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Adela Bourkes Begegnung

Arthur Holitscher: Adela Bourkes Begegnung - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleAdela Bourkes Begegnung
authorArthur Holitscher
year1920
firstpub1920
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleAdela Bourkes Begegnung
pages408
created20110730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Spur nach den Pyrenäen hatte sich als falsch erwiesen. Jetzt hatte man das Paar in Interlaken gesichtet. Auch in Ostende hatte man »Dr.« Garrat gesehen. Die Zeitungen schrieben jetzt Doktor in Anführungsstrichen. Einzelheiten aus dem Leben des Mörders kamen zutage. Seine Verbindung mit Schwindelfirmen. Sein Giftlaboratorium in Houndsditch, aus dem das geheimnisvolle Gift stammte, daran Belle Garrat zugrunde gegangen war.

Je längere Zeit hinstrich und man Garrats nicht habhaft wurde, um so dichter häufte sich um die Ermordete Vergessenheit, um so heller rückte Garrat ins Licht des allgemeinen Interesses.

Um Cora Alix Stratton kümmerte man sich wenig. Garrat war es, dem die Aufmerksamkeit des englischen, des französischen, ja des ganzen kontinentalen Publikums galt.

Die Affäre kam den Zeitungen gut zu passen, die tote Saison stand vor der Tür, hoffentlich dehnte sich die Hetzjagd, das Kesseltreiben nach dem Verfolgten recht lange hin.

Parlament und Oberhaus tagten wohl, aber die Politik bot nicht vieles Anregende. Die Rennen verliefen ohne besondere Ereignisse. Der Boxkampf zwischen dem Neger Gummings und Bombardier Wotton war ausgetragen und der Neger hatte gesiegt, man verweilte nicht lange bei dem Ereignis.

»Garrat Clue« war die übliche Überschrift der späten Nachmittagszeitungen, und man wußte nicht mehr recht, 118 ob das einen neuen Schlüssel zum Geheimnis versprach, oder ob es die Tatsache bezeichnen sollte, daß der letzte, den man gefunden hatte, in das Schloß nicht paßte.

Bei Tische sprach man zwischen den Gängen, zwischen den Berichten über die Besorgungen, die man in der Stadt vorhatte, über das neue Stück im Strandtheater, über die Beschaffenheit des Puddings, des Landspecks, der Keks und des Tees in der Bondstreet-Konditorei, von Garrat, von Garrat und Cora Stratton, von »Dr.« Garrat und wieder von ihm.

In den Zeitungen war ein Schmuckstück abgebildet, von einem tüchtigen Zeichner nach Angabe des Dienstmädchens und von Freundinnen der Ermordeten gezeichnet: eine Spinne aus Rubinen, die in einem Netz von Goldstrahlen saß. Dieses Schmuckstück fehlte im Schrank der Morton-Villa, während andere Stücke von geringerem Wert dort vorgefunden worden waren. Es war anzunehmen, daß das leichtsinnige, putzsüchtige Geschöpf es nicht übers Herz bringen werde, bei einer Gelegenheit, etwa in Abwesenheit Garrats, die Brosche anzustecken und mit ihr zu paradieren.

Die Photographien Garrats häuften sich.

Zuletzt war es eine, die ihn in der Mitte junger hübscher Damen zeigte, auf einem Gartenfest aller Wahrscheinlichkeit nach. Eine Dame, die nicht genannt sein wollte, hatte die Photographie Scotland Yard eingeschickt. Die Gesichter der andern auf dem Bilde waren unkenntlich gemacht. Auf dem Klischee breiteten sich große Flecken Druckerschwärze über diese Gesichter.

In einer der Gestalten neben Garrat erkannte Adela sich selbst.

Sie öffnete nachts, als Sheila schlief, ihre Kassette, schloß sie aber wieder, ohne die Photographie, die sie besaß, zu vernichten.

119 Unten beteiligte sie sich an den Gesprächen. Sie verfolgte die Affäre mit Spannung. Auch sie hoffte, daß der Täter bald der Gerechtigkeit überliefert sein werde. Mörder durften nicht frei unter den Menschen herumgehen. Der Gedanke vergiftete die Menschheit – darin hatte Miß Reynolds völlig recht.

»Nun hat man sie!« sagte Kapitän Rogers beim Eintreten in das Speisezimmer. Die Gäste von Miß West blickten erwartungsvoll nach ihm hin. Der Kapitän schlug auf die Zeitung, die er in der Hand schwenkte. Mr. Bradshaw riß sie ihm aus der Hand. Hallibut und der Franzose sprangen auf, stürzten hin, blickten dem Leser über die Schulter.

Adela lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ihr Löffel klapperte im Teller, sie fühlte, wie das Blut in ihrem Arm stieß. Ihr Herz setzte aus, stürmte dann vor, das Blut staute sich in ihren Ohren.

Am Abend stellte es sich heraus, daß man abermals auf falscher Fährte gesucht hatte.

*

Zur Teestunde fuhr ein Brougham vor dem Hause vor, der livrierte Diener brachte eine Karte und wurde ins erste Stockwerk gewiesen.

Adela las Miß Falkoners Namen und ließ bitten.

Sheila lief ins Nebenzimmer und zog die Tür zu hinter sich. Sie war nicht zum Hervorkommen zu bewegen. Sie weinte und stieß die Mutterhand von sich. Als Miß Florence eintrat, war's im Zimmer, in dem sie sich eingeschlossen hatte, mäuschenstill.

Adela empfing Florence und bat sie, den Tee bei ihr zu nehmen. Sie zog den Vorhang vor die Tür zum Nebenzimmer und sagte, Sheila sei von Freunden zu einem Kinderfest abgeholt worden.

120 Unterm Bett, in der Ecke, verweilte Feuer. Von Zeit zu Zeit wurde Adela ihres gesträubten Fells, ihrer blinkenden Lichter gewahr. Das Tier blieb unbeweglich auf demselben Fleck stehen, rührte sich nicht. Adela fühlte sich durch Feuers Gegenwart beruhigt. Ihr war's, als gewähre ihr die Nähe des Tieres Schutz und Sicherheit gegen irgendwelche Gefahren, die sie von fremden Menschen her bedrohten. Es geschah jetzt oft, daß sie die Katze mit sich zum Essen in das gemeinsame Speisezimmer nahm, und wenn sie im drawing-room Musik hörte, lauerte das Tier, das sich von niemand streicheln oder liebkosen ließ, im Winkel zwischen Blumenständer und Wand.

Miß Falkoner umarmte und küßte Adela auf beide Wangen und beteuerte ihre Freude darüber, daß sie sie nach so vielen Jahren wieder zu sehen bekommen habe. Noch dazu durch solch spaßhaften Zufall! Die Erinnerung trieb ihr Tränen des Lachens in die Augen.

Nach einigen einleitenden Redensarten, die Adelas ausgezeichnetes Aussehen und Miß Falkoners Genugtuung darüber betrafen, daß die Krankheit so gut überstanden sei – nach ein paar Worten der Anerkennung über West-House, das Zimmer, die Aussicht, die hübschen Nippgegenstände aus Onyx auf Adelas kleinem Sekretär kam Miß Falkoner auf den Kernpunkt ihrer Mission zu sprechen.

In Australien sollte eine Tochteranstalt des Tierschutzvereins von Battersea und der Surrey-Seite mit Fonds versehen werden, nach dem Muster des Londoner Asyls; ein Altersheim für kranke Pferde und für Hunde und Katzen, die nach dem Tode ihrer Herren verwaist auf der Welt zurückblieben, eingerichtet werden. Adela sollte in das Komitee als Patronesse eintreten und die gute, teure, alte Lady in Melbourne, dieser Schutzengel der Tiere, Patronesse der australischen Anstalt werden.

121 Nächsten Sonnabend war Sitzung bei Florence. Bis dahin mußte Adela sich entschieden haben, ob sie die Funktionen übernehmen wollte oder nicht. Nun, über ihre Antwort war ja kein Zweifel möglich.

Aber auch die Kinderschutzvereine von Streatham, Croydon und Sydenham, der Vororte um Florences Heim, wählten ihren Ausschuß neu, und die Damen hatten den Wunsch geäußert, Adela in ihrer Mitte zu haben. Ladies aus den Kolonien waren den Vereinen im höchsten Grade willkommen. Auch dieser Verein hielt nächsten Sonnabend seine Sitzung bei Florence ab. Adela war eingeladen.

Zu ihrem aufrichtigen Mißvergnügen und Befremden mußte Miß Falkoner hören, daß Adela am Sonnabend nicht kommen könne oder wolle.

Warum denn nur?

