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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Zwölftes Kapitel.

Bertold trat inzwischen, noch ganz rot und erhitzt vom Arger, in die Wohnung des Präsidenten, die im ersten Stockwerke des Hotels lag. Herr von Landes selbst war nicht anwesend, nur Alexandrine saß an der geöffneten Balkontüre und hielt ein Buch in der Hand. Sie schien indessen nicht gelesen zu haben, denn sie fuhr wie aus tiefem Nachsinnen empor, als Bertold eintrat und sie mit jener Vertraulichkeit begrüßte, zu der ihn sein beinahe väterliches Verhältnis zu der jungen Dame berechtigte.

»Ich freue mich ungemein auf unsere für morgen beabsichtigte Partie«, sagte sie, ihm mit der gleichen Vertraulichkeit die Hand hinstreckend. »Die Aussicht von der Alm soll wunderschön sein, und ich denke dort oben sehr fleißig zu zeichnen, während Sie mit Sir Conway auf der Egidienwand sind.«

»Ich habe dafür gesorgt, daß Sie Gesellschaft haben«, entgegnete der Professor, indem er an ihrer Seite Platz nahm. »Siegbert Holm wird uns begleiten und bleibt, da er kein besonderer Bergsteiger ist, gleichfalls auf der Alm zurück.«

Alexandrine, die im Begriff war, das Buch beiseite zu legen, hielt inne und wandte rasch den Kopf.

»Herr Holm – so?«

»Ist Ihnen das nicht recht, Alexandrine?«

»Mir? Ich habe nicht das mindeste Interesse an der ganzen Sache, ich wundere mich nur über die schnelle Aussöhnung. Noch gestern sprachen Sie sich mit der größten Bitterkeit über Ihren ehemaligen Schüler aus, und heute scheint er bereits vollständig wieder zu Gnaden angenommen zu sein.«

»Das hat seine Gründe. Die Verhältnisse liegen jetzt anders. Ich habe soeben eine Szene mit diesem verwünschten Potentaten von Wiesenheim gehabt. Er hat schon wieder ein neues Attentat ausgesonnen, um seinen Pflegesohn vollends niet- und nagelfest zu machen. Denken Sie nur, – jetzt soll Siegbert gar die bürgermeisterliche Tochter heiraten!«

In den dunklen Augen Alexandrinens flammte es auf wie Unwille, und ihre Lippen kräuselten sich verächtlich, als sie fragte:

»Und was wird Herr Holm tun?«

»Das Opferlamm ist imstande, sich an Hymens Altar schlachten zu lassen, das gehört vermutlich auch zu den Pflichten seiner Dankbarkeit. Aber daraus wird nichts, jetzt greife ich in die Sache ein und bin eben gekommen, um den Kriegsplan mit Ihnen zu beraten.«

»Mit mir?« wiederholte Alexandrine in sehr kaltem Tone. »Mir ist der junge Mann ja vollständig fremd, und wenn er sich nicht selbst aus jenen Verhältnissen lösen will –«

»Oh, er will manches nicht, was trotzdem geschehen wird«, fiel der Professor ein. »So wollte er zum Beispiel durchaus nicht mit auf die Alm und sträubte sich mit Händen und Füßen dagegen, Ihren Kavalier zu machen, aber ich habe ihn ganz einfach gezwungen.«

Die junge Dame erhob sich plötzlich. »Ich bitte, Herr Professor, daß Sie mir und ihm diesen Zwang ersparen. Ich wünsche nicht, meine Gesellschaft jemand aufzudrängen, und ich begreife überhaupt nicht, wie Sie Herrn Holm zu dieser Partie einladen konnten. Ich sagte es Ihnen ja, wie absichtlich er sich seither fern gehalten hat.«

Sie war an den Balkon getreten und blickte abgewendet hinaus, aber die Worte klangen in vollster Schärfe, und ihre Lippen bebten wie im verhaltenen Zorne. Der Professor lachte: er fand es ganz natürlich, daß die verwöhnte und viel umworbene Alexandrine von Landeck es übelnahm, wenn man sich gegen ihre Gesellschaft sträubte; das mochte allerdings zum erstenmal geschehen.

