Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Carl Karlweis >

Adieu Papa

Carl Karlweis: Adieu Papa - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAdieu Papa
authorCarl Karlweis
year1898
firstpub1898
publisherRobert Mohr
addressWien
titleAdieu Papa
pages197
created20150216
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Junge Leiden.

Seit einer Woche befanden sich die Sommergäste des kleinen Gebirgsbadeortes in durchaus curwidriger Aufregung. Ein Mitglied des regierenden Hauses hatte seine Ankunft in Aussicht gestellt, und ein Comité war zusammengetreten, um die Festlichkeiten zum Empfang des hohen 59 Gastes vorzubereiten: ein Seefest mit Regatta und Höhenbeleuchtung, Volksbelustigungen, bal champêtre und was der beengte Raum zwischen Bergwänden und See sonst noch an derlei Veranstaltungen erlauben wollte. Um aber zu dem feierlichen Anlasse etwas Neues zu bieten, war in das Programm der Regatta ein Wettfahren von Damen aufgenommen worden, mit dessen Leitung der Obmann des Vergnügungsausschusses und Arrangeur aller gemeinschaftlichen Ausflüge und improvisirten Tänzchen, der geistreichste und witzigste Gesellschafter – kurz, kein Geringerer als Herr Julius von Lerchenthal, Lieutenant a. D. und Badekönig von Waldsee, ganz besonders betraut wurde.

Dem Damencommissär – so wurde Herr von Lerchenthal nunmehr allgemein genannt – brachte diese neue Würde 60 allerdings auch neue Bürde! Ein Damenfahren! Das Wort war leicht ausgesprochen; aber es zur That werden zu lassen, erforderte die Gewandtheit eines Diplomaten, die Umsicht eines Feldherrn. Selbstverständlich erklärten eine Stunde nach dem Bekanntwerden dieses völlig neuen Programmpunktes sämmtliche Mädchen von vierzehn Jahren aufwärts und sämmtliche Frauen von fünfzig Jahren abwärts, ohne vorerst gefragt worden zu sein, daß sie sich an einer so »unweiblichen Schaustellung« nie und nimmer betheiligen würden. Nicht minder selbstverständlich aber beobachteten sie von diesem Augenblick an jede Miene, jede Bewegung des Damencommissärs, als hinge ihr Seelenheil von seinen Entschließungen ab. Er hatte ja aus dem reichen Damenflor von Waldsee die zwölf Wettkämpferinnen zu wählen . . .

61 Dreimal hatte die Dinerglocke des Curhauses ihr gellendes Bimmeln ertönen lassen, die Tische im Speisesaale waren fast vollständig besetzt, Teller und Schüsseln klapperten, Gläser klirrten, Kellner rannten athemlos auf und nieder – da öffnete sich die Saalthür, und Herr von Lerchenthal trat langsam ein. Seine sonst so klare Stirne war heute umwölkt, sein Blick ernst, seine Haltung zwar würdig wie immer, aber sichtlich gedrückt. Aller Augen richteten sich auf ihn, und auch er überflog mit seinem raschen Feldherrnblick die Anwesenden. Heute war der letzte Tag der Wahl der zwölf Damen, heute mußte er seine Entschließung bekanntgeben. Eine feierliche Pause, dann trat er vor. An einem, an zwei Tischen ging er mit höflichem Gruß vorüber. Die an diesen Tischen sitzenden Damen erblaßten, zerrten 62 nervös an ihren Servietten und warfen giftige Blicke auf ihre Gatten, Brüder oder Väter, als trügen diese die Schuld an der ihnen widerfahrenen Demüthigung. Wie triumphirend leuchteten dagegen die Augen der Erwählten; wie holdselig bejahend klang ihr leises »Aber nein!« das sie verschämt flüsterten; wie freudig bewegt sahen Mütter und Tanten der Ausgezeichneten auf den weisen Daniel, der mit so sicherem Blick die fremde Spreu von ihrem kostbaren Weizen zu scheiden verstand! Und er war ledig, dieser höchst gerechte Richter, ja noch mehr, er war ein ernst zu nehmender junger Mann in den bekannten »besten« Jahren, er war – um es mit einem entscheidenden, allumfassenden Worte zu sagen – ein Epouseur!