Sie schützte anderweitige Verpflichtung vor, eine notwendige Besorgung in der Stadt – Miß Falkoner wollte aushelfen – einen Weg zur Bank – auch damit konnte Miß Falkoner Adela beispringen. Zuletzt sagte Adela in ihrer Verwirrung, sie hätte sich ja bei ihrem letzten Besuch im Garten die Krankheit zugezogen, die sie noch nicht überstanden hätte . . .

»Aber es wird ja diesmal gar nicht getanzt, meine Teure!« rief Miß Florence bestürzt aus. »Sie werden doch mich und mein Haus nicht für den Rest Ihrer Tage meiden wollen, nur weil Sie einmal vergnügt, leider aber unvorsichtig gewesen sind?«

»Es ist nicht das allein,« sagte Adela, schwieg aber sofort wieder und errötete ein wenig.

»Was sonst?« frug Miß Falkoner eifrig. »Paßte Ihnen jemand von den Damen nicht? Oder von den jungen Leuten? Sagen Sie's doch, Teure, es läßt sich vielleicht arrangieren, vermeiden.«

122 »Es ist nicht das,« sagte Adela befangen. Dann nahm sie einen Anlauf und klagte über die lange Strecke, die sie zu fahren hätte, dort hinaus, es sei ja endlos. Sie verschränkte ihre Finger und sah auf ihre Hände nieder. Sie fühlte, daß das, was sie sagte, unglaubwürdig und zugleich unfreundlich klang.

»Mein Wagen! Teure, ich schicke meinen Wagen, den geschlossenen, das Kupee, es ist abgemacht! Kein Wort hierüber. Der Wagen steht zur Minute vor Ihrem Haus, hier unten, bringt Sie wieder zurück.« Sie preßte ihre Hand auf Adelas Mund, um jede Entgegnung abzuwehren, und sprach dann übersprudelnd weiter, Adela werde es sehen, es nütze ihr gar nichts, sich zu sträuben, sie werde in die Komitees gewählt, auch wenn sie am Sonnabend nicht komme, das stünde fest.

Im Nebenzimmer saß Sheila mit der Puppe Joan, die einen riesigen Kopf und kahle Stellen zwischen ihren Flachszöpfen hatte, auf einem Schemel und streichelte den Liebling. Die Puppe Joan konnte beim Hinlegen nur mehr ein einziges Augenlid zumachen. Das Kind hielt die Puppe zärtlich im Arm und behandelte sie voll Schonung, wie ein Krankes.

Als Adela beharrlich schwieg, sagte Miß Falkoner mit plötzlichem Entschluß:

»Es ist schrecklich!«

Adela blickte auf. Miß Falkoners graue Augen waren über dem Rand des Goldkneifers auf sie gerichtet.

»Es ist ganz schrecklich! Mein Garten – seit drei Tagen, nein, länger, fühle ich mich ja ganz unglücklich! Sie haben das Bild wohl in den Blättern gesehen! Dieser schreckliche Mensch, dieser Mörder Garrat – und meine Bäume im Hintergrund! Nun, gottlob, es war ja vor meiner Zeit. Aber immerhin! Nachts muß jetzt Morris, mein Kellermeister, im Vorzimmer meines Appartements schlafen!«

123 »Ich habe das Bild gesehen,« sagte Adela.

»Zum Glück hat die abscheuliche Person, die die Indiskretion begangen und das Bild an die Redaktionen geschickt hat, noch so viel Anstand besessen, die Gesichter der Umstehenden auszustreichen! Ich besitze das Bild – Sie wohl auch? Der gute alte Secker hat es ja vervielfältigen lassen und jedem der Eingeladenen zugeschickt. Ich habe es aus meiner Mappe herausgesucht und Sie in einer der Figuren, rechts gleich neben dem Doktor, oder wie man ihn nannte, erkannt. Es ist ein Glück, daß die Gesichter unkenntlich gemacht waren. Mein Bild, das heißt das Bild, das ich besaß, habe ich natürlich sofort zerrissen und ins Feuer geworfen.«

»Ich besitze das Bild,« sagte Adela. »Und ich erinnere mich auch ganz deutlich an das Fest, damals, bei Herrn Secker. Das heißt – ich habe das Bild natürlich in meinem Haus in Melbourne.«

»Ja, ja – und als ich das Bild in der Zeitung erblickte, nein, früher schon, als der Name Dr. Walter Garrat zum erstenmal in der Zeitung zu lesen war, da erinnerte ich mich auch – wissen Sie noch, wir sprachen ja jüngst bei mir von diesem, von diesem . . . wir konnten nicht auf den Namen kommen! Plötzlich wußte ich es: Garrat!«

»Sprachen wir von Garrat?« frug Adela.

Miß Falkoner sah sie unverwandt an: »Natürlich, natürlich! Aber es mag ja ein Irrtum gewesen sein. Vielleicht verwechsle ich ihn. Ich glaubte mich zu erinnern, daß zwischen Ihnen und dem Menschen eine Freundschaft, ein leichter Flirt bestanden hatte? Nein, ich kann es Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freuen würde, wäre es eine Verwechslung!«

Adela hielt Florences Blick aus. Sie sagte: »Ja, sicherlich ist es eine Verwechslung. Ich kannte Garrat oberflächlich. Ich hatte ihn ein-, zweimal in Gesellschaften gesehen.«

124 »Wie hätte es denn auch anders sein können. Diese Gattin – und Sie! Meine Teure! Es ist doch unmöglich, daß ein und derselbe Mann . . .«

Ja, so verhält es sich ja auch! sagte Adela bei sich. Es ist ja unmöglich, es war Einbildung. Ich und jenes Weib. Und nun jenes Geschöpf Stratton obendrein. Er mußte ja irrsinnig oder krank geworden sein, das Gedächtnis, die Erinnerung verloren haben, daß er mit jener leben, daß er sie lieben konnte, jene Ermordete. Ich weiß es ja, wie er war, und wer er war, damals auf dem Gartenfest, dann bei uns im Hotel, und auf dem Hausboot bei Maidenhead, und auf der Blumenausstellung in Kensington, die ganze Season hindurch. Es war ja ein andrer Mensch. Ein Mann von so sanfter Art zu reden, einen anzublicken, mit solch offenem, freundlichem Blick, so höflichen, liebenswürdigen Umgangsformen!

»Diese Frau!« begann Miß Florence, »welche Abgründe, meine Teure, o! Denken Sie sich das aus – nein, er kann nicht bei Sinnen gewesen sein. Sie hat ihn behext – es kommt vor. Ein Mann, der sich in der guten Gesellschaft bewegt hat, ein gebildeter und gelehrter Mann, mit einem Bureau am Kingsway, einer Villa – und dazu diese Szenen. Schlägereien, zerkratzte Gesichter, Eifersuchtsausbrüche vor dem Dienstmädchen – nein, in Pariser Boulevard-Stücken geht es so nicht zu! Können Sie sich in die Seele solch eines Frauenzimmers hineindenken? Ach, Sie haben ja, meine Teure, Trauriges genug durchgemacht, Roheiten erlebt, ich weiß ja, ich weiß! Sie müssen unbedingt einmal zu mir kommen, ich meine, wir müssen allein sein, und mir alles, alles erzählen!«

Ihr unruhiger Blick streifte und fand auf dem Schreibtisch Mrs. Bourkes Photographie inmitten ihrer Lieblinge. Sie brachte das Bild nah an ihre kurzsichtigen Augen und betrachtete es verliebt.

125 »Die teure alte Lady! Hat sie nicht das bessre Teil erwählt? Ja – die Menschen! Die Menschen! So lange man mit ihnen haust, ist man zum Unglück verurteilt. Die unschuldigen Tiere – das ist eine Rettung.« Sie legte das Bild auf den Tisch zurück und sagte: »Ich aber, denken Sie, Teure! ich vertrage kein Tier um mich. Ich kann und kann es nicht! Tiere machen mich kribblig, rauben mir die Ruhe. Ich habe meine Zeit ihrer Sache, der Sache der Schwachen und Hilflosen gewidmet – aber ich kann mit keinem Tier im selben Haus leben. Ist das nicht schrecklich?« Sie seufzte.

»Mit den Menschen leben!« sagte Adela. »Die Menschen sind unglücklich. Ich habe noch keinen gekannt, der nicht unglücklich gewesen wäre, sehr junge und sehr alte vielleicht. Aber man darf sich nicht entziehen, man muß mit ihnen bleiben, man muß ihnen helfen. Es ist Schwäche, wenn man entrinnen will. Ich weiß nicht, ob es nicht unrecht ist, wenn man es versucht –«

»Sie meinen: Scheidung?« frug Miß Florence rasch.

