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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundfünfzigster Abschnitt

Das Erntebier

Als Adam am Mittwoch Abend gegen sechs Uhr aus dem Dorfe nach Hause ging, sah er in der Ferne das letzte Fuder Gerste langsam nach dem Thore des Pachthofs fahren und hörte die Klänge des Ernteliedes sich wie Wellen heben und senken. Immer schwächer und schwächer, mit der wachsenden Entfernung immer melodischer drangen die Töne noch an sein Ohr, als er schon nahe am Weidenbach war. Die untergehende Sonne schien gerade auf die breiten Flächen jener Hügel, die den Horizont abschlossen, und vergoldete die armen Schafe, die daran weideten, zu hellen Lichtpunkten und strahlte auf die Fenster seines kleinen Häuschens, daß sie in vollen Flammen zu brennen schienen. Es war Adam, als sei er in einem großen Tempel und der ferne Gesang sei Kirchenmusik.

»Es ist wunderbar,« dachte er, »wie einem der Klang zu Herzen geht, beinahe wie Grabgeläut, und doch erzählt er von der Zeit des Jahres, wo die Menschen am fröhlichsten und dankbarsten sind. Ich glaube, es wird uns schwer zu denken, daß etwas zu Ende ist im Leben, und bei jeder Freude auf Erden ist im Grunde immer auch ein Scheiden. Grade so geht's mir mit Dina; ich hätte nie erfahren, daß ihre Liebe der größte Segen für mich ist, wenn mir nicht das, was ich für Segen hielt, geraubt und entrissen wäre und eine so große Leere in mir zurückgelassen hätte, daß mich hungerte und dürstete nach reichem Trost und Ersatz.«

Er hoffte, Dina den Abend wieder zu sehen und von ihr die Erlaubnis zu erhalten, daß er sie bis Oakbourne begleiten dürfe, und auf dem Wege wollte er sie dann bitten, ihm eine Zeit zu bestimmen, wo er sie in Snowfield besuchen und sich die Entscheidung holen könne, ob er auch auf seine letzte, schönste Hoffnung verzichten müsse wie auf alle andern. Zu Hause mußte er seine Sonntagskleider anziehen und fand noch außerdem so viel zu thun, daß es sieben Uhr war, ehe er sich nach dem Pachthof auf den Weg machte, und es war fraglich, ob er beim stärksten Ausschreiten auch nur zum Roastbeef noch früh genug käme; den Plumpudding hatte er sicher schon verpaßt; denn Frau Poyser hielt beim Abendbrot sehr auf Pünktlichkeit.

Ein großes Geklapper von Messern und zinnernen Schüsseln und Kannen war im Gange, als Adam auf den Flur trat, aber keine Menschenstimmen waren zu hören; der Genuß des vortrefflichen, reichlichen Bratens war für die Arbeitsleute eine viel zu ernste Beschäftigung, als daß sie ihre Aufmerksamkeit hätten teilen können, selbst wenn sie sich etwas zu sagen gehabt hätten – was sie nebenbei nicht hatten, und Pachter Poyser am obern Ende der Tafel war mit dem Vorschneiden zu beschäftigt, um auf die Unterhaltung Barthel Masseys oder des Gärtners zu hören.

»Hier, Adam,« sagte Frau Poyser, die neben dem Tische stand und aufpaßte, daß Molly und Nanny die Leute gehörig bedienten, »hier ist Platz für Euch zwischen Herrn Massey und den Jungens. Es ist recht schade, daß Ihr nicht eher kommen konntet, um den Pudding noch ganz zu sehen.«

Adam sah sich ängstlich nach einer andern weiblichen Gestalt um, aber Dina war nicht da. Nach ihr fragen mochte er nicht recht; auch wurde seine Aufmerksamkeit durch die Begrüßungen in Anspruch genommen, und er durfte noch hoffen, Dina sei sonst wo im Hause und wolle nur so kurz vor der Abreise nicht an einem lauten Feste teilnehmen.

