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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Achtundvierzigster Abschnitt

Noch einmal im Wäldchen

Am Abend des folgenden Tages gingen zwei Männer von verschiedenen Seiten nach derselben Stelle, wohin sie eine gemeinsame Erinnerung zog. Diese Stelle war das Wäldchen beim Park und wer die beiden Männer waren, brauch' ich nicht erst zu sagen.

Das Begräbnis des alten Herrn hatte am Morgen stattgefunden, das Testament war eröffnet und jetzt in dem ersten freien Augenblicke wollte Arthur einen einsamen Spaziergang machen, sich seine neue Zukunft überlegen und in einem traurigen Entschlusse sich befestigen. Er meinte, im Wäldchen könne er das am besten.

Adam hatte Stoniton am Montag Abend verlassen und war heute nur bei Poysers auf dem Pachthof gewesen, um ihnen alles zu erzählen, was der Pastor etwa noch nicht gesagt hätte. Er war mit Poysers übereingekommen, ihnen in ihre neue Heimat zu folgen, wohin es auch wäre; die Aufsicht über die Forsten wollte er sogleich aufgeben und sich mit Meister Burge auseinandersetzen, sobald es ginge und dann mit Mutter und Bruder in die Nähe seiner Freunde ziehen, an die ihn gemeinsame Not knüpfte.

»Seth und ich werden schon Arbeit finden,« sagte er. »Wer unser Geschäft ordentlich versteht, ist überall zu Haus und wir müssen unser Leben von vorn anfangen. Mutter wird uns nicht im Wege sein; sie hat mir gleich gestern gesagt, sie wolle sich wohl in einem andern Kirchspiel begraben lassen, wenn ich mich anderswo glücklicher fühlte. Es ist wunderbar, wie ruhig sie ist seit ich zurück bin. Es ist beinahe, als ob grade die Größe der Not sie still gemacht hätte. In einer neuen Heimat werden wir alle besser daran sein, so ungern ich auch von manchem hier scheide, aber von Euch und Eurer Familie, Poyser, möcht' ich mich nicht trennen, wenn's sein kann. Die Not hat uns zu Verwandten gemacht.«

»Jawohl, Junge,« erwiderte Poyser. »Wir wollen fortgehen, wo wir den Namen dieses Menschen nicht mehr hören. Aber ich fürchte, wir können nie weit genug weggehen, die Leute finden doch aus, daß eine aus unsrer Verwandtschaft übers Meer transportiert ist und beinahe gehängt wäre. Das wird man uns ins Gesicht sagen und unsern Kindern auch noch.«

Der Besuch auf dem Pachthof hatte lange gedauert und Adam zu stark angegriffen, als daß er hätte daran denken können, noch sonst Leute aufzusuchen oder seine gewohnte Beschäftigung wieder aufzunehmen. »Aber morgen, sagte er zu sich selbst, gehe ich an die Arbeit. Vielleicht schmeckt sie mir mit der Zeit wieder, aber ob ich's gern thue oder nicht, arbeiten muß ich wieder.«

Der heutige Abend war der letzte, den er noch der Vergangenheit widmen wollte; die Spannung war nun gelöst und er mußte tragen, was nicht zu ändern war. Er war entschlossen, Arthur Donnithorne nicht wieder zu sehen, wenn er ihm irgend aus dem Wege gehen könnte. Da Hetty ihn selbst gesehen hatte, so brauchte er ihm nichts mehr von ihr zu bestellen und zudem traute Adam sich selbst nicht: er hatte die Heftigkeit seines Temperaments fürchten gelernt. Jenes Wort von Pastor Irwine, er solle sich erinnern, wie ihm nach dem schweren Schlage gegen Arthur im Wäldchen zu Mute gewesen – das war ihm in der Seele geblieben. Wie alle Gedanken, an die sich starke Empfindungen knüpfen, so kehrten auch diese Gedanken an Arthur unaufhörlich wieder, und immer erinnerten sie ihn an das Wäldchen, an die Stelle unter dem Laubengang bei den Buchen, wo er die beiden Gestalten sich zu einander hatte neigen sehen und von plötzlicher Wut überwältigt war.

