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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Fünfzehntes Kapitel

Kalt und starr wie vorher standen die Felsen, einförmig rauschte der Wassersturz nieder, und wie verloren lag die kleine, grüne Matte inmitten der riesigen Wände. Den beiden aber, die sich hier gefunden, hatte sich ein Eden aufgetan, hoch über der Welt, die so fern unter ihnen lag, in dem stürzenden Wasser, klangen ihnen tausend Verheißungen von Leben und Glück, und die Öde ringsum schien überflutet von goldigem Lichte – sie wußten nicht, floß es vom sonnigen Himmel nieder, oder brach es hervor aus zwei glücklichen Menschenherzen. –

Aber Siegbert und Alexandrine sollten nur zu bald daran erinnert werden, daß sie der Welt und dem Leben nicht entrückt waren. Gerade in diese Stunde drängte sich ein Bild herber, düsterer Wirklichkeit. Drüben auf der Höhe der Egidienwand waren schon seit einiger Zeit drei oder vier Gestalten erschienen, ohne von den beiden bemerkt zu werden, die nur mit sich allein beschäftigt waren. Erst jetzt begannen sie wieder, auf die Umgebung zu achten.

»Da sind unsere Bergsteiger!« sagte Alexandrine, indem sie lächelnd hinaufdeutete. »Ich glaubte nicht, daß sie so schnell den Gipfel erreichen würden.

»Unmöglich!« rief Siegbert. »Sie sind erst seit einer Stunde fort und können kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt haben.« Er legte die Hand über die Augen, um sie gegen die Sonnenstrahlen zu schützen, und blickte einige Sekunden lang scharf und spähend hinauf, plötzlich fuhr er auf:

»Allmächtiger Gott, das ist Adrian mit seinen Gefährten! Er läßt nicht ab von dem unsinnigen Wagnis, ich habe es ja gewußt!«

»Adrian Tuchner? Sie täuschen sich, Sie können ihn doch nicht in dieser Entfernung erkennen.«

»Nein, aber ich sehe, daß das dort oben keine Reisegesellschaft ist, die die Aussicht bewundert. Man scheint Vorbereitungen zu treffen. Sehen Sie nur, eben wird etwas in die Tiefe hinabgelassen.«

Alexandrine nahm rasch das kleine Fernglas, das bisher unbenutzt neben ihr gelegen hatte, und blickte hindurch.

»Ich fürchte, Sie haben recht,« sagte sie nach einer Pause. »Die Männer dort oben haben etwas vor, sie führen Stangen und Seile mit sich. Es scheint wirklich Tuchner zu sein, der Tollkühne! Er wagt wahrhaftig sein Leben, um einer Summe Geldes willen!«

Siegbert nahm schweigend das Glas, das sie ihm reichte. Er wußte es, dem Manne da drüben war es nicht um eine bloße Prahlerei zu tun oder um Geldgewinn, wenn er die Fahrt auf Leben und Tod unternahm. Er kämpfte um die verlorene Stellung unter seinesgleichen, und er mochte wohl recht haben mit seiner Behauptung, daß das glücklich ausgeführte Wagnis sie ihm zurückerobern werde. Wer diesen Weg unversehrt zurücklegte, den schützte sichtbar eine höhere Macht, und nach dem Glauben des Volkes mußte diese Macht ihren Schutz dem versagen, der eine Blutschuld auf der Seele trug, fühlte doch selbst Siegbert im Angesichte der Gefahr etwas von diesem Glauben.

Das Fernglas, zeigte klar und deutlich Adrians riesige Gestalt, er stand dicht am Abgrunde und schien das Ganze zu leiten, während seine drei Gefährten ihm zur Hand gingen. Man hatte bereits zur Probe ein Seil herabgelassen, jetzt stieg es langsam wieder empor, und die Männer, die augenscheinlich nur den Ausflug des Adlers abgewartet hatten, gingen ans Werk.

»Ich möchte den sehen, der sich da hinunter wagt!« hatte der alte Wendlin gesagt, der seit vierzig Jahren in den Bergen zu Haus war und jeden Schritt auf der Egidienwand kannte. Und jetzt wagte es doch ein Mensch, allein, nur vertrauend auf die eiserne Kraft seiner Muskeln und auf seinen schwindelfreien Blick. Die Männer da oben konnten ihm wenig helfen, sie hielten nur das Seil, das ihn im äußersten Falle vor dem Sturz bewahren sollte, leiten und tragen konnte es ihn nicht, denn der Horst lag nicht unmittelbar an der Wand, sondern seitwärts, in dem Felsenmeere, das sich unter dem höchsten Grat hinzog.