Ein vergnüglicher Anblick, diese Tafel! Pachter Poyser mit dem runden, gutmütigen Gesicht und der behaglich breiten Figur saß oben an, legte seinen Leuten den duftigen Braten vor und freute sich jedesmal über die leeren Teller. Obgleich sonst mit einem recht guten Appetit gesegnet, heute vergaß er ganz das Essen, so amüsierte es ihn, zwischen dem Vorschneiden sich umzuschauen und die Leute essen zu sehen, die sonst das ganze Jahr außer Weihnachten und Sonntags ihr Mittagsbrot so nebenher, etwa an einer Hecke sitzend, kalt aßen und ihr Bier aus hölzernen Flaschen tranken – gewiß mit Genuß, aber den Kopf weit hintenüber gebogen, mehr wie Enten als Menschen, und der gute Pachter hatte eine leise Ahnung, wie vortrefflich den Leuten der dampfend heiße Braten und das frische Bier schmecken müsse. Er hielt den Kopf seitwärts geneigt und verzog den Mund, indem er Barthel Massey einen Wink gab, er möge sich den halb blödsinnigen Thoms Tholer ansehen, der grade seinen zweiten Teller voll Braten bekam. Ein vergnügtes Grinsen zog über Thoms' Gesicht, als ihm der Teller zwischen Messer und Gabel hingesetzt wurde, die er grade in die Höhe hielt als wären es geweihte Kerzen; dann aber steigerte sich seine Freude so, daß sie sich unmöglich mit einem stummen Grinsen begnügen konnte und im nächsten Augenblick in ein lang gedehntes Ha ha! ausbrach; endlich ging sie plötzlich in den höchsten Ernst über, als er mit Messer und Gabel über seine Beute herfiel. Der stattliche Pachter schüttelte sich im stillen vor herzlichem Lachen und blickte seine Frau an, ob sie auch wohl Thoms bemerkt hätte, und als ihre Blicke sich trafen, lachten beide gutmütig vergnügt.

Thoms stand auf dem Pachthofe hoch in Gunst; er spielte da den Spaßmacher und ersetzte, was ihm sonst abging, durch eine große Geschicklichkeit in treffenden Antworten. Er traf etwa mit der Genauigkeit eines Dreschflegels, der ziemlich aufs Geratewohl losschlägt, aber doch dann und wann ein kleines Insekt trifft. Bei der Schafschur und in der Heuernte wurden seine Antworten oft wiederholt, aber ich führe sie hier nicht weiter an, weil sonst der Witz des guten Thoms zu leicht mit den Schwächen der Zeit behaftet erschiene, wie dies bei manchem großen Spaßmacher vergangener Zeiten der Fall ist.

Von Thoms abgesehen war Pachter Poyser einigermaßen stolz auf sein Gesinde und seine sonstigen Arbeiter und setzte sie über alle andern auf dem ganzen Gut. Da war z. B. Christoph Bale, der alte Mann mit der dicht anliegenden, ledernen Mütze und einem förmlichen Netze von Runzeln auf seinem sonnverbrannten Gesichte. Gab's wohl in der ganzen Grafschaft einen, der besser gewußt hätte, was alles zur Landwirtschaft gehörte? Er war einer von den unschätzbaren Arbeitern, die nicht bloß alles in die Hand nehmen können, sondern auch alles vortrefflich machen, was sie in die Hand nehmen. Seine Knie standen allerdings etwas sehr auswärts, das ist richtig, und beim Gehen machte er fortwährend Knixe, als wäre er so ehrerbietig, sich immerfort zu verbeugen. Aber die Komplimente galten nur seiner eigenen Geschicklichkeit, und bisweilen brachte er dieser förmlich rührende Huldigungen. Er machte immer das Strohdach auf den Schobern, und wenn etwas seine Stärke war, so war's das. Und wenn nun die letzte Hand an den letzten Schober gelegt war, dann ging Christoph von seiner Hütte, die ein wenig vom Pachthof entfernt lag, Sonntags morgens in seinem besten Staat auf den Hinterhof, wo die Schober standen, stellte sich in gehöriger Entfernung davon auf und sah sich seine Arbeit an, indem er für jeden Schober den richtigen Standpunkt wählte. Wenn er so herumknixte, die Augen nach den Strohköpfen hinaufgerichtet, die oben auf den Schobern – wirkliches Gold diese Schober! – aussahen wie goldene Knöpfe, so hätte man glauben mögen, er treibe eine Art heidnischen Gottesdienst. Christoph war ein alter Junggeselle und stand in dem Rufe, ganze Strümpfe voll Geld zu haben, worüber sein Herr jeden Zahltag mit ihm seinen Witz machte, nicht so 'nen neuen, frischen Witz, sondern einen soliden, alten, der schon manch liebes Mal vorgehalten und sich bewährt hatte. »Unser junger Herr macht gern Spaß,« pflegte Christoph zu sagen; da er nämlich unter dem vorletzten Martin Poyser seine Laufbahn damit begonnen hatte, die Krähen von der Saat wegzuscheuchen, so hörte er nie auf, den grade regierenden Martin jung zu nennen.

