Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Eliot >

Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
projectideecaf2e32
Schließen

Navigation:

Vierzigster Abschnitt

Bittere Wasser

Noch an demselben Abend kehrte der Pastor von Stoniton zurück, und das erste, womit ihn sein Diener empfing, war die Nachricht, der alte Herr Donnithorne sei gestorben, man habe ihn am Morgen um zehn Uhr tot im Bette gefunden und Madame Irwine lasse ihn bitten, er möge nicht zu Bett gehen, ohne sie erst noch zu sehen, sie würde wach bleiben und auf ihn warten.

»Nun, Dauphin,« sagte seine Mutter als er in ihr Zimmer trat, »da bist du endlich wieder. Die unruhige Besorgnis und Niedergeschlagenheit des alten Herrn, als er so plötzlich nach Arthur verlangte, haben also doch was zu bedeuten gehabt. Der Diener hat dir wohl gesagt, daß man ihn heute früh tot im Bett gefunden hat. Ein ander Mal wirst du meinen Prophezeiungen mehr Glauben schenken, denke ich; indes werde ich wohl schwerlich noch etwas anderes prophezeien, als meinen eigenen Tod.«

»Was ist denn wegen Arthurs geschehen?« fragte der Pastor. »Hat man ihm einen Boten mit der Nachricht nach Liverpool entgegengeschickt?«

»Ja wohl; es war schon einer fort, ehe sie's uns sagen ließen. Der liebe Arthur! Nun seh ich ihn doch noch als Herrn auf dem Schlosse. Jetzt kommt 'ne glückliche Zeit für das Gut; er ist so großherzig und brav. Er wird so glücklich sein wie ein König.«

Der Pastor konnte nicht umhin, laut zu seufzen; er war von Anstrengung und Sorge erschöpft, und die leichtfertigen Worte seiner Mutter waren ihm fast unerträglich.

»Warum bist du so trübe, Dauphin? Ist was Schlimmes vorgefallen? Oder denkst du an Arthurs gefährliche Reise über den bösen Kanal in dieser Jahreszeit?«

»Nein, Mutter, daran denk' ich nicht, aber ich bin nicht in der Stimmung, mich recht zu freuen.«

»Ah, ich sehe schon, diese Geschichte, derentwegen du nach Stoniton gewesen bist, hat dich angegriffen. Was in aller Welt ist es nur, daß du mir's nicht sagen kannst?«

»Mit der Zeit wirst du's schon erfahren, Mutter. Es wäre nicht recht von mir, wenn ich's dir jetzt erzählte. Gute Nacht; wenn dir niemand mehr zuhört, wirst du schon einschlafen.«

Der Pastor hatte die Absicht gehabt, Arthur einen Brief entgegen zu schicken, aber jetzt gab er sie auf, da Arthur auf die Nachricht von dem Tode seines Großvaters die Rückreise gewiß möglichst beschleunigen würde. Er konnte jetzt zu Bett gehen und sich einige Ruhe gönnen, deren er so sehr bedurfte; am andern Morgen wartete die schwere Pflicht auf ihn, die Trauerkunde auf den Pachthof und in Adams Haus zu bringen.

Adam selbst war nicht mit von Stoniton zurückgekommen; obschon er Hetty nicht sehen mochte, konnte er es doch nicht ertragen, wieder so weit von ihr fortzugehen.

»Es hilft doch nichts, Herr Pastor,« hatte er gesagt, »wenn ich mit Ihnen zurückgehe. An die Arbeit kann ich nicht wieder, so lange sie hier ist, und den Anblick der Dinge und Leute zu Haus kann ich nicht ertragen. Ich werde mir hier ein kleines Zimmer nehmen, wo ich die Mauern des Gefängnisses sehen kann und vielleicht bringe ich es mit der Zeit auch noch fertig, ihren Anblick zu ertragen.«

In seinem Glauben an Hettys Unschuld war Adam nicht wankend geworden, denn der Pastor fühlte, er würde unter der Last erliegen, wenn er sie für schuldig halten müsse, und hatte ihm deshalb die Thatsachen verschwiegen, die ihm selbst keine Hoffnung ließen. Es war gar kein Grund, die ganze Last mit einemmale auf Adam zu werfen, und der Pastor sagte daher beim Scheiden nur: »wenn die Beweise gegen sie zu stark sein sollten, Adam, dann dürfen wir noch auf Gnade hoffen. Ihre Jugend und andere Umstände werden für sie sprechen.«