»Ich will hingehen und mir die Stelle heute Abend zum letztenmal ansehen,« sagte er zu sich; »das wird mir gut thun; da werde ich wieder durchleben, was ich empfand, als ich ihn zu Boden schlug. Ich kam mir so dürftig und erbärmlich vor, sobald es geschehen war, schon ehe mir einfiel, er könnte tot sein.« –

So kam es, daß Arthur und Adam um dieselbe Zeit nach derselben Stelle gingen.

Adam trug wieder seine Werktagskleider; seinen besseren Anzug hatte er, sowie er nach Hause kam, mit einer gewissen Freude abgelegt und wenn er den Korb mit dem Handwerkszeug über der Schulter getragen hätte, so hätte man ihn mit seinem bleichen abgehärmten Gesichte für das Gespenst jenes Adam halten können, der vor acht Monaten abends das Wäldchen betrat. Aber er trug keinen Arbeitskorb und ging nicht grade aufrecht wie damals und blickte sich nicht scharf um; die Hände hielt er in den Taschen und die Augen richtete er meist zu Boden. Er war noch nicht weit in dem Wäldchen gekommen, da blieb er vor einer Buche stehen. Er kannte den Baum; es war der Grenzpfahl seiner Jugend, das stille Wahrzeichen des Augenblickes, wo eins seiner frühsten und stärksten Gefühle von ihm gewichen war. Das Gefühl konnte nie wiederkehren, wußte er. Und doch grade in diesem Augenblick regte sich in ihm die alte Liebe bei der Erinnerung an jenen Arthur, an den er bis vor acht Monaten geglaubt hatte. Es war Liebe für einen Toten: jener Arthur lebte nicht mehr.

Das Geräusch von nahen Tritten störte ihn, aber die Buche stand an einer Biegung des Weges und er konnte nicht sehen, wer käme, bis die große, schlanke Gestalt in tiefer Trauer plötzlich wenige Schritte vor ihm stand. Beide fuhren bestürzt zusammen und sahen einander schweigend an. In den letzten Wochen hatte sich Adam im Geiste oft so Arthur gegenüber gesehen, ihn im Geist mit Worten angegriffen, die ihn martern sollten wie die Stimme seines Gewissens, hatte ihn sein volles Teil an dem Elend fühlen lassen, das er verschuldet und ebenso oft sich dann gesagt, eine solche Begegnung finde besser nicht statt. Aber in seiner Vorstellung hatte er Arthur sich immer so gedacht, wie er an jenem Augustabend im Wäldchen war – blühend, sorglos, leichtfertig, und nun er ihn wirklich vor sich sah, erkannte er mit Rührung die Zeichen tiefen Leidens. Adam wußte, was Leiden heißt; er konnte keine Hand legen an den gebrochenen Mann. Er empfand nichts, was er hätte unterdrücken müssen; Schweigen schien ihm gerechter als Vorwürfe. Arthur sprach zuerst:

»Adam,« sagte er ruhig, »es ist vielleicht gut, daß wir uns hier treffen, denn ich wünschte Euch zu sehen; morgen würde ich Euch um eine Unterredung gebeten haben.«

Er schwieg, aber Adam antwortete nicht.

»Ich weiß, es ist schmerzlich für Euch, mich zu treffen,« fuhr Arthur fort, »aber es ist wahrscheinlich auf Jahre hinaus das letzte Mal.«

»Gewiß ist es das, Herr,« sagte Adam kalt; »morgen wollte ich Ihnen schreiben, daß es am besten sei, jede Beziehung zwischen uns beiden höre auf und meine Stelle bekäme ein anderer.«

Arthur fühlte die Antwort tief und es kostete ihn Anstrengung, weiter zu sprechen.

»Auch davon wollte ich zum Teil mit Euch reden. Ich will nicht Eure Entrüstung gegen mich abschwächen und Ihr sollt nichts meinetwegen thun. Ich will Euch nur bitten, mir die übeln Folgen dessen mildern zu helfen, was geschehen und nicht mehr zu ändern ist. Ich meine nicht die Folgen für mich selbst, sondern für andere. Es ist nur wenig, was ich thun kann, das weiß ich; die schlimmsten Folgen bleiben, aber etwas kann doch geschehen und Ihr könnt mir dabei helfen. Wollt Ihr mich ruhig anhören, Adam?«

»Ja, Herr,« erwiderte Adam nach kurzem Zögern. »Ich will hören, was es ist. Wenn ich etwas mit besser machen kann, dann will ich's thun. Durch Zorn wird nichts besser, das weiß ich; davon haben wir genug gehabt.«