So schritt er, hier Sturm und Ungewitter, dort Sonnenschein spendend, durch 63 die langen Tischreihen, um sich schließlich völlig erschöpft am Ende des Saales neben seinem täglichen Tischnachbar, seinem Vetter, einem behäbigen Gutsbesitzer und dessen niedlicher Tochter niederzulassen und nach so schwerer Arbeit für das Wohl der Mitwelt nunmehr auch ein Stündchen für sich selbst und sein eigenes Wohl zu leben. Cousine Brigitta hatte seinen Triumphzug durch den Speisesaal mit leuchtenden Augen verfolgt und dabei die wiederholte Frage ihres Vaters überhört, warum sie ihre Suppe kalt werden lasse. Diese crème d'orge sei gar nicht übel, müsse aber warm genossen werden, denn sonst – – – Brigitta schüttelte schweigend den Kopf.

Was galten ihr alle Suppen der Welt in dem Augenblick, da sie bangend erwartete, daß Cousin Julius auch sie auffordern werde, sich an dem Damenfahren zu 64 betheiligen! Sie hatte jedes Lächeln, jeden Händedruck, den er spendete, mit Argusaugen beobachtet. Mit einzelnen Damen sprach er länger, freundlicher, eindringlicher – zumal mit der schönen Witwe in Halbtrauer, deren Hand er gar nicht mehr freigeben wollte . . . . O dieser Cousin Julius!

Da saß er nun neben ihr, aß – und schwieg. Er schwieg wahrhaftig! Für sie hatte er kein Lächeln, keinen Händedruck, keine Einladung! Er sprach nicht einmal mit ihr von dem großen Ereignisse, das Alle in Athem hielt; er löffelte ruhig seine Suppe, zerschnitt kaltblütig sein Beefsteak und blinzelte dabei nur ab und zu nach dem Tisch der halbtrauernden Witwe hinüber, die schamlos zurücklächelte – die Kokette! . . . .

Brigitta schob plötzlich mit einer heftigen Bewegung ihren Teller zurück, 65 murmelte etwas von einer entsetzlichen Migräne und verließ hastig den Speisesaal. Draußen drückte sie ihr Tuch vor die Augen und weinte. Nach einer Weile warf sie aber den Kopf zurück, eilte zum Seeufer hinab und löste dort die Kette des zierlichen Bootes, welches sie erst kürzlich vom Vater erhalten hatte; bald darauf stieß sie hastig vom Lande ab und ruderte mit langen »strokes« – ach, sie hatte sie »ihm« abgeguckt! – quer über den See. Am jenseitigen, unbewohnten Ufer wußte sie zwischen düsteren, hochaufragenden Tannen einen einsamen Platz, der so recht zu ihrer heutigen Stimmung paßte. Nachdem sie hinter einem Felsvorsprung ihren Kahn geborgen hatte, klomm sie empor, ließ sich auf einer moosbedeckten Steinplatte nieder und blickte träumerisch durch die Baumstämme auf den See hinab, dessen leicht 66 gekräuselte Wellen in der Sonne glitzerten. Die weihevolle Stille ringsumher, nur ab und zu von einem Vogelruf, dem Summen eines schwirrenden Insectes unterbrochen, besänftigte ein wenig ihren Schmerz. Schwermüthig lehnte sie das Köpfchen zurück, die Arme glitten müde in den Schoß, die Augen schlossen sich, und bald hob ein regelmäßiges Schlummerathmen ihre zarte Brust, indes ein leises Lächeln ihre Lippen umgaukelte – der Schmerz der Kinder endet ja stets im Schlafe.

Plötzlich fuhr sie empor und horchte. Plätschernde Ruderschläge und laute, fröhliche Stimmen näherten sich ihrem Versteck. Da glitten auch schon mehrere Kähne über den See – glücklicherweise steuerten sie weiter aufwärts der großen Wiese zu, welche die Landzunge nordseits begrenzte. 67 Dort pflegte die Badegesellschaft an schönen Nachmittagen den Kaffee zu nehmen. Jetzt fuhren die Schiffe an Brigitta vorüber. Das letzte Boot führte Er! Wie sicher und kräftig er die Ruder handhabte! Und wie glücklich er dabei seiner Dame zulächelte, die am Steuer saß! Es war natürlich wieder die Witwe in Halbtrauer. Mit dämonischer Genugthuung constatirte Brigitta, daß die Kokette ganz und gar nicht steuern konnte. Der Kahn fuhr in den abscheulichsten Schlangenlinien dahin, und Cousin Julius mußte alle Augenblicke mit einem Ruder die Fehler des Steuers ausgleichen. Wie strenge hatte er diesen Fehler einst an seiner kleinen Cousine gerügt, als er noch mit ihr zu fahren pflegte! Für die Witwe hat er kein strafendes Wort, sie durfte versteuern, so arg sie wollte! . . . . O Männer! O Welt! . . . .

