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Adela Bourkes Begegnung

Arthur Holitscher: Adela Bourkes Begegnung - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleAdela Bourkes Begegnung
authorArthur Holitscher
year1920
firstpub1920
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleAdela Bourkes Begegnung
pages408
created20110730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mr. Brodeur, der Obstzüchter aus Ontario, fand Mr. Fergus an die Reling gelehnt, im Sonnenschein auf dem oberen Deck.

Unten auf Zwischendeck tummelte sich wieder das bunte Gewimmel.

185 »Hallo, Mr. Fergus!«

»Guten Morgen, Sir. Schöner Morgen, nicht wahr?«

Mr. Brodeur spuckte Tabakssaft auf die Bohlen und blickte, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen, auf die Zwischendeckler hinunter.

»Das sind nun diese Leute,« sagte er, »diese Syrier und Armenier und Kroaten und Juden und was weiß ich, die wir schiffsladungsweise in unser Land hereinbekommen. Wer hat sie gerufen? Ich gehöre keiner von den hundert Gesellschaften an, die bei uns die Einwanderung begünstigen, denn wo bleiben sie alle, diese dort unten? Wenn sie doch bloß nach dem Westen gingen, Weizen bauen, oder meinetwegen bei uns im Osten aufs Land hinunter wollten, daß man sie als Arbeiter dingen könnte! Denn die Arbeiterverhältnisse sind, beim Teufel, elend genug dort herum, wo ich zu Hause bin! Aber sie bleiben in den Städten kleben und füllen die Vororte mit einem stinkenden Gewimmel an. Sehen Sie sich bloß, wenn Sie durch Toronto kommen, Shackville, die Barackenstadt an!«

Er schöpfte Atem und zog die Mütze über die Stirn. »Nun werden wir bald dieselbe Maroonstreet-Gesellschaft bei uns haben, Sie haben es heute morgen gelesen, drüben in der alten Heimat, diese Lordmayormörder und Verschwörer! Nur daß man sie bei uns nicht ausräuchern darf aus ihren Rattenlöchern, wegen der verfluchten Politik, die sich auf den Zuzug und die Wahlberechtigung solchen Gesindels stützt!«

Garrat sagte höflich: »Ja, das Einwandererproblem ist wohl eine Gefahr für die Dominion.«

Mr. Brodeur ließ einen kleinen meckernden Laut hören. Unten hatte ein slovakisches Weib die Orangefarbene angestoßen, und schrie nun in einem kollernd kreischenden Idiom etwas hinter der Taumelnden her. »Sehen Sie die dort mit dem roten Tuch, oder dem gelben Tuch. Verrückte Schraube, kurios, wie das daherstelzt!«

186 In diesem Augenblick schaute die Frau mit dem Tuch zu den beiden hinauf. Ihr Blick ging von Brodeur zu Garrat, ein müder, scheuer Blick, wie aus den Augen eines getretenen Hundes.

Mr. Brodeur zwinkerte belustigt und machte eine Bewegung mit dem Kopfe. »Sie hat uns ins Aug' gefaßt, die Madam!«

»Ein Hüftschaden, während der Schwangerschaft zugezogen. Wahrscheinlich hat sie der Mann mißhandelt.«

»Ja, eine rohe Bande ist es schon!« sagte Mr. Brodeur. »Bei mir auf der Farm ist eine Hündin, ein schottisches Tier, der hat einmal ein Knecht, als sie trächtig war, einen Fußtritt gegeben, sie schleppt das Bein nach seither.«

»Diese Menschen haben uns viel zu verzeihen,« sagte Garrat mehr zu sich.

Mr. Brodeur sah ihn erstaunt an: »Was verzeihen? Wem verzeihen? Was meinen Sie denn?«

Garrat räusperte sich. Er ärgerte sich darüber, daß ihm ein Wort entschlüpft war, das, so fürchtete er, die Unterhaltung mit dem Französisch-Kanadier in Schwung bringen, hinausdehnen könnte.

»Ich meine, diese armen und elenden Menschen haben nicht selber allein Schuld an ihrem Elend und ihrer Roheit. Es ist nicht alles so in unserm öffentlichen Leben, daß uns alle nicht auch Schuld an ihrer Roheit und ihren Lebensumständen träfe.«

»Meinen Sie: die Regierung? Oder die Fabrikbesitzer?«

»Ja . . . ich meine, alles zusammen . . .«

»Well, Sir, ich habe meine Leute auf der Farm immer ganz gut bezahlt und behandelt, ich muß mich ausnehmen. Wer heißt sie denn herüberkommen und die Löhne drücken? Daheim haben sie's gewiß zehntausendmal schlechter als bei uns. Sie müssen das wissen, die Schuld trifft ihr 187 eignes Land. – Nein, wir haben sie nicht herübergebeten. Wir Besitzer nicht.«

Garrat hatte die Nachricht vom Attentat in der Morgenzeitung auf Deck gelesen. Er wußte nicht, weshalb, er fühlte sich heitrer, weniger belastet an diesem Morgen. Er sah gerührt hinunter auf die Leute, überlegte, ob man ihnen oder den Kindern nicht etwas hinunterwerfen könnte, eine Silbermünze, eine Apfelsine.

»Was ist das für eine Gesellschaft, die dort um den Tisch sitzt?« frug Mr. Brodeur.

Da kam Kapitän Fraser vorüber.

»Guten Morgen, meine Herren. Schöner Morgen, ist's nicht so?«

Die Herren erwiderten den Gruß des Kapitäns. Er hatte im Vorübergehen die Frage Brodeurs gehört: »Russische Juden, Sir, aus Charkow. Nach Toronto unterwegs.«

»Dasselbe russische Gesindel, wie jetzt das aus Maroonstreet. Und sowas befördern Sie, Kapitän?«

»Na, ja . . . was sagen Sie zu dem Attentat?« sagte der Kapitän ausweichend. »Und wie rasch wir es hier in unsrer Schiffszeitung stehen hatten!«

Die Drähte über dem Schiff surrten, der Drahtlose knackte hörbar durch den Lärm des Morgens auf Schiff und See. »Wunderbare Erfindung! Ist's nicht so?«

Kapitän Fraser kniff die Augen zu und blickte Garrat an.

Garrat nickte.

Der Kapitän legte die Hand an die Mütze. »Guten Morgen, Gentlemen.«

»Ein Wort, Kapitän,« sagte Garrat plötzlich. »Könnte man nicht für diese Leute dort unten etwas tun? Es sind so armselige darunter.«

»Die Kompanie sorgt für sie;« sagte Fraser, »sie haben gute Kost, sie wohnen ganz gut, es sind unsaubere Leute, dafür können wir nichts. Die Kompanie tut alles Mögliche für sie.«

188 »Ich dachte daran,« sagte Garrat. »Wenn man hier oben in der ersten Klasse steht . . .«

»Na, ja, Sir, Sentimentalitäten, kenne es. Wenn man zum erstenmal über See fährt. Das gibt sich,« sagte Kapitän Fraser. Mr. Brodeur sah Garrat verwundert an. Er hatte ihn ja für einen Matter-of-fact-Menschen gehalten!

Auch Kapitän Fraser machte ein erstauntes Gesicht, als Mr. Fergus bei seiner Meinung beharrte, es könnte hier oben in der ersten Klasse für die Ärmsten unter jenen dort unten etwas getan werden.

»Das fehlte gerade noch!« brummte der Ontarioer. »In Watte einwickeln, ehe sie noch den Boden der neuen Heimat unter den Füßen haben! Dieses Volk kann nicht früh genug zu wissen bekommen, daß es drüben auf harte Arbeit allein ankommt. Dieses Maroonstreet-Gesindel! Mörder und Verschwörer!«

Die Orangenfarbene zwängte sich unten durch die Gruppen.