»Nein – das meine ich nicht,« gab Adela zögernd zurück. »Nur müßte man immer wieder anfangen können. Nicht sich abschließen, nicht mürrisch, und auch nicht frivol werden. Es ist schwer!« Sie sagte dies mehr für sich, strich sich über die Stirne und blieb, mit dem Kinn in die Handfläche gestützt, sitzen.

Miß Florence rückte ihren Stuhl näher, streichelte Adelas Knie. »Wir müssen ganz nahe Freundinnen werden, Adela, Teure!« sagte sie. »Ich habe ja denselben Weg gemacht, allerdings ohne Ihre traurigen Erfahrungen. Aber ich bin natürlich eben dorthin gelangt wie Sie. Ich verbringe mein Leben doch damit, mit Menschen beisammen zu sein. Gott behüte mich davor, in eine Einsamkeit mit Haustieren mich zu verbannen. Und es sind ja so viel nette Leute unter denen, die mit mir arbeiten, Sie haben sie 126 ja letzthin alle beisammen gesehen, Sie werden sich wohlfühlen unter ihnen. Tun Sie mit. Kommen Sie zu uns. Wir sind wie eine große Familie.«

»Ja, ich denke, ich werde bald kommen können!« sagte Adela.

»O, Sie sagen das so vor sich hin, Teure,« sagte Miß Florence, »als dächten Sie dabei an etwas andres. Sie müssen aber unbedingt kommen, und zwar bald. Ach, ich bin ja so allein, trotz der vielen lieben Menschen, die immerfort um mich sind. Sie sind ja glücklich, haben Ihr teures Baby. Ich sah es neulich. Es ist ja solch ein Teures! Aber sonderbar unfreundlich, ich konnte mir's kaum erklären. Warum nur? Bei Ihrem guten, sanften Charakter!«

»Ja, Sheila ist ein ernstes Kind. Ich denke oft, sie ahnt alles, was wir Erwachsenen schon erfahren haben, und kann daher nicht sein wie andre. Sie weiß vielleicht mehr, als sie noch aussprechen kann!«

»Das ist oft bei Kindern aus unglücklichen Ehen, ja. Ach, wir haben unsre Erfahrung. Sie müssen mir alles erzählen. Bringen Sie doch Sheila nächstens mit; ich will einen Kindernachmittag veranstalten. Ja, Kinder aus disharmonischen Ehen! Denken Sie sich, dieses Weib, diese Ermordete, hätte ein Kind von Garrat gehabt! Ein Glück, daß diese Ehe kinderlos war. Malen Sie es sich aus!« Sie schüttelte ihre Schultern, als fröstele sie.

»Ja, ein Glück!« sagte Adela.

»Kinder in einem solchen Hause, wo der Kern für Mord und Unzucht schon gelegt ist!«

»Vielleicht wäre der Mann glücklicher geworden, hätte er ein Kind besessen. Vielleicht hätte ihn die Frau nicht so weit getrieben, hätte sie Mutter seines Kindes sein können!«

Miß Florence hob die Hände: »O, glauben Sie doch das nicht! Ich kenne Kinder und Eltern. Ich kenne doch 127 genug Ehen, habe in genug Häuslichkeiten geblickt. Ich glaube nicht daran, daß ein Mann wie Garrat besser wird, wenn er Vater ist. Das Kind eines solchen Mannes ist in der Regel um vieles unglücklicher als die andern. So verhält es sich.«

»Es wäre besser für ihn gewesen,« wiederholte Adela. Und zu sich sprach sie: er hätte ein Kind haben sollen. Er wäre nicht so weit gekommen. Er war zu unglücklich.

Miß Florence blickte auf die Uhr, stieß einen kleinen Schrei aus und sprang auf. Sie umarmte Adela ungestüm und nahm ihr das Versprechen ab, ganz bestimmt zur Sitzung des Kinderschutzvereins zu kommen. Adela sagte zu. –

In der Tür begegnete die Fortgehende Miß Dalmayne, die glücklich und strahlend eintrat. Adela machte die Frauen miteinander bekannt, und die Sängerin wurde aufgefordert, an einem der nächsten Abende bei Miß Florence vor den Patronessen zu singen. Dalmayne umarmte Adela, die beiden standen vor Florence wie ein Schwesternpaar. Sie geleiteten Florence hinunter zum Wagen.

Sheila kam mit ihrer Puppe aus dem Nebenzimmer. »Baby, warum warst du unartig zur Dame? Sie hat sich beklagt.«

»Sie hat meine Puppen Ungeheuer genannt!« sagte Sheila.

Feuer war aus ihrem Winkel hervorgekrochen und saß auf der Schreibtischplatte, neben dem Bild von Mutter Bourke.

Adela saß eine Zeitlang schweigend im Lehnsessel und blickte dem Kind, dem Tier zu. Beide Wesen gingen, hantierten in der Stube. Sie hatte kein Teil an ihrem Tun, ihrem Wesen.

Alle sind grausam gegen ihn, sagte sie sich. Alle verfluchen ihn, hetzen ihn, strengen sich an, ihn zur Strecke zu 128 bringen. Jetzt greifen sie alle zu den Zeitungen und legen sie unbefriedigt aus der Hand, weil er immer noch nicht gefangen, immer noch nicht dem Henker überantwortet ist.

Gut, daß er in Freiheit ist. Sie sollen ihn nicht fangen!

Vielleicht liebt er dieses Mädchen. Vielleicht ist er noch jung genug, ein neues Leben zu beginnen. Vielleicht ist er unterwegs und kein Mensch kann ihm etwas mehr anhaben. Gut! Sei glücklich! Die Welt ist weit, sei auf deiner Hut, tu ihnen nicht den Gefallen!

Und sie dachte an Cora Stratton, die mit ihm war, dieses junge Mädchen, das seine alte Mutter nicht vergessen hatte, bei all seinem Leichtsinn, seiner Putzsucht und Verworfenheit.

Erst später, Stunden später, fiel es ihr ein: daß sie ja, ebenso wie all die andern, stillschweigend angenommen hatte, daß Garrat den Mord begangen habe. Sie, wie die andern – und dabei war es doch gar nicht erwiesen. Ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände – aber sie hatte ihn in ihrem Herzen bereits schuldiggesprochen, sie, wie die andern, fremden, grausamen, oberflächlichen und sündigen Menschen!

*

Kapitän Fraser stand auf der obersten Stufe der kleinen Treppe, die zum Gesellschaftssaal seines Schiffes hinunterführte.

Die Ventilatoren surrten. Die Kapelle spielte. Die Blumengirlanden, die die weiß und goldlackierten Säulen des schönen Raumes verbanden, schaukelten rhythmisch hin und her. Unzählige Papierfähnchen aller Nationen flatterten über den Köpfen der Tanzenden. Sie sprenkelten mit lustigen Farben die Bewegung der in Weiß gekleideten Frauen, in Frack und helle Sommerfarben gekleideten Männer, die Leinwanduniformen der Schiffsoffiziere, die sich der Festesfreude hingaben.

129 Über der Treppe vereinte sich die Flagge Englands, der Union Jack, mit der Flagge Kanadas, dem Ahornblatt in rotem Felde, zu einem Fächer, dessen Knauf die emaillierte Kartuche der »Ormond«-Linie, ein großes, rotes O in schwarzweiß gewürfeltem Felde bildete.

Es hatte sich wider Erwarten Nebel eingestellt, und man hatte sich daher entschlossen, den ersten Ball statt auf Deck unten im Saale abzuhalten. Die Reisenden waren's zufrieden, das sah man der Veranstaltung an. Seit gestern mittag war man auf hoher See, und die üblen Krankheitserscheinungen, die das Durchkreuzen der Kanalströmung hervorgerufen hatte, waren fast bei allen überwunden. Hier und dort lag noch einer oder der andere von den Fahrgästen der »Inverneß« hilflos in seiner Kajüte und hob die blaßfeuchte Hand zur Klingel, um vom Steward oder der Stewardeß Hilfe zu erlangen.

Kapitän Fraser war für einen Augenblick von der Kommandobrücke heruntergekommen. Neben ihm stand der Schiffsarzt Dr. Kennedy.

»Wir sind in guten Händen!« sagte ein alter bissiger Handelsmann aus Halifax zu seinem Nachbarn, dem Geistlichen aus Nova Scotia. »Der Kapitän sieht zu, wie sein Erster Offizier sich im Walzertakt dreht! Derweil schwimmt der Kasten im tiefsten Nebel. Hören Sie?«

Das dumpfe Tuten des Nebelhorns dröhnte wie Orgelpunkt unter der heiteren Weise, die das kleine Orchester hingebungsvoll fiedelte.