Nur einige zwanzig Fuß war Adrian herabgelassen worden, bis zu einem schmalen Vorsprung, der ihm gerade Raum zum Stehen gewährte. Hier begannen die Klüfte, von hier aus mußte er sich seinen Weg allein suchen, und welchen Weg! Bei jedem Schritte galt es, erst eine Todesgefahr zu überwinden, bei jeder Bewegung gähnte ihn der Abgrund an, und trotzdem ging er vorwärts, mitten durch Felsgeröll und Felsgestrüpp über breite Spalten und Risse hinweg, an steilen Wänden entlang, wo der Fuß kaum eine Hand breit Raum fand, immer vorwärts, dem Ziele entgegen.

Und das Glück schien in der Tat den Tollkühnen zu begleiten. Kein Stein wich unter seinen Füßen, kein Stützpunkt versagte ihm den Dienst. Je näher er dem Horste kam, desto mehr wuchs die Gefahr, die wie mit tausend Armen nach ihm griff, aber sie vermochte nicht, ihn zu erreichen. Kalt und vorsichtig prüfte er jeden Tritt, berechnete er jede Entfernung, der Mann schien in der Tat Sehnen und Muskeln von Stahl zu haben und einen stählernen Sinn, der die Gefahr verlachte.

Endlich war der Horst erreicht, mit einer letzten, kraftvollen Anstrengung gewann Adrian den Fels, auf dem sich das Nest befand, nur wenige Schritte unter ihm, so daß er es mit der Hand erreichen konnte, und hier, auf dem verhältnismäßig breiteren Raume, wo das Gestein ihm überall Stützpunkte gewährte, war er vorläufig in Sicherheit.

Siegbert und Alexandrine waren mit angstvoller Spannung jeder Bewegung gefolgt, jetzt atmeten beide auf, obgleich das Wagnis erst zur Hälfte vollbracht war. Es galt ja noch einmal denselben Weg zurückzulegen, und auf diesem Rückwege war die Gefahr nicht geringer. Adrian verlor indessen keine Zeit, kaum daß er sich eine Minute des Aufatmens und Ausruhens gönnte. Er lehnte sich fest an eine der Zacken, die ihm Halt gewährte, die Knie gegen den Boden gestemmt, beugte er sich nieder und streckte die Hand nach dem jungen Adler aus, der sich in der Tat im Neste befand, und schutzlos dem Räuber preisgegeben war.

Da stieß etwas herab aus der Höhe, mit der Schnelligkeit eines jäh herniederfahrenden Blitzes. Der Stoß traf Adrian mit voller Gewalt und hätte ihn in die Tiefe geschleudert, ohne jene Zacke, an der er sich hielt. Der Adler war zurückgekehrt und eilte seinem bedrohten Jungen zu Hilfe.

Auf dem schmalen Raum, über der schwindelnden Tiefe entspann sich jetzt ein wilder, verzweifelter Kampf zwischen dem riesigen Manne und dem riesigen Tiere. Das Tier kämpfte mit dem Instinkt der Mutterliebe um die Rettung seines Jungen, der Mann kämpfte nur noch um sein Leben.

Wenn Adrian auch eine Waffe bei sich hatte, so konnte er doch kaum Gebrauch davon machen. Er hing ja festgeklammert an dem Fels, bei jeder Bewegung drohte der Sturz und mit ihm unabwendbares Verderben. Dennoch schien er sich zu verteidigen, schien sogar anzugreifen, aber das wütende Ringen dauerte nur einige Minuten. Dann durchschnitt plötzlich ein Schrei die Luft, ein furchtbarer, markerschütternder Schrei, den das Echo der Felswand dumpf, wie mit Geisterstimme zurückgab. Das Seil flatterte lose, zerrissen in der Luft. Mit mächtigem Flügelschlage schoß der Adler zum Horste und breitete schützend seine Schwingen über das gerettete Junge aus, und der Unselige, der es gewagt hatte, die Hand danach auszustrecken, lag zerschmettert drunten in der Egidienschlucht.