Garrat sagte: »Es sind alte Leute unter ihnen, Sieche, schwer für die, ein neues Leben zu beginnen.«

»Bah!« sagte Mr. Brodeur, »wenn die Slums voll von lauter unschuldigen Opfern wären, hätten die Seelsorger alle Hände voll zu tun!«

»Ich denke nur, wie viele von denen hätten das Recht, an unsrer Stelle in der ersten Klasse zu fahren. Es ist nicht so in der Welt eingerichtet, daß die Armen die Schuld an ihrer Armut tragen.«

»Hei, Mr. Fergus, wie steht's mit der Heilsarmee? Sind Sie etwa ein verkappter Major, Oberst, oder sonst wer?«

Garrat wurde blaß und schwieg. Der Kapitän lachte ein gutmütiges Lachen und empfahl sich, die Hand an der Mütze.

Auf dem Fuße der Treppe begegnete er Kennedy. »Hallo, Doc!« »Hallo, Kapitän!« »Das hätten Sie hören 189 sollen, eine philanthropische Morgenpredigt, und von wem? Von Mr. Garrat! Die Zwischendecker – er war ganz gerührt!« »Der alte Galgenvogel. Er verlegt sich aufs Heucheln!« »Es schien mir nicht so. Er meinte es. Er war ganz gerührt. Ein paar Alte und ein krankes Weib unten – er sprach davon, es sei schwer, anzufangen, die Menschen müßten einander helfen, alle tragen Schuld!« »Und Sie, Kapitän?« »Ja, was soll ich sagen – vielleicht tun wir einander Unrecht. Vielleicht . . .«

»Vielleicht etwa gar den Burschen laufen lassen? Sie haben schlecht geschlafen, Kapitän, ich schicke Ihnen ein Purgativ!«

Fraser lachte verlegen. »Ach was, so meinte ich es ja nicht. Es ist nur sonderbar, einen Patron wie diesen von Menschenliebe sprechen zu hören.«

»Ja, ein kurioser alter Fisch.«

»Waren Sie schon unten bei dem Diphteriefall?«

»Ich bin gerade im Begriff.«

»Guten Morgen, Doc.« »Guten Morgen, Kapitän!«

*

Im Gewühl der Aussteigenden am Untergrundbahnhof Oxfordstreet-Britisches Museum gewahrte Adela Herrn Lucas. Er hatte sie gesehen und drückte sich scheu in die Menge, um von ihr nicht entdeckt zu werden. Adela bot der nach dem Ausgang des Schachtes drängenden Menge Widerstand, so daß sie in seine Nähe gepreßt wurde, nickte dem unter seinem breiten Hut Errötenden zu und sagte: »Wir haben den gleichen Weg. Sie gehen wohl auch nach West-House heim?«

Sie fuhren im Lift zur Straße hinauf.

»Ich komme von armen Leuten,« sagte Adela.

»Ich war im East-End.«

»Bei den Belagerten . . .« sagte Adela.

190 Herr Lucas antwortete leise: »Jawohl.«

»Sie müssen mir erzählen. Auch ich habe zu erzählen.«

»Ja.«

»Nach dem Diner. Ich erwarte Sie.« –

Herr Lukas pochte nach acht Uhr abends an die Zimmertür Adelas.

Sheila öffnete, kaum daß er gepocht hatte, als hätte sie an der Tür gestanden und auf das Pochen des Freundes gewartet. Sie ging artig in die Ecke, setzte sich mit Feuer und ihrem Spielzeug auf ein Kissen und spielte lautlos.

Adela saß auf der Chaiselongue und hielt ihr kleines Onyxkreuz zwischen den Händen. Die Kälte des Steins war in ihrem Händedruck zu spüren.

»Es sind viele tot. Hört man Jammern in den Straßen?« frug sie den jungen Mann.

Herr Lucas stand mit dem Gesicht nach der Straße, die Stirn vom Abendlicht rötlich beschienen da, den Blick über die Häuser des Platzes weg. Seine Arme fielen schlaff an dem magern, dürftigen Körper nieder. Er tat seine Lippen beim Sprechen kaum auseinander.

»Ich habe die Straße gesehen, das Haus, die Menschen vor dem Haus. Die Straße war abgesperrt. Sie haben mich durchgelassen, obzwar ich nicht darum gebettelt habe. Ich stand vor dem Haus, aus dem noch Rauch kam. In meinem Gehirn ist mit dem Rauch noch dies Bild des Hauses geblieben. Rauch kam aus den geschwärzten Fensterlöchern.«

»Was taten die Leute, die um das Haus standen?«

»Sprachen, rauchten. Gingen auf und ab. Schauten geradeaus. Frauen mit Kindern auf dem Arm. Soldatenfrauen sprachen mit ihren Männern, die den Weg versperrten.«

»Und die Fenster rauchten noch?«

»Beizender grüner Gestank nach Verbranntem.«

191 Herr Lucas schluckte. Er verschlang einen Knebel, aufquellendes Entsetzen. Dann begann er monoton zu sprechen, als sei zwischen seinem Monolog und der Frau, die ihn anhörte, die Wand zum Nachbarzimmer, mit Tapeten, bunt auf jeder Seite, mit dem Messingbett, Mahagonischrank, mit den Bildern im Rahmen, hüben und drüben.

»Es sind viele Menschen tot. Die Straßen schon an der nächsten Ecke so munter, die ganze Stadt ist voll von Leben. Ich bin über die Straßen gegangen, an Schaufenstern vorbei, zur Haltestelle der Untergrundbahn, und hierher, zwischen Menschen, zwischen meinesgleichen. Die Toten waren schon fortgebracht. Nur die Fenster rauchten noch nach ihnen.«

Adela hatte ihre Hände, die schönen, ringgeschmückten vor ihre Augen gepreßt. Sheila regte sich nicht. Auf dem Fußboden saß sie, alle ihre Puppen eng an die Brust gepreßt, mit dem Rücken gegen die Mutter und den Gast, still.

»Annabel Lee!«

Adela nahm ihre Hände vom Gesicht, sah Herrn Lucas erstaunt an.

»Annabel Lee! Ich habe sie gesucht auf den Gassen, in den Gassen bei Nacht und an Sonnentagen, in dem Königreich, und habe weder Schönheit noch Zartheit gefunden, sondern nur Not und häßlichen Tod. Hätte ich sie nur gefunden – sie fortgeführt aus dem Elend dieser grausamen Welt, schlechter als der der Tiere! Was sind wir denn, daß man uns erst erinnern muß? Daß wir erst von einem Schuß aufschrecken müssen, um uns die Augen zu reiben und zu sehen: wo wir sind? In welcher Welt? Ein Schuß!«

Adela nickte. Aber Herr Lucas sah niemand und nichts.

»Wer ist aber heute verbrannt, ausgeräuchert, an wem geht die Menge lachend und nach den Schaufenstern ausschauend vorüber? Tot und verstümmelt auf der Straße zwischen den Geleisen, da liege ich selbst, und meine Bücher 192 liegen neben mir, über sie ist die Straßenbahn weggerollt. Und wieder nicht ich, denn ich stehe und sitze und esse und schlafe in einem schönen Zimmer und die Leute, die um mich sind, haben gute und gesunde Mienen und weiße Hände, viele Ringe an weißen Händen. Dort aber, wo die Fenster grün und beizend rauchen, sind verkrüppelte Hände, harte und verkrampfte Gesichter und verkrümmte Glieder von schlechter Geburt und zerrissene Kleider, die nicht bedecken die Verkrüppelung, sondern sie herausstecken, damit jeder sie sehe. Aber keiner sieht, denn jeder denkt an sich.«

Herr Lucas hielt inne. Plötzlich besann er sich. Er sah hilflos erst auf das Kind, dann auf die Frau. Seine Stimme war ganz verändert, als er sich verneigte und sagte:

»Verzeihen Sie, Madam, daß ich Sie aufgehalten habe. Kann ich Ihnen mit etwas dienen? Soll ich dem Stubenmädchen läuten?«

»Bitte, Herr Lucas!« sagte Adela. »Bleiben Sie!«

Sie holte einen Sessel, zwang Lucas Platz zu nehmen, setzte sich ihm gegenüber.

