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Adieu Papa

Carl Karlweis: Adieu Papa - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAdieu Papa
authorCarl Karlweis
year1898
firstpub1898
publisherRobert Mohr
addressWien
titleAdieu Papa
pages197
created20150216
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Schand'.

Lange genug hatte Resi geschwankt, nun war sie zu einem Entschlusse gelangt: sie wollte sich dem einstimmigen Wunsche ihrer Familie fügen und Frau Stoißinger werden. Schweren Herzens ging sie ins »schöne Zimmer« zu ihrer Gnädigen und kündigte dieser die getroffene Entscheidung an. Die Frau Majorin, bei welcher Resi seit nahezu zehn Jahren als Mädchen für Alles diente, nahm die Meldung Resi's zwar mit der im Interesse ihrer Würde gelegenen Ruhe entgegen, aber aus ihrer 185 Antwort klang doch etwas von dem Mißvergnügen heraus, das sie bei dem Gedanken an den bevorstehenden »Wechsel« empfand.

»Ich rede Ihnen gewiß nicht ab, meine Liebe, denn Sie sind kein Kind mehr und müssen am besten wissen, was Sie in einer so wichtigen Lebensfrage beschließen sollen, aber Eines rathe ich Ihnen, weil ich es gut mit Ihnen meine: Uebereilen Sie nichts! Sehen Sie sich den Mann, den Sie heiraten sollen, gut und genau an, prüfen Sie sein Herz und seinen Charakter, denn so ein Bräutigam zeigt oft ein ganz anderes Gesicht, als später der Ehemann, und wenn Sie einmal Ja gesagt haben und der Herr Pfarrer seinen Segen dazu gegeben hat, dann kommt alle Reue zu spät. Das Heiraten ist ein Lotteriespiel, und Sie wissen, wie selten gerade 186 die Nummern herauskommen, die man gesetzt hat.«

Resi beantwortete diese lange Rede ihrer Herrin mit dem üblichen Thränenstrom, welcher der Besprechung einer so ernsten Angelegenheit gebührt. Unter Schluchzen zog sie den Brief hervor, den sie von ihrer Tante in Oberhollabrunn – der Familienältesten – erhalten hatte, in welchem Schreiben die würdige Muhme in gedrängter Kürze alle jene Gründe aufzählte, die für die geplante Verbindung ihrer Nichte mit dem Fleischermeister Herrn Aegidius Stoißinger sprachen: Erstens war der genannte Freier ein gesetzter Mann in den besten Jahren, zweitens besaß er ein schuldenfreies Haus und ein gut gehendes Geschäft, drittens hatte er mit seiner ersten Frau wie die Engerln im Himmel gelebt, viertens benöthigte seine 188 Wirthschaft dringend einer tüchtigen Hausfrau, fünftens hatte er zugesagt, seine Tochter einem Sohne der besagten Tante zur Frau zu geben, wenn Resi ihn heiraten würde, sechstens war ganz Oberhollabrunn in dem Gedanken einig, daß gerade Resi die geeignetste Frau für diesen vortrefflichen Witwer und Fleischhauer sei.

Einer so festgeschlossenen Kette zwingender Gründe vermochte Resi sich umsoweniger zu entziehen, als sie seit drei Wochen ganz »ohne« war, denn ihr Korporal war mit seinem Regiment nach Sarajevo gezogen, und Bosnien ist weit, Oberhollabrunn aber nah; ein sicherer Fleischhauer muß einem vernünftigen Mädchen am Ende doch lieber sein als ein ungewisser Korporal »im Türkischen«. Dagegen wußte auch die Frau Majorin nichts Wesentliches ins Feld zu führen, 189 und Resi erhielt den erbetenen dreitägigen Urlaub, den sie dazu benützen sollte, ihren Bräutigam »wenigstens anzuschauen«, wie der den Schluß des Schreibens der würdigen Tante bildende, gewiß billige Vorschlag lautete.

Resi kam nach Oberhollabrunn, sah und – wurde besiegt. Als glückliche Braut kehrte sie nach Ablauf ihres Urlaubes zur Frau Majorin zurück, der sie nicht genug erzählen konnte von dem herzlichen Empfang, den sie gefunden, und dem geradezu glänzenden Verlobungsschmaus, den ihr Zukünftiger auf eigene Kosten gerichtet hatte. In ihrem durch die begreifliche Aufregung allerdings ein wenig unklar gerathenen Berichte spielten namentlich ein prächtig »aufgegangener« Guglhupf und ein Gansl mit Gurkensalat hervorragende Rollen. Rechnete man hinzu, daß die Tante 190 vor Rührung geweint, vier Mann der Feuerwehrmusik einen schönen Trauermarsch – ihr einziges Concertstück – geblasen und ganz Oberhollabrunn neugierig zum Fenster hereingeblickt hatte, so wurde es begreiflich, daß Resi seit dem Tage ihrer Rückkehr von dem altehrwürdigen Rechte verliebter Köchinnen, die Speisen zu versalzen, den ausgiebigsten Gebrauch machte, Petroleum in den Waschtrog und Waschblau in die Lampen goß.

