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Adela Bourkes Begegnung

Arthur Holitscher: Adela Bourkes Begegnung - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleAdela Bourkes Begegnung
authorArthur Holitscher
year1920
firstpub1920
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleAdela Bourkes Begegnung
pages408
created20110730
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Sonderzug mit Garrat und Cora, den Wärtern und dem Gerichtspersonal war verspätet eingetroffen. Auch hatte die Polizei verfügt, daß die Menge vor der 301 Eustonstation im Glauben belassen werde, das Paar werde an dem Ausgang nach der Drummondstraße die bereitstehenden Automobile besteigen. (Es standen dort in der Tat welche, um diesen Anschein in der versammelten Menge zu erwecken.) – Aber es hatten sich trotzdem etliche hundert Menschen an der Ecke der Cardingtonstraße angesammelt und diese wurden in ihrer Erwartung nicht enttäuscht. Gegen 9 Uhr erschien Garrat auf einem kleinen Seitenweg, der von Güterstapeln und Rollwagen verstellt war, und bestieg ein Automobil. Er hatte den Kragen seines Paletots aufgestülpt und den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen. Sein Hut saß über den Augen. Die Hände, die eng zusammengeschlossen waren, verbarg er in seinen Ärmeln. Eine Minute nach Garrat kam Cora desselben Wegs geschritten, in heller Sommerkleidung, mit einem kleinen, in Kanada gekauften Hut, der ihr Haar dicht umschloß, so daß der Schleier ihr Gesicht ganz bedecken konnte. Auf der Hinfahrt hatte sie nur Hüte mit großem Rand, vielen Federn und Agraffen besessen. Die Journalisten begleiteten den kleinen, rasch und stumm vorwärtsschreitenden Zug vom Bahnsteig zu den Automobilen. Die Automobile ratterten die Straße entlang, bogen in die Hampsteadstraße ab und wurden an der Ecke der Drummondstraße von der angestauten Menge aufgehalten, die inzwischen Wind von dem Betrug erhalten hatte und ihre Wut gegen die Polizei und gegen das Paar nun in verdoppelter Heftigkeit äußerte. Ein Stein zerschlug das Fenster, hinter dem Garrat, die Kommissäre und Wärter Folsom saßen. Die Personen um Cora hatten Mühe, zu verhindern, daß der Automobilschlag aufgerissen und das Mädchen herausgeholt und von der erregten Menge gelyncht werde. Nach wenigen Minuten war die Gefahr der Straße von den Gefangenen abgewendet, die Automobile fuhren mit normaler Geschwindigkeit durch die Verbindungsstraßen nach der Oxfordstraße, 302 dann über Seven-Dials nach dem Polizeigefängnis in Bowstreet hinunter.

Garrat saß im Gefährt und bewies eine überraschende Ruhe. Gleich nach dem Einsteigen, als die Photographen und Journalisten außer Sehweite waren, hatte er Wärter Folsom gebeten, ihm den Paletotkragen niederzulegen. Der Wärter hatte getan, was ihm geheißen ward. Insgeheim wechselte er mit den Kommissären einen Blick des Staunens über den Gleichmut und die Gefaßtheit Garrats in der Situation, in der er sich befand, und auch in der unmittelbaren Gefahr, in der er angesichts des Pöbels schwebte, der das Automobil mit Steinen zu bombardieren angefangen hatte. Daß Garrat sich vor der Schar der Journalisten verborgen hielt, aber der Menge sein Gesicht unverhüllt preisgab, erfüllte die Begleiter mit Verwunderung. Keine Miene zuckte in Garrats bleichem, eingefallenem Gesicht. Seine wässrigen Augen blickten scheinbar teilnahmslos und auch das Krachen der Scheibe brachte kaum ein leises Zucken über seine Lider. Wärter Folsom erstattete kurz nach der Ablieferung Garrats dem Inspektor in Bowstreet Bericht über die Haltung seines Schutzbefohlenen.

Die Straßen flogen an dem raschfahrenden Gefährt vorüber. Es waren die wohlbekannten Straßen, von Menschenmengen durchflutet, denn die späten Abendstunden des warmen Sonnabends hatten Scharen ins Freie gelockt. In einer Straße, nahe Seven-Dials, waren Buden aufgestellt, Krambuden mit Waren aller Art, von Karbidlampen erhellt. Garrat hatte sich in seinen Sitz zurückgelehnt und blickte vor sich hin. Er sah die Straßen hinter den Scheiben – sah sie vielleicht gar nicht. Er war in London. War dies London? Einige Minuten noch, dann wird sich das Gefängnis um ihn geschlossen haben. Er hatte ja Kenntnis davon, daß man ihn noch heute nach einem andern Gefängnis überführen werde. Wohin? Nach Brixton? nach Holloway? 303 Vielleicht auch erst morgen. Im Grunde war es ja gleichgültig. Auch die Gerichtsprozedur, die jetzt folgen sollte, stand vor seinem Bewußtsein als kein sehr wesentlich erregendes Moment.

Wahrscheinlich wird Mr. Parker de Vries, sein Verteidiger, in Bowstreet zugegen sein. Vielleicht auch einer oder der andere seiner Bekannten, seiner Freunde.

Er dachte einen Augenblick daran, Folsom zu fragen, ob Miß Stratton sich in ihrem Automobil hinter dem seinen befinde? Ob sie heil durch die Menge gekommen sei. Er unterließ die Frage. Sicherlich werde ich sie binnen kurzem von Angesicht sehen, zum erstenmal seit jenen letzten Tagen auf der »Inverneß«. Er sagte es ohne Erregung.

Ich werde Cora Stratton sehen, sagte sich Garrat, aber er sagte es ohne Erregung. Seine Gedanken schwangen abseits in einem geheimnisvollen Rhythmus, wie in einem vorwärtsdrängenden leisen Rollen durch die Fluten, die die »Maple Leaf« vor Stunden noch bewegt hatte. Sie, die das Weltmeer durchfuhr und jetzt im Hafen still lag vor ihrer neuen Fahrt. . . . .

Mit Zärtlichkeit dachte Garrat an den weiß und goldenen Raum, den er auf dem Schiffe bewohnt hatte. An den Blick durch das Fenster auf den eintönigen Horizont des weiten Meeres, der nur in den allerletzten Tagen in der Nähe der Küste Englands von Schiffen und Seglern für Augenblicke durchbrochen worden war. Er entsann sich darunter eines herrlichen Riesen mit vier Schloten, der das Cunardzeichen auf der Flagge trug. Aber dies war gleichgültig. Der ungebrochene Horizont war es, der weite, der endlose! Wie eine Wage hielt seine Seele gleichmütig die horizontale Linie fest, die das Ewige vom Ewigen trennte, Ozean und Himmel miteinander verband. Es war wie ein wunderbares Gedicht, wie Zeilen eines wunderbaren, von Gott eingegebenen Gedichtes, in dem der Rhythmus der Ewigkeit 304 sich weiterpflanzte zum Herzen der Menschen. Garrat frug Wärter Folsom, ob er sich auf das Wiedersehen mit den Seinen freue, auf das kleine Gärtchen hinter seinem Häuschen in der Reihenstraße von Camberwell? Aber Folsom hatte nicht mehr Zeit zu antworten, denn das Automobil fuhr bereits in den Hof der Polizeistation von Bowstreet ein.

Während er ausstieg, bemerkte Garrat das ihm nachfolgende Gefährt. Er sah, wie eine Frauengestalt dem Automobil entstieg. Kurz darauf schloß sich das Tor mit eisernem Geräusch.

Es ging auf Mitternacht, als Garrat in ein kleines, von elektrischen Lampen taghell beleuchtetes Zimmer geführt wurde, in dem Richter Mitstone und neben ihm der Bevollmächtigte des öffentlichen Anklägers Mr. Rowley an einem Tisch saßen. Als Garrat eintrat, hatten die Kommissäre Evangeliste und Crombie ihre Aussagen gerade beendet. Sie verließen den Raum durch eine Seitentür. Kurz nach Garrat wurde Cora Stratton hereingeführt.

Sie standen wenige Schritte voneinander entfernt.

Coras Aussehen war unverändert. Sie sah ruhig und ernst vor sich hin: Als sie Garrats Blick begegnete, versuchte sie zu lächeln, errötete.

Garrats Mienen drückten Ehrerbietung aus. Richter Mitstones Blicke ruhten abwechselnd auf den Gesichtern beider Angeklagten. Er erhob sich, trat einen Schritt zurück und verlas die Formel, wonach Garrat des Mordes, begangen an einer Person namens Belle Garrat, seiner Ehegattin, Cora Stratton aber der Mitwisserschaft, Beihilfe an dem Mord sowie der Hehlerschaft angeklagt wurde.

Richter Mitstone war noch jung. Er war sich der Feierlichkeit des Augenblicks und der Bedeutung des Falles wohl bewußt. Seine Worte verrieten in dem Eifer, mit dem sie hervorgebracht waren, den Neuling im Amte. Mr. Rowley neben ihm bewahrte dafür eisige Ruhe und Unnahbarkeit.

305 »Dr. Garrat! Haben Sie auf diese Anklage etwas zu erwidern?« frug Richter Mitstone.

Garrat antwortete: »Nein.« Befragt, antwortete Cora Stratton ebenso.

Die Stimmen der beiden klangen wider in dem kleinen taghellen Gemach. Als sie in ihre Zellen geführt wurden, erhaschte Cora einen Blick Garrats. Sie konnte ihn sich nicht deuten. Sie schlief von der Erregung des Tages niedergeschlagen, tief und traumlos.

Ihre Augen streiften vage und mit einer anklagenden Unsicherheit an Garrat vorüber, als sie Montag früh abermals vor Richter Mitstone standen. War er gleichgültig gegen sie geworden? Aber Garrats Miene verriet nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte. Cora dachte bei sich: es liege Absicht in dieser Haltung, es sei im Grunde das beste, was er tun könne.

Tags zuvor, Sonntag, bald nach der Kirchenstunde hatte sie den Besuch Mr. Calthorpes, ihres Verteidigers empfangen. Er brachte ihr Grüße und Segenswünsche ihrer Mutter mit und ermahnte sie, guten Mutes zu sein, ihre Angelegenheit stehe zum besten. Ein Komitee von Damen habe sich erbötig gemacht, die Kosten ihrer Verteidigung zu tragen, und für sie zu sorgen, sobald sie freikommen würde.

Um elf Uhr hatte Richter Mitstone seinen Platz im Verhandlungssaal eingenommen. Auch Mr. Rowley hatte sich wieder eingefunden.

Das kurze Verhör der Angeklagten, das sich auf die Formalitäten der Verteidigung bezog, war bald beendet.

Mr. Parker de Vries, der berühmte Verteidiger, brachte eine seiner bekannten advokatischen Spitzfindigkeiten vor. Er bestand darauf, über einzelne Details der gestrigen Aussagen, die die Kommissäre Evangeliste und Crombie gemacht hatten, unterrichtet zu werden, gab sich aber nach langem Hin- und Herreden mit der Erklärung des Richters und des 306 Bevollmächtigten zufrieden: daß dies im allgemeinen nicht üblich sei.

Dieser Zwischenfall stand in sämtlichen Abendblättern verzeichnet, in einigen ausführlich und mit Zitaten aus den einschlägigen Gesetzesparagraphen belegt. Die Aufmerksamkeit der Welt begann die Persönlichkeit des Verteidigers in den magischen Kreis einzubeziehen, der den Fall Garrat seit Monaten umstrahlt hatte.