»Ich war heute auch bei elenden Menschen. Sie haben ja die Garrat-Sache in der Zeitung gelesen? Ich war bei der Mutter von Cora Alix Stratton.«

Herr Lucas sah Adela erstaunt und ehrerbietig an.

»Ich habe gesehen wie die alte Witwe lebt. Ich habe sehen wollen, ob man ihr helfen könnte. Sie sagt, ihre Tochter sei keine Verbrecherin.«

Adela schwieg, holte Atem, schwieg weiter.

»Es ist nämlich so,« fuhr sie rasch fort: »meine Familie hatte einen Diener, der hieß Stratton, und war aus demselben Stadtviertel, in dem die alte Witwe lebt. Ich erinnre mich an den alten Stratton, er hieß Toby, ich saß auf seinen Knien, er ist lange tot. Ich wollte jetzt erfahren, ob die Witwe mit dem Diener verwandt sei, und dann ihr helfen.«

193 Herr Lucas sah Adela mit seinen dunkelbewimperten Augen an.

Sie sah seine braunen Augen, sagte sich: »Ein Mönch. Er liest in den Seelen.« Sie schlug die Augen nieder.

»Es muß alles geändert werden!« sprach Herr Lucas. »Es ist alles zwischen den Menschen verkehrt und schlecht, so wie es ist; wir sind alle im Unglück befangen und keiner denkt daran, etwas dagegen zu tun. Die einen sind verkrüppelt geboren, die andern sind in ihrer Kindheit krumm geschlagen, dann schlecht genährt und haben zugesehen, wie die Alten um einen Lichtstumpf Karten spielten im Zimmer nachts, wenn Kinder schlafen sollten, oder man jagte die jungen Mädchen bei Nacht und Nebel auf die Straße. Aber das ist es nicht allein: in den schönen Straßen fährt der Lord-Mayor im Pomp und mit goldnen Ketten, und die schönen und reichen Menschen schauen aus den Fenstern und Balkonen zu, aber sie werfen die Fenster zu und machen grimmige Gesichter, wenn unten die Polizeiknüttel auf einen zerlumpten Halunken niedersausen. Es ist alles neu anzufangen. Mein Gott, so kann man nicht leben!«

»Nein, so kann man nicht leben!« sagte Adela.

Sheila hatte ihre Puppen niedergesetzt und kam, da sie den schluchzenden Ton in der Stimme der Mutter hörte, zu Adela. Sie schmiegte sich an ihre Knie, zog die Hände der Mutter auf ihre kleine Brust.

»Mammy! Einen Kuß deinem kleinen, lieben Baby?« sagte sie.

Adela neigte sich nieder, als gehorche sie dem Kind, oder einem Arzt, der ihr als Arznei verschrieben hätte, ihr Kind zu küssen.

Sheila streichelte die Hände der Mutter, blickte dann zu Herrn Lucas, verzog ihr kleines Gesicht zu einem kurzen, freundlichen Lächeln und ging lautlos zu ihren Puppen zurück.

*

194 Der Steward hatte die Uhr gestellt. Garrat kam, mit seiner Taschenuhr in der Hand, in die Kabine zu Cora. Er richtete den Zeiger umständlich und setzte sich auf das kleine Sofa unter der Luke.

Cora lag auf dem Bett und las, Kopf und Buch zum Licht gewendet.

»Wir fahren langsam. Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat. Der Obstzüchter sagte eben: der Kapitän wolle wohl wie beim Gymkhanaspiel einen Rekord in der Langsamkeit schlagen. Was hat das zu bedeuten?«

Cora verblieb regungslos.

»Soeben begegnete mir der Offizier Stratton. Er hat mich gestellt. Immer, wenn er mich sieht, verändert er schon von weitem sein Gesicht. Er denkt sich wohl: »Das ist der Ehemann von meinem Flirt!«

Cora wendete das Blatt in ihrem Buche.

Garrat senkte die Stimme. »Es wird gut sein, wenn wir in Freiheit sind. Dies hier ist nichts als ein Gefängnis. Um nichts besser, um nichts verschieden. Beaufsichtigt Tag und Nacht. Der Kapitän. Dem Arzt traue ich nicht. Ein heimtückischer Patron mit seinen Anekdoten und seinen blauen Stunden, in denen er unsichtbar ist. Er besäuft sich wohl unten in seiner Kabine. Das sind seine blauen Stunden!«

»Du wirfst allen vor, daß sie Schurken seien.«

Sie schwieg.

»Du meinst, gerade ich dürfte . . . am wenigsten . . .

Cora wendete das Blatt und las.

»Wir müssen das besprechen: ich habe oben im Schreibzimmer einen Prospekt über die nördlichen Gebiete von Saskatschevan und Alberta gefunden. Ich habe ihn hier.«

Er nahm ein Heft mit buntem Umschlag aus der Tasche. »Überall werden Ärzte, Apotheker, Chemiker gesucht. Kleines Kapital erwünscht, nicht nötig. Es ist von einer 195 Stadt die Rede, die fünf Jahre alt ist und zehntausend Einwohner hat. An der Canadian-Northern, an der Grenze Britisch-Kolumbiens. Ihr Name ist Karooville.«

»Warum muß es so weit im Westen sein. In Ontario findet sich gewiß etwas. In großen Städten ist man sicherer, als in einem kleinen Nest, wo jeder jeden kennt. Eine kleine Stadt ist ein ärgeres Gefängnis als ein Schiff!«

»In einer großen Stadt? Wie? Londoner sind überall unterwegs. Glaube nicht, daß man da aus der Welt ist.«

»Ein Zufall ist möglich. Aber ich will nicht in einem kleinen Flecken von früh bis abend ungehobelten Lümmeln hinter dem Ladentisch Pulver verkaufen!«

Garrat schwieg. Dann frug er, kurz: »In welcher Stadt?«

»Nun,« sagte Cora, »man erspart die weite Reise, das kostet ja viel. Toronto!«

»Ryan,« sagte Garrat. »Dieser Mann Ryan. Du hältst mich für blind. Mr. Ryan.«

»O, wie lächerlich du bist! John! Mr. Offizier Stratton und Mr. Ryan. Vielleicht Dr. Kennedy auch und Mr. Brodeur?«

Sie legte das Buch fort. »Ich bin viel zurückhaltender als du. Und du hast doch mehr Ursache, als ich . . . Ich bin freundlich zu den Leuten. Es ist gerade, als wolltest du herausfordern.«

»Hör mich, Amy!« sagte Garrat. Er saß an ihrem Bett. Er sog die Lippen in den Mund. »Das mit Ryan habe ich nicht in den Wind gesagt. Keine Laune. Du meidest ihn, die letzten Tage, die wir noch auf diesem verbiesterten Schiff bleiben müssen. Du hast mich verstanden. Es wird meine Sorge sein.«

»Meine!«

»Nein!« Er ergriff ihre Hand, bog sie im Gelenk. Sie unterdrückte einen Schrei, sah ihn an, mit einem kreisenden Blick. Aber gleich lockerte sich der Griff. Er streichelte das 196 gerötete Gelenk. »Den Offizier und den Mann Ryan. Du wirst die Unterhaltung mit beiden auf das Nötigste, das Höflichste beschränken. Nie, keine Sekunde mit ihnen sprechen, wenn ich nicht zugegen bin. Wir werden jetzt über Karooville sprechen.«

Cora griff nach ihrem Buch. Garrat warf es in die Ecke. Es flog mit flatternden Blättern an die Tür, fiel nieder.

»Karooville liegt sechsundzwanzig Stunden weit von Vancouver. Der nächste größere Ort ist . . .«

Er schwieg. Cora's Gesicht war hart, sie blickte zum Netz, das in den Fond der Bettwand gespannt war.

»Du glaubst . . .« sagte Garrat leise, »daß ich deinen Launen freien Spielraum gewähren werde. Daß ich dich nicht hier habe –« er machte aus seinen Händen einen Ball, quetschte dann die Finger gegeneinander. »Gib acht.«

Cora machte sich frei, sprang vom Bett herunter und ordnete ihr Kleid, ihr Haar.