Am untern Ende des Tisches, gerade dem Hausherrn gegenüber, saß der Schäfer und Großknecht Alick, mit einem derben Gesicht und breiten Schultern; er stand mit dem alten Christoph nicht auf dem besten Fuße, oder vielmehr ihr Verkehr beschränkte sich auf eine gelegentliche Verhöhnung, denn obgleich sie wahrscheinlich über die Anlage von Hecken und Gräben und die Behandlung der Mutterschafe ziemlich einig waren, so hatten sie doch über ihre eigenen Verdienste sehr verschiedene Ansichten. Wenn Tityrus und Meliböus zufällig auf demselben Hofe dienen, dann sind sie nicht so sentimental höflich miteinander wie in den Versen Virgils. Alick hatte durchaus nichts Süßes an sich; seine Rede war meistens ein Brummen, und in seiner breitschultrigen Figur lag etwas vom Bullenbeißer, als sagte sie: »Laß du mich in Ruhe, dann thu' ich dir auch nichts,« aber ehrlich war er wie Gold und hätte eher ein Korn Hafer geteilt, als mehr genommen als ihm zukam, und mit dem Eigentum seines Herrn war er so genau, als wenn's ihm selbst gehört hätte, so daß er den Hühnern immer nur sehr kleine Portionen schlechter Gerste hinwarf, weil eine große Handvoll auf seine Einbildungskraft den peinlichen Eindruck der Verschwendung machte.

Der gutmütige Pferdeknecht Gottlieb, der nur seine Pferde lieb hatte, war wegen des Korns auf Alick schlecht zu sprechen; nur selten redeten sie sich an, und daß sie einander angesehen hätten, kam selbst beim Mittagessen nicht vor; da sie sich aber gegen alle Welt ebenso benahmen, so ist der Schluß nicht berechtigt, daß ihre Anfälle von Unfreundlichkeit mehr als vorübergehend gewesen wären.

Wie der Leser schon sieht, hatten die Landleute in Hayslope nicht ganz die heitere, lustige, lachende Art, wie sie offenbar in den Gegenden vorwaltet, aus denen sich unsere Landschaftsmaler ihre Skizzen holen. Ein sanftes Lächeln war bei einem Feldarbeiter selten zu sehen, und zwischen tierischer Trägheit und einem derben Lachen gab es bei ihnen kaum eine Mittelstufe. Auch war nicht jeder Arbeiter so ehrlich wie unser Freund Alick. An demselben Tisch z. B. mit Poysers Leuten saß der große Ben Tholoway, ein vierschrötiger Drescher, der mehr als einmal seinem Herrn Taschen voll Korn weggenommen hatte und dabei ertappt war – ein Vorfall, der schwerlich in Geistesabwesenheit seinen Grund hatte, da Ben eben nicht viel nachdachte. Indes sein Herr hatte es ihm vergeben und ihn im Dienst behalten; denn die Tholoways hatten seit undenklichen Zeiten an der Gemeindewiese gewohnt und immer für Poysers gearbeitet. Und im ganzen hatte die Gesellschaft nicht grade darunter gelitten, daß Ben nicht seine sechs Monate in der Tretmühle gewesen war; denn er betrieb das Entnehmen fremden Eigentums nur in kleinem Maßstabe, und im Arbeitshause hätte der sich leicht vergrößert. Wie die Dinge mal lagen, aß Ben seinen Braten heute Abend mit dem ruhigen Bewußtsein, daß er seit dem letzten Erntebier nur ein paar Erbsen und Bohnen gestohlen habe, um sie in seinem Garten zu pflanzen, und mit der festen Überzeugung, daß Alick, der sein argwöhnisches Auge immer auf ihm hatte, damit seine Unschuld schwer kränkte.

Aber nun war der Braten verzehrt, das Tischtuch wurde abgenommen und auf dem großen tannenen Tische blieben nur die blanken Trinkkannen und die schäumenden, braunen Krüge und die funkelnden Messingleuchter, die so lustig anzusehen waren. Jetzt sollte die große Ceremonie des Abends beginnen, das Erntelied sollte angestimmt werden, welches jedermann mitsingen mußte: wer was Besondres vorstellen wollte, durfte richtig singen, aber mit geschlossenen Lippen durfte keiner dasitzen. Als Takt war der Dreitakt vorgeschrieben; alles übrige ging ad libitum.