Auf dem Sofa rings um die Wände saßen unter den zugeschraubten Seitenfenstern die älteren Leute, die nicht tanzten.

»Und seinen Kumpan Kennedy hat er auch bei sich!«

Die beiden Herren kamen die Treppe herab, stellten sich an die Peripherie der Tanzenden.

130 »Stratton!« rief der Kapitän mit seiner schrillen Stimme in den Saal.

Der Erste Offizier tanzte mit einer hübschen üppigen Blondine im Arm, zehn Schritte weit von der Treppe dahin. Er tat, als sei er nicht angerufen worden, als habe er's überhört, walzte weiter, die Tänzerin fest im Arm.

»Stratton!« rief der Kapitän abermals.

Ehe er sich nach dem Rufenden wandte, blickte Offizier Stratton seine Tänzerin an: »Mir war's, als habe mich jemand gerufen?«

Die hübsche Blondine blickte, vom Tanz gerötet, mit einem Lächeln ins Gesicht des Offiziers auf, dessen Augen auf sie gerichtet waren. »Ja! Ich glaube, es wurde eben Ihr Name gerufen . . .«

Jetzt führte der Tanz die beiden an der Treppe vorbei.

Der Offizier wendete sich um: »Ja, Kapitän?«

»Ablösung!« rief Kapitän Fraser.

»Die Pflicht!« sagte Offizier Stratton, löste seinen Arm von der Tänzerin, die ließ sich zu ihrem Platz neben einem ältlichen Herrn auf dem Seitensofa führen.

Nachdem der Offizier mit dem Gatten der Dame, Mr. Fergus, ein paar verbindliche Worte gewechselt hatte, folgte er dem Kapitän auf Deck.

Am Fuße der Kommandobrücke; unter der Treppe, blieben sie stehen und warteten. Ein paar Minuten später trat Arzt Kennedy zu ihnen.

»Nun?«

»Er hat ganz ruhig geschaut. Den Ruf hat er wohl gehört, aber er tat, als ginge es ihn nicht an,« sagte der Arzt.

»Sie wurde ein bißchen bleich, ich habe es wohl gemerkt. Als Sie das erstemal meinen Namen riefen, kam sie aus dem Takt, stolperte über meinen Fuß, das zweitemal war sie ganz sicher,« sagte der Offizier.

131 »Gut,« sagte Kapitän Fraser. »Auf heut abend.«

Mr. Fergus stand mit seiner jungen Frau in der Nähe des Orchesters.

Die Stewards und die Stewardessen gingen mit Tabletts herum, auf denen Gebäck, Sandwiches lagen.

Mrs. Fergus nahm sich von allem. Die Stewardeß empfahl: »Dies!« und dann: »Nun noch ein wenig von diesem!«

Sie sah Mr. Fergus an: »Das letztemal hätte ich ihr nicht dazu geraten!« Das letztemal, das war gestern abend, als sie in die Kajüte des Ehepaares eingedrungen war, um nach der Patientin zu sehen. – Mrs. Fergus hatte, vom Augenblick an, da sie an Bord war, an der Seekrankheit gelitten und fest im Bette gelegen. »Aber jetzt will ich mich bei ihr einschmeicheln!«

Mr. Fergus lächelte schwach. Seine Frau nickte Dank und zeigte ihre hübschen Zähnchen zwischen den geschwungenen Lippen. Die beiden setzten sich auf einen geschützten Platz hinter dem Flügel, der in eine Ecke geschoben war. Mr. Fergus blickte in den Saal, ohne zu sprechen.

»Ich habe einen ordentlichen Schreck auszuhalten gehabt!« sagte Mrs. Fergus. »Aber ich habe mich gut gehalten, glaube ich.«

»Er hat mit all den anderen jungen Frauen getanzt,« sagte Mr. Fergus. »Du mußt auf deiner Hut sein. Es ist ein verdammter Zufall. Wir müssen uns mit ihm abfinden. Es ist sogar gut, daß es so ist; wir werden uns doppelt in acht nehmen. Es ist eine fortwährende Mahnung, vorsichtig zu sein. Sind wir erst drüben, mein Lieb, wird's besser.«

»O, der Twostep aus dem ›Sunshine-girl!‹« rief Mrs. Fergus und stellte ihren Teller auf den Flügel.

»Genug!« sagte Mr. Fergus hart. »Wir gehn jetzt!«

Aber Mrs. Fergus war schon aus der Ecke heraus und vor den Flügel getreten. Ein junger Mann von beträchtlicher 132 Eleganz, Rechtsanwalt aus Toronto, kam auf sie zu, verneigte sich und führte Mrs. Amy Fergus mit schwebenden Schritten die Säulen entlang.

»Du kommst jetzt mit!« wiederholte Mr. Fergus, als sie lächelnd, leuchtend, mit hoch atmender Brust wieder neben dem Wartenden stand.

»Schon?« sagte sie und rümpfte die Lippen.

»Ja!« Sie gingen. Auf Deck war es kühl und feucht. Sie gingen einmal um das Deck herum. Amy Fergus blickte sehnsüchtig auf die beleuchteten Scheiben des Skylight, unter denen die Tanzmelodien wogten. Aber sie mußte in die Kajüte hinunter. –

Sie kleideten sich zum Diner um.

Die Tür war verschlossen. Mr. Fergus hatte auf die Klinke seine Kappe gehängt, um das Schlüsselloch zu verdecken. Mrs. Amy kramte im Koffer und hatte eine kleine Lederschachtel in der Hand.

»Tu das fort!« sagte Mr. Fergus.

»Ich tu es ja schon!« sagte Mrs. Fergus schmollend.

»Ich werde alles an mich nehmen und heute nacht den ganzen Kram über Bord werfen!« sagte Mr. Fergus mit gedämpfter Stimme.

»Nein!« Mrs. Amy hielt leidenschaftlich ein glitzerndes Stück, das sie aus der Schachtel genommen hatte, mit beiden Händen an die Brust gepreßt.

Herr Fergus war zu seiner Frau getreten, und versuchte ihr mit Gewalt das Schmuckstück aus den Fingern zu quetschen.

»Laß – du tust mir weh!« Die Tränen traten ihr in die Augen. Mit tränendem Blick sah sie dem schönen Geschmeide nach, einem aus Rubinen und kleinen Brillanten zusammengesetzten Spinnenleib, wie es in der Tasche des Mannes verschwand.

»Ich stecke es ja doch nicht an, nur wenn ich allein im 133 Zimmer bin und die Tür zu ist! Ich habe auch das Goldnetz weggenommen, es ist nicht mehr zu erkennen!«

»Du hast es angehabt neulich, als die Stewardeß hier eintrat. Du kannst es nicht unterlassen, dich zu putzen! Auch wenn niemand dich bewundert!«

»Die Masche war darüber, die kleine Masche der Hemdpasse. Es war gar nicht zu sehen. Du bist abscheulich zu mir! Ich weiß es, es ist Eifersucht, nichts weiter. Ich hätte nicht tanzen sollen!«

Mr. Fergus schlang seine Arme um sie, liebkoste sie, küßte ihr die Tränen aus den Augen fort.

Draußen im Kajütskorridor schrillte die elektrische Glocke.

»Zeit,« sagte Mr. Fergus.

Sie gingen in den Speisesaal. Das Horn dröhnte unaufhörlich. Der Nebel war dichter geworden.

*

Um halb zehn saßen die Herren beim Porter im Rauchsalon.

»Herr Fergus, wollen Sie sich nicht zu uns setzen?« frug Dr. Kennedy.

Mr. Fergus war eingetreten und ließ sich an der Bar vom Keeper ein Glas mischen. Er hatte sein Pfeifchen weggelegt und sich angeschickt, stehend sein Glas zu trinken.

Er kam an Dr. Kennedys Tisch heran, wurde vorgestellt und setzte sich zum Arzt.

Der Steward brachte ihm das Getränk. Ein Obstzüchter aus Ontario, der Generalagent der großen Erntemaschinen-Fabrik Shuttle aus Edmonton, ein Bankprokurist aus Leeds, das war die Gesellschaft um Dr. Kennedy; auch Mr. Ryan, der junge Rechtsanwalt aus Toronto, saß da.

Dr. Kennedy hatte seinen guten Tag. War er erst auf hoher See, so fing er richtig zu leben an. Kam er dann ins Erzählen, so konnte er unerschöpflich sein.