»Karooville hat im Jahre 1905 hundertfünfzig Einwohner gehabt, im Jahre 1906 tausendachthundert, im Jahre 1907 fünftausend, heute, beziehungsweise zur Zeit der Ausgabe der Broschüre zehntausendachthundertneununddreißig. Die Bank of Canada hat in ihr eine Filiale, die Canadian Bank of Commerce eine, die Imperial Guarantee und Accident Insurance hat eine Zweiganstalt eingerichtet. Der Umsatz der Bank of Canada war im März dieses Jahres dreieinhalb Millionen Dollar. H. H. Williams & Co. haben eine Agentur für Land und Grundstückverkauf eingerichtet. Es sind steinerne Häuser . . . warte . . . wieviel . . .«

Cora saß auf dem Sofa unter der Luke und hatte ihren Roman vom Boden aufgelesen. Sie suchte die Seite, fand sie, glättete das Blatt.

Garrat legte das Heft mit den Daten über Karooville fort und sah Cora an. Sie schien seinen Blick nicht zu 197 bemerken. Einmal blickte sie zur Tür, es war nicht zu konstatieren, ob die Tür verriegelt sei oder nicht.

Garrat faltete die Hände und sah auf sie nieder. Er fühlte Schwäche und Entspannung, wie sie Menschen befällt, die einer großen Gefahr entronnen sind oder eine letzte Hoffnung auf Rettung endgültig aufgegeben haben.

»Wir wollen also nicht nach dem Westen gehen, sondern in Toronto bleiben,« sagte Garrat mit ruhiger Stimme. »Wir wollen uns an den Rechtsanwalt Ryan wenden, er wird mir eine Stellung in Toronto verschaffen, mich in die Gesellschaft einführen, in der wir, sooft er mit seinem Schiff in Kanada eintrifft, Offizier Stratton begegnen werden. Ich bin ein Kaufmann aus Antwerpen, kenne mich im Handel mit Patent-Medizinpräparaten aus und habe auch medizinische Kenntnisse, wie ein Arzt. Es wird alles gut gehen.«

Er schöpfte Atem, fuhr fort:

»Aber es ist ein Fehler in der Rechnung. Ich muß, um in Toronto bleiben zu können, eine Einzelheit aus meinem Leben, meinen Erfahrungen verschweigen, die bisher weder Mr. Ryan noch sonst jemand kennt – von der ja nicht einmal du noch genau und so deutlich Kenntnis hast, wie du sie sogleich haben wirst. Dieses Detail ist: ich bin nicht nur des Mordes an meiner Frau Belle Garrat verdächtig, sondern ich habe sie tatsächlich ermordet.«

Er löste seine Hände, langsam, verschränkte die Arme und ging mit mäßig bewegten Schritten im Zimmer auf und ab.

»Diese Einzelheit geht natürlich außer uns beiden niemand an. Ich werde sie auch auf der Folter niemand preisgeben. Aber es ist nötig, daß du von ihr genaue Kenntnis habest, damit wir uns über die nächsten Schritte in Kanada klar seien. Ich wiederhole es also: ich habe Belle Garrat an einem Ort, an dem sie mit einem Dritten ein 198 Stelldichein gehabt hat, überrascht, und sie durch eine subkutane Injektion – die chemische Formel des Präparates erläßt du mir wohl – getötet, nachdem es mir gelungen war, sie für einige Minuten zu betäuben. Ich hatte den beiden aufgelauert, Belle und dem Mann. Als der Mann das Haus verlassen hatte, verschaffte ich mir Eintritt in das Haus. Ich ahmte die Gangart und die Sprache des Mannes nach – es gelang mir, denn ich war seit langer Zeit mit ihm bekannt. Meine Frau hielt mich für ihn, glaubte, ihr Geliebter sei zurückgekehrt. Um sie zu betäuben, wandte ich Chloroform an, es ging fast ohne Gewalttätigkeit ab. Genug.«

Er setzte sich, stand auf, ging an den Waschtisch, zog seinen Rock an, bürstete ihn sorgfältig.

»Sobald du mich dazu aufforderst, werde ich dir den Plan mit Karooville weiter auseinandersetzen.«

Er bereitete sich zum Gehen vor, drehte sich vor der Tür noch um und sagte beiläufig: »Ich begreife, daß andre mit dir freundlichere und lieblichere Gespräche pflegen. Es steht dir frei, mich . . . mich . . .« Er schloß nicht, griff nach der Türklinke.

Sie stürzte auf ihn zu. Sein Gesicht an ihrer Wange wurde naß von ihren Tränenströmen.

Garrat preßte den warmen Körper, der zitterte und Schwäche zeigte, an sich.

Er lächelte, über ihr duftendes Haar weg, das seine Lippen umfloß.

»Wir gehen weit fort,« flüsterte Cora schluchzend. Garrat lächelte weiter.

»Wohin du willst. Dich liebe ich. Alles teilen wir. Alles.«

Er führte sie, da er eine Ohnmacht Coras befürchtete, zum Sofa, setzte sie nieder.

Darauf ging er zu seinem Koffer, zog ihn aus dem Verschlag unter dem Bett heraus, öffnete ihn, suchte und 199 schraubte eine Glastube auf, die aussah wie die Behälter, in denen man die Zahnbürsten aufbewahrt. In Seidenpapier gewickelt, fand sich ein kleines gelblich lichtdicht gemachtes Fläschchen länglicher Form in der Tube.

Er nahm es heraus, zeigte es Cora. Er sprach eine chemische Formel, die sie aus den Korrespondenzen vom Kingsway her kannte.

Cora nickte, sah Garrat in die Augen.

»Wann du willst.«

»Wann du es befiehlst.«

Garrat nahm das gelbbraune Glas zu sich. Er versperrte den Koffer, schob ihn unter das Bett zurück. Lange hielten sie sich umschlungen, enge auf dem Sofa beisammensitzend, im schütternden Schiff, das vorwärts fuhr. –

*

Das »Sonntags-Telegramm«, des Londoner Mittelstandes Lieblingsblatt, teilte am Tage vor der Ankunft der »Inverneß« in Rimouski mit:

»Rimouski, die Lotsenstation im St. Lorenzstrom ist voll von Zeitungsberichterstattern. Bisher sind siebenunddreißig Tageszeitungen Amerikas und Europas vertreten. Mr. Evangeliste trifft mit seinem Stabe drei Stunden vor der »Inverneß« ein. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß das Ereignis erst Dienstag früh eintreten wird.«

Nach dem Frühstück fuhr Adela allein nach Hampstead.

Die Kirchgasse lag mit ihren entzückenden Häuschen und Veranden, ihren blühenden Vorgärtchen und luftigen Markisen im Sonnenschein da.

Adela schritt die kleine Zeile bis zur Kirche entlang, blieb vor einem Hause in der Nähe stehen, sah zum Stockwerk hinauf, aus dessen Fenstern ein Knabe und ein Mädchen, sonntäglich geputzt, das Mädchen mit einer blauen 200 Masche im weißblonden Haar, der Knabe mit großer Stahlbrille, mit breitem steifen Kragen über seinem Etonjackett auf die Kirchgänger hinunterblickten.

Hinter dem Kirchhof, dessen altertümliche Steine die kleine Kirche zu St. John einrahmen, lagen die abschüssigen Wege und Pfade des Villenviertels Frognal im Frühnebel; dahinter die Heide war überblitzt von verirrten Morgenstrahlen aus ziehenden Schwaden.

Adela erblickte den friedlichen Sonntagmorgen über dem Land. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen. Sie suchte und fand den Weg zu einer Bank, ja, diese war's, zwischen zwei Steinen und vor einem Kreuz. Auf dem Kreuz stand: »Susan Elisabeth Newman« – auch an diesen Namen erinnerte sie sich. »Ich glaube an meinen Herrn«, las sie.

Die Töne der Orgel schwollen an und verbreiteten sich außerhalb der Kirchenmauer. Die Versammlung lag auf den Knien, als Adela eintrat.