Alexandrine hatte die Hand über die Augen gelegt, um das Entsetzliche nicht zu sehen, aber jener Schrei verriet ihr doch, was geschehen war. Siegbert stand an ihrer Seite, auch er war totenbleich, aber er hatte nicht einen Moment lang den Blick abgewendet, und jetzt stürzte er vorwärts nach dem Rande der Schlucht und beugte sich hinüber.

»Um Gottes willen, nicht so nahe!« rief Alexandrine angstvoll. »Seien Sie vorsichtig! Sie können von hier oben nichts entdecken.«

Siegbert hatte sich bereits wieder emporgerichtet, seine Stimme bebte, aber in seinem Antlitz stand ein Zug ungewohnter Energie und Entschlossenheit.

»Nein, von hier ist nichts zu sehen, die Tannen hindern den Einblick. Ich muß hinunter!«

»Was wollen Sie?« fragte Alexandrine, die ihren Ohren nicht traute.

»Hinunter in die Schlucht!«

»Sind Sie von Sinnen? Wollen Sie das eigene Leben wagen, um eines Toten willen? Er muß ja zerschmettert sein bei dem Sturz aus dieser Höhe. Sie kommen in jedem Falle zu spät.«

»Wer weiß! Vielleicht haben die Tannen ihn aufgefangen, vielleicht kann noch Hilfe gebracht werden, und es dauert Stunden, ehe die Männer dort oben herabkommen. Hier ist der einzige Punkt, von wo es möglich ist, in die Schlucht zu dringen. Ich will es wenigstens versuchen.«

Alexandrine stand bereits an seiner Seite und blickte gleichfalls hinab. Es war allerdings möglich, von hier aus in die Schlucht niederzusteigen, die von allen anderen Stellen fast senkrechte Wände zeigte, aber auch eben nur möglich. Der Abhang senkte sich hier nicht so jäh, und Felstrümmer und Tannenwurzeln bildeten eine Art von Stufen. Aber ohne die dringendste Not wagte gewiß niemand diesen Weg in die Tiefe, und ein Fremder, der des Steigens ungewohnt war, unbekannt mit all den Hilfsmitteln der Bergbewohner, setzte vielleicht sein Leben dabei auf das Spiel.

»Wir wollen die Leute aus der Sennhütte herbeirufen«, sagte Alexandrine, die jetzt ihre Besonnenheit zurückgewann. »Sie werden am besten wissen, was hier not tut.«

»Ja, tun Sie das!« stimmte Siegbert bei. »Ich gehe voran!« Damit setzte er den Fuß auf den Rand der Schlucht, und machte Miene, hinabzusteigen, aber in derselben Minute hatte Alexandrine auch schon seinen Arm ergriffen und riß ihn zurück.

»Siegbert!«

Es war ein Ruf der Todesangst, aber auch der vollsten Zärtlichkeit. Siegbert hielt inne, er blieb gebannt stehen, als er seinen Namen zum erstenmal von diesen Lippen, in diesem Tone hörte. Mit beiden Händen umschloß er die bebende Rechte der Geliebten.

»Alexandrine, ängstigen Sie sich um mich?«

Ein heißer Tränenstrom stürzte aus ihren Augen, und, alles vergessend, nur ihrer Angst Gehör gebend, rief sie außer sich:

»Gehen Sie nicht, Siegbert – ich ertrage es nicht, wenn Sie stürzen!«

Ein Aufleuchten des Glückes flog über die Züge des jungen Mannes, und er preßte heiß und innig seine Lippen auf die Hand, die er noch in der seinigen hielt, dann aber richtete er sich empor.

»Haben Sie Dank für diese Worte! Sie werden mich beschützen auf meinem Wege. Lassen Sie mich hinunter! Ich kann nicht untätig warten hier oben, während dort unten vielleicht ein Mensch im Todeskampfe ringt – ich kann es nicht! Schicken Sie mir Hilfe nach und leben Sie wohl!«

Er ließ ihre Hand los, und ehe sie es verhindern konnte, hatte er sich über den Rand der Schlucht geschwungen und stand bereits auf der obersten Felsstufe. Alexandrine machte auch keinen Versuch mehr, ihn zurückzuhalten. Es war etwas in dieser aufflammenden Energie des jungen Mannes, in diesem rücksichtslosen Einsetzen des eigenen Lebens für ein anderes, was ein Echo in ihrer Brust fand, was sie trotz aller Angst mit Stolz und Freude erfüllte. Weit übergebeugt, die Hände gegen die Brust gepreßt, folgte ihr Auge dem Niedersteigenden, der bald zwischen den Tannen verschwand, bald wieder auftauchte. Im Angesicht der Gefahr schien alle Träumerei von Siegbert gewichen zu sein, fest und sicher klomm er nieder, ohne ein einziges Mal zu schwanken oder zu zögern. Jetzt stand er auf dem letzten vorspringenden Felsstück und ein gewagter Sprung trug ihn hinunter auf den Boden der Schlucht.

