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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Sechsundvierzigster Abschnitt

Die Stunden banger Erwartung

Am Sonntag Morgen, als die Kirchenglocken in Stoniton zum Frühgottesdienst läuteten, trat Barthel Massey zu Adam ins Zimmer und sagte:

»Adam, draußen ist jemand, der dich sprechen will.«

Adam saß mit dem Rücken gegen die Thür, aber er sprang auf und wandte sich sofort um, sein Gesicht rötete sich ein wenig und sein Blick belebte sich. Heute war sein Gesicht noch magerer und abgezehrter als neulich, aber rein gewaschen und rasiert.

»Giebt's was Neues?« sagte er.

»Nur ruhig, mein Junge,« erwiderte Barthel, »nur ruhig. Es ist nicht, was du meinst; es ist die junge Methodistin aus dem Gefängnis. Sie wartet unten an der Treppe und läßt fragen, ob du sie sehen willst; sie hat dir was zu sagen von der armen Verstoßenen; aber sie will nicht hereinkommen, wenn du's nicht gern siehst. Sie meinte, vielleicht kämst du lieber heraus und sprächest sie da. Diese Weibsleute von Predigerinnen sind sonst nicht grade so zurückhaltend,« brummte Barthel in den Bart.

»Es soll mir recht lieb sein, wenn sie kommt,« sagte Adam.

Er blieb mit dem Gesicht nach der Thür stehen und als Dina hereintrat und ihre saunften, grauen Augen auf ihn richtete, erkannte sie sofort die große Veränderung, die seit dem Tage, wo sie den stattlichen Mann in seinem Häuschen gesehen hatte, über ihn gekommen war. Ihre klare Stimme zitterte etwas, als sie ihm die Hand reichte und sagte:

»Ich bringe Euch Trost, Adam Bede; der Herr hat sie nicht verlassen.«

»Gottes Segen über Euch, daß Ihr sie aufgesucht habt,« sagte Adam; »Freund Massey sagte mir gestern, Ihr wäret gekommen.«

Mehr konnte zunächst keines von beiden sprechen; schweigend standen sie einander gegenüber und auch Barthel Massey, der sich die Brille aufgesetzt hatte, schien in Dinas Gesicht ganz versunken zu sein. Aber er faßte sich rasch und sagte: »setzt Euch, Mädchen, setzt Euch;« dabei schob er ihr einen Stuhl hin und zog sich nach seinem alten Platze auf dem Bett zurück.

»Ich danke Euch, Freund, ich darf mich nicht setzen,« erwiderte Dina, »ich muß gleich zurück; sie hat mich gebeten, ich möchte nicht lange wegbleiben. Ich bin nur gekommen, Euch zu bitten, Adam Bede, daß Ihr hinkommt zu der armen Sünderin und ihr Lebewohl sagt. Sie will Euch um Vergebung bitten und es ist besser, daß Ihr sie heute sprecht als morgen früh, wo die Zeit so kurz ist.«

Adam erbebte und sank endlich wieder auf den Stuhl.

»Es kann noch nicht sein,« sagte er; »sie müssen es aufschieben, vielleicht kommt die Begnadigung. Pastor Irwine sagte, es sei Hoffnung dazu, ich solle noch nicht verzweifeln.«

»Das ist mir ein recht tröstlicher Gedanke,« sagte Dina, und ihre Augen füllten sich mit Thränen; »es wäre schrecklich, wenn ihre unsterbliche Seele so rasch davon müßte. Aber was auch kommen möge,« fügte sie sofort hinzu, »Ihr müßt sie aufsuchen, damit sie Euch sagen kann, was sie auf dem Herzen hat. Wenn es auch noch so dunkel ist in ihrer armen Seele und sie nur die Dinge im Fleische unterscheidet, sie ist doch nicht mehr verhärtet, sie ist zerknirscht und hat mir alles gestanden. Ihr Hochmut hat nachgelassen und sie sucht Hilfe bei mir und läßt sich belehren. Das erfüllt mich mit Hoffnung und mit Trauer; denn ich muß annehmen, daß die Brüder sich oft irren, wenn sie die göttliche Liebe nach ihrer schwachen, menschlichen Einsicht messen. Sie will einen Brief an ihre Verwandten auf dem Pachthof schreiben, den ich später übergeben soll, und als ich ihr sagte, Ihr wäret hier, da meinte sie: ›Ich nähme gern Abschied von Adam und bäte ihn um Vergebung.‹ Ihr werdet doch kommen, Adam? – Vielleicht kommt Ihr gleich jetzt mit.«