Als sie niederkniete, saßen die andern wieder auf ihren Bänken.

Sie legte das Gesicht in die Hände, verweilte lange so.

Hier auf diesem Fleck wollte sie es, ihr Mund ihren Handflächen, ihre Augen den Spitzen ihrer Finger klagen: daß sie nicht wahrhaft war, nicht stark im Glauben an Gott und seine Gebote, nicht gut und gerade ihrem Nächsten gegenüber, nicht treu und ergeben dem Herrn und Heiland, der sein Kreuz auf sich genommen hatte, um der Sünden der Brüder willen.

Ich habe mir die Verantwortung nicht auf meine eigenen Schultern gebürdet, sondern sie abzuwälzen getrachtet auf Gott den Herrn. Wir sind alle Sünder, aber die einen büßen allzu hart, weil sie mitbüßen müssen, was wir verschuldet haben. Wir leben in unsern Gemächern und sie büßen in ihrem Elendsquartier; wir essen uns satt und 201 sie werden bestraft um ihres Hungers willen. Wir sind feige und denken an ein ruhiges und gesichertes Leben und verlassen unsern Glauben und Schwur und sehen aus der Ferne zu, wie die von uns Verratenen in Schuld und Sünde versinken. Wir . . . ich bin eine elende Lügnerin und er ist ein Mörder geworden, weil ich mein Versprechen nicht gehalten habe. Ich habe ein Gelübde getan vor Gott in dieser Kirche, und er saß neben mir, zwischen meiner Mutter und mir, und hat es vernommen mit dem Ohr des Herzens. Aber ich habe es nicht gehalten und bin darum eine Mörderin geworden. Und der Gedanke an diese Untreue frißt mir das Herz ab und läßt mich nicht meinem Nächsten offen ins Auge schauen.

Die Predigt behandelte die Offenbarung Johannis 13, 10: »So jemand mit dem Schwert tötet, der muß mit dem Schwert getötet werden.« Und sie endete mit den Worten: »Darum ist es jenen Elenden recht geschehen, daß sie in Rauch und Flammen und unter Kugeln der Gewehre ihr Leben lassen mußten, denn ihr Sinnen und Trachten war Mord und Diebstahl und sie waren verworfen und gezeichnet von Mutterleibe an.«

»Jesus shall reign where e'er the sun
Does his successive journey's run,
His kingdom stretch from shore to shore
Till moons shall vax and wane no more.
«

Mit der sonntäglich geputzten, erhobenen und befriedigten Gemeinde verließ in langsam drängendem Zuge Adela die Kirche. Draußen im Sonnenschein begrüßten sich die Bekannten, die Villenbewohner von Frognal, die feierlichen Alten und die lächelnden und schöngekleideten Jungen. Die Kinder knicksten artig und die Menge zerfloß in kleinen Bächen die liebliche Kirchenzeile entlang und talwärts über die Pfade zu den Villen und zur Heide.

202 Adela stand still zwischen Gräbern an der Kirchhofsmauer und sah auf den Kies und die Grasränder der Hügel nieder, beladen und zerstörten Sinnes, aller Hoffnung beraubt, ohne Tränen und leer.

*

»Er ging dort unten um den Platanenhain herum, immer im Kreise um das runde Gitter!« sagte Mr. Winterod. »Wir sahen ihm zu, nicht wahr, Bessie? Er hatte seinen breiten Hut in der Hand und schwenkte ihn oft, als spräche er zu jemand unter den Bäumen!«

»Es war so, als ginge jemand denselben Weg mit ihm, innerhalb des Gitters, immer im Kreise mit!« sagte nickend Frau Winterod.

Die alten Leutchen saßen in ihren kuttenartigen Hausgewändern da und hatten Gäste.

»Nimmt mich wunder, ob er jemals zur Kirche geht, dieser Mensch?« sagte der Kapitän.

»Er weicht aus, wenn man ihn fragt, wo er den Gottesdienst gehört habe, Mr. Rogers. Wir versuchten es, Minnie und ich, er wich aus«, sagte Mrs. Reynolds und legte die Tasse aus der Hand.

»Die jungen Männer!« klagte Miß Reynolds. »Dieser junge Franzose, Freund der Dalmayne, er hat sie überredet, jetzt sind sie nach dem Hydepark, um die Sonntagnachmittagsprediger zu hören. Statt zur Kirche, gingen sie am Morgen nach Petticoat-Lane, um die Juden feilschen zu sehen!«

»Es ist eine ganze Clique, eine Gesellschaft, eine Bande könnte man's nennen, die beiden Clerks halten mit, sie kamen früher mit zu uns in unsern Gottesdienst, jetzt zieht sie der Spektakel mehr an!«

Kapitän Rogers holte sich ein Biskuit vom Tisch: »Nun, Christian Science ist nicht jedermanns Sache. Junge Menschen . . .«

203 »O, bitte!« fuhr Miß Reynolds empört dazwischen. »Das hat mit Jugend doch nichts zu tun. Seelisch verkümmern oder körperlich verfallen, das ist eins, das hängt nicht mit den Jahren zusammen.«

»Sie wollten die Anarchisten hören im Hydepark, was sie zu den Ereignissen in East-End sagen!« berichtete Mrs. Strange. Sie saß neben Adela, die aus ihrem Zimmer gekommen war, um nicht allein bleiben zu müssen. »Im übrigen, sie haben sich verlobt!«

»Wer?« fuhr Mrs. Reynolds auf.

»Dalmayne und Monsieur Escoffier,« sagte Mrs. Strange.

»Oder so gut wie verlobt.«

»Ich habe Mr. Lucas im Verdacht, daß er auch an den Sonntagen im Hydepark steht und spricht!« sagte Mrs. Winterod. »Aber wenn ich Verdacht sage, meine ich nichts Arges, oder daß ich ihn darum verachten und belächeln würde. Es sind dort manche gute und herzergebene Menschen, die ihren Mitmenschen helfen wollen; nicht wahr, John, in früheren Jahren, wenn wir auf der Durchreise in London waren, hörten wir sie. Du nanntest sie die ›Apostel‹. Mr. Lucas ist ein Apostel, er trägt auch den Namen.«

»Ein guter und hilfbereiter Mensch,« sagte Adela.

»Ja,« nickte Mr. Winterod. »Und wir könnten viele von ihnen brauchen, und wenn sie auch ein bißchen närrisch sein sollten, oder sich so gebärden wollten, denn es ist zu viel Unglück und Grausamkeit in der Welt!«

»Unsre Kirche . . .« begann Mrs. Reynolds.

»Unsre Kirche hat mit diesen Verworfenheiten nichts zu tun,« schnitt ihr Miß Reynolds das Wort ab. »Diese East-End-Mörder stehen außerhalb des Gesetzes.«

»Man muß gütiger von den Unglücklichen denken!« sagte Mrs. Winterod und schob Miß Reynolds Kuchen und Konfekt auf den leeren Teller. »Denn es sind Unglückliche. Wie 204 viele treten den Lebensweg mit denselben Gaben an, und wie wenige kommen ans Ziel. Nun erst die, die als Gabe Armut, Krankheit, Laster mit auf den Weg bekommen haben.«

Mrs. Strange nickte.

»Die Gesellschaft, die Gesitteten müssen geschützt werden vor den Mächten, die sie umstürzen wollen; es ist nichts wie Neid, der sie heißt, sich an die Stelle zu setzen, wo die andern sitzen!« sagte Miß Reynolds.

Mrs. Strange nickte.

»Es ist nichts getan, wenn einer sich im Hydepark hinstellt und salbungsvoll über das Unglück und die Not redet. Es heißt: tun! Das tut not. Abhilfe, arbeiten!« sagte Mrs. Reynolds.

Adela sah auf die Platanen vor dem Fenster. Es wäre ihr als ein Glück erschienen, hätte sie im Kreise um die alten Bäume den Schatten des Mönches Lucas, ihres Freundes und Beraters auftauchen sehen. Geschähe doch etwas. Etwas Unvorhergesehenes, Schreckliches, Erlösendes! wünschte sie innig.