Über den Ursprung dieses Liedes – ob es nämlich so, wie es war, aus dem Gehirn eines einzigen Sängers stammte oder durch eine Schule oder Reihe von Sängern allmählich vervollkommnet war, kann ich nichts bestimmtes sagen. Es trägt den Stempel der Einheit und der Individualität, und eigentlich neige ich mehr zu der ersteren Ansicht; doch bin ich nicht blind gegen die Erwägung, daß diese Einheit auch wohl aus der Übereinstimmung vieler hervorgegangen sein kann, welche unserer modernen Bildung zwar fernsteht, aber einem einfacheren Zustande der Gesellschaft eigen ist. Mancher glaubt vielleicht in der ersten Strophe die Spur einer Lücke zu entdecken, welche spätere Sänger aus Mangel an schöpferischer Kraft mit einer schwachen Wiederholung ausgefüllt haben; andere dagegen werden grade in dieser Wiederholung eine glückliche Ursprünglichkeit sehen, für welche nur prosaische Seelen unempfänglich sind.

Das Lied – es ist traurig aber wahr, indes wir können unsere Vorfahren mal nicht ändern, das Lied kam eigentlich aufs Trinken hinaus. Während der ersten und zweiten Strophe, die in entschiedenem Forte gesungen wurden, blieben die Kannen noch leer:

Hoch lebe unser Herr.
Der uns dies Fest gegeben.
Hoch lebe unser Herr,
Und seine Frau daneben!

Und was er unternehme,
Das bringe ihm Gewinst,
Denn wir sind seine Knechte
Und stehn in seinem Dienst.

Aber dann, unmittelbar vor der dritten Strophe und dem Chor, der mit furchtbarem Hämmern auf den Tisch fortissimo gesungen wurde, daß es klang wie Pauken und Trompeten, füllte Alick seine Kanne und mußte sie nun leeren, ehe die Strophe ausgesungen war.

Nun trinkt, Jungens, trinkt!
Und gießet nichts vorbei,
Denn wer das thut,
Dem geht's nicht gut,
Er trinkt statt einen zwei!

Alick bestand diese Probe von Mannhaftigkeit vortrefflich, dann ging die Reihe rechts herum, erst an den alten Christoph und so weiter, bis jeder unter der Begleitung des Chors seine erste Kanne geleert hatte. Der dumme Thoms, der kluge Schelm, brachte es fertig, ein bißchen vorbeizugießen, aber Frau Poyser legte sich – ganz unnötigerweise, dachte Thoms – ins Mittel, um die Vollziehung der angedrohten Strafe zu verhindern.

Wer draußen vor der Thür gehorcht hätte, der würde sich schwerlich haben denken können, warum die Aufforderung: »Trinkt, Jungens, trinkt« so oft und rasch nacheinander sich wiederholte; aber wenn er hineingegangen wäre, so hätte er gesehen, daß alle noch durchaus nüchtern und die meisten sehr ernst waren; für diese braven Landleute war es eben ganz in der Ordnung und gehörte so mit dazu. Barthel Massey, der etwas empfindliche Ohren hatte, war zu Anfang des Rundgesanges hinausgegangen, um nach dem Wetter zu sehen, und wurde damit nicht eher fertig, als bis ein fünf Minuten langes Stillschweigen ihm die Gewißheit gab, für die nächsten zwölf Monate sei »Trinkt, Jungens, trinkt« vorüber. Totty und ihre kleinen Brüder bedauerten das recht; die Ruhe war ihnen sehr langweilig nach dem prächtigen Klopfen auf den Tisch, wobei Totty, die ihrem Vater auf dem Schoß saß, mit aller Kraft ihrer kleinen Händchen geholfen hatte. Als Barthel wieder hereinkam, wurde indessen allgemeines Verlangen nach Sologesang laut. Nanny erklärte, der Pferdeknecht Gottlieb wisse ein Lied und singe im Stalle immer wie 'ne Lerche, worauf der Hausherr ihm zuredete: »Na, Gottlieb, heraus damit!« Gottlieb machte ein dummes Gesicht, ließ den Kopf hängen und meinte, er könnte nicht singen; aber die freundliche Aufforderung des Hausherrn wurde am ganzen Tische wiederholt; jeder redete ihm zu, nur Alick nicht, der nie so leichtfertig war, ein überflüssiges Wort zu sprechen. Endlich ließ sich Ben, der Gottlieb am nächsten saß, einfallen, seinen Worten durch sanfte Rippenstöße Nachdruck geben zu wollen; da ging dem gutmütigen Pferdeknecht die Geduld aus, und er fuhr los: »Laß mich in Ruhe, sage ich, sonst sing' ich dir ein Lied, was dir nicht gefällt« – und damit war natürlich alles Bitten zu Ende.

