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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Zweiunddreißigster Abschnitt

Frau Poyser spricht sich aus

Am folgenden Sonnabend Abend wurde in der Wirtsstube zum Donnithorne-Wappen ein Ereignis, welches denselben Tag stattgefunden hatte, lebhaft besprochen; nichts geringeres nämlich, als das abermalige Auftreten des hübschen Mannes in Stulpenstiefeln, der nach einigen der neue Pächter für das Vorwerk, nach andern der künftige Rentmeister sein sollte, aber von dem Wirte selbst als Augenzeugen seines Besuchs verächtlich für einen bloßen Verwalter erklärt wurde, wie es Satchell bisher gewesen. Obschon niemand dem Wirte bestritt, daß er den Fremden gesehen habe, so hielt er sich doch für verpflichtet, sich mit allen Einzelheiten darüber auszulassen.

»Ich habe ihn selbst gesehen,« sagte er; »ich sah ihn da hinten über die Wiese kommen auf einem Pferde mit einer weißen Blässe. Ich hatte just mein Glas Bier gehabt – es war eben halb elf und da trinke ich morgens regelmäßig mein Glas Bier – und ich ging durch die Scheune den Weg da nach Treddleston hin, und grade als ich an die große Esche komme, sehe ich den Mann mit den Stulpenstiefeln auf seiner Blässe mir entgegenkommen – ich will nicht gesund sein, wenn's nicht wahr ist, und ich blieb stehen, bis er bei mir war, und ich sagte: »Guten Morgen, Herr,« sagte ich, denn ich wollte doch gern hören, was für 'nen Dialekt er spräche, und ob er hier aus unsrer Gegend wäre, und darum sagte ich: »Guten Morgen, Herr; mit der Gerstenernte wird sich's heute wohl machen; ich denke, wir bekommen ein gut Stück herein.« Und da sagte er: »O, da könnt'r wohl recht haben,« sagte er, »das mag wohl sein,« sagte er, und daran hört' ich denn gleich – hier blinzelte der Wirt mit den Augen – daß er keine hundert Meilen weit von hier zu Haus sei. Er dachte gewiß, ich spräche ganz kurios, wie ihr Leute hier herum immer denkt, wenn einer ordentlich und richtig spricht.«

»Richtig spricht!« sagte Barthel Massey verächtlich. »Ihr sprecht ungefähr eben so richtig wie ein Schwein, das eine Melodie quieken will.«

»Nun, ich sollte meinen,« antwortete der Wirt mit einem ärgerlichen Lächeln, »wenn einer von Kind auf unter vornehmen Leuten gelebt hat, dann wird er wohl eben so gut wissen, was recht sprechen ist, wie ein Schulmeister.«

»Ja, ja, Herr Wirt,« sagte Barthel spöttisch tröstend; »für Euch sprecht Ihr ganz richtig; wenn Nachbar Michel seine Ziege bä–ä–ä sagt, dann ist das ihre richtige Sprache, 's wäre unnatürlich, wenn sie einen andern Ton von sich gäbe.«

Da die andern Gäste alle aus der Gegend waren, so hatte der Wirt die Lacher gegen sich und ging daher weislich auf die erste Frage zurück, die, in einem Abend bei weitem nicht zu erschöpfen, am andern Tage vor der Kirche mit dem frischen Interesse wieder aufgenommen wurde, welches alle Neuigkeiten haben, wenn sich ein neuer Zuhörer dafür findet, und der fand sich diesmal in der Person Martin Poysers, der, um mit seiner Frau zu sprechen, »niemals hinging und sich mit den Leuten besoff, die dasäßen und tränken und so klug aussähen wie ein Haufen Schellfische mit roten Gesichtern.«

