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Adela Bourkes Begegnung

Arthur Holitscher: Adela Bourkes Begegnung - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleAdela Bourkes Begegnung
authorArthur Holitscher
year1920
firstpub1920
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleAdela Bourkes Begegnung
pages408
created20110730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sie beschloß den Tag spät in der Nacht, wie sie ihn begonnen hatte, vor Tagesanbruch. Sie saß vor ihrem offenen Tagebuch, in dem sie eine Seite aus vergangenen Jahren aufgeschlagen hatte. und schrieb:

»Lieber Freund!«

Sie strich diese Worte aus und setzte an ihre Stelle die:

»Geliebter Walter!«

Sie dachte nach, das Kinn in die Hand gestemmt, Schläfe und Lippen mit den Fingern eng umpreßt. Der Brief trug das Datum eines längst vergangenen Jahres, eines Maitages aus verflossenen Zeiten, sie schrieb diesen Brief heute, den zu schreiben sie damals unterlassen hatte. Sie schrieb ihn als Antwort, verspätete Antwort, auf einen Brief, den sie unbeantwortet gelassen hatte.

»Ich habe über die Worte nachgedacht, die Sie mir geschrieben haben. Ich glaube, ich kann mit gutem Gewissen die Frage bejahen, die Sie an mich richten. Ich habe Mut und Zuversicht und glaube an das Gute in Ihrem Charakter, das Sie wahrscheinlich aus selbstquälerischer Laune zu gering einschätzen. Ich kenne Sie ja nun seit Wochen, mein Freund . . .«

Sie schloß die Augen und schrieb einigemal hintereinander den Namen »Walter« aufs Papier.

Nach einer Weile, es war fast ein Erwachen, öffnete sie die Augen und schrieb emsig weiter.

Was sie schrieb, hatte aber keinen Zusammenhang mit dem Anfang des »Briefes«. Es bezog sich vielmehr darauf, daß Miß Falkoner ihren Wagen am Nachmittag zu Adela geschickt hatte, der Verabredung gemäß, um sie zur Sitzung der Patronessen abzuholen. Aber der Wagen mußte leer nach der Surrey-Seite zurückfahren, denn Adela war nicht in der Verfassung, unter Menschen zu gehen. Mochte sich Florence Falkoner ihre Gedanken über Adelas Absage 152 und ihre Ursachen machen. Es lag ja auf der Hand, weshalb Adela es vermied, zu ihr zu kommen.

»Alle haben nur einen Gedanken, geliebter Freund!« schrieb Adela. »Mein Herz tut mir so weh, daß ich Ihnen das schreiben muß: alle lauern nur auf Ihr Verderben. Alle fühlen sich besser und ihr Leben gesichert, nun Sie vom Arm der Gerechtigkeit erreicht und Ihrem Richter überantwortet werden sollen!«

*

In Decken gehüllt, lagen die Reisenden der »Inverneß« auf bequemen Liegestühlen um das Deck. Eine Teetasse in der Hand, Keksstückchen in der andern, saßen hier und dort Besucher auf dem Rande der Liegestühle und unterhielten sich mit den Liegenden. Das Wetter war wunderschön und die See ruhig wie ein Teich. Die Offiziere schritten, sobald sie im Dienst abgelöst wurden, mit den Fahrgästen im Eilschritt das Deck auf und nieder, die nötige Bewegung vor den Hauptmahlzeiten zu machen.

»Mr. Ryan,« Offizier Stratton blieb vor dem Torontoer stehen, »es hat keinen Zweck. Sie leugnen es umsonst. Die junge Frau hat Eindruck auf Sie gemacht. Nun, was mich betrifft: ich habe Frau und Baby in Plymouth sitzen, sonst könnte es mir wohl geschehen, daß ich Feuer finge. Mr. Fergus ist doch entschieden zu alt und griesgrämig für dieses hübsche bewegliche Geschöpf. Ja, ein mürrischer alter Gentleman.«

»Sie irren, Stratton, es liegt nichts vor.«

»Nun, wir haben ja geschärfte Blicke für solche Dinge. Auch sind wir genötigt, eine Art Sittenpolizei an Bord auszuüben! Bis zu einem gewissen Grade drückt man ja ein Auge zu, das ist selbstverständlich.«

»Gar keine Ursache. Behalten Sie beide offen.«

»Kennen Sie sich in Antwerpen aus, Mr. Ryan?«

153 »Warum?«

»Meine Frau soll mit dem Kind im August in die Umgebung von Antwerpen, in einen kleinen Ort an der Schelde, es ist eine Kolonie von Antwerpner Kaufleuten. Ich erinnere den Namen nicht, ich dachte, Sie kennen die Umgebung?«

»Wir können ja Mrs. Fergus fragen. Sie lebt doch in Antwerpen.«

»Gut. Sie muß doch hier irgendwo sitzen.«

»Ich habe sie gesehen.«

Garrat und Cora lagen auf ihren Stühlen und lasen. Garrat war ein eifriger Leser der Schiffsbibliothek. Er bevorzugte Detektivgeschichten, die an Bord überhaupt recht begehrt waren. Cora hatte die Schiffszeitung vor sich liegen, nebst einem Heft des »London Magazine«, aber sie blickte über den Rand des Heftes die Vorüberwandelnden an. So oft sie in der Ferne den Torontoer mit dem Offizier nahen sah, vertiefte sie sich in die Lektüre.

Die Herren blieben stehen. »Mrs. Fergus, ist es nicht ein schöner Abend? Wir werden einen prächtigen Sonnenuntergang haben!«

Cora nickte: »Ja!«

Sie war rot geworden vor Vergnügen. Der Erste Offizier des Schiffes und dieser eleganteste Mann an Bord. Es war da eine junge Amerikanerin, die allein reiste und von der behauptet wurde, sie sei Besitzerin eines der größten Hotels auf den »Tausend Inseln«, die verfolgte Cora mit neidischen Blicken, wenn sie sie in Gesellschaft Ryans sah.

Cora schielte hinüber zur Reling: dort stand die Amerikanerin und hatte die Brauen zusammengezogen vor Ärger!

Garrat hatte sein Buch fortgelegt und sah zu den Besuchern auf.

»Was lesen Sie denn da, Mr. Fergus?«

154 Garrat reichte Stratton das Buch: »Vier rechtschaffene Männer. Es ist ganz amüsant. Es spielt in London. Ich habe noch nichts von dem Verfasser gelesen.«

»Wollen Sie nicht mit aufs Sonnendeck kommen, Mrs. Fergus?« frug Ryan.

Cora sah Garrat an. Garrat blickte auf die Uhr. »O, müssen Sie sich von Ihrem Herrn Gatten Passierschein ausstellen lassen?«

»Keineswegs. Sie erkältet sich nur so leicht. Wenn die Sonne untergeht . . . Sie ist solchen Zufällen leicht ausgesetzt. Bleibe nicht zu lange, Any.«

»Wollen Sie nicht mit uns kommen, Mr. Fergus?« frug Stratton höflich.

»Ich möchte das Kapitel zu Ende lesen,« sagte Mr. Fergus und klappte das Buch auf.

»Ihr Gemahl sorgt wie ein Vater für Sie!« sagte der Offizier zu Cora, als sie außer Hörweite waren.

Cora fand Garrats Stuhl leer. Sie suchte in der Kajüte, rund um das Promenadendeck, fand Garrat nicht. Beim Hineinschauen durch das Fenster des Lesesaals entdeckte sie ihn an einem der Schreibtische.

Rings im Saal saßen eifrige Leute, Kaufleute wie Mr. Fergus, und erledigten Geschäftskorrespondenzen. Die Briefpost konnte ja diese Sachen im besten Fall erst in fünf Tagen mitnehmen, von der Lotsenstation in Rimousky aus, aber dennoch sah man Schreibende halbe Tage lang, mit Mappen voll Akten, in diesem Saal Bogen für Bogen füllen.

Garrat saß und schrieb. Seine kurze Pfeife lag am Rand des Tisches. Er hatte beim Schreiben die Linke an seine Schläfe gestützt, das Kinn in die Handfläche gepreßt, der kleine Finger bog sich, fast unorganisch, über die Wange zur gewölbten, glattrasierten Oberlippe nieder. Auf Zehenspitzen trat Cora ein, stellte sich hinter Garrat.

155 Schriftzüge bedeckten das Papier; Cora erkannte Zeilen in Garrats neuer, eingeübter Schrift, allmählich aber waren diese in seine alte Schreibweise übergegangen, die sie vom Bureau am Kingsway her kannte. Sie stand eine ganze Weile hinter ihm, ohne daß er ihre Anwesenheit bemerkte.