»Na, denn du, David, du kannst singen,« sagte Ben, als wenn nichts vorgefallen wäre. »Sing' uns das Lied: »Mein Lieb' ist 'ne Rose ohne Dorn.«

Der verliebte David war ein junger Bursch von etwas zerstreutem Aussehen, was indes wahrscheinlich mehr daher kam, daß er unbändig schielte, als von seiner Geistesanlage; denn er blieb nicht gleichgültig bei Bens Aufforderung, sondern wurde rot und lachte und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund in einer Weise, daß es die andern für eine Zusage hielten. Und eine Zeitlang schien die Gesellschaft wirklich ernstlich zu wünschen, daß David ein Lied zum besten gäbe. Indes auch diesmal vergebens. Der Musikvorrat lag für den Abend noch beim Bier im Keller und wollte noch nicht so recht fließen.

Unterdes hatte sich das Gespräch am obern Ende der Tafel auf die Politik gewandt. Der Gärtner Craig war nicht abgeneigt, gelegentlich auch über Politik zu sprechen, obschon er sich mehr auf eine kluge Beurteilung der Dinge legte als auf ihre genaue Kenntnis. Sein Blick reichte so weit über die bloßen Thatsachen hinaus, daß er gar nicht nötig hatte, sie überhaupt zu kennen.

»Ich lese selbst die Zeitung nicht,« meinte er zu Poyser, indem er sich seine Pfeife ansteckte, »obschon ich sie immer lesen könnte, wenn ich wollte – Fräulein Lydia hält sie und wird rasch damit fertig – aber da ist der Kellermeister Mills, der sitzt von des Morgens bis Abends am Kamin und studiert die Zeitung, und wenn er damit fertig ist, dann ist er noch dümmer im Kopf als vorher. Jetzt ist er ganz voll von dem Frieden, worüber man so viel spricht; er hat gelesen und immer gelesen und meint, er hab's ganz ergründet. »Aber um des Himmels willen, Mills!« sag' ich ihm, »Ihr habt so wenig Einsicht in die Geschichte, wie Ihr mitten in eine Kartoffel sehen könnt. Ich will Euch sagen, was dran ist; Ihr meint, es wäre gut fürs Land, und dagegen – versteht mich recht! – dagegen bin ich nicht. Aber meine Meinung ist die: die Leute an der Spitze, das sind schlimmere Feinde für uns, als Boniparte und all die Musjö's, die er hinter sich hat; denn was die Musjö's angeht, davon könnt Ihr ein halb Dutzend auf einmal aufspießen, als wenn's Frösche wären.«

»Ja, ja,« sagte der Hausherr, der sich ein recht kluges Aussehen gab und andächtig zuhörte, »sie essen ihr Lebtag kein Stück Rindfleisch. Beinahe nichts als Salat, hab' ich mir sagen lassen.«

»Und, sag' ich,« fuhr der Gärtner fort, »Mills, sag' ich, wollt Ihr mir etwa einreden, so fremdes Volk könnte uns halb so viel Schaden thun, wie diese Minister mit ihrer schlechten Wirtschaft? Wenn König Georg sie alle fortjagte und für sich regierte, dann wär' alles in Ordnung. Meinetwegen könnte er sich den Willem wieder nehmen, den Pitt,William Pitt, der jüngere, in populärer Wendung Billy Pitt. aber eigentlich seh' ich doch nicht recht, warum wir nicht an König und Parlament genug haben. Das Unglück kommt von dieser Bande von Ministern, sage ich Euch.«

»I, das ist leicht gesagt,« meinte Frau Poyser, die sich jetzt neben ihren Mann gesetzt und Totty auf den Schoß genommen hatte – »das ist leicht gesagt. Wenn jeder Stiefel anhat, dann soll mal einer herausfinden, wo der Pferdefuß steckt.«

»Was den Frieden angeht,« sagte Poyser, indem er nachdenklich den Kopf seitwärts neigte und zwischen jedem Satze vorsichtig einmal paffte, – »was diesen Frieden angeht, das weiß ich doch nicht. Der Krieg ist 'ne schöne Sache fürs Land; wie soll man sonst wohl die Preise so hoch halten? Und diese Franzosen, das ist 'n Teufelsvolk nach allem, was man hört; was können wir bessres thun, als Krieg gegen sie führen?«