Wahrscheinlich wegen der Unterhaltung, die sie mit ihrem Manne auf dem Rückwege von der Kirche über diesen fraglichen Fremden gehabt hatte, kam er Frau Poyser sofort wieder in den Sinn, als sie ein paar Tage nachher, wie sie grade in der geschäftigen Müßigkeit nach dem Aufräumen nach Tisch mit ihrem Strickzeug in der Hausthür stand, den alten Herrn auf seinem schwarzen Pony und hinter ihm den Stallknecht Hans auf den Hof reiten sah. Sie führte es später immer als ein Beispiel von Vorahnung an, welches wirklich über ihren eignen Scharfsinn hinausgehe, daß sie im ersten Augenblick, wo sie den alten Herrn erblickt habe, zu sich selbst sagte: »es sollte mich nicht wundern, wenn er wegen des Menschen käme, der das Vorwerk pachten soll, und wenn er von Poyser für den was umsonst verlangte. Aber wenn Poyser das thut, ist er ein Narr.«

Da die Besuche des alten Herrn bei seinen Pächtern selten waren, so mußte offenbar etwas Ungewöhnliches in der Luft sein, und obgleich Frau Poyser während der letzten zwölf Monate dem alten Herrn im voraus schon manche Rede gehalten hatte, bei denen allerlei zwischen den Zeilen zu lesen war, und sich entschlossen hatte, sie ihm wirklich zu halten, wenn er das nächste Mal auf den Pachthof käme, so waren diese Reden doch immer nur freie Übungen geblieben und nie wirklich geworden.

»Guten Tag, Frau Poyser,« sagte der alte Herr und blinzte sie mit seinen kurzsichtigen Augen an – eine sehr unangenehme Art, einen anzusehen, wie Frau Poyser oft bemerkte, »grade als wenn man ein Insekt wäre, und er wollte einem dem Nagel aufdrücken.«

Sie hieß ihn jedoch höflich willkommen und knixte auf das ehrerbietigste, als sie auf ihn zuging; wenn man sie nicht schwer reizte, war sie nicht die Frau, gegen Höhergestellte unhöflich zu sein und ihrem Katechismus ins Gesicht zu schlagen.

»Ist Ihr Mann zu Haus, Frau Poyser?«

»Ja, Herr, er ist bloß hinten auf dem Hofe, ich will ihn im Augenblick holen lassen: wollen Sie nur so freundlich sein und absteigen und hereintreten.«

»Danke Ihnen, das nehm' ich an. Ich habe mit ihm was zu besprechen, aber es geht Sie auch an und vielleicht noch mehr als ihn. Ich muß Ihre Meinung auch hören.«

»Hetty, lauf rasch und hol den Onkel,« sagte Frau Poyser, indem sie ins Haus trat; der alte Herr erwiderte Hettys Knix mit einer tiefen Verbeugung; Totty, die sich die Schürze mit Stachelbeersaft beschmutzt hatte, versteckte ihr Gesicht hinter der Uhr und guckte verstohlen dahinter hervor.

»Was für 'ne hübsche, alte Küche das ist,« sagte der Gutsherr und sah sich bewundernd um. Er sprach immer in derselben bedächtigen, wohlgeglätteten, höflichen Art, mochten seine Worte zuckersüß oder giftig sein. »Und Sie halten sie so prächtig rein, Frau Poyser. Wissen Sie, ich habe den Hof hier viel lieber als alle andern auf meinem Gute.«

»Nun, Herr, wenn Sie ihn so gern haben, dann sollt' es mich freuen, wenn Sie an unsern Gebäuden etwas reparieren lassen wollten; der Fußboden ist in so 'nem Zustande, daß uns die Ratten und Mäuse beinahe auffressen, und der Keller – da können Sie bis an die Knie im Wasser stehen, wenn Sie vielleicht hineingehen wollen und meinen Worten nicht glauben. Aber wollen Sie nicht so freundlich sein und sich setzen, Herr?«

»Noch nicht, erst muß ich Ihre Milchkammer sehen. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen und höre von allen Seiten, wie schön Ihr Käse und Ihre Butter ist,« sagte der Gutsherr und sah dabei so höflich aus, als habe er keine Ahnung, daß es zwischen ihm und Frau Poyser irgend eine Meinungsverschiedenheit geben könne. »Ah, da steht grade die Thür offen; es darf Sie nicht überraschen, wenn ich auf Ihre Sahne und Butter einen lüsternen Blick werfe. Ich fürchte, Frau Satchell ihr Machwerk läßt sich mit Ihrem nicht vergleichen.«

