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Adieu Papa

Carl Karlweis: Adieu Papa - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAdieu Papa
authorCarl Karlweis
year1898
firstpub1898
publisherRobert Mohr
addressWien
titleAdieu Papa
pages197
created20150216
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine Million.

Daß Fräulein Olga schön war, tadellos schön, mußten selbst ihre intimsten Freundinnen zugestehen. Schlank und schmiegsam der Körper, vornehm der Kopf mit seiner schweren Goldlast von Haaren und seinem feinen Gesichtchen, aus welchem die klaren blauen Augen stolz und ruhig in die Welt blickten, schmal die weißen Hände, zierlich die Füße – und über all diesen Reizen ein Duft der Unberührtheit, der Unantastbarkeit, wie ihn sonst nur häßliche Engländerinnen auszuhauchen pflegen.

145 Olga war denn auch, wo sie sich zeigte, von einer dichtgedrängten Schaar dienstbeflissener Bewunderer umgeben, die ihrer Trabantenpflicht um so eifriger und unermüdlicher oblagen, je geringer sich für jeden Einzelnen unter ihnen die Aussicht auf einen Erfolg seiner Bewerbungen stellte. Denn Fräulein Olga bevorzugte keinen – »Prinzessin Kieselherz« nannten sie die Einen und schmachteten, »Eisblume« die Anderen und seufzten. Nur Einer befand sich in dem Heerbann der Gefeierten, der sich niemals beklagte, niemals an Olga herandrängte, noch nie das Wort an sie gerichtet hatte. Er diente sozusagen nur als Volontär, ohne Anspruch auf Besoldung. Während die Anderen ihren Witz leuchten ließen oder mit ihren Seufzern vor ihr paradierten, stand er ruhig abseits und zerrte unablässig an 146 den Enden seines feinen Schnurrbärtchens. Nur seine dunklen Augen hielt er unablässig auf die Schöne gerichtet. Endlich mußte sie ihn doch bemerken. Seine stumme Huldigung belustigte sie anfänglich, unwillkürlich wendete sie den Kopf nach ihm und ihr Blick begegnete dem seinen. Was war das für ein wunderlicher Heiliger? Warum starrte er sie immer nur wortlos an? Wagte er nicht, sich ihr zu nähern? Sie lächelte ihm einmal flüchtig zu und sah, daß er erröthete. Noch am selben Abend durfte er ihr das Spitzentuch, das ihr just vor seinen Füßen entfallen war, mit einer Verbeugung überreichen und erhielt ein zweites, bezauberndes Lächeln als Dank für seinen kleinen Ritterdienst. Die Frau Hofräthin, Olga's Mutter, begann vorsichtig Erkundigungen über ihn einzuziehen. Er hieß Emil 148 Herbert, mochte etwa 25 Jahre zählen und lebte von einer bescheidenen Rente. Das Lächeln auf Olga's Rosenlippen erstarb, der stumme Verehrer erhielt nicht mehr den flüchtigsten Blick.

Da ließ er sich ihr durch einen gemeinschaftlichen Bekannten vorstellen und bat um die nächste Walzertour. Er tanzte schlecht und linkisch, Olga mußte seine Hand fest umklammern, sonst wäre sie mitten im Saal mit ihm gestürzt. Erröthend führte er sie an ihren Platz zurück, mit zitternder Stimme sprach er einige Worte, die sie überhörte, denn ihre Aufmerksamkeit war bereits einem älteren Herrn zugewendet, den ihr die Mutter mit einem vielsagenden Lächeln eben zuführte. »Der Herr Commerzialrath wünscht Dir vorgestellt zu werden, mein Kind . . . .«

149 Emil ward von der nachdrängenden Schaar der Bewunderer beiseite geschoben und vermochte den Rest des Ballabends über nicht mehr in die Nähe Olga's zu gelangen. Dennoch lächelte er unablässig und blickte verklärt um sich. Endlich zog er seinen Handschuh, den sie so fest gedrückt hatte, von der Hand, küßte ihn verstohlen und verbarg ihn dann unter der Ballweste.