68 Brigitta sank wieder auf ihre Felsplatte zurück und überließ sich schmerzlichen Betrachtungen. Das Eine hatte sie jetzt eingesehen: Das Leben war entschieden eine Kette von Enttäuschungen. Im Fremdenbuch des Hotels hatte sie einen Vers gelesen:

»Das Leben ist ein Pfannenkuchen,
Sein Inhalt ist des Lebens Bild;
Ich aber muß dem Schicksal fluchen,
– Der Meinige war ungefüllt!«

Der ungenannte Dichter hatte Recht! Brigitta lachte herb auf und beschloß, den herzlosen, leichtfertigen Cousin von Stunde ab zu vergessen. Gesagt, gethan. Sie stand auf. Was war er ihr noch? Nichts – weniger als nichts. Sie haßte ihn nicht, sie verachtete ihn nicht, o nein! – er war ihr nur gleichgiltig, bis zur Lächerlichkeit gleichgiltig. Sie wollte auch gar nicht mehr an ihn denken und sich ausschließlich 69 ihrem guten, alten Vater widmen, den sie seit einiger Zeit in höchst unkindlicher Weise vernachlässigt hatte. Dieser Gedanke mußte sehr rührend sein, denn er entlockte ihr einen Strom von Thränen, der erst versiegte, als sie in dem Wäldchen, unweit von ihrem Versteck, plötzlich ein Knistern von nahenden Schritten vernahm. Hastig hauchte sie in ihr Taschentuch und preßte es an die Augen – man sollte nicht entdecken, daß sie um ihn geweint hatte – – dann sprang sie ins Dickicht zurück und spähte von dieser gedeckten Stellung aus den Näherkommenden entgegen. Bald sah sie ein Frauenkleid durch die Tannen schimmern und vermochte zwei Stimmen zu unterscheiden. Die eine gehörte der Witwe in Halbtrauer, die andere aber – ihm, der ihr seit zehn Minuten so schrecklich gleichgiltig war.

70 Just bei ihrer Felsplatte, die sie kaum verlassen, blieb das Paar stehen, und die Witwe versenkte sich in den herrlichen Ausblick auf den See. Die Unverschämte!

Und welch ein Gespräch mußte Brigitta – wider Willen – belauschen! Julius sprach von dem nahen Fest und von dem Triumph, den die gnädige Frau bei der Regatta zweifellos erringen werde. Es lag etwas in seiner Stimme und in seinen Blicken, was die Horcherin mit beklemmender Angst erfüllte, so lächerlich gleichgiltig der Sprecher ihr auch war. Erst als die Witwe antwortete, athmete Brigitta ein wenig auf. Wie kalt sie sprach, wie ruhig und sicher sie den Augen des Cousins – diesen herzbezwingenden . . . . falschen Augen – begegnete! Und doch schimmerte durch ihre Worte jene Antwort, welche Julius erwartet zu haben 71 schien. Er beugte sich tief über ihre Hand und drückte die Seide ihres Sommerhandschuhes mit einer Inbrunst an seine Lippen . . . .!

Brigitta war im Innersten entrüstet. Diese Witwe war in der That dreist genug, sich dergestalt die Hand küssen zu lassen! Und jetzt lächelte sie sogar und sagte mit einem ersichtlich wenig ernst gemeinten Drohen:

»Wenn ich wirklich Siegerin werde, Herr von Lerchenthal! Noch bin ich es nicht!

»O, Sie werden, Sie müssen siegen! Ich schwöre es Ihnen!«

»Nicht so stürmisch, mein Freund! . . . . Warten wir das Fest ab!«

Sie lächelte wieder bedeutsam und ließ sich abermals die Hand küssen – die Schlange! – Dann erst verschwand das Paar im Gehölz. Brigitta starrte ihm noch lange nach, plötzlich aber kehrte Leben in 72 ihr bleiches Gesichtchen zurück, ihre Wangen rötheten sich, und ihre Augen blitzten. »Du sollst nicht siegen!« murmelte sie entschlossen und ballte die kleine Faust.

* * *

Der Tag des Festes war gekommen. Die Curgäste versammelten sich vollzählig am Ufer, wo eine mit Tannenreisig und bunten Fähnchen geschmückte Tribüne errichtet war; eine ländliche Musikkapelle schmetterte lustige Weisen in die klare Luft, Pöller krachten, Flaggen wehten und ehrfurchtsvoll begrüßt, erschien der erwartete Prinz, vom Comité geleitet, auf dem Festplatz. Die Herren verneigten sich tief, die Damen knixten. Die Witwe, welche heute die Halbtrauer abgelegt hatte, sah in ihrer rothen Ruderblouse mit dem breiten, gleichfalls roth verzierten 73 Ruderhute so hübsch aus, daß der leutselige Prinz, der schönen Frauen nicht abhold schien, sie durch eine Ansprache auszeichnete. Die Witwe erröthete und folgte fortan den Spuren des hohen Herrn, wohin er sich in dem Gewühl, das sich vor ihm stets ehrerbietig theilte, auch wenden mochte. Herr von Lerchenthal ging ihr auf Schritt und Tritt nach; doch vermochte er keinen Blick, geschweige denn ein Wort von ihr zu erhaschen; ihre strahlenden Augen hingen unverwandt an der hohen Gestalt des voranschreitenden Prinzen.