Ein lautes »Gott sei Dank!« rang sich von Alexandrinens Lippen, und jetzt erst eilte sie beflügelten Fußes nach der Alm, um deren Bewohner zur Hilfe aufzurufen.

Unten in der düsteren Tiefe, dicht neben dem brausenden Wildwasser, das über seine Füße hinwegschäumte, lag der Gestürzte, und Siegbert, der ihn eine Strecke seitwärts aufgefunden hatte, hielt sein Haupt auf den Knien. Die Tannen, die den Unglücklichen aufgefangen, hatten ihn nicht halten können. Er hatte im Sturz ihre Zweige durchbrochen, aber eben deshalb erfolgte der Sturz nicht mit voller Macht. Es war noch Leben und Bewußtsein in dem blutenden, zerschmetterten Körper. Siegbert sah es, daß hier auch nicht die fernste Möglichkeit einer Rettung vorhanden war, dennoch versuchte er es, dem Sterbenden einen Trost zu geben, an den er selbst nicht glaubte.

»Mut, Adrian, die Hilfe ist schon unterwegs! Fassen Sie Mut, wir werden Sie retten!«

Adrian blickte in das Antlitz, das sich im schmerzlichen Mitleid über ihn beugte. Vielleicht hatte er noch Bewußtsein genug, um zu erraten, was der junge Mann um seinetwillen gewagt hatte, aus seiner schwer arbeitenden Brust rangen sich noch einzelne Worte hervor.

»Mir hilft keiner mehr! – Aber Sie sind bei mir, Herr Siegbert! Sie – ich dank' Ihnen!«

Er machte eine Bewegung, als wolle er sich aufrichten. Siegbert erriet das Verlangen des Sterbenden, der sich mit letzter Kraft dem Tageslichte zuwandte. Er hob leise seinen Kopf empor und gab ihm die Richtung nach oben.

Es war nur ein kleines Stück Himmel, das zwischen den hohen Felsen sichtbar blieb, und jetzt, wo die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, verlor sich einer ihrer Strahlen bis in die finstere Schlucht; er schimmerte goldig wie ein letzter Gruß des Lebens an den, der für immer vom Leben Abschied nahm. Aber auf diesem tiefblauen, sonnendurchleuchteten Himmel, in diesen goldigen Strahl zeichnete sich scharf und dunkel das Kreuz ab. Es stand gerade über jener Stelle und blickte wie drohend herab von seiner felsigen Höhe.

Adrians Blick traf diesen Punkt, und ein dumpfer Aufschrei des Schreckens, des Entsetzens entrang sich seiner Brust. Er bäumte sich auf, als wollte er jenem Anblick entfliehen, und versuchte, die Hände vor das Antlitz zu schlagen, aber die zerschmetterten Glieder versagten ihm den Dienst. Wie festgekettet lag er da, unfähig, sich zu regen, und hoch über ihm blickte das Kreuz geisterhaft nieder in seinen Todeskampf.

Siegbert sah das, und zum erstenmal wehte es ihn an, wie Grauen und Entsetzen vor dem Manne, den er in seinen Armen hielt.

»Adrian,« sagte er angstvoll. »Hören Sie mich?«

Adrian hörte nicht mehr; die Menschenstimme vermochte es nicht mehr, sein Ohr zu erreichen, aber es war ein Ausdruck grenzenloser Todesangst und Todesqual in seinen Zügen, während sein Auge starr und unverwandt an jenem Punkte hing, der es mit dämonischer Gewalt festzuhalten schien.

»Das Kreuz!« stöhnte er. »Dort oben – Gott sei –«

Seine Stimme erstarb, und seine Augen brachen unter der eisigen Hand des Todes, die sich schwer auf ihn niedersenkte, das Haupt sank zurück – es war vorüber.

Siegbert legte leise seine Hand auf diese Augen, die selbst im Tode noch den Ausdruck starren Entsetzens behielten, und, sie schließend, vollendete er in tiefster Erschütterung:

»Dir gnädig!«

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