134 »Gestern, Doc, habe ich Sie beobachtet!« sagte Ryan. »Sie standen an die Reling gelehnt, ich war ganz traurig, das mit anzusehen. Hätte ich nicht gewußt, Sie seien der Arzt, ich hätte vermutet, Sie seien schwer seekrank.«

»Er war blau!« meinte Mr. Pugsley, der Mann aus Edmonton. »Reminiszenzen an das Festland. Die blonden Mädchen vom alten Antwerpen.«

»O, Chuck!« Kennedy winkte ab. »Mädchen der Hölle; keine Mädchen für mich.«

»War Ihnen schlecht, Doc? Haben Sie auch einmal einen Arzt nötig gehabt?«

»Nie an der Oberfläche, Gentlemen; immer im Kämmerlein. Wir Schiffsärzte dürfen uns noch weniger schwach zeigen, als unsere Kollegen auf dem Festen. Wenn Sie mich gesehen haben, Sir, so war ich in den Anblick des ewigen Meeres versunken, das mir auf jeder Fahrt neue und immer neue Überraschungen bereitet.«

»O, Schwärmer!« Prokurist Hall schlug dem Doktor lachend auf die Schulter. »Hört den Poeten an!«

»Go on, Billy!« brummte der Obstzüchter, der wohl ein halb Dutzendmal mit dem Arzt und der »Inverneß« zwischen Antwerpen und Quebec hin und her gefahren war. »Go on, Billy, laß dir einen Cocktail geben. Es ist erst zehn. Wo soll das hin, wenn du jetzt schon von dem ewigen Meer und solchem Balsam faselst!«

Doktor Kennedy setzte sich aufrecht, klopfte auf sein leeres Glas und begann, während der Keeper ihm eine Mischung an der Bar herstellte: »Ich bin, soweit ich mich entsinne, nur einmal in meinem Leben ins Wasser gefallen, und das war, als meine Amme mich in die Wanne fallen ließ. Aber ich habe seitdem wiederholt Menschen ins Element plumpsen sehen, und auch von welchen hörte ich, denen das widerfahren ist. Ich habe gestern, als ich über die Reling blickte, an eine Geschichte denken müssen, die ich 135 auf der letzten Überfahrt von einem Patron aus Manitoba geschenkt bekommen. Es ist die verbiestertste Geschichte von einem Menschen, der ins Wasser gefallen ist, noch dazu ein blaublütiger Herzog von Großbritannien. An die Geschichte mußte ich wohl denken, als Sie mich gestern von fern beobachtet haben, Sir.«

»Go on, Bill, gib uns die Geschichte,« sagte Mr. Brodeur, der Obstzüchter. »Hello, Mann, einen Highball, aber nach meiner Fasson!«

Der Keeper nickte und schüttelte seine Silberflasche, in der Eisstückchen klapperten.

»Also, die Geschichte hat sich auf folgende Art ereignet . . . Versorgen Sie sich mit Getränken, Mr. Fergus!« sagte Dr. Kennedy und blinzelte seinem Nachbarn ins Gesicht. »Die Geschichte ist lang!«

»Danke, Doktor, es reicht noch eine Weile!« antwortete Mr. Fergus und trank.

»Es fing also so an, daß eine Gesellschaft von vier Personen, Kolonisten, nach Manitoba kam. Genauer gesagt, nach Griswold an der Pacific-Bahn. Die Gesellschaft bestand aus dem Herzog von Sutherland, Lord Desborough, Lord Castlereagh und dem Marquis von Stafford. Diese vier hatten Land in der Nähe von Griswold aufgenommen und beabsichtigten dort eine Farm in beträchtlichem Stil einzurichten. Natürlich, um im Herbst dann in London im Klub über das ergötzliche Erlebnis schwätzen zu können. Ihr Haus war fix und fertig, als sie ankamen, ein gemieteter Mann namens Pete hatte es instand gehalten für sie. Sie wollten Pete behalten für die gröbste Arbeit, alles andere aber wollten sie selber besorgen, Erntearbeit, Hausarbeit, Vieh, alles. Nun, als sie von der Station ankamen, fanden sie Pete unterm Tisch, mit schwerem Rausch beladen, ohne Bewußtsein vor.«

»Im ganzen Hause nichts zu essen. Sie rüttelten den 136 Schläfer wach und brachten es mit Hilfe des Kutschers, der sie hergeführt hatte, auch fertig, den Burschen so weit auf die Beine zu stellen, daß er nach dem Stall ging, das Pferd vor den Wagen spannte und in die Stadt fuhr, zusammen mit dem heimkehrenden Wagen, um, wie die Herren es ihm aufgetragen hatten, Lebensmittel für die laufende Woche einzukaufen, alles, was fünf Leute benötigten. Sie gaben ihm Geld und schärften ihm ein, alles dafür zu kaufen, was auf den Farmen ringsum so für Leute ihrer Art zum Fristen des Lebens notwendig und gebräuchlich war.

»Pete fuhr ab und die vier sahen sich derweil im Haus, im Garten, auf den Feldern, im Stall um. Ein Bach lief eine halbe Meile weit vorbei, sie hatten ihn auf dem Herweg schon bemerkt. Lord Desborough holte sein Anglergerät, zog seine Wasserstiefel an und machte sich auf den Weg. Castlereagh und der Marquis blieben im Bereich des Hauses, der Herzog aber machte sich dünne und blieb fürs erste unsichtbar.«

»Der Herd roch nach verbranntem Unkraut. Weit und breit nichts Eßbares. Castlereagh und der Marquis sahen einander an. »Mein lieber Junge, es ist nichts zu essen da!« Der Marquis klemmte sein Monokel ein: »Absolut, mein Lieber. Nicht ein Bissen.« »Wie lange sind wir hier herausgefahren?« »Fünf Viertelstunden. Der Bursche müßte schon zurück sein.« Lord Desborough kehrte von seinem Fischzug zurück: »Meine lieben Jungen, nicht ein Weißfisch, nicht eine Quappe. Wo ist Sutherland?« Der Herzog war verschollen. Die drei setzten sich auf Stühle, zogen ihre Pfeifen aus der Tasche und rauchten sich an. »War das nicht wie ein Hilferuf? Hullo, hört doch!« »Beim Jupiter! Sollte das ein Überfall von Rothäuten sein? Schon?« Der Ruf ertönte wieder. Die drei aber gähnten und fluchten: wo blieb der Kerl Pete? Endlich rasselte der Wagen heran. Pete sprang vom Bock. Es ging nicht glatt vonstatten.«

137 »Nun, mein lieber Junge!« sagte der Marquis von Stafford zu den anderen: »dieser Bursche ist betrunken wie eine Ratte. Er war halb nüchtern, als er ging, er hat sich einen neuen Rausch mitgebracht!«

»Hier sind eure Lebensmittel, ihr Leute!« sprach Pete und zerrte an der Klappe im Hinterteil des Wagens. »Ich bringe das Zeug ins Haus, ihr macht derweil das Pferd los und führt es in den Stall.«

Die Herren aber blieben stehen und sahen zu, wie Pete die Lebensmittel aus dem Wagen hob. Es waren zwei Kisten Kornbranntwein, drei Kisten Whisky, ein Fäßchen alter Gin, ein Barrel Sodawasser. »Wenn's nicht langt, kann ich ja zurück und mehr holen.«

»Aber mein guter Mann!« sagte Lord Desborough, »haben Sie uns denn keine Lebensmittel gebracht?« »Lebensmittel?« frug Pete. »Well – Lebensmittel. Was für Lebensmittel? Ach ja, ein Sack Bohnen liegt auf dem Speicher, holt den herunter, ich bringe derweil das Zeug da ins Haus.«

Desborough und der Marquis nahmen dem Roß das Geschirr ab, derweil machte sich Castlereagh auf die Suche nach den Bohnen, fand sie und warf den Sack unter die Bank beim Herd hin.«

»Mein lieber alter Junge,« sagte Castlereagh zu Stafford. »Soviel ich weiß, dauert es doch einen halben Tag, bis Bohnen gar sind!«

