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Adela Bourkes Begegnung

Arthur Holitscher: Adela Bourkes Begegnung - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleAdela Bourkes Begegnung
authorArthur Holitscher
year1920
firstpub1920
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleAdela Bourkes Begegnung
pages408
created20110730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Herrn Lucas war in einer der vergangenen Nächte folgendes Abenteuer widerfahren:

Auf dem Weg durch Seven Dials war er einem jungen absonderlichen Menschenwesen begegnet. Aus der Dunkelheit des wirren Häusergedränges war sie ihm in den Weg getreten, um bald darauf in dem Dunkel des Stadtviertels 62 wieder unterzutauchen. Das war alles. Aber es war das Abenteuer, von dem sich Herrn Lucas Seele lange nährte.

Die Gegend um Seven Dials heißt mit unrecht so, denn es sind nicht die sieben Gesichter der Sonnenuhr, denen der Wandrer begegnet, sondern die sieben Gesichter eines nächtlichen Alps, schweren Traumes, und sie heißen nicht wie die Straßen, die sich hier von sieben Seiten treffen und deren Namen auf dem Stadtplan zu lesen sind, sondern man könnte sie mit Namen von Leidenschaften, Lastern, Unglück, Eitelkeit, Wollust, Leichtsinn und Verbrechen benennen. Seven Dials gehören zur Parochie St. Giles, einem finstern, übel berüchtigten Teil der alten Stadt, der der Spitzaxt der Maurer bislang widerstanden hat und nun in der Nachbarschaft neuer und glänzender Straßenzüge, aber auch der Gefängnisse und Polizeistationen vom Bow-Street, ein muffiges Nest und Schlupfwinkel von allerhand obskurem Volk und zweideutiger Gewerbe vorstellt. Altkleiderhändler hängen ihre Waren auf Stangen über die Schaufenster aus. Eine trübe Gasflamme beleuchtet Reihen von Blättern und grellen Bildern und Schauerballaden in grobem Druck. Im Laden an der nächsten Ecke zwitschern und kreischen Vögel aller Zonen, bellen und knurren Hunde, Wölfe, Füchse in festen Käfigen. Dann reihen sich Laden an Laden mit Theaterflitter, Perücken, falschem Schmuck und Maskengewändern aller Art. All dies Bunte von Seven Dials ist in einen gleichförmigen Duft von Schmutz und Armseligkeit, Verfall und wüstem Elend getaucht. Blitzblank und einladend gleißen nur die geschliffenen Spiegelscheiben und bemalten Reklamespiegel der Whiskyladen, vor deren schwingenden Türen sich neben den Lungerern und zweideutigen Hinterwäldlern des üblen Viertels Frauen in Tüchern drängen – viele von ihnen mit bleichen, schlafenden, von den in Whisky getauchten Brotstückchen 63 betrunkenen Säuglingen auf dem Arm. Hier in den dunklen Häusern, Höfen, Treppen und Zimmern verschwindet manch einer, dessen Name fortan ausgelöscht ist aus dem Buche der Lebenden. Und in den Gasthöfen, Logierstuben und Wirtschaften, die nur den Eingeweihten bekannt sind, hausen Gespenster.

Herrn Lucas führte sein Weg zur Themse, wie in dieser Woche Abend für Abend, durch dieses Viertel. Einen Vers auf den Lippen und im Kopf, ging er wie ein Kind durch einen Blumengarten.

Aus einem der Häuser hier herum war ja das junge Mädchen plötzlich aufgetaucht und dagewesen – an einer Stelle der verdunkelten Straßen war sie plötzlich vor ihm einhergeschritten, leibhaftig, so daß Herrn Lucas' weiß Gott wohin gerichtete Augen sie gesichtet und von ihrem Bilde Besitz ergriffen hatten.

Dieses junge Mädchen war ziemlich groß und sehr schlank. Sie trug ein enges Kleid aus unregelmäßig geblümter Seide, nicht eigentlich ein phantastisches Kostüm, aber gewiß eines der absonderlichsten Straßenkleider, die man sich vorstellen konnte. Es bedeckte den zierlichen Körper bis hoch ans Kinn und lang bis an die Finger, die sich aus den engen Ärmeln spreizten. Es war um die ganz zarten Fußknöchel herum gerafft, so daß die Füße und Beine des jungen Geschöpfs beim graziösen Schreiten zum Vorschein kamen. Die Füße staken in niedrigen seidenen Ballschuhen und goldgelben dünnen Strümpfen. Um den Knöchel des rechten Fußes wippte bei jedem Schritt ein dünner ovaler Reif aus Gold.

Wie schlank und graziös blühten die Hände des Mädchens aus den dünnen Ärmeln hervor – wie Blätter einer feinen exotischen Blume, einer weißen Orchidee! Sie streckten sich in einer absonderlichen Gebärde, als tanzte das junge Kind auf einem Drahtseil, statt auf dem feucht klebrigen 64 Straßenpflaster zu gehen. Klein und schmal saß der Kopf auf dünnem Kinderhals. Das lächelnde Gesicht, das zur Seite blickte, war von fast weißem Haar gekrönt. Ein kleiner heller Strohhut saß auf ihrem Haar, darauf blühte eine große rote, weithin duftende Blume.

Herr Lucas saß seit Monaten im runden Oberlichtsaal des Britischen Museums und hatte einen Stapel Bücher vor sich. Diese Bücher handelten von Indien, von Fragen der Kolonisation der Engländer in den alten heiligen Ländern des Pundjab, von wichtigen administrativen, wirtschaftlichen und politischen Fragen und von allerlei Sondergebieten, die die Regelung der Ernährung, den Transport von Lebensmitteln in die schwer zugänglichen Gebirgsgegenden betrafen, von hygienischen Maßregeln für die Besatzungstruppen und die von Seuchen heimgesuchten Millionen der einheimischen Bevölkerung. Es waren Bücher, die man benötigt, um eine gründliche Doktorarbeit zu verfassen. Nicht wenige im Stapel handelten von den alten ehrwürdigen Religionen und Kulten der Gebiete Indiens, von den Sitten und Gebräuchen der Bevölkerung, von den Suttees, den Witwenverbrennungsfeierlichkeiten, deren Volkstümlichkeit seinerzeit aus mancherlei Gründen der englischen Regierung viel Kopfzerbrechen verursacht hatte.

Im Laufe der Monate waren die trocknen administrativen Bücher aus dem Stapel allmählich fortgeblieben. Sie waren nach Ablauf der Leihfrist nicht wieder verlangt worden. Aber der Stapel war darum nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Nur waren es jetzt neben den Büchern über Religionen und Volksgebräuche viele Bände, Gedichtbücher englischer und fremder Verfasser, die sich vor dem Platze des Herrn Lucas türmten.

Es gab eine Zeit, in der diese letzteren Bücher ganz überwogen und die Bücher über Indien fast verschwunden 65 waren. Herr Lucas saß dann, vom Oberlicht mit goldnen Reflexen übersät, auf seinem Platz, und die von ihren Sitzen aufblickenden Besucher des Lesesaals erblickten einen griechischen Mönch aus dem Kloster auf dem Berge Athos, einen weltabgewandten Schwärmer, den Kopf eines in Gott versenkten Asketen.