»Da habt Ihr nicht so ganz unrecht, Poyser,« erwiderte der Gärtner, »aber ich bin auch nicht gegen den Frieden; wir müssen mal ein bißchen Feiertag haben. Den Frieden können wir brechen wenn wir wollen, und vor dem Boniparte ist mir nicht bange, mögen die Leute von seiner Klugheit so viel schwatzen wie sie wollen. Das hab' ich auch Mills heute Morgen gesagt. Was der aber von Boniparte versteht – ne, wahrhaftig, es ist nicht zu glauben. In drei Minuten hab' ich ihm heut mehr Licht aufgesteckt, als er in der Zeitung das ganze Jahr findet. »Mills, sage ich, bin ich ein Gärtner, der seine Sache versteht, oder nicht? Ja oder nein?« »Gewiß, gewiß, Craig,« sagte er, – es ist kein übler Mensch, der Mills, für 'nen Kellermeister gar nicht so übel, nur ein bißchen schwach im Kopfe. »Schön, sag' ich; nun redet Ihr mir von Boniparte seiner Klugheit; aber nützte es mir wohl was, wenn ich mich noch so gut auf die Gärtnerei verstände und hätte reines Sumpfland zu bearbeiten?« »Nein,« sagt er. »Schön, sag' ich, und so ist's grade mit dem Boniparte, Ich bestreite ja gar nicht, daß er ein gescheiter Kerl ist, er ist auch kein geborner Franzose, so viel ich weiß; was hat er aber hinter sich als bloß Musjö's?« Hier machte der Gärtner eine Pause und sah sich triumphierend um; dann fuhr er fort, indem er wild auf den Tisch schlug:

»Es ist ja 'ne bekannte Geschichte, und 's giebt Leute, die's bezeugen können, daß die Franzosen in einem Regiment, wo ein Mann fehlte, einen großen Affen in Uniform gesteckt haben, und die Uniform paßte ihm so gut, wie der Wallnuß ihre Schale, und kein Mensch konnte den Affen von den Musjö's unterscheiden!«

»Aha, habt Ihr das wohl gehört?« sagte Poyser, dem die Geschichte sowohl wegen ihrer politischen Bedeutung als wegen ihres hohen Interesses für die Naturgeschichte einen tiefen Eindruck machte.

»Aber Craig!« fiel Adam ein, »das ist doch ein bißchen zu stark. Die Geschichte glaubt Ihr selbst nicht. Das ist alles Unsinn, daß die Franzosen so armselige Kerls sein sollen. Pastor Irwine ist in Frankreich gewesen und sagt, es gäbe da stattliche Leute genug. Und was Kenntnisse angeht und Erfindungen und Handarbeiten, da sind wir in vielen Stücken weit hinter ihnen zurück. Wenn man seine Feinde herabsetzt, dabei kommt nichts heraus. Was hätten Nelson und die andern wohl für Verdienst bei ihren Siegen, wenn die Franzosen so 'n Kroppzeug wären, wie die Leute sagen?«

Poyser sah den Gärtner fragend an; dieser Streit der Autoritäten war ihm doch etwas bedenklich. Das Zeugnis des Pastors konnte nicht bestritten werden, aber auf der andern Seite war auch Craig nicht auf den Kopf gefallen, und seine Ansicht hatte die allgemeine Meinung für sich. Daß die Franzosen besonders tüchtig wären, davon hatte Poyser nie etwas gehört. Die einzige Antwort indes, die der Gärtner fand, war die, daß er einen tüchtigen Schluck Bier trank und sich dann seine Beine ansah, die er zu diesem Behufe auseinander spreizte. In dem Augenblick trat Barthel Massey von dem Feuerherde heran, wo er seine erste Pfeife in Ruhe geraucht hatte, und unterbrach das Schweigen mit den Worten:

»Aber sag' doch mal, Adam, warum bist du denn am Sonntag nicht in der Kirche gewesen, du Schelm? Der Lobgesang wollte ohne dich gar nicht gehen. Wirst doch deinen Lehrer in seinen alten Tagen nicht im Stich lassen?«

»Nein, Herr Massey,« erwiderte Adam. »Hier unser Wirt und Frau Poyser können Ihnen sagen, wo ich gewesen bin. Ich war in keiner schlechten Gesellschaft.«

»Sie ist fort, Adam, fort nach Snowfield,« sagte Poyser, dem nun zum erstenmal Dina wieder einfiel. »Ich glaubte, Ihr hättet sie eines bessern belehrt. Sie war gar nicht mehr zu halten; gestern Morgen ist sie fortgegangen. Meine Frau hat's noch kaum überwunden und ich fürchtete schon, sie hätte gar keinen rechten Sinn für das Erntebier.«

Frau Poyser hatte an Dina schon öfter gedacht, seit Adam da war, aber sich nicht getraut, ihm die unangenehme Nachricht mitzuteilen.