»Allerdings, mein Junge, allerdings!« sagte Stafford und ließ das Monokel aus seiner Optik fallen. »Nun wie steht's mit dem Abendessen?« frug er Pete, der in die Küche kam. »Haben Sie wenigstens Brot, Kaffee oder Konserven, oder irgendwas?« Pete schüttelte verwundert den Kopf. »Nein!« Dann ersuchte er einen der Herren, Wasser aus dem Brunnen zu holen, um die Bohnen aufzusetzen. Stafford machte sich auf den Weg mit dem Kübel. Je näher er 138 zum Brunnen kam, um so deutlicher waren die sonderbaren Hilferufe zu hören. Er blickte in den Brunnen hinunter und entdeckte den Herzog von Sutherland auf dem Boden des Brunnens, bis an den Hals im Wasser, und krampfhaft an dem Seil festgeklammert. »Mein lieber alter Junge!« rief der Marquis von Stafford, indem er sein Monokel ins Auge klemmte. »Was in aller Welt treibst du da unten?« »Mach schnell und hol mich heraus,« sagte der Herzog und glotzte in die Höhe. »Ich bin hereingefallen.« »Wie zum Teufel hast du das zuwege gebracht, hier hereinzufallen?« erkundigte sich der Herzog von Stafford und klopfte seine Pfeife an dem Rande des Brunnens aus. »Kümmere dich doch nicht darum, wie ich hier hereingefallen bin!« brüllte der Herzog. »Hol mich heraus. Das Wasser hier unten ist kalt, ich sage dir, verteufelt kalt!« »All right, mein Alter, all right!« sagte der Marquis Stafford. »Ich will mal sehen, ob es eine Leiter, eine Strickleiter oder etwas ähnliches gibt, an diesem wüsten Ort. Übrigens, ich vergaß zu sagen, dieser Mann Pete ist soeben aus der Stadt zurück. Ich sage dir, betrunken wie eine Ratte. Und nichts zu essen hat er mitgebracht, nicht eine Kartoffel!« »O, hol der Teufel den Mann und die Kartoffel . . .« »All right, mein Junge, all right. Ich werde mal den Burschen herschicken, ich wette, der verteufelte Kerl ist es selber gewohnt, in Brunnen zu fallen. Sag, ist es kalt dort unten? Ich bin vor drei Jahren selber mal von meiner Jacht ins Wasser gefallen. Bei Cowes in den Solent, aber dort war das Wasser ziemlich warm, nun ja, ich weiß nicht, wie es hier in Kanada ist.« Darauf kam Lord Desborough heran, um nachzusehen, was der Marquis so lange beim Brunnen zu schaffen habe. Desborough klemmte, als Stafford ihm die Angelegenheit erklärt hatte, das Monokel ins Auge und staunte den Mann dort unten an. »Hol mich der Teufel,« sprach er, »wie in alle Welt bist du hier hinein geraten, alter Junge!« »Beeilt euch doch, um Gottes 139 willen,« wimmerte der Herzog von Sutherland, »ich halte es nicht lange mehr aus!« »Der Teufel, alter Junge!« sprach Lord Desborough hinunter. »Ist dein Hut auch hineingefallen?« »Kümmere dich nicht um meinen Hut!« schrie der Herzog, »zur Hölle mit meinem Hut, rettet mich doch!« »Wollen wir ihm nicht seine Reisemütze holen?« frug Lord Desborough ganz bekümmert und sah den Marquis an. »Er wird sich behaglicher fühlen, wenn wir ihm die Mütze auf den Kopf werfen!«

Dr. Kennedy machte eine Kunstpause und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Runde schüttelte sich vor Lachen.

Mr. Ryan lachte so, daß er die Gläser seines Kneifers trocknen mußte; der alte Obstzüchter hatte einen Stickhustenanfall, der Keeper lachte hinter der Bar. Mr. Fergus hatte den Kopf zurückgeworfen und lachte aus vollem Hals.

Dr. Kennedy sah sie alle der Reihe nach an. Er war der einzige, der den Ernst bewahrte. Die Runde beruhigte sich allmählich. Mr. Brodeur atmete asthmatisch, der Prokurist keuchte leise vor sich hin.

Mr. Fergus hatte sich ebenfalls beruhigt. Er saß aufrecht da und hatte die rasierte Oberlippe in den Mund gezogen.

Die Geschichte ging noch weiter, Kennedy aber kürzte ab. Sie endete damit, daß am nächsten Morgen Pete die ganze Gesellschaft vom Boden auflas und sich seine Gedanken darüber machte, daß diese Herren, die die Edelsten der alten Heimat dort drüben sein wollten, so wenig aushielten, so leicht unter den Tisch fielen, wo er mit einem leichten Geschmack von Mahagoniholz im Munde davongekommen war.

Es war schon spät. Mr. Fergus empfahl sich als erster. Die Herren blieben noch. Einige Minuten nach Mr. Fergus 140 sagte Dr. Kennedy Gute Nacht. Er mußte noch eine Runde auf Zwischendeck erledigen.

*

Allein Dr. Kennedy ging nicht ins Zwischendeck hinunter, sondern pochte an der Kabine von Kapitän Fraser an.

Nach einer Weile läutete Fraser dem Steward und ließ den Ersten Offizier bitten.

Stratton kam.

Eine halbe Stunde später schritten die drei schweigend und unauffällig zum Sonnendeck hinauf und traten in die kleine Kammer des »Wireleß«, des Manipulators am Funkentelegraph, Mr. Campbell ein.

Mr. Campbell saß mit dem helmartigen Hörer vor dem Schaltbrett und dem Morseticker und hörte, was in der Welt vorging.

»Well, Campbell, fallen Sie nicht vom Stuhl, und geben Sie acht, daß der Schlag Sie nicht rührt.« »Was gibt's, Sir?« frug Mr. Campbell erstaunt.

Stratton und Dr. Kennedy sahen den Mann mit feierlichen Augen an.

Kapitän Fraser stellte sich breitspurig hin und diktierte das Telegramm. Mr. Campbell hatte den Schaltapparat eingestellt und drückte den Taster nieder. Er schrieb.

*

Der Nachmittag war warm und sommerlich. Die Fenster standen offen, über den Square rollten Wagen, gingen Spaziergänger.

Eine Drehorgel hatte sich vor West-House aufgepflanzt, eine Italienerin mit tellerförmiger Kopfbedeckung schwang die Kurbel im Kreise.

Vier kleine Mädchen stellten sich, die Fingerspitzen an den Röckchen, zu einer Quadrille auf, um zu tanzen. 141 Ihre Augen waren wie hypnotisiert auf die Fenster in den Stockwerken gerichtet, aus denen Miß Wests Gäste hinunterblickten.

Ein Geschrei tönte von der Ecke des Platzes her, die nach der Oxfordstraße zu lag.

»Special! Special!«

Es war die Stunde der Abendzeitungen. Aber es riefen heute mehr Stimmen als sonst die Sonderausgaben aus, und nach den Worten »Special! Special!« wurden noch welche gerufen, die aus der Entfernung nicht genau zu hören waren.

Adela und neben ihr Sheila blickten aus dem Fenster auf die Kinder vor der Drehorgel hinunter. Im Fenster nebenan stand Herr Lucas. Er merkte wohl, daß Frau Adela ihn gesehen hatte und daß sie tat, als sähe sie ihn nicht.

Das Geschrei der Zeitungsjungen war jetzt näher gekommen. Es ertönte fast schon unter den Fenstern.

Mitten in der Melodie brach die Drehorgel ab. Die Italienerin kramte in ihrer Tasche und kaufte sich für einen halben Penny das Blatt. Die vier kleinen Mädchen stellten sich auf die Zehenspitzen und guckten in die Zeitung.

»Doktor Garrat . . .« riefen die Zeitungsjungen. »Doktor Garrat . . . Special!«

Adela beugte sich aus dem Fenster und sagte Herrn Lucas: »Wollen Sie mir die Zeitung holen?«

Herr Lucas verschwand vom Fenster. Er erreichte den Zeitungsverkäufer noch vor West-House. Vor dem Tor standen einige Gäste und lasen die Nachricht.

»Danke,« sagte Adela. Herr Lucas reichte ihr das Blatt. »Die Treibjagd scheint beendet zu sein,« sagte Herr Lucas und empfahl sich.

Adela entfaltete das Blatt. Sie hielt es vor ihr Gesicht, als ob sie darin läse. Aber auf den mittleren Seiten war ja nichts von Belang zu lesen. Die Nachricht stand auf der 142 ersten, unmittelbar unter dem Titel des Blattes. Sie war mit fetten Lettern auffällig gedruckt und lautete:

Dr. Garrat auf dem Wege nach Kanada.«

An die Redaktion der Zeitung war um drei Uhr nachmittags die folgende Meldung von Scotland Yard gelangt: »Reuter meldet Montreal wireless via Point Armour:«

»Dr. Walter Garrat, der Mörder von Mrs. Belle Garrat, befindet sich auf dem Schiff ›Inverneß‹ der Ormond-Linie, und ist in diesem Augenblick auf dem Wege nach Montreal. In seiner Begleitung ist das Mädchen Cora Stratton. Das Paar hat sich ins Schiffsregister unter den Namen Mr. John Fergus, Kaufmann aus Antwerpen und Gattin Mrs. Amy Fergus eingetragen. An Bord hat außer dem Kapitän, dem Ersten Offizier, dem Schiffsarzt und dem Telegraphisten niemand Kenntnis von der Anwesenheit des Mörders. Er selbst weiß nicht, daß er entdeckt ist.«

An der Abendtafel sprach man von dem Ereignis. Einer der Gäste, ein stiller und zurückhaltender Reverend, ein etwas schrullenhafter Herr, der erst vor kurzem in West-House eingezogen war, wurde zum erstenmal gesprächig. Er kannte das Schiff und den Kapitän, war vor einem Jahr auf der »Inverneß« von Southampton nach Antwerpen gefahren. Auch an den Schiffsarzt, einen komischen Kauz, erinnerte er sich deutlich.

