Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Karlweis >

Adieu Papa

Carl Karlweis: Adieu Papa - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAdieu Papa
authorCarl Karlweis
year1898
firstpub1898
publisherRobert Mohr
addressWien
titleAdieu Papa
pages197
created20150216
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Mein Fritz.

Wenn es in der schönen Stadt Krems an der Donau keinen Gasthof »Zum goldenen Löwen« gibt, dann ist die folgende Geschichte vom ersten bis zum letzten Wort erfunden. Im Extrastübchen dieses vortrefflichen Wirthshauses faßte nämlich an einem kühlen Märzabend der quiescirte Rechnungsrath, Herr Tobias Wachtler, den großen Entschluß, am nächsten Morgen mit dem ersten Zuge nach Wien zu fahren und dort seinen Neffen Otto aufzusuchen. Seit mehr als einem halben Jahr war er ohne 85 Nachricht von dem leichtsinnigen Burschen, der in Wien Medicin studirte, oder vielmehr studiren sollte. Genau ebenso lang war es her, daß er dem Neffen zum achtenmal die Prüfungstaxe für das letzte Doctorexamen übersendet hatte, diesmal mit der ernsten Erklärung, der Student Otto habe hiermit für ihn, den Oheim, zu leben aufgehört, nur dem Doctor Otto werde sich nach wie vor sein Herz und seine Börse öffnen. Darüber waren nun mehr als sechs Monate hingegangen, und weder der Student, noch der Doctor Otto hatte seither eine Silbe von sich hören lassen. Am Ende ging das dem alten Junggesellen doch recht nahe, denn außer diesem einzigen Schwestersohne besaß er keinen anderen Verwandten in der weiten Welt. Was war aus Otto geworden? War er verdorben oder gar gestorben? Vielleicht 86 gestorben an gebrochenem Herzen und mit einem Fluch auf den blassen Lippen – einem Fluch, der dem hartherzigen Onkel galt? Dieses grausige Bild verfolgte den alten Rechnungsrath, es verdarb ihm den Appetit und machte ihn tiefsinnig. Endlich legte er den schweren Fall seinen Freunden am Stammtisch im »Goldenen Löwen« vor. Der Apotheker schüttelte nachdenklich schweigend den kahlen Kopf, der Forstmeister schlug auf den Tisch, daß es dröhnte, schwieg aber auch, der Bezirksarzt lächelte still vor sich hin, wie in eine angenehme Erinnerung vertieft, und nur der hochwürdige Herr Pfarrer sprach. Seine Meinung lautete: Nach Wien fahren, selbst nachsehen, und den offenbar verlorenen Sohn aus der schlechten Gesellschaft, in die er zweifelsohne gerathen war, in die reinere Luft von Krems retten!

87 Herr Wachtler sah die Tischgenossen der Reihe nach zagend an. Alle nickten zustimmend, nur der Arzt lächelte noch immer in seiner seltsamen Weise. So war es denn entschieden. Der alte Rechnungsrath trank seinen Wein aus, seufzte schwer und griff nach seinem Stock, um früher als sonst nach Hause zu gehen. Eine Reise nach Wien erforderte doch ihre Vorbereitungen. Um 10 Uhr 20 Minuten traf er am nächsten Vormittag in Wien ein, nahm am Bahnhof einen Wagen und fuhr beklommenen Herzens, in der Rechten einen baumwollenen Regenschirm, in der Linken eine rothgestickte Reisetasche festhaltend, nach der Wohnung seines Neffen. Seine Gedanken waren dabei von recht trübseliger Art.

Wenn er den armen Jungen nur noch lebend fand!

88 Wieder tauchte das Bild des sterbenden Jünglings vor ihm auf, er hörte den Fluch, den die zuckenden, bleichen Lippen ausstießen – entsetzt fiel er in die Kissen des Wagens zurück, der Regenschirm entsank seiner zitternden Hand.