Herr Lucas selbst hörte und sah nichts. Für ihn war die Welt mit einem Schleier von bunter Färbung bedeckt, und über dem feinen Gespinst tanzten im wesenlosen Licht ein paar Worte, der Reigen einer Folge von Begriffen, Gefühlen und Ahnungen wie die Verheißung eines Ereignisses, das aber ebenso gut eine vergessene, unbewußte Erinnerung sein mochte.

Es konnte vorkommen, daß Herrn Lucas' Augen zu schwimmen begannen. Die Umrisse der Wirklichkeit verloren sich dabei aus seiner Seele. Dann war es die Stimme, die einen Vers zu ihm sprach – eine Folge von Worten, Reimen und Klängen, die stark genug war, um die ganze Welt versinken, vergessen zu machen. Verse und Worte in mancherlei Sprachen waren es, die Herrn Lucas' Seele auf solche Art belagerten. Aber kein Vers versenkte ihn in ähnliches Entzücken, als dieser von Poe:

»In einem Königreich am Meeresstrand
Vor langem lebte sie,
Sie, die Engel mir haben genannt
Mit dem Namen Annabel Lee.
Ihr Sein und Leben war ganz gebannt
In Liebe, und mich liebte sie!«

Man durfte ruhig von einem Zauber sprechen, der aus diesen Zeilen Herrn Lucas sich bemächtigt hatte. Er hielt ihn besessen und wich nicht von ihm. Und wenn Herr Lucas die Bücher auf seinem Platze verließ, wenn er daheim im West-House, unter den andern Pensionären 66 oder allein in seinem Zimmer saß, wenn er, bei Tag oder Nacht, durch die Straßen der großen Stadt, dieser Hauptstadt des Seereichs England ging, verfolgten ihn die Worte, so sehr war seine Seele der Seele des Dichters, des Bruders voll, die ihren Rhythmus in sich empfangen und den Schwingungen des Weltalls zugesellt hatte.

Herr Lucas irrte durch die Straßen des nächtigen Londons und suchte Annabel Lee.

Dieses zarte junge Mädchen, zerbrechlich und hold wie ein Geschöpf aus einem Bilde Botticellis, aus der Dunkelheit der verworfenen Umgebung in die Frühlingsnacht hervorgetreten, mochte das Märchenkind sein, nach dem sein sehnsüchtiger Sinn Verlangen trug.

Eine Weile war er ihrem schwebenden seltsamen Gang gefolgt, dem aufblitzenden Schimmern um ihren zarten Fuß. Je länger er hinter ihr hergeschritten war, um so quälender hatte sich die Frage in seine Gedanken genistet: ob sie es sei und ob er sie erkennen würde, wenn sie ihm in die Augen blicken, wenn er das Blinken ihrer Zähne zwischen den blassen Lippen erblicken würde?

Sie war vor ihm her gegangen, langsam, ohne Hast. Ihr edler Körper, wie ein Lichtgebilde aus dem dunklen trüben Schein der verwirrenden Stadt getrieben, hatte aus dem Umkreis des düster verworfenen Viertels alle Helle auf seinen zarten und schlanken Umriß gesammelt. Der von ferne her schimmernde Reflex der belebten Verkehrsstraßen flog auf sie zu. Licht und verheißungsvoll blühte sie wie ein Traum auf vor Herrn Lucas' Augen. Seit vielen Tagen ging er nun den Weg, den das junge Wesen vor ihm gegangen war – auf dem er sie erblickt und verloren hatte, fast im selben Augenblick; und auf dem er ihr wieder zu begegnen hoffte.

Ja, so jäh und rätselhaft wie sie plötzlich da gewesen war, war sie auch verschwunden gewesen. Und ebenso 67 wenig, wie er das Haus oder auch nur die Straße zu bestimmen gewußt hätte, wo sie vor ihm aufgetaucht war, hätte er die Straße, das Haus nennen können, vor dem er sie aus den Augen verloren hatte. Eines nur wußte er gewiß – Annabel Lee. Sie war gegenwärtig, mochte ihre Verkörperung auch wie ein Schemen an ihm vorüberfliehen. Jetzt hatten seine nächtlichen Wege einen Inhalt gewonnen.

*

In den Mainächten liegt der Themsequai im Herzen Londons wie ein unwirkliches Gewoge aus Nebel, Licht, flitternden Reflexen und auftauchenden, verschwindenden Gestirnen da.

Einsam ragt Kleopatras Obelisk am Rande des Stromes. Seine spitze Silhouette wankt und zittert dunkel inmitten der fliehenden Wellen, die wie Seide aus Schatten und Schimmer gewoben sind. Einem dunklen Pfeil gleich liegt er auf dem Bogen von Lichtpunkten, der sich zwischen den Brücken von Charing Croß zur City hinunter wölbt. Unter dem Dunst und Wolkendom der Stadt erstrecken sich die Säulenfassade von Somerset House und die stillen Gärten des Temple, allen Lebens beraubt durch die Nacht, überirdisch nah oder in unbegreifliche Formen gerückt, je nachdem das unsichere Licht sich sammelt oder zerteilt über dem Strom.

Seltsame Sternbilder glühen auf, erlöschen, in ungeheurer Höhe auf der Strandseite. Da stehen die beiden größten Hotels der Stadt, und das Glitzern, das ihre Flächen belebt, die nach dem Strom sehen, bedeutet Leben in den tausend Zimmern aller Stockwerke. Zuweilen fliegt Musik zum Strom herüber, verirrte Wellen aus diesen Burgen des Luxus und der Lebensfreude schlagen über den Strom, der hier breit ist wie ein See, 68 mit dem düsteren Gepolter der Züge zusammen, die über die Eisenbrücken rollen, werden zerschnitten von den schrillen Dampfpfeifen der Surrey-Side, des andern Ufers, an dem sich Fabrik an Fabrik drängt. Dort befinden sich die Stätten der Arbeit, die nie aussetzt, nicht bei Tag und zu keiner Stunde der Nacht. An diesem Ufer liegt alles in Düsternis gehüllt, zuweilen nur flammt wie ein Signal, wie ein Blinkfeuer auf einem Leuchtturm ein Bündel von Lichtbuchstaben in der Höhe auf. Es ist die Reklame eines Whiskybrenners; über dieser Stätte der Not und der angestrengten Fron leuchtet sie auf, erlischt und sticht wieder in die Finsternis wie ein Mahnzeichen zu den Prassern in den Hotels hinüber.

Auf den Quais sind nur wenige Fußgänger zu erblicken. Schritte hallen inmitten des nahen Getöses der Stadt über den Asphalt und die Steinfliesen. Zuweilen kommt ein kleiner Trupp Herren und Damen in Abendtoilette aus den Seitengassen den Strand herunter. Er begegnet Obdachlosen, die sich, wenn erst die Polizeipatrouille außer Sicht ist, auf den Bänken im Schatten der Bäume niederlassen werden. Kleine Personendampfer, die den geringen Nachtverkehr auf dem Strom versehen, legen an den Piers an, ihnen entsteigt kaum ein Passagier. Von den Prahmen und Seglern, die weit draußen im Strome verankert liegen, stößt hier und dort ein Boot mit rotem oder grünem Licht ab und bringt jemand mit eiligen Ruderschlägen durch die Reflexe der Bogenlichter, deren Säulen im Wasser zittern, herüber an das Ufer.