»Sage viel Liebes Deiner Mutter, der lieben alten Lady. Ich war bei Janracks und habe das Hündchen besichtigt. Ich glaube, er wird es für fünf Guineen hergeben. Es ist, so glaube ich, um diesen Preis wohlfeil zu nennen. – Aber immer geht es mir durch den Kopf: denkst Du noch, so oft wie ich, an Maidenhead? Wir hätten damals früher aufbrechen sollen, als noch die andern mit uns waren.

Es wäre uns, Gott allein weiß es, besser angeschlagen. Vielleicht wäre alles anders gekommen. Aber nun darf ich Dich um eines nur bitten: vergiß! In Liebe . . .

Walter.«

Mit einem Gitter aus dünnen Strichen löschte er dies letzte Wort aus. Darauf faltete er, ohne die Schrift abzutrocknen, das Blatt zusammen und stand auf. Da bemerkte er, wer hinter ihm war.

Die Glocke mahnte die Fahrgäste, es sei Zeit, sich zum Diner umzukleiden. Das Deck war verödet. Sie gingen schweigend hinunter in die Kabine. Garrat schloß die Tür ab.

»Du hast an eine Frau geschrieben!« sagte Cora.

»Wovon sprachen sie mit dir?« frug Garrat.

»An wen hast du geschrieben? Du schriebst deinen richtigen Namen unter den Brief. Du heißt Mr. John Fergus! Wäre jemand Fremdes vorübergekommen . . . Mir schärfst du Vorsicht ein und schreibst ›Walter‹. Du brauchst nicht um mich besorgt zu sein. Ich verrate mich nicht. Nicht mich und nicht dich. Und habe doch weniger Ursache 156 zur Vorsicht als du! Ich mußte über die Umgebung von Antwerpen aussagen. Zum Glück wußte ich von dem Ort, von dem die Rede war, weil ein Plakat in unsrer Wirtsstube an der Wand hing: Hoekeneck. An wen hast du geschrieben?«

Garrat hatte Rock und Weste abgelegt, steckte Knöpfe in sein Hemd.

»Du gibst mir keine Antwort!« Sie stand mit nackten Armen vor ihm und sah mit erregt blinzelnden Augen in sein Gesicht. »Aber ich brauche es gar nicht von dir zu erfahren. Es ist sicher die Frau, deren Photo du in der kleinen Mappe hast!«

Garrat drehte sich nach Cora um. Seine Hände, die das Hemd fallen ließen, schlenkerten mit einer langsamen Gebärde an seinem Körper nieder.

»Du hast in meinen Sachen gekramt?«

»Ja!« sagte sie laut und sah ihm ins Gesicht. »Das Bild, auf dem du mit zwei Frauen in Sommerkleidern, großen Hüten, in einem Garten oder Park stehst. Von der einen Frau hast du noch ein Bild. Die ist es wohl!«

Garrat hob die Hände, wie um Coras Hals zu fassen, ergriff aber nur ihre zur Abwehr erhobene rechte Hand, die mit dem Ehering. Das Mädchen fühlte die eiserne Klammer, die sich aber sofort lockerte, abließ. Sie war mit einem kleinen Angstschrei in die Ecke, zum Doppelbett retiriert. Ihr Mund stand offen. Sie starrte Garrat an, als sähe sie ihn zum erstenmal. So hatte sie ihn noch nicht gesehen. Sie hatte Angst vor ihm.

»Du hast . . . gekramt?«

Seine Hand hob sich über ihren Kopf. Aber wieder, mit der gehaltenen, sich jählings lockernden Gebärde, sanken die Hände nieder.

Sie schöpfte Mut, wiederholte: »Du hast dieser Frau geschrieben!«

157 Wie Hammerschläge sausten seine Fäuste auf ihre Arme, Schulter, Brust nieder. Sie holte Atem, wie um einen Schrei auszustoßen. Er hielt ihr den Mund zu. Zwischen seinen Fingern erstickte der Laut. Er fuhr fort, sie zu schlagen. Es dauerte nur Sekunden. Cora schleppte sich zum kleinen kurzen Sofa unter der Fensterluke, hinter der der rötlich bestrahlte Horizont vorüberglitt. Sie schluchzte lautlos, ihr Körper warf sich, wie von einer Feder im Innern geschnellt. Vor der furchtbaren Miene, die sie anstarrte, getraute sie sich keinen Laut von sich zu geben. Garrat war ein paar Schritte weit gegen das Bett zurückgewichen. Seine Augen hatten das angst- und schmerzgepeinigte Geschöpf umklammert.

Hinstürzen, niederknien, den Kopf in ihren Schoß bergen, ihren kleinen Fuß mit der glitzernden Agraffe auf dem Schuh sich auf die Stirn, den Nacken pressen – er hätte es gern getan! Aber er stand wie erfroren. In ihm sank, versank etwas. Er fühlte das Versinken, die Tiefe, die Untiefe.

Draußen schlug die Glocke schrill.

Er vollendete seine Toilette. Im Spiegel beobachtete er, wie Cora zum Schrank ging, die Augen betupfte. Er trat vom Waschtisch fort, damit sie ihr Gesicht waschen, die Puderdose gebrauchen könne. Wortlos gingen sie hinauf zum Abendessen. Die Musikkapelle spielte einen Walzer. Cora horchte auf: war das nicht der »Kußwalzer« aus dem »Krieg der Frauen«? Ihr Blick suchte, begegnete und mied Ryans Blick, ferne, durch den ganzen Saal. Sie blickte den Abend nicht mehr von ihrem Teller auf.

Früh gingen sie in die Kajüte zurück und kamen nicht mehr zum Vorschein.

*

158 Nächsten Morgen war die See smaragdgrün mit leichtem Filigrannetz aus Schaum. Die Fahrgäste der »Inverneß« spazierten in Scharen über die blanken Dielen, lehnten an der Reling, spielten auf dem Sonnendeck zwischen den gelben Windfängern und dem braunen Häuschen des »Drahtlosen« das Shuffleboardspiel.

Soeben war die Schiffszeitung verteilt worden. Sie enthielt die politischen Nachrichten des Tages, die Kurse von Wallstreet, Chicago, London und Odessa, kurze Berichte über Lokalereignisse in London, Quebec, Antwerpen und Montreal, Wetterprognosen für den Tag und die Dauer der Fahrt.

Garrat hatte in dem Heft gelesen. Er reichte es Cora, die gutgelaunt, rosig, die Wangen frisch, vom Reiseschleier umfächelt, auf einer Bank in der Nähe der Schornsteine saß.

Sie las. Interpellation des Abgeordneten Coblett im Unterhaus, das Verbot der Einfuhr amerikanischer Patentmedizin nach England betreffend. Nachricht über die neuentstandene Stadt Pelican im Norden der kanadischen Provinz Alberta und den tollen Zustrom der Spekulanten, der an die Zeiten des Klondike-Booms erinnerte.

Coras Blick fiel auf diese Zeilen:

»Der wegen Mordes an seiner Frau verfolgte Dr. Garrat aus London wurde in Schlangenbad, einem kleinen Kurort des südlichen Osterreichs, erkannt. Seine Geliebte, Cora Stratton, befindet sich mit ihm. Die Staatsanwaltschaft hat Verhaftung und Auslieferung des Paares angeordnet. Die Festnahme der beiden dürfte im Laufe der nächsten Stunden erfolgen.«

Cora ließ aus den Augenwinkeln einen Blick zu Garrat gleiten. Sie sagte: »Wegen des Mordes . . .«

Garrats Blick schwamm eine Sekunde lang um den ihren, saugte sich dann für die Dauer eines Augenblicks in den ihren fest.

159 Da tauchte am Ende des Verdecks Dr. Kennedy mit dem Rechtsanwalt auf. Die Herren kamen näher und begrüßten das Ehepaar.

Frisch und gänzlich unbefangen reichte Cora ihre Hand dem Arzt, dann Ryan.

»Eine halbe Stunde Laufschritt, Mrs. Fergus?« frug Ryan. »Zehnmal um das Promenadendeck. Einen Rekord aufstellen!«

Sie zogen über die Treppe nach dem Promenadendeck hinunter.

»Sie waren gestern nicht in der Rauchkajüte, Mr. Fergus,« sagte der Arzt. »Schäferstündchen unter jungen Ehegatten, eh?« Er lachte verschmitzt.

»Mrs. Fergus hatte Migräne,« sagte Garrat. »Ich leistete ihr Gesellschaft.«

Kennedy sah ihn an. »Nun, ich habe Patienten in der zweiten Klasse unten. Au revoir, Mr. Fergus!«

Sein breiter gewölbter Rücken verschwand am Fuße der Treppe.

