrie der Bürgermeister, kirschrot vor Zorn. »Von dir, den ich aus dem tiefsten Elend gezogen, der alles, was er hat und ist, meiner Gnade dankt! Was wäre aus dir geworden, wenn ich mich nicht deiner angenommen hätte?«

»Vielleicht etwas Besseres!« sagte Siegbert mit bebenden Lippen. »Ich hätte gedarbt, wie mein Lehrer es in seiner Jugend tat, und mich wie er emporgeschwungen, aber ich wäre nicht der mutlose, kraftlose Träumer geworden, zu dem ihr mich gemacht habt.«

Ein Aufschrei der gesamten bürgermeisterlichen Familie begleitete diese Anklage, aber Siegbert war jetzt nicht mehr einzuschüchtern, der Sturm brach los und riß die Hülle von einer jahrelangen Verschlossenheit.

»Ich habe es nicht vergessen, daß ich arm war,« fuhr er in tiefster Bitterkeit fort, »aber so oft mir das gesagt wurde, so oft fühlte ich auch, daß es nicht Liebe war, die mich dieser Armut entriß. Man wollte prahlen mit dem Talent des Knaben, der in der Stadt für eine Art Wunderkind galt, deshalb wurde er in das reiche Haus aufgenommen, deshalb gab man ihm Nahrung und Kleidung und forderte dafür sein ganzes Dasein als Eigentum. Ich wurde wie ein Kind am Gängelbande geleitet, und wenn ich mich dagegen erheben wollte, dann wurden mir die empfangenen Wohltaten aufgezählt. Ich wurde festgebannt in einem Kreise, gegen den mein ganzes Sein und Wesen sich empörte, wurde abgeschnitten von der Welt und dem Leben, und da sollte mein Genius die Schwingen regen! Ihr hattet ihm von Anfang an die Flügel gebunden, damit er nicht weiter flog, als euer Gesichtskreis reichte, und fragtet nicht danach, ob er sie im verzweifelten Ringen wund und blutig schlug. Und jetzt verlangt ihr von mir, ich soll Zukunft, Freiheit, Glück, alles von mir stoßen und euch wieder zurückfolgen in den Kerker? Einmal habe ich das getan, zum zweitenmal geschieht es nicht wieder! Was ich von euch empfangen habe, das ist bezahlt mit der Sklaverei meines ganzen bisherigen Lebens. Ich frage jetzt nicht mehr danach, ob ihr mich frei gebt – ich mache mich frei, koste es, was es wolle!«

Er atmete tief auf, als sei mit diesem wilden, stürmischen Ausbruch eine Last von seiner Brust gesunken. Die Zuhörer hatten es im Anfange versucht ihn zu unterbrechen, aber sie verstummten nach und nach. Das schien gar nicht mehr Siegbert zu sein, der da vor ihnen stand; sie hatten beinahe Furcht vor dieser hochaufgerichteten Gestalt mit den flammenden Augen, vor dieser glühenden, leidenschaftlichen Sprache, die sie noch nie vernommen.

Fränzchen flüchtete scheu hinter ihre Mutter, die selbst immer weiter zurückwich, und sogar dem Bürgermeister fehlte für den Augenblick die Sprache. Erst als er sah, daß Siegbert sich zum Gehen wandte, fuhr er auf, um noch in aller Eile den Pflegesohn, den er nicht mehr halten konnte, mit dem nötigen Eklat zu verstoßen.

»Aus meinen Augen, Undankbarer! Ich sage mich von dir los, ich verstoße dich auf immer! Zu spät wirst du einsehen, was du verloren und aufgegeben hast, aber wenn du auch mit heißen Reuetränen zurückkehrst, wenn du mich auf den Knien um Verzeihung bittest, ich verschließe dir mein Haus und Herz auf ewig!«

Ein halb schmerzliches, halb verächtliches Lächeln zuckte über Siegberts Antlitz, als er sich noch einmal umwandte. »Sei unbesorgt! Ich kann zugrunde gehen in der Welt da draußen, – zurückkehren werde ich nie! Es tut mir weh, daß wir so scheiden müssen, aber ihr habt mich auf das Äußerste gebracht, ich konnte nicht anders. Die Freiheit ist mein Recht. Das habe ich endlich eingesehen, und dies so lange versagte und verkümmerte Recht werde ich jetzt behaupten, euch und der ganzen Welt gegenüber!«

»Bravo!« tönte es im tiefsten Basse vom Fenster her, und als Siegbert in der nächsten Minute auf die Galerie hinaustrat, befand er sich plötzlich in den Armen seines Lehrers, der ihn mit stürmischer Zärtlichkeit umfaßte.

»Bravo!« wiederholte er. »Das hast du gut gemacht, mein Junge! Und nun komm – jetzt gehen wir nach Rom!«

Am andern Morgen, in aller Frühe, rollte ein offener Wagen, in dem sich Siegbert und der Professor befanden, nach der Bahnstation. Bei einer Biegung des Weges wurde das Hotel noch einmal sichtbar und vom Balkon des ersten Stockwerkes flatterte ein weißes Tuch den Scheidenden nach. Alexandrine, die dort an der Seite ihres Vaters stand, durfte ihrem Lehrer wohl eine Abschiesgruß nachwinken, und der Professor schwenkte auch eifrig seinen Hut als Gegengruß. Aber der junge Mann an seiner Seite, dessen Auge so unverwandt auf jenem wehenden Tuche haftete, wußte besser, wem das Lebewohl galt. Siegberts Antlitz war noch immer ernst und düster; er gehörte nicht zu jenen Naturen, die sich leicht und schnell aus langgewohnten Banden lösen, die Art, wie sich die Trennung vollzogen hatte, lag noch immer schwer auf seiner Seele, aber tief im Auge schimmerte doch der Strahl des Glückes, dessen Verheißung er mit sich nahm in das neue Leben.

Das Haus verschwand, und die Fahrt ging weiter durch das dampfende Tal. Die Morgennebel hielten noch alles dicht umzogen, die ganze Landschaft barg sich noch hinter ihren feuchten Schleiern, nur die mächtige Felsenkrone der Egidienwand tauchte schon daraus empor. Sie wurde mit jeder Minute klarer, und während ihre höchsten Spitzen rosig erglühten in der aufsteigenden Morgensonne, legten sich die Wolken tiefer und tiefer zu ihren Füßen.

Und dort oben, über jener Felsenkrone, zog langsam und majestätisch der Adler seine Kreise. Er war emporgestiegen aus dem wogenden Nebelmeere und seine mächtigen Schwingen ausbreitend, nahm er den Flug empor, dem Lichte, der Sonne entgegen.

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