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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Neunundzwanzigster Abschnitt

Am Morgen darauf

Arthur verbrachte die Nacht nicht schlaflos, im Gegenteil, er schlief lange und gut; denn den Betrübten kommt der Schlaf, wenn die Betrübten nur müde genug sind. Aber um sieben Uhr klingelte er schon und erklärte zum Erstaunen seines Bedienten, er wolle aufstehen und noch vor acht Uhr frühstücken. »Und mein Pferd muß um halb neun gesattelt sein, und wenn mein Großvater herunterkommt, so sagt ihm, es gehe mir heute früh besser und ich sei ausgeritten.«

Er war schon eine Stunde wach gewesen und konnte nicht länger im Bett bleiben. Im Bette drückt einem das Gestern zu sehr; man braucht nur aufzustehen und zu pfeifen oder zu rauchen, so hat man ein Stück Gegenwart, welches der Vergangenheit sich entgegenstellt, – lebendige Empfindungen, die sich gegen die gebieterischsten Empfindungen behaupten. Und könnte man bei Gefühlen einen Durchschnitt ziehen, so ergäbe sich gewiß, daß in der Jagdzeit Bedauern, Selbstanklagen und gedemütigter Stolz auf den Gutsbesitzern leichter lasten, als spät im Frühling und Sommer. Arthur meinte, im Sattel würde er mehr Mann sein. Schon die Anwesenheit seines Bedienten, der ihm mit der gewohnten Ehrerbietung aufwartete, war ihm nach den Vorfällen von gestern eine Beruhigung. Da nämlich Arthur so viel auf die Meinung anderer gab, so war der Verlust von Adams Achtung für seine Selbstgenügsamkeit ein solcher Stoß, daß es ihm in seiner Einbildung vorkam, als sei er in aller Leute Augen gesunken – wie etwa ein plötzlicher Schrecken vor einer wirklichen Gefahr eine nervöse Frau bange macht, auch nur einen Schritt zu thun, da alle ihre Anschauungen mit einem Gefühl von Gefahr so zu sagen unterlaufen sind.

Arthur war von Natur ein liebevoller Mensch. Gütig zu sein gegen andere, wurde ihm so leicht wie eine schlechte Gewohnheit: es war die Folge seiner Schwächen sowohl wie seiner guten Eigenschaften, seiner Selbstsucht so gut wie seines Mitgefühls. Er sah niemand gern leiden und liebte es, daß dankbare Augen ihm entgegenleuchteten als dem Geber von Freude. Als Junge von sieben Jahren hatte er einmal den Suppennapf eines alten Arbeitsmanns umgeworfen, bloß weil er grade was umwerfen mußte und ohne zu bedenken, daß es des Alten Mittagbrot sei; aber so wie er es erfuhr, nahm er seinen besten Schreibstift und ein Messer mit silbernem Heft aus der Tasche und bot es ihm zum Ersatz. So war er immer geblieben; jedes Ärgernis suchte er durch Wohlthaten wieder gut zu machen. Was etwa an Bitterkeit in ihm war, das kam nur zu Tage, wenn sich einer nicht von ihm versöhnen lassen wollte. Und nun war vielleicht die Zeit da, wo einige Bitterkeit sich in ihm regen durfte. Im ersten Augenblick war Arthur recht betrübt und machte sich selbst Vorwürfe, als er entdeckte, Adams Glück hänge an Hetty; wäre eine Möglichkeit gewesen, Adam zehnfach zu entschädigen, – hätte er durch Geschenke, oder was es sonst sein mochte, sich Adams Zufriedenheit und Achtung als sein Wohlthäter zurückkaufen können, er würde nicht bloß ohne Zögern alles gethan haben, sondern hätte sich auch um so enger mit Adam verbunden gefühlt und wäre nie müde geworden, ihn immer von neuem zu entschädigen. Aber für Adam gab es keinen Ersatz; sein Leid ließ sich nicht wegstreichen, seine Achtung und Neigung nicht wieder erkaufen durch keine noch so rasche Sühne. Er stand vor Arthur da wie ein unbewegliches Hindernis, gegen das kein Druck etwas vermochte, eine Verkörperung dessen, woran Arthur am ungernsten glaubte – der Unwiderruflichkeit seines eigenen Unrechts. Die Worte der Verachtung, seine Weigerung, ihm die Hand zu reichen, die Herrschaft, die er bei der letzten Unterredung in der Einsiedelei über ihn behauptet hatte, und mehr als alles, das Bewußtsein der körperlichen Niederlage, womit ein Mann sich nicht grade leicht aussöhnt, – all das lastete auf ihm mit einem bittern Schmerz, der noch stärker war als seine Gewissensbisse. Wie gern hätte sich Arthur eingeredet, er habe niemandem ein Leid gethan! Und hätte ihm keiner das Gegenteil gesagt, so hätte er es sich um so leichter eingeredet. Die Nemesis kann sich selten ein Schwert aus unserm Gewissen schmieden, aus unserm Schmerz über den Schmerz, den wir andern verursachen; denn zu einer tüchtigen Waffe reicht das Metall selten. Unser sittliches Gefühl lernt den Ton der guten Gesellschaft und lächelt, wenn andre lächeln; wenn aber einer derb genug ist, unsere Handlungen beim harten Namen zu nennen, dann nimmt es Partei gegen uns. So ging es Arthur. Adams Urteil über ihn, Adams einschneidende Worte störten ihm die Betrachtungen, mit denen er sich selbst zu beruhigen suchte.