»Darüber kann ich nichts sagen, Herr. Andrer Leute Butter seh' ich nicht oft; manche freilich braucht man gar nicht anzusehen, da hat man am Riechen genug.«

»So, das gefällt mir!« sagte der alte Herr, indem er sich in dem kühlen Heiligtum der Reinlichkeit, das wir schon kennen, umsah, ohne jedoch weit über die Schwelle zu gehen. »Ja, wenn ich wüßte, meine Butter und Sahne kämen aus dieser Milchkammer, dann würde mir mein Frühstück besser schmecken. Wirklich, das ist ein angenehmer Anblick. Leider muß ich mich vor Rheumatismus sehr in Acht nehmen und darf in der feuchten Kammer nicht lange bleiben; ich will mich in Ihrer behaglichen Küche niederlassen. Ah, Poyser! wie geht's? Immer an der Arbeit, wie ich sehe. Ich habe mir Eurer Frau ihre schöne Milchkammer angesehen; sie ist die beste Wirtin im Dorfe, nicht wahr?«

Pachter Poyser war eben in Hemdsärmeln und offener Weste hereingekommen, im Gesicht noch röter als gewöhnlich, da er grade hatte abladen helfen. Wie er so dastand, rot, rund und strahlend dem kleinen, mageren, alten Herrn gegenüber, sah er aus wie ein Preisapfel neben einem welken Holzapfel.

»Wollen Sie gefälligst diesen Stuhl nehmen, Herr?« sagte er und schob seines Vaters Lehnstuhl etwas vor; »er ist recht bequem.«

»Nein, ich danke, ich sitze nie in einem Lehnstuhl,« erwiderte der alte Herr und setzte sich auf einen kleinen Stuhl neben der Thür. »Ich muß Ihnen sagen, Frau Poyser – aber setzen Sie sich doch, alle beide, bitte ich – ich bin schon lange sehr unzufrieden mit der Milchwirtschaft von Frau Satchell. Ich glaube, sie hat nicht die rechte Art wie Sie, Frau Poyser.«

»Ja, Herr, darüber hab' ich kein Urteil,« erwiderte Frau Poyser nicht grade freundlich, indem sie ihr Strickzeug aufwickelte und loswickelte und mit eisigem Blick aus dem Fenster sah, während sie dem Gutsherrn gegenüber stehen blieb. Ihr Mann, dachte sie, könnte sich setzen, wenn er Lust hätte; sie dächte nicht dran, sich zu setzen, als ließe sie sich von so glattzüngigen Schmeicheleien fangen. Poyser dagegen, der wie das grade Gegenteil von Eis aussah, nahm auf seinem dreibeinigen Stuhle Platz.

»Und, Poyser, da Satchell nun krank liegt, so denke ich, das Vorwerk an einen anständigen Mann zu verpachten. Das eigene Bewirtschaften habe ich satt; es hat doch keinen rechten Zug, wie Ihr wißt. Ein guter Verwalter ist schwer zu finden, und ich glaube also, Ihr, Poyser, und ich und Eure vortreffliche Frau, wir könnten eine kleine Einrichtung treffen, die uns gegenseitig zum Vorteil ist.«

Poyser konnte sich durchaus nicht denken, was das für eine Einrichtung sein sollte, und stieß daher nur einen kurzen Laut aus, der wie O klang.