Da hielt der Wagen vor dem in der letzten Adresse des Neffen bezeichneten Hause. Es sah nicht einladend aus – eine weitläufige, vielstöckige Miethkaserne, offenbar durchwegs von ärmlichen Leuten bewohnt, die Treppe beschmutzt, auf den Gängen ein unangenehmer Wäschedunst. Endlich war der vierte Stock erklommen und die Thür Nr. 126 gefunden. Eine schlecht gekleidete, ungekämmte und auch nicht allzu sauber aussehende Frau öffnete auf das bescheidene Pochen des Rechnungsrathes.

»Herr . . . . Otto . . . . Wagner?«

89 »Wohnt nicht hier.«

»Aber . . . . hat doch . . . . hier gewohnt?«

»Wie soll er heißen?«

»Otto Wagner, Mediciner, vierundzwanzig Jahre alt, groß, schlank, braune Haare, blaue Augen, eine Narbe auf der Stirn – –«

»Ah, den Vogel kenn' ich schon! Das war der Richtige!«

»War? . . . . Entschuldigen Sie, verehrte Frau . . . . war?«

Der Rechnungsrath zitterte so sehr, daß diesmal die gestickte Reisetasche, die er mit heraufgeschleppt hatte, seiner Hand entfiel.

Die Ungekämmte sah ihn scharf an.

»Na, ob er's noch ist, weiß ich nicht. Aber schwören möcht' ich d'rauf. Was ein Lump ist, bleibt ein Lump, das hat sich 90 allemal bewährt. Nach Hause ist er nur in der Früh gekommen, das Quartiergeld hat er immer ein paar Wochen nachher bezahlt, und die letzte Wäsch' liegt heut' noch bei mir, weil er das Waschgeld schuldig geblieben ist!«

Herr Wachtler griff nach seiner Börse.

»Ich zahle alles!« stotterte er.

Diese Erklärung besänftigte die Ungekämmte ersichtlich.

Sie ließ sich zu der begütigenden Erklärung herbei, daß Jugend am Ende Jugend sei und sich austoben müsse, holte die zurückgelassene Wäsche und händigte sie dem Rathe ein: zwei Hemdkragen, ein paar Manschetten und drei ungleiche Strümpfe. Dann berichtete sie eifrig, daß der »junge Herr« vor etwa fünf Monaten ausgezogen sei – leider! Wohin wußte sie allerdings nicht anzugeben, aber 91 »dort, wo er studirt, wird man's schon wissen!«

Der Herr Rechnungsrath dankte mit einer zierlichen Verbeugung, nahm seine gestickte Reisetasche auf, drückte die erhaltene Wäsche ans Herz und wankte die Treppe hinab. Auf der Straße athmete er erleichtert auf. Es war immerhin eine Beruhigung, daß der arme Junge nicht in dieser Umgebung, unter der Pflege dieser Megäre geendet hatte.

Der Herr Professor, dem sich der Rath, jetzt mit Regenschirm, Reisetasche und Wäsche bepackt, vorstellte, nahm den alten Herrn sehr gütig auf. Den Otto Wagner kannte er – o gewiß! Ein vorzüglicher Student, fleißig und begabt!

»Wird demnächst sein letztes Rigorosum machen und einen tüchtigen Arzt abgeben. Gedenke ihn unter meinen 92 besonderen Schutz zu nehmen, der junge Mann gefällt mir!«

Der alte Rechnungsrath starrte dem Professor ins Gesicht.

»Otto Wagner . . . .?« löste es sich angstvoll zweifelnd von seinen Lippen. »Vierundzwanzig Jahre alt, groß, schlank, braune Haare, blaue Augen, eine Narbe auf der Stirn . . . .?!«

»Gewiß. Sie schildern ihn ganz genau.«

»Und . . . . und ein vorzüglicher Student . . . . kein todter . . . . Lump? Wird . . . . nächstens Doctor? Sie sagten doch . . . . nächstens?«

»Jawohl, in zwei bis drei Wochen, wie ich hoffe. Ich verstehe übrigens wohl, worauf Sie anspielen. Früher war er allerdings ein wenig leichtsinnig, sagen wir: sehr leichtsinnig. Aber das ist nun vorüber. 93 Seit etwa einem halben Jahre hat er sich vollständig geändert. Ich weiß nicht, was ihn zu dieser erfreulichen Umkehr bewog, kümmere mich auch nicht darum, das ist nicht meine Sache. Uebrigens, wenn Sie ihn selbst fragen wollen – der Portier hat seine Adresse.«