»Ja und es ist nicht mehr als billig, daß die Leute erfahren, wie sie auf den Weg des Unrechts verleitet worden ist,« erwiderte Adam bitter. »Es ist nicht mehr als billig, daß die Leute erfahren, ein feiner Herr habe ihr den Hof gemacht und den Kopf verdreht. Und Sie erinnern sich doch, Herr Pastor?! Sie haben mir versprochen, meiner Mutter und Seth und den Leuten auf dem Pachthofe zu sagen, wer sie zum Unrecht verleitet hat; würde man sonst härter über sie urteilen, als sie verdient. Wenn Sie ihn schonen, thun Sie ihr schweres Unrecht, und nach meiner Ansicht ist er vor Gott der schuldigste, mag sie gethan haben, was sie will. Wenn Sie ihn schonen, dann stelle ich ihn blos!«

»Euer Verlangen ist gerecht, Adam,« sagte Irwine; »aber wenn Ihr erst ruhiger seid, werdet Ihr auch barmherziger sein gegen Arthur. Jetzt sage ich nur: seine Strafe ist in andern Händen, nicht in unsern.«

Der Pastor empfand es schwer, daß grade er von Arthurs schlimmem Anteil an dieser Geschichte von Sünde und Leid erzählen solle, – er, der immer für Arthur eine väterliche Neigung, väterlichen Stolz gehabt hatte. Aber er erkannte deutlich, das Geheimnis müsse, auch abgesehen von Adams Entschluß, doch bald bekannt werden, da sich kaum annehmen ließ, Hetty würde bis zuletzt in ihrem hartnäckigen Schweigen verharren. Er nahm sich vor, Poysers sofort alles zu sagen, da keine Zeit war, sie auf die Schreckenskunde allmählich vorzubereiten. Hetty sollte vor die nächsten Assisen kommen, die schon in der folgenden Woche in Stoniton stattfanden. Es ließ sich kaum hoffen, daß ihr Onkel der peinlichen Verlegenheit entgehen würde, als Zeuge auftreten zu müssen und es war am besten, ihn so früh wie möglich von allem zu unterrichten.

Am Donnerstag Morgen vor zehn Uhr war schon der Pachthof ein Haus der Trauer. Das Unglück war schlimmer als Tod. Die Familie hatte ein zu scharfes Gefühl für diese Entehrung, als daß selbst in dem gutherzigen Pachter Raum für Mitleid gegen Hetty gewesen wäre. Er und sein Vater waren einfache Bauern, stolz auf ihren fleckenlosen Charakter, stolz auf ihre Abstammung von einer Familie, die den Kopf hatte hochtragen dürfen all die Zeit her, seitdem ihr Name im Kirchenbuche stand und Hetty hatte Schande gebracht über sie alle – unauslöschliche Schande. Das war das überwältigende Gefühl bei beiden, Vater und Sohn – das brennende Bewußtsein der Schande, welches jede andere Regung unterdrückte und Irwine war ganz überrascht und betroffen, daß Frau Poyser weniger hart war als ihr Mann. Sanfte Leute erschrecken uns oft durch ihre Strenge bei außerordentlichen Gelegenheiten. Der Grund ist, daß diese sanften Leute leicht unter der Herrschaft hergebrachter Eindrücke stehen.

»Gern will ich alles bezahlen, was nötig ist, um sie durchzubringen,« sagte der Hausherr, als Irwine fort war, während der alte Großvater auf seinem Stuhl saß und weinte, »aber nie will ich ihr wieder nahe kommen, niemals sie wieder sehen. Sie hat uns allen für immer das Leben verbittert und nie werden wir wieder unsern Kopf hoch tragen können, weder in diesem Dorfe, noch in einem andern. Der Pastor meinte, die Leute hätten Mitleid mit uns; kann ihr Mitleid uns ersetzen, was wir verloren haben?«

»Mitleid?!« sagte der Großvater mit scharfem Tone; »ich habe in meinem Leben von andern Leuten kein Mitleid nötig gehabt und nun muß ich die Leute auf mich herabsehen lassen und bin schon über zweiundsiebzig und all die Träger, die ich schon für mein Begräbnis ausgewählt habe, wohnen hier in dem Dorfe und in dem nebenan . . . das ist jetzt alles umsonst . . . fremde Leute werden mich zu Grabe tragen.«

»Ereifert Euch nicht so, Vater,« sagte Frau Poyser, die von ihres Mannes Härte und Entschiedenheit fast überwältigt war und daher bis jetzt wenig gesprochen hatte. »Ihr behaltet ja Eure Kinder bei Euch und die Jungens und unser kleines Mädchen werden in einem andern Dorfe ebenso gut heranwachsen wie in dem hier.«