Ryan gab es bald auf. Das Deck war zu dicht bevölkert, an einen Dauerlauf nicht zu denken. Cora blieb neben ihm an der Reling stehn. Sie blickten einige Augenblicke lang dem vorüberflutenden Gewühl zu, lehnten sich aber dann an das sonnenbespülte Geländer und sahen den zurückeilenden schaumdurchpeitschten Wellen in der Tiefe zu.

»Das muß herrlich sein!« sagte Cora. »Immer auf einem Schiff leben zu können.«

»Ach, eben sprach ich lange mit Dr. Kennedy, der Arme ist andrer Meinung, er hat seinen trüben Tag heute, alles ist blau um ihn herum.«

»Ich hielt ihn für einen lebenslustigen Mann!«

»Er ist ein alter Junggeselle, Mrs. Fergus.«

»Ist das so traurig?«

»Ich zum Beispiel . . .«

160 Cora lachte.

»Nein, nein, ich versichere Sie,« sagte Ryan, »ich verstehe das gut. Sie sind eine junge Frau, haben einen Gatten, der Sie liebt und behütet, Sie sind geborgen. Aber unsereiner!«

»Sie können doch gar nicht wissen, was eine Frau an dem Leben eines Mannes beneidenswert finden kann!«

»Welche Eigenschaften schätzen Sie denn bei einem Mann am höchsten ein?« frug Ryan.

Cora besann sich. »Die, um derentwillen ich Mr. Fergus geheiratet habe.«

Ryan sah sie überrascht an. »O, Sie sind eine kluge Frau. Sieh mal an. Welch eine Antwort!«

Cora lachte. Sie war ganz rot geworden. »Sie werden doch auch keine Frau nehmen, die Ihnen nicht in allen Dingen gefällt?«

Ryan seufzte auf und folgte mit dem Blick den zurückflutenden Schaumstreifen auf der glitzernd durchsichtigen See. »Es wird jetzt bald die Zeit kommen, da schließe ich mein Haus in Toronto zu und ziehe hinaus in die Wildnis. Wir haben da, ein paar Freunde und ich, eine Blockhütte am Nipissingsee. Aber diesen Sommer will ich allein in den Wald ziehen, mit meinem Zelt, meiner Büchse und einem Indianerjungen, der kochen und mein Kanu tragen wird. Dann bin ich für eine Zeit verschollen.«

»Ganz allein!« sagte Cora staunend. »Kann man das aushalten?«

»Es geht,« sagte Ryan. »Manche tun es.«

»Ich wäre dazu nicht imstande!« sagte Cora. »Mr. Fergus auch nicht. Sogar zu zweit, glaube ich, könnten wir es, Fergus und ich selbst, wochenlang, weit fort von allen übrigen Menschen, kaum aushalten.«

»Wollen wir laufen?« frug Ryan, sein Chronometer aus der Tasche ziehend. Cora band den Schleier 161 fest um ihr Kinn und sie stürzten sich unter die Spaziergänger.

Garrat lehnte an der Reling des Sonnendecks und blickte auf das bunte Gewimmel der Zwischendeckpassagiere, das sich dort unten in der prallen Sonne abspielte.

Um das Skylight saßen, lagen und hockten Bauern, Bäuerinnen mit ihren Kindern, Leute in Kleinbürgertracht, Arbeiterblusen, Hemdärmlige. Unterhalb des Decks, wo Garrat ihn nicht sehen konnte, stand ein Harmonikaspieler. Ein alter Bauer in Filzstiefeln, Drillichgewand und mit einer Schnur um den gebeizten Hals, hatte das Gesicht mit offnen, zwinkernden Augen zum Himmel hinauf gewendet und versuchte zu niesen. Eine nett gekleidete junge Frau schwenkte ihr lachendes Baby in die Höhe, schwang es im Kreise herum, und je jämmerlicher das Wurm brüllte, um so lauter lachte die Frau. Drei Zwischendecker standen, einer hatte eine große hellgrüne Feder auf seinem Hut stecken, beisammen und rauchten Shagpfeifen. Sie sprachen ernst miteinander, der eine gestikulierte mit einem Zeigefinger, auf dem ein breiter silberner Siegelring glitzerte.

Ein Bub und ein Mädel in russischer oder slovakischer Volkstracht jagten sich um das Skylight, schlüpften und stießen sich durch die herumstehenden, herumliegenden Gruppen, kümmerten sich nicht um die kreischenden Stimmen, die ihnen Worte nachriefen, taumelten von den Püffen, die sie in ihrem Lauf einheimsten, fingen sich, entwanden sich der Umklammerung. Abseits, unweit der Kettenwinde und der Tauhaufen hatte sich eine Gruppe von müden, regungslosen Menschen niedergelassen. Einige saßen auf den Tauen, einige lagen und andere kauerten auf dem Boden. Auf einem kleinen eisernen Tischchen standen Teetassen, Gläser, auf drei Eisensesseln saßen alte Männer, eine Greisin um den Tisch. Ein hageres Frauenzimmer 162 mit kurzgeschnittenem Haar schleppte einen Samowar herbei und stellte ihn auf den Tisch. Das Frauenzimmer hatte einen grell orangeroten Wollschal um die Schultern. Diese Leute waren Juden, russische, österreichische. Sie hatten sich von dem übrigen Volk abgesondert und lebten ihr eignes Leben. Die Frau in dem orangeroten Tuch begab sich zurück unters Deck, quer durch die Gruppen der Leute. Ein paar Frauen, die, ihre Röcke flach vor sich ausgestrichen, auf dem Boden ruhten, riefen ihr etwas zu, als sie vorüberging. Sie achtete nicht darauf. Langsam hinkend, ging sie ihres Weges, mit totem Antlitz. Ihr Hinken war fast komisch anzuschauen. Ihre Brüste, ihr Hals, ihre Schultern hinkten mit. Sie hatte wohl einen Hüftschaden oder ähnliches Gebrechen. Garrats Mund verzog sich zu einem Lächeln.

Als sie unter der Brücke, auf der er stand, verschwunden war, mußte er plötzlich an Adela Bourke denken.

Er hielt die Augen auf den Fleck gewandt, wo die Hinkende in dem grellen Tuch wieder auftauchen mußte. Er wartete auf sie.

Aber sie kam lange nicht.

Garrats Augen schweiften über das belebte Zwischendeck. Er faßte einen, eine von den nach Art der Städter Gekleideten dort unten ins Auge. Trachtete zu erkennen, welchen Landes, welchen Berufes, welchen Sinnes Kind er sei, welche Verhältnisse, Lebensschicksale, Verhängnisse, Verquickungen diesen oder jenen hierher geworfen hatten, zwischen die Decke. An einem Mann haftete der Blick fest. Er stand abseits, aufrecht inmitten Liegender, die Hände in den Taschen, einen verbeulten steifen Hut auf dem Kopf, ergrauter Vollbart, Brille. Garrat hielt diesen für einen Entgleisten, aus seiner Klasse Geschleuderten. Er sah ihn an, ihn zu ergründen.

Blicke schossen zu ihm hinauf, zu einer Dame mit ihrem 163 in feines Musselin gekleideten Kind, die unweit von Garrat voll Neugier auf das Gewimmel blickte. Feindschaft lag in diesen Blicken, Worte, Gelächter schollen in die Höhe. Die Dame zog das Kind mit sich fort, Garrat blieb stehn.

Was wißt ihr von mir . . .

Plötzlich wurde sein Blick von einem Schein angezogen. Unter ihm war das orangefarbene Tuch wieder in der Sonne aufgetaucht. Er verfolgte den Gang der Jüdin, wußte nicht, warum er wieder an Adela Bourke denken mußte. Es war nicht der Gang, nicht die Gestalt. Was war es? Sie trug eine breite Waschschüssel aus Blech, in der eine bunte Bluse, ein blaues Hemd, Taschentücher in einer grauen Flüssigkeit schwammen.

Der Mann mit dem grauen Bart putzte seine Brille, setzte sie auf, schaute durch die Gläser zum Mast empor. Garrat blickte ihn an.

Eines Mordes war er nicht angeklagt! Vielleicht hatte er gefälscht, betrogen, gesessen, war er geflohen. Was waren alle diese Schicksale gegen seines. Blickt herauf auf mich, beneidet mich, daß ich erster Klasse fahre . . . Keiner von denen hat ein Weib gekannt, wie meines war, sagte Garrat sich ganz ruhig. Ich habe es erduldet, eines Tages war es aus. Seht mich an: ich bin es. Ich bin der, den sie eines Mordes wegen verfolgen. Ich bin es, den sie in Schlangenbad verhaftet haben! Seht mich an. Ich bin's, den ihr beneidet.