Nachdem die Formalitäten beendigt waren, erhob sich der Bevollmächtigte des öffentlichen Anklägers und forderte mit einer absonderlich dünnen, scharfen Stimme, der fast nichts Menschliches mehr anhaftete, den Richter auf, die Strafsache gegen Garrat und Stratton um acht Tage zu vertagen. Richter Mitstone gab mit Eifer diesem Begehren statt.

Abermals folgte Garrats unerklärlicher Blick Cora. Wieder begegneten ihm die erstaunten Augen, der Blick aus den weitgeöffneten Pupillen.

Garrat ging mit gebeugtem Haupt durch die Korridore. Wärter Folsom war in der Nacht von einem mürrischen, grobknochigen Büttel abgelöst worden. Doch verweilte dieser nur wenige Stunden in der Nähe des Gefangenen.

Früh am Nachmittag wurde Garrat ins Gefängnis nach Canonbury überführt. Cora kam nach Holloway. –

*

Am Morgen nach der Einlieferung der Gefangenen trat der Gouverneur der Canonbury-Strafanstalt auf seinem täglichen Gang durch das Haus in Garrats Zelle ein. Ihn begleitete der Inspektor des östlichen Flügels und ein Aufseher in Zivilkleidung.

Als das eiserne Geräusch des Schlüssels im Stahltor erklirrte, stand Garrat rasch von seinem Tische auf, gab sich Haltung und empfing die Besucher mit leichter Verneigung. 307 Er hatte gestern bei seiner Einlieferung mit dem Gouverneur bereits einige Worte gewechselt.

»Sie haben die Nacht gut verbracht, Doktor Garrat?« frug der Gouverneur. Er war ein noch junger Mann, mit schon ergrautem Spitzbart und einem Zug von Übermüdung im fahlen Gesicht. »Haben Sie einen Wunsch zu äußern? Für Ihre Bequemlichkeit? Bücher, Schreibzeug, die Mahlzeiten?«

Garrat hob den Kopf, zog die Lippen aus der Mundhöhle und wollte sprechen – die zu oft wiederkehrenden Augen des Wärters hinter der Luke in der Tür, die sich auf und zu tat – einmal, so glaubte er zu bemerken, waren es fremde, nicht des Wächters Augen – im gleichen Augenblick besann er sich eines besseren, schwieg. Er beschloß, den Blicken ruhig und freundlich zu begegnen, die sich aus dem Gange auf ihn richteten, sie in sein Bewußtsein aufzunehmen, wie auch das eiserne Geräusch der Schritte, der Türen, die sich öffneten und zugeworfen wurden in dem hallenden turmähnlich rund gebauten Flügel – wie das Schlüsselgerassel, das sich von einer Art Echo getragen durch das Haus vervielfältigte.

»Ich hätte eine Frage – mein Verteidiger hat sich noch nicht gemeldet – wann sollen die Verhandlungen beginnen?«

»Dr. Garrat, ich kann es Ihnen mitteilen – das Verfahren wird beschleunigt vor sich gehen. Ich bin heute davon unterrichtet worden.«

Garrat dankte und die Besucher gingen. Unter ihren Schritten hallte das Eisen. Das Gefängnis erinnerte an den Keller der Birkbeckbank, in dem Garrat vor Jahren ein Stahlfach besessen hatte. Als er gestern in seine Zelle geführt worden war, hatte sich ihm dieser Vergleich aufgedrängt.

Er setzte sich, und sein Gehirn begann rasch zu arbeiten.

308 Er erschrak jählings. In welch traumartigem Zustand hatte er diese letzten Tage hingelebt. Wo war er gewesen. Es war ihm, als hätte er die Erinnerung plötzlich verloren! Aber es war nicht die Erinnerung, sondern das Bewußtsein der Gegenwart. Eine Schlaftrunkenheit, in der sich die Wirklichkeit mit den Erinnerungen des verflossenen Lebens paarten. Die Tage auf der »Maple Leaf«. Die Fahrt durch die aufgeregten Volksmassen um den Bahnhof, durch die vom Sonnabendabend belebten Straßen Londons. Jetzt die Nacht in dem eisernen Gehäuse. Eine einzige Sicherheit gab es in all diesem. Da stand ein Wort fest inmitten der nebligen Empfindungen, die sein Leben umwallten, das Wort: das Verfahren sei beschleunigt.

Vielleicht begannen die Verhandlungen in diesem Augenblick. Vielleicht waren sie bereits im Gange.

Er wußte: zuerst sammelte der Ankläger sein Beweismaterial, vernahm die erforderlichen Zeugen; dasselbe tat die Verteidigung. Die Anwesenheit des Angeklagten erübrigte sich bei diesen Präliminarien. Sie war erst nach Schluß der Verhandlungen nötig. Garrat wußte auch, daß die Geschworenen sich im Laufe dieser Verhandlungen, in denen das Für und Wider gründlich, ausführlich und ernst dargestellt und erwogen wurde, eine schwer widerrufliche Meinung von der Schuld des Angeklagten zu machen pflegten. Doch hatte es Fälle gegeben, in denen das Erscheinen des Angeklagten im Dock, die Wahrhaftigkeit seiner Aussage ein schon festgeformtes Urteil durch die strömende Empfindung zwischen Mensch und Menschen umzuändern vermocht hatte.

Warum war der Verteidiger noch nicht bei ihm im Gefängnis gewesen? Unruhe packte den Gefangenen mit jäher Gewalt. Er blickte gebannt nach der Tür: die Augen des Wärters erschienen in regelmäßigen Abständen hinter dem Ausschnitt des Eisens. Das war alles.

309 Garrat durchmaß die kleine Zelle mit raschen Schritten. Fünf tief, vier breit, davon nahm der Tisch, das Bett, die Waschgelegenheit anderthalbe fort.

Viel war nachzuholen. Ich habe nicht richtig gelebt, sagte sich Garrat. Ich muß fertig werden, ehe ich vor den Geschworenen stehe, ehe der Richter die schwarze Kappe aufsetzt. Ich habe mich zu besinnen, es ist höchste Zeit. Ich habe nicht richtig gelebt, mein Lebtag, nicht vor jenem Tage auf dem St. Lawrence-Strom, nicht seither. Ich habe mein Leben vergeudet. Die Freiheit, in die ich vielleicht zurückkehren werde, müßte mich ebenso überraschen wie der Tod, der mir wahrscheinlich bevorsteht. Die Gerechtigkeit fordert es, daß ich fertig werde! Es ist Zeit. –

*

Mr. Parker de Vries erschien kurz vor Mittag. Er fand Garrat zu seiner großen Überraschung zerstreut. Seine Fragen wurden nicht genau beantwortet und er frug Garrat zum Schluß mißmutig und mit einem Unterton verletzter Eitelkeit: ob er denn seiner Sache so sicher sei und nach alledem, was sich mit ihm in den letzten Wochen begeben hatte, die Gefahr und den Ernst des Prozesses etwa unterschätze? Er sah einen Bogen Papier, bis zur Hälfte beschrieben, auf Garrats Tisch liegen und führte ihn wie zufällig zu seinen kurzsichtigen Augen. Mit einer gemessenen Gebärde legte er das Papier sodann auf den Tisch zurück und sagte: »Sie haben ja Ihre Verteidigung, wie es scheint, in eigene Hand genommen! Nun, sei dem, wie es möge, wir wollen die Angelegenheit selbander durchführen.«

Garrat unterdrückte die Frage nach dem Zeitpunkt der Verhandlungen. Als der Verteidiger dann die Mitteilung machte, daß der Beginn auf nächsten Montag angesetzt sei, nickte Garrat lediglich mit dem Kopfe und frug sodann nach Waterton.

310 Waterton! Der Verteidiger verfiel in neuerliche Verblüffung. Waterton war vorgeladen, jawohl. Die Sache stand nicht ungünstig. D. h.: der Nachweis eines Alibi zur Zeit des Mordes war augenscheinlich nicht lückenlos zu führen. Außerdem waren die bis in die letzte Zeit fortgesetzten Beziehungen der Ermordeten zu Waterton so ziemlich erwiesen.

Garrat frug den Verteidiger darüber aus, welchen Einfluß diese Sache auf Watertons Privatleben, seine Stellung in der Gesellschaft, sein Verhältnis zu Frau und Kindern haben werde? Waterton war verheiratet. Garrat erinnerte sich an eine junge, zarte und kränkliche Frau, die nach der Geburt ihres dritten Kindes in Lebensgefahr geschwebt hatte. Er erinnerte sich auch an das hübsche, behagliche und bescheidene Heim Watertons, in das er seinerzeit öfters mit Belle gekommen war, bis dann mit einemmal die Beziehungen zwischen den beiden Männern und den beiden Frauen abgebrochen wurden.

Garrat wünschte von dem Verteidiger zu hören, wie sich Watertons Frau zu dem furchtbaren Abenteuer stelle, in das ihr Mann und der Name ihrer Kinder verwickelt war, und das das Glück der Familie nun auch vor den Augen der Welt vernichtet hatte.

Ehe er Abschied nahm, bemerkte Mr. Parker: »Dr. Garrat, hören Sie meinen Rat, Sie haben ja hier, wie ich sehe, eine Darstellung Ihrer Sache niederzuschreiben begonnen. Beschäftigen Sie sich mit Ihrer eigenen Entlastung. Überlassen Sie die Entlastung der in Ihren Prozeß verwickelten Personen diesen selbst. Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß Sie es sind, um dessen Wohl und Wehe es sich hier handelt.« Und mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: »Und in zweiter Linie um Miß Cora Stratton, in der Tat, um Miß Stratton.«

Nach des Verteidigers Weggang setzte sich Garrat an 311 seinen Tisch, fing einen neuen Bogen an und schrieb: »Ich bin unschuldig. Ich bin unschuldig. Waterton ist von dem Abgrund verschlungen worden, wie ich selber. Leidenschaft ist ein Abgrund, der das Glück der Menschen verschlingt. Selig die Milden, unselig die Scharfen. Die Jähzornigen und die Wollüstigen straft das Gericht Gottes schon auf Erden. B. war schuldlos. Daß sie sterben mußte, daß sie in den Abgrund versank, ist, wenn Gott schuldig sein kann, nicht der Menschheit zur Last zu legen. Sie ist nicht verantwortlich für den Kummer und das Unglück von Isabel Waterton, Henry, Jim und Leona. Gott sei den Menschen gnädig. Die Menschen sind schuldig, einer an dem Schicksal des andern – dies ist der Kernpunkt der irdischen Gerechtigkeit. Aber die Menschheit wälzt ihre Schuld auf den Schöpfer ab, dessen Willen und Absicht sie nicht durchschaut. Die Menschheit ist schuldig und nicht schuldig. Gott, den wir nicht kennen, ist schuldig, weil er sich verbirgt und nicht gefunden werden kann. Ihr Herren von der Jury möget mich verurteilen. Ihr habt mich ja aus meiner Verborgenheit aufgestöbert, Ihr habt meinen Leib. Ich bin nicht schuldig.«

*

Die Zeitung kam jetzt täglich in Adelas Garten. Sie holte sie sich am frühen Morgen aus dem Spalt unter der Haustüre und ging leise die Treppe wieder hinauf. Im Hause schlief noch alles. Nur Mrs. Newall hörte man hinten in ihrer Küche rumoren.