Nicht als ob es ihm vor Adams Entdeckung leicht ums Herz gewesen wäre. Seine Kämpfe und Entschließungen waren schon in Gewissensbisse und Sorge übergegangen. Er war unglücklich wegen Hettys, unglücklich um seiner selbst willen, daß er sie verlassen müsse. Schon immer hatte er, wenn er seine Entschlüsse faßte und wenn er sie brach, über seine Leidenschaft hinausgeblickt und wohl erkannt, es müsse schleunig zur Trennung kommen; aber seine Natur war zu feurig und zärtlich, als daß ihm der Abschied nicht schmerzlich gewesen wäre, und Hettys wegen war er wirklich besorgt. Er hatte herausgebracht, in welchen Traumgebilden sie lebte, wie sie sich schon als eine Dame in Seide und Atlas sähe, und das erste Mal, wo er ihr zuerst von seiner Abreise sprach, hatte sie ihn zitternd gebeten, sie mitzunehmen und zu heiraten. Die peinliche Erinnerung daran hatte Adams Vorwürfen den schärfsten Stachel geliehen. Er hatte nie ein Wort gesagt in der Absicht, sie zu täuschen; ihre eigene, kindische Einbildung allein hatte sich jenes Traumbild geschaffen, aber er mußte sich gestehen, zur Hälfte hatte sie es sich schaffen können aus seinem eigenen Thun. Und um das Unheil voll zu machen, hatte er an diesem letzten Abend nicht einmal gewagt, Hetty die Wahrheit anzudeuten, sondern sich verpflichtet geglaubt, sie mit zärtlichen Worten der Hoffnung zu trösten, damit sie nicht in heftige Betrübnis fiele. Er empfand seine Lage sehr scharf, empfand den Kummer des lieben Dings für die Gegenwart und dachte mit noch düsterer Angst an die lange, lange Zukunft. Das war die eine scharfe Spitze, die ihm ins Herz drang; vor allen andern konnte er sich retten, indem er sich selbst Hoffnungen vorspiegelte und Trost einredete. Es war ja alles geheim geblieben; Poysers hatten nicht den Schatten eines Argwohns. Außer Adam wußte niemand, was vorgefallen war, erfuhr es wahrscheinlich nie jemand; denn Arthur hatte Hetty eingeschärft, sie dürften um alles nicht durch Wort oder Blick die kleinste Vertraulichkeit verraten, und Adam, der halb um ihr Geheimnis wußte, half es gewiß eher bewahren als verraten. Es war eine unglückliche Geschichte, ja, und blieb es; aber sie durch eingebildete Übertreibungen und böse Ahnungen, die vielleicht nie einträfen, noch schlimmer zu machen, dazu war doch kein Anlaß. Das schlimmste war ein vorübergehender, tiefer Kummer für Hetty; von jeder andern bösen Folge, die nicht nachweisbar unvermeidlich war, wandte er sich entschlossen ab. Aber – aber – war es denn so unmöglich, daß Hetty einen ähnlichen Schmerz in einer etwas anderen Weise hätte erleben können? Und er werde doch später imstande sein, so viel für sie zu thun und sie für all die Thränen, die sie um ihn vergösse, reichlich zu entschädigen, und diesen Anteil, den er in späteren Jahren an ihr nähme, hätte sie dann dem Kummer zu verdanken, der sie jetzt treffe. So kommt Gutes aus Bösem! So schön machen sich die Dinge in der Welt!