Herrn Lucas führte Abend für Abend sein Weg den Quai entlang zwischen den Brücken.

Zu Hause sagte er sich, in seinem Zimmer: »Es ist von Bedeutung, ob mir beim Hinuntergehn über die Treppe des Boardinghauses ein Mann, eine Frau, ein Kind oder das Tier, diese Katze begegnet . . . Ich werde heute 69 vom Strand die Villiers-Straße zum Quai hinunter und in rechtem Winkel auf den Pier zugehen. Sodann biege ich links ab und gehe den Quai entlang, wobei ich hundert Schritte zähle. Das erste Bild, das mein Fuß auf dem Pflaster berührt, wird mir weisen, was mich diesen Abend erwartet. Muß ich zweihundert Schritte oder mehr tun, ehe mein Fuß an das erste Bild rührt, so ist es besser, ich mache mich auf den Heimweg!«

Alle hundert Schritte weit auf dem Themsequai stockt der Fuß des Spaziergängers. Farbige Zeichnungen bedecken den Asphalt; armselige Künstler der Straßen, einarmige, taubstumme Invaliden haben sie mit bunter Kreide auf den Boden gemalt am hellen Tage, sie haben sich auf den Steinen neben ihren Kunstwerken hingekauert, die sie bei Anbruch der Nacht im Stiche lassen, um sich mit einer Handvoll Kupfermünzen über die Brücken heimwärts zu trollen in ihre Elendsquartiere. Im Nachtdunkel bleiben dann feuerspeiende Berge, von den Wellen verschlungene Dreimaster, von Gorillas entführte Mädchen, von Bernhardinern im Schnee aufgestöberte Kinder, anmutige, in Rosenranken vergrabene Strohdachhütten, wilde Kriegsszenen und idyllische Gruppen von Liebenden auf dem Pflaster stehen.

Herr Lucas maß diesen Zeichen auf dem Erdboden, obzwar er ihren Ursprung kannte, eine geheime Bedeutung zu. Sie stellten zuweilen geheime Beziehungen zu seinen Gefühlen und Entschlüssen her. Er fand in diesen armseligen Bildern oft etwas, was ungeformt und unklar in seinen Gedanken wogte, erläutert und belichtet durch solche Begegnungen.

Wenn er mit seinen Geheimnissen und kleinen Qualen belastet die Straßen der Stadt entlang ging, sich durch die Beziehungen, die sein Fuß zum Boden der Stadt und seine Seele zu den Menschen ringsum gewann, geheime Gesetze 70 diktieren ließ – deren Widersinn er einsah, ohne sich ihrem Zwang entziehen zu können – so rang er auf seine Weise nach Freiheit, wie jeder Mensch es auf Erden tut. Vielleicht war er sogar freier als andre, denen der sichtbare und banale Zwang der Umwelt Fesseln auf Nacken, Knie, auf Gewissen und Hirn schmiedete.

Andre erlebten London in den heiteren Alleen des Hydeparks, die um diese Jahreszeit von schönen und eleganten Reitern und Gefährten wimmelten, in den glänzenden Schauläden der Regentstreet, in den Salons von Mayfair, den lieblichen Villenvororten des Nordens und Westens, in dem geschäftigen Tumult der City, oder in den grünen Wäldern am östlichen Rand der Stadt. Herr Lucas erlebte sein London auf seine eigne, schmerzhafte und sonderbare Weise.

Jeder Schritt, den er durch seine Einsamkeit in der großen Stadt tat, wäre ja ein Schritt dem Abgrund zu gewesen, hätte ihn nicht nachtwandlerisch die Erwartung geführt, daß es ein Schritt zum Ziel sein könnte! Wie eine Verheißung ruhte in seinem Gedächtnis die Strophe »Annabel Lee« und lenkte seinen Geist vorwärts. Das Seereich erstreckte sich mit herber Frische um seine Sinne. Im ungewissen Schimmer und den huschenden Lichtern der Nacht zog vom Meer her ein Hauch Unendlichkeit um seine warme Stirn.

Am Vormittag hatte es einige Minuten lang geregnet. Die Stelle, wo die Pflasterkunstwerke sonst zu sehen waren, war heute durch kleine gelbe und rötliche, blaue und grüne Bäche bezeichnet, die in unregelmäßigen Strähnen von der Steinbrüstung zum Fahrdamm hinuntergeflossen waren.

Gewiß war das, was sich hier, bunt und verwaschen zwischen der Brüstung und der Gosse vor seinen Füßen hinzog, schöner und vieldeutiger, als es das armselige Werk des Bettlermalers sein konnte, das da fortgeschwemmt 71 war. Aber Herr Lucas suchte in den verschwommenen Bildern doch nur das Schicksal seiner Stunde zu ergründen, das nicht in ihm, sondern irgendwo draußen in der Welt auf ihn lauerte. So wie der Maler nur ein paar primitive Motive kannte, um an die Instinkte der Passanten zu appellieren, so lebten ja in der Seele des Einzelnen nur wenige primitive Leidenschaften. Es frug sich nur, an welche die Phantasie im Augenblick der Ratlosigkeit zuerst stoßen, welche vor allen andern in diesem Augenblick, an diesem Abend in Schwingung geraten sollte?

Ein Schatten fiel quer über das Pflaster. Als Herr Lucas aufblickte, schritt ein menschliches Wesen langsam auf ihn zu, blickte ihm in die Augen und war an ihm vorübergegangen.

Herr Lucas blieb stehen und sah vor sich hin: was war das gewesen? Um Himmelswillen, was? Aber dann blickte er sich um und sah das Wesen im Dunkel untertauchen.

Sie hatte sich, ein klein wenig, nach ihm umgedreht, aber doch nicht so weit, daß er ihr Gesicht noch einmal hätte sehen können – nur ein kleiner Schimmer, so viel, wie das dichte dunkle Haar von der bleichen Larve dieses Menschenantlitzes frei lassen mochte, leuchtete einen Augenblick lang und tauchte unter in der Finsternis.

Das schlurfende Geräusch ihrer Schritte war noch zu hören, als sie selber, wie eine Vision, von der Nebelnacht aufgesogen war: das Geräusch ihrer Schritte, denn sie hatte, statt Schuhe, an jedem Fuße ein Bündel Zeitungspapier eng zusammengefaltet, und diese Sohlen waren mit derben Bindfaden mit den Lumpen, die die Füße statt Oberleder bedeckten, zusammengebunden.

In Lumpen war die Kreatur Gottes an Herrn Lucas vorübergeschritten, der von geheimnisvoller Schönheit in der Tiefe seines Herzens erfüllt, in der Nacht gestanden 72 und gewartet hatte, einen zauberhaften melodischen Klang im Ohr. Der einen Reim zu finden hoffte, zugeflogen durch die Atmosphäre der vielgestaltigen, verwirrenden, rätselhaften Stadt.

Herr Lucas sah hinüber: der Klang in seinem Herzen, das Rascheln auf den Steinen war versunken.