Die Sonne schien herbstlich in das bunte Zimmer Adelas herein, auf dessen Wänden die geblümten Tapeten stellenweise aufglühten, an andern Stellen wie in brauendem Nebel tiefer in Düster versanken. Die Zeitungen brachten eine Abbildung des Zellengefängnisses, in dem Garrat jetzt lebte. Canonbury war ein ganz neuer Bau, und der Flügel, 312 in dem sich Garrats Aufenthaltsort befand, war ein runder Turm mit strahlenförmig um eine kreisrunde Plattform gruppierten Zellen, synoptischen Zellen, die der Aufseher jedes Stockwerks mit einem Blick leicht beaufsichtigen konnte. Die Zeitung brachte einen Aufriß des Flügels von Canonbury, und die Vision der sternförmigen Anordnung dieser Behausung unglücklicher Menschen prägte sich Adelas Gedächtnis glühend ein. Zu den Unglücklichsten gehörte ja Garrat in ihren Gedanken, wenn auch nicht im Urteil der Welt, die gierig dem Beginn der sensationellen Verhandlungen entgegensah. Daß Garrat nicht zu den Unglücklichsten, den schon Verurteilten und Gebrandmarkten gehörte, das drückte sich ja in der bessern und behaglichern Ausstattung seiner Zelle aus! Er konnte ja noch den Verdacht von sich wälzen, während seine Nachbarn diese Hoffnung bereits verloren hatten.

In diesen Tagen, nach ihrem Abenteuer in der Windmühlenstraße, hatte sich Adelas eine seltsame Unruhe bemächtigt, die Mrs. Newall mit Befremden, später mit Besorgnis erfüllte. Jawohl, Besorgnis. Was Adela trieb, trug den Stempel einer krankhaften Hast und Überreizung. Sie hatte ihre langen beschaulichen Stunden in dem Liegestuhl unten im Garten aufgegeben und auch oben in ihrer Stube peitschte sie eine Rastlosigkeit von Winkel zu Winkel.

Sie stellte die Möbel um, willkürlich und ohne Rücksicht auf Symmetrie und praktischen Nutzen. Der Schrank mußte aus der Nische beim Fenster heraus und wurde an die Schmalwand zur Tür gerückt. Der Spiegel hing nun an einem Platze, wo er tot und dunkel, das Bild des vor ihm Stehenden mangels hereinfallenden Lichtes nur undeutlich wiedergeben konnte.

Unten im Garten versuchte Adela die Beete neu umzugestalten. Mrs. Newall schwieg erst, und als sie eines Tages Adela nach der Ursache dieser Veränderungssucht frug, war 313 in ihren Worten kein Vorwurf über die Unordnung, die die Mieterin in ihrem Eigentum anrichtete, zu merken, sondern eine aus Neugier und wirklicher Besorgnis gemengte Verwunderung. Die Stube hatte nun große dunkle Flecken an den Wänden, die die Konturen der weggerückten Möbelstücke abzeichneten und ein Beet in der Nähe der Mauer wies die erste Spur einer strahlenförmig ausgekerbten Neuordnung der Pflanzen, Zwerggeorginen, Astern und Fuchsiensträucher auf – dies alles ohne Rücksicht auf Schönheit und Geschmack, wo ja doch in Adelas Umgebung, in den Gegenständen ihres Gebrauches und ihrer Kleidung bisher immer ein Gefühl für Ordnung und Harmonie gewaltet hatte!

Mrs. Newall konstatierte, daß aus dem Gehaben ihrer Mieterin der Frieden ohne Leiden, der schöne Genuß des Sommergartens verschwunden und einem Suchen und Probieren gewichen war, dessen Ursache sie ebensowenig erkennen konnte, wie vor Wochen den Zweck des ewig leerbleibenden Papiers unter der Lampe auf dem Schreibtisch Adelas.

In den Zeitungen stand: Garrat beschäftigt sich in seiner Zelle mit Schreiben und Lektüre. Er hat aus Kanada ein kleines hübsch gebundenes Buch: Shelleys Gedichte mitgebracht und schreibt zuweilen Verse aus diesem Buche ab. Andermal scheint er sich intensiv mit seiner Angelegenheit zu beschäftigen. Dann ist es eine Art Verteidigungsrede, die in engen Zeilen das Papier anfüllt. Stundenlang blickt er ruhig vor sich hin und ist wortkarg zu den Besuchern, die kommen, dem Verteidiger, den Mitgliedern der Aufsichtskommission und auch zum Wärter, dem seine Zelle zugeteilt ist.

Adela blieb im Garten vor dem Hause stehn und frug sich: wie sie hierher gekommen sei? Welche Macht hatte sie hierher gebracht? In welcher Beziehung, welcher 314 geheimen Verknüpfung stand ihr Leben zu diesem Hause, diesem Garten? Sie hatte ja, als sie mit Herrn Lucas zum erstenmal die Gartenschwelle überschritten hatte, blitzgleich die Ähnlichkeit dieses Grundstückes mit Haus und Garten, in dem sie geboren war, ihre Kindheit verbracht hatte und in denen ihre alte Mutter jetzt umgeben von ihren Schützlingen hauste, wiedererkannt.

Bald nach ihrem gemeinsamen Besuche der Versammlung Ochoroffs kam Lucas zu Adela, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Er sah Adelas Gesicht, ihre Hände aufmerksam an und wurde ernst. Er sah Adelas Brust von unregelmäßigem Atem bewegt und fühlte, daß sie ihm etwas verheimlichte. Er frug Adela: wo Sheila sei, aber Adela beantwortete seine Frage nicht.

»Herr Lucas,« sagte Adela, nachdem sie den Besucher gebeten hatte, ihr gegenüber Platz zu nehmen, »Sie müssen mir auf eine Frage Antwort geben. Ich kann sie von selber nicht finden, diese Antwort, und das beunruhigt mich so stark, daß ich den Schlaf verlieren könnte darüber. Ist es ein Zufall, der mich in dieses Haus geführt hat, oder war es mir aus irgendeinem Grunde bestimmt, hierher zu kommen? Sie hatten ja vor Wochen noch keine Kenntnis von diesem Haus und diesem Garten, die beide, so will es mir fast scheinen, auf mich gewartet haben seit Jahrzehnten. Hätten Sie in St. Johns Wood in jener Abendgesellschaft nicht den Russen getroffen, Sie wären auch mit dem deutschen Schneider nicht bekannt geworden und hätten nie und nimmer von Miß Newall Kenntnis erlangt. Dieses Haus aber ist mein Heim. Seien Sie nicht erstaunt über die Veränderungen, die Sie hier sehen. Ich versuche, mein Haus in Australien, das Haus meiner Mutter hier nachzubauen, so gut es geht. Ich bin nicht glücklich in diesen Tagen und weiß eigentlich nicht recht, wie ich mich beschäftigen soll, um über diese Frage hinwegzukommen. Raten Sie mir, 315 wie Sie mir schon oft rieten. Ich verstehe und erkenne es nicht, wie alles zusammenhängt.«

Herr Lucas sagte nach einigem Nachdenken: »Doch, es hängt zusammen. Sie wissen – Annabel Lee! Und die Bilder, die der armselige Straßenmaler mit Kreide auf das Pflaster gemalt hat, um Pennys zu ernten, die Bilder von Erdbeben, großen Schiffen auf dem Meer und barmherzigen Hunden, die in den Alpen Erfrierende aus dem Schnee schaufeln mit ihren Pfoten. Solange bin ich dem Zufall und meinem Schicksal durch die Straßen dieser Stadt nachgejagt! Annabel Lee – wie ist sie aufgetaucht und entschwunden vor mir und doch war sie die, die ich gesucht habe. Das Schicksal aller Menschen hängt zusammen. Es gibt so vieles, was entfernte Personen an entfernten Orten der Welt miteinander verknüpft. Gedanken ziehen sich von einem zum andern, aber keiner erkennt den andern, keiner weiß den Ursprung, keiner, wo das Ende der Kette befestigt ist, an der er sein eignes Leben führt. Schicksal, Vorbestimmung schwingen auf jedem Glied der Kette, und im Grunde ist es, wenn ich über die tiefen Umstände meines eignen Lebens nachgrüble, mir ebenso fremd, was ich dabei erfahre, wie die Ursache, weshalb der Straßenmaler dieses oder jenes Bild vor meine Füße auf das Pflaster breitet, über das ich vorwärtsschreiten muß!«

Adela nickte und sah Herrn Lucas aufmerksam an: »Was Ochoroff ›Geistesgegenwart‹ nennt!«

»Ja. Das ist es.«

»Wie schwer das Leben werden kann. Wie schwer es unsereinem gemacht wird. Es ist oft unheimlich, das Leben zu ertragen.«

»Ein Mittel gibt es, ich habe es erprobt. Die Wahrheit. Die volle Wahrheit, rückhaltlos ohne Bedenken. Die Wahrheit über sich auszusagen auf die Gefahr hin, mißverstanden, verhöhnt oder verworfen zu werden. Warum 316 haben Sie es mir nie gestanden, daß Sie sich in Ihren Träumen, die Wünsche erweckten und Wünsche befriedigen wollten, mit dem Mörder Garrat beschäftigt haben? Fragen Sie mich nicht, woher ich es weiß, daß dem so ist? Genug, es ist dem so. Ich will von Ihnen auch weder eine Bestätigung, noch eine Ausflucht hören. Ich weiß auch, daß Sie krank sind und eines Arztes bedürfen und daß auch dies mit dem Mörder Garrat irgendwie zusammenhängen muß. Ich sage Ihnen dies, weil ich vielleicht bald London verlassen werde. Ich werde dieses Leben, das wir in einer falschen, Herz und Sinne zerrüttenden Zivilisation zu führen gezwungen sind, mit einem reinern und höhern vertauschen. Ich habe einen Freund, der bald nach Indien, seinem Mutterland, zurückkehrt. Er stand eines Tages in der Bibliothek vor dem Stapel der Bücher, die ich aufgehäuft hatte, um mir einen Grad zu erarbeiten, den Doktorgrad! Meine Familie wollte es so, damit ich mir eine Existenz schaffen könne, so wie es diese Leute auffassen und ausdrücken. Aber seit ich meinen Freund kenne, weiß ich, welch höhern Grad von Existenz man sich schaffen kann in dem Mutterland, in das er zurückkehrt und in das ich ihn begleite.«

Adela sagte: »Glauben Sie, daß man durch Wahrheit das Glück erringen kann?«

Herr Lucas hob den Kopf: »Selbstverständlich, auf solche Weise allein.«

Adela fuhr fort: »Ich meine nicht das Glück dessen, der wahrhaftig ist, sondern das Glück eines Menschen, für den man trachtet, wahr zu sein, und wäre er ein Mörder. Einer, der nichts von einem weiß, fast ein Fremder. Ein Mensch, so fremd, wie einer ist, dem man einen Augenblick lang auf der Straße begegnet ist – auf Nimmerwiedersehen.«

Herr Lucas nickte. »Jawohl.«

Adela sah Herrn Lucas an, der mit niedergeschlagenen Augen regungslos vor ihr saß. Allmählich schlossen sich seine 317 Augen stark und gewaltsam. Das Licht fiel durch die Scheiben gerade auf sein Gesicht. Es war förmlich, als wichen seine Augäpfel unter den Lidern tiefer in den Schatten seiner Augenhöhlen zurück. Adela beobachtete es, wie Herrn Lucas Haltung, Gebärde, die Stellung seiner Hände den Ausdruck einer tiefen Erstarrung und ungewöhnlichen Konzentration annahmen. Es schoß ihr durch den Sinn, daß sie diesen Freund nun bald verlieren werde, aber zugleich wurde es ihr bewußt, daß sie ihn ja nicht verlieren könne. Daß er in ihrer Nähe verbleiben werde, trotz der Entfernung. Und daß sie ihn vielleicht sogar leiblich heimsuchen könne, bald, wenn auch in einer veränderten Form. Ihr wurde es offenbar, daß eine Verbindung mit dem Freund, dem ihr Inneres so vertraut und klar, durchsichtig und kristallisch leuchtend erschien, keiner körperlichen Gegenwart bedurfte. Sie lächelte und Herr Lucas fühlte in seiner Versunkenheit den Gedanken Adelas in sich überströmen. Denn als er nach einer Weile die Augen aufschlug und Adela frug, ob er seinen indischen Freund zu ihr herausbringen dürfe, und sie es mit ruhiger Stimme bejahte, war der Ausdruck seines Gesichtes ein heiterer und seine Augen blickten froh. –

Es pochte leise an die Tür und es erschien Sheilas Gesichtlein hinter einem Strauß von Garten- und Wiesenblumen. Das Kind reichte stumm Herrn Lucas seine Hand und legte ihm dann den ganzen Strauß auf die Knie. Sie schmiegte sich an den Arm ihrer Mutter und sah Herrn Lucas an.