Garrat trat vom Geländer weg und erhaschte den vorüberhuschenden Schein Orangerot zwischen den Stäben der Reling.

Auf der Treppe begegnete er Cora, die heraufgekommen war, um ihn zu suchen. Sie setzten sich auf die Bank zwischen den Windfängern, sahen den Shuffleboardspielern zu.

»Wir müssen in die Wildnis gehen, über Sommer, Walter!« sagte Cora. »Wir nehmen uns einen 164 Indianerjungen, der kocht und jagt und bleiben für ein paar Monate verschollen.«

»Wer hat dir dieses Märchen in den Kopf gesetzt?« frug Garrat. »Ryan? Du hast wohl vergessen, daß ich mich nach einem Erwerb werde umsehen müssen, und zwar je eher, je besser. Und du auch!«

»Die ersten Monate nur!«

»Es geht nicht.«

»Ich möchte allein sein. Mit dir!«

»Es geht nicht.«

»Ein paar Monate in Sicherheit!«

»Die Sicherheit der Existenz, unser Weiterleben!«

Sie schwieg, sah mit einem harten Blick vor sich hin.

»Ich habe es nicht gewußt.«

»Was nicht?«

»Ich habe ja deine Bücher gekannt. Wie ist es nur gekommen, daß du nicht mehr Geld flüssig gemacht hast?«

»Du hast es nicht gewußt? Das bedeutet wohl, hättest du gewußt, wie wenig Geldreserve ich besitze, du wärst nicht mitgekommen?«

Cora schwieg, sah vor sich hin.

»Oder hättest dir's überlegt?«

Nach ein paar Minuten stand Cora auf. Die Spieler waren vom Deck fort. Sie blieb vor Garrat stehn. »Dann wollen wir eben sehen, möglichst bald zu einer Beschäftigung, oder zu Geld zu kommen, irgendwie.«

Er stand auf, schob seinen Arm unter ihren, blickte heller. Sie gingen zur Reling, Cora lehnte sich hin, sah hinunter:

»Sieh, was für einen komischen Gang dieses Weib dort hat?«

»Wer?«

»Die mit dem grellen Tuch um die Schultern.«

»Ein armes Weib. Sie hat sich das gewiß in der Schwangerschaft geholt. Es kommt bei Leuten vor, 165 die hart arbeiten . . . Hast du daheim, in eurer Gegend, nicht solche arme Frauen gesehen? Warum bist du so hart?«

– Vielleicht hat ihr Mann sie roh behandelt, sie gestoßen, getreten, eine unglückliche Frau, die an einen Halunken geraten ist, sagte Garrat sich, verschwieg es –

Coras Augen folgten den Bewegungen der Jüdin dort unten.

»Komm!« sagte Garrat und zog sie mit unwirsch drängender Bewegung von der Reling. »Wir haben keine Veranlassung, uns zu lange und zu vielen Menschen zu zeigen. Du gehst jetzt mit mir in die Kajüte.« Sie stiegen die Stockwerke hinunter.

Was ist das mit ihm? Auch wegen dieses Weibes behandelt er mich wieder jähzornig! sagte sich Cora . . .

*

Die Daily Mail schrieb:

»Garrat ahnt nicht, daß er entdeckt sei. Die Fahrgäste der »Inverneß« ebensowenig, wer in ihrer Mitte sich befindet. Garrat ist im Verkehr mit dem Schiffspersonal, mit den Fahrgästen einsilbig, vorsichtig, wortkarg. Cora Stratton lacht viel, flirtet, zeigt ihr hübsches Gesicht, von einem wehenden braunen Schleier umrahmt. Sie liegen beide auf Deck und lesen viel. Garrat liest einen Detektivroman: »Vier gerechte Männer,« in dem auf die Ergreifung eines Verbrechers ein Preis von tausend Guineen gesetzt ist. Letzte Nacht hatten sie in ihrer Kajüte einen heftigen Wortwechsel. Schon an der Abendtafel fiel Cora S. durch ihre verweinten Augen auf. Heute morgen aber erschienen sie beide, ruhig und guter Dinge, auf Deck. Cora S. hat ihren Flirt mit einem reichen Junggesellen aus Toronto wieder aufgenommen.«

166 Adela legte die Zeitung fort und schloß die Augen. Sie lag auf der Chaiselongue in ihrem Zimmer, in Kissen gebettet, mit einer Atlasdecke zugedeckt. Sie war unpäßlich und hütete das Zimmer.

Sheila hatte ihre Abneigung überwunden und war von Mrs. Strange nach Regents Park in den Zoologischen Garten mitgenommen worden.

Ein Brief lag auf der Erde neben Adelas Lager. Er enthielt nur wenige, mit der Schreibmaschine geschriebene Zeilen. Auf dem Kopfe des Blattes stand die Firma des Gatten Adelas in Melbourne. Michael Malone teilte seiner Frau in lakonischer Weise mit, daß er in die Scheidung willige. Der Brief war vor einer Stunde mit der Frühpost abgegeben worden. Adela hatte ihn schon vergessen.

Ihr Blick tat sich auf, aus schmerzenden Augäpfeln. Durchs offene Fenster flog er matt hinaus auf den sommerlich sonnigen Square und blieb an einem lebhaften Farbenfleck in der Ferne haften. Dort war über die Brüstung eines Balkons ein orientalischer Teppich von rötlichem Orangeton gehängt. Adelas Kopf summte vor Müdigkeit. Sie fieberte leicht. Wenn sie die Augen schloß, malte sich der rötliche Orangefleck auf dem Innern des Lides. Wandte sie den Kopf, mußte sie die Augen doch nach dem Teppich dort draußen auf dem Balkon wenden. Die grelle Farbe strich wie eine hypnotisierende Hand über ihr geschwächtes Bewußtsein.

Sie sah das Schiff, auf dem sich Garrat befand, das Schiff der Hochzeitsreisenden. Die Planken schwankten leise, die Reling stand etwas schief, schräg nach innen, das Promenadendeck war reingefegt. Ein Mann ging die Lukenwand entlang. Er war's.

Am Ende des Decks hielt er, kam auf den Zuschauer, den unsichtbaren, verhüllten, nicht vorhandenen zu. Seine Schläfen waren grau, sein Gesicht verändert, er war 167 glattrasiert, die Augen aschfahl, in Höhlen. Einmal schlugen seine Wimpern.

Wiegenden Ganges schritt ihm das Geschöpf entgegen, lasziv, glitzernd, die Hände mit spitzen Fingern gefaltet, ringbedeckt. Die Lippen bemalt, kleiner als sie wirklich schienen, kirschroter Kreis.

Adela fühlte die stumme Begegnung der beiden und was sie verschwiegen.

Sie sah die Kajüte vor sich, die schmale, braunholzbelegte aufrechte Zelle mit Luke und fließender Unendlichkeit dahinter, Spiegel im Schrank und über dem Kästchen des Waschtisches, weiße flache Decken in dem Doppelbett in der Wand. Sie sah, wie sich seine Hände an der schlanken, jugendlichen Fülle der nackten Arme vergriffen, wie das Geschöpf sich krümmte unter der verdienten Züchtigung, die sie wahrscheinlich als Liebkosung empfand. Die verweinten Augen waren die stummen aschfahlen des Mannes.

Adelas Mund bebte leise, offen, der Farbenfleck schwamm über die Ränder, verbreitete sich, schlug uferlos ins Leere – beladen mit Gram und Reue weinte die Frau um das Unwiederbringliche. Ich, ich trage Schuld an allem.

Im Geiste trieb sie den Mann an, die Gefährtin seiner Schuld zu züchtigen. Sie sah, wie Cora, deren Bild sie in einem schlechten Zeitungsklischee gesehen hatte, die Arme abwehrend hob – vor ihr eigenes, Adelas Gesicht. Sie war Cora, die Schläge trafen sie hart, aber sie hatte härtere verdient . . .

Hilflos, wie im Angesicht unabwendbarer Gefahr, blickte sich Adela in dem Zimmer um.

Sie gewahrte, an eine Schnur der Gardine gehängt, die Skelettpuppe Rubidack – das Kind hatte die beweglichen Arme der Puppe über ihren Kopf in die Höhe gedreht und die Schnur um ihre Handgelenke gewickelt. 168 So baumelte die lange dünne Puppe aus Tuch und Holz zwischen den Falten der gelben Gardine.

Wenn nur das Kind käme.