»Ich wollte nach der Einsiedelei,« sagte Arthur; »wollt Ihr mitkommen? Wir können uns da besser besprechen.«

Seit jenem Abend, wo sie die Einsiedelei zusammen verlassen, war niemand hineingekommen, da Arthur den Schlüssel dazu an sich behalten hatte. Als er jetzt die Thür öffnete, stand der Leuchter noch da, in den das Licht tief hineingebrannt war, der Stuhl, auf welchem Adam gesessen, an derselben Stelle, der Papierkorb mit allen Schnitzeln und tief unten darin, wie Arthur sich sofort erinnerte, das kleine, rotseidene Halstuch. Wären ihre Gedanken nicht schon vorher peinlich gewesen, der Eintritt in dies Zimmer hätte ihnen peinlich sein müssen.

Sie setzten sich einander gegenüber wie damals und Arthur sagte: »Ich gehe fort, Adam, ich gehe in den Krieg.«

Der arme Arthur meinte, Adam hätte von dieser Ankündigung ergriffen sein, hätte Teilnahme für ihn äußern müssen. Aber Adams Mund blieb fest geschlossen und der Ausdruck seines Gesichts unverändert.

»Was ich Euch sagen wollte,« fuhr Arthur fort, »ist dies. Ich gehe mit deshalb fort, damit sonst niemand fortgeht aus Hayslope, damit meinetwegen keiner seine Heimat verläßt. Ich wollte alles thun, würde kein Opfer scheuen, um anderen weiteres Leid zu ersparen wegen meiner – wegen des Vorgefallenen.«

Diese Worte Arthurs hatten genau die umgekehrte Wirkung als er erwartete. Adam glaubte darin jene vornehme Anschauung zu finden, das schwere Unrecht lasse sich wieder gut machen durch Ersatz und Entschädigung, jene wohlgefällige Selbstberuhigung, die das Böse zum Guten zu wenden versucht und gute Früchte aus bösem Thun ziehen möchte und grade eine solche Anschauung empörte ihn am meisten. Er fühlte sich ebenso stark getrieben, peinlichen Verhältnissen grade ins Auge zu sehen, wie ihm Arthur geneigt schien, sich davon abzuwenden, und überdies hatte er den argwöhnischen Stolz des Armen gegenüber dem Reichen. Es lag daher etwas von seiner alten Härte in Ton und Worten, als er sagte:

»Dazu ist nicht mehr Zeit, Herr. Opfer sollte man bringen, um sich vor Unrecht zu bewahren; geschehenes Unrecht machen Opfer nicht ungeschehen. Wenn eines Menschen Gefühl tödlich verletzt ist, dann läßt sich's nicht durch Gunstbezeugungen heilen.«

»Gunstbezeugungen!« rief Arthur leidenschaftlich aus; »nein, wie könnt Ihr nur glauben, ich hätte so was im Sinne? Aber Poysers – der Pastor sagt mir, sie wollten fort von hier, wo sie so viele Jahre – wo schon ihre Vorfahren gelebt haben. Seht Ihr denn nicht ein, wie der Pastor thut, daß es am Ende doch viel besser für sie wäre, wenn sie ihr Gefühl, das sie von hier treibt, bezwingen lernten und in ihrem alten Kreise blieben unter Freunden und Nachbarn, mit denen sie bekannt sind?«

»Das ist richtig,« sagte Adam kalt. »Aber, Herr, der Mensch kann sein Gefühl nicht so leicht bezwingen. Wohl fällt es Martin Poyser schwer, an einen fremden Ort zu ziehen und unter fremden Gesichtern zu leben, da er auf dem Pachthof geboren und aufgewachsen ist und sein Vater vor ihm auch, aber wie er fühlt, wird es ihm noch schwerer zu bleiben. Ich sehe nicht ab, wie die Dinge sich anders machen sollen als schwer. Es giebt gewisse Schäden, Herr, die lassen sich nicht wieder gut machen.«