»Kind, all diese schönen Blumen soll ich haben?« Er hob sie zu seinem Gesicht auf, sein bärtiges Gesicht verschwand in den Blumen, nur seine Augen leuchteten zwischen den Dolden und Blüten hervor.

»Freund, ich habe sie für Sie gepflückt,« sagte Sheila leise. Sie hatte ja mit dem Freund einen Bund geschlossen und die Mutter, deren Wohl er bezweckte, durfte nichts erfahren, hatte ja auch nichts erfahren.

318 »Unser Freund verläßt uns, Baby,« sagte Frau Adela, indem sie das Köpfchen des Kindes an sich preßte. »Er geht nach Indien.«

Aber Sheila zeigte kein Zeichen von Bedauern oder Kummer. Sie lächelte und streckte die Händchen nach den Blumen aus. Herr Lucas reichte dem Kind die Blumen. Sheila nahm den ganzen Strauß, vergrub ihr Gesicht in den Blüten, genau so wie Herr Lucas es getan hatte, blickte Herrn Lucas einen Augenblick lang durch die Blüten und Dolden an und reichte ihm darauf den Strauß zurück. Ihre Wangen waren höher gefärbt, als wäre sie errötet. »Freund, Mr. Lucas,« sagte sie, »das Wunderlieblied im Sturm werden Sie mir doch noch einmal sagen, bevor Sie reisen?«

Herr Lucas zog Sheila zu sich herüber und küßte sie auf ihren kleinen warmen Scheitel. Bald darauf ging er. Sheila spielte leise, ohne die Mutter zu stören. Kaum sah sie sie an, bis zum Schlafengehen.

In dieser Nacht hatte Adela den ersten Anfall ihrer Krankheit. Nach dem Geständnis ihrer Verbindung, der Verknüpfung ihrer Gedanken mit den Gedanken und dem Sein Garrats hatte sie das Gefühl tiefster Entäußerung. Es war ihr, als habe sie selber das tödliche Geständnis abgelegt, nach dem nichts mehr übrig bleibt, als das Urteil über sich ergehen zu lassen, sein Haupt hinzulegen, das Ende abzuwarten.

Nach Mitternacht erschien ihr Garrat. Sie schrie mit veränderter Stimme aus tiefstem Schlaf auf, so grell, daß Miß Newall herbeilief und an die Tür pochte. Sheila öffnete die Tür und beide, das Kind und die fremde Frau, standen an dem Lager der in kataleptischen, ohnmachtähnlichen Schlaf Gesunkenen.

Nächsten Morgen war Mrs. Newall nach Brentford hinübergelaufen, da Dr. Foundling telephonisch nicht zu erreichen gewesen war, und hatte der Haushälterin des 319 abwesenden Arztes aufgetragen, er möge unverzüglich zu ihr kommen. Ihre Mieterin befinde sich in einem Zustand, der sie ernstlich beunruhige.

Als sie heimkehrte, fand sie Adela bleich und mit fliegender Brust noch im Bette liegend an. Sie setzte sich zu ihr, erfaßte die feuchte Hand der Kranken und sagte ihr, daß der Arzt im Laufe des Tages kommen werde.

»Beste Mrs. Newall, wird er mir denn helfen können? Ich habe im Traum einen Menschen erblickt, dem ich einmal im Leben hätte Beistand leisten können. Und daß ich es nicht getan habe, das ist meine Krankheit. Daran kann doch Ihr Arzt nichts ändern!«

Mrs. Newall ging in ihre Küche hinunter, lief in ihrer Angst zu dem Bildhauer, aber dieser, der nachts von dem markerschütternden Schrei in den Räumen über seinem Kopfe aufgewacht und den Rest der Nacht schlaflos verbracht hatte, blickte Mrs. Newall verständnislos an und sprach von Krankheiten, die jeder allein mit sich durchmachen müsse. Eigentlich verschwieg er, was er insgeheim bei sich dachte und befürchtete: nämlich, daß die Dame im ersten Stockwerk in dieses verlassene Haus gekommen sei, um ihrer Niederkunft entgegenzusehen. Mrs. Newall brummte mißmutig etwas in sich hinein, als sie das Atelier verließ.

Im Laufe des Vormittags verstärkte sich die Brustbeklemmung Adelas bis zu heftigem Schmerz. Ein Gewicht lag auf ihrer Brust. Sie konnte kaum mehr atmen. Über ihren ganzen Körper breitete sich diese Beklommenheit aus. Ein Hausmittel fiel ihr ein, dessen gute Wirkung sie an einer alten Dienstmagd ihrer Mutter in ihrer frühen Kindheit beobachtet hatte, Aderlaß, dann ein Bad in mit Kräutern präpariertem Wasser.

Waren es die Blumen, die aus dem Garten so betäubend heraufdufteten? Oder der Strauß, den Herr Lucas, nachdem er ihm bloß drei weiße Blüten entnommen hatte, 320 im Zimmer zurückgelassen hatte? Es waren vielleicht die großen, eckigen Flecke auf den Tapeten, die wie Tore dunkel und in tieferer Buntheit standen, dort, wo ehedem der Schrank, der Spiegel gewesen waren. Vielleicht auch die Menge neuer Gestalten und Gesichter, die im Halbschlaf, im ungewissen Schein des Nachtlichtes aus diesem Dunkel, dieser Buntheit emporgequollen kam und sich auf ihr erregtes Herz zu wälzte.

Einen Augenblick schien es ihr, als müsse sie nun all diesem entrinnen. Jeder Schlag ihres ungestümen Herzens drängte sie fort von diesem Ort, an dem sie sich befand. Es war das typische Symptom der sich rasch entwickelnden Herzkrankheit, da der Kranke durch einen radikalen Ortswechsel seinen Zustand bessern zu können glaubt. Doch dies dauerte nur einen kurzen Augenblick.

Treue! sagte sich Adela. Treue und Wahrheit, das einzige.

*

Die Morgenzeitung, die ihr die widerstrebende Mrs. Newall endlich doch heraufgebracht hatte, verkündete den Beschluß des Gerichtes, das Verfahren gegen Garrat tunlichst zu beschleunigen.

Welche Motive das überlastete Gericht zu dieser Beschleunigung bewogen hatten, erklärte das Blatt in einem selbständigen Artikel. Große und immer größere Erregung machte sich in den weitesten Kreisen der Bevölkerung bemerkbar. Eine krankhafte Neugier hatte sich nicht nur der Londoner, sondern der ganzen zivilisierten Welt bemächtigt und jeder Tag, um den der Prozeß hinausgeschleppt werden sollte, schürte diese ungesunde Sensation, depravierte den ohnehin schon überreizten Hunger der Menschheit nach ungewöhnlichen Erlebnissen.

Als Dr. Foundling in den späten Vormittagsstunden 321 erschien, fand er zu seiner Verwunderung die Patientin aufrecht im Zimmer stehend. Sie hatte sorgfältig Toilette gemacht, hielt sich gerade und empfing den Arzt ohne das geringste äußere Zeichen von Krankheit oder Erschöpfung.

Dr. Foundling war ein alter Mann von vornehmem Aussehen mit einer ungeheuren Glatze, die einen vom phrenologischen Standpunkt interessanten Schädel enthüllte. Er hatte ein schwarzgerändertes Monokel in sein linkes Auge geklemmt, es war an einem ziemlich breiten schwarzen Seidenband befestigt, das sich über die altmodische Seidenweste des Arztes spannte. Er trug einen tief ausgeschnittenen Kragen, und seine Krawatte aus geblümter Seide war mit einem goldenen Ring befestigt, in dem stets eine blühende Blume stak. Er steckte die Nelke in die Tasche, während er sich Adela gegenüber niederließ, und befestigte sie wieder an ihrer ursprünglichen Stelle, als er eine halbe Stunde später Adela verließ.

In dieser halben Stunde aber hatte er mit Adela in einer schrullig-sonderlingshaften Weise über alles mögliche gesprochen, das Wetter, den Garten, über seinen Wohnort Brentford und über Australien, das er als Schiffsarzt in jungen Jahren besucht hatte. Durch sein Monokel hatte er indes Adela scharf beobachtet und beiläufig einige kurze Fragen über Adelas Befinden gestellt, die aber nur ungenügend beantwortet wurden, denn Adela sprach mehr über Mrs. Newall und ihre löbliche und gutmütige Fürsorge für sie als von sich und ihrem Zustande.

Als Dr. Foundling am Fuße der Treppe sich von Mrs. Newall, die aus ihrer Küche herauskam, verabschiedete, bemerkte er halblaut: »Es ist ein ziemlich fortgeschrittenes Herzleiden. Irgendein Kummer. Jawohl. Irgendeine Ursache, sich krampfhaft aufrecht zu halten, sich selber und dem Arzte und der ganzen Welt weiszumachen, daß einem nichts fehle. Ich komme wieder. Bemitleiden Sie die Dame nur nicht 322 zu auffällig. Lassen Sie es sich nicht merken, daß Sie wissen, wie es um sie steht. Sie sagen, daß die Dame seit einer Woche wieder die Zeitung liest? Daß sie sie selbst am frühen Morgen aus dem Türspalt in ihr Zimmer holt? Hm. Ich komme wieder. Auf Wiedersehen, Mrs. Newall.«

 

Merkwürdigerweise beschäftigte sich Adela in diesen Tagen viel mit Miß Dalmayne und ihrem Schicksal. Sie warf sich Kälte und Grausamkeit vor. Hier war ein Mensch, den sie in einem schweren und verhängnisvollen Abschnitt seines Lebens verlassen hatte und dem sie Stütze und Ratgeberin hätte sein können. Wie war es denn mit ihr gekommen? Auch sie hätte rechtzeitig gewarnt, beraten, gerettet werden können. Nun war es mit ihr wahrscheinlich so gekommen, daß sie allein und ohne Freunde, von Wahrheit und Güte verraten und verlassen, näher und näher dem Abgrund zugeglitten war.

Warum nur hatte sie Dalmayne nicht geholfen!