»Ja, hier ist unsres Bleibens nicht länger,« sagte der Pachter, und bittere Thränen liefen ihm langsam über die runden Backen. »Wir meinten, es würde schlimm, wenn uns der alte Herr am Mariätag kündigte, aber jetzt muß ich selbst kündigen und zusehen, daß ich einen finde, der herkommt und nach der Ernte sieht, die ich gesät habe; denn freiwillig bleib' ich keinen Tag länger auf dem Menschen seinem Grund und Boden. Und hab' ihn doch immer für einen guten, offenen jungen Mann gehalten und mich darauf gefreut, wenn er erst unser Gutsherr wäre. Ich werde den Hut nicht wieder vor ihm abnehmen und nicht in derselben Kirche mit ihm sitzen . . . so 'nem Menschen, der Schande gebracht hat über ehrliche Leute . . . und that immer so freundlich und gut mit allen Menschen . . . Der arme Adam . . . ein netter Freund ist er für den gewesen; hält Reden und schwatzt so schön und zur selben Zeit vergiftet er dem armen Jungen sein Leben; der wird auch kaum hier bleiben können, eben so wenig wie wir.«

»Und daß du vor Gericht gehen mußt und dich zu ihrem Verwandten bekennen!« fiel der Großvater wieder ein. »Die Leute werden's eurer Jüngsten nachtragen, die noch nicht vier Jahr alt ist – sie werden ihr nachsagen, ihre Base sei von den Geschworenen wegen Mordes verurteilt.«

»Das wäre schlecht genug von den Leuten,« erwiderte Frau Poyser beinahe schluchzend. »Aber einer ist über uns, der wird das unschuldige Kind beschützen, sonst löge ja der Pastor auf der Kanzel.«

»Wir sollten nach Dina schicken, wenn wir nur wüßten, wo sie ist,« meinte Poyser, »aber Adam sagte, sie habe nicht hinterlassen, wo sie in Leeds zu finden ist.«

»Ei, sie wird bei der Frau sein, die eine Freundin von ihrer Tante Marie war,« sagte Frau Poyser, welche durch diesen Vorschlag ihres Mannes sich etwas getröstet fühlte. »Ich habe Dina oft von ihr sprechen hören, aber auf den Namen kann ich mich nicht mehr besinnen. Aber Seth Bede – der wird's wohl wissen; sie predigt ja unter den Methodisten und gilt viel bei ihnen.«

»Ich will zu Seth schicken,« sagte Poyser; »Alick soll ihm bestellen, er möge doch herkommen oder uns den Namen der Frau aufschreiben und du kannst einen Brief schreiben, damit wir ihn gleich abschicken, sowie wir die Adresse haben.«

»Es schreibt sich schlecht Briefe, wenn Leute zu einem kommen sollen in der Not,« erwiderte Frau Poyser. »Vielleicht bleibt der Brief eine halbe Ewigkeit unterwegs und am Ende bekommt sie ihn doch nicht.«

Ehe Alick mit der Bestellung vom Pachter ankam, hatte auch Lisbeth schon an Dina gedacht und zu Seth gesagt:

»Für uns giebt's keinen Trost mehr auf der Welt, wenn du nicht machen kannst, daß Dina Morris hier ins Haus kommt, wie damals als mein Alter starb. Wenn sie doch wieder käme und mich bei der Hand faßte und mit mir spräche! Sie würde mich schon zurecht sprechen, glaube ich; sie sähe vielleicht was Gutes in all der Trübsal und herzbrechenden Not, die über den armen Jungen gekommen ist, der nie in seinem Leben was Böses gethan hat, sondern besser war als alle andern Menschenkinder in der ganzen Grafschaft. Ach, mein Junge! Adam, mein armer Junge!«

»Was meinst du, Mutter, wenn ich hinginge und Dina holte?« sagte Seth, während seine Mutter schluchzte und sich auf ihrem Stuhle hin- und herwiegte.

»Sie holen?« erwiderte Lisbeth, indem sie aufblickte und mit Weinen nachließ, wie ein Kind, dem mitten im Weinen etwas versprochen wird. »Wo ist sie denn eigentlich hin?«

»Ziemlich weit weg, Mutter; Leeds heißt der Ort; es ist eine große Stadt. Aber in drei Tagen wollte ich zurück sein, wenn du mich entbehren könntest.«

»Nein, nein, ich kann dich nicht entbehren. Du mußt hingehen und deinen Bruder sehen und mir Bescheid bringen, was er macht. Der Pastor will auch herkommen und es mir erzählen, aber aus seinen Worten kann ich nicht so recht klug werden. Du mußt selbst hingehen, da Adam mich nicht hinkommen läßt. Aber schreib doch einen Brief an Dina! Oder kannst du nicht? Schreibst doch sonst gern genug, wenn kein Mensch was danach fragt.«

