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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Dreiundvierzigster Abschnitt

Der Urteilsspruch

Zum Gerichtshof war den Tag eine große, alte Halle eingerichtet, die jetzt durch Feuer zerstört ist. Die Mittagssonne, die auf die dichtgedrängten Menschenköpfe schien, fiel durch eine Reihe hoher spitzbögiger Fenster, auf denen die verblaßten Farben alter Glasmalerei wechselten. Düstere, bestaubte Rüstungen hingen vor der dunkeln, eichenen Galerie am unteren Ende und unter dem breiten Bogen des großen Erkerfensters gegenüber war ein alter, gewirkter Vorhang hergezogen, auf dem einige trübe Gestalten halb verschwammen wie ein matter, unbestimmter Traum aus vergangenen Zeiten. Das ganze übrige Jahr hindurch spukten in der großen Halle die Schatten alter Könige und Königinnen, die unglücklich gewesen waren, entthront und eingekerkert, aber heute waren alle diese Schatten entflohen und in der großen Halle war keine Seele, die an andern Kummer gedacht hätte, als den, der um sie her lebte und in lebenswarmen Herzen zuckte.

Aber so recht empfand man diesen Schmerz erst jetzt, als Adams große Gestalt plötzlich sichtbar wurde und neben der Anklagebank Platz nahm. In dem hellen Sonnenlicht der großen Halle, unter den glatten, wohlgewaschenen, rasierten Gesichtern der Zuschauer, erschreckten die Spuren des Leidens auf seinem Gesichte selbst den Pastor, der ihn zuletzt in der trüben Beleuchtung seines kleinen Zimmers gesehen hatte und die Nachbarn aus Hayslope, die zugegen waren und Hetty Sorrels Geschichte noch im späten Alter am Herde erzählten, vergaßen nie zu erwähnen, wie es sie ergriffen habe, als der arme Adam Bede, der die meisten Leute um eines Kopfes Länge überragte, in den Gerichtssaal getreten sei und an ihrer Seite Platz genommen habe.

Aber Hetty sah ihn nicht. Sie stand noch immer in derselben Stellung, die Barthel Massey beschrieben hatte, die Hände gekreuzt und die Augen darauf gerichtet. Zuerst wagte Adam nicht, sie anzusehen, aber nachher, als die allgemeine Aufmerksamkeit durch die Verhandlungen abgezogen wurde, wandte er sein Gesicht zu ihr, fest entschlossen, den Blick nicht abzuwenden.

Warum hatten die andern alle gesagt, sie sei so verändert? In der Leiche eines Geliebten sehen wir die Ähnlichkeit und die Ähnlichkeit macht sich um so bestimmter fühlbar, weil etwas anderes dagewesen ist und jetzt nicht mehr ist. Da waren sie ja noch – das süße Gesicht und der Hals, die dunkeln Ringeln des Haars, die langen, dunkeln Wimpern, die runde Wange und die vollen Lippen, blaß und mager – ja, aber doch wie Hetty und nur wie Hetty. Andere meinten freilich, sie sähe aus, als habe ein Dämon ihr einen bösen Blick zugeworfen, ihr die weibliche Seele ausgesogen und nur den hartnäckgen Trotz der Verzweiflung gelassen. Aber Mutterliebe – dieser vollendetste Ausdruck des Lebens in einem andern Leben, welches das wahre Wesen wirklicher Liebe ist – Mutterliebe fühlt das geliebte Kind selbst in dem entarteten, verderbten Manne heraus und für Adam war diese blasse Verbrecherin mit dem harten Ausdruck immer noch dieselbe Hetty, die ihn im Garten unter dem Apfelbaum angelächelt hatte, – sie war der Leichnam dieser Hetty, den er zuerst nur mit Zittern angesehen und von dem er nun die Augen nicht mehr abwenden mochte.