Die andern sprachen mit verschieden gefärbten Stimmen, erhobenen, milden, gleichgültigen. Zuweilen sprachen zwei, dann schwieg die Runde und die Löffelchen pochten klappernd auf dem Porzellan. Es war Sonntagnachmittag und eine Stunde vor dem Gong zum Dinner, das heute später begann als an Wochentagen. Auf dem Nachtigallenplatze war es still; die Bewohner der alten Häuser saßen in ihren Stuben oder waren in Richmond, Kew, all den blühenden Gartenorten um die Stadt.

Adela blickte die Sprechenden, die Lauschenden, die behaglich Essenden an.

Ginge das Schiff in die Tiefe! Ja, das war es – in die Tiefe. Eine Explosion, eine plötzliche Gefahr, eine Katastrophe . . . Inbrünstig betete sie: Gott, laß ihn 205 untergehen! Schicke einen Sturm, erlöse ihn von dem Entsetzen, gib ihm einen vergeltenden, schmerzlosen, das Bewußtsein rasch entführenden Tod. Nimm den armen verirrten Sünder in Gnaden auf in deine Herrlichkeit. So betete sie.

»Ich habe die beiden gekannt!« sagte Mr. Winterod. »Sie lebten in unsrer Gegend, waren in derselben Stadt geboren und kannten sich seit ihrer frühen Jugend. Der Mann hatte eine kleine Fabrik, in der Metallstücke hergestellt wurden, die Sattler und Riemenhändler brauchen. Sie hatten es zu einem gewissen Wohlstand gebracht, hatten die Sorge nie gekannt. Ebensowenig den Neid und die Begierde. Sie hatten keine Kinder, aber das war kein Schmerz für sie, denn sie hatten ihr Genügen aneinander, seit sie auf der Welt waren. Nie hatte einer von ihnen Krankheit erfahren. Sie waren bescheidene ruhige Menschen und gottesfürchtig. Weit und breit war kein Garten so schön und gepflegt, als der ihre. Wenn ich mich recht erinnere, war nur geringer Altersunterschied zwischen ihnen.«

»Der Gatte war um ein Jahr jünger,« sagte Mrs. Winterod.

»Ja, so dürfte es gewesen sein.«

»Und woran starb die alte Dame?« frug Mrs. Strange.

»Es war der Tod der alten Leute,« sagte Mr. Winterod still. »Eines Tages blieb ihr Herz stehen.«

»Sie hatte keine Todesahnung gehabt,« sagte Mrs. Winterod. Aber Mr. Winterod lächelte und sagte: »Bessie, wie kann man es wissen? Sie teilte ihre Ahnung vielleicht nur nicht mit, um ihren Gatten nicht zu beunruhigen!«

»John, sie hatte es nicht gebraucht, er hätte es empfunden!« sagte Mrs. Winterod.

»Das ist möglich,« sagte Mr. Winterod. »Genug, sie nickte an einem Sonntagabend, wie diesem, ein, still, in ihrem Lehnstuhl beim Fenster, das auf Duke-Street ging, 206 und auf ihrem Schoß lag noch die Brille, die sie eben abgenommen hatte.«

»Und wann starb der Mann?« frug Miß Reynolds.

»Zwölf Stunden später. Bei Morgenanbruch. Es war alles geordnet im Hause, die Bücher, Dokumente, das Geld, die Briefe. Er war seiner Freundin freiwillig gefolgt. Er hatte nichts mehr zu schaffen hienieden.«

»Ja, die Welt ist nicht schön,« sagte Mrs. Strange.

»Es ist nicht gut, allein zu sein,« sagte der alte Kapitän.

»Freiwillig?« Miß Reynolds runzelte die Stirn.

»Solche Fälle ereignen sich selten,« sagte Mrs. Reynolds.

»Sie muß schön sein, solche Liebe unter Ehegatten,« sagte Mrs. Strange. »Gottesfürchtig? Sie sagten, die beiden seien gottesfürchtig gewesen?«

»Sie hatten keinen Gottesdienst versäumt in den siebzig Jahren ihres Lebens. Ihre Plätze in der Kirche waren bekränzt, als sie starben, und lange wollte sich keiner auf die verwaisten Plätze setzen. Reverend Wheeler, unser Geistlicher, predigte am darauffolgenden Sonntag und nannte sie die Heiligen, obzwar sie ja Gottes Gebot verletzt hatten.«

»Es muß schön sein, so zu leben.«

»Es muß schön sein, so zu sterben.«

»Das ist ja Suttee, wir haben es in Indien abgestellt!«

»Es wäre schön, wenn die Natur es so einrichtete. Selbstmord aus Liebe ist gegen die Natur!«

»Gegen Gott!« – –

In ihrem Zimmer saß Adela und dachte an die beiden alten Leute im Stockwerk über ihrem Kopf. Sicherlich werden sie auf dieselbe Weise Valet sagen!

»Es muß schön sein, so zu sterben,« sagte sie laut in die Stube hinein, in der außer ihr nur Feuer, die Katze, wachte. »Es ist furchtbar, leben zu müssen.«

*

207 Es tagte schon. Plötzlich war Garrat ganz wach. Er hatte in dem unruhigen Halbschlummer gelegen, der seit Wochen das Schicksal seiner Nächte war. Im Bett unter dem seinen hörte er Coras leise, tiefe Atemzüge. Er hörte ihren Atem. Was war das? Das Schiff stand still.

Leise stieg er hinunter, zog den Vorhang vom runden Fensterglas beiseite. Draußen wob sich weiße Dunkelheit flockig wie Watte. Das war der Nebel, von dem gestern die Rede war – der Labradornebel. Hier war der Weltteil. Aber das Schiff stand still.

Von der Lautlosigkeit war er erwacht. Wo war das Stampfen der Maschine, das rhythmische Pulsieren des vorwärts getriebenen, sich vorwärts arbeitenden, den Widerstand überwindenden, pflügenden, ackernden Leibes? Still. Er lief zur Kabinentür, horchte in den Korridor. Still.

Was war geschehen?

Die Maschine, der Kessel geborsten? Die Welle?

Wir fuhren langsam, schon seit Tagen. Lowndes hat seine Wetten verloren, er hat auf das Maximum der Meilenzahl gewettet, und die Leistung blieb hinter dem Minimum des Durchschnitts zurück.

Drehen wir uns im Kreise?

Was ist geschehen?

Warum dröhnt das Horn nicht? Nebel!

Jetzt – untergehen!

Er bohrte sich mit seinem siedenden, purpurn kongestionierten Gehirn in den Gedanken ein. Untergehen und ein Ende haben. Alles ein Ende! Das wäre innig zu erflehen. Es gäbe also einen Gott! Der ein Ende machte, leicht, im Schicksal der Allgemeinheit der Menschen willkürlich auf einem Schiff beisammen! Freund und Feind, Mann und Weib, arm und reich, Sünder und Heilige – alle gleich! Ein Ende, das Gebet auf aller Lippen: »Näher, mein Gott, zu dir!« Die Stille.

208 Garrat stand mitten im Zimmer, faltete die Hände unter seinem Kinn, sog die Lippen in den Mund. Er holte tief Atem. Ein Ende. Vater unser!

Da begann der Puls zu hämmern. Das Stampfen schütterte durch die Planken. Das Schiff drehte im Kurs, es war wie eine kurze Ohnmacht gewesen . . .

Garrat preßte die Hände an beide Schläfen: war es vielleicht nur in seiner Einbildung gewesen, daß das Schiff stand, die Kessel aussetzten, der Tod nahe war, das selige Ende der Erlösung?

Cora schlief ruhig atmend weiter wie ein Kind. Die Hand unter ihr offenes Haar gebogen. Leise zog Atem durch ihre Lippen.

Im Korridor nahten, verzogen sich Schritte.