O, das Wort von der Geistesgegenwart! Dieses Wort, das eine Anklage einschloß gegen die Lässigkeit, die Selbstsucht und törichte Schwäche des Herzens. Wie ergründen, was es mit dem Glück auf sich hat? Sollte das Leben vergehen, ohne daß sie diesen Begriff »Glück« anders zu erfassen vermöchte als nur vom Hörensagen? In einem von fremden Ufern herüberkommenden Hauch und Klange. Wie viel war da nachzuholen und doch schon rettungslos vorbei! Was erwartete sie im Grunde?

Sie wußte: es war eine Hoffnung da, latent und undeutlich auf dem Grunde ihrer Seele. Die Hoffnung – worauf? Darauf etwa, daß der Gefangene befreit wurde? Sie wußte, dies konnte nicht geschehen. Auf eine Vereinigung mit Garrat? Sie wußte, ihr Leben war um. Erhoffte sie etwa, daß der Mörder ein volles Bekenntnis seiner Schuld ablegen werde?

323 In ihrer Seele sammelten sich alle Kräfte der Gesundheit und des Willens zum letztenmal in der Erwartung der Lösung. Und in dieser Erwartung ging sie ihr Leben durch, bescheinigte sie sich alles, was für sie sprechen konnte, verdammte sich aber doppelt und dreifach um all deswegen, was in ihr der Hilfsbereitschaft, dem Gerechtigkeitsgefühl, dem Bedürfnis und der Notwendigkeit, wahr zu sein, Abbruch getan hätte.

Mitten in diese seelischen Qualen fiel ihre Erinnerung an Malone. Sie hatte seinen Tod herbeigewünscht! Wie oft hatte sie sich, ehe sie nach Europa gekommen war, ehe sie in jähem Entschluß den Brief an ihren Rechtsanwalt mit dem Auftrag, die Scheidungsklage einzureichen, gerichtet hatte, den Tod dieses Menschen und ihre Befreiung von ihm gewünscht. Und jetzt verfolgte sie der Gedanke, daß sie ihm hätte helfen, ihn aus den Ursachen seiner Herkunft, seiner Kindheit, seiner Veranlagung hätte begreifen sollen, und sie sagte sich: auch diesem Menschen gegenüber hatte sie nichts wie Schuld auf sich geladen. Noch vor kurzen Monaten hatte sie einmal den Kran auf dem Fabrikshof aufgezeichnet und den Körper des Mannes aus schwindliger Höhe in die Tiefe stürzen sehen.

»Sheila!«

Sheila kam zur Mutter, die sich aus dem Fenster gebeugt hatte, aus dem Garten herauf in die Stube. Auf ihren Armen hielt sie das große Tuchkamel, das ihr Mrs. Strange geschenkt hatte. Ihr kleines Gesicht war von Traurigkeit wie überströmt.

»Mammy, ich habe dies da anders getauft. Es heißt Hucks. Nicht mehr Miggy. Miggy war ja das Kind von der Dame, es war häßlich von mir, diesem Tier den Namen von ihrem toten Kind zu geben. Mammy, wo ist Miggys Mutter? Darf ich ihr schreiben? Ich möchte sie fragen, wann der Todestag von dem Kind ist, um ihr ein paar 324 Blumen aus dem Garten zu schicken. Oder soll ich es lieber an ihrem Geburtstag tun?«

Adela setzte das Kind auf ihr Knie und fing mit ihm zu rechnen an.

»Wieviel sind viermal sieben? Zehnmal neun und dreimal zehn? Wieviel ist hundert dividiert durch acht? Wievielmal gehen sieben in einundneunzig?«

Aus einem Winkel ihres Koffers holte sie ein altes Büchlein mit Versen und überhörte Sheila: Sheila hatte das Gedicht von der Wanduhr in Großvaters Blockhaus halb vergessen, das andere vom Brand des Waldes auf der Bergkuppe konnte sie noch, jedenfalls die ersten Strophen. Das Gedicht, in dem die Laute des Hühnerhofs nachgeahmt waren, entlockte Sheila und ihrer Mutter ein kleines Lachen. Sie wiederholten es zweimal. Aber dann nahm Sheila das Büchlein der Mutter aus der Hand und sagte plötzlich:

»Mammy, du mußt mich beten lehren. Du mußt mir ein Gebet aufsagen, solange bis ich es kann. Miggy hat gewiß beten können, als sie krank wurde und sterben mußte. Warum kann ich nicht beten? Das dumme kleine Nachtgebet vor dem Schlafengehen! Ich denke ja gar nicht mehr an die Worte, sondern plappere sie nur nach wie ein Papagei, ohne den Sinn zu erfassen. Du mußt mir ein Gebet hersagen, wie es die Erwachsenen in der Kirche oder daheim beten, wenn sie sich wirklich an den lieben Gott wenden müssen. Ich will, wenn du in der Stadt bist, oder wenn ich weiß, daß du erst spät kommst, das Gebet so lange wiederholen, bis ich nicht mehr allein bin.«

»Baby, was für Gedanken hast du da! Ich darf dich gar nicht mehr allein lassen. Ich sehe schon. Auch unten im Garten will ich dich nicht mehr allein spielen lassen, wenn du solche Gedanken in deinem Köpfchen reif werden läßt beim Spielen. Wir werden in die Stadt fahren und Schulbücher mitbringen, und du wirst Aufgaben lernen müssen. 325 O Gott, wie habe ich dies vernachlässigt in all diesen letzten Monaten. Morgen, morgen schon beginnen wir mit dem Unterricht!«

»Morgen ist Sonntag, Mammy, willst du mich nicht nach Hamstead in die Kirche mitnehmen? Und da will ich zuhören, wie die Leute beten. Ich will nicht aus den dummen Büchern lernen. Ich will ein schönes Gebet hersagen können. O, ich glaube, Freund Lucas hätte mich eins gelehrt, wenn ich ihn darum gebeten hätte. Du willst mir nur die dummen Schulbücher kaufen, Mammy, ich aber will nicht lernen, was die Kinder in den Schulen lernen. Ein schönes Gebet – versprich mir, Mammy, – du wirst mir ein schönes Gebet hersagen, und wenn Herr Lucas das nächste Mal zu uns kommt, werde ich von ihm hören, ob es ihm gefällt oder ob er schönere weiß!«

In der Nacht zum Sonntag träumte Adela von dem alten Ehepaar im Hause von Miß West. Sie träumte davon, daß die beiden alten Leute, die guten Winterods, vor ihrem reichgedeckten Tisch, auf dem sich phantastische Südfrüchte, Ananas und Zuckertorten aufbauten, eingeschlafen waren. Sie sah sich selbst, Miß Dalmayne, Herrn Lucas und Garrat, der aber außerordentlich jugendlich, heiter, lustig fast sich gebärdete, um den gedeckten Tisch sitzen und schmausen. Sie schmausten und waren guter Dinge, obzwar jeder von ihnen genau wußte, daß die beiden alten Gastgeber, der gute Mr. Winterod und seine alte Hausfrau tot in ihren Stühlen saßen.

Adela erwachte von einem Schmerz, einer furchtbaren Angst. Sie hoffte nur eines: das Kind mit sich zu nehmen. Es nicht in dieser Welt allein lassen zu müssen.

Früh am Morgen schon kleidete sie sich an in feierlicher Tracht und fuhr mit Sheila, die ein Kleidchen aus weißer Seide anhatte, nach Hamstead. Sie fuhr in einem Wagen die ganze lange Strecke, da sie glaubte, der sommerlichen 326 Hitze in den Omnibussen, dem Umsteigen und dem Geratter der Maschinen nicht standhalten zu können. Ihr Kopf schmerzte sie. Oft war es ihr, als müsse sie im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen, aber sie bezwang ihre Schwäche mit Tapferkeit und Ausdauer.

Sheila saß mit feierlicher Miene neben der Mutter. Sie hielt Adelas in Elfenbein gebundenes Gesangbuch zwischen ihren Händchen. Zuweilen preßte die Mutter das Kind mit einer jähen, ungestümen Bewegung an sich, dann blickte Sheila blaß und mit einem Gesicht wie ein wissender, erwachsener Mensch in das Antlitz der Mutter auf.

In ihrem Kinderherzen, das ungestüm pochte, ahnte sie, was in Adela vorging. Sie hatte in den vergangenen Nächten das Tuchkamel in ihr Bett mitgenommen, dann auf den Platz gelegt, wo Feuer, die Katze, die seit kurzer Zeit wieder aus dem Haus verschwunden war, sie zu bewachen pflegte. Vor dem Einschlafen hatte sie selbst ein kleines Gebet improvisiert, in dem Miggy und Miggys Mutter vorkamen.

*

Garrat ging in seiner Zelle auf und ab. Er befand sich in einem Zustand hoher Erregung. Jetzt war die Arbeit getan. Sie lag vor ihm, auf drei Bogen sauber geschrieben, fertig bis auf den letzten Satz.

Er blieb stehn, verschränkte die Arme wie einer, der stolz sein Werk vollbracht sieht und findet, es sei geraten.

Er trat an den Tisch heran, blickte auf das beschriebene Blatt nieder, und dann, indem er die Arme langsam von der Brust löste, ergriff er die Feder und schrieb, ohne sich zu setzen, das Schlußwort:

»Not guilty.«

– Unschuldig. –

327 Die Unterschrift »Dr. Walter Garrat« wies keinerlei Schwanken der Feder auf. Kein Strich, der Zagen ausgedrückt hätte; klar, wie unter einem Geschäftspapier, lief der Namenszug hin. –

Als Wärter Rick später eintrat und dem Gefangenen den Besuch der Aufsichtskommission meldete, war Garrat kühl und gefaßt. Er ließ den Bogen mit der noch frischen Tinte auf seinem Platze liegen und empfing die Herren mit gemessener Höflichkeit.

Dr. Macreary hatte sich mit den andern Herren verständigt. Sie verließen nach einem kurzen Blick über die Zelle und ihren Insassen, nach ein paar Worten, die sie mit dem Wärter und den ihnen zur Führung zugeteilten Beamten gewechselt hatten, den Raum und dispensierten das zurückbleibende Mitglied der Kommission vom weitern Rundgang durch das Gefängnis.

Die beiden ehemaligen Studiengenossen saßen einander gegenüber.

»Wie in aller Welt!« sagte Macreary. Er schüttelte den Kopf und sah zu Boden.

Garrat brachte das Gespräch auf Belle, die Macreary gut gekannt hatte.

»Sie haben nach jenen ersten Besuchen unser Haus gemieden. Auch im Klub waren Sie nicht mehr der alte Kamerad von der Universität. Aber ich begriff das gut. Sie konnten nicht anders,« sagte Garrat und blickte den andern an.

Macreary war mehr als befangen. Es war genau das Thema, das er am liebsten vermieden hätte. Er begann: »Nun, das sind alte, vergessene Zeiten. Ich hatte manchmal Gewissensbisse nachher. Auch jetzt noch, bei Gott, diese letzten Wochen sogar noch; wollen Sie mir's glauben!« Sein Blick schlich scheu an Garrats Blick vorbei. Er wand sich zwischen dem Tisch, auf dem das Manuskript: »Not 328 guilty« lag, und der Tür, vor der Wärter Rick aufgepflanzt stand, hin und her.