Sie war das gleiche Geschöpf gewesen, wie jenes aus den Seven Dials . . . oder die Schwester. Eine von der Schar. Annabel Lee, hold und zart, die Gezeichnete, die sterben mußte, gequält und vernichtet von dem unmenschlichen Hauch der Welt, der alles Innige, Reine, Seltene von der Oberfläche des Lebens in den nebligen Abgrund hinunterfegt zu den Schatten der Einbildung und der Erinnerungen. Annabel Lee . . .

In Lumpen, dunklen, unsagbaren, die ihren kindlich unentwickelten Körper bedeckten, den Mißbrauch, das Elend, die Verfallenheit, die Vernichtung verhüllten, die durch die Winkel der entzündeten Augen tränenschwer und doch in trockner Glut aufgeflackert waren eine Sekunde lang.

Das dunkle Haar in dichten Wülsten um die blutleere Stirn. Kein Hut, kein Tuch auf den Haaren. Die Hände klein, schmutzig, gekrampft, wie ein Kreuz zusammengelegt, etwas hell auf dem zerfetzten Kaliko des Kleides über der Brust. Und das Schlurfen der müden, im Exil des auserwählten, todgezeichneten Volkes wundgewanderten Füße. Das scharfe schleifende Geräusch, das nicht verstummen wollte, ferne . . .

Herr Lucas war vom Trottoir hinunter in die Gosse getreten. Ein kleines schmutziges Geriesel leckte um seine Füße, quoll über seine Schuhe weg. Langsam ging er den Weg zurück, nach Hause.

*

73 Als Adela in den Maitag hineinfuhr, wimmelte West-House von Gesichtern. Im Musikzimmer stand Sheila mit Feuer im Arm zwischen Miß Dalmayne und Frau Strange. Sie winkten Sheilas Mutter zu, als sie den wartenden Cab bestieg. Neben Adelas Fenstern im ersten Stock lehnte Herr Lucas heraus, über ihm das alte Paar, von Kapitän Rogers Philemon und Baucis benannt, Mr. und Mrs. Winterod, die den ganzen zweiten Stock bewohnten. Ein Stockwerk höher steckten die jungen Herren, das lebenslustige Element des Hauses, Mr. Hallibut und Mr. Bradshaw, ihre Köpfe halb guillotiniert unter dem in die Höhe gezogenen Schiebefenster in die Sonne heraus, die prall auf die Fassade schien. All diese Köpfe waren Adela zugewendet, mit einem Blick grüßte sie alle, dann zog das Pferd an und Adela zog hinaus ins Leben.

Denn das war es. Brief und Kabel waren aufgegeben. Adela fuhr in die Zukunft hinaus, in den Maitag, ins Abenteuer. Die vielen freundlichen Gesichter gaben ihr das Geleit.

Während der Wagen an dem Boskett des Nachtigallenplatzes vorbei in die Straße zum Britischen Museum fuhr, legte Adela ihr Täschchen auf den Sitz neben sich, zog die Handschuhe ab, knöpfte ihr Jakett auf und legte den Schleier ab. Am liebsten hätte sie auch ihren Hut abgenommen, damit der frische Wind ihr frei durchs Haar streichen könne.

Wenn sie spät am Nachmittag, etwa vor dem Abendessen zurückkehrte, konnte sie die Kabelantwort ihres Rechtsanwalts aus Melbourne auf dem Tisch ihres Zimmers vorfinden!

Der kühle Hauch traf den Halsausschnitt ihrer seidenen Bluse, sie fröstelte, hob das Kinn, ließ die Luft sich durch die Bluse fahren auf ihre Brust hinunter.

Als der Wagen vor dem Museum nach der Richtung der Oxfordstraße einbiegen wollte, öffnete sie rasch ihr 74 Täschchen, holte ein Notizbüchlein hervor, stieß dann mit dem Schirm die Klappe im Dach des Wagens auf und rief dem Kutscher die Adresse hinauf, eine neue Adresse, Mortonstreet im Norden an der Caledonian Road, mit der Weisung, er möge an der kleinen Kirche an der Ecke der Straße vorbei langsam durch die aufsteigende halbmondförmige Zeile fahren, ohne zu halten, und dann erst in der Richtung nach dem Süden der Stadt weiter, dem er jetzt zustrebte.

»Wird Ihr Pferd das aushalten?«

»O, Madam, meine Mähre rennt in Epsom mit, wenn man es von ihr verlangt. Sie ist ein tüchtiges Tier und kann sich sehen lassen!«

Caledonian Road. Adela band den Schleier um ihr Gesicht, zog sich tiefer in den Wagen zurück. Aber als der Wagen an der Kirche vorüber war und in die kleine aufsteigende Mortonstraße einbog, zog sie den Spitzenkragen, der ihren entblößten Hals umgab, glatt, streifte einen Handschuh von ihrer weißen beringten Hand ab und zog den Rock über ihren Fuß ein wenig in die Höhe. So saß sie da, während der Wagen, wie sie's gewünscht hatte, in verlangsamtem Trab durch die kleine mondförmige Straße fuhr.

Die Straße lag im vollen Sonnenschein da. Die triste ziegelfarbige Eintönigkeit wurde durch das muntere Licht nur noch offenkundiger. Nummer 7 war ein Haus wie alle die andern, wie die hunderttausend Vorstadthäuser des mächtigen Londons, die die Menschen des Mittelstandes beherbergen. Dasselbe verrostete Gitter, dieselbe von weißen Strichen durch das Ziegelgemäuer gezeichnete Fassade. Dasselbe breite Fenster im Erdgeschoß, neben dem Eingang, mit derselben Säule aus geschnitztem Holz, auf der ein Kübel mit einer Palme stand; nur war der Kübel nicht aus Steingut oder Porzellan, wie üblich, sondern aus einem weiß glänzenden Metall, was ein leichtes 75 Abweichen der Bewohner des Hauses von den Gewohnheiten der Nachbarschaft verriet.

Das Gärtchen mit dem vorüberhuschenden Schimmer eines Beetes verwildert und ungepflegt. Die Sträucher verkümmert und schütter belaubt.

Es war ganz gewiß Nr. 7 gewesen. Jetzt war der Cab vorbei.

Auf dem ganzen Weg durch die nördlichen Stadtteile, durch Islington, Finsbury und Holborn behielt Adela den Schleier ums Gesicht.

Erst auf der Waterloobrücke war der erkältende Eindruck, den sie von Straße und Haus empfangen hatte, ganz von ihr gewichen. Sie löste den Knoten des Schleiers vom Hut und schwenkte das zarte Gewebe im Sonnenschein. Dann fuhr sie dem südlichen London zu, frei und fröhlich, wie sie gewesen, als sie West-House verlassen hatte.

*

Auf dem Weg durch die Surrey-Side, das rechte, südliche Themseufer, verflüchtigt sich die Großstadt London zusehends zur Provinz. Die langen, gelben und rauchgeschwärzten Straßenreihen des ärmlichen Stadtteils Walworth werden im Viertel Camberwell immer öfter von Rasenflächen, kleinen grünen Hügeln und Baum- und Gebüschoasen unterbrochen. Der helle bläuliche Schimmer des nahen Meeres zittert durch die Luft und die Türme der kleinen Kapellen, die Dächer der hübschen Pavillons, die die Hügel der »Commons«, der Volksparks, krönen, glitzern in bunten Farben auf.