Adelas Hand zuckte nach dem Kontakt der elektrischen Klingel. Was hätte Rebecca bringen sollen? Sie brauchte nichts. Ihr Herz, matt und vergraben, flog in der Tiefe. Sie hatte seit Tagen niemand bei sich gesehen, mit keinem gesprochen, es vermieden, auf der Treppe angesprochen zu werden. Warum schuf sie, die das Alleinbleiben suchte, aber auch fürchtete, wie den Tod, Kälte und Einsamkeit um sich. Wenn die Sängerin doch zu ihr kommen wollte. Sie hörte die Stimme gedämpft im Hause ertönen. Aida? Oder Micaela? Gewiß stand sie da, die Hände ringend, wie die Sängerinnen auf dem Konzertpodium es tun, vor einem Kreis entzückter Hörerinnen, die sich aller Sitzgelegenheiten in dem freundlichen Drawingroom bemächtigt hatten. Und gewiß begleitete der Franzose sie; mit einer ironischen Miene, die die Sängerin ebensowenig bemerkte, wie die falsch sentimentale oder vordringlich pathetische Betonung, die er auf einen Ton, einen Takt der Begleitung legte, der dies nicht vertrug . . .

Wie gern hätte sie in diesem Augenblick Dalmayne gesprochen, sie gewarnt, ihr geholfen, sie gerettet vielleicht, vor dem Verhängnis, in das sie singend, mit offenen Armen und verzückten Augen sich zu stürzen im Begriffe stand!

Sie nahm wahr, daß ihre Angst um Garrat zu Dalmayne hinübergewandert war. Sie empfand dies nicht als Vergehen der Treulosigkeit gegen den Unglücklichen. Ihr war es, sie ahnte es, konnte es sich aber nicht erklären: als gereiche ihre Sorge um Dalmayne Garrat zur Erlösung! Ihm half sie ja, wenn sie bemüht war, der Ahnungslosen zu helfen, der Unerfahrenen, die in ihr verliebtes Abenteuer sich verstrickte. Wie sehr sehnte sie sich nach der 169 Sängerin in diesem Augenblick. Sie wollte gut zu ihr sein, ihr helfen . . .

Als ein paar Minuten später der Gesang im Hause verstummte, wußte sie gleich: Dalmayne werde bald bei ihr eintreten! Sie wartete. In ihr quoll vom Grund der gequälten, vom Haß gegen die Roheit und Verfolgungslust der Menschen empörten Seele ein blutrotes Mitleid auf, mit denselben Menschen – dieser elenden, in kindlicher Unwissenheit ihren Instinkten nachtaumelnden, dem Fluch ihrer Verblendung verfallenen Menschheit!

Ihre Schwäche preßte ihr Tränen in die Augen. Sie fühlte sich zu müde, sie fortzuwischen.

Als jemand in der Tat nach wenigen Minuten an die Tür klopfte, erschrak Adela nicht.

Dalmayne kam herein.

Gleich kauerte sie sich zu Füßen Adelas auf den Boden nieder, legte das Briefblatt auf den Sekretär und ergriff Adelas herunterhängende Hand. »Teure, Sie sind krank, und allein! Warum hört man im Hause nichts von Ihnen? Eben erst, unten bei der Musik, haben wir daran gedacht, daß Sie so lange nicht mehr unten waren. Hätte ich es geahnt! Warum schickten Sie nicht um mich?«

»Meine Liebe! Wie gut, daß Sie sich meiner erinnerten. Ich hörte Sie so schön singen. Ich habe an Sie gedacht!«

»Ja, ich fühlte das. Für Sie habe ich das letzte Lied gesungen. Sie wissen, was es war . . .«

»Für mich? Ich dachte für den Herrn, für den Franzosen! O Maud, wenn ich doch mit Ihnen sein könnte.«

»Teure, Sie sagen das so, als meinten Sie damit etwas!«

»Jawohl, ich meine auch . . .«

Dalmayne wurde ernst. Sie hielt sich beide Ohren zu. »Nein, Sie dürfen nicht weitersprechen, wenn Sie nicht wollen, daß ich aufstehe und fortgehe!«

170 »Maud, Teuerste, ich will Sie warnen, seien Sie vorsichtig, vertrauen Sie nicht zu leicht, Ihr gutes Herz und Ihre Künstlernatur verführen Sie, Sie werden ausgenutzt und betrogen werden!«

Dalmayne sprang auf und lief zur Tür.

»Ja, ja, der Mensch ist ein Betrüger, Sie Gute, Liebe, er wird Sie ins Unglück stürzen!« Adela weinte, das Schluchzen warf sie in die Kissen zurück. »Sie sollen nicht unglücklich werden, Maud, ich will es nicht, es gibt genug Unglückliche.«

Die Sängerin kam zurück, kniete zur Chaiselongue hin, schmiegte ihr Gesicht an die Wange der Weinenden. »Was ist Ihnen, Adela! Was ist das mit Ihnen? Sie sind ja ganz außer sich. So beruhigen Sie sich doch, Teure!«

»Ich will nicht schuld sein, daß Sie in Ihr Unglück jagen! Ich will Sie zurückhalten! An mir sollen Sie eine Freundin haben! Wir helfen uns zu wenig! Ich will Ihnen helfen, Sie sollen glücklich sein! Was soll ich tun.«

»Ich bin ja glücklich, Adela! Nein, nein, schütteln Sie nicht den Kopf – glücklich, weil ich eine Freundin wie Sie habe! Sie haben mir ja schon so viel Liebes getan! Glauben Sie, ich weiß es nicht, wieviel?«

Über Adelas Wangen strömten Tränen. Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, nicht genug!«

Dalmayne nahm Adelas Kopf in ihre Hände. »Ich bin glücklich – und ich habe ja für alle Lebensläufe meine Kunst, die verrät und verläßt mich nicht – aber Sie, Teuerste! Sie sind nicht ruhig! In Ihnen ist etwas, was Sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Gestehen Sie es! Was ist es?«

»Es ist nur die Sorge um Sie, Maud!« sagte Adela und senkte den Kopf. »In mir ist nichts, was mich beunruhigte. Mein Mann willigt in die Scheidung – hier ist der Brief! Aber, Sie wissen ja, ich habe damit längst abgeschlossen.«

171 Überrascht sagte Miß Dalmayne: »Nein, ich weiß nichts. Sie haben mir nie etwas von Ihrer Scheidung erwähnt. Das also war die Ursache . . .«

Adela sah die Sängerin aus schwimmenden Augen an. Unendlich fern und unbekannt, der Mensch dem Nächsten! Wie fern, unendlich rätselhaft und fern.

Dalmayne blieb nicht mehr lange. Im Drawingroom wurde musiziert, ein Gassenhauer mit abbrechendem, stampfendem Rhythmus wurde überlaut auf dem Piano vorgetragen. Ihre Augen glitzerten, als sie ging. Adela blieb mit geschlossenen Augen liegen, bis Sheila, von Mrs. Strange geführt, im Zimmer erschien, ein großes Kamel aus Tuch und Holz, mit langen Haaren und blauen Glasaugen unterm Arm.

»Sie hat mir's gekauft,« sagte das Kind zu Adela. »Glaubst du, daß Golly und Joan Platz zwischen den Buckeln zum Reiten haben?«

»Wie freundlich von Ihnen, Mrs. Strange!« sagte Adela. »Wie hast du dich ausgedrückt, Baby? Du sagst: sie hat! Man sagt: die Lady, oder ›Tantchen‹, nicht ›sie‹! Häßliches Kind; hast du dich bedankt?«

»Gewiß hat sie es!« sagte Mrs. Strange. »Und Ihnen muß ich auch Dank sagen, liebste Frau Malone, daß Sie mir das Kind überlassen haben.«

»O, ich bin von selber gegangen!« sagte Sheila aus der Ecke, wo sie mit dem Kamel und den Puppen hantierte.

»Sie war doch artig, hoffe ich!«

»O, sie ist ein Engel von einem Kind!« sagte Mrs. Strange.

»Sie sollen das nicht sagen, Tantchen!« sprach Sheila. »Solange ein Mensch lebt, soll man nicht ›Engel‹ von ihm sagen. Erst wenn er tot ist, wird er es!«

»Kluges Kind!« sagte Mrs. Strange. Dann mit einemmal, ausbrechend: »O, du darfst mir nicht von solchen 172 Dingen reden, Sheila! Ich hatte ein ebenso liebes kleines Wesen, eine süße Kreatur, wie du!« Sie legte die Hand auf die Augen, ging bald.