»Armes Närrchen!« sagte jemand laut neben ihm. Er sah auf und erblickte den Bekannten, der ihn der Schönen vorgestellt hatte. Jetzt erst bemerkte er, daß dieser Mann, von dem er kaum mehr als den Namen wußte, keine Alltagserscheinung war. Das bleiche Gesicht, das ein wohlgepflegter, tiefschwarzer Bart umrahmte, die hohe Stirne mit ihren dünnen, sorgfältig gescheitelten Haaren, der stechende 150 Blick der kleinen Augen und das spöttische Zucken der schmalen, blutleeren Lippen mahnten – ja, an wen mahnten sie nur?

»Armes Närrchen!« wiederholte der Mann in einem verletzend mitleidigen Tone. Und mit einer kaum merklichen Kopfbewegung nach der schönen Olga weisend, die eben mit einem bezaubernden Lächeln den Arm des Herrn Commerzialrathes nahm, fügte er leise hinzu:

»Ihnen fehlt eine Million, junger Freund – nichts als die Kleinigkeit einer Million!«

Emil wollte auffahren und sich dergleichen höchst unziemliche Bemerkungen allen Ernstes verbieten, aber da war der bleiche Herr auch schon im Gewühl der Gäste verschwunden. Eine Stunde später verließ Olga, immer noch am Arm des Commerzialrathes, den Saal, von der 151 Mutter und dem Troß der Bewunderer gefolgt. Emil schloß sich ihnen an, aber auch in der Garderobe vermochte er keinen Blick der Gefeierten zu erhaschen. Einmal hatte sie den Kopf nach der Richtung gewendet, in welcher er stand, aber sie mußte plötzlich kurzsichtig geworden sein – trotz seines tiefen Erröthens und seiner ehrfurchtsvollen Verbeugung hatte sie ihn nicht erkannt.

Verstimmt ging er heim. Die ruhige Kälte der klaren, mondhellen Winternacht that ihm wohl. In seiner Junggesellenwohnung angelangt, warf er sich angekleidet auf ein Ruhebett, um über die Ereignisse des Abends ein wenig nachzusinnen, denn der Schlaf floh noch seine Augen. Er hatte das Licht verlöscht, da der Mond mit seinem bleichen Schimmer den behaglich 152 ausgestatteten Raum hinlänglich erhellte. Was war denn eigentlich geschehen? Hatte er wirklich sein Herz an die schöne Olga verloren?

Das Mädchen war schön, bezaubernd schön. Alle Welt mußte den Mann als den glücklichsten Sterblichen preisen und beneiden, der diesen Schatz sein nennen durfte. Welch ein Hochgefühl, auf Bällen, in Theatern und Concerten mit ihr am Arm zu erscheinen, das Flüstern der Bewunderer und Neider zu hören und im Bewußtsein des Besitzes gleichmüthig lächelnd an ihnen vorüberzuschreiten . . . .

»Armes Närrchen!« sagte jene tiefe Stimme wieder, die ihn heute schon einmal aus seinem seligen Sinnen aufgeschreckt hatte. »Armes Närrchen, was helfen Ihnen all diese Träume, wie wollen 153 Sie die kostbare Schöne gewinnen? Mit Ihrer bescheidenen Rente können Sie nicht einmal die Schneiderrechnungen der Dame bezahlen! Und die Wohnung auf dem Ring, die Equipage, die Bälle und Soiréen, die Badereisen, der 154 Schmuck . . . . womit wollen Sie diese kleinen Auslagen bestreiten? Armes Närrchen!«

Da stand er wirklich wieder vor ihm, der schwarzbärtige bleiche Mann mit dem stechenden Blicke und dem spöttischen Zucken der blutleeren Lippen – ein unheimlicher Kunde.

»Was wollen Sie von mir?« fragte Emil unruhig.