»Seien Sie nicht zu hart gegen den armen Jungen«, sagte er. »Er kann doch nichts dafür, daß er sich sterblich in Sie verliebt hat, und es nun nicht einmal wagt, Ihnen zu nahen.«

Alexandrine zuckte leicht zusammen; in ihren Zügen stritten Erstaunen und Unglauben miteinander, als sie sich wieder umwandte.

»Sie scherzen, Herr Professor!«

»Durchaus nicht, ich spreche im vollen Ernst.«

»Unmöglich! Oder hat Ihnen etwa Herr Holm selbst –?«

»Siegbert? Nein, der macht keine Geständnisse, der ist von einer ganz unnatürlichen Verschlossenheit. Ich habe anderweitige Quellen.«

»Dann täuschen Sie sich!« sagte die junge Dame mit Bestimmtheit. »Er hat mir nie mit einem Worte, mit einem Blicke tieferes Interesse verraten. Ich wiederhole es Ihnen, Sie täuschen sich.«

»Das wollen wir sehen, Sie sollen selbst urteilen!«

»Hier,« er zog das Skizzenbuch hervor und öffnete es, »sehen Sie sich diese Blätter an. Sechsmal hintereinander hat der Junge Ihr Porträt gezeichnet, als ob es überhaupt gar nichts anderes in der Welt gäbe. Sie werden mir zugeben, daß ein vernünftiger Mensch dergleichen nicht tut – so etwas bringt nur ein Verliebter fertig!«

Alexandrine blickte schweigend auf die Blätter, die er ihr eins nach dem andern hinreichte, und in ihrem Gesicht stieg dabei langsam eine helle Röte auf, endlich sagte sie leise:

»Wie kommen Sie zu diesen Zeichnungen?«

»Ich habe sie unterschlagen«, gestand Bertold in höchster Gemütsruhe. »Siegbert hat keine Ahnung davon, daß sie sich in meinen Händen befinden, und sucht sie jetzt überall in Todesangst; aber das geschieht ihm recht! Warum läßt der Hans Träumer dergleichen im Walde liegen? Nicht wahr, das ist nichts Mittelmäßiges? Das kann sich sehen lassen! Wie er es fertig bekommen hat, sechsmal hintereinander denselben Gegenstand immer wieder genial aufzufassen und trotz aller Flüchtigkeit so vorzüglich wiederzugeben, das weiß ich nicht; aber eins weiß ich, – daß ich den Jungen jetzt nicht wieder aus den Händen lasse! Ich hatte ihn vollständig aufgegeben nach den letzten Proben, da kommt mit einem Male so etwas zum Vorschein. Und das hält er vor aller Augen verborgen, während er ganz miserables Zeug auf die Ausstellung schickt. Ich werde ihn lehren, mich und alle Welt zu betrügen!«

Wider Erwarten ging Alexandrine gar nicht auf die künstlerische Beurteilung der Studien ein, die sie noch immer in der Hand hielt. Sie blickte unverwandt auf die Linien, die immer und immer wieder ihre Züge wiederholten und schien sogar die Antwort darüber zu vergessen.

»Dem Papa zeigen wir diese Blätter aber vorläufig nicht,« fuhr der Professor im vertraulichen Tone fort, »wir sagen ihm überhaupt nichts von den Sachen. Er wäre imstande, sie übel zu nehmen, obgleich am Ende jeder das Recht hat, sich zu verlieben. Aber Exzellenz ist sehr empfindlich in bezug auf seine einzige Tochter. Schweigen wir also gegen ihn, Sie dagegen muß ich unbedingt zur Bundesgenossen haben.«

»Und zu welchem Zwecke?« fragte Alexandrine, ohne die Augen aufzuschlagen und mit einer eigentümlichen Unsicherheit. »Sie verlangen doch nicht etwa, daß ich diesem jungen Manne – Hoffnung gebe?«