»Ich kann nicht,« antwortete Adam; »ich kann nicht von ihr Abschied nehmen, so lange noch Hoffnung ist. Ich horche immer und horche – ich kann an nichts anderes denken. Es ist unmöglich, daß sie diesen schändlichen Tod stirbt; ich kann es mir nicht vorstellen.«

Er stand wieder vom Stuhle auf, wandte sich ab und blickte zum Fenster hinaus, während Dina teilnehmend und geduldig wartete. Nach wenigen Minuten sah er sie wieder an und sagte:

»Ich will kommen, Dina . . . morgen früh will ich kommen, wenn es sein muß. Vielleicht hab' ich mehr Kraft, es zu ertragen, wenn ich weiß, es muß sein. Sagt ihr, daß ich ihr vergebe; sagt ihr, daß ich kommen werde – wenn's zu Ende geht.«

»Ich will Euch nicht drängen gegen die Stimme Eures eigenen Herzens,« sagte Dina. »Ich muß schnell wieder zu ihr; es ist wunderbar, wie sie jetzt an mir hängt; sie wollte mich kaum fortlassen. Früher hat sie meine Neigung nie erwidert, aber jetzt hat die Not ihr Herz erschlossen. Lebt wohl, Adam; unser himmlischer Vater tröste Euch und gebe Euch Kraft, alles zu ertragen.« Dabei reichte sie ihm die Hand, die Adam schweigend drückte.

Barthel Massey war aufgestanden, um die schwere Thürklinke zu öffnen, aber ehe er bis dahin gekommen war, hatte sie mit ihrer sanften Stimme ihm Lebewohl gesagt und war leichten Schrittes die Treppe hinunter.

»Nun,« sagte Barthel, indem er seine Brille abnahm und in die Tasche steckte, »wenn es Weibsleute geben muß, damit es Sorgen in der Welt giebt, dann ist's nur in der Ordnung, daß es auch welche giebt, die einen in der Not trösten und so eine ist die – so eine ist die. Recht schade, daß sie eine Methodistin ist, aber ganz ohne Narrheit thut's mal kein Frauenzimmer.«

Adam ging die Nacht nicht zu Bett; die Aufregung der Ungewißheit war von Stunde zu Stunde gewachsen und nun, wo der entscheidende Augenblick herannahte, wurde sie zu mächtig. Trotz seiner Bitten und trotz des Versprechens, er wolle sich ganz ruhig halten, blieb der Schulmeister auch mit auf und wachte.

»Eine Nacht Schlaf mehr oder weniger,« sagte Barthel, »was kommt mir darauf an, mein Junge? Bald werde ich lange genug schlafen, unter der Erde. Laß mich dir Gesellschaft leisten in deiner Not, so lang ich kann.«

Es war eine lange und traurige Nacht in dem kleinen Stübchen. Bisweilen stand Adam auf und ging die wenigen Schritte von einer Wand zur andern auf und ab, dann setzte er sich wieder und verbarg das Gesicht in den Händen und kein Laut war zu hören als das Ticken der Uhr auf dem Tisch oder das Fallen einer Kohle aus dem Kamin, wo der Schulmeister sorgfältig das Feuer unterhielt. Dann wieder brach Adam heftig aus:

»Hätt' ich noch etwas thun können, um sie zu retten, durch mein Leiden ihr etwas abnehmen können . . . aber still sitzen zu müssen und nichts zu thun . . . das wird einem Manne schwer . . . und dann zu denken, wie es jetzt sein würde, wenn er nicht dazwischen gekommen wäre . . . o Gott, heute ist der Tag, wo wir Hochzeit machen wollten.«