»Wenn ich reden darf, Herr,« erwiderte Frau Poyser, nachdem sie ihren Mann wegen seiner Schwachheit mitleidig angesehen hatte, »so müssen Sie 's freilich besser wissen, aber ich kann nicht einsehen, was uns das Vorwerk angeht; wir haben mit unsrer eignen Pachtung schon Last genug. Übrigens freut's mich zu hören, daß ein anständiger Mann ins Dorf kommt; es sind schon welche 'reingekommen, die in dieser Beziehung manches zu wünschen übrig ließen.«

»Sie werden gewiß in Herrn Thurle einen vortrefflichen Nachbar finden, dem es Sie freuen wird durch die kleine Einrichtung gefällig gewesen zu sein, die ich Ihnen jetzt vorschlagen möchte; um so mehr, als Sie dieselbe hoffentlich so vorteilhaft für sich selbst finden werden, als für ihn.«

»Nun. Herr, wenn es etwas zu unserm Vorteil ist, dann wird's wohl das erste Anerbieten der Art sein, welches mir zu Ohren kommt. Wer selbst seinen Vorteil wahrnimmt, der hat Vorteil in der Welt, das ist meine Meinung; ehe er einem ins Haus kommt, da kann man lange warten.«

»Die Sache ist die, Poyser,« sagte der alte Herr, indem er Frau Poysers Theorie über irdisches Glück ganz beiseite ließ, »bei dem Vorwerk ist zu viel Wiesenland und zu wenig Ackerland für den neuen Pächter; er will sogar die Pachtung nur unter der Bedingung antreten, daß ich ihm das anders einrichte; seine Frau scheint sich auf die Milchwirtschaft nicht so gut zu verstehen wie Eure. Da denke ich denn, wir könnten einen kleinen Tausch machen. Wenn Ihr die Weiden dahinten an der Chaussee nehmt, so könnt Ihr Eure Milchwirtschaft vergrößern, und bei der Leitung Eurer Frau kann das nur vorteilhaft sein, und Sie, Frau Poyser, müßten dann unsern Hausbedarf an Milch, Sahne und Butter zum Marktpreise liefern. Auf der andern Seite, Poyser, könntet Ihr dem neuen Pächter die Äcker, die ans Vorwerk stoßen, ablassen und bei der vielen Nässe, sollt' ich denken, wäret Ihr sie gern los. Bei Wiesenland habt Ihr viel weniger Risiko als bei Ackerland.«

Poyser saß, die Ellbogen auf den Knieen, den Kopf seitwärts geneigt, den Mund etwas verzogen, vornübergebeugt da, und schien ganz vertieft darin, seine Fingerspitzen so aneinander zu halten, daß sie mit vollendeter Genauigkeit die Rippen eines Schiffes darstellten. Er war viel zu klug, um nicht die ganze Geschichte zu durchschauen und genau vorher zu sehen, wie seine Frau darüber denken würde, aber er gab nicht gern unangenehme Antworten, und außer über eine Frage der Landwirtschaft ging er lieber jedem Streit aus dem Wege, und überdies schien die Sache seine Frau mehr anzugehen als ihn selbst. Nach kurzem Stillschweigen blickte er deshalb zu ihr auf und fragte sanft: »was meinst du dazu?«

Frau Poyser hatte ihren Mann während seines Stillschweigens kalt und ernst angeblickt, aber jetzt wandte sie den Kopf herum, warf einen eiskalten Blick auf das Dach des Kuhstalles gegenüber, steckte ihr Strickzeug mit dem einen losen Strickstock zusammen und hielt es fest zwischen ihren Händen.

»Was ich dazu meine? Nun, ich meine, du kannst von deinem Ackerlande etwas abgeben, wenn du willst, ehe deine Pacht um ist, was sie nicht vor Michaelis über's Jahr sein wird, aber ich mache meine Milchwirtschaft auf keinen Fall größer, weder für Geld noch für gute Worte, und so weit ich sehen kann, giebt's hier weder Geld noch gute Worte, bloß gute Worte, die wir andern Leuten geben sollen, und das Geld soll auch in andrer Leute Tasche gehen. Ich weiß wohl, es giebt Leute, die dazu geboren sind, das Land zu besitzen, und wieder andere, die dazu geboren sind, darauf zu schwitzen« – hier machte Frau Poyser eine kleine Pause, um Atem zu schöpfen – »und ich weiß auch, es ist Christenpflicht, gegen Höhergestellte nachgiebig zu sein, soweit Fleisch und Blut es ertragen können, aber ich denke nicht dran, mich aufzuopfern und mich abzumagern, bis ich nichts bin als Haut und Knochen, und mich abzuhetzen wie ein Butterfaß, worin die Butter grade kommen will, – für keinen Gutsherrn in ganz England, und wenn es König Georg selbst wäre.«