»Beileibe nicht!« fuhr Bertold auf, »das würde alles verderben! Diese unglückliche Liebe ist ja mein letzter Hoffnungsanker, und dazu kann sie gar nicht unglücklich genug sein. Siegbert muß vollständig zur Verzweiflung gebracht werden, sonst kommt er nicht zur Vernunft.«

Sie schüttelte befremdet den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht.«

»Ich werde es Ihnen erklären.« Er zog sie neben sich auf den Sessel nieder, und seine Stimme wurde tiefernst, als er fortfuhr. »Sehen Sie, Alexandrine, einer anderen würde ich diese Blätter nie gezeigt haben. Unsere romantisch oder sentimental angelegten jungen Damen finden es meist sehr interessant, von einem Künstler angebetet zu werden. Es könnte sich da ein Roman entspinnen, der freilich nur die Bedeutung einer Reiseidylle hätte und mit der Reise zu Ende wäre; aber Exzellenz würde mir deswegen doch nachdrücklichst und mit vollem Rechte den Text lesen. Sie dagegen stehen über solchen Kindereien. Sie werden sich nie zu einer bloßen Gefühlständelei herablassen und auch kein herzloses Spiel mit den Gefühlen eines anderen treiben. Mit Ihnen kann ich die Sache wagen; überdies weiß ich durch Ihren Vater, daß Sir Conway ihm bereits seine Wünsche mitgeteilt hat und nicht zurückgewiesen worden ist.«

Alexandrine stützte den Kopf in die Hand, so daß diese ihr Gesicht beschattete.

»Ich weiß, daß mein Vater jene Wünsche teilt. An mich hat Sir Conway noch keine Frage gerichtet, also habe ich ihm auch bisher keine Antwort geben können.«

Der Professor lächelte. »Nun, die Antwort wird wohl schließlich befriedigend ausfallen. Was nun aber Siegbert betrifft, so ist er sein Leben lang ein Träumer gewesen, der vom hellen, lichten Tage nichts wußte und immer nur in seinen Idealen lebte. Die Ideale haben sie ihm nun freilich in Wiesenheim gründlich ausgetrieben, aber leider auch den Lebensmut, die Kraft und Lust zum Schaffen, und dabei hat er sich so vollständig in seine unsinnige Dankbarkeitstheorie verrannt, daß schlechterdings nichts mit ihm anzufangen ist. Er braucht irgendeine Leidenschaft, die ihn gewaltsam emporreißt aus diesen Verhältnissen, in denen er zugrunde geht. Bei Ihrem Anblick hat sein Talent sich wieder aufgerafft, da hat er zum erstenmal seit Jahren wieder etwas geleistet, hier müssen wir den Hebel ansetzen. Alexandrine, ich habe bei Ihnen stets das vollste Verständnis und die höchste Begeisterung für die Kunst gefunden, es gilt hier, ein Talent ersten Ranges zu retten – wollen Sie mir dabei helfen?«

Die ernsten, eindringlichen Worte schienen ihren Eindruck nicht zu verfehlen; auf dem Gesichte der jungen Zuhörerin lag noch immer jene helle Röte, und um ihren Mund schwebte es wie ein halbes Lächeln, als sie erwiderte:

»Und was wollen Sie denn, das ich tun soll?«

»Dem Siegbert ins Gewissen reden!« sagte Bertold mit Nachdruck. »Ich richte nichts mit ihm aus, auf mich hört er nicht, aber Sie wird er hören. Ich habe dafür gesorgt, daß Sie morgen mit ihm einige Stunden lang allein sind; da geben Sie ihm sein Skizzenbuch zurück, aus Ihren Händen soll er es empfangen. Sagen Sie ihm dabei, was Sie wollen und wie Sie es wollen, nur treiben Sie ihn zum Entschluß. Hat er erst einmal die Freiheit gekostet, so wird er sie sich schon zu wahren wissen.«

Alexandrine sah sehr betroffen aus bei dieser Zumutung. » Ich soll ihm diese Blätter zurückgeben, die auf jeder Seite mein Bild enthalten? Ich fürchte, –«