Ihr fragt, ob dies derselbe Arthur ist, der noch vor zwei Monaten so warm empfand, einen so zarten Sinn für Ehre hatte, daß er auch das kleinste Gefühl zu verwunden sich scheute und ein wirkliches Ärgernis nicht einmal für möglich hielt? – derselbe Arthur, dem die Achtung vor sich selbst ein höherer Gerichtshof war als jede fremde Meinung? Derselbe, sage ich euch. Unsre Thaten bestimmen uns so gut, wie wir sie bestimmen, und so lange wir nicht wissen, wie eigentümlich das Zusammentreffen äußerer und innerer Thatsachen sich gestaltet hat oder gestalten wird, welches die entscheidenden Handlungen eines Menschen bestimmt, so lange mögen wir uns auf unsre Kenntnis von seinem Charakter lieber nichts einbilden. Es liegt ein furchtbarer Zwang in unseren Thaten, der wohl zuerst einen ehrlichen Mann zum Betrüger machen und ihn dann mit diesem Wechsel aussöhnen kann, aus dem einfachen Grunde, weil das zweite Unrecht ihm in der Maske des einzig möglichen Rechten erscheint. Die That, die man vor dem Vollbringen mit jener Mischung von gesundem Menschenverstand und frischer, ungetrübter Empfindung angesehen hat, welche das gesunde Auge der Seele ist, sieht man nachher durch die Brille sinnreicher Beschönigung an, durch welche alles, was die Menschen schön und häßlich nennen, als ziemlich gleichartig erscheint. Europa findet sich in ein fait accompli, und das thut der Einzelne auch, bis die friedliche Ordnung durch einen krampfhaften Ausbruch gestört wird.

Diesem schlechten Einfluß eines Vergehens gegen sein eignes Rechtsgefühl kann sich niemand entziehen, und bei Arthur war die Wirkung um so stärker, eben weil er jene Achtung vor sich selbst nötig hatte, in der er, so lange sein Gewissen ruhig gewesen, den besten Schutz fand. Sich selbst anklagen zu müssen, das war ihm zu peinlich, das hielt er nicht aus. Er mußte sich überreden, er sei doch nicht so sehr zu tadeln; er fing selbst an, sich zu bemitleiden, weil er in der Notwendigkeit sei, Adam täuschen zu müssen; es war ja so durchaus im Widerspruch mit der Ehrlichkeit seiner Natur. Aber freilich, unter den jetzigen Umständen war es das einzig Rechte.

Was er aber auch versehen haben mochte, die Folge davon blieb: er war sehr unglücklich, unglücklich wegen Hettys, unglücklich über den Brief, den er zu schreiben versprochen hatte und der ihm bald eine grausame Härte, bald die größte Freundlichkeit schien, die er ihr erweisen konnte. Und durch all diese Überlegungen schoß wieder ab und zu ein plötzlicher Drang, allen Folgen leidenschaftlich zu trotzen, Hetty zu entführen und alle andern Erwägungen zum Teufel zu schicken.

In diesem Zustande waren ihm seine vier Wände ein unerträgliches Gefängnis; sie schienen ihm das ganze Gewirr widersprechender Gedanken und streitender Empfindungen zu bannen und auf ihn herabzudrängen; in der freien Luft mußte er selbst freier werden. Er hatte nur wenige Stunden zur Überlegung und er mußte klar werden und ruhig. Zu Pferde in der frischen Morgenluft wollte er schon die Lage mehr beherrschen.

Das hübsche Tier stand da im Sonnenscheine, scharrte den Boden und zitterte vor Vergnügen, als sein Herr ihm den Kopf streichelte und noch freundlicher mit ihm sprach als sonst. Er hatte Gretchen heute um so lieber, als sie nichts von seinen Geheimnissen wußte. Und doch war sie mit dem Seelenzustande ihres Herrn so gut bekannt, wie manche andere von ihrem Geschlecht mit dem Seelenzustande der hübschen jungen Herrn, denen ihre Herzen voll Erwartung entgegenflattern.