Wieder rollte der Wagen durch die Straßen, und wieder hielt er vor einem Hause. Das sah schon einladender aus. Und oben an der Wohnungsthür sowohl Glockenzug als Thürschloß und Schnalle spiegelblank geputzt. Wie schrill die Glocke bimmelte! Der Herr Rath machte sich Vorwürfe, in einem so netten Hause so viel Lärm zu verursachen. Schritte nahten, ein Schlüssel wurde herumgedreht.

»Onkel Tobias! Ja . . . . ist es denn möglich?«

»Otto! . . . . Mein lieber, guter Otto!«

94 Der baumwollene Regenschirm lag am Boden neben der rothgestickten Reisetasche, nur die Wäsche war in den Händen des alten Herrn geblieben und baumelte jetzt am Nacken ihres treulosen Besitzers, den die Arme des Onkels umschlungen hielten, als wollten sie ihn nie wieder frei geben. Und nun die ersten Fragen und Antworten, das tiefe Athmen und übersprudelnde Sprechen. Der Onkel wußte sich vor Freude gar nicht zu fassen. Wie stattlich sein Neffe geworden war! Und wie gut er aussah! Ein wenig blaß zwar, aber das kam gewiß nur vom Studiren.

»Apropos, studiren – Du machst also wirklich schon in vierzehn Tagen Dein Doctorexamen?«

»Jawohl, Onkel! Aber woher wissen Sie –?«

96 »Dein Professor hat mir alles erzählt. Und mehr noch, mehr – ach ich kann Dir gar nicht sagen, wie wohl mir seine Worte gethan haben!«

Neue Rührung – neue Umarmung. Der Neffe zog den Onkel ins Vorzimmer und schloß die Thür.

»Wie nett es hier aussieht!« meinte der Rath mit einem prüfenden Blick, während Otto Reisetasche, Wäsche und Regenschirm, die er draußen aufgenommen hatte, sorglich beiseite legte. »Du mußt eine sehr ordentliche Hauswirthin haben.«

Der Neffe sah den Onkel von der Seite an, hustete dann leicht und, während er eifrig damit beschäftigt war, dem alten Herrn beim Ablegen des Ueberrocks und Shawls behilflich zu sein, meinte er flüchtig:

97 »Das besorgt alles mein Fritz!«

»Dein Fritz? Wer ist das? Ah, ein Freund, ein Studiencollege? Na, allen Respect vor dem jungen Herrn, der könnte mancher Hausfrau Unterricht ertheilen . . . . Hm, auch die Küche so sauber und appetitlich . . . . Ja, kocht Ihr denn zu Hause?«

»Gewiß, Onkel! Wer wird das schlechte und theuere Wirthshausessen hinunterwürgen, wenn er es zu Hause gut und billig haben kann!«

»Sehr richtig, mein Junge. Aber ich sehe da schon Feuer brennen und Töpfe auf dem Herd stehen. Wer kocht für Euch?«

»Nun, mein Fritz!«

»Dein Fritz?«

»Und wie gut! So ein Supperl, lieber Onkel, ein Stückerl Fleisch mit Champignonsauce und ein ausgezogener 98 Aepfelstrudel – ah!« Er schnalzte nachgenießend mit der Zunge.

Auch dem Onkel lief das Wasser im Munde zusammen. Aber ungläubig fragte er wieder:

»Und das alles kocht –?«

»Mein Fritz.«

»Merkwürdig – wirklich sehr merkwürdig!«

Die peinliche Sauberkeit in der Wohnstube, die sie nun betraten, wirkte überaus wohlthuend auf den alten Rath. Er betrachtete jedes Stück der einfachen Einrichtung mit liebevoller Umständlichkeit und schüttelte immer wieder den Kopf.