»Von Ihnen – nichts!« erwiderte der Andere fast geringschätzig. »Was sollte ich von Ihnen wollen? Etwa Ihre Seele? Mein Verehrtester, die Zeiten sind vorüber, da ich mich mit diesem Zwischenhandel abgab. Einträglich war er übrigens nie. Weshalb starren Sie mich so . . . . wenig geistreich an? Ah, Sie scheinen mich nicht ganz zu kennen! Nun ja, ich bin der sogenannte Teufel. Bah, 155 kehren Sie sich nicht an das dumme Wort. Euer Goethe hat den Satan mit Klauen und Schweif für abgethan erklärt und an dessen Stelle einen hinkenden Herrn ›im Mäntelchen von starrer Seide, die Hahnenfeder auf dem Hut‹ erfunden, den man gleichwohl heutzutage nicht mehr in guter Gesellschaft dulden würde. Wie gefällt Ihnen meine neueste Maske? Ich bin Ihnen in irgend einem Kaffeehause von einem ahnungslosen Menschenkind vorgestellt worden und Sie haben mir die Hand gedrückt, ohne den geringsten elektrischen Schlag zu verspüren, haben ordnungsgemäß Ihr: ›Sehr angenehm!‹ gemurmelt und den Teufel zum Bekannten gehabt. So, also, sehe ich heute aus. Und nun zu Ihnen. Ich will nichts von Ihnen – im Gegentheil, ich bringe Ihnen etwas.

156 Staunen Sie nicht, auch Unsereiner hat einmal seine Gebelaune. Ich bringe Ihnen die schöne Olga. Ja wohl, die schöne Olga – ich scherze nicht. Hier habe ich sie, in dieses kleine Zettelchen festgebannt. Nehmen Sie das Papier, es ist eine Million in einer vollkommen tadellos ausgestellten Anweisung auf die Bank von England. Ich knüpfe an dieses Geschenk nur eine einzige kleine Bedingung – aber so erschrecken Sie doch nicht immerzu, ich sagte Ihnen ja, daß ich für Ihr geehrtes unsterbliches Theil keine Verwendung habe – meine Bedingung lautet: Sie müssen diese Million drei Tage lang bei sich tragen, und zwar hier in Ihrer linken Brusttasche. Sobald Sie das Billet aus dieser Tasche entfernen, haben Sie die Million – und die schöne Olga für immer verloren.

157 Und nun gute Nacht, Sie . . . . glücklicher Bräutigam!«

Der Schwarzbärtige lachte unheimlich auf und verschwand.

Emil richtete sich empor.

»Es ist ein Traum!« sagte er sich. Da fühlte er einen seltsamen Druck auf seinem Herzen. Unwillkürlich fuhr er mit der Hand hin – das Bankbillet knisterte in der Tasche seines Fracks.

Eine Million! Er besaß also wirklich eine Million und mit ihr die Gewißheit, die schöne Olga sein zu nennen. Schon am nächsten Morgen wollte er mit dem Frühesten vor sie hintreten und ihr sagen –

Ach, wie lange dieser Morgen auf sich warten ließ! Dämmerte es noch nicht? Ueber die Winternächte, die kein Ende nehmen wollen. Und dann, beschützt das 158 Dunkel der Nacht nicht alle Verbrecher, alle Diebe und Einbrecher? Herrgott, die Thür war ja unversperrt! Wie leicht konnte er da überfallen und seiner Million beraubt werden. Er sprang auf, zog die Thür sachte ins Schloß, drehte den Schlüssel zweimal herum und schob noch überdies den Riegel vor. Nun erst konnte er wieder aufathmen. Der Mond war hinter Wolken verschwunden, tiefes Dunkel herrschte im Zimmer. Raschelte es nicht in der Ecke?

