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Adlerflug

Elisabeth Werner: Adlerflug - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElisabeth Werner
titleAdlerflug
publisherVerlag Martin Maschler
addressBerlin
yearca. 1920
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060524
projectid973c99c6
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Elftes Kapitel.

Der Herr Bürgermeister hatte eine Zeitlang geschwankt, ob er die neuliche Grobheit des Professors übelnehmen oder die Originalität des berühmten Künstlers bewundern solle, und sich endlich für letzteres entschieden. Eine Bekanntschaft von diesem Rufe und dieser Stellung wollte er unter keiner Bedingung fahren lassen. So näherte er sich denn mit dem festen Entschluß, dem »Original« nichts übel zu nehmen, und begann die Unterhaltung mit der Bemerkung, daß das Wetter sehr schön sei, und mit der Frage, wie der Herr Professor geschlafen habe.

Dieser war heute in ziemlich gnädiger Stimmung, vielleicht rührte es ihn auch, daß man seine ungemeine Grobheit mit so ausgesuchter Höflichkeit vergalt. Er ließ die Tatsache des schönen Wetters gelten und erklärte, daß sein Schlaf vortrefflich gewesen sei. Daraufhin wagte es Eggert, sich ihm anzuschließen, und die beiden promenierten dem Anscheine nach ganz friedfertig miteinander.

»Morgen früh geht Siegbert mit mir auf die Egidienwand«, kündigte der Professor seinem Begleiter an. »Ich habe es bereits mit ihm verabredet. Wir brechen in aller Frühe auf und denken gegen Abend zurück zu sein.«

Der Bürgermeister zog die Augenbrauen in die Höhe, eine derartige Eigenmächtigkeit pflegte er seinem Pflegesohne nie zu gestatten, und wenn er auch dem Professor die alleinige Schuld beimaß, so fühlte er sich doch verpflichtet, seine Autorität geltend zu machen.

»Siegbert hat mir nichts davon mitgeteilt«, entgegnete er. »Ich fürchte wirklich –«

»Haben Sie vielleicht etwas dagegen einzuwenden?« unterbrach ihn Bertold mit so grimmiger Miene, daß er augenblicklich den Rückzug antrat. Wie alle kleinen Tyrannen, fügte er sich geduldig einer größeren Tyrannei gegenüber, und in diesem Punkte hatte er in dem Professor seinen Meister gefunden.

»Durchaus nicht«, versicherte er eiligst. »Ich meinte nur – ich wünsche Ihnen viel Vergnügen zu dieser Partie.«

»Danke!« brummte der Professor etwas besänftigt. »Aber noch eine Frage! Sie kennen natürlich die sämtlichen Studien und Skizzen Siegberts?«

»Natürlich, Herr Professor! Sie wissen ja, welch hohes Interesse ich für die Kunst habe, und nun vollends, wo es sich um die Werke meines Sohnes handelt. Ich prüfe Tag für Tag seine Skizzenmappe mit der größten Aufmerksamkeit, und ich darf wohl behaupten, daß in den letzten vier Jahren nichts ohne meinen Rat und ohne mein Urteil entstanden ist, vom kleinsten Blättchen an bis zu den großen Bildern, die daheim in meinem Hause hängen.«

»Da hängen sie wohl noch allesamt?« bemerkte der Professor trocken. »Ein Käufer hat sich wohl noch zu keinem einzigen gefunden?«

Eggert warf sich in die Brust, mit dem ganzen Stolze des reichen Mannes.

»Allerdings nicht, aber ich lege auch keinen Wert darauf. Ich kann mir immerhin gestatten, die Werke meines Sohnes im eignen Besitz zu behalten. Mein Sohn hat es nicht nötig, um des Geldes willen zu malen! Er hat von jeher den Eingebungen seiner Muse folgen dürfen, ohne an den schnöden Erwerb zu denken.«

»Das ist gerade das Unglück des Jungen gewesen!« fiel Bertold mit vollem Nachdruck ein. »Wenn er sich tüchtig mit der Not des Lebens hätte herumschlagen müssen, wäre er nicht ein solcher Träumer geworden!«

Der Bürgermeister sah ihn mit offenem Munde an. »Wie? Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß es ein Glück ist, wenn man sich um das tägliche Brot mühen muß, diese Misere des Lebens?«

»Unsinn!« sagte der Professor in seiner derben Weise. »Die sogenannte Misere hat noch keinem geschadet, der jung und kraftvoll ist. Fast alle unsere großen Künstler find durch dies Fegfeuer gegangen, und es ist ihnen ganz gut bekommen. Sehen Sie mich an! Ich war mit zwanzig Jahren auch arm, verwaist, ohne Freunde und Gönner, ohne einen Menschen, der sich meiner annahm. Ich hatte nichts, als mein Talent und den festen Willen, um jeden Preis etwas zu werden. Ich habe es durchgesetzt, gerade weil ich es nötig hatte, Zu arbeiten, weil ich entweder schwimmen oder untergehen mußte. Dies »Entweder – Oder« hat dem Siegbert gefehlt, darum hat er auch nie gelernt, seine Kräfte zu brauchen, und als er wirklich einmal vor die Entscheidung gestellt wurde, da kamen Sie mit Ihrer Wiesenheimer Gemütlichkeit dazwischen und ruinierten ihm seine Zukunft.«

Der Bürgermeister nahm eine tiefgekränkte Miene an. »Herr Professor, Sie machten mir schon gestern einen derartigen Vorwurf. Er hat mich tief verletzt, ja er hat mir das Herz zerrissen!«

»So?« meinte der Professor, indem er mit kritischen Blicken den kleinen Mann betrachtete, als wolle er ein äußeres Merkmal der Zerrissenheit entdecken.