Brigitten's Vater trat dem Vetter mehreremale in den Weg. Der behäbige alte Herr blickte heute höchst unzufrieden um sich und fragte wiederholt: »Hast Du die Kleine nicht gesehen? Ich kann sie nirgends finden!«

74 Die Kleine! Julius war just in der Stimmung, sich um das Kind zu bekümmern! Er zuckte nur die Achsel und eilte seiner Witwe nach. Der ängstliche Vater schüttelte den Kopf und befragte besorgt die nächsten Umstehenden. Allein niemand wollte Brigitta gesehen haben.

Endlich ertönte das Zeichen für das Damenfahren. Jetzt erinnerte sich die Witwe ihres Cavaliers, der sich in den letzten Tagen so viel Mühe gegeben hatte, sie für diese Stunde zu »trainiren«. Sie nahm lässig und doch erregt seinen Arm, sah noch einmal nach dem Prinzen zurück und ließ sich dann zu den bereitstehenden Booten führen. Ein Trompetenstoß verkündete die Abfahrt zum »Start«. Der Prinz lächelte gnädig, die Witwe holdselig, der Damencommissär beglückt, die concurrirenden elf Damen bescheiden, kurz, alles war 75 fröhlich und guter Dinge – als plötzlich ein dreizehntes Boot, von einer dreizehnten Dame mit Sicherheit gelenkt, in der Reihe erschien und sich anschickte, mit den zwölf anderen Schifflein hinauszufahren. Der Damencommissär winkte heftig abwehrend und rief, das sei gegen die festgesetzte Ordnung; das dreizehnte Boot blieb aber beharrlich in der Reihe, ja es schwenkte jetzt so zierlich und flink gegen den gesticulirenden Ordner hin, daß ein lauter Beifallssturm die gewandte Bootsführerin für dieses Kunststücklein belohnte. Der Prinz wurde aufmerksam, und da Julius, welcher in der aufdringlichen Dreizehnten zu seinem Entsetzen sein eigenes, kleines Cousinchen erkannt hatte, erzürnt sein Verbot wiederholte, wandte sich die Hoheit lächelnd gegen den Eiferer, und der Damencommissär mußte das Ungeheuerliche 76 geschehen lassen: Brigitta zog, obgleich nicht zur Wettfahrt geladen, ruhig den vorausgeeilten Booten nach. Aller Blicke folgten ihnen. Nun waren sie angelangt, hatten gewendet und harrten der Letztgekommenen. Noch ein Moment athemloser Spannung, dann erfolgte das Zeichen zur Abfahrt, und hurtig tauchten die Ruder in den See.