Arthur galoppierte eine Stunde weit zum Park hinaus, bis er an den Fuß eines Hügels kam, wo nicht mehr Hecken und Bäume den Weg einfaßten; dann ließ er nachlässig den Zügel hängen und überlegte.

Hetty wußte, daß ihre gestrige Zusammenkunft die letzte vor seiner Abreise sei; es war keine Möglichkeit, sie noch einmal zu treffen ohne großen Verdacht zu erregen, und sie war wie ein Kind, das sich ängstigt, unfähig etwas zu bedenken, nur weinen konnte sie, wenn er vom Scheiden sprach, und dann ihr Gesicht zu ihm aufrichten und sich die Thränen wegküssen lassen. Er konnte ja nichts thun als sie trösten und sie einwiegen in Schlaf. Welche furchtbare Überraschung, sie aus Schlaf und Traum zu wecken mit einem Briefe! Und doch war in dem, was Adam gesagt hatte, Wahrheit: sie würde dadurch vor längerer Täuschung bewahrt, die doch noch schlimmer wäre als ein einmaliger, stechender Schmerz. Auch war es der einzige Weg, Adam zu befriedigen, und befriedigt mußte der doch werden aus mehr als einem Grunde. Hätte er sie nur wiedersehen können! Aber das war unmöglich; eine dichte Dornenhecke von Hindernissen stand zwischen ihnen, und jede Unvorsichtigkeit konnte verhängnisvoll werden. Und wenn er sie auch wiedersehen könnte, was hätte er davon? Er würde nur um so mehr leiden von dem Anblick ihres Kummers und der Erinnerung daran. Allein, ohne ihn hatte sie allen Grund, sich selbst zu beherrschen.

Mit einemmale kam eine plötzliche Furcht über ihn, wie ein dunkler Schatten – die Furcht, sie könnte sich in ihrem Jammer ein Leides anthun, und dicht dahinter kam noch eine andere Furcht, ein noch düsterer Schatten. Aber mit der Kraft der Jugend und Hoffnung schüttelte er sie ab. Warum sollte er sich die Zukunft so finster malen? Ebensogut konnte ja das Gegenteil eintreten. Arthur sagte sich, er verdiene doch nicht, daß es so gar schlimm werde, er habe ja von vornherein nichts gegen sein Gewissen beabsichtigt, er habe sich durch die Umstände verleiten lassen. Er hatte in sich ein gewisses stilles Vertrauen, er sei wirklich im Grunde solch ein guter Mensch, die Vorsehung könne nicht hart gegen ihn sein.

Auf alle Fälle konnte er nicht mehr ändern, was nun kommen mochte; den bestmöglichen Weg einzuschlagen, war für den Augenblick alles, was er vermochte. Und er kam mit sich überein, das beste sei, eine Annäherung zwischen Adam und Hetty anzubahnen. Ihr Herz konnte sich wirklich nach einiger Zeit Adam zuwenden, wie dieser ja selbst meinte, und in dem Falle wäre der Schaden nicht so groß, da es immer noch Adams heißer Wunsch war, sie zu heiraten. Freilich, Adam war betrogen, betrogen in einer Weise, die Arthur als ein schweres Unrecht geahndet hätte, wenn ihm selbst so mitgespielt wäre. Diese Erwägung verdarb ihm wieder die tröstliche Aussicht. Ja, seine Wangen brannten bei dem Gedanken vor Scham und Wut. Aber in dieser Verlegenheit – was konnte er machen? Es war eine Ehrenpflicht, kein Wort zu sagen, welches Hetty schaden konnte; seine erste Pflicht war, sie zu schützen. Für sich selbst hätte er nie eine Lüge gesagt, nie eine Lüge gethan. Großer Gott! Was für ein elender Narr war er doch, daß er sich in eine solche Verlegenheit gebracht, und doch, wenn je einer Entschuldigungen hatte, so war er es –. Nur schade, daß die Folgen sich nicht nach Entschuldigungen richten, sondern nach Handlungen.

Aber der Brief mußte geschrieben werden; es war das einzige Mittel zur Lösung der Schwierigkeit. Die Thränen kamen Arthur in die Augen, wenn er dachte, wie Hetty ihn lesen würde, aber ihm selbst wurde es ja fast ebenso schwer, ihn zu schreiben; er that nichts, was ihm leicht wurde, und dieser Gedanke half ihm endlich zum Entschluß. Nie hätte er einen Schritt thun können, der andern Kummer gemacht und ihn selbst nicht berührt hätte. Ein Anflug von Eifersucht endlich bei dem Gedanken, daß er Hetty nun an Adam überlasse, überzeugte ihn vollends, er bringe ein Opfer.