»Ich werde Ihnen beweisen, wie unrecht Sie mir tun«, fuhr Eggert mit Pathos fort. »Wenn Sie es nun einmal für unbedingt notwendig halten, daß Siegbert seine Studien in Italien vollendet – nun wohl, ich füge mich der Autorität des großen Meisters – ich bin einverstanden.«

Bertold blieb stehen; dieser plötzliche Anfall von Vernunft kam ihm zu unerwartet, als daß er ihm so ohne weiteres hätte trauen sollen.

»Nun, dann wäre die Sache ja in Ordnung«, sagte er. »Ich beabsichtige, von hier direkt nach Rom zu gehen. Geben Sie mir Siegbert mit.«

»Allein?« fragte der Pflegevater in sehr gedehntem Tone.

»Wollen Sie etwa mit?« fuhr der Professor auf.

Der Bürgermeister lächelte vielsagend. »Wenigstens möchte ich die Sache bis zum Frühjahr aufschieben, es arrangiert sich dann alles viel leichter. Das junge Paar könnte seine Hochzeitsreise nach Italien machen und die Flitterwochen dort verleben.« »Hochzeitsreise – Flitterwochen –« wiederholte der Professor. »Was meinen Sie denn eigentlich damit?«

»Nun, Ihnen mache ich kein Geheimnis daraus«, versicherte Eggert im vertraulichen Tone. »Ich beabsichtige, meinen teuren Pflegesohn auch durch die engsten Familienbande an uns zu fesseln. Schon damals, als er vor siebzehn Jahren in mein Haus kam, stand es bei mir fest, daß er dereinst mein Sohn und Erbe werden sollte. Er und meine Tochter sind mit und für einander erzogen, ich habe stets das Glück meiner Kinder im Auge gehabt.«

Der Professor hob Augen und Hände zum Himmel und war im Begriff loszubrechen, als er Siegberts Skizzenbuch, das er aus besonderen Gründen zu sich gesteckt hatte, in der Brusttasche fühlte. Die Erinnerung an den Inhalt desselben hielt vorläufig den drohenden Sturm noch auf. Der Künstler stieß einen unartikulierten Laut aus und sagte mit grimmiger Freundlichkeit:

»Das ist ja eine recht erfreuliche Nachricht!«

»Nicht wahr?« stimmte der Bürgermeister bei. »Deswegen sind wir auch eigentlich hier. Das junge Paar weiß zwar längst, daß es füreinander bestimmt ist, aber, Sie begreifen – eine Künstlernatur und ein eben erwachendes Mädchenherz darf man nicht so nüchtern zusammengeben, man muß ihnen die nötige Romantik gewähren. Deshalb unternahm ich die Reise. Hier, im Angesicht der ewigen Vergeswelt, fern von dem Getriebe des Alltagslebens, sollen ihnen ihre Gefühle klar werden.«

»Die sind ihnen ja schon seit siebzehn Jahren klar geworden, wie Sie behaupten«, warf der Professor ein, aber der glückliche Vater ließ sich nicht stören, er fuhr in voller Ekstase fort:

»Hier sollen sich ihre Herzen finden und das erste Wort der Liebe Zwischen ihnen gesprochen werden. Oh, ich verstehe mich auf die Romantik der Jugend, wenn die Jugend auch hinter mir liegt! Nach unserer Rückkehr feiern wir die öffentliche Verlobung, und im Frühjahr findet die Hochzeit statt. Das junge Ehepaar mag sich dann zu der Reise nach Rom rüsten. Ich und meine Frau gehen natürlich mit.«

»Dann sei Gott dem armen Jungen gnädig!« brach der Professor jetzt los. »Herr, jetzt wird mir die Sache denn doch zu bunt! Haben Sie denn gar keine Idee davon, was ein Künstler zum Schaffen und Studieren braucht, daß Sie ihm dabei die Frau, die Schwiegereltern und womöglich noch das ganze Wiesenheim aufhalsen wollen? Da setzen Sie ihn doch lieber gleich in das neue Stadtgefängnis, ehe Sie ihn mit der Eskorte nach Rom transportieren!«

Damit ließ er den ganz entsetzten und empörten 9? Bürgermeister stehen und wandte sich dem Hotel zu. Herr Eggert stieß einen Seufzer aus. Er gewöhnte sich nun zwar nachgerade an diese Behandlung und hatte ja auch den festen Vorsatz, nichts übel zu nehmen, aber er fand doch, daß die Originalität des berühmten Meisters heute besonders stark entwickelt sei, und zum erstenmal stieg ihm der Gedanke auf, daß es doch gefährlich sei, seinen so ängstlich behüteten Pflegesohn in solcher Nähe zu lassen.

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