»Nun, alte Zeiten in der Tat, und vergessen,« sagte Garrat mit einem unmerklichen Lächeln. Er beobachtete das Gesicht des andern und konstatierte darin jede Falte, jeden Zug um Mund und Augen, den Ausdruck dieser in Ehrbarkeit und Würde verlebten Existenz. Einen Augenblick lang sagte er sich: »Weshalb blickst du mir nicht ins Gesicht? Fühlst du dich schuldig vor mir?«

»Sehen Sie – hier.« Er nahm die beschriebenen Bogen und hielt sie wiegend in den Handflächen. »Das letzte Wort, das wir Menschen unter unser Leben setzen können, ist: Not guilty« Macreary blickte auf, und seine Augen strahlten plötzlich Kälte aus.

»Ich weiß – die andern sind anderer Meinung, und auf diese kommt es ja an!« sagte Garrat ruhig und legte die Bogen wieder fort.

»Es ist diese Philosophie,« entgegnete Dr. Macreary bestimmt, »jeder hat sie sich durch sein Leben zu beweisen. Die folgerichtige Entwicklung des individuellen Lebens muß es beweisen, daß man sich gegenüber den andern, das heißt der Welt, im Recht befinde. Wer leidet, der glaubt, das Phantom des Lebens zu durchschauen – es mag indes eine Täuschung sein; das, worauf es ankommt, ist, daß man Gott erblicke durch das Phantom hindurch und seine Gegenwart fühle in seinem Leben vom Anbeginn.«

»Ich könnte dies nicht so vollkommen ausdrücken, Freund,« sagte Garrat. »Immerhin weiß ich, daß jeder Schmerz, jedes tiefste Leiden die Quelle und der Ursprung für Freuden ist, die aus ihm entstehen, ich habe es erlebt – und wenn Gott der ist, den wir in ihm anbeten, so ist es eben der Gott, der uns Freude schenkt, sonst wäre unser Leben ein Wahn. So ist das Leid, die Qual gerechtfertigt.«

329 »Nicht die, die wir andern antun!« sagte Dr. Macreary mit Betonung.

Garrat schüttelte den Kopf. »Ich sehe da die Grenze nicht.«

»Wie!« rief Macreary aus. »Keine Grenze zwischen der Qual, die einer selbst erleidet, und die er andere erleiden läßt?«

»Nein,« sagte Garrat. »Sie lächeln, Freund? Lächeln, trotz dem Raum, in dem wir hier beisammensitzen? Es ist nicht alles von der Vernunft regiert in der Welt, glauben Sie's mir. Und ob Sie auch lächeln – das Leben ist etwas Ernsthaftes, glauben Sie es mir. Ich weiß es.«

»Ja, es ist so!« sagte Dr. Macreary, und Garrat sagte sich: Siehe, schon ist er wieder dein Ankläger. »Und es ist gut, sich das vor Augen zu halten in den schweren Situationen des Lebens. In der Tat, es ist gut!«

»Sie sind verheiratet?« frug Garrat unvermittelt. »Wie ist Ihre Frau? Haben Sie Kinder? Ein Häuschen? Verdienen Sie viel? Wie kommt es, daß Sie in der Kommission sind? Meldet man sich dazu freiwillig?«

Macreary stand auf, und sein korrektes Gesicht gab sich Mühe, strengen Ernst und Sachlichkeit zu zeigen.

Er hatte, wenn ich mich recht erinnere, eine romantische Ader, dachte Garrat. »Ein Buch von Shelley,« sagte er und griff nach dem kleinen Lederband. »Raten Sie, woher ich es habe. Aus Quebec. Am Tage nach meiner Ankunft ließ ich es mir durch den freundlichen Direktor besorgen.«

»Retten Sie Ihre Seele,« sagte der Besucher leise und langsam und reichte Garrat die Hand. »Gott beschütze Sie auf Ihren schweren Wegen, wie es auch immer um Sie stehen möge. Im übrigen – haben Sie einen Wunsch? Sind Sie mit der Nahrung zufrieden? Ich könnte durch Fürsprache . . .«

330 »Welch eine warme Hand Sie haben!« sagte Garrat und schüttelte sie lange in der seinen. »Es ist schade, daß wir auseinanderkamen, seinerzeit. Nun, so wollte es das Leben.«

Sie schieden. D. Macreary wandte sich nicht mehr zurück. Als der breite Rücken des Wärters hinter dem Eisen verschwunden war, blickte Garrat noch mit dem gerührten Lächeln, das seine letzten Worte begleitet hatte, hinter ihm her. Alles in allem ein guter und fühlender Mensch. Es war eben eine Situation, in die sich nicht jeder hineinfinden konnte. Da durften Entgleisungen nicht zu scharf beurteilt werden. –

Macreary teilte der Kommission mit, das Gemütsleben des Gefangenen sei bedenklich erschüttert und man müsse den Gefängnisarzt benachrichtigen. Die Nachricht, daß Garrat eine lange Abhandlung verfaßt habe, die in den Worten:

»Not guilty!«

gipfelte, eine Nachricht, die die Runde durch alle Zeitungen machte und ihre Wirkung auf die Geschworenen nicht verfehlen sollte, gelangte ebenfalls durch Dr. Macreary an die Öffentlichkeit. –

 

Der Arzt trat erst in den späten Abendstunden in Garrats Zelle ein.

Bis dahin waren die Stunden des Gefangenen von Erregungen mancher Art heimgesucht.

Gleich nach Macrearys Fortgang erlebte Garrat eine Entspannung des Gemütszustandes, die ihn mit der Macht einer Krise niederwarf. Er war der Arbeit an seiner Verteidigungsrede kaum gewachsen gewesen und hatte sie nur mit oft niederbrechendem Mut zuwege gebracht.

Jetzt bemächtigte sich seiner wie eine gewaltsame Obsession die Erinnerung an die Zeit, da er noch mit Macreary, 331 Waterton, O'Gorman und den andern die Kollegebank gedrückt hatte.

Diese Zeit war, nach Perioden anstrengendsten Studiums, von andern Perioden des krampfhaften Lebensgenusses gezeichnet gewesen.

Garrat sah sich mit den Kameraden durch die nächtigen Straßen Whitechapels ziehen, hinunter zu den Docks, ins Limehouseviertel, wo die versteckten Opiumhöhlen der Chinesen in den Hinterhäusern des Causeway gelegen sind. In einer Taverne in Stepney, die ein Kollege entdeckt hatte, fanden sie Französinnen und Spanierinnen, die mit den aus Indien und China zurückkehrenden Schiffsoffizieren Zusammenkünfte hatten, und die jungen Mediziner saßen an den Tischen nebenan und bewunderten die Laszivität und Grazie der Tänze, die Attitüden und die Ausdrucksweise der Frauenzimmer, von denen sie doch eine angeborene Scheu fernhielt.

Einen Augenblick dünkte es Garrat, er habe etwas versäumt im Leben, das nicht mehr zu erreichen war. Als sollte er sein Leben vertan und beendet sehn und verzweifeln, weil er es nicht genossen hatte, wie es sich ihm in jenen Tagen geboten hatte!

Er erinnerte sich an Belle und die Zeit, in der er sie kennenlernte, in der er von seinem Platz im Middlesex-Varieté aus sie beobachtete und die junge schlanke Künstlerin im Pagenkostüm von der Bühne die Blicke des ihr noch Unbekannten erwiderte.

Er erinnerte sich an die ersten Monate seiner Ehe mit Belle, die in der lustigen Gesellschaft ihrer Berufsgenossen vergingen. An Vergnügungsfahrten, die er mit ihr, später mit Cora Stratton, in die Umgebung von London unternommen hatte – und diese Eindrücke waren so stark, daß sie Garrat eine narkotische Vergessenheit der Gegenwart schufen, bis sie ihn dann losließen, und er in jähem Sturz 332 in die Wirklichkeit abstürzte, in der Wirklichkeit versank, ohne Willen, in eine lähmende Betäubung, tief in die Verzweiflung an allem, unrettbar hinunter.

Er sah sich um, betastete sich. In der Zelle war aus dem Bereiche seiner Hände alles Gerät entfernt, das zu einem Versuch hätte verleiten können, Mord an sich zu verüben – aber auch an andern, dem Wärter, den Besuchern, dem Arzt, dem Seelsorger, die in die Zelle zu dem Gefangenen kamen. Und doch – die Feder im Federhalter genügte vollkommen, um die Halsader zu durchbohren. Er konnte sein falsches Gebiß zerschlagen und an einem Stück ersticken. Auch an Fetzen des Bettuches, an dem Riemen, der die Matratze an das Gestell festband, sich erhängen. Es waren unzählige Wege zum Tode offen, wenn er nur die Intervalle ausnutzen wollte, in denen das Auge hinter der Türluke aufging, verschwand.

Der furchtbare Selbstmord jenes Arztes aus dem Klub fiel ihm ein. Er begriff, daß man mit Wollust den Leib zerstören konnte, der niederzog, der die Hoffnung zertrampelte, die zarte Blüte der Hoffnung und des Glaubens, die eine göttliche Hand in die Seele des Sterblichen gepflanzt hatte.

Und Garrat weinte, mit von der Türe abgewandtem Gesicht, seit langer Zeit zum erstenmal.

Der Arzt fand ihn müde und erschlafft. Vor ihm lag aufgeschlagen das Buch mit den Versen Shelleys. Dr. Headman erkundigte sich nach dem Schlaf Garrats, der, wie er wußte, zu wünschen ließ. Er hatte beruhigende Pulver mitgebracht.

»Ich werde Ihnen das Geheimnis aufdecken, Kollege!« sagte Garrat. »Es ist nicht die Schlaflosigkeit, denn die kann gut sein, wenn man durch sie Zeit gewinnt, sein Leben besser zu überdenken. Sondern es ist das: so viele Gefühle kreuzen sich, für die man nichts kann und die man nicht gerufen hat. 333 Wenn Sie dorthin, von wo diese unerbetenen Besucher herkommen, Ihre Pulver schütten wollen wie Gift vor Rattenlöcher, dann will ich Ihnen dankbar sein. Im übrigen ist es gut, wenn man nicht schlafen kann: die Zeit des Tages ist dann von den Träumereien erfüllt, die in der Nacht keinen Raum gefunden haben. Ich bin nicht unzufrieden mit diesem Zustand, ich versichere Sie!«

»Ihre Nerven sind zerrüttet,« sagte der Arzt. »Sie sehen die Träume als Wirklichkeit vor sich. Sonst aber, hoffe ich, haben Sie keine Beschwerden. Vielleicht ändern wir die Kost, es mögen Gewürze beigegeben sein – Sie müssen auch mehr an die Luft – warum nehmen Sie nicht mehr teil an den Spaziergängen im Hof?«

»Kollege, ich will es Ihnen gestehen, ich konnte den Rücken des Menschen vor mir nicht mehr sehen. Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Ein Feigling bin ich heute vielleicht nur insoweit, als es meine eigenen Schicksale betrifft. Aber da ging vor mir ein junger Mensch – ich habe seinen Namen erfahren, er hieß Andersson, ein Schwede, glaube ich – er war eines ähnlichen Verdachtes wegen hier wie ich – er hustete und krümmte sich, während er ging . . .«

»Andersson ist letzte Nacht gestorben.«

»So. – Jawohl, ich hörte das Gebell schon seit einiger Zeit nicht mehr. Denn ich kann es nicht anders nennen, ein Gebell war es.«

»Er wurde vor drei Tagen ins Lazarett eingeliefert.«

»Nun, wohl ihm, er ist wohl bei seinem Opfer und hat sich mit ihm versöhnt. Requiescat

Der Arzt stand auf. Er maß Garrat mit einem Blick, wandte sich dann an Wärter Rick, dem er einen Zettel gab. Er hatte auf den Zettel ein paar Anweisungen geschrieben. Der Wärter behielt den Zettel in der Hand. –

*

334 Garrat forderte neues Papier und beschloß, einige Abschnitte der »Rede« zu ändern.

Nach aufmerksamem Durchlesen des »Epipsychidion« waren ihm Gedanken gekommen, die er in seiner Verteidigung vorbringen wollte. Wo ihn vorher die Arbeit an dieser Verteidigungsrede von dem Buche Shelleys fortgerissen hatte, fingen jetzt beide ineinander zu schmelzen an, er erkannte fast keine Grenze mehr.

