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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Zweiundvierzigster Abschnitt.

Der Tag der Entscheidung.

Am folgenden Tage um ein Uhr saß Adam einsam in seinem öden Stübchen; die Uhr hatte er vor sich auf dem Tische, als zähle er die langen Minuten. Er hatte keine Ahnung, was die Zeugen etwa aussagen würden; denn von den Einzelheiten über Hettys Verhaftung und Anklage hatte er nichts wissen wollen. Der tapfere, thatkräftige Mann, der sich in jede Gefahr und Mühe gestürzt hätte, um Hetty vor drohendem Unglück und Unrecht zu bewahren, fühlte sich dem Übel und Leiden gegenüber machtlos, welches nicht wieder gut zu machen war. Seine Reizbarkeit, die für ihn bei einer Möglichkeit zu handeln eine treibende Kraft gewesen wäre, wurde zu hilflosem Jammer, nun er unthätig sein mußte, oder suchte höchstens einen Ausweg in dem Gedanken der Rache gegen Arthur. Energische Naturen, die zu jeder starken That kräftig genug sind, ziehen sich von einem hilflosen Dulder oft zurück, als wären sie hartherzig; es ist das überwältigende Gefühl des Schmerzes, was sie zurücktreibt. Adam hatte es über sich gewonnen, Hetty zu besuchen, wenn sie ihn sehen wolle, weil er glaubte, das Zusammentreffen mit ihm thäte ihr vielleicht gut und helfe die furchtbare Härte lösen, von der er gehört hatte; wenn sie sehe, er vergebe ihr, was sie an ihm gethan, so öffne sie ihm vielleicht ihr Herz. Aber dieser Entschluß hatte ihn eine ungeheure Anstrengung gekostet; bei dem Gedanken, sie so ganz verändert wieder zu sehen, zitterte er wie ein furchtsames Weib vor dem Messer des Arztes und heute hatte er es vorgezogen, lieber die langen Stunden banger Erwartung zu ertragen, als dem für sein Gefühl unerträglicheren Schmerze sich auszusetzen, ihrem Prozesse beizuwohnen.

Tiefes, unaussprechliches Leiden kann man wohl eine Taufe, eine Wiedergeburt, den Beginn eines neuen Lebens nennen. Die sehnsüchtigen Erinnerungen, das bittere Bedauern, das schmerzliche Mitleid, das Sehnen und Rufen nach der ewigen Gerechtigkeit – alle diesen tiefen Empfindungen, welche die Tage und Nächte der vergangenen Woche erfüllt hatten und sich jetzt wieder in die Stunden dieses einzigen Morgens zusammendrängten, ließen Adam auf seine frühere Lebenszeit zurückblicken, als hätte er da nur ein unbestimmtes Traumleben geführt und sei erst jetzt zu vollem Bewußtsein erwacht. Es kam ihm vor, als hätte er früher das Leiden seiner Mitmenschen immer für leicht gehalten, als wäre alles, was er selbst erduldet und bisher Schmerz genannt hatte, nur ein leichter Schlag, der nicht einmal eine Schramme gemacht habe. Unzweifelhaft kann ein großer Schmerz bewirken, was lange Jahre nicht vermocht hätten und aus dieser Feuertaufe können wir hervorgehen mit einer Seele voll neuen Mitgefühls und neuer, heiliger Scheu.

»O Gott!« ächzte Adam, indem er sich über den Tisch beugte und leeren Blickes auf die Uhr sah, »und so haben Menschen schon sonst gelitten . . . und arme, hilflose junge Dinger haben gelitten wie sie . . . so kurz ist's erst, da sah sie so glücklich und so hübsch aus . . . und küßte sie alle, den Großvater und alle, alle und sie wünschten ihr Glück . . . o meine arme, arme Hetty . . . weißt du das wohl noch?«

Adam fuhr zusammen und sah sich um nach der Thür. Füchschen hatte zu winseln angefangen und auf der Treppe hörte man das Geräusch von einem Stock und von Tritten. Es war Barthel Massey, der aus dem Gerichte kam. Konnte jetzt schon alles vorbei sein?

Barthel trat ruhig herein, ging auf Adam zu, faßte ihn bei der Hand und sagte: »ich wollte dich einen Augenblick sehen, mein Junge; es ist 'ne kleine Pause unten.«

Adam schlug das Herz so heftig, daß er unfähig war zu reden; er konnte nur den Händedruck seines Freundes erwidern; Barthel holte den zweiten Stuhl heran und setzte sich Adam gegenüber, indem er Hut und Brille abnahm.