»Ich weiß nicht genau, wo sie in der großen Stadt ist,« erwiderte Seth. »Wenn ich selbst hinginge, dann könnt' ich sie bei den Mitgliedern unserer Gemeinde ausfindig machen. Aber vielleicht trifft sie der Brief, wenn ich ›Sarah Williamson, Predigerin bei den Methodisten‹ drauf schreibe; ganz wahrscheinlich ist sie bei Sarah.«

Jetzt kam Alick mit seiner Bestellung und da Frau Poyser an Dina schrieb, so gab Seth die Absicht auf; er ging aber nach dem Pachthof, um Poysers alles zu sagen, was er über die Adresse wisse und sie darauf aufmerksam zu machen, daß der Brief wohl erst ziemlich spät hinkommen würde, da er eine genaue Adresse nicht geben könne.

Von Lisbeth war der Pastor zu Jonathan Burge gegangen, der auch einen Anspruch hatte, mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht zu werden, weil Adam voraussichtlich längere Zeit von der Arbeit wegblieb und so gab es denn um sechs Uhr abends in ganz Broxton und Hayslope nur wenige, die von der traurigen Nachricht nichts gewußt hätten. Der Pastor hatte bei Meister Burge Arthurs Namen nicht genannt und doch war sofort die Geschichte seines Verhältnisses mit Hetty mit all seinen schrecklichen Folgen so bekannt, wie daß sein Großvater gestorben und er nun der Gutsherr sei. Denn Poyser fühlte sich nicht veranlaßt, gegen die wenigen Nachbarn, die gleich am ersten Tage ihn zu besuchen und ihm teilnehmend traurig die Hand zu schütteln wagten, Stillschweigen zu beobachten und der Bediente in der Pastorei, der für alles die Ohren offen hatte, machte sich aus allerlei Andeutungen die Geschichte zurecht und fand bald Gelegenheit, sie zu erzählen.

Einer von den Nachbarn, die zu Poyser kamen, war Barthel Massey; er faßte ihn bei der Hand und konnte einige Minuten nicht sprechen. Er hatte seine Schule geschlossen und war auf dem Wege nach der Pfarrwohnung. Um halb acht des Abends kam er dort an und ließ dem Pastor mit vielen Entschuldigungen wegen der späten Stunde sagen, er habe ihm etwas Besonderes mitzuteilen. Er wurde ins Studierzimmer geführt und der Pastor kam sogleich zu ihm herein.

»Nun, Barthel,« sagte er und hielt ihm die Hand hin. Er begrüßte sonst den Schulmeister nicht so, aber in Tagen der Trübsal behandeln wir alle, die mit uns fühlen, ziemlich als Unsersgleichen. »Setzt Euch.«

»Sie können sich schon denken, warum ich zu Ihnen komme, Herr Pastor,« sagte Barthel.

»Ihr wollt wissen, was an der traurigen Nachricht wahr ist . . . wegen Hetty Sorrel?«

»Nein, Herr Pastor; was ich wissen möchte, betrifft Adam Bede. Ich höre, Sie haben ihn in Stoniton gelassen, und ich bitte Sie um die Freundlichkeit, mir zu sagen, wie es mit dem armen Jungen aussieht und was er zu thun gedenkt. Das bißchen Rot und Weiß, was man sich die Mühe genommen hat ins Gefängnis zu stecken – die gilt mir nicht so viel wie eine wurmstichige Nuß – wie eine wurmstichige Nuß; ich denke nur daran, was Gutes oder Böses durch sie auf einen braven Mann kommt, auf diesen Jungen, von dem ich so große Stücke halte und der mein bißchen Schulmeisterei recht zu Ehren bringen sollte in der Welt. Er ist der einzige Schüler, Herr Pastor, den ich unter diesem dummen Volke gehabt habe, der je den Willen oder den Kopf zur Mathematik hatte. Hätte er nicht so viel schwere Arbeit thun müssen, der arme Junge, dann hätte er noch höher steigen können und dann wäre dies nie vorgefallen – wäre nie vorgefallen.«

Von der Anstrengung, bei großer geistiger Aufregung schnell zu gehen, war Barthel erhitzt und konnte sich nicht gleich bei der ersten Gelegenheit, wo er seinen Gefühlen Luft machte, im Zaume halten. Aber jetzt hielt er inne und trocknete sich die feuchte Stirn und wahrscheinlich die feuchten Augen auch.