Brigitta war am äußersten Ende postirt. Sie zog mächtig an den langen »Riemen« und sah anfänglich nach keinem der anderen Kähne aus. Die Sonne brannte heiß hernieder, auf den leicht bewegten Wellen hüpften glitzernde Lichter – – sie schloß die Augen und arbeitete weiter. Erst nach einer Weile lugte sie ein wenig seitwärts. Elf Boote waren bereits weit zurückgeblieben, nur das erste der Reihe hielt ihr Stand. Das war das Schiff der Witwe, sie erkannte diese an 77 der rothen Blouse, die weithin über die Wasserbahn leuchtete. Sollte die Arglistige siegen? Nein, das konnte, das durfte nicht geschehen! Mit erneuerter Kraft zog Brigitta an ihren Rudern. Aber die Sonnenstrahlen brannten immer unerträglicher, die unablässig bewegten Wellen glitzerten immer verwirrender, das Blut schoß ihr zu Kopf, der Athem wollte versagen. Dort glitt das Boot der Verhaßten immer schneller und schneller vorwärts; Brigitta fühlte, daß sie unterliegen müsse . . . . Da erscholl vom Ufer her lautes Rufen. Galt es bereits der siegenden Nebenbuhlerin? Noch einmal sah Brigitta nach ihr hin, und plötzlich strömte neue Kraft durch ihre Adern, ein Ruck, ein zweiter, ein dritter – ah, das Boot der Witwe blieb zurück, und unter Fanfaren, unter Händeklatschen und Tücherschwenken 78 fuhr Brigitta als Siegerin durchs Ziel. Dort stand Cousin Julius auf der Richterbrücke und sah mit einem verwunderten Kopfschütteln auf sie nieder. Sie zog die Ruder ein und athmete schwer. Nun hatte sie gesiegt, hatte die Witwe bestraft, Julius beschämt – warum das alles nur? Ihre Pulse flogen und ihre Wangen glühten, aber in ihrem Herzen war es still und kalt. Die wenigen Minuten der Wettfahrt um das Glück hatten sie völlig verwandelt. Am Ufer umringten sie die Gäste, der Prinz sagte ihr ein galantes Wort, und Cousin Julius, immer verwundert und kopfschüttelnd, bot ihr programmgemäß seinen Arm, um sie zur Preisvertheilung zu geleiten. Wo blieb nur das Glück, das sie von diesem Augenblick erhofft hatte? Die Witwe landete unbeachtet und stand mit zusammengekniffenen Lippen neben 80 ihr – die erhitzten rothen Wangen und die rothe Blouse kleideten sie jetzt ganz abscheulich – und doch, wo blieb die so sehnlich erwartete Genugthuung? Erst als der Vater auf sie zukam und sie unter zärtlichen Vorwürfen und dennoch glückstrahlend aus dem Gewühl führte, wich der Bann von der kleinen Siegerin, sie warf sich an seine Brust, umschlang seinen Hals und schluchzte unter hervorbrechenden Thränen:

»Oh, Papa, ich war so entsetzlich dumm!«

* * *

In Brigitta's Zimmer standen die Koffer gepackt. Sie selbst lehnte im Reisekleid am Fenster und blickte auf den See hinab, dessen leicht bewegte Wellen leise ans Ufer klatschten. Ein jäh aufgestiegenes Gewitter hatte gestern den Schluß des 81 Festes unterbrochen, nun leuchtete der Himmel wieder in zarter Bläue auf Erde und Wasser nieder. Im Zimmer nebenan sprach Papa mit einem Besucher, der die plötzliche Abreise nicht begreifen wollte. Es war Julius. Brigitta hörte seine Stimme, ohne wie sonst zu erbeben. Sie neigte den Kopf nur ein wenig zur Seite.

»Das Kind will es!« sagte Papa eben. »Und Du weißt, wenn sie einmal etwas ernstlich will . . . .!«

»Ich weiß!« erwiderte der Cousin. »Sie hat es gestern bewiesen. Ich kann mich noch immer nicht von meinem Erstaunen erholen. Wie sie einfuhr, und wie sie dann die Huldigungen entgegennahm . . . . nein, Vetter, Brigitta ist kein Kind mehr, sie ist gestern ganz plötzlich eine Dame geworden! . . . .«

82 »Meinst Du?«

»Und wie hübsch sie aussah! Wo hab' ich nur meine Augen gehabt! . . . .«

Ein leichter Schritt an der Thür; diese öffnete sich und Brigitta trat ein. Cousin Julius eilte ihr entgegen.

»Eben sagte ich Deinem Papa . . . .«

Er brach aber plötzlich ab und schwieg verlegen. Was für Augen die Kleine hatte und wie sie ihn ansah!

»Es ist Zeit zur Abfahrt, Papa!«

»Schon?«

»Ja. Und was Dich betrifft, Cousin, so mache ich Dich aufmerksam . . . . daß Deine Witwe unten auf und nieder wandelt. Sie hat wieder ihre Halbtrauer hervorgesucht und scheint irgendwen zu erwarten. Wenn Du der Glückliche bist, so gestatte, daß ich Dir gratulire. Sie ist wirklich hübsch – und 83 Ihr werdet ausgezeichnet zu einander passen . . . .«

Cousin Julius wurde sichtlich verlegen.

»Aber ich dachte . . . . ich weiß nicht . . . .!« stotterte er.

Brigitta nahm Papas Arm, nickte dem Cousin nochmals kühl freundlich zu und verließ das Zimmer, das Haus. Zofe und Diener folgten mit Koffern, Schachteln und Plaids.

Im Eisenbahncoupé fragte der Vater plötzlich: »Was hast Du gegen Julius, mein Schatz? Du hast ihn ja förmlich beleidigt, als er uns nach dem Bahnhof bringen wollte!«

Brigitta erröthete und antwortete leise, kaum hörbar:

»Ich schäme mich, Papa! Aber frage jetzt nicht, warum. Das werde ich Dir ein andermal erklären!« 84

 

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.