Er saß jetzt stundenlang regungslos, wußte kaum mehr, welche schicksalsschweren Stunden ihm bevorstanden. Er blickte starren Auges vor sich hin, als befände sich jemand am Ende des Raumes, den er nicht aus dem Auge verlieren durfte! Er sagte sich, daß er ja eigentlich genug von der Welt gesehen habe, strich sich aber über die Stirne, um diesen Gedanken zu verwischen, und erinnerte sich, daß es ja etwas ganz anderes war, womit sich sein schlafloses Gehirn zu beschäftigen vorgenommen hatte.

Es war Zeit, dankbar zu sein. Aber wem gegenüber? Da waren ja immer noch die Freunde, die den Verteidiger beigestellt hatten. Cora –.

Auch Belle. Für alles, was das Leben gebracht hatte, trotz allem, trotz allem. Ja, auch dafür, was die Qual im Gefolge hatte – für das Glück, das stundenlang, für die Erkenntnis, die Tage hindurch als Gewinn des Lebens ihm geliehen worden waren in dieser Zeit.

Aber vor allen Dingen war es der Dank an die Eine, die im Fluge nur Erblickte, im Schatten eines vorüberfahrenden Gefährts, für einen Augenblick aus der Vergessenheit Aufgetauchte, mitten in einem schrillen Laut, der aufzuckte und erlosch – dieser Dank war tiefer und lauterer, unvergeßlich und schwerer abzutragen als alles andere. Und Garrat lebte in dieser Erinnerung die Zeit durch, die ihn vom Beginn seiner Schicksalsstunde trennte.

Zuweilen fühlte er sich so, als ob er ein Doppelleben 335 führte. Er war schon Sträfling, aber noch ein verehrungsvoll Liebender. Die Eisentüre klirrte, und er wußte, es war die Türe seiner Zelle, aber es war gleichzeitig das Geräusch des Bootshakens, der in die Flanke des Schiffes an der Schleuse bei Maidenhead griff. Am Sonntag vor dem Beginn der Verhandlungen äußerte Garrat zum ersten Mal den Wunsch, an der Andacht im Kapellensaal des Gefängnisses teilzunehmen, und er betete auf Knien in seinem engen Kasten, der ihn von den Schicksalsgenossen trennte. Er betete, da er sich der Worte des Gebets aus der Kindheit nicht entsann und da er das Buch, das den Stempel »Canonbury« trug, nicht benutzen wollte, improvisierte Worte und Sätze, ohne Sinn, und solche, die Wiederholungen von Worten und Sätzen aus der Rede und dem kleinen roten Lederband waren. Aber erst, als er statt »Amen« die Endworte seiner Verteidigungsrede gebrauchen wollte, stockte er und entsann sich des Anlasses und des Ortes, an dem er sich befand. –

Am Abend dieses Sonntags erschienen die Verteidiger Garrats und Coras in der Zelle des Gefangenen, um noch eine kurze Rücksprache mit ihm zu pflegen. Der Gehilfe des Gouverneurs begleitete sie. Mr. Parker gab Garrat zu verstehen, daß es im allgemeinen gut um die Aussichten der Verteidigung stände. Cheer up! Den Kopf hoch.

Als sie gingen, waren die beiden Herren erstaunt über die Gleichgültigkeit Garrats.

Im Automobil, das sie in die Stadt führte, nahm Mr. Parker den Hut ab und fuhr sich nervös über die Stirn. »Eine Apathie wie diese ist mir in meiner Laufbahn selten begegnet. Bei des Mordes Angeklagten nie. Was halten Sie davon, Calthorpe? Es könnte ein pathologischer Zustand sein?«

Er lebte seit Monaten in dem Prozeß, es hing für ihn mehr von dem Verlauf ab, als er wahr haben wollte. Der 336 Ehrgeiz hatte ihn gepackt, es war der Schritt zur Weltberühmtheit, der getan werden sollte.

»Der Tisch mit dem Papierbogen, auf dem in großer Schrift: ›Not guilty‹ allen Besuchern in die Augen sticht, ist ein gar zu abgeschmacktes Requisit – sozusagen. Es wird gut sein, diesen Betätigungsdrang wie andrerseits die Passivität auf irgendeine Art auszuschalten, falls es nicht schon zu spät sein sollte! Übrigens hat Richter Mitstone aus den Verhören den Eindruck einer absoluten Willensklarheit und eines sichern Systems der Aussagen. Ich weiß das.«

Calthorpe, der ältere von beiden, ein Liebling der pazifistischen Frauen und Vorkämpfer des Frauenwahlrechts, stand der Angelegenheit kühler und ohne leidenschaftliche Befürchtungen gegenüber. Daß Cora Alix Stratton freigesprochen würde, war ziemlich sicher. Eine Unvorsichtigkeit von seiten Garrats konnte ihre Sache nicht allzusehr gefährden. Die Aussagen vor dem Untersuchungsrichter in Quebec und in London hatten einen günstigen Eindruck hinterlassen: das Mädchen war von Garrat überlistet und ihr harmloser Leichtsinn mißbraucht worden; die öffentliche Meinung hatte dem unausbleiblichen Urteilsspruch bereits vorgegriffen.

»Solches kommt vor,« sagte er, indem er sich mit geschlossenen Augen zurücklehnte, »ich habe es in meiner Praxis erfahren, daß sich in dem Seelenleben passioneller Verbrecher Einflüsse aus ihrem Leben vor dem Verbrechen geltend machen – auch Vorstellungen religiöser Art sich mit Macht melden und in der Einsamkeit der Zelle überwuchern. Ein pathologischer Zustand, wenn Sie wollen. Legen Sie ihn doch als eine Art jener Besessenheit aus, unter der der Mann das Verbrechen begangen hat. Der Sachverständige – ist es nicht Professor Cornish? – soll sich die Verteidigungsschrift darauf hin ansehn.«

*

337 In St. John's Kirche in Hampstead hatte die Sonntagsandacht bereits angefangen, als Adela mit dem Kind in das Mittelschiff eintrat.

Sie nahmen auf der letzten Bank Platz und Adela schob Sheila ein Kissen zum Niederknien hin, während sie auf die kalten Fliesen kniete.

Sie betete für den Gefangenen. Seit Lucas es ihr klar und unumwunden erklärt hatte, daß Garrat es sei, mit dem sie sich im Traum und im Wachen unausgesetzt beschäftigte, schien es ihr, als könne sie mit stärkerem Willensaufgebot, aufrichtiger und inbrünstiger für diese Seele bitten, sie losbitten.

Sheilas Gebet sollte zugleich mit ihrem eigenen zum Allmächtigen emporsteigen, dafür betete sie auf nacktem Boden.

Während der Predigt bemerkte sie, daß jemand aus einer der Bänke vor ihr sie starr anblickte. Es war Miß Alvanley aus West-House.

Als die Gemeinde sich erhob und die Kirche verließ, wartete sie in ihrer Bank auf das junge Mädchen, das mit ausgestreckten Armen auf sie zukam, sie an sich zog und küßte.

»B . . . beste Mrs. M . . . Malone, wie gut, daß ich Ihnen begegne. Schon dachte ich, Sie w . . . wären nicht zur Andacht gekommen und ich w . . . würde Sie jetzt eine Woche lang oder länger nicht zu Ge . . . Gesicht bekommen.« Sie beugte sich nieder zu Sheila und küßte das Kind auf die Stirne. Ihr Gesicht unter dem weißblonden Haar glühte förmlich vor Freude. Sie faßte Adela unter den Arm und ging mit ihr und dem Kind die kleine Churchrow entlang. Besorgt stand sie still und blickte Adela an. Was war das? Sie fand sie so sehr verändert! Aber dann begann sie, rascher, als ihre schwerfällige Zunge es vermochte, von Miß Dalmayne zu erzählen und ihrem Schicksal. In Tränen hatten sie voneinander Abschied genommen, und die 338 Dalmayne hatte ihr aufgetragen, zu Adela zu gehen und ihr alles Liebe von ihr auszurichten. Ja, alles Liebe! In Trauer und Liebe gedachte sie der Freundin, die sie im Stiche gelassen hatte! Es war unrecht von ihr gewesen, aber sie hatte ihr ja doch nicht helfen können! Ihr Roman mit Herrn Escoffier war zu Ende. O, nicht zu Ende, es war fürchterlich, was dem armen Wesen noch bevorstand. Der Franzose war über alle Berge, und es hatte eine böse Abschiedsstunde für die beiden gegeben. Aber nun war Miß Dalmayne auf der Operntournee ihrer Gesellschaft nach Leeds gefahren und sollte erst im Winter nach London zurückkehren.

Adela blickte im Vorübergehen zu den Fenstern eines Hauses in der hübschen kleinen Straße empor. Ihr Blick verweilte lange auf den Fenstern, als ob sie dort von jemand Abschied nehmen wollte – als ob dort irgendeine Illusion, ein Traum sich hinter den Scheiben verberge, während sie hier unten vorüberging. In ihrem Blick lag etwas, was Miß Alvanley erschreckte. Sie blieb stehen, sah Adela an, ihren leicht gekrümmten Rücken, das mager gewordene Gesicht mit den Schatten um den Mund.

»Liebste Mrs. M . . . Malone, w . . . was ist mit Ihnen? S . . . Sie sollten sich schonen. Sie sch . . . schleppen sich ja, und wie schmal ihre Sch . . . Schultern geworden sind. O, ich fürchte, eine Krankheit sitzt in Ihnen!«

Unwillkürlich drückte sie Sheilas Hand fester in der ihren. Sie preßte die kleinen Finger zusammen, und das Kind blickte von ihr zur Mutter, von der Mutter zu ihr auf.

Aber Adela lächelte nur und sprach: »Es ist nichts. Ich bin gesünder geworden sogar, seit ich in dem Haus weit draußen lebe. Den ganzen Tag duften die Blumen im Garten. Jetzt im Herbst duften sie so stark. Es ist besser als in der Stadt zu wohnen. O, ich hätte früher dort hinausziehen sollen. Und es ist still. Sie sagten, die arme 339 Dalmayne habe mich schwer vermißt? O, es tut mir leid, so sehr leid.«

Sie richtete sich auf, bekam Farbe in die Wangen, ihre Augen blickten scharf und sie schritt kräftiger aus. Vor der Untergrundbahn trennten sie sich. Alvanley sah Adela mit schimmerndem Blick in die Augen: »Erlauben Sie mir es, daß ich zu Ihnen komme. D . . . dulden Sie mich um sich. Ich w . . . werde still sein und Ihren Frieden im Garten nicht st . . . stören. L . . . liebste Mrs. M . . . Malone, sagen Sie nur, ob ich darf. M . . . Machen Sie an mir gut, was Sie an Miß Dalmayne unterlassen haben.«

Adela versprach's.