Allein, wenn sie sich für Oberhollabrunn entschieden hatte, weil es näher als Sarajevo gelegen ist, so schien diese geographische Begründung ihrer Gefühle sich plötzlich an ihr rächen zu wollen. Die Alserkaserne lag ihr ja zweifellos noch näher als Oberhollabrunn, und in diese Alserkaserne war seit einigen Wochen ein anderer Korporal eingezogen, der seinem 191 bosnischen Kameraden in herzbeklemmender Weise bis auf den kühn aufgewichsten Schnurrbart und eine interessante Vorliebe für Schinkenknödel mit Kraut glich. Der einzige Unterschied zwischen ihm und dem »Verwichenen« bestand in der Farbe der Aufschläge, ein zu unwesentlicher Unterschied, als daß er Resi's Herz hätte abhalten können, in unbewachten Augenblicken des Nudelteigwalkens oder »Abwaschens« Vergangenheit und Gegenwart der Alserkaserne zu verwechseln und dem hechtgrauen Korporal jene Gluten zu widmen, die sein kirschrother Vorgänger zu entfachen so meisterlich verstanden hatte.

Resi war zu stolz, um ihre Gefühle zu verheimlichen; sie war ein Mädchen für Alles, nicht für Alle. Kurz entschlossen, entschied sie den schweren Kampf zwischen Pflicht und Liebe zu Gunsten der letzteren 192 und schrieb an die Tante, daß sie, so leid es ihr auch thue, ihr gegebenes Wort zurückziehen und den Fleischhauer und Witwer einer Anderen überlassen müsse. Oberhollabrunn möge ihr verzeihen, sie könne nicht anders handeln.

Nun war sie frei. Nur wer das Glück einer reinen Liebe und den Frieden eines befreiten Gewissens kennt, wird die Seligkeit nachempfinden können, mit welcher Resi an dem Abend, welcher der Absendung dieses Schreibens folgte, ihren Korporal unter dem Hausthor erwartete. Und er kam . . . .

Tage des reinsten Glückes folgten. Da brachte der Briefträger eines Nachmittags ein recommandirtes Schreiben an die »wollgeborne Freiln Resi Stamhofer bei der Frau Mahjorin inn Wien«. Nicht ohne Bangen unterschrieb Resi das 193 Recepisse und öffnete das Couvert, welches mit beängstigender Deutlichkeit den Poststempel Oberhollabrunn zeigte. Die Grausamkeit ihres Vorgehens gegen den verliebten Witwer und Fleischhauer trat ihr mit einmal vor die bangende Seele. Wie tief hatte sie den guten Mann gekränkt, wie schlimm das Festessen belohnt, das er um ihretwillen gegeben hatte.

Welche Vorwürfe mochte dies Schreiben enthalten – wer weiß, vielleicht kündigte er ihr an, daß er sich ein Leid anthun wolle, da er ohne sie nun einmal nicht leben könne?! Ein Schauer überlief sie.

O, Korporal, Deine Liebe ist theuer erkauft! Lange wagte sie nicht, den Brief zu entfalten. Erst ein Prasseln auf dem Herd und ein scharfer brenzliger Geruch, 194 der sich in der Küche verbreitete, rissen sie aus ihren trüben Phantasien auf. Die Milch war übergegangen und angebrannt. Sie rückte den Topf vom Feuer und reinigte die Herdplatte. Aber sie that es nur mechanisch; auch auf die Vorwürfe der alsbald herausgeeilten Frau Majorin hörte sie nur mit halbem Ohr. Was galt ihr dieser unbedeutende Zwischenfall gegen das furchtbare Schicksal, das vielleicht in jenem Briefe lauerte! War es jetzt Zeit, an Nichtigkeiten, wie den Nachmittagskaffee zu denken? Endlich entschloß sie sich doch, den gefürchteten Brief zu lesen. Ihre Ahnung hatte sie nicht getäuscht, er kam von ihm, von dem Verlassenen. Was hatte er ihr zu sagen?! Sie las:

»An wollgeborn . . . .« u. s. w., wie auf dem Couvert. 195

Rechnung.
Ein Kuglhupf fl. 1.24
Gebeg " —.62
Die Ganz
  (mitsamt den Sallat)  
" 2.30
Wein und Bier " 4.12
Vir di Mußiganten " —.96
Die Schand " 10.—
—————————
macht alles   fl. 19.24

was Sie mir gleich schüken solen, für das, das aus uns wegn ihnen nix worn is.

achtungsfol        
Aegydius Stoißinger.

Wenn Sie mir das Geld nicht balt schüken, mus ich's einklagn, tut mir ser leidt. Wo alle im Ort mir gans recht gebn.

Achtungsfol.«

Der Brief war ihren Händen längst entfallen, und noch immer starrte Resi vor 196 sich hin ins Leere. Was in jener Stunde ihren Busen bewegte, hat nie ein Sterblicher erfahren. Als es Abend geworden war, trat sie wieder vor ihre Gnädige und kündigte dieser in aller Form den Dienst. In vierzehn Tagen wolle sie gehen.

»Nach Oberhollabrunn?« fragte die Herrin verwundert. Sie hatte durch die allwissende Hausbesorgerin von den trauten Plauderstündchen Resi's und des Hechtgrauen unter dem Hausthor erfahren und das Heiratsproject als aufgehoben oder doch aufgeschoben betrachtet.

Resi nickte.

»Ich muß ja!« seufzte sie herzbrechend.

»Oh? Und warum müssen Sie?«

Statt aller Antwort reichte ihr Resi die Rechnung des verlassenen Bräutigams.

»Zehn Gulden soll ich zahlen – für die Schand'! Lieber heirat' ich ihn!« 197 schluchzte sie unter hervorquellenden Thränen. »Das soll kein Mensch von mir sagen, daß ich ein Schandgeld hab' zahlen müssen.« Und dabei blieb sie. Der Hechtgraue erhielt den Abschied, die Pflicht und Oberhollabrunn hatten gesiegt.

 

 

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