Das Stampfen, regelmäßig, vorwärts das Schiff. Garrat stieg über die kleine Leiter in sein Kojenbett hinauf, verfiel in Halbschlaf, schlummerte hinüber. – –

 

Das Deck der zweiten Klasse war heute durch keinen Strick abgetrennt. Ein Pult war aufgestellt, und hinter dem Pult stand, mit der Brille auf der Nase, Reverend Swanley von der Methodistenkirche Calgary. Es war sein erster Gottesdienst an Bord, denn er hatte den ersten Sonntag, vor einer Woche, unten in seiner Kabine, im tiefsten Elend der Seekrankheit verbracht.

Mit kleinen Gesangbüchern in den Händen standen die Andächtigen der ersten und zweiten Klasse versammelt und lauschten den Worten des Geistlichen. Er sprach über Luk. 11, 23. »Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.«

Dies war zu beherzigen, liebe Gemeinde. Denn hinter dem Nebel um das Schiff lag bereits die Küste des neuen Landes. Und in diesem erwarteten die Getreuen Gottes Mühsal, Arbeit, Schweiß und, wenn sie es verdienten, 209 Belohnung. Die Pioniere waren dagewesen und hatten das Land gerodet, gesäubert und bereitet für die Nachkommenden und ihr Rode-, Säe- und Erntewerkzeug war nicht aus Holz und Eisen gewesen, sondern die Waffe und Werkzeug der Gottesfurcht und des Glaubens. Und mit den ersten Spaten, die das Urbett der Fruchtbarkeit gehöhlt und emporgeworfen hatten, war ihre Gläubigkeit in den Humus gesunken. Die elenden Rothäute, denen das weite Land angehört hatte, ließen die Schätze der Schollenkraft verkommen, sie waren nicht in Gott gesammelt; ihr aber, geliebte Gemeinde, habt euch um das heilige Wort zu scharen, dann wird euer Tun fruchtbar und euer Hoffen gesegnet sein.

Und dann sang man:

»One sweetly solemn thought
Comes to me over and over;
I am nearer home to-day
Than I've ever been before.
.   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .   .
»Father, be nearer, when my feet
Are slipping over the brink,
For it may be, I'm nearer home,
Nearer now than I think.«

Garrat sah Cora an, die mit roten Wangen und gänzlicher Hingabe die Verse des geistlichen Liedes sang. Sie sang so laut und hingegeben, daß vieler Augen mit Rührung auf ihrem entzückten Gesicht weilten. Garrat bemühte sich, mitzusingen. Seine Augen schwammen vor Müdigkeit, und er dachte sich nichts bei den Worten, die in der Frische des Seemorgens in den Sonntag hineintönten. Er hatte die Augen von Cora ab und starr auf den Geistlichen gerichtet, neben dem Kapitän Fraser stand, die Mütze unterm Arm, auch er mit übernächtig fahlem und verfallenem Gesicht.

210 Doc Kennedy verhielt sich im Hintergrund, sagte mit seinen verquollenen fleischigen Mienen nicht ja und nicht nein zur Zeremonie, betrachtete abwechselnd die Frauen, die inbrünstig in ihre Gesangbücher blickten, und den Reverend, der letzten Sonntag in seiner Kabine fluchend und schluchzend sich in Krämpfen gewunden hatte.

Mr. Ryan und Mr. Brodeur hatten die Dame von den Tausend Inseln in ihre Mitte genommen und sangen, über die Schultern der Dame geneigt, aus dem in Elfenbein gebundenen Buch der Dame mit.

Cora ließ den Blick nicht von ihrem Buch. Wußte sie, daß Ryan sich über die Hotelbesitzerin bückte, um nahe an ihrem Ohr die Verse mitzusingen? Es war unwahrscheinlich. Sie sang, als wäre sie daheim in Horton und ein Kind, zwischen Vater und Mutter und ohne Wissen noch Schuld an der Welt.

Garrat kämpfte mit einem auf und nieder wallenden, ihn knebelnden und wieder erlösenden Gefühl von Liebe, Angst, Befreiung, Hoffnung, zusammenpressendem Zweifel und überdrüssigem Geschehenlassen. Er sah im Geiste eine Straße, ein Haus mit einem kleinen Erker und drei gewölbten Fenstern im ersten Stockwerk, es stand in der Nähe der kleinen, von einem alten Kirchhof eng umgebenen Kirche am Ende der Zeile, und dahinter lag, am Fuße abschüssig laufender Pfade und Seitenwege, die zwischen Villengärten führten, weites rauchiges Heideland, Maisonne darüber, in der Ferne begrenzt von dem Häusermeer des Stadtungetüms. Aber das Haus mit den lichten Fenstern, hinter die er an dem Maimorgen, so viele Jahre waren es her, Wünsche, Pläne und Hoffnungen gesandt hatte, wohin war es geschwunden und wer wohnte dort zur Stunde? Und was war aus dem Leben geworden? – –

Ein paar laut keifende, englisch radebrechende Zwischendecks-Bäuerinnen hatten Kapitän Fraser gestellt, als er mit 211 dem Arzt den Schauplatz des Gottesdienstes verlassen wollte. Aus dem Geschrei war das Wort: Fleisch! herauszuhören. Die Miene des Kapitäns verriet nicht den Überdruß, den diese Klagen in ihm hervorrufen mußten, er sprach mit geneigtem Kopf freundlich und beschwichtigend auf die Versammlung um ihn ein. Die Leute entfernten sich, in kreischendem Durcheinander, doch scheinbar zufrieden und beruhigt.

Garrat folgte lange mit dem Blicke Cora, die sich entfernte. Sie hatte auf das Nicken der Dame von den Tausend Inseln, wie auf den Gruß von Ryan und Monsieur Brodeur mit einer leichten, knicksähnlichen Bewegung geantwortet, ohne stehenzubleiben. Jetzt entschwand sie im Seitengang unter den Spaziergängern, die den Gottesdienst verließen. Garrat blieb in einer Gruppe stehen, die Mr. Pugsley, der Erntemaschinenagent, mit gestikulierenden Reden in Atem hielt: »Nie mehr auf einer von diesen verd . . . kleinen Linien. Was ist das für ein elendes Schneckentempo. Ich verliere zwei Tage. Weiß nicht, ob man diese verbiest . . . Ormond Compagnie nicht gerichtlich belangen soll . . .«

Garrat sah sie nicht mehr, die schlanke, doch volle, jungmädchenhafte Gestalt, unter den Spaziergängern auf dem Deck. Seine Blicke folgten der Richtung, in der Cora entschwunden war.

Neben ihm der heisere Baß des Prokuristen aus Leeds: »Heute nacht um drei etwa . . .«

»Sie auch? Die ganze Geschichte stoppte plötzlich. Was war das denn?«

»Ich habe Fraser angehalten. ›Nichts. Das kommt vor. Einen Augenblick nur. Die Pumpen. Guten Morgen!‹ Antwort eines Kapitäns!«

»Verd . . . Fahrerei; wahrscheinlich war der Kessel kaputt, das Ruder entzwei, Schotten geborsten. Auf diesen elenden 212 mittlern Kasten riskiert man Haut und Haare. Ich fahre, Gottverdamm' mich, nur mehr mit den Empresses oder mit einer Klasse wie Cunard, Allan, White Star! Das will ich.«

»Die kleinen Linien müssen verschwinden.«

»Hullo, Lowndes!«

Lowndes kam, ein behäbiger Kaufmann aus Vancouver, und erklärte, er habe dem Kapitän ein Donnerwetter zum Frühstück serviert. Aber das nütze nichts. In die Zeitung müßte es, und Boykott! Die Shares müßten an der Börse im Preis fallen, dann würden sich die Herren es überlegen, ihre Kasten verfaulen zu lassen und ihre Fahrgäste um ihre Zeit zu betrügen. Es sollte seine Sorge sein, er werde es ihnen besorgen.«

Lowndes war im Spielzimmer Partner Thalwitzers, eines der schärfsten und berüchtigsten Spielers und Wetters auf Schnelligkeitsrekords.