»Wer hält das alles in so vorzüglicher Ordnung?«

»Nun, mein Fritz!«

»Ein merkwürdiger junger Mann dieser Fritz!«

99 Nun kam das Schlafzimmer an die Reihe.

»Ein wahres Nesterl!« rief der Onkel entzückt. »Sage mir nur – wer schläft in dem zweiten Bett?«

»Nun, mein Fritz!«

»Ah, Ihr wohnt gemeinschaftlich?«

»Seit fünf Monaten.«

»Also gerade so lange, als Du . . . . wieder arbeitest?«

»Gerade so lange. Fritz wollte es so.«

»So ist er es, der Dich zur Arbeit bewog?«

»Gewiß – nur er!«

»Weißt Du, daß dieser Fritz die höchste Achtung verdient?«

»Ich würde auch keinem Menschen rathen, sie Fritz zu verweigern!«

»Bravo! Das ist recht von Dir. Du verdankst ihm so viel!«

100 »Alles, lieber Onkel – alles! Als ich Fritz kennen lernte, war ich nahe daran, völlig zu verkommen. Ich hatte seit vier Semestern kein Collegium mehr besucht, mich nur in Kneipen und Spelunken herumgetrieben, in schlechter Gesellschaft getrunken, gespielt und – na, reden wir nicht weiter von dieser Zeit! Dein letzter Brief hatte mich in meinem Lebenswandel nur bestärkt, statt mir die Augen zu öffnen und mir den Abgrund zu zeigen, an den ich sinnlos getaumelt war. Da kam Fritz und zog mich sachte aus dem Schlamm, in dem ich zu versumpfen drohte. Fritz machte wieder einen Menschen aus mir, befreite mich aus der Umgarnung meiner Sauf- und Spielkumpane, zog mit mir in dieses nette Heim, trank mit mir, lachte mit mir, focht sogar mit mir – alles nur, um nur den Uebergang nicht allzu schwer 101 zu machen. So gewann das neue Leben ganz unversehens eine Gewohnheitsmacht über mich, und als Fritz nun auch mit mir zu studiren begann, wurde ich ihm zuliebe sogar fleißig.«

»Ein Prachtmensch, dieser Fritz! Und das alles that er für Dich – aus Freundschaft?«

»Aus liebevoller Freundschaft oder freundschaftlicher Liebe, wie Sie wollen, bester Onkel! Den Unterhalt verdienen wir gemeinsam. Ich gebe Unterricht und auch Fritz arbeitet tüchtig!«

»Aber, wo steckt er denn, dieser Fritz, diese Perle von einem Freund? Du mußt mich mit ihm bekanntmachen, damit ich ihm die Hand drücken – nein, ihm um den Hals fallen kann, denn er hat mir meinen lieben, guten Jungen erhalten, er ist Dein Lebensretter! Führe mich sofort zu ihm, Otto – –«

102 »Einen Augenblick, lieber Onkel. Fritz ist ausgegangen, muß aber bald nach Hause kommen.«

»Ich erwarte ihn mit Ungeduld! Welch einen Prachtmenschen werde ich da kennen lernen!«

Otto fuhr sich mehreremale durch das dichtgelockte braune Haar.

»Es ist nämlich,« begann er zögernd, ». . . . ich wollte sagen, bevor ich Sie mit Fritz bekannt mache . . . . Sie werden sehen, daß – –«

Er hielt betreten inne. Im Vorzimmer wurde ein leichter Schritt vernehmbar, die Thür sprang auf und auf der Schwelle erschien eine hübsche, einfach aber nett gekleidete junge Dame, die ihr blondes Köpfchen verwundert zur Seite neigte und aus ihren großen, dunklen Augen einen fragenden Blick auf den Onkel warf.

103 Auch der Rath blickte überrascht auf die zierliche Erscheinung.

»Wer ist das?« fragte er erstaunt den Neffen, der eifrig zur Decke emporblickte. Otto zuckte leicht zusammen.

»Das?! . . . . Das ist . . . . Ja, sehen Sie, liebster Onkel . . . . das ist eben – mein Fritz!« 104

 

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.