Gewiß, einer war schon eingedrungen und verbarg sich dort, um rücklings über ihn herzustürzen und ihm das Bankbillet zu entreißen. Er horchte. Wieder knisterte es, diesmal nebenan im Schlafzimmer unter dem Bett. Zitternd machte Emil Licht und legte sich, mit einem Stock bewaffnet, platt auf den Boden, um den 159 räuberischen Eindringling aus seinem Versteck zu jagen. Alles war leer. Eine Weile saß er nun aufrecht auf dem Ruhebett und versuchte wieder an die schöne Olga zu denken. Aber er vermochte nicht, sich zu sammeln. Immer wieder knisterte und raschelte es irgendwo, bald hier, bald dort, und die ermüdende, entnervende Jagd nach dem Einbrecher begann von neuem. Dann tastete er wieder nach der Brusttasche, ob er das Bankbillet noch spüre. Aber am Ende wurde es doch Tag, ein heller, sonniger Tag, den er mit einem Seufzer der Erlösung begrüßte. Er stürzte aus dem Hause, auf die Straße hinaus. Wie freundlich die Menschen ihm zulächelten, wie zuvorkommend, ja schier demüthig alle Welt ihn begrüßte! Leute, die er gar nicht kannte, eilten auf ihn zu, drückten ihm die Hand und begrüßten ihn wie einen lange und 160 schmerzlich vermißten Herzensfreund. Dabei sah er, wie sie alle nach seiner linken Brusttasche schielten, wie ihre Mienen sich dabei verzerrten, ihre Blicke einen gierigen Ausdruck gewannen, so krampfhaft sie sich auch bemühten, arglos und erfreut dreinzuschauen. Wußten sie, was er in dieser Brusttasche barg? War sein Rock durchsichtig geworden? Er tastete wieder hin und spürte das Tuch wie vor dem, darunter raschelte das verheißungsvolle Papier . . . .

Zu ihr, endlich zu ihr! Da stand er in ihrem Zimmer und die Mutter, die ihn auf dem Balle mit einem so vernichtend kalten Blick gestreift hatte, empfing ihn mit einem vielsagenden Lächeln. Olga werde sich durch seinen Besuch sehr geschmeichelt fühlen – gewiß sehr geschmeichelt und herzlich erfreut. Das gute Kind 161 habe seit gestern nur von ihm gesprochen, und das in einem Tone . . . .

Sie selbst trat ein, die Herrliche, Hohe. Wie hold sie erröthete, wie zaghaft sie ihre Hand in die seine legte, wie beseligend sie diese drückte!

Und der süße, betäubende Wohlgeruch, der den weichen Falten ihres Schlafrockes entströmte! Das Lächeln, Flüstern und Augenwinken, das verwirrte, verwirrende Ja und Nein, da er ihr zagend von seiner Liebe sprach, das schmachtende Sträuben, da er den Arm um ihren Nacken zu legen wagte, der halb unterdrückte Seufzer, da sie endlich hingebend an seine Brust sank! Das kleine Papier knisterte wieder leise – ein schmales weißes Händchen langte sachte in seine Tasche und zog es mit hastigem Griff heraus.

162 Welch ein häßliches, heiseres Lachen! Die engelsschönen Züge des Mädchens verzerrten sich, ihre Wangen wurden bleich, die Augen klein und stechend, und um die schmalen, blutleeren Lippen zuckte ein spöttisches Lächeln.

»Armes Närrchen! Wo ist Deine Million? Wo ist Dein erträumtes Liebesglück? Zurück in Dein Nichts, aus dem Du zu mir emporzugreifen gewagt hast – zurück, zurück!«

Mit greulich verzerrtem Gesicht stand sie vor ihm, in der hoch erhobenen Hand das kleine Zettelchen . . . .

Er tastete nach der Tasche. Leer, alles leer!

»Meine Million!« schrie er auf. Sie lachte gellend – und er erwachte.

Es war hoher Tag, und er lag im Ballanzug auf dem Ruhebett in seinem 163 Zimmer. Noch betäubt von seinem Traum erhob er sich.

Sein Fuß stieß an einen Handschuh, der vor ihm auf dem Boden lag. Er hob ihn nicht auf. Beim Mittagstisch im Restaurant sprach ihn ein Freund an, den er gestern auch auf dem Balle getroffen hatte.

»Denken Sie nur,« sagte dieser lachend, »ich habe heute im Club eine Wette von Zehn gegen Eins geboten, daß unsere schöne Olga binnen kürzester Zeit Frau Commerzialrath heißen wird. Und niemand hat die Wette halten wollen. Die schöne Olga wird den glatzköpfigen Rath nehmen. Er ist zwar weder jung noch hübsch, noch geistvoll, aber er besitzt eine Million – eine runde, nette Million – Verehrtester!«

164 Emil griff unwillkürlich nach seiner Brusttasche. Dann lächelte er unsicher. »Eine Million! Freilich . . . . wenn er eine Million hat . . . .!« 165

 

 

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