»Nein, nein, meine liebe Frau Poyser, gewiß nicht!« sagte der alte Herr, der sich noch immer auf seine Überredungskunst verließ, »Sie müssen sich nicht überarbeiten, aber glauben Sie denn nicht, daß sich auf diese Weise Ihre Arbeit eher vermindert als vermehrt? Wir verbrauchen so viel Milch im Schloß, daß Sie nur wenig Käse und Butter werden mehr zu machen haben, und die Milch zu verkaufen ist doch wohl das einträglichste bei der ganzen Milchwirtschaft, nicht wahr?«

»Ja, das ist schon richtig,« erwiderte Poyser, der über eine solche Frage seine Meinung nicht zurückzuhalten vermochte, und ganz übersah, daß es in diesem Falle nicht bloß eine allgemeine Frage war.

»Ja, das glaub' ich,« sagte Frau Poyser in bittrem Tone, indem sie den Kopf halbwegs zu ihrem Manne hinwandte und ihre Augen auf den leeren Lehnstuhl richtete – »für Mannsleute mag das wohl wahr sein, die ruhig am Feuer sitzen und sich und andern einreden möchten, jedes Ding in der Welt habe seine Zacken, die einfach in andere hineinpaßten. Wenn man damit seinen Pudding machen könnte, daß man bloß an den Teig denkt, dann wäre Mittagbrot kochen eine leichte Sache. Woher weiß ich denn, daß ich die Milch immer los werde? Und was giebt mir die Gewißheit, daß in ein paar Monaten die Leute im Schloß nicht auf Kostgeld gesetzt werden, und dann kann ich vielleicht die Nächte wach liegen mit zwanzig Fässern Milch auf dem Herzen, und der Kaufmann in der Stadt nimmt auch keine Butter mehr, vom Bezahlen gar nicht zu reden, und dann müssen wir Schweine fett machen, bis wir den Schlächter auf den Knieen bitten müssen, daß er sie uns nur abnimmt, und die Hälfte geht uns an den Finnen drauf. Und dann das Holen und Hinschaffen, womit einer zu Pferde den halben Tag verbringen kann, das muß doch von dem Profit wohl abgezogen werden, sollte ich meinen? Aber 's giebt Leute, die halten ein Sieb unter die Pumpe und meinen, darin könnten sie Wasser forttragen.«

»Die Schwierigkeit mit dem Holen und Hinbringen werden Sie nicht haben, Frau Poyser,« meinte der alte Herr, der in diesem Eingehen der Pächterin auf Einzelheiten eine entfernte Neigung zur Nachgiebigkeit sah – »wir wollen alles regelmäßig mit dem Ponywagen abholen lassen.«

»O, Herr, da muß ich doch sehr um Verzeihung bitten; daran bin ich nicht gewöhnt, daß vornehmer Leute Bedienten mir in die Hinterstube kommen und mit beiden Mädchens auf einmal herumscharmieren, wo die dann den Arm in die Seite stemmen und alles dumme Zeug ruhig anhören, während sie auf den Knieen liegen und scheuern sollten. Wenn wir uns mal ruinieren sollen, dann soll's doch nicht so geschehen, daß wir uns aus der Backstube eine Wirtsstube machen lassen.«