Einmal zu diesem Entschluß gekommen, wandte er sein Pferd und galoppierte wieder nach Haus. Zunächst wollte er den Brief schreiben, und den Rest des Tages würden schon andre Geschäfte ausfüllen; er würde gar keine Zeit haben, hinter sich zu blicken. Glücklicherweise seien Irwine und Gawaine zu Tisch eingeladen, und um die Mittagsstunde des folgenden Tages hätte er das Schloß schon weit hinter sich. In dieser beständigen Beschäftigung lag eine gewisse Sicherheit, wenn ihn etwa plötzlich der Drang packen sollte, zu Hetty hinzustürzen und ihr irgend etwas Tolles vorzuschlagen, was alles wieder verdürbe. Schneller und schneller eilte das feinfühlende Pferd beim leisesten Druck des Reiters vorwärts, bis es endlich in rasendem Galopp dahinflog.

»Sagten Sie nicht gestern Abend, der junge Herr wäre krank?« fragte der alte Griesgram von Stallknecht mittags in der Bedientenstube. »Heute Morgen ist er geritten, daß das Tier keuchte, als wenn's bersten wollte.«

»Das ist vielleicht eins von den Symptomen, wie's die Dokters nennen,« meinte der witzige Kutscher.

»Dann wär's gut, man ließe ihm zur Ader,« sagte der Stallknecht grimmig.

Adam war schon früh im Schloß gewesen, um sich nach Arthurs Befinden zu erkundigen, und die Nachricht, er sei ausgeritten, hatte ihn von jeder Sorge um die Nachwirkung seines Schlages befreit. Pünktlich um fünf Uhr war er wieder da und ließ es dem jungen Herrn melden. In wenigen Minuten kam der Diener mit einem Briefe von seiner Hand und gab ihn Adam mit der Bemerkung, der Kapitän habe so viel zu thun, daß er ihn nicht sprechen könne, und alles, was er zu sagen habe, stehe in dem Briefe. Der Brief war an Adam gerichtet, aber er öffnete ihn erst draußen. Ein versiegeltes Billet an Hetty war eingeschlossen. In dem Couvert stand an Adam geschrieben folgendes:

»In dem beiliegenden Briefe habe ich alles geschrieben, was Ihr wünscht. Ich überlasse es Euch zu entscheiden, ob es besser ist, Ihr gebt ihn Hetty oder schickt ihn mir zurück. Fragt Euch selbst noch einmal, ob Ihr nicht etwas thut, was sie mehr schmerzen wird als bloßes Stillschweigen.

»Es ist nicht nötig, daß wir uns jetzt wiedersehen. Nach wenigen Monaten werden wir uns freundlicher begegnen. A. D.«

»Er mag wohl recht haben, daß wir uns heute besser nicht sehen,« dachte Adam. »Daß wir uns noch mehr harte Worte sagen, nutzt nichts, und daß wir uns die Hand geben und uns sagen, wir wollen wieder gute Freunde sein, nützt auch nichts. Wir sind keine Freunde mehr, darum thun wir auch besser nicht so. Vergeben und vergessen ist wohl Menschenpflicht, indes wie ich die Sache ansehe, kann das nur heißen, man muß alle Rachegedanken aufgeben, aber nicht, man muß wieder grade so fühlen wie früher; denn das ist nicht möglich. Er ist für mich nicht mehr derselbe, und ich kann für ihn nicht mehr so fühlen wie früher. Gott steh mir bei, ich weiß nicht, ob ich noch für irgend einen so fühle wie früher; ich komme mir vor, als hätte ich bei der Arbeit falsch gemessen und müßte das Messen wieder von vorn anfangen.«

Aber bald fesselte die Frage wegen der Einhändigung des Briefes an Hetty Adams Nachdenken. Arthur hatte sich die Sache leicht gemacht, indem er die Entscheidung Adam überließ und ihn dabei warnte, und so wenig Adam sonst bedenklich war, hier hatte er Bedenken. Er entschloß sich, vorsichtig zu sein und sich so gut er könne über Hettys Seelenzustand zu vergewissern, ehe er diese Frage entschiede.

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