»Sie wünschte wohl, ich sollte auch bald sterben!« sagte Sheila aus ihrer Ecke. »Wenn sie ›Engel‹ zu mir sagt!«

»Baby! Kein Kind, das ich kenne, hat so häßliche Gedanken in seinem Lockenköpfchen, wie du! Wer hat dir die nur beigebracht!«

»Wer? Niemand. Vielleicht der liebe Gott. Oder Golly!«

»Sei artig, rede keinen Unsinn. Du wirst Mrs. Strange nie wieder von ihrem toten Kind sprechen, hörst du?«

»Es ist ja gar nicht tot!«

»Was heißt das?«

»Sie hat mich im Zoo zu allen Käfigen geführt, in denen wilde Tiere waren und war ganz lustig und froh: dieses Tier hat Baby gefallen, und dieses; sieh doch: die Affen, das sind Makis, da ist Baby stundenlang gestanden. Überall ›Baby, Baby‹!«

»Sie hat sich erinnert, weil sie mit einem kleinen Mädchen ausgegangen ist.«

»Nein, sie hat mich gar nicht gesehen, ich bin überzeugt, ich war gar nicht die Hauptperson, sondern ihr Baby nur! Darum weiß ich, daß ihr Kind nicht tot ist!«

»Du warst doch hoffentlich höflich zu ihr.«

»Mammy, du weißt doch, ich mag Affen nicht. Nun, ich bin vor dem Affenkäfig gestanden und bin erst fortgegangen, als sie genug hatte. Und das Tier hier hat sie mir auch nur geschenkt, weil ihre Miggy ein ähnliches Spielzeug gehabt hat. Komm, Miggy!« sagte sie zum Kamel und zog es, mitsamt Golly und Joan vorwärts.

»Jetzt ist Mama müde. Baby soll sich ruhig verhalten,« sagte Adela.

»Ja, Mammy, nur noch eine Frage: willst du? Sage: 173 wenn zwei Eheleute sich nicht lieb haben, sterben dann die Kinder, die sie haben?«

»Baby!« rief Adela und streckte die Arme nach Sheila aus. Das Kind lief in die Arme der Mutter. Die herzte es, als hätte sie eine jähe Angst um es gepackt.

»Mammy!« sagte Sheila aus ihrer Umarmung hervor. »Ich weiß es ja, die Miggy von der Frau lebt! Jetzt oben im Zimmer spricht die Frau mit der Miggy. Kleine Kinder können doch nicht sterben, weil sie zu jung sind!«

Adela hatte das Kind an sich gepreßt. Ihre Lippen ruhten auf dem warmen Scheitel zwischen den seidenweichen Haaren. Sie blickte weit hinaus, in die Ferne, auf einen Punkt in der Welt, einen orangeroten Schein weit draußen.

*

Als Mr. Fergus im Rauchsalon erschien, sprach Mr. Pugsley von seinen Reiseabsichten. Er warb unter den Herren der Tafelrunde Gefährten für die Fahrt nach »Pelican«. Zur Gesellschaft um »Doc« Kennedy hatte sich ein Herr aus der zweiten Kajüte gesellt, Mr. Wissel, ein Pelzhändler aus Nordwest-Kanada, der auf seinen Fahrten ins Gebiet des Athabasca-Stroms zu den Indianern öfter an dem Ostabhang des Pelicangebirges vorübergekommen war. Er kam aus Paris, wo er einen Vertrag mit den Brüdern Revillon abgeschlossen hatte, die ihn zum Oberhaupt ihrer Anstalt in Edmonton, in der Provinz Alberta, ernannt hatten. Er war der Geschichten und Anekdoten voll, dabei ein origineller, etwas ungehobelter Kauz, der fluchte und spuckte und freimütig gestand, daß er aus Geiz zweiter Klasse fahre, obzwar er es, was die Kreditfähigkeit anbelangte, mit jedem »von euch Burschen« aufnehmen könnte!

»Nun, Mr. Fergus, eine Chance für Sie!« sagte »Doc« Kennedy, der seinen blauen Tag nur unvollkommen 174 überwunden hatte. »Sie haben ja heute in der Schiffszeitung wohl vom ›Pelican‹-Boom gelesen. Wie wär's, wenn Sie Ihr Glück in der neuen Stadt versuchten. Das Beste für Einwandrer, für Leute auf der guten Seite der Vierziger, he?«

»Ein bißchen kalt im Winter für klapprige Skelette, Sir,« sagte Mr. Wissel, »aber ein Sack Goldstaub zu holen, und nicht mit der Schöpfkelle allein, sondern beim Landagenten!«

»Nun, topp! Sind Sie von der Partie oder nicht?« frug Mr. Pugsley.

»Ich kann nicht so hoch nach Norden gehen,« bemerkte Mr. Fergus. »Meine Frau ist von schwankender Gesundheit, ich denke, wir werden uns in Kalifornien umsehen.«

»Kalifornien – abgegrast,« behauptete Herr Wissel. »Bonanza-Tagen muß man nachreisen, und wenn's in den Schnee der Hudsonbucht geht. Beim Yukon-Wettlauf kam ich zu spät, diesmal spute ich mich, der Teufel hat mir den Schwanz angezündet. Noch dazu Pelican – sechzehn Automobilstunden von meiner Stadt. Hei, Tom, einen Clever-leaf! Wenn du's nicht kannst, ich mach dir's vor!«

»Allright, Sir,« brummte der Mann hinter der Bar. »Ich habe Kenntnis.«

»Da macht die Canadian Northern wieder einen von ihren guten Schnitten!« sagte Mr. Brodeur, der Ontario-Mann. »Sie zieht doch jetzt eine Linie dort hinauf, denke ich, eh?«

»So bald nicht, Herr,« Mr. Wissel kniff die Augen zu, »so bald nicht. Erst wenn alles vorüber ist, wenn weit und breit alles in festen Händen, dann wollen wir weiter sehen.«

»Man soll sich wohl einstweilen nicht an Ort und Stelle überzeugen können?« meinte Mr. Ryan.

»So ist's,« schmunzelte Herr Wissel. »Eine Anzeige in der Zeitung und aus! Ich will meinen Hut fressen, 175 wenn zwei Drittel von den Boom-Städten der letzten fünf Jahre überhaupt auf dem Globus zu finden waren. Hätte ich den Pelican-Berg und die sieben Holzbaracken am Abhang zum Athabasca nicht mit eignen Augen gesehen, ich würde ebensowenig an die neue Stadt glauben, wie ich an Bakers Rest, Hole-City und Luminago geglaubt habe, in die die Burschen von Winnipeg bis Vancouver ihre sauren Groschen verbuttert haben.«

Von einem der Spieltische in der Nachbarschaft stand ein breiter, kurzbeiniger Yankee auf, trat zu »Doc« Kennedy heran und frug: »Doc, was ist's mit dem Tempo unseres Kastens? Wir haben unser Tempo beträchtlich verlangsamt seit gestern!«

»Verlangsamt? Hallo, Stratton!« Der Offizier saß mit einer Gesellschaft an einem der Tische bei der Bar. »Hier wird behauptet, wir hätten unser Tempo verlangsamt.«

»Sinnestäuschung, lieber Herr!«

»Sinnestäuschung sei verdammt!« Der Yankee bestand auf seiner Behauptung. »Hier, mein Freund hat es aus guter Quelle und ich hab es zu bezahlen, wenn wir die gestrige Meilenzahl nicht erreichen.«

»Wir fahren unerhört langsam, Mr. Stratton. Liegt's am Schiff oder was ist es?«

Stratton setzte sich zu den Unzufriedenen und beschwichtigte die Gemüter. Es lag an der Welle, an den Erfahrungen des vorigen Jahres in derselben Zeit des Monats, es war Ordre aus London gegeben worden, das unsinnige Rekordfahren solle gestoppt werden. Die Unzufriedenen murrten eine Weile über ihren Karten und spielten dann weiter.

Ryan setzte sich zu Garrat. Es sei ausgemacht und eine alte Erfahrung, daß der Sommer im Osten der Dominion, speziell in den Waldregionen Ontarios, zarten und leidenden Menschen, die den Winter nur in Florida oder Kalifornien vertrugen, die besten Wirkungen verspreche. Garrat 176 setzte behutsam seine Worte. Er erklärte Ryan ausführlich und mit freundlicher Höflichkeit, daß er trachten wolle, so bald wie möglich zu einer geordneten Arbeit zu kommen. Sein Fach sei das Drogengeschäft. Er hoffe in den Staaten die Erfahrungen verwerten zu können, die er in großen Fabriken Belgiens und der Niederlande gesammelt habe.

Jemand hatte von dem Gespräch das Wort Drogen aufgeschnappt und kam auf die Nachricht der Schiffszeitung von der Interpellation Coblett zu sprechen. Von der sprang die Unterhaltung auf die Sensationsgeschichte mit dem Londoner Gattenmörder über und Herr Wissel behauptete, es sei schade, daß die Prämie auf Ergreifung des Garrat ins Ausland gehe. Die Unfähigkeit der Londoner Polizei sei damit erwiesen. Alle Häfen hätten rechtzeitig beaufsichtigt werden müssen. Nun seien die zweihundertfünfzig Pfund für das Mutterland verloren.