Hier geht London im Gold und flammenden Blau des Himmels das Herz auf. Die Straßen scheinen breiter und behaglicher, ländlicher zu werden, da die Häuser niederer gebaut und sauber, mit lustigen Firmenschildern und glitzernden Scheiben im Obergeschoß sich hinziehen, tief ins Land hinein.

76 Am Fuß eines Hügels, der sich wie aus dem Gartenland Kent hierhergeweht, etwas abseits von der Hauptstraße von Norwood gegen Sydenham zu erstreckt, bog der Cab in einen schmalen Pfad ein und hielt vor einem reichgeschmiedeten Tor.

Adela zog die Klingel, eine altmodische Schelle ertönte, ein Diener kam und öffnete.

»Bitte geben Sie meine Karte Mr. Secker.«

»Es wohnt niemand dieses Namens hier, Madam!«

»Mr. Erskine Secker, der ehemalige australische Minister?«

»Nein, Madam.«

Adela erinnerte sich bestürzt, daß sie ja versäumt hatte, zu fragen, ob Herr Secker denn überhaupt noch lebe und seinen alten Wohnsitz behalten habe.

»Das Haus gehört seit Jahren Miß Falkoner.«

»Miß Florence Falkoner?« frug Adela.

»Jawohl, Madam,« sagte der Diener. »Soll ich Ihre Karte abgeben?«

»Ja, geben Sie meine Karte!« sagte Adela freudig und folgte dem Diener durch die wohlbekannte schöne Allee zum Kiesplatz, auf dem sich der alte prächtige, im Tudorstil erbaute Landsitz erhob.

»Adela!«

Miß Florence, eine ältliche, ergraute, ganz in gelbe Spitzen gekleidete Dame mit goldenem Kneifer und rötlich angelaufenen Backen, kam auf Adela zu und schloß sie in ihre Arme. »Welche Überraschung! Wie haben Sie mich entdeckt? Warum haben Sie all die Jahre nichts von sich hören lassen?«

Adela erklärte, sie sei, um alte Erinnerungen aufzufrischen, zu Herrn Erskine Secker gefahren, und welche frohe Überraschung sie selbst erlebt habe. Miß Falkoner fing leise zu kichern an, dann immer lauter, und mußte dann den Kneifer abnehmen, weil ihr vor Lachen über das 77 Abenteuer die Tränen in die porzellanblauen Augen getreten waren.

Adela erwähnte das Gartenfest, auf dem sie mit Miß Falkoner und einer dritten Freundin, Ethel Grove, einem Mädchen aus Wales, Arm in Arm photographiert worden war, und Miß Falkoner konnte sich immer noch nicht beruhigen über das Zusammentreffen solch ähnlicher Umstände.

Sie nahm Adela und führte sie durch die prachtvollen Räume des Hauses zur Terrasse an der Vorderfront: auf dem weiten Rasenplatz vor dem Hause stand ein mit allerhand Platten, Schüsseln, Flaschen und Gläsern besetztes Büfett; Stühle und Tischchen unter großen bunten, japanischen Schirmen waren über den Rasen verstreut. Diener und zierliche Hausmädchen gingen eifrig zwischen dem Küchentrakt und dem Rasenplatz hin und her, trugen Teller, Körbe mit Bestecken, Brote und noch mehr Schüsseln herbei.

»Sie fallen ja wieder in einen Rout, Liebste!« sagte Miß Falkoner und rieb mit einem Lederläppchen die Gläser ihres Kneifers blank. »Es kommen heute meine Freunde vom Komitee des Kinderschutzvereins Sydenham und des Tierschutzvereins Surrey und von der Norwood-Sektion der Liga ›Unsere stummen Freunde‹. Es wird sehr nett werden. Ich habe die blaue Zigeunerkapelle bestellt, denn die jungen Leute wollen tanzen!« Sie seufzte und zog ein Schnäbelchen, um die Ernsthaftigkeit ihrer Äußerung im voraus Lügen zu strafen: »Ja, jetzt müssen wir schon den jungen Leuten Tanzgelegenheit verschaffen und selber zusehen, meine Teure!«

»Ich fühle mich gar nicht abgetan, Florence,« sagte Adela, »ich tanze noch gern mit!«

»Nicht wahr, Adela, nicht wahr? Nun, erzählen Sie mir alles; haben Sie Kinder; wie leben Sie mit Ihrem Mann, lebt Ihre Mutter noch, die teure alte Lady?«

78 »Ich habe ein Töchterchen, es ist mit mir in London!«

»Ach, wirklich, wie alt, wie heißt sie?«

»Sheila!«

»Ach, Teuerste, Sie bringen sie mit, ich veranstalte ein Fest für Kinder, zu Ehren Sheilas. Einen kleinen Maibaum, ein Marionettentheater, eine Gymkhana mit Preisen . . .«

Adela erzählte ihr Unglück mit Mr. Malone, ihren Entschluß, ihre Erwartung. Die Kabelantwort lag in diesem Augenblick vielleicht schon auf ihrem Tisch in West-House.

Miß Florence schloß Adela in ihr Herz. Was sie vor allem liebte und befriedigte, war, Berichte über fremdes Unglück zu hören. Rat zu geben, zu helfen gewährte ihr hohen Genuß, es füllte sogar ihr Leben aus. Über alles liebte sie aber, Geschichten von unglücklichen Ehen erzählt zu bekommen, in die Heime mißhandelter Kinder, in die Unterschlupfe überführter Tierquäler zu kommen.

Die beiden Frauen saßen im prunkvollen Drawingroom, bunt gefleckt und gesprenkelt von den hohen Fenstern, die eine Glasmalerei heraldischer Art aufwiesen, vom ersten Besitzer des Manors, aus dem Geschlecht der Grafen von Chichester her.

Miß Florence legte ihre Hand auf Adelas Arm, hob den Kopf, als lausche sie in die Ferne: »War's mir nicht, Teure, als hätten Sie damals einen Flirt gehabt? O, einen leichten, harmlosen, aber immerhin – ach, helfen Sie mir nach – ich komme nicht auf den Namen – er war, ich weiß es nun, sogar beim Rout zugegen, damals, bei Secker, hier im Garten, er hieß, er hieß . . . ach, ich erinnere, es war ein schlanker, eleganter Mann, ich glaube blond, ein Arzt, jawohl . . . was ist aus ihm geworden? Ach, mein Namengedächtnis!«

»Ich erinnere mich nicht,« sagte Adela. »Ich weiß von niemand. Hatte ich einen Flirt?«

79 Der Diener kam, ein Ehepaar mit einer erwachsenen Tochter folgte ihm.

»O, meine Teure!«

»O, teure Miß Florence!«

»O, Elsie, meine Teure, wie schön, daß Sie kamen!«

»Wir sind so froh, Miß Florence.«

»O, meine Teuren, dies ist meine liebste Freundin, Mrs. Malone aus Melbourne.«

»So froh, Sie zu treffen, Mrs. Malone.«

Es kamen viele Gäste, meist alte Herren, ältliche Damen, ältliche Misses. Auch einige junge Herren, rosig, rasiert, Söhne reicher Villenbesitzer, Mitglieder der Hochkirche, alle kannten sich untereinander.