»Das ist mir doch noch nie passiert,« bemerkte er, »daß ich hinausgegangen bin und die Brille aufbehalten habe. Ich habe reinweg vergessen, sie abzunehmen.«

Der brave alte Barthel machte diese gleichgültige Bemerkung, weil er es für besser hielt, überhaupt nicht auf Adams Aufregung einzugehen; er würde schon mittelbar schließen, daß noch nichts Entscheidendes vorgefallen sei. Sofort stand er wieder auf und sagte:

»Jetzt muß ich aber darauf sehen, daß du ein Stück Brot ißt und von dem Wein trinkst, den der Pastor heute Morgen geschickt hat. Er wird böse mit dir sein, wenn du nichts davon genießest. Da, Adam,« fuhr er fort, indem er die Flasche und das Brot holte und ein Glas Wein einschenkte, »ich muß selbst ein bißchen essen und trinken. Trink' auch einen Tropfen Wein, Junge, da – trink'!«

Adam schob das Glas sanft zurück und sagte bittend: »Erzählen Sie mir doch, Herr Massey, erzählen Sie mir alles. War sie da? Hat es schon angefangen?«

»Ja wohl, mein Junge, ja wohl; es dauert schon die ganze Zeit, seit ich fort bin; aber es geht langsam und der Verteidiger, den sie ihr genommen haben, schiebt immer seinen Stock zwischen, wo er nur kann und macht sich unbändig viel zu schaffen mit dem Kreuzverhör der Zeugen und zankt sich mit den anderen Leuten vom Gericht herum. Das ist alles, was er für sein Geld thun kann und 'ne schwere Summe ist es – 'ne rechte schwere Summe. Aber scharf ist er und hat ein Auge, daß er dir Nadeln aus dem Heu suchen könnte im Handumdrehen. Wenn man nur kein Gefühl hätte, dann wäre das Zuhören bei den Verhandlungen so gut wie eine mathematische Lektion, aber ein zartfühlendes Herz macht den Menschen dumm. Ich wollte nie wieder was mit Zahlen zu thun haben, wenn ich nur für dich was Gutes hätte mitbringen können, du armer Kerl.«

»Aber scheint die Sache ungünstig für sie zu gehen?« fragte Adam. »Sagen Sie mir doch, was vorgefallen ist. Ich muß es jetzt wissen; ich muß wissen, was gegen sie vorgebracht wird.«

»Nun, die Hauptzeugen sind bis jetzt die Ärzte gewesen, und dann noch Poyser, der arme Poyser. Alle Leute im Saale hatten Mitleid mit ihm; es war ein Geschluchze, als er aufhörte. Das Schlimmste war, als er die Angeklagte ansehen mußte. Das wurde ihm sauer. Adam, der Schlag trifft ihn so schwer wie dich; du mußt dem armen Poyser beistehen, mein Junge; du mußt dich tapfer halten. Trink' jetzt etwas Wein und zeig' mir, daß du's tragen willst wie ein Mann.«

Barthel hatte die rechte Saite angeschlagen. Adam gehorchte schweigend, nahm das Glas und trank etwas.

»Und wie sah sie aus?« fragte er dann.

»Erschrocken, recht erschrocken, als sie zuerst hereingeführt wurde. Es war das erste Mal, daß sie die Menge Volk und den Richter sah, das arme Ding. Und nahe bei dem Richter sitzt ein Haufen von närrischen Weibsleuten in schönen Kleidern, mit allerlei Krimskrams an den Armen und Federn auf den Hüten; man sollte meinen, sie hätten sich so herausgeputzt als Vogelscheuchen, um die Männer zu warnen, daß sie sich nie wieder mit einer Frau einließen; sie nahmen die Guckgläser vor die Augen und stierten sie an und flüsterten. Aber nachher stand sie da wie eine Bildsäule, blickte auf ihre Hände nieder und schien weder zu sehen noch zu hören. Und sie ist so weiß wie ein Laken. Als sie gefragt wurde »schuldig oder nichtschuldig,« da antwortete sie nicht und es wurde für sie »nichtschuldig« plädiert. Aber als der Name ihres Onkels genannt wurde, da schien sie am ganzen Leibe zu beben und als er sie ansehen mußte, da ließ sie den Kopf sinken und kroch in sich zusammen und verbarg das Gesicht in den Händen. Er konnte nicht recht mit der Sprache heraus, der arme Mann, so zitterte ihm die Stimme. Und die Advokaten, die sonst immer so hart aussehen wie Eisen, schonten ihn, das sah ich, so viel sie konnten. Der Pastor stand nahe bei ihm und begleitete ihn nachher aus dem Gerichtssaal. O das will etwas sagen, wenn man seinem Nächsten so beistehen und ihm in solcher Not eine Stütze sein kann!«