»Die Welt ist von einem Alp befreit!« beteuerte Mrs. Reynolds. »Das Tier ist im Käfig!«

»Die drahtlose Telegraphie ist das größte Wunder des Erdballs!« erklärte Kapitän Rogers. »Stellen Sie sich vor, was das heißt: die ganze Menschheit erfährt jetzt stündlich, was der Mann tut und treibt. Er allein weiß es nicht, daß er entdeckt ist.«

»Das ist sehr einfach!« sagte Mr. Escoffier. »Es gibt Situationen, in denen ein Mensch sich benimmt, wie er 143 es gewohnt ist, und derweil defilieren draußen auf Filzsohlen Scharen an dem Schlüsselloch vorüber. Man nennt das mit einem Wort: Voyeurs!« Er lachte. Keiner an der Tafel verstand ihn.

In der Zeitung waren schon Kommentare zur Nachricht gefügt. Das Schiff hatte 7000 Tonnen, es war ein mittleres Schiff. Das Datum, an dem es von Antwerpen ausgelaufen, von Southampton abgefahren war, stand verzeichnet. Es schwamm in diesem Augenblick vermutlich 22 Grad nördlicher, 50 Grad westlicher Breite.

Kapitän Rogers holte aus seinem Zimmer eine Seekarte, das Schiff wurde von den Gästen von Miß West lokalisiert.

Es wurde an diesem Abend nicht musiziert. Die Herren waren aufgebrochen, um einen Abendspaziergang durch die Stadt zu unternehmen. Dalmayne, Mrs. Strange und die andern blieben unsichtbar. Auch sie waren wahrscheinlich in die Stadt gegangen. Es waren noch späte Abendblätter zu erwarten.

Adela hörte in ihrem Zimmer, wie nebenan laut gesprochen wurde. Es war Herr Lucas, der Sonderling, der einen feierlichen Sermon in einem seltsam vorwurfsvollen Tone vor sich hin rezitierte.

Adela blieb lange, nachdem das Kind zu Bett gebracht worden war, wach. Sie horchte angespannt auf jedes Geräusch von der Straße her – als hätte das etwas für sie zu bedeuten. Als hätt' es etwas zu bedeuten.

In ihren Ohren sang die abgebrochene Drehorgelweise sausend weiter, immer auf dem gleichen Ton.

Sie hatten ihn!

Die ganze Welt hatte ihn. Sie hatte ihre Pranke dem einen Menschen auf die Schulter gelegt und wartete darauf, die Krallen zusammenzuziehen, mit eisernem Griff.

144 Aber die Pranke lag vorerst noch ganz sacht, wie durch eine magische Luftschicht isoliert, auf der Schulter des Verdammten. Er merkte nichts.

Er merkte nichts von dem, was ihn bedrohte. Er allein wußte von nichts.

Adela bog ihren Körper zurück, als verlasse sie der Atem. Stoßweis fuhr es wie Schluchzen aus ihrem gepreßten Herzen durch die Kehle heraus.

Sheila schlief. Feuer saß am Bettende und wachte. Durch die vom Straßenschein durchflimmerte Dunkelheit leuchteten die grüngelben Lichter der Tieraugen.

Adela lag, den Nacken, den Hinterkopf aufs Kissen gestemmt, in ihrem Bett. Unten ging das Tor. Laut sprechende Leute kamen heim, gingen über die Treppe. Türen wurden im Hause auf und zugemacht.

»Retten!« stammelte die Frau. »Retten!«

*

Sie erwachte, es war noch Nacht.

Es hatte ihr geträumt: sie stände auf einem Brett, das sich leise wiegte, wie auf einem Wasser. Und ihr gegenüber, auf dem äußersten Ende einer Landzunge ein Mensch, dessen Züge und Umriß sie nicht zu erkennen vermochte. Er hielt die Arme ausgestreckt, so weit, daß es fast aussah, als gehörten sie nicht zum Körper. Seine Hände spreizten sich unnatürlich – sie aber schlug die ihren vor die Augen, erschrocken: es war Gotteslästerung, diese Arme – die sich zu weit ausstreckten, es war Sünde, die Arme streckten sich zu weit über den Körper hinaus, zu weit hinüber – es durfte nicht sein!

Sie erwachte, wie gelähmt. Feuer sprang mit einem Satz von ihrer Bettdecke hinunter auf den Fußboden.

Vielleicht hatte das Tier, während sie schlief, die Pfote nach ihr ausgestreckt. Es war schon öfter 145 geschehen, daß das Tier die Frau im Schlaf leise gestreichelt hatte.

Es war noch sehr früh. Vier erst vorüber. Aber es litt sie nicht länger im Bett.

Sie stand auf, warf einen Schlafrock über, setzte sich an ihren Schreibtisch, der im frühesten Morgenlicht grau dastand. Auf den Onyxsächelchen lag der Schein wie Stahl. Sie küßte das Kreuz, preßte es gegen die Stirne, so tief, daß das Gefühl sich bis hinein ins Gehirn verpflanzte.

Sie nahm aus der Schublade die Mappe mit den Andenken an Garrat, stellte das Bild vor sich hin, öffnete das Tagebuch, setzte die Feder an.

Das Kinn in die Handfläche gelegt, den Zeigefinger stark an die Wange und gegen die Schläfe, den kleinen Finger an die Lippen gepreßt, saß sie und sah das Bild an. Die Bäume, die Terrasse, das Stück von der Gartenfassade – all dies fesselte sie, sie hatte es vor Tagen wiedergesehen. Ihre Gedanken verirrten sich. Eine Minute lang war sie gar nicht inne, aus welchem Grunde sie und was sie an dem Bilde betrachtete!

Da erschrak sie, tief im Herzen, über diese Vergeßlichkeit, sperrte alles wieder in den Tisch zurück und legte sich, müde und übermäßig erschöpft, wie sie war, auf das Bett, um bis tief in den Morgen zu schlafen.

*

Die Zeitungen brachten die Nachricht vom Aufbruch Evangelistes. In seiner Begleitung befand sich ein alter Kommissär von Scotland-Yard, dem die Aufsicht über die Fabrikanten, Händler und Zwischenhändler ausländischer Patentmedizinmittel oblag, und der Garrat wiederholt in seinem Bureau wie in Scotland-Yard gesehen hatte, Mr. Crombie. Beide hatten sich bereits auf der raschfahrenden »Empreß of India« eingeschifft, und der 146 drahtlose Verkehr zwischen diesem Schiff und der »Inverneß« war hergestellt.

Adela machte sich mit Sheila auf den Weg nach Regent Street. Sie hatte ihr Frühstück später als die andern Pensionäre eingenommen und war dann, Gruß und Aussprache vermeidend, mit Sheila an der Hand in die Stadt gegangen.

Es war Sonnabend vormittag, die Oxford Street voll Menschen. Vor Peter Robinsons Laden staute sich die Menge. Drin war der lange angekündigte Verkauf von Weißwaren, Sommerstoffen, die Schaufenster schimmerten in den hellsten, zartesten Farben, und die Tafeln mit den Preisen, groß und auffällig über die ganze Herrlichkeit verteilt, erregten die Aufmerksamkeit und die Begeisterung der Damen vor den Scheiben.