»Nun, Poyser,« meinte der Gutsherr mit veränderter Taktik, indem er that, als wäre Frau Poyser plötzlich aus der Unterhaltung verschwunden und hätte das Zimmer verlassen, »Ihr könnt die Wiesen an der Chaussee zu Weideland benutzen. Wegen der Versorgung meines Hauses kann ich leicht eine andere Einrichtung treffen. Und ich werde Euch nicht vergessen, wie bereitwillig Ihr Eurem Gutsherrn und Eurem neuen Nachbarn entgegengekommen seid. Gewiß erneuert Ihr Eure Pacht gern wieder auf drei Jahre, wenn der jetzige Kontrakt um ist, sonst glaube ich, nähme Thurle, der einiges Kapital besitzt, gern alle beide Pachtungen, da sie sich so gut zusammen bewirtschaften ließen. Aber ich möchte mich von einem so alten Pachter wie Ihr seid nicht gern trennen.«

In solcher Weise aus der Verhandlung ausgeschlossen zu werden, hätte hingereicht, Frau Poysers Erbitterung aufs höchste zu steigern; der schließlichen Drohung bedurfte es kaum. Ihr Mann war ganz erschrocken über die Möglichkeit, das alte Haus, wo er geboren und aufgewachsen war, verlassen zu müssen – denn der alte Herr schien ihm zu allem fähig – und er begann daher, um die Unbequemlichkeiten auseinander zu setzen, welche ihm eine Vergrößerung seiner Wirtschaft machen würde, eine sanfte Gegenvorstellung mit den Worten: »Aber Herr, es ist doch ein bißchen hart . . .« als Frau Poyser mit dem verzweifelten Entschluß, sich diesmal gründlich auszusprechen, und wenn es Kündigungen regnen sollte und ihr einziger Zufluchtsort das Arbeitshaus wäre, ihm in die Rede fiel:

»Wenn ich denn auch mal sprechen darf, – und wenn ich auch nur eine Frau bin, und mancher vielleicht denkt, eine Frau sei Narr genug dabei zu stehen und zuzusehen, wenn die Männer sich die Seele aus dem Leibe verschreiben, so habe ich doch ein Recht zu sprechen, denn den vierten Teil von der Pacht bringe ich auf und das andere Viertel erspare ich – dann muß ich sagen, wenn der Herr Thurle so sehr drauf brennt, Pachtungen von Ihnen anzunehmen, dann ist's recht schade, daß er nicht bloß unsere allein nimmt und zusieht, wie's ihm gefällt, in einem Hause zu wohnen, wo alle Plagen von Ägyptenland drin sind – der Keller voller Wasser und Frösche und Kröten hüpfen drin auf den Stufen herum, und die Fußböden sind verfault, und die Ratten und Mäuse fressen jedes Stück Käse und laufen einem im Bett über die Köpfe, daß man glaubt, sie fressen einen noch lebendig auf – ein rechtes Glück, daß sie die Kinder nicht schon längst gefressen haben. Ich möchte wohl sehen, ob sich das ein anderer Pächter gefallen läßt als Poyser, daß ihm nie etwas repariert wird, als bis es einfällt, und auch dann bloß mit Bitten und Flehen, wenn er die Hälfte selbst bezahlt, und daß ihm die Pacht so in die Höhe getrieben wird, daß er von Glück sagen kann, wenn er's nur wieder aus dem Lande herausschlägt, obschon er sein eigenes Geld noch dazu hineingesteckt hat. Probieren Sie doch mal, ob Sie einen Fremden finden, der sich das gefallen läßt; eine Made muß in dem faulen Käse geboren sein, um ihn gern zu fressen. Ja, laufen Sie nur weg vor meinen Worten, Herr,« fuhr Frau Poyser fort und folgte dem alten Herrn zur Thür hinaus – denn nach den ersten Augenblicken stummer Überraschung war er aufgestanden, hatte ihr lächelnd mit der Hand zugewinkt und war nach seinem Pony hinausgegangen. Aber er konnte nicht sogleich fortkommen, da der Stallknecht das Pony im Hofe auf- und abführte, und als sein Herr ihm winkte, grade am andern Ende war.