Arthur schwieg einige Augenblicke. Welche andere Gefühle auch heute Abend in ihm vorherrschen mochten, sein Stolz empörte sich gegen diese Behandlung Adams. Hatte er denn nicht selbst zu leiden? War er nicht gezwungen, seinen Lieblingshoffnungen zu entsagen? Es war heute grade wie vor acht Monaten. Adam drängte Arthurn noch tiefer das Bewußtsein auf, wie unwiderruflich sein Unrecht sei, und setzte ihm den Widerstand entgegen, der seine erregbare, heftige Natur am schärfsten reizte. Aber derselbe Grund, der in dem ersten Augenblick ihrer heutigen Begegnung Adam milder gestimmt hatte, stimmte nun auch Arthur milder: er sah die Spuren des Leidens auf dem altbekannten Gesichte des Freundes. Der kurze Streit in seinem Innern schloß damit, daß er fühlte, er könne viel von Adam tragen, der durch seine Schuld auch so viel habe tragen müssen, aber der Ton seiner Stimme hatte doch etwas von knabenhafter Gereiztheit, als er sagte:

»Wohl, aber man kann den Schaden schlimmer machen durch Unverstand, wenn man sich gehen läßt in seinem Zorn und ihn für den Augenblick befriedigt, statt die Folgen für die Zukunft zu bedenken. Und,« fügte er sofort mit steigender Lebhaftigkeit hinzu, »wenn ich noch hier bleiben wollte und als Gutsherr auftreten, wenn ich leichtsinnig nicht danach fragte, was ich gethan habe, was durch meine Schuld geschehen ist, dann hättet Ihr eine Entschuldigung, Adam, selbst wegzugehen und andere auch zu bereden – dann hättet Ihr eine Entschuldigung, das Schlimme schlimmer zu machen. Aber wenn ich Euch sage, daß ich auf viele Jahre fortgehe – und Ihr wißt, was das für mich heißen will, wie es jeden Plan zukünftigen Glückes zerstört, den ich mir gemacht habe – dann kann doch ein verständiger Mensch wie Ihr unmöglich glauben, daß für Poysers ein wirklicher Grund bleibt wegzuziehen. Ich weiß, wie sie über Schande denken – der Pastor hat mir alles erzählt; aber er glaubt auch, sie ließen sich wohl überzeugen, daß sie in den Augen ihrer Nachbarn nicht entehrt sind und daß sie wohl auf meinem Gute bleiben können, wenn Ihr ihm dabei helfen wollt und selbst bleibt und die Forsten unter Euch behaltet.«

Arthur schwieg einen Augenblick und fügte dann wie bittend hinzu: »Ihr wißt, Ihr thut ein gutes Werk, nicht bloß für den Besitzer, sondern auch für andere. Und vielleicht bekommt Ihr auch bald einen besseren Herrn, dem Ihr gern dient. Wenn ich sterbe, erbt mein Vetter Tradgett das Gut und nimmt meinen Namen an. Er ist gut und brav.«

Adam war bewegt; er mußte fühlen, das war wieder die Stimme des ehrlichen Arthur mit dem warmen Herzen, den er in früheren Tagen geliebt hatte, auf den er stolz gewesen war, aber noch konnte er über näher liegende Erinnerungen nicht hinwegkommen. Er schwieg und doch las Arthur auf seinem Gesicht eine Antwort, die ihn bestimmte, mit steigendem Ernst fortzufahren:

»Und wenn Ihr nun mit Poysers sprächet – und mit Pastor Irwine es überlegtet – er will morgen mit Euch sprechen – und wenn Ihr Eure Gründe mit seinen vereinigtet, um sie zu bestimmen, daß sie nicht fortziehen . . . Ich weiß ja recht gut, daß sie von mir keine Freundlichkeit annehmen und habe auch nichts dergleichen im Sinn, aber ich bin überzeugt, am Ende würde es ihnen doch weniger schmerzlich sein. Irwine meint das auch und er wird mein Stellvertreter auf dem Gute, er hat's mir versprochen. Sie werden keinen über sich haben als den sie ehren und lieben. Und mit Euch wird es ebenso sein, Adam, und wenn Ihr fortginget, so könntet Ihr keinen Grund haben, als mir mein Leiden noch bittrer zu machen.«

Wiederum schwieg Arthur eine kurze Zeit; dann sagte er mit etwas erregter Stimme:

»Ich würde so gegen Euch nicht handeln, das weiß ich. Wäret Ihr an meiner Stelle und ich an Eurer, dann versuchte ich Euch zu helfen, wo noch zu helfen ist.«

Adam rückte hastig auf seinem Stuhle und blickte zu Boden. Arthur fuhr fort:

»Vielleicht habt Ihr im Leben nie etwas gethan, was Ihr bitter bereuen mußtet, Adam; hättet Ihr das, Ihr wäret großmütiger. Ihr wüßtet dann, daß ich schlimmer dran bin als Ihr.«

Bei diesen Worten stand Arthur auf, trat ans Fenster, blickte hinaus und drehte Adam den Rücken, während er leidenschaftlich fortfuhr:

»Hab' ich sie denn nicht auch geliebt? Hab' ich sie nicht gestern gesehen? Werde ich nicht den Gedanken an sie mit mir herumtragen so gut wie Ihr? Und glaubt Ihr nicht, Ihr würdet mehr leiden, wenn Ihr der Schuldige wäret?«

Mehrere Minuten lang herrschte tiefe Stille, denn der Kampf in Adams Seele war nicht so bald zu Ende. Leichte Naturen, deren Empfindungen wenig Bestand haben, werden kaum begreifen können, wie viel Widerstand er in sich zu überwinden hatte, ehe er sich von seinem Sitze erhob und zu Arthur wandte. Arthur hörte ihn sich bewegen und als er sich umdrehte, sagte Adam mit traurigem, aber sanftem Blick:

»Ja, Sie haben recht, Herr; ich bin hart, die Härte liegt in meiner Natur. Ich war zu hart gegen meinen Vater, wenn er Unrecht that. Ich bin gegen jedermann hart gewesen, nur nicht gegen sie. Es kam mir vor, als hätte niemand Mitleid mit ihr, so schnitt mir ihr Leiden ins Herz, und als ich glaubte, die Leute auf dem Pachthof waren zu hart gegen sie, da nahm ich mir vor, ich wolle gegen niemand mehr hart sein. Aber aus übertriebenem Gefühl für das arme Mädchen bin ich wohl gegen Sie unbillig gewesen. Ich habe selbst erfahren, was es heißt, zu spät bereuen; als mein Vater von uns genommen war, da fühlte ich, ich sei gegen ihn zu hart gewesen und fühle es noch jetzt, so oft ich an ihn denke. Ich habe kein Recht, hart zu sein, wenn einer sein Unrecht bereut.«

Adam sprach diese Worte mit der Festigkeit und Bestimmtheit eines Mannes, der entschlossen ist, nichts ungesagt zu lassen, was er zu sagen sich verpflichtet fühlt, aber er stockte etwas, als er fortfuhr:

»Ich wollte Ihnen damals nicht die Hand geben, als Sie mich darum baten; wenn Sie es aber jetzt möchten, obschon ich es Ihnen damals abschlug . . .«

In einem Nu war Arthurs weiße Hand von Adams derbem Griff umschlossen, und damit strömte in beiden die alte Liebe der Jugend wieder hervor.

»Adam!« sagte Arthur, den es nun drängte, alles zu gestehen – »Adam, wenn ich gewußt hätte, Ihr liebtet sie, dann wäre es nie vorgefallen. Das hätte mich retten helfen. Und gekämpft hab' ich! Nie bin ich drauf ausgegangen, sie ins Unglück zu bringen. Nachher täuschte ich Euch und dadurch wurde es schlimmer; aber ich glaubte, ich sei dazu gezwungen und es sei das beste, was ich thun könnte. Und in dem Briefe schrieb ich ihr, sie möge mich wissen lassen, wenn sie in Not sei; glaubt mir, ich hätte alles für sie gethan, was ich konnte. Aber ich hatte Unrecht von Anfang bis zu Ende, und furchtbares Unglück ist daraus entstanden. Gott ist mein Zeuge, ich gäbe gern mein Leben, wenn ich es ungeschehen machen könnte.«

Sie setzten sich wieder einander gegenüber und Adam fragte mit zitternder Stimme:

»Wie war sie beim Abschied?«

»Fragt mich nicht danach,« erwiderte Arthur; »es ist mir bisweilen zu Sinne, als müsse ich verrückt werden, wenn ich daran denke, wie sie mich ansah und was sie mir sagte, und daß ich keine volle Begnadigung erwirken – sie nicht retten konnte von dem schrecklichen Schicksal, transportiert zu werden, daß ich all diese Jahre nichts für sie thun kann und sie geht vielleicht dabei zu Grunde und erfährt nie wieder, was Freude ist –!«