Portwein wurde herumgereicht. Einer und der andre der alten Herren hatte seinen eignen Whisky in flacher Silberflasche in der inneren Tasche seines Rockes mitgebracht. Um das Büfett standen Schwärme. Mit Tellern, Gläsern und Bestecken bahnte man sich einen Weg zu den Tischchen. Die Sonne schien hell durch die japanischen Papierschirme.

Unter einer Linde stimmte ein kleines Orchester in blauen Uniformen Instrumente.

Um Miß Florence herum standen einige alte Damen und ältliche Fräulein, Mitglieder der Tierschutzvereine von Surrey und Norwood.

»Dies ist Mrs. Malone aus Melbourne, meine Teure!«

»So erfreut, Ihnen zu begegnen, Mrs. Malone!«

»Haben Sie einen Tierschutzverein dort drüben, Mrs. Malone? Sie sind gewiß im Vorstand? Ist es eine Zweiganstalt unseres Vereins?«

»Ich liebe Tiere, aber ich bin in keinem Verein.«

»O, wie schade!«

»Ach, Ihre Mutter, ich höre soeben, sie hat ihr Leben ausschließlich der Pflege von Tieren gewidmet. O, wie wunderbar!«

80 »Ist Ihre Mutter im Vorstand des Tierschutzvereins?«

»Ich habe nur eine Katze, mein Töchterchen hat sie mitgebracht!«

»So erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs. Malone! Es muß in Melbourne viele verwahrloste Kinder geben – Sie haben ja solch ein Regierungssystem, hat man mir gesagt . . .«

»Ich bin in keinem Kinderschutzverein!«

»So erfreut, Sie zu treffen, Mrs. Malone! Ich habe einen sehr teuren Freund in Melbourne, den Reverend Smith von St. John's. Kennen Sie ihn?«

»Wie ist die Kirche in Australien, teure Mrs. Malone? Wie viele Seelen gehören in Ihrer Stadt zur Hochkirche?«

»Ach, teure Miß Falkoner, ist das nicht der junge Baker, der dort mit Rosie tanzt?«

»Was ist das doch für ein Walzer, den die Blauen spielen? Man hört ihn jetzt überall!«

»Ja, es ist der junge Baker! Welch ein reizendes Paar, meine Teure!«

Ein junger Mann kam an die Gruppe um Miß Falkoner heran und verneigte sich vor Adela. Adela sah sich errötend um, als suche sie Ermunterung oder als fürchte sie Mißbilligung. Aber sie blickte in all die Gesichter und fand dasselbe starre Lächeln. Der junge Mann tanzte, ohne ein Wort zu sprechen. Sie bemerkte, daß er seine Hand nicht um ihre Taille gelegt, sondern auf ihren Rücken gepreßt hatte, die Handfläche nach außen. Sie sah, während sie sich drehte, nach den andern Paaren sich um – alle Tänzer hatten die Handfläche auf den Rücken ihrer Damen nach außen gedreht, in Australien hielt man noch nicht so weit.

»Meine Teure, wie gut Sie tanzen!«

Adela blieb stehen, holte Atem, fühlte die Stelle auf ihrem Rücken brennen, auf der die Hand des Tänzers gelegen hatte.

81 Die Damen vom Tierschutz, vom Kinderschutz wendeten ihr den Rücken. Die Jungen standen abseits, zu ihnen gehörte sie auch nicht.

Sie ging zum Büfett, holte sich eine Scheibe Schinken, ein wenig Gelee, setzte sich und aß, ging dann wieder zu Miß Florence und den Damen.

»Wir können Mrs. Candle nicht länger im Vorstand dulden, meine Teure!« hörte sie die Freundin des Reverend Smith sprechen.

»Gut, wir wollen eine Versammlung einberufen und Mrs. Candle auf die Tagesordnung setzen!« antwortete Miß Falkoner.

Adela hatte sich empfohlen, ohne daß jemand im Garten es gemerkt hatte.

Im Wagen, der langsam den Pfad um den Hügel, dann die lange Straße des südlichen Vororts entlang nach London zurückfuhr, machte sie sich Vorwürfe darüber, daß sie weggelaufen war. Was war es denn gewesen, das sie irritiert hatte? Es waren doch die Menschen ihrer Gesellschaftsschicht. Sie hätte Freundinnen unter ihnen finden können, ihr Leben hier unter diesen gesitteten bürgerlichen Familien, im hübschen Vorort neu aufbauen können. Sie hätte in den Tierschutzverein, in den Kinderschutzverein eintreten und Freundin der Vorstandsdamen werden können. Und mit den jungen Leuten der Gesellschaft hätte sie, da sie ja noch jung war, auf Gartenfesten, Picknicks, Bällen tanzen und ihr Leben genießen können. Jetzt hatte sie sich dies verscherzt. Sie war auf und davon, hatte nicht einmal Miß Falkoner Lebewohl gesagt.

Zum Glück wußte diese wenigstens, wo sie in London wohnte. Adela genoß die Möglichkeit, daß Miß Falkoner sie aufsuchen könnte, als Beruhigung. Aber ihr Herz war unruhig, schlug wild und gefährlich im Halse, und sie fühlte sich aus dem Geleise gestoßen, gehetzt und unglücklich.

82 Warum war sie nur aus der Gesellschaft der fröhlichen, gesitteten, freundlichen Menschen geflohen?

Die Waterloobrücke lag im Nachmittagsschein der Maisonne blitzend, dröhnend, überflutet von Fußgängern und Gefährten da. Trupps von Kavallerie zogen auf blanken Rappen und in weißen Kürassen vorüber. Auf den Verdecken der Omnibusse leuchteten helle Sommerkleider. Adela drückte sich in die Ecke ihres Wagens, verschleiert und atemlos, und kämpfte mit den Tränen.

*

Miß Dalmaynes Stimme tönte durch das Haus. Dinnerzeit war vorüber. Adela hatte Sheila zu Bett gebracht. Sie saß an dem geschlossenen Fenster und sah auf den Nachtigallenplatz hinaus.

Im Musikzimmer applaudierte man heftig. Bald darauf erkannte Adela die Töne des Liedes:

»Tief in meinem Herzen
Eine Laute . . .«

Wenn sie jetzt hinunterginge?

Sie zog die Ringe von ihrer Hand, streifte sie auf die Linke, zurück auf die Rechte.

Sie hatte solche Lust, hinunterzugehen. Sie könnte den Fehler, den sie soeben gemacht, als sie von Florence ohne Abschied auf und davon gegangen war, gutmachen. Sie mußte, jawohl mußte sich an die Menschen wieder gewöhnen; nicht mehr sich ans Klavier setzen, wenn niemand im Zimmer geblieben, wenn alle fort waren. Sich auf dem Klaviersessel umdrehen, vor dem leeren Zimmer! Sie konnte Beifall finden, wie er jetzt unten ertönte. Weshalb verbarg sie sich denn?

Eine Idee packte sie. Sie lief zum kleinen Korb, dem seidenen Nest, in dem Feuer sein Bett hatte. Oft war 83 es schon geschehen, daß das Tier vom Tisch der Herrin irgendeinen Gegenstand, einen Zwirnknäul, ein gefaltetes Blatt, einen kleinen Photographierahmen, ein Notizbüchlein entwendet und in sein Nest geschleppt hatte, wo Adela es dann nach langem vergeblichen Suchen vorgefunden hatte.