»Sie hätten sie wohl in Pelican-Shares angelegt, alter Junge, wenn Sie den Täter beim Kragen erwischt hätten?« frug Doktor Kennedy gut gelaunt.

Dann drehte sich das Gespräch wieder um das Geldverdienen im großen weiten Lande; um die Aussichten der diesjährigen Ernte; die Einflüsse der Spekulation aus den Staaten auf die Grundstückspreise in Montreal, in Nova Scotia; auf die Holzpreise in Neu-Braunschweig; auf die zunehmende Unsolidität der Börsenmanöver in den Shares der Canadian Pacific.

Ryan unterhielt sich mit Garrat über die Konkurrenz der deutschen Farbstoffwerke und der großen eben entstandenen chemischen Fabriken in Massachusetts, Connecticut und Rhode Island. Es war ein erbitterter Kampf, dessen Kosten das leidende Publikum an Beutel und Gesundheit zu tragen hatte.

Während Garrat ganz bei der Sache war, horchte Ryan mit halbem Ohr auf die Erörterungen der andern 177 hin. Als man sich verabschiedete, stieg er noch zum »Drahtlosen« hinauf, um seinem Bankier einen Auftrag zum Ankauf von Villenplätzen in »Pelican« zu erteilen.

Er fand im kleinen braunen Haus auf dem Kommandodeck schon den Arzt Kennedy und den Offizier Stratton vor, die dem Operateur ein Blatt überreicht hatten.

Mr. Campbell drehte das Blatt ruhig um, als er Ryan eintreten sah, da beim Eintritt des Torontoers Mr. Kennedy mit lauter Stimme, so daß es scholl:

»O, Mr. Ryan, zu so später Stunde!«

gerufen hatte. –

Garrat fand Cora noch angekleidet auf dem Sofa unter dem Ventilator in der Kabine sitzend vor. Sie las einen Roman, den ihr Ryan geliehen hatte und der einen Honigmond in der Wildnis der Seen und Urwälder des kanadischen Ostens schilderte.

Garrat setzte sich zu Cora und sprach von »Pelican«. Ein neues Leben. Von vorne begonnen. Er sprach mit Begeisterung. Täglich sprangen neue Städte aus dem kanadischen Boden, diesem gesegneten Westen des jungen Kontinents, auf. Unter den von allen Himmelsrichtungen zusammengewehten Menschen solch einer Niederlassung, unter den Menschen, die wenig und aus guten Gründen wohl am liebsten möglichst unsichern Bescheid über ihre Herkunft zu geben gewillt waren, konnte man ein hartes, läuterndes, gesundes Leben neu beginnen.

Garrat zog Coras Kopf an seinen. Er sprach ihr von seinen Plänen, von dem Neuen, das beginnen sollte, von Sühne und Beginn. Als er sah, daß sie ihren Blick aus dem Augenwinkel ins offne Buch sendete, daß sie weitergelesen hatte, während er sprach, brach er jäh ab und stand auf.

Mit zusammengezogenen Brauen, zerfurchter Stirne blieb er vor Cora stehen. Er sprach nicht mehr zu ihr, betrachtete sie nur.

178 Cora zwang sich, ruhig weiter in dem Buche zu lesen, das sie interessierte. Daisys Ehe entlockte ihr einen Seufzer begehrlichen Neides. Immerhin mußte sie den letzten Absatz dreimal lesen, da ihr der Sinn der Worte nicht einging.

Sie sah auf und blickte in Garrats finsteres, fragendes Gesicht, auf dem Verzweiflung lag. Sie legte das Buch fort.

*

Tief in der Nacht saß Adela in ihrem Zimmer und schrieb an Miß Falkoner einen Entschuldigungsbrief. Sie zerriß ihn, schrieb einen neuen, diesen in herzlichem Tone. Sie warb um Falkoners Freundschaft, verdoppelte die Freundlichkeit des Tones, ängstigte sich nicht, daß die allzu große Herzlichkeit bei der Empfängerin Befremden erregen könnte.

Sie gab sich nur undeutlich Rechenschaft über ihr Beginnen. Sie fühlte die Lüge auf dem Grunde. Aber sie sah die Notwendigkeit, das unabweisliche Gebot vor sich, gut zu sein, Menschen anzuziehen, Wärme, Liebe, Zutrauen auf sich zu lenken – um reicher, sicherer, selbst wärmer zu werden. Um aus sich mehr geben, ausstrahlen zu können! Sie formte den Brief vorsichtig, bedachte jedes Wort, fand ihn gut und richtig und schlief tief und traumlos bis zum Morgen.

*

Die »Affäre Garrat« war an die zweite Stelle in den Zeitungen hinuntergerückt. Den Kopf der Zeitungen nahm die Nachricht von dem Attentat auf den Lord-Mayor von London ein. Ein zerlumptes Individuum hatte einen Schuß auf den in Talar und Kette und mit mittelalterlichem Pomp durch die Straßen der City zur Eröffnung irgendeiner Ausstellung fahrenden Würdenträger abgegeben. Der Schuß war fehlgegangen, die Polizei allein hatte es 179 verhindert, daß das Publikum den Zerlumpten lynche. Man war den Spuren nachgegangen, die der Mensch, ein verworfenes Subjekt aus dem Abschaum, emsig zu verwischen bestrebt war, und einem förmlichen Nest von Attentätern und Verbrechern auf die Spur gekommen, weit draußen im übelsten Quartier der Ostseite, in der Maroon-Straße des Stadtteils Stepney bei den Ost-Indien-Docks.

Als man das Nest ausheben wollte, setzte sich seine Bewohnerschaft zur Wehr, es fielen Schüsse, die Polizei requirierte Militär, eine regelrechte Belagerung des Hauses und Viertels kam zustande. Sieben Menschen waren dabei in dem Nest erschossen, erstickt, verbrannt und auf andre Weise zu Tode gekommen. Der Minister des Innern hatte die Belagerung in eigener Person geleitet. Der Erfolg war vollständig gewesen.

Miß Wests Pensionäre besprachen ausführlich und mit leidenschaftlicher Entrüstung dieses Ereignis, das an verblüffender Scheußlichkeit dem »Fall Garrat« nichts nachgab, ja, ein neues, grelles Schlaglicht auf die Verworfenheit der Bevölkerung der großen Stadt warf.

Das jüngste, über die kanadische Kabelstation eingelaufene Telegramm, das Bericht über die Vorgänge auf der »Inverneß« gab, hatte nur mehr geringe Aufmerksamkeit geweckt. Der Bericht umfaßte nur wenige Worte: Garrat benahm sich nach wie vor ernst und zurückhaltend; Cora Stratton dagegen setzte ihren Flirt mit dem Rechtsanwalt R. aus Toronto fort und bedachte auch den Offizier Stratton neuerdings mit Zeichen ihrer Huld.

Bei der Frühstückstafel in West-House wurden Stimmen laut, die Mitleid mit den toten Verbrechern in Maroonstreet bekundeten. Kapitän Rogers zum Beispiel ließ seine Stimme laut für sie ertönen. Dagegen äußerten sich die Damen Reynolds, Mutter und Tochter, in schrillen Tönen 180 über die Verworfenheit und Gottlosigkeit des niederen Volkes.

Adela war seit Tagen wieder zum erstenmal an der Frühstückstafel gesessen. Als sie mit Sheila und Feuer die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufging, fühlte sie sich von einer blinden, ohnmächtigen Wut gegen den Offizier Stratton beherrscht, den sie der teuflischsten Niedertracht und Grausamkeit beschuldigte. Dieser Mensch wußte. Und er spielte mit dem Leben, dem Schicksal, den Gefühlen der Menschen, die ihm nicht entrinnen konnten. Wie ein Teufel lenkte er das Schiff nach dem Hafen, ließ es langsamer fahren, langsamer, damit der Verfolger rechtzeitig und im vollen Triumph sich auf seine ahnungslose, sichere Beute stürzen könne. Derweil lockte er seine Opfer, wie ein Bandit, der schon den Dolch gezückt hielt in der verborgenen Mantelfalte, hin zur Falle. Es gab keine Entschuldigung für den Offizier Stratton. Er schändete das Geschlecht, das Vertrauen des Weibes zum Manne. Er war ein ärgerer Verbrecher als der Mörder, als die leichtfertige Mitwisserin. Adela haßte ihn aus glühendem Herzen.