»Ja, ja,« sagte Adam, der zum erstenmal seinen eigenen Schmerz über der Teilnahme für Arthur vergaß, »Sie und ich werden oft dasselbe denken, wenn wir weit voneinander sind. Ich will Gott bitten, daß er Ihnen hilft, wie ich ihn bitte, mir beizustehen.«

»Aber das herrliche Mädchen, Dina Morris,« fuhr Arthur fort, indem er seinen eigenen Gedanken nachhing und Adams Worte weniger beachtete, »sie will bei ihr bleiben bis ganz zuletzt, bis sie fortgeht, und das arme Ding hängt an ihr wie an ihrem letzten Troste. Ich könnte das Mädchen anbeten und weiß nicht, was ich anfangen sollte, wenn sie nicht da wäre. Adam, Ihr werdet sie sehen, wenn sie zurückkommt; ich konnte ihr gestern nicht sagen, was ich für sie fühle. Sagt ihr,« fuhr er so hastig fort, als wolle er die Bewegung verbergen, mit der er sprach und nahm dabei Uhr und Kette ab – »sagt ihr, ich schicke ihr dies als eine Erinnerung an den, für welchen sie die einzige Quelle des Trostes ist, wenn er daran denkt, daß . . . Ich weiß, sie fragt nach solchen Dingen nichts, oder was ich ihr sonst geben könnte; aber sie muß die Uhr gebrauchen – es soll mich freuen, wenn ich denken darf, sie gebraucht sie.«

»Ich will sie ihr geben, Herr,« erwiderte Adam, »und ihr dabei sagen, was Sie gesagt haben. Wenn sie zurückkommt, will sie etwas auf dem Pachthof bleiben.«

»Und nicht wahr, Adam, Ihr redet Poysers zu, daß sie bleiben,« sagte Arthur, dem nun der eigentliche Zweck der Unterredung wieder einfiel, den sie beide über ihrer freundlichen Aussöhnung vergessen hatten; »und Ihr selbst bleibt auch und helft dem Pastor das Gut verwalten?«

»Aber Sie übersehen wohl eins,« bemerkte Adam mit sanftem Zögern, »und darum habe ich etwas länger zurückgehalten. Wenn Poysers und ich bleiben, dann geschieht's aus weltlichen Rücksichten und es sieht aus, als ob wir diesen alles andere opferten. Ich weiß bestimmt, so werden Poysers die Sache ansehen, und mein eigenes Gefühl sagt mir das ungefähr auch. Wer einen ehrenhaften, unabhängigen Sinn hat, der setzt sich nicht gern bösem Schein aus.«

»Aber wer Euch kennt, Adam, von dem braucht Ihr das nicht zu befürchten; der Grund ist nicht stark genug gegen eine Entschließung, die wirklich großmütiger und unselbstsüchtiger ist als die entgegengesetzte wäre. Und die Leute werden erfahren – sollen erfahren, daß sowohl Ihr als Poysers auf mein Bitten bleibt. Adam, erschwert mir meine Lage nicht noch mehr, ich bin genug gestraft auch ohne das.«

»Nein, Herr, gewiß nicht,« sagte Adam und sah Arthur traurig und mitleidig an; »Gott verhüte, daß ich Ihre Lage noch erschweren sollte. Es gab eine Zeit, da hätte ich das in meiner Leidenschaft wohl gewünscht, aber damals glaubte ich, Sie hätten kein tiefes Gefühl. Jetzt will ich bleiben, Herr, und mein bestes thun. Ich habe ja jetzt nichts anderes zu bedenken, als fleißig zu arbeiten und die Welt denen angenehmer zu machen, die darauf glücklich sein können.«

»Dann laßt uns scheiden, Adam. Geht morgen zu Pastor Irwine und besprecht Euch mit ihm.«

»Gehen Sie schon bald fort, Herr?« fragte Adam.

»Sobald wie möglich – ich will nur noch das Nötigste besorgen. Lebt wohl, Adam. Ich werde an Euch denken, wie Ihr in der Heimat waltet.«

»Leben Sie wohl, Herr; Gott segne Sie!«

Noch einmal reichten sie sich die Hände und als Adam die Einsiedelei verließ, hatte er das Gefühl, sein Unglück sei leichter zu tragen, nun er den Haß überwunden. Sobald sich die Thür hinter ihm schloß, ging Arthur an den Papierkorb und nahm das kleine, rotseidene Halstuch heraus.

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