Sie hob Feuer, die's sich bequem gemacht hatte, bei der Nackenfalte auf, bückte sich über den Korb nieder, sah sogar in den Krallen des Tieres nach – kein Telegramm.

Weshalb gehe ich nicht unter fröhliche Menschen? wiederholte sie sich. Weshalb nicht heiter sein wie die andern? Wem bin ich es schuldig, daß ich dasitze, als hätte ich Trauer zu tragen? Als wäre eine Stunde des Vergnügens Sünde? Es war so schön gewesen in der Stadt im Sonnenschein! In dem schönen modernen Kleid im Wagen hinter dem munter trabenden Apfelschimmel. – Er wird mich auf die Folter spannen, ich weiß es. Ich aber bin ihm keine Rücksicht schuldig. Im Grunde ist es einerlei, ob er einwilligt oder nicht. Die Rechtsanwälte mögen telegraphieren oder nicht. Es ist so gut, als wäre das Telegramm bereits da, als wäre ich schon geschieden, als wäre das Haus drüben aufgelöst. Ich bin geschieden, ich bin frei, ich fange mein Leben erst an!

Sie ging, vom Blick Feuers gefolgt, mit langen Schritten im Zimmer auf und ab. Öffnete die Tür zum kleinen Zimmer nebenan, ging hinein, blickte in ihren Schrank, ordnete die Nippsachen auf dem Tischchen, nahm noch eine Scheibe Toast von dem Abendtablett. Im Nachbarzimmer hörte sie Herrn Lucas leise mit sich selber sprechen, feierlichen Tones. Sie lächelte, stellte sich zur Wand, hörte fremde Kehllaute, einen Singsang. Dann trat sie vor den Spiegel und puderte ihr Gesicht.

Unten rief man:

»Encore! Encore!«

84 Miß Dalmayne verneigte sich in ihrem ewigen blau und grünen Tuchkleid, blätterte in dem Heft auf dem Piano, gab Miß Strange, die sie begleitete, einen Wink, schloß die Augen unter leichtem Händeringen und sang:

»Charley ist mein Liebling, mein Liebling . . .« das alte schottische Lied vom jungen Prätendenten.

Die Damen machten Adela freudig lächelnd in ihrer Mitte auf dem Sofa unter dem Millaisbild Platz. Miß Dalmayne sang augenscheinlich für Adela. Adela fühlte es, und es wurde ihr warm ums Herz. Sie gab der Sängerin ihr Lächeln zurück, zeigte ihr, daß sie auf jeden Ton, jedes Wort lauschte; wie wohl tat es ihr, Musik zu hören, die Spannung, die Unruhe wich; was sie wie Gewissensbiß gequält hatte, verstummte, sie saß da wie in einem Heim unter Freunden.

Miß Dalmayne schloß, die Hände auf die Brust gedrückt, mit Hingabe. Der letzte Refrain des Liedes verhallte wie eine Klage. Sie hatte sehr schön gesungen, es wurde »Encore!« gerufen, aber sie konnte nicht mehr.

Mrs. Strange spielte ein Salonstück, mit schwierigen Passagen und Fiorituren, die eine Schweizer Spieldose nachahmten, mit Glöckchentönen, und erntete begeisterten Beifall.

Dann forderte man Adela auf, zur Unterhaltung beizutragen. »Ich kann ja aber gar nicht singen!« sagte sie errötend. »Ich habe ja seit Jahren keine Taste mehr richtig angerührt!«

»Ach nein, liebste Mrs. Malone, Sie haben ja eine so schöne Stimme! Vielleicht tragen Sie uns ein Gedicht vor!« baten die Damen.

Und Adela stand auf, trat in die Mitte des Zimmers, besann sich und begann:

»Agincourt, Agincourt . . .«

85 die alte patriotische Ballade von den Kämpfen und Siegen des Königs Heinrich V. über die Franzosen im fünfzehnten Jahrhundert. Sie hatte die Verse oft und oft als junges Mädchen vor ihrem Vater, dem alten Dr. Bourke, deklamiert, zu dessen Entzücken, sie entsann sich gut.

»Agincourt, Agincourt!
Kennt ihr es nicht? Agincourt? . . .«

Die Damen riefen: »Encore! Encore!« Adela besann sich und begann:

»Ein süßer Kuß, und dann: Leb wohl!
Leb wohl, o Herz, für immer!«

– das Gedicht von Burns, Robby Burns, ihr Lieblingsgedicht. Jede im Zimmer hatte ihren Verlust im Leben gehabt, eine verlorene Liebe. Köpfe stützten sich in Hände, in hingegebener Haltung, Augen verschwammen in verschleierten Fernen, kleine Taschentücher kamen zum Vorschein, ein leises Seufzen, kleine zärtliche Rufe, Ziehen durch die Nase begleitete die letzte Strophe:

»Leb wohl, du Erster, Liebster!
Leb wohl, du Bester, Liebster!«

Und fast ohne Pause sprach Adela zum Schluß noch ein anderes Gedicht von Burns:

»Mein Herz ist schwer, Gott sei's geklagt!
Mein Herz ist schwer für Einen;
O Gott, eine lange Winternacht
Könnt' wachen ich für Einen!
O Leid, für Einen!
O Freud! für Einen!
Die ganze Welt könnt' ich durchziehn
Für Einen! 86

Ihr Mächte, reiner Liebe hold,
O lächelt mild auf Einen!
Schützt vor Gefahr ihn, bringt gesund
Zurück mir meinen Einen!
O Leid, für Einen!
O Freud! für Einen!
Ich tät' – o Gott, was tät' ich nicht Für Einen!«

Adela setzte sich nun endgültig und erklärte, heute nichts mehr vortragen zu wollen. Es sei ihr ja unheimlich gewesen, sie habe selber über ihren Mut gestaunt. Seit Jahren habe sie nichts mehr deklamiert. Sie sei verblüfft über ihr Gedächtnis, das ihr in andern Dingen, z. B. in bezug auf Zahlen, böse Streiche spiele.

Der Damen hatte sich eine lebhafte Stimmung bemächtigt. Mrs. Strange erklärte, jetzt stehe es fest, sie werden im Sommer nach dem Lande Ayr reisen, in Burns Heimat, des süßen Robbys Heimat. Morgen in aller Frühe wollte sie zu Scott Adie in Regent Street gehen und sich Burns' Gedichte in dem süßen Einband aus schottisch gemusterter Seide kaufen. Ja, es sollte ein schöner Sommer werden, sie kannte ein so gutes Hotel, man hatte von der Veranda einen Blick auf die alte Brücke über den Doon, Robbys alte Brücke!

Sie fügte rasch hinzu, daß sie aber erst um das Ende der Season, gegen Anfang August dort hinauf reisen wollte, – um Miß West zu beruhigen, die aber gar nicht beunruhigt war von der Aussicht, einen ihrer Pensionäre loszuwerden, es kamen ja immer neue!