»Laufen Sie nur weg vor meinen Worten, Herr, und suchen Sie unter der Hand gegen uns Unheil zu brauen, denn den Schwarzen haben Sie ja zum Freunde, wenn auch sonst keinen, aber das sage ich Ihnen einmal für allemal, wir sind keine Tiere, die sich von jedem, der eine Peitsche in der Hand hat, mißbrauchen und ausnutzen lassen, weil sie sich nicht aus ihrem Riemzeug loszumachen verstehen. Und wenn ich auch die einzige bin, die spricht, wie sie's denkt, es denken genug Leute ebenso in diesem Dorfe und in der Nachbarschaft, und Ihr Name ist für jedermanns Nase grade so angenehm wie ein Schwefelholz, ausgenommen vielleicht zwei oder drei alte Leute, denen Sie wohl mal einen Fetzen Flanell geben oder einen Löffel Suppe, um doch auch was für Ihr Seelenheil zu thun. Na, und für Ihre Seele! Sie sparen ja sonst so gern; die Mühe könnten Sie sich auch sparen!«

Es giebt Fälle, wo zwei Dienstmädchen und ein Knecht ein fürchterliches Publikum sind, und als der alte Herr auf dem schwarzen Pony davonritt, konnte er trotz seiner Kurzsichtigkeit recht gut bemerken, daß Molly und Nanny und Gottlieb nicht weit davon standen und übers ganze Gesicht grinsten. Vielleicht vermutete er, der alte Griesgram Hans hinter ihm grinse ebenfalls, und das war auch richtig. Und zugleich führten der Bullenbeißer und der schwarzbraune Dachshund und der Schäferhund und der Gänserich, der in sicherer Schußweite von dem Hufe des Pony loszischte, das Thema von Frau Poysers Solo in einem eindrucksvollen Quartett aus.

Frau Poyser hatte jedoch kaum ihren Besuch vom Hof wegtraben sehen, als sie sich umwandte, den beiden lustigen Mädchen einen Blick zuwarf, der sie wieder in die Backstube trieb, und ihr Strickzeug loswickelte, mit gewohnter Schnelligkeit wieder zu stricken anfing, und ins Haus zurückging.

»Das hättest du also gehabt,« sagte ihr Mann, immer noch erschrocken und bestürzt, aber doch höchlich belustigt über den Ausbruch seiner Frau.

»Ja, das hätt' ich gehabt,« erwiderte Frau Poyser; »ich habe mich ausgesprochen und das soll mir für mein ganzes Leben gut thun. Es ist ein trauriges Leben, wenn man immer zugekorkt sein soll und was man denkt nur so leise heraussickert wie bei 'nem lecken Faß. Ich werde es nicht bereuen, daß ich gesprochen habe, wie mir's ums Herz ist, und sollte ich so alt werden wie der alte Herr selbst. Das hat zwar nicht leicht was zu sagen; es scheint beinahe, als wären die Leute, die hier keiner mag, die einzigen, die man in der andern Welt auch nicht haben will.«

»Aber es wird dir hart ankommen, wenn du Michaelis übers Jahr hier weg mußt aus dem alten Hause,« sagte Poyser, »und in ein fremdes Dorf ziehen sollst, wo du keine Seele kennst. Es wird uns beiden hart ankommen und Vater auch.«

»I, darum muß man sich noch nicht quälen; zwischen heute und Michaelis übers Jahr kann manches passieren; der Kaptän ist dann vielleicht längst Herr, das kann man nicht wissen,« sagte Frau Poyser, die eine Verlegenheit, welche durch ihr eigenes Verdienst und nicht durch anderer Leute Schuld herbeigeführt war, gern von der besten Seite nahm.

»Ich quäle keinen,« erwiderte ihr Mann, indem er von seinem dreibeinigen Stuhle aufstand und langsam nach der Thür ging, »aber recht ungern verließe ich Haus und Hof und das Dorf, wo ich geboren und erzogen bin und Vater vor mir auch. Unsere Wurzeln blieben hier stecken, fürchte ich, und wir würden nie wieder gedeihen.«

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