Adela trat ein und kaufte. Sie ging, das Kind an der Hand, die breite, in einem Bogen nach St. James hinunterführende Regent Street entlang, getragen vom Strom der Menschen, in der fröhlichen Morgensonne des Frühsommertages. »Liberty« lockte mit bunten Schaufenstern, in denen orientalischer Schmuck, seine dünne Seide, die mit phantastischen Blumen bemalt war, Kleidungsstücke und Möbel im Morris-Geschmack aufgestapelt waren. Adela blieb in hellem Entzücken vor diesen Fenstern stehen, kaufte einen Sommerhut für das Kind, ein liebliches Halskettchen aus winzigen Muscheln. Die Straße prangte. Da waren Läden mit kostbaren Blumen, die die Gärten von Kew beschämten, mit Früchten aus allen Weltteilen, Juwelierläden mit betörendem Geschmeide, mit herrlichem alten Silberzeug aus der Adams- und Sheraton-Epoche, aus Tudor und Queen Ann-Schlössern; Läden mit Jagd- und Sportrequisiten, mit allem erdenklichen Luxus der Welt. In den Seitengassen, die zu Piccadilly führten, standen die Kutschen der oberen Zehntausend 147 vor den Ateliers der berühmten Kleiderkünstler, deren Namen die Frauen mit Begierde erfüllten. In den schmalen Schaufenstern dieser vornehmen Geschäfte lagen nur einzelne Gegenstände, ein filigranzarter, pelzverbrämter Theaterüberwurf aus teegelbem Stoff, oder ein roter Frack neben einer Reitgerte, oder eine kleine Federagraffe mit einer weißen Chinavase als Hintergrund. Adela führte Sheila an der Hand, Mutter und Kind betrachteten schweigend die Schätze, endlich ermahnte Sheila die Mutter:

»Du wolltest doch in den Hydepark?«

Rotten Row, die wunderbare Straße der Reiter und Reiterinnen, der eleganten Gefährte und der eleganten Fußgänger, lag im vollen Glanze. Die Rhododendronbeete glühten in den Farben ihrer voll erblühten Kelche, und die schönen Menschen, die an ihnen vorüberschritten, ihre heitern Gesichter der Sonne zukehrten, sich lebhaft begrüßten im Vorübergehen, Vorüberreiten, Vorüberfahren, lebten und atmeten in gleicher Weise die Freude an der wolkenlosen Pracht des blauen Himmels. Die Geschäftigkeit der Straßen, paar Schritt weit, hinter dem Marmortor des Parks, hatte sich hier in einer wogenden, rhythmisch durchpulsten Bewegung von freier Anmut aufgelöst. Diese Menschen kannten keine Sorgen noch Hemmnisse; ihre Schritte, Mienen und Gebärden waren vom Genuß des gegenwärtigen und der Erwartung des kommenden Augenblicks beschwingt und geregelt.

Adela und ihr ernstes Kind gingen mit den Menschen im selben Schritt und gleichen Zuge vorwärts. Sheila beachtete die Menschen, die vor ihr gingen, ihr entgegenkamen, wenig. Auch die Kinder, die an der Hand ihrer Eltern oder Nurses im Zug der Lustwandelnden vorüberschritten, erregten kaum ihre Aufmerksamkeit. Artig und mit der Gesittung einer erwachsenen Person ließ sie sich 148 von der Mutter führen, deren Wortkargheit und Insichgekehrtheit ihr nicht entging.

»Hier kann man sehen!« sagte Adela und ging rasch auf zwei eben frei gewordene Sessel zu. Sie setzte sich mit Sheila und ließ den Strom nun an sich vorüberrollen, den Zug der Wagen jenseits der Allee und die Kavalkade der Galoppierenden.

Sie begleitete einzelne Gestalten mit ihren Blicken, eine Frau, die zwischen zwei Männern ging, eine alte, die am Arm ihres weißbärtigen Gatten auf einen Stock gestützt vorüberschritt, ein junges Mädchen, das mit offenem, rotbraunem Haar bis zum Gürtel, in hellgrünem Tuchkleid des Weges daherkam.

Sie sah einem und dem andern Menschen ins Angesicht, das ihr eine Sekunde lang zugekehrt war, eh' es entschwand und unterging.

Alle diese Menschen wußten. Sie wußten es, hatten es vernommen, in ihren Seelen war das Ereignis verankert, jetzt lauerten sie auf die spannende Lösung, die nur auf eine einzige Art erfolgen konnte.

Adela sah die Fröhlichkeit, die leichte, anmutige Ungezwungenheit dieser Menschen, die schönen Gesichter und die hellen Augen in ihnen, hinter denen heimtückische Bosheit, Schadenfreude und der Instinkt der Verfolgung lagen.

»Mammy, du hast wieder Fieber!«

Adela blickte das Kind an. Sie war zusammengefahren, als habe ein Frostschauer sie berührt. Aber es war kein körperliches Empfinden, sondern eine Erschütterung der Seele, die ihren Körper in einem Ruck bewegt hatte, so daß das Kind an dem Erschrecken teilhatte.

Ich habe es nicht verhütet, sprach sie zu sich. Ich hätte zwischen ihm und seiner Tat stehen müssen. Es wäre meine Pflicht und Aufgabe gewesen. Ich hätte sein Leben 149 in eine andre Bahn lenken können. Nie wäre er hinabgesunken, so tief, wie er es jetzt ist. Es lag an mir, ich habe nicht nur schuld an seinem Verbrechen, ich habe es begangen. Welch ein sanfter, zartfühlender Mann er gewesen ist – nein, keiner weiß es außer mir – auch nicht das Mädchen, das in diesem Augenblick mit ihm ist und Schuld und Schicksal mit ihm teilt. Was weiß solch ein nichtsnutziges, putzsüchtiges, vergnügungssüchtiges Ding von einem Menschen, wie er es ist? Ich allein weiß es – und ich habe ihn nicht vor dem Verderben gerettet, in das er sich verstrickte. Ich hätte ihm auf seiner Flucht beistehen müssen! Einerlei wie. Ich muß ihn warnen. Ich muß es tun. Auf irgendeine Weise. Ich sitze hier wie eine Frau, die sich in aller Seelenruhe nach einem Vormittag in Putzwarengeschäften und nach Einkäufen von überflüssigem Kram das Gewissen einschläfert, indem sie andern leichtfertigen, geputzten und falsch lächelnden Wesen zusieht, wie sie den Tag hinbringen . . . es ist kein Unterschied zwischen mir und jenem Geschöpf, jener Cora – wahrscheinlich bin ich ein ganz ähnliches, wie die Frau, die er ermordet hat, ich hätte ihm wohl das Leben ebenso unerträglich gemacht – wahrscheinlich ist Malone gar nicht schuld daran, daß unsre Ehe so unglücklich geworden ist. Ich bin's, die die Schuld trägt, und ich sitze hier, tue nichts, und er, er derweil auf dem Schiff, er, der Einzige, der es nicht weiß, daß er verloren ist!

Kabeln!

Der Gedanke riß sie zusammen. Hingehen in das nächste Telegraphenamt und an Mr. John Fergus, auf dem Dampfer »Inverneß«, auf der Fahrt nach Quebec, kabeln. Ein paar Worte, einen Gruß, eine erlogene Nachricht, unterschrieben: Adela, oder, oder auch Adela Bourke. Vielleicht ein paar Worte, die er allein verstehen würde, die ihn warnen sollten, daß er auf seiner Hut sein solle, daß ihm Gefahr drohe. 150

Das Kabel!

Die Leute auf dem Schiff, der Kapitän, der Offizier, sie würden stutzig werden, vielleicht einsehen, daß sie sich getäuscht haben – wie viele Frauen haben Spinnen aus Rubinen, wie viele Männer ziehen die Lippe nach dem Sprechen in den Mund, weil sie falsche Zähne im Oberkiefer sitzen haben und sie nach dem Lachen festsaugen müssen. Es kann alles gut werden – es ist noch nichts verloren. Er wird heil ankommen im neuen Erdteil und glücklich mit seiner Geliebten im weiten Land untertauchen.

Sie griff nach Sheilas Hand, bereitete sich zum Gehen vor. Sie gingen.

»Sieh, Mama, die Frau!«

Sheila hatte in einem vorüberfahrenden offenen Gespann Miß Falkoner bemerkt, die, in gelber Seide und unter einem Spitzenschirm an der Seite einer grün und violett bebänderten alten Lady mit Papageiengesicht, augenscheinlich in lebhafte Unterhaltung versunken, vorüberfuhr.

»Man sagt: die Dame! Baby,« sagte Adela und schob sich zwischen die Passanten, um den Blicken Florence Falkoners zu entgehen.

Erst als sie im Telegraphenamt mit der Feder vor dem Kabelformular saß, ward sie ihres Wahns inne. Sie stand auf und ging rasch aus dem kleinen, übel nach Kleister und Sägemehl duftenden Raum hinaus.

Es ist ja nicht möglich, wiederholte sie ein Mal über das andre. Der Wagen führte sie und das Kind im munteren Trab durch Piccadilly, durch die Theaterstraßen, an dem Britischen Museum heim nach West-House. Händeringend schluchzte die verzweifelte Seele: Es ist nicht möglich. Es ist unwiederbringlich dahin! 151

*

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