Sie kleidete sich an, ging mit Sheila aus. In Mudies Buchhandlung kaufte sie ein Lehrbuch der drahtlosen Telegraphie, sperrte sich daheim in ihrem Zimmer ein und las, lernte, sog das Buch in sich ein. Es setzte technische Kenntnisse voraus, war nicht leicht zu fassen, Adela lernte, las mit schmerzendem Kopf, schweren Lidern.

Zuweilen irrte ihr Blick aus dem Fenster hinaus auf den in hellem Frühlingsschein sich grün und golden breitenden Platz.

Der orangefarbene Fleck tanzte vor ihren Augen in Stockwerkhöhe auf einem der alten, vornehmen, verschlossenen Herrenhäuser mit blanken Scheiben und elfenbeinfarbener Fassade. Sie sah das orangefarbene Viereck, obzwar der Teppich längst ins Zimmer hineingezogen worden war.

181 Zum Lunch erschien Adela nicht bei der Tafel. Mrs. Strange hatte sich Sheilas angenommen, die ernst und erwachsen, mit erstauntem Blick und deutlich abweisenden Gesten und Redewendungen Mrs. Stranges Handreichungen und Aufforderungen, zu essen und dies und das zu tun beantwortete. Sie hoffte es durchsetzen zu können, daß Feuer auf dem Platz der Mutter sitzen dürfe, sie übernahm die Verantwortung für das Benehmen der Katze, indes vergebens. Miß West behauptete, sie könne das Phöbe, der Hauskatze, nicht antun, die ein älteres Recht habe, bei Tisch mit der »Familie« sitzen zu dürfen. Feuer dürfe keinen Vorrang erhalten, und dabei blieb es.

Adela war kurz entschlossen zu Mrs. P. W. Stratton gefahren, Cora Alix Strattons Mutter, deren Wohnhaus, Adresse und Photographie ja in allen Zeitungen des Britischen Reiches veröffentlicht worden war.

Die Witwe Stratton residierte in einem kleinen, versteckten Gäßchen des Vorortes Hackney, zwischen dem Hospital, dem Arbeitshaus und den großen rußschwarzen Anlagen des Gaswerkes. Sie war eine weißhaarige, verhärmte Frau, deren noch jugendliche Gesichtszüge ihre Umrahmung Lügen straften. Sie öffnete die Tür nur bis zu einem geringen Spalt, schloß sie gleich wieder, als sie die fremde Dame gewahrte, öffnete sie aber, als die Dame nach einer Viertelstunde noch reglos auf der Schwelle stand. Adela hatte sich in dieser Viertelstunde nicht mehr durch Pochen oder einen Ruf, ein Wort, der alten Mutter Coras bemerkbar gemacht. Als Mrs. Stratton öffnete, sah sie, daß das Gesicht der Fremden von Tränen überströmt war.

Mrs. Stratton retirierte in ihr Zimmer, rieb sich die magern, zerarbeiteten Hände an einer Schürze, obzwar sie nicht feucht oder unsauber waren. Sie wollte die Dame nur vor der Verlegenheit bewahren, ihr die Hand reichen zu müssen.

182 Schluchzend saß Adela eine Weile der alten Frau gegenüber, die sie ohne Tränen, mit dem Gesichtsausdruck der an alle Leiden der Not, Entbehrung, Fron und Demütigung gewöhnten Proletarierfrau stumm ansah.

Adela blickte sich in dem armseligen Raum um, sah eine Photographie Coras auf einem Tischchen stehen, senkte den Blick in das Viereck des Rahmens und verharrte in Schweigen.

Nach einer Weile sagte Coras Mutter:

»Sie war ein gutes Kind. Bis zuletzt hat sie für ihre arme Mutter gesorgt. Sie wird zurückkommen. Alles wird gut sein. Man wird ihr nichts tun. Sie ist keine Verbrecherin.«

Es klang wie einstudiert.

»Sie hat von nichts gewußt. Dieser Mörder hat sie belogen, betört.«

Nach einer Pause:

»Sie wäre nicht mit ihm gegangen, hätte sie gewußt, was er ist. Nie mit einem Mörder!«

Adela sagte:

»Leiden Sie Not? Kann man Ihnen helfen?«

»Es gibt so gute Menschen. Es kommen viele Damen. Ich habe das Geld, sein Geld, nicht mehr angerührt, seit ich weiß, wessen Geld es ist. Sie hätte es nur nicht geschickt, hätte sie damals gewußt . . .«

»Sie leiden sehr, nicht wahr?«

Die alte Frau bog ihren Körper nach vorn und begann lautlos in ihre Schürze zu schluchzen. Dann richtete sie sich auf: »Gehören Sie zur Profession?«

»Zu welcher Profession?« frug Adela.

»Es kommen Damen, die kannten die Ermordete, sie waren mit ihr befreundet, in ihrem Klub, zusammen im Varieté mit ihr. Sie erzählen lang und breit. Aber Sie gehören wohl nicht zu denen. Sie haben geweint, wie Sie draußen standen. Waren Sie verwandt mit der Frau?«

183 »Nein,« sagte Adela.

»Aus Mitleid . . .« sagte Mrs. Stratton leise.

»Ich habe Mr. Garrat gekannt,« sagte Adela.

Die alte Frau blickte auf. Ihr Gesicht hatte sich verändert. Sie saß da, eine Anklägerin, hart und stumm.

»Sie verurteilen ihn auch! Sie verurteilen ihn, es ist ja nicht anders möglich. Er hat Ihnen Ihr Kind geraubt, ins Unglück gestürzt. Ich aber habe ihn gekannt, als er noch ein guter Mensch war . . .«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Nie!«

»Ja. Ich habe ihn geliebt, damals!«

Mrs. Stratton hob das Kinn und machte ihre Augen klein.

»Und ich liebe ihn noch heute!« sagte Adela heftig. »Ich bin eine verheiratete Frau, ich habe ihn seit meiner Ehe nicht mehr gesehen. Nur einmal flüchtig. Er erkannte mich da sicher nicht – aber ich weiß, ich wäre glücklich geworden, wenn wir geheiratet hätten. Er ist kein schlechter Mensch, nein!«

Coras Mutter hörte eiskalt zu.

»Was kann ich für Sie tun, Madam? Da Sie ja zu mir gekommen sind. Ich glaube nicht, daß Sie zu mir gekommen sind, nur um mir dies zu sagen.«

»Ich wollte es jemand sagen, daß er kein elender Verbrecher ist. Vielleicht hat er das Verbrechen gar nicht begangen. Es ist noch nicht erwiesen! Ich wollte dies jemandem sagen. Ihnen!«

Coras Mutter starrte Adela an. »Sie haben niemand andern, ihm Ihr Herz auszuschütten?«

Adela schüttelte den Kopf.

Als sie sich nach einer Weile beruhigt hatte, sprach sie: »Ich möchte Ihnen helfen. Erlauben Sie es mir. Bitte.«

Coras Mutter antwortete nicht. Sie saß reglos. Ihre Züge entspannten sich. Sie war wieder die Mitleid erregende Frau aus der Armut des vierten Standes.

184 Adela ergriff ihre Hand, küßte sie.

Beide Frauen weinten.

»Ich brauche nicht viel für mein Leben,« sagte Mrs. Stratton. »Ich lege weg, was ich nicht ganz dringend brauche, für mein Kind; wenn es zurückkommt. Es soll einen braven Mann bekommen. Sie soll eine Aussteuer beisammen haben.« Rasch fügte sie hinzu: »Glauben Sie nicht, was diese gemeinen Zeitungen schreiben: Flirt und Treulosigkeit. Das ist nur, um die schlechten Leser zu befriedigen! Die können es nicht gemein genug haben. Ein so treues Mädchen, das für mich alte Mutter gesorgt hat! Nein, alles ist Lüge, Flirt, alles!«

Adela knöpfte ihren Handschuh auf und überreichte Mrs. Stratton ein zusammengefaltetes Papier, das sie in ihrer Handfläche verborgen hatte.

Mrs. Stratton zeigte Adela alle Photographien, die sie von Cora hatte. Die erste, die sie auf den Knien des Vaters, eines großen, derbknochigen Mannes in Uniform und mit sorgfältig gewichstem Schnurrbart sitzend zeigte.

Mrs. Stratton buchstabierte Adelas Namen auf dem Scheck, schrieb sich ihre Adresse auf.

Sie wollte Näheres über Garrat wissen. Adela erzählte. Ehe sie ging, nahm sie Mrs. Stratton das Versprechen ab, daß sie nicht grausam und hart von Garrat denken werde.

Coras Mutter versprach es. Sie küßte Adela auf die Wangen. »Seien Sie gut, seien Sie gut!« rief sie ihr nach, als Adela sich verabschiedete.

*

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