In die Unterhaltung, die allgemein wurde, platzten die jungen Leute herein, das lustige Element, Mr. Hallibut und Mr. Bradshaw, die heute ihr Amt geschwänzt hatten, weil sie einen Freund erwarteten, Mr. Escoffier aus Paris. 87 Der war der Dritte im Bunde, die drei kamen herein in das Musikzimmer, um sofort, sobald die Damen das Feld geräumt haben würden, Besitz vom Klavier zu ergreifen. Mr. Escoffier wollte ihnen die neusten Pariser Gassenhauer vorspielen.

Der junge Franzose setzte sich mit heiterer Miene auf den Klaviersessel, drehte sich auf ihm im Kreise und begann in seinem komisch gebrochenen Englisch auf die Damen einzureden.

Die beiden Clerks schwitzten vor Angst, hofften aber doch insgeheim, der Franzose würde auf witzige Art irgend etwas nicht ganz für englische Ohren Geeignetes vorbringen und das Klavier und das Zimmer sodann für sie frei werden.

Mr. Escoffier begann eine Geschichte von der Überfahrt nach Folkestone zu erzählen, von einem jungen französischen Hochzeitsreisepaar, das die Feuerprobe der Liebe zu bestehen hatte, nämlich sich gegenseitig seekrank werden zu sehen.

Die Geschichte hatte bald die erwartete Wirkung ausgelöst, die Damen erhoben sich mit verbindlichem oder mit leicht verzerrtem Lächeln, verließen den Raum, nur Miß Dalmayne blieb übrig und Adela, die in plötzlicher unbändiger Lustigkeit Tränen gelacht und in die Hände geschlagen hatte.

Mr. Escoffier schlug einen Akkord auf dem Pianino an, sprang dann auf, wendete sich gegen das Publikum und begann mit grotesk verrenktem Oberkörper eine Parodie des beliebtesten Varietékomikers von Paris zu vollführen, mit ungeheurer Zungengeläufigkeit, die Miß Dalmayne in Staunen versetzte, obzwar weder sie noch einer der Anwesenden vom Text ein Wort verstand.

Adela lachte, daß es sie schüttelte und klatschte so laut und anhaltend Beifall, daß Miß Dalmayne sie staunend von der Seite ansah.

88 Mr. Escoffier imitierte nun eine Divette, piepste wie ein Frauenzimmer, versuchte kokett zu schielen, und brachte es zuwege, daß die Frauen den Text begriffen und erröteten. Er spielte ausschließlich für Adela, die er für eine anständige Frau hielt, aber eine, die auf Abenteuer aus war, schlug hier und da einen Akkord auf dem Klavier an und schaute Adela, wenn er sich umwandte, mit gesenktem Kopf gerade in die Augen.

Er setzte sich wieder, begann in seinem südfranzösisch-englischen Kauderwelsch seinen Freunden und den beiden Frauen zu erklären, daß er ein besonders befähigter Kartenkünstler und Chiromant sei. Er ergriff die Hand Mr. Hallibuts, stieß sie aber sogleich fort, als habe er eine Kröte erfaßt, und behauptete, in der Gegenwart von Damen über den Herrn, zu dem die Hand gehörte, nichts aussagen zu können.

Dann langte er nach Adelas Hand. Er hielt sie in seiner fleischigen, warmen, etwas feuchten Rechten, nahm Besitz von ihr, drehte und preßte sie, unauffällig, auf eine Weise, daß Adela, unter der Unzüchtigkeit der Berührung, blaß und kalt bis in die Haarwurzeln wurde.

»Sie sind eine reiche Erbin,« begann er zu faseln, »Ihr Vater hat Bergwerke in Südamerika, in Indien gehabt. Sie aber haben sich in jungen Jahren in einen schottischen Hirtenknaben verliebt, der seither Vater von drei Mädchen geworden ist – es waren Zwillinge, ein ganzer und ein halber . . .«

»O, höre auf, Escoffier,« schrien die Clerks, »Mrs. Malone ist eine Australierin, du bist auf falscher Fährte!«

»Sie werden Ihr Glück bei der Großen Oper machen, folgen Sie mir, ich bin verschwägert mit dem Ballettmeister, der versteht wohl vom Gesang so wenig wie ein Elefant vom Flötenspiel, aber ich werde meine Protektion spielen lassen, und übers Jahr singen Sie Dalila . . .«

89 »Wieder falsch, Escoffier, die andre Dame ist die Sängerin!«

Escoffier ließ Adelas Hand fahren, aber sein Blick verweilte noch auf ihrem Gesicht.

Adela saß da, als horche sie auf etwas, das aus der Stadt über den dunklen Platz näher kam. Sie horchte, preßte all ihr Empfinden ins Ohr, es kam näher, sie zählte zehn, fünfzehn, bei dreißig würde es dasein, nein, bei siebzig.

Sie saß stumm und abwesend da.

Escoffier weissagte Miß Dalmayne.

Siebenundsechzig . . . neunundsechzig, siebzig. Nichts erfolgte. Kein Klingeln an der Haustür, kein Ruf ans Telephon, kein Telegramm auf einem Tablett von Rebecca hereingebracht, nichts.

Die Männer unterhielten sich laut, Miß Dalmayne lachte angeregt, Adela sagte: »Ja!« und wieder »Ja!« ohne hinzuhören.

Am Ende, es war schon spät, Miß Wests Kopf erschien an der Tür, ging man heim, leise die Treppe hinauf, da hatte Adela mit dem Franzosen, den Clerks und der Sängerin eine Bootfahrt auf der Themse für den nächsten Sonnabendnachmittag verabredet, ohne es zu wollen, fast ohne Besinnung.

In ihrem Zimmer, vor dem schlafenden Kind, befiel sie eine ungeheure Traurigkeit, eine zitternde Unrast. Sie machte sich Vorwürfe, fühlte sich besudelt. Es kam ihr vor, als sei sie nun vor allen Menschen bloßgestellt, beleidigt, als sei sie verfemt, dürfe sich in ehrbarer Gesellschaft nicht mehr sehen lassen.

Sie wußte, es lag kein Grund für solche Vorwürfe vor.

Indes – ihr schien, als habe sie die Treue gebrochen. Als habe sie jemand hintergangen. Wen denn nur? Michael sicher nicht!

Ja, sie fühlte sich geängstigt, gejagt, zerspalten von 90 Gewissensbissen. Die Treue – sie hatte die Treue gebrochen! Sie setzte sich in den Lehnstuhl in der Ecke des Zimmers. Es war dunkel. Wie zwei Laternen funkelten die Augen der Katze vom Bett Sheilas auf sie zu. Das Kind schlief, ihr Atem kam und ging sacht und lieblich.

Adela dachte über den Tag nach, den sie verlebt hatte. Sie trachtete, Fassung zu gewinnen, indem sie sich Minute für Minute ins Gedächtnis zurückrief. Doch eine Vorstellung quälte sie, sie vermochte ihre Gedanken nicht beisammen zu halten, der Faden der Erlebnisse entglitt ihr, sie kamen immer wieder auf die eine Vorstellung zurück: die seekranken Hochzeitsreisenden auf dem Schiff zwischen Boulogne und Folkestone.

Diese Vorstellung wurde so quälend, verfolgte sie derartig, daß sie fast befürchten mußte, selber krank zu werden.

Ihr Kopf wurde schwer. Wasser sammelte sich in ihrem Munde, ihre Augen tränten, sie stand auf, ging zitternd zur Waschschüssel und erbrach.

*

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