»Wie!« rief Barthel beinahe entrüstet; »eine Frauensperson war mit im Spiel? Dann geb' ich dich auf, Adam!«

»Aber eine Frauensperson, Barthel, über die Ihr gut gesprochen habt,« sagte Poyser. »Nun könnt Ihr nicht mehr zurück; Ihr habt mal gesagt, die Mädchen wären keine schlechte Erfindung, wenn sie alle so wären wie Dina.«

»Ich meinte bloß ihre Stimme, bloß ihre Stimme, weiter nichts,« antwortete Barthel. »Ich kann sie reden hören, ohne daß ich mir Wolle ins Ohr zu stecken brauche. In allen andern Stücken wird sie wohl sein wie die andern Frauen auch und meinen, aus zwei mal zwei werde schon fünf werden, wenn sie nur genug darum quälte und jammerte.«

»Na,« sagte Frau Poyser, »wenn man gewisse Leute reden hört, dann sollte man glauben, die Männer wären so klug, daß sie die Körner in einem Weizensack zählen können, wenn sie bloß dran riechen. Die Männer, die sehen durch 'ne Scheunenthür – ja wohl. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie vor der Scheunenthür so wenig sehen.«

Poyser schüttelte sich vor Lachen und nickte Adam zu, als wollte er sagen, der Schulmeister habe sein Teil weg.

»O,« meinte Barthel höhnisch, »die Frauen, die sind klug, ganz ungeheuer klug. Die kennen 'ne Geschichte zu Ende, ehe sie sie hören, und können einem Mann sagen, was er denkt, ehe er's selbst weiß.«

»Das ist nicht so schwer,« meinte Frau Poyser; »die Männer sind meist so langsam, daß ihnen die Gedanken davonfliegen und sie sie nur noch beim Schwanz packen können. Ich kann 'nen ganzen Strumpf abzählen, während ein Mann seine Zunge in Gang bringt, und wenn er endlich mit der Sprache herauskommt, dann ist's auch noch nicht der Mühe wert. Die toten Kücken kriechen immer am langsamsten aus. Indes ich muß doch zugeben, daß die Frauen nicht gescheit sind; sie müssen ja zu den Männern passen.«

»Passen!« rief Barthel aus; »ja, wie der Essig zu den Zähnen. Wenn der Mann ein Wort sagt, dann paßt 'n Widerwort von der Frau drauf; wenn er warmes Fleisch will, – das paßt, sagt sie und giebt ihm kalten Speck dazu; wenn er lacht, dann findet sie's passend zu flennen. Sie paßt grade so zum Mann wie die Pferdefliege zum Pferde! – recht der giftige Stachel, ihn zu stechen.«

»Ja,« erwiderte Frau Poyser, »ich weiß schon, was den Männern gefällt – so 'ne recht einfältige, die sie anbetet wie 'ne Sonne, mögen sie recht thun oder unrecht, die hübsch »Danke« sagt, wenn sie 'nen Puff kriegt, die immer thut als wisse sie nicht, ob sie auf dem Kopfe oder auf den Füßen steht, bis der Mann ihr's sagt. Das verlangen die Männer meistens von 'ner Frau; sie wollen einen Narren bei sich haben, der ihnen sagt, sie wären klug. Freilich giebt's auch Männer, die ohne das auskommen, die so schon genug von sich halten, und darum giebt's alte Junggesellen.«

»Nun, Craig,« sagte Poyser scherzend, »Ihr müßt machen, daß Ihr Euch verheiratet, sonst kommt Ihr unter die alten Junggesellen, und Ihr hört doch, was die Weiber dann von Euch denken?«

»Na, was mich betrifft,« erwiderte der Gärtner, der Frau Poyser gern versöhnen wollte und auf seine Komplimente viel Wert legte, »ich hab' 'ne gescheite Frau sehr gern, eine resolute Frau, eine Frau, die ordentlich schaffen kann.«

»Fehlgeschossen, Craig,« sagte Barthel trocken, »fehlgeschossen. Bei Eurer Gärtnerei versteht Ihr's besser. Da schätzt Ihr die Dinge nach ihrer Natur und ihrem Wert, schätzt die Erbsen nicht nach den Wurzeln und die Rüben nicht nach den Blüten. Und ebenso solltet Ihr's mit den Frauen auch halten; mit der Gescheitheit da ist's nicht weit her; durchaus nicht weit her; aber gute Tröpfe, das sind sie, schön ausgewachsene, vollwichtige Tröpfe.«

»Was meinst du dazu?« sagte Poyser und lehnte sich im Stuhle zurück und sah seine Frau lustig an.