Sie bestieg mit Sheila einen Cab und sie fuhren die steile Straße hinunter der Stadt zu.

Eine Weile fuhren sie schweigend. Der mutige, konzentrierte Ausdruck wich nicht von Adelas Zügen. Aber plötzlich warf sich das Kind mit einem Aufschrei an die Brust der Mutter und weinte. Sie weinte und schluchzte herzzerreißend und vermochte kaum ein Wort hervorzubringen. Adela hob ihr tränenüberströmtes Gesichtchen zu sich auf und versuchte zu lächeln. »Baby, was ist das mit dir? Was weinst du denn? Was ist denn geschehen?«

Aber als das Kind nicht sprechen, doch auch mit Weinen nicht aufhören wollte, wich das Lächeln von Adelas Gesicht und es verfiel. Adelas Züge wurden müde, älter und schlaffer, als sie je gewesen waren. Mit einer Gebärde, die jenem letzten Blicke nach den Fenstern der Churchrow glich, zog sie ganz eng den kleinen schluchzenden Körper an sich. Auf dem ganzen Heimweg hörte das Kind nicht zu schluchzen und weinen auf. –

Mrs. Newall empfing Adela mit der Botschaft, Herr Ochoroff sei in ihrer Abwesenheit dagewesen und wollte morgen früh wiederkommen, da es sich um eine wichtige Angelegenheit handle.

340 Oben in ihrem Zimmer setzte sich Adela zum Fenster und blickte ins Freie. Aus der Ferne tönte die Blechmusik einer Heilsarmeekapelle herüber. Zuweilen brachte der Wind auch den Laut von schrillen Stimmen bis in das Zimmer herein. Adela hielt auf dem Schoße die Zeitungen der letzten Tage. So verbrachte sie fast den ganzen Sonntag. Lautlos bewegte sich das Kind im Zimmer nebenan. Es saß bei den Mahlzeiten mit niedergeschlagenen Augen da, als schäme es sich seines Gefühlsausbruches. Es nahm einen guten Bissen, ein Kuchenstück, eine besonders schöne Pflaume von seinem Teller und legte es auf den Teller der Mutter. Sie ordnete auch die Kissen auf der Chaiselongue, auf der Adela ihren Nachmittagsschlaf hielt, das Kissen auf ihrem Lehnstuhl, in dem sie am Fenster saß. Adela las die Zeitungen, die voll waren von Nachrichten über den morgen beginnenden Prozeß Garrats.

 

Im Traum erlebte sie auf sonderbare Weise den Prozeß selbst, die Verhandlungen, die am Montag morgen in Bowstreet ihren Anfang nahmen.

Die Zeitungen hatten photographische Abbildungen des Saales, in dem die Verhandlungen geführt werden sollten, gebracht. Adela sah den Dock, in den auf ein Zeichen des Vorsitzenden der Angeklagte geführt werden würde. Der Dock war von Tischen umgeben, an denen Herren und Damen mit ernsten Mienen Platz genommen hatten. Adela sagte sich: das sind ja die Leute von der »Daily Mail«, vom »Telegraph«, von den »Times.« An einem andern Tische bemerkte sie die Zeugen. Die hatten stier blickende, boshafte Gesichter, es waren miteinander tuschelnde Männer und Frauen. Auf hohem Bau, fast überhoch für den Saal, der ein gewöhnlicher Gerichtssaal zu sein schien, aber Ähnlichkeit mit Miß Wests Speisezimmer hatte, thronte der Gerichtspräsident mit langer weißer Perücke. Neben ihm, 341 zur Rechten und zur Linken, der Kronanwalt und ein zweiter, von dem Adela wußte, das sei der Anwalt des Schatzamtes.

Die Zeitungen hatten die Liste aller Amtspersonen veröffentlicht, die den Verhandlungen beiwohnen sollten. Sie bevölkerten den hohen schmalen Raum, der wie ein Korridor aussah. Plötzlich erhoben sich die Anwesenden und verneigten sich tief vor dem eintretenden Angeklagten. Ein Ton erdröhnte wie das Schlagen eines Tors, wie das Zerbrechen eines Stabes, wie ein Schlag, dumpf an die Mauer des Hauses.

Adela sah Garrat jetzt. Er war blaß, hatte die Arme verschränkt und sein Mund war eingefallen, als habe er keine Zähne mehr. Die boshaften Gesichter von der Zeugenbank wiesen starr auf ihn. Alle Anwesenden hatten sich wieder gesetzt. Nur der Angeklagte und der Gerichtspräsident standen im Raum aufrecht einander gegenüber.

Aber plötzlich trat von irgendwoher ein kleines Kind an den hohen Bau des Gerichts heran und hob sein Gesicht, das von Tränen überströmt war, zu den Männern in den Perücken empor. Adela erkannte das Gesicht ihres eigenen Kindes. Es stand da, hatte die Augen geschlossen, und alle die Männer des Gerichts, die Männer und Frauen an den Tischen um den Dock mußten weinen. Da wußte Adela, daß es gut um den Angeklagten stand . . .

Diesen Traum erinnerte sie den ganzen folgenden Tag. Er stand derart greifbar und plastisch vor ihr, daß sie die Abendzeitungen ohne große Ungeduld erwarten konnte.

Am Abend las sie die Zeremonien des Beginns der Verhandlungen und die ersten Zeugenaussagen. Eine Sekretärin der Varietékünstlervereinigung, die über Belles Vorleben Auskunft geben sollte, war die erste Vernommene, nach ihr sollte der Gerichtschemiker mit einer Darstellung des Leichenbefundes beginnen – da aber hatte sich ein merkwürdiger Zwischenfall ereignet.

342 Vor dem Verhör der Zeugen hatte der Staatsanwalt eine kurze Eröffnungsrede gehalten, in der er den Fall Garrat skizzierte. Für die Vernehmung der Zeugen war ein Zeitraum von wenigen Stunden in Aussicht genommen. Hierauf sollte die Verhandlung vertagt werden. Aber schon nach einer Stunde hatte sich der erwähnte Zwischenfall ereignet, der den ersten Tag zu einem unerwartet raschen Abschluß brachte.

Nach dem englischen Gesetz darf, wenn im Gerichtsgebäude der Kindergerichtshof zu einer Verhandlung zusammentritt, gegen Erwachsene nicht verhandelt werden – und sollten die Räume, in denen die beiden Verhandlungen vor sich gehen, auch an den weitest entfernten Winkeln des Hauses gelegen sein. Für diesen Tag nun war vor langer Zeit schon eine Session des Kindergerichtshofes anberaumt gewesen, und dies war der Grund, weshalb die Verhandlung gegen Garrat zu einem jähen Ende kam.

Der ganze große Gerichtsapparat war zum Stocken gebracht, und der unterbrochene Bericht des Gerichtschemikers über die Auffindung und den Befund der Leiche Belle Garrats sollte nächsten Morgen durchgeführt und zu Ende gebracht werden. Damit wäre dann das Vorverfahren beendet gewesen, hierauf konnte die Vertagung um die Frist einer Woche eintreten.

Kapitän Fraser von der »Inverneß« saß nicht unter den geladenen Zeugen. Dies hatte eine düstere Ursache.

An dem Tage der Ankunft Garrats in London war dem Kapitän ein Scheck über die Summe eingehändigt worden, die Scotland-Yard auf die Auffindung des Flüchtigen ausgesetzt hatte.

Es war die Hälfte des Betrages, den Fraser dem Schiffsarzt Kennedy gegenüber als einen unwillkommenen Beitrag zu den Studienkosten seines Sohnes in Oxford oder zur Garderobe seiner Frau bezeichnet hatte. Die andere 343 Hälfte wurde zwischen Kennedy und dem Ersten Offizier Stratton geteilt. Fraser empfing den Brief in seinem Gärtchen in Wimbledon. Er übergab den Scheck schweigend seiner Frau, ging dann fort von Hause und kam erst spätnachts verstört und aufs äußerste niedergeschlagen wieder zurück. Tagelang sprach er weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern. Die Frau fuhr in der Stadt herum und kaufte ein. Alles Notwendige, das das Haus und Gärtchen, das sie selbst und die Kinder zu ihrem bescheidenen Luxus benötigten, konnte nun endlich angeschafft werden! Auf ihren Einkaufsfahrten begleitete sie ihr ältester Sohn Jack, ein hübscher lebhafter Junge von vierzehn Jahren. Sein Traum von Kind auf war, eine kleine Bulldogge zu besitzen. Bei Jamracks im East-End, in der Georgesstreet, wurde das Tier endlich aufgefunden.

Stundenlang hatten Mutter und Sohn in dem Laden geweilt, in dem allerhand seltsames Getier aus den Kolonien, kleine Pekinghündchen, Känguruhs, Zwergantilopen, Schlangen, auch ein junges Nashorn zum Verkauf feilgeboten waren.

Das Häuschen und Gärtchen in Wimbledon schallte einen Tag lang vom lustigen Gekläff des neuen putzigen Hausgenossen. Der Junge hatte »Bully« ein Häuschen gebaut, in dem der Hund nachts in Ruhe lag. Einen Tag nach Bullys Ankunft erkrankten Mutter und Sohn an einer rätselhaften Krankheit. Der Arzt konnte für das Fieber, das beide mit allen Anzeichen einer typhusähnlichen Infektion befallen hatte, keine Erklärung finden. Zwei Tage später brachte die Obduktion der Leichen die Ursache der Erkrankung zutage: es war eine aus den Kolonien stammende Krankheit, die durch Tiere auf Menschen übertragen wurde und in neunzig Fällen von hundert tödlich verlief.

Frasers Schicksal wurde viel besprochen. Die Zeitungen wußten über den Gemütszustand des Kapitäns ergreifende 344 Einzelheiten zu berichten. Er hatte in der Nacht nach der Beerdigung an dem Doppelgrabe einen Selbstmordversuch begangen. Die »Inverneß« fuhr ohne ihn nach Kanada. Der Schiffsarzt und der Erste Offizier wurden infolge eines skandalösen Abenteuers in Antwerpen von der Ormond-Linie entlassen. Die »Inverneß« fuhr – aber sie war ungemein schwach besetzt. Es war, als habe sich gegen das Schiff, wie auch gegen die Gesellschaft, ein Boykott im Publikum geltend gemacht. –

Garrat erfuhr das trübe Schicksal des Kapitäns zuerst durch Wärter Rick. Er schien von der Nachricht erschüttert zu sein. Kein Wort der Genugtuung oder des Triumphes kam über seine Lippen. Ja auch keine Andeutung, als sei dem Schicksal Anerkennung zu zollen für das Ereignis, das als mehr denn ein Zufall gelten konnte. Es hatte sogar den Anschein, als wäre dem Gefangenen durch die Nachricht ein Erlebnis geworden, das ihn ernster, schweigsamer und tiefer in sich gekehrt hinterließ, als er es in der letzten Zeit gewesen.

Die Blätter enthielten jetzt kürzere und längere Notizen, die das Interesse der Leser für die Hauptverhandlung wachhalten sollten. Diese Notizen berichteten ausführlich auch über die neue Wandlung in der Sinnesverfassung Garrats.

Der Verteidiger, Mr. Parker de Vries, wußte sich des günstigen Eindrucks, den der Charakterzug seines Klienten auf die leicht gerührte öffentliche Meinung des religiösen Englands ausübte, vortrefflich zu bedienen. –

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