»Ja, mein Junge,« sagte Barthel zärtlich, »es ist schwer, recht schwer. Aber bedenke eins! als du sie heiraten wolltest, da glaubtest du, es sehe in ihrem Innern ganz anders aus und dachtest nicht, sie könnte so verhärtet sein, um das zu thun, was sie gethan hat.«

»Ja, das weiß ich, das weiß ich,« sagte Adam. »Ich glaubte, sie habe ein liebevolles, sanftes Gemüt und könnte nicht lügen und mich so täuschen. Wie hätt' ich auch anders denken können? Und wenn er ihr nicht nahe gekommen wäre und ich hätte sie geheiratet und sie liebevoll behandelt und geleitet, dann hätte sie wohl nie was Schlechtes gethan. Wenn ich auch meine Not mit ihr gehabt hätte, was kam darauf an? Gegen jetzt wär' es doch nichts gewesen.«

»Das kann man doch nicht wissen, mein Junge, wie das noch hätte kommen können. Der Schlag trifft dich jetzt hart; du mußt Zeit haben, um ihn zu verwinden. Aber ich habe die Meinung von dir, daß du über dies alles dich wieder erheben wirst und wieder ein Mann sein und vielleicht führt es noch zu was Gutem, was wir jetzt nicht sehen.«

»Zu was Gutem,« rief Adam heftig aus. »Als wenn das das Übel ändern könnte! Ihr Elend läßt sich nicht ungeschehen machen. Ich hasse das Gerede, als ließe sich alles wieder gutmachen. Viel besser, man zeigte den Leuten, daß das Unrecht, was sie thun, bleibt und sich nicht ändern läßt. Wenn einer seinem Mitmenschen das Leben verbittert hat, dann hat er kein Recht, sich mit dem Gedanken zu trösten, es könne zu was Gutem führen; was auch für einen andern Gutes dabei herauskommen mag, an ihrer Schande und ihrem Unglück ändert das nichts.«

»Gut, gut, mein Junge,« erwiderte Barthel mit einer Sanftheit, die mit seiner gewöhnlichen Schärfe und Gereiztheit über jeden Widerspruch in auffallendem Gegensatze stand; »es ist wohl möglich, daß ich Thorheit rede; ich bin ein alter Kerl und es ist schon manch liebes Jahr her, daß ich selbst in Not war und andern Leuten zur Geduld raten ist so leicht.«

»Herr Massey,« sagte Adam beschämt, »ich bin zu rasch und heftig. Ich müßte anders gegen Sie sein, aber Sie dürfen es mir nicht übel nehmen.«

»Ich gewiß nicht, mein Junge, gewiß nicht.«

In dieser Aufregung verging die Nacht, bis die kühle Dämmerung und das Licht des neuen Tages jene ängstliche Ruhe brachten, die am Rande der Verzweiflung eintritt. Nun sollte die Spannung bald vorüber sein.

»Jetzt wollen wir ins Gefängnis, Herr Massey,« sagte Adam, als es sechs Uhr war. »Wenn's was Neues giebt, werden wir's da hören.«

Es regte sich schon in den Straßen; die Leute gingen alle rasch in einer Richtung. Adam suchte den Gedanken los zu werden, wo sie hingingen und freute sich, als ihm die Thür des Gefängnisses den Anblick dieser Neugierigen entzog.

Nein, nichts hatte sich geändert – keine Begnadigung war gekommen, kein Aufschub.

Adam zögerte im Hofe des Gefängnisses eine halbe Stunde, ehe er es über sich gewinnen konnte, Dina sagen zu lassen, daß er da sei. Aber nun traf eine Stimme sein Ohr, die er nicht überhören konnte: »um halb acht soll der Karren abfahren.« Es ging nicht anders, er mußte das letzte Lebewohl sagen.

Zehn Minuten später stand Adam an der Thür der Zelle. Dina hatte ihm sagen lassen, sie dürfe von Hetty keinen Augenblick fort und könne daher nicht zu ihm kommen, aber Hetty sei vorbereitet. Als er eintrat, konnte er sie nicht sehen; vor Aufregung waren ihm die Sinne abgestumpft und das trübe Licht in der Zelle war für ihn fast volle Dunkelheit. Im ersten Augenblick, als die Thür sich hinter ihm geschlossen, stand er zitternd und betäubt. Aber allmählich fing er an zu sehen und sah die dunkeln Augen noch einmal aufblicken, aber ach, sie lächelten nicht mehr. O Gott, wie traurig sie blickten! Das letzte Mal, als sie ihn ansahen, war er von ihr geschieden mit einem Herzen voll freudiger, hoffender Liebe und sie hatten ihn aus einem frischen, vollen kindlichen Gesichte unter Thränen angelächelt. Jetzt war das Gesicht wie Marmor; die süßen Lippen waren blaß und halb geöffnet und zuckten; die Grübchen waren alle fort – alle bis auf eins, welches nie verging und die Augen – o das war noch das Schlimmste von allem, sie waren Hettys Augen so ähnlich. Es waren Hettys Augen, die ihn mit traurigem Blicke ansahen, als wäre sie von den Toten erstanden, um ihm zu sagen, wie elend sie sei.

Hetty hielt Dina fest umklammert, Wange an Wange gelehnt. Es schien, als ob in dieser Berührung der letzte schwache Rest ihrer Kraft und Hoffnung läge und die erbarmende Liebe, die von Dinas Antlitz glänzte, schien ein sichtbares Unterpfand der unsichtbaren Gnade Gottes.

Als die traurigen Augen sich begegneten, als Hetty und Adam einander ansahen, da fühlte sie die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war und neue Angst schien sie zu befallen. Es war das erste Mal, daß sie einen Menschen sah, auf dessen Antlitz ihr eigenes Geschick sich zu spiegeln schien: Adam war ihr ein neues Bild der schrecklichen Vergangenheit und der schrecklichen Gegenwart. Sie zitterte heftig bei seinem Anblick.

»Sprich mit ihm, Hetty,« sagte Dina; »sag' ihm, was du auf dem Herzen hast.«

Hetty gehorchte wie ein kleines Kind.

»Adam . . . es thut mir recht leid . . . ich habe recht schlecht an dir gehandelt . . . willst du mir vergeben . . . ehe ich sterbe?«

Adam antwortete mit unterdrücktem Schluchzen: »Ja, ich vergebe dir, Hetty; habe dir längst vergeben.«

In den ersten Augenblicken, wo er Hetty wiedersah, hatte Adam gemeint, das Herz solle ihm vor Jammer vergehen, aber als sie diese reuigen Worte sprach, da traf der Ton ihrer Stimme eine Saite in seinem Herzen, die nicht so straff angespannt war: von dem Unerträglichen fühlte er sich befreit und die seltenen Thränen kamen ihm, die er nie wieder geweint, seit er nach der ersten erschütternden Nachricht an Seths Halse gehangen.

Unwillkürlich bewegte sich Hetty auf ihn zu; ein Teil der Liebe, von der sie einst umgeben gewesen, war ihr wieder nahe gekommen. Ohne Dina von der Hand zu lassen, trat sie zu Adam heran und sagte schüchtern:

»Willst du mir noch einen Kuß geben, so schlecht ich auch gewesen bin?«

Adam ergriff die blasse, abgezehrte Hand, die sie ihm hinhielt, und sie tauschten den feierlichen, unaussprechlichen Kuß eines Abschieds auf ewig.

»Und sag' ihm,« fing Hetty wieder an und ihre Stimme hob sich ein wenig, »sag' ihm . . . denn kein andrer kann's ihm sagen . . . daß ich ihn aufsuchte und nicht finden konnte . . . und daß ich ihn einst haßte und verfluchte . . . aber Dina sagt, ich müßte ihm vergeben . . . und ich versuche es . . . denn sonst vergiebt Gott mir nicht.«

Draußen vor der Zelle entstand jetzt ein Geräusch, der Schlüssel drehte sich im Schloß und als die Thür aufging, sah Adam undeutlich, daß verschiedene Menschen dastanden; aber vor Aufregung sah er nichts weiter und erkannte nicht einmal den Pastor Irwine, der auch da war. Die letzten Vorbereitungen begannen und er konnte nicht länger bleiben. Schweigend machte man ihm Platz und einsam ging er auf sein Stübchen, während Barthel Massey draußen blieb und das Ende abwartete.

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