»Was ich dazu meine?« antwortete Frau Poyser, und ein gefährliches Feuer loderte in ihren Augen; »nun, ich meine, gewissen Leuten ihre Zunge ist wie 'ne Uhr, die in einem fort schlägt, nicht um die Stunde anzugeben, sondern weil das Werk nicht ganz in Ordnung ist . . .«

Wahrscheinlich hätte Frau Poyser ihre Entgegnung noch gesteigert, wenn nicht in diesem Augenblicke die allgemeine Aufmerksamkeit auf das untere Ende der Tafel sich gerichtet hätte, wo die lyrische Stimmung, die zuerst nur in dem leisen Vortrag von Davids Lieblingslied: »Mein' Lieb' ist 'ne Rose ohne Dorn« Ausdruck gefunden hatte, allmählich zu einem ganz betäubenden und wirren Geräusch angewachsen war. Gottlieb, der von Davids Stimmmitteln nur eine geringe Meinung hatte, fühlte sich getrieben, dieses leise Gesumme durch einen lebhaften Vortrag der »Drei lustigen Schnitter« zu überbieten, aber David ließ sich nicht so leicht unterducken und entwickelte ein ziemlich stattliches Crescendo, so daß es zweifelhaft wurde, ob die Rose nicht endlich die Schnitter unterkriegte, als mit einemmale der alte Christoph unbewegt und unbeweglich eine Art musikalisches Gebrüll anstimmte, als wäre er ein Lärmschuß und es sei Zeit, daß er losginge.

Die Gesellschaft in Alicks Nähe hatte so durchaus keine musikalischen Vorurteile, daß sie diese Art Konzert ganz natürlich fand, aber Barthel Massey legte seine Pfeife hin und hielt sich die Hand vors Ohr, und Adam, der schon immer hatte gehen wollen, seit er wußte, daß Dina nicht mehr im Hause sei, stand nun auf, um gute Nacht zu wünschen.

»Ich gehe mit, mein Junge,« sagte Barthel; »ich muß fort, sonst springen mir die Ohren.«

»Dann bring' ich Sie nach Haus, Herr Massey, wenn Sie erlauben,« sagte Adam.

»O recht gern,« erwiderte Barthel, »dann können wir zusammen ein bißchen plaudern. Ich sehe dich so jetzt so selten.«

»I, das ist aber schade, das Ihr nicht bis zuletzt bleibt,« meinte Poyser. »Die Leute gehen alle bald fort; meine Frau läßt sie nie länger als bis zehn Uhr sitzen.«

Aber Adam war entschlossen, man nahm Abschied und die beiden Freunde traten im Dunkeln ihren Heimweg an.

»Das arme Ding, das Füchschen, wartet schon zu Haus auf mich,« sagte Barthel. »Ich mag sie nie mit hernehmen, weil ich bange bin, Frau Poyser wirft ihr mal 'nen Blick zu, daß das arme Tier sein Lebelang lahm geht.«

»Meinen Gyp brauch' ich gar nicht wegzujagen,« entgegnete Adam lachend; »er dreht immer von selbst um, wenn er merkt, daß ich hierher gehe.«

»Ja, ja,« sagte Barthel, »es ist ein fürchterliches Weib! lauter Nadeln, lauter Nadeln. Aber Martin, das ist mein Mann, auf den halt' ich große Stücke. Und der hat die Nadeln gern – Gott steh' ihm bei! Er ist ein rechtes Nadelkissen, als wär' er dazu gemacht.«

»Aber bei alledem ist sie durch und durch herzensgut,« sagte Adam, »und so wahr wie das Sonnenlicht. Sie ist wohl 'n bißchen böse mit den Hunden, wenn sie ihr ins Haus kommen wollen, aber wenn sie ihres Schutzes bedürften, dann würde sie schon für sie sorgen und sie gut füttern. Ihre Zunge mag noch so scharf sein, ihr Herz ist sanft, das hab' ich in Zeiten der Not erfahren. Sie ist eine von den Frauen, die besser sind als sie scheinen.«

»Schon gut, schon gut,« sagte Barthel, »es ist wohl möglich, daß der Apfel im Kern gesund ist, aber die Zähne werden mir stumpf daran – ganz stumpf.«

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