»Daß er Ihnen dann eine Liebeserklärung macht? Möglich – sogar wahrscheinlich – aber das schadet nichts.«

»So? Finden Sie das?«

»Gar nichts schadet es! Sie sollen ihm ja keine Hoffnung geben, im Gegenteil, Sie sollen ihm die Hoffnung nehmen bis auf den letzten Funken. Machen Sie es ihm klar, daß die Liebe eines jungen, namenlosen und unbekannten Menschen eine Torheit ist, zeigen Sie ihm schonungslos, daß er sich durch sein Zagen und Zweifeln um jede Möglichkeit gebracht hat, die Augen bis zu Ihnen zu erheben, und dann zeigen Sie ihm sein Talent und die Kunst als das einzige, wohin er sich mit seinem zerstörten Liebestraum retten kann. Dann, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, springt er entweder geradeswegs in die Ache, – oder er malt ein vernünftiges Bild!« »Um Gottes willen!« fuhr Alexandrine entsetzt auf.

»Nun, ängstigen Sie sich nur nicht«, beruhigte sie Bertold. »Ich lasse ihn nicht springen, ich werde schon zur Stelle sein und ihn festhalten, wenn es so weit ist. – Das ist also mein Plan, und, wie ich Siegbert kenne, ist es der einzige, der Erfolg verspricht. Darf ich dabei auf Ihre Hilfe rechnen?«

Alexandrine hob das Auge zu ihm empor, es stand ein Ausdruck darin, der sich nicht enträtseln ließ, aber ihre Antwort klang fest und bestimmt. »Ich werde tun, was Sie wünschen.«

Der Professor ergriff mit voller Herzlichkeit ihre Hand. »Ich wußte es ja, daß Sie mich verstehen würden! Hier sind die Skizzen, und im übrigen bleibt die Sache Geheimnis zwischen uns beiden. Auf morgen denn!«

»Auf morgen!« wiederholte Alexandrine, indem sie das Buch an sich nahm.

 

Der Professor ging, sehr befriedigt von dem Erfolg der Unterredung. Draußen im Korridor stieß er mit dem Bürgermeister Eggert zusammen, der eilfertig die Treppe herunterkam.

»Entschuldigen Sie, Herr Professor!« rief er. »Ich bemerkte Sie nicht. Ich bin in großer Eile. Haben Sie vielleicht meinen »Tagesboten« gesehen?«

»Ihren »Tagesboten«? Ah so, das Haupt-, Stadt- und Leiborgan von Wiesenheim! Nein, das habe ich nicht gesehen.«

»Ich begreife nicht, wo das Blatt, das eine sehr wichtige Notiz enthält, die ich notwendig brauche, hingekommen ist. Keines von den Meinigen weiß es; es ist spurlos von unserem Tische verschwunden. Vielleicht hat es jemand irrtümlich mit in den Salon genommen; ich will einmal nachsehen!«

Damit eilte der Herr Bürgermeister die Treppe hinunter, aber weder im Salon noch sonst irgendwo fand sich das kostbare Blatt; das ganze Hotel wurde vergebens danach durchsucht. Eggert muhte sich schließlich ohne die wichtige Notiz, die den alten Marktbrunnen betraf, behelfen.

Trotzdem befand sich der »Tagesbote« in seiner unmittelbaren Nähe, und zwar im Zimmer seiner Tochter, das diese aber wohlweislich verriegelt hatte. Sie saß am Fenster, das geraubte Blatt in den Händen, und las noch einmal das Gedicht »An Sie«, dessen Titel ihr kein Geheimnis zu sein schien. Fränzchens Wangen glühten dabei verräterisch, ihre Augen strahlten, und endlich faltete sie das Blatt zusammen und barg es auf dem Grunde ihres Koffers. Es war offenbar, daß sie die Romantik, die ihr hier in der ewigen Bergwelt künstlich beigebracht werden sollte, längst im »Wiesenheimer Tagesboten« gefunden hatte.

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