»Gott segne ihn dafür und Sie auch, lieber Herr Massey,« sagte Adam leise und legte seine Hand Barthel auf den Arm.

»Ja, ja, er ist vom echten Metall und giebt den rechten Klang, wenn man ihn versucht. Und ein verständiger Mann; der nicht mehr sagt als nötig. Ist keiner von denen, die einen zu trösten meinen durch vieles Schwatzen, als wenn die, welche dabei stehen und zusehen, besser wüßten, was Trübsal sei, als die, welche sie selbst tragen müssen. Ich habe früher wohl solche Leute gekannt, da unten im Süden, als mir's selbst schlecht ging. Der Pastor soll auch nachher noch auftreten, als Entlastungszeuge, weißt du und über ihren Charakter und ihre Erziehung sprechen.«

»Aber die andern Zeugen . . . haben die andern Zeugen schwer gegen sie ausgesagt?« fragte Adam. »Was glauben Sie Herr Massey? sagen Sie mir die Wahrheit.«

»Ja, mein Junge, ja; die Wahrheit bleibt immer das Beste; endlich muß sie doch heraus. Die Aussage der Ärzte spricht schwer gegen sie, sehr schwer. Aber von Anfang bis zu Ende hat sie geleugnet, sie habe überhaupt kein Kind gehabt; die armen, thörichten Weibsleute! – haben nicht so viel Verstand um zu wissen, daß leugnen nichts hilft, wenn etwas bewiesen ist. Bei den Geschwornen wird's ihr schaden, fürcht' ich, daß sie so hartnäckig ist; sollte der Spruch gegen sie ausfallen, dann wird sie wohl nicht so leicht zur Begnadigung empfohlen. Aber bei dem Richter läßt unser Pastor nichts unversucht, darauf kannst du bauen, Adam.«

»Ist keiner im Gerichtshof, der zu ihr steht und sich ihrer annimmt?« fragte Adam.

»Der Kaplan des Gefängnisses sitzt bei ihr, aber er hat ein Gesicht so scharf wie ein Iltis, ganz anders als unser Pastor; die Geistlichen in den Gefängnissen sind ja meist rechter Ausschuß, heißt's.«

»Ich weiß einen, der bei ihr sein sollte,« sagte Adam bitter. Gleich darauf richtete er sich in die Höhe, sah mit festem Blick aus dem Fenster und schien sich augenscheinlich etwas zu überlegen.

»Herr Massey,« sagte er endlich und strich sich das Haar von der Stirn, »ich will mit Ihnen gehen. Ich will mit in den Gerichtshof. Es ist feige von mir, daß ich wegbleibe. Ich will zu ihr stehen – mich zu ihr bekennen – so sehr sie mich getäuscht hat. Poysers sollten sie nicht so von sich stoßen; sie ist doch ihr eigen Fleisch und Blut. Wir empfehlen andre der Gnade Gottes und selbst zeigen wir keine Gnade. Ich war früher wohl oft hart; ich will nie wieder hart sein. Ich will gehen, Herr Massey – will mit Ihnen gehen.«

Es war eine Entschiedenheit in Adams Wesen, die Barthel an jeder Einrede verhindert haben würde, selbst wenn er Lust dazu gehabt hätte. Er sagte nur:

»Dann iß und trink' noch etwas, Adam; thu's mir zu Liebe. Sieh, ich muß erst selbst was essen. Da, iß du auch.«

Durch einen thatkräftigen Entschluß gestärkt, nahm Adam einen Bissen Brot und trank etwas Wein. Sein Bart war noch so struppig und sein Gesicht entstellt und hager wie den Tag vorher, aber er stand wieder aufrecht da und war wieder etwas der alte Adam Bede.

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