Eine Gesellschaft, in der sich Offizier Stratton, Mr. Ryan und die Dame von den Tausend Inseln befanden, näherte im »Appetitholeschritt« der Gruppe um Garrat.

»Hullo, Offizier,« rief Mr. Lowndes, »schnallen Sie Ihre Waffe um, ich fordere Sie zum Duell heraus!«

»So blutdürstig, Mr. Lowndes?«

»Jawohl, Sie und Ihre verd . . . Gesellschaft, Ihren Viscount Mounderville und Mr. Woolfe und wie sie alle heißen mögen. Sie trachten ja nach unserm Leben!«

»Wir versäumen unsre Züge nach dem Westen, Sir, so verhält es sich.«

»Ach, Sie meinen das Tempo, in dem wir fahren? Never mind. Die Ruhe und Gemächlichkeit auf hoher See, wie gut das den armen Nerven bekommt. Sie werden gestählt und frisch in den Dominions ankommen, glauben Sie es mir.«

Garrat hatte den Eindruck, als wären diese Worte des Offiziers an ihn gerichtet. Stratton wandte sich auch wirklich 213 an ihn. »Die Damen, nicht wahr, Mr. Fergus, haben nichts dagegen, daß die Fahrt sich in behaglicherem Tempo vollziehe?«

»Mrs. Fergus ist's zufrieden!« bemerkte Garrat. »Sie hat sich erholt. Unsere Geschäfte dürfen keinen Aufschub erleiden, das geniert aber die Damen wenig.« Er lächelte und sog die Lippen zwischen die Zähne.

»Mrs. Fergus lief so eilig an uns vorüber, Sir,« sagte die Dame neben Ryan, »wir waren enttäuscht, hofften einen netten Morgenspaziergang mit ihr zu haben.«

»Kommen Sie, meine Herrschaften!« mahnte Stratton. »Unten diese unsere Slovaken haben einen kleinen Tanz zur Harmonika improvisiert.«

Die Herren folgten dem Offizier, nur Lowndes und Hall, die Unzufriedenen, blieben mürrisch stehen. Auch Garrat schlug sich nach wenigen Schritten seitwärts und verschwand an der Treppe zu den Kajüten.

Undeutlich tönte schriller Harmonikaklang durch die Wellenschläge des ziehenden Schiffes; auf Deck brannte die Sonne, würzig mit Salzwind vermengt. Der Nebel hatte das Meer verlassen.

*

Ohne anzupochen, trat Doktor Kennedy bei Fraser, dem Kapitän ein. Fraser richtete sich beim Eintreten des Arztes jählings vom Kanapee auf und griff sich an den Hals, wie ein aus tiefem Schlaf Aufgeschreckter.

»Bedaure, daß ich Sie im Schlaf störe!« sagte Doktor Kennedy und ließ sich mit einem Krach auf dem breiten Ledersessel neben dem Schreibtisch nieder.

Er klopfte seine Pfeife in die Aschenmuschel aus, stopfte sie umständlich und zündete sie an.

»Greening beteuert, daß er nicht wisse, wie der Schaden entstehen konnte. Der Kondensator ist in Ordnung, ich muß 214 dem Mann vertrauen, es ist das erstemal, daß mir die Maschine diesen Trick spielt. Das Peinliche ist, daß die Leute den Defekt mit der langsamen Fahrt in Verbindung bringen.«

»Der Teufel hat die Hand im Spiele, ja, ja!« sagte Kennedy und zerteilte die Dampfwolke vor seinem Gesicht. »Aber die Reklame macht alles wett.«

Fraser setzte sich aufrecht und stützte den Kopf in die Hand.

»Ich bin ›blau,‹ Doc,« sagte er mit grämlichem Gesicht. »Heute, wie ich die Worte der Heiligen Schrift hörte und zwei Schritte vor mir stand der arme Sünder, da bin ich blau geworden, über und über. Wir Menschen haben uns nicht als Richter und Henker unsersgleichen aufzuwerfen. Teufel weiß es, wir sind Sünder allzumal, nur beim einen ist es glimpflich abgelaufen, den andern aber hat das Böse verschlungen, so ist es.«

»Nun, die Franzosen haben dafür ein gutes Wort: ›Laßt doch die Herren Mörder mit der Menschlichkeit beginnen!‹ Haha!«

»Nein, das ist es nicht,« sagte Kapitän Fraser, und sah auf die Bilder, die in Rahmen auf seinem Schreibtisch standen, das Bild seiner Frau als Braut, seiner Frau als Mutter des ältesten Kindes, seiner drei Kinder im Garten des Hauses in Wimbledon. »Man ist ein Mensch und Gott hat unsereinen geschaffen, wie er eben geworden ist.«

»Muntern Sie sich auf!« rief Kennedy und hieb mit breiter Tatze dem Kapitän auf die Schulter. »An Nachtwachen sollten Sie doch gewöhnt sein. Ein steifer Grog und die Nebel gehn weg. Das fehlte noch – morgen kommen die Scotland-Yard-Leute an Bord und der Kapitän liegt auf den Knien in der Kajüte und schlägt ein Kreuz nach dem andern in Erwartung der Höllenstrafe.«

Auf dem Tische lagen die Streifen des Markoni-Operateurs. Kennedy nahm sie auf, legte sie beiseite, er kannte sie 215 schon. »Nun, lassen Sie doch halten und waggonieren Sie das Paar aus!« stieß er mit einer Rauchwolke hervor. »Vielleicht platzt bald wieder etwas im Kessel und fliegt in die Turbinen, dann haben Sie den Stop von selber.«

»Ich sehe es ja ein, es ist zu spät. Vielleicht hätte man nicht anfangen sollen. Die ganze Welt sieht einem auf die Hände. Es ist nicht meine Arbeit. Ich bin kein Polizist. Was habe ich's nötig, Spürhund zu spielen. Die Belohnung – was soll ich mit der Belohnung? Soll ich meiner Frau einen Pelz kaufen? Meinen Sohn nach Oxford schicken für das Geld? Wer war's denn, der auf den Gedanken kam, Sie, Kennedy?«

»Bah, alter Mann, ich oder ein andrer. Tommy rot. Sitzen Sie da und flennen, zerknirscht nach der verbiesterten Methodistenpredigt! Ich werde dem Reverend berichten, welch eine erhebende Wirkung seine Predigt auf einen alten hartgesottenen Sünder gehabt hat. Er wird sich wundern, der alte Bursche, glauben Sie's mir. Mehr als ich mich über Sie wundere, das können Sie mir glauben!«

Kapitän Fraser ging mit großen Schritten auf und ab in seiner kleinen Kabine. Er blieb vor seinem Schreibtisch stehn, rollte den Laden nieder über der Platte.

»Eine Möglichkeit gibt's noch – daß wir uns alle geirrt haben!«

»Daß wir uns vor der ganzen Welt unsterblich lächerlich gemacht haben, meinen Sie das?« fuhr Kennedy ihm schrill in die Rede.

»Besser! Besser das, als schmutzige Hände, ein fleckiges Gewissen.«

»Ho, die Absicht bleibt! Und der Spott noch dazu. Zum Glück – keine Chance. Der Mann ist Garrat.«

Fraser schwieg.

»Ich bin nicht so weichgemutet, wie Sie, Kapitän, das tut vielleicht die Praxis in Ihrem stinkenden Zwischendeck. 216 Wenn ich ein Häuschen, ein Weib, Nachkommenschaft, Rosenstauden und Wickenblüten in Wimbledon hätte . . . Aber eine gute Erinnerung wird an diese Überfahrt doch bleiben, hol' mich der Teufel! Es war diesmal doch was andres als die ewige monotone Hin- und Herfahrerei zwischen Antwerpen und Quebec, Quebec, Antwerpen.« Er klopfte seine Pfeife aus. »Siebzehn Jahre Fahrt!«

Das Telephon schnarrte über dem Tisch. Fraser setzte den Hörer an. Kennedy war aufgestanden, ging zur Türe. Er wiederholte: »Siebzehn Jahre . . . well, guten Morgen, Kapitän.«

*

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