»Entschuldigen Sie, Herr Pastor,« sagte er, nachdem er sich etwas gesammelt, »daß ich mich so über meine eigenen Gefühle auslasse, grade wie mein verrückter Hund, der beim Gewitter heult; mich verlangt ja kein Mensch zu hören. Ich bin hergekommen, um Sie sprechen zu hören, nicht um selbst zu schwatzen; haben Sie nun die Güte und sagen Sie mir, was der arme Junge macht.«

»Thut Euch keinen Zwang an, Barthel,« erwiderte Irwine. »Ich bin selbst ziemlich in derselben Lage wie Ihr; mir liegt manches schwer auf der Seele und es wird mir sauer, von meinen eigenen Empfindungen ganz zu schweigen und nur auf andere zu achten. Ich nehme auch Anteil an Adam wie Ihr, aber er ist in dieser Sache nicht der einzige, dessen Leiden mir nahe gehen. Er will bis nach dem Prozeß in Stoniton bleiben, der Prozeß findet wahrscheinlich morgen über acht Tage statt. Er hat sich dort eingemietet und ich habe ihm dabei zugeredet, weil er jetzt besser von Hause wegbleibt und der Unglückliche glaubt immer noch, Hetty sei unschuldig; er sucht es über sich zu gewinnen sie zu sehen, wenn er kann; er will den Ort nicht verlassen, wo sie ist.«

»Das Geschöpf ist also schuldig?« fragte Barthel: »glauben Sie, daß sie gehängt wird?«

»Ich fürchte, es geht schlimm mit ihr; die Beweise sind zu stark. Und ein böses Zeichen ist, daß sie alles leugnet – leugnet, daß sie überhaupt ein Kind gehabt hat, trotz der bestimmtesten Beweise. Ich selbst habe sie gesehen und auch gegen mich schwieg sie hartnäckig: bei meinem Anblick fuhr sie zusammen wie ein Tier, das sich ängstigt. Nie hat mich etwas so entsetzt wie die Veränderung, die mit ihr vorgegangen ist. Aber im schlimmsten Falle hoffe ich, daß wir eine Begnadigung durchsetzen, um derer willen, die unschuldig mitleiden.«

»Dummes Zeug! Unsinn!« fuhr Bartel heraus und vergaß in seiner Aufregung, mit wem er sprach – »ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Pastor; ich meine nur, es ist dummes Zeug und Unsinn, daß die Unschuldigen was darnach fragen, ob sie gehängt wird. Ich für mein Teil glaube, je eher man solche Frauenzimmer aus der Welt schafft, desto besser und die Männer, die ihnen geholfen haben Unrecht zu thun, sollten sich auch lieber mit ihnen davonmachen. Was soll Gutes dabei herauskommen, wenn man solches Gewürm am Leben läßt? Die essen ja doch bloß das Brot, wovon vernünftige Wesen leben könnten. Aber wenn Adam thöricht genug ist, was darnach zu fragen, dann soll er nicht mehr leiden als nötig . . . ist er sehr angegriffen, der arme Junge?« fügte Barthel hinzu, indem er seine Brille herausnahm und aufsetzte, als könnte die seine Einbildungskraft unterstützen.

»Ja, ich fürchte, der Gram geht ihm ans Leben,« antwortete der Pastor. »Er sieht furchtbar zerstört aus und gestern überkam ihn bisweilen eine gewisse Heftigkeit, daß ich wünschte, ich hätte bei ihm bleiben können. Aber morgen gehe ich wieder nach Stoniton und ich habe das Vertrauen, Adams Grundsätze sind stark genug, daß er das Schlimmste zu ertragen vermag, ohne sich zu einem unüberlegten Schritte hinreißen zu lassen.«

In den letzten Worten äußerte der Pastor unwillkürlich mehr seine eigenen Gedanken, als eine Antwort für Barthel Massey; er dachte an die Möglichkeit, die Rachsucht gegen Arthur – denn diese Form nahm Adams Schmerz unaufhörlich an – könne ihn zu einer Begegnung treiben, die wahrscheinlich schlimmer enden würde als jene im Wäldchen. Der Gedanke an diese Möglichkeit erhöhte die Angst, mit der er Arthurs Ankunft entgegensah. Aber Barthel verstand ihn so, als wenn er an Selbstmord dächte und ein neuer Schrecken malte sich auf seinem Gesichte.

»Ich will Ihnen sagen, was ich vorhabe, Herr Pastor,« sprach er, »und ich hoffe, Sie werden es billigen. Ich will die Schule schließen; wenn die Schüler kommen, müssen sie wieder weggehen, weiter ist nichts dabei; und ich gehe nach Stoniton und sehe nach Adam, bis die Sache vorbei ist. Ich will