Aber bald drang etwas an sein Ohr, was ihn aufhorchen machte und ihn von diesem Anblick abzog. Eine Zeugin wurde vernommen, eine Frau in mittleren Jahren, die mit fester deutlicher Summe folgende Aussage machte:

»Ich heiße Sarah M., bin Witwe und halte einen kleinen Gewürzladen hier in Stoniton. Die Angeklagte ist dasselbe Mädchen, welches krank und matt, einen Korb am Arm, am Sonnabend Abend den 27. Februar zu mir ins Haus kam und mich um Nachtquartier bat. Sie hatte das Haus für ein Wirtshaus gehalten, weil vor der Thür ein Schild ist. Als ich ihr sagte, ich beherbergte niemand, fing sie an zu weinen und sagte, sie sei zu erschöpft, um anderswo hinzugehen und sie wollte nur für eine Nacht ein Bett haben. Und wegen ihres hübschen Aussehens und ihres Zustandes und weil sie in ihren Kleidern und in ihrer ganzen Art etwas Anständiges hatte und in Not zu sein schien, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie abzuweisen. Ich bat sie, sich zu setzen, gab ihr Thee und fragte sie, wo sie hinginge und wo sie zu Haus sei. Sie sagte, sie sei auf dem Wege nach Hause, ihre Familie seien Pachtersleute weit von hier und sie habe eine lange Reise gemacht und mehr Geld verbraucht, als sie erwartet habe; deshalb habe sie nur wenig Geld mehr in der Tasche und ginge nicht gern wohin, wo es teuer sei. Die meisten Sachen aus ihrem Korbe habe sie schon verkaufen müssen, aber sie wolle mir gern einen Schilling für das Bett bezahlen. Ich sah keinen Grund, weshalb ich das Mädchen nicht für die Nacht beherbergen sollte. Ich hatte bloß ein Zimmer, aber es waren zwei Betten darin und ich sagte ihr, sie könnte bei mir bleiben. Ich dachte mir, sie sei auf Abwege geraten und darum in Not, aber wenn sie wieder zu ihrer Familie ginge, dann sei es wohl ein gutes Werk, ein wenig für sie zu sorgen.«

Dann gab die Zeugin an, die Angeklagte habe in der Nacht ein Kind geboren und sie erkannte das Kinderzeug, welches man ihr vorwies, für dasselbe, welches sie selbst dem Kinde angezogen habe.

»Das sind die Kleider. Ich habe sie für mein letztes Kind gemacht und seitdem immer aufbewahrt. Ich gab mir viel Mühe mit dem Kinde und der Mutter. Ich fühlte mich ordentlich hingezogen zu dem kleinen Dinge und sorgte recht dafür. Zum Doktor schickte ich nicht, weil es nicht nötig schien. Am Tage darauf sagt' ich der Mutter, sie müßte mir den Namen ihrer Familie nennen und wo die wohnte, damit ich an sie schreiben könnte. Sie antwortete, später wolle sie schon selbst schreiben, aber den Tag noch nicht. Trotz alles meines Widerspruchs stand sie bald auf und zog sich an. Sie sagte, sie fühle sich wieder ganz kräftig und es war auffallend, wie tapfer sie sich hielt. Aber ich wußte nicht recht, was ich mit ihr machen sollte und gegen Abend nahm ich mir vor, ich wollte nach dem Gottesdienst zu unserm Geistlichen und die Sache mit ihm besprechen. Um halb neun verließ ich das Haus. Ich ging nicht durch die Ladenthür, sondern durch die Hinterthür, die in ein enges Gäßchen führt. Ich wohne zu ebener Erde und die Küche und meine Schlafkammer gehen beide auf das Gäßchen. Als ich fortging, saß die Angeklagte in der Küche am Feuer, ihr Kind auf dem Schoße. Sie hatte den Tag nicht geweint und schien gar nicht niedergeschlagen, wie die Nacht vorher. Es kam mir vor, als sähe sie ein bißchen seltsam aus den Augen und gegen Abend bekam sie etwas Röte ins Gesicht. Ich war bange, es wäre das Fieber und nahm mir vor, ich wollte eine Freundin von mir, die sich auf so was versteht, auf dem Rückwege abholen und mit zu mir nehmen. Es war sehr dunkel den Abend. Ich verschloß die Thür nicht hinter mir; sie ist inwendig mit einem Riegel zu verschließen und wenn niemand zu Hause ist, gehe ich immer vorne heraus. Aber ich glaubte, es habe keine Gefahr, wenn sie die kurze Zeit unverschlossen bliebe. Ich blieb länger weg, als ich gedacht hatte, weil ich auf meine Freundin warten mußte, die mit mir nach Haus ging. Es dauerte anderthalb Stunden, ehe wir zurückkamen und als wir eintraten, stand das Licht noch so und brannte grade, wie ich es verlassen hatte, aber die Angeklagte und das Kind waren beide fort. Mantel und Hut hatte sie mitgenommen, aber den Korb mit den Sachen dagelassen. Ich war furchtbar erschrocken und böse auf sie, daß sie weggegangen war. Ich zeigte die Sache weiter nicht an, weil es mir nicht in den Sinn kam, sie habe was Böses vor und weil ich wußte, sie habe noch Geld, um für Essen und Unterkommen zu bezahlen. Ich mochte ihr die Polizei nicht auf den Hals schicken, weil sie ja ein Recht hatte, von mir zu gehen, wenn sie wollte.«

Auf Adam wirkte diese Aussage wahrhaft belebend und gab ihm neue Kraft. Hetty konnte nicht schuldig sein – ihr Herz mußte an dem Kinde gehangen haben – warum hätte sie es sonst mitgenommen? Sie hätte es ja auch zurücklassen können. Das arme, kleine Ding war eines natürlichen Todes gestorben und dann hatte sie es versteckt; Kinder sterben ja so leicht und bei dem stärksten Verdacht fehlt oft jeder Beweis der Schuld. Er war so beschäftigt, sich gegen solche Verdachtsgründe Gegengründe auszudenken, daß er das Kreuzverhör nicht beachtete, welches Hettys Verteidiger – freilich vergebens – anstellte, um eine Aussage zu erlangen, daß die Angeklagte mütterliche Liebe für ihr Kind gezeigt habe. Die ganze Zeit, daß diese Zeugin verhört wurde, war Hetty so regungslos geblieben wie immer; kein Wort schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Aber der Ton der Stimme des nächsten Zeugen traf eine Saite in ihr, die noch anklang; sie fuhr zusammen und blickte ihn erschrocken an, aber sofort wandte sie sich wieder ab und sah auf ihre Hände nieder. Dieser Zeuge war ein derber Bauer. Er sagte:

»Ich heiße Hans Olding, bin Arbeitsmann und wohne zwei Meilen von hier bei der Mühle am Steinbach. Letzten Montag vor acht Tagen gegen ein Uhr nachmittags ging ich da nach dem Eichenbusch und ein paar Minuten diesseits von dem Gebüsch sah ich die Angeklagte in einem roten Mantel nicht weit vom Stege an einem Heuschober sitzen. Als sie mich sah, stand sie auf und ging an mir vorbei. Es war ein gewöhnlicher Feldweg und nichts besonderes daran, daß ein Mädchen da ging, aber sie fiel mir doch auf, weil sie so blaß und angegriffen aussah. Wäre sie nicht so gut angezogen gewesen, so hätte ich sie für eine Bettlerin gehalten. Es war mir beinahe, als sei sie nicht recht bei Sinnen, aber das ging mich nichts an. Ich blieb stehen und sah ihr nach; sie ging grade aus, so lange ich sie sehen konnte. Ich hatte auf der andern Seite des Gebüsches zu thun und Stangen da zu holen. Ein Weg führt grade durch und hier und da ist eine kleine Lichtung, wo die Bäume umgehauen und noch nicht alle weggefahren sind. Ich verfolgte den Weg nicht ganz, sondern ging ungefähr in der Mitte ab und schlug mich grade durch nach dem Platze hin, wo ich zu thun hatte. Ich war noch nicht weit vom Wege auf eine von den Lichtungen gekommen, als ich ein sonderbares Schreien hörte. Es schien mir von keinem Tiere zu kommen, das ich kannte, aber ich hatte grade keine Lust, mich danach umzusehen. Indes, das Schreien hielt an und war mir doch so auffallend, grade an der Stelle, daß ich es nicht lassen konnte, stehen zu bleiben und mich umzusehen. Ich dachte, ich könnte vielleicht etwas Geld damit verdienen, wenn es was Neues wäre. Aber ich konnte zuerst nicht recht herausbringen, wo es herkam und eine zeitlang sah ich immer nach oben in die Zweige. Und dann dacht' ich, es käme von der Erde her; da lagen eine Menge Holzspäne umher und lose Stücke Rasen und ein paar Baumstümpfe. Und ich guckte dazwischen herum, konnte aber nichts finden und zuletzt hörte das Schreien auf. Da ließ ich denn das Suchen und ging an meine Arbeit. Aber als ich ungefähr eine Stunde nachher denselben Weg wieder zurückkam, konnt' ich's doch nicht lassen, meine Stangen hinzulegen und mich noch mal umzusehen. Und grade als ich mich bückte und die Stangen hinlegte, sah ich was rundes und weißliches unter einem Busch neben mir auf der Erde liegen. Und als ich mich auf Hände und Knie bückte, um es aufzunehmen, da sah ich, es war die Hand von einem kleinen Kinde.«

Bei diesen Worten ging ein Schauder durch die ganze Versammlung. Hetty zitterte sichtlich; jetzt zum erstenmal schien sie zu hören, was ein Zeuge aussagte.

»Grade unter dem Busch war eine Vertiefung und ein Häufchen Bauspäne waren da zusammengelegt und dazwischen guckte die Hand hervor. Aber an einer Stelle war ein Loch gelassen und da konnte ich durchsehen und dem Kinde seinen Kopf sehen, und schnell riß ich die Stücke Rasen und die Späne auseinander und nahm das Kind heraus. Es hatte ganz warme Kleider an, aber der Leib war kalt und ich dachte, es müsse tot sein. Rasch machte ich mich aus dem Walde nach Hause und brachte es meiner Frau. Sie sagte, es wäre tot und ich sollte damit auf die Polizei gehen und es dem Konstabler anzeigen. Und ich sagte: ›ich will meinen Kopf lassen, wenn das Kind nicht der jungen Frauensperson gehört, die mir vorhin auf dem Wege begegnete.‹ Aber sie schien schon über alle Berge. Und da nahm ich das Kind nach der Polizei und zeigte es an und der Konstabler ging mit mir nach dem Richter. Und dann suchten wir nach dem Mädchen bis spät in die Nacht und gingen hierher nach Stoniton und zeigten es an, damit man sie anhalten könne. Am andern Morgen kam der Konstabler zu mir und ich ging mit ihm nach dem Platze, wo ich das Kind gefunden hatte. Und als wir dahin kamen, da saß die Angeklagte an dem Busche, wo ich das Kind gefunden hatte und als sie uns sah, schrie sie auf, blieb aber ruhig sitzen. Auf dem Schoße hatte sie ein großes Stück Brot.«

Während dieser Zeugenaussage hatte Adam vor Verzweiflung still vor sich hin gewimmert. Er hielt sein Gesicht mit dem Arme bedeckt, der auf der Brüstung vor ihm lag. Es war der Augenblick des tiefsten Jammers: Hetty war schuldig und schweigend rief er zu Gott um Hilfe. Er hörte nichts weiter von den Zeugenaussagen und bemerkte nicht, daß Pastor Irwine als Zeuge für Hetty auftrat und von ihrem fleckenlosen Ruf im Kirchspiel erzählte und von der guten, sittlichen Erziehung, die sie genossen. Dieses Zeugnis konnte auf den Spruch der Geschworenen selbst keinen Einfluß üben, aber es sollte die Begnadigung befürworten, um die ihr eigener Verteidiger nachgesucht haben würde, wenn er für seine Klientin hätte sprechen dürfen; diese Vergünstigung wurde indes in jenen finstern Zeiten Verbrechern nicht zuteil.

Endlich richtete Adam den Kopf in die Höhe, weil er eine allgemeine Bewegung um sich her bemerkte. Der Richter hatte seine Ansprache an die Geschworenen beendet; diese zogen sich zurück. Der entscheidende Augenblick nahte. Adam durchbebte ein schauderndes Entsetzen und er konnte Hetty nicht ansehen, aber sie war längst schon wieder in ihre harte Gleichgültigkeit zurückgesunken. Aller Augen waren auf sie gerichtet; sie stand da wie ein Bild dunkler Verzweiflung.

Während dieser Zwischenzeit ging ein leises Summen und Geflüster durch den Saal. Niemand wollte für den Augenblick etwas mehr hören, jeder hatte leise ein Gefühl oder eine Ansicht zu äußern. Starr vor sich hinblickend saß Adam da. Aber er sah nichts von dem, was grade unter seinen Augen vorging – sah nicht, wie der Ankläger und die Advokaten sich mit ruhiger Geschäftsmiene unterhielten, wie der Pastor leise und eindringlich mit dem Richter sprach, sich dann aufgeregt wieder hinsetzte und traurig den Kopf schüttelte, als ihm jemand etwas zuflüsterte. Adam war innerlich zu thätig, um äußere Eindrücke in sich aufzunehmen, bis ihn eine starke Empfindung wieder ermunterte.

Es dauerte nicht lange, kaum mehr als eine Viertelstunde, als das laute Klopfen, welches anzeigte, die Geschworenen hätten sich geeinigt, das Zeichen zu allgemeinem Stillschweigen gab. Es hat etwas Erhabenes, diese plötzliche Stille einer großen Menge, welche beweist, daß ein Gedanke sie alle erfüllt. Das Schweigen schien immer tiefer zu werden gleich der sinkenden Nacht, während die Namen der Geschworenen aufgerufen wurden und die Angeklagte ihre Hand emporhalten mußte und die Jury um ihren Wahrspruch gefragt wurde.

»Schuldig.«

Es war das Urteil, welches jeder erwartet hatte, aber aus manchem Munde kam ein Seufzer der Enttäuschung, weil nicht hinterher folgte, daß die Geschworenen die Angeklagte zur Begnadigung empfahlen. Indes der Gerichtshof fühlte kein Mitleid mit der Gefangenen; die Unnatürlichkeit ihres Verbrechens erschien durch ihre harte Gefühllosigkeit und ihr eigensinniges Schweigen um so schroffer. Selbst der Wahrspruch der Geschworenen schien denen, die sie aus der Ferne sahen, keinen Eindruck auf sie zu machen. Aber die ihr näher standen, sahen wie sie zitterte.

Die Stille hatte schon etwas nachgelassen, als der Richter sich die schwarze Mütze aufsetzte und der Kaplan in vollem Ornate hinter ihn trat. Nun war' wieder tiefes Schweigen, noch ehe der Gerichtsschreiber Zeit hatte, es zu gebieten. Wenn man noch einen Laut hörte, so waren es die Schläge von Menschenherzen. Der Richter sprach:

»Esther Sorrel . . .«

Hetty stürzte das Blut ins Gesicht und entwich dann wieder, als sie zu dem Richter aufblickte und die Augen weit offen wie von Furcht gefesselt auf ihn gerichtet hielt. Adam hatte sich noch nicht wieder zu ihr gewandt; zwischen ihnen lag tiefes Entsetzen wie ein furchtbarer Abgrund. Aber bei den Worten: »und dort aufgehangen zu werden am Halse, bis Ihr tot seid,« durchfuhr ein geller Schrei den Saal. Der Schrei kam von Hetty. Entsetzt sprang Adam in die Höhe und streckte seine Arme nach ihr aus; aber er konnte sie nicht mehr auffangen: sie war ohnmächtig hingefallen und wurde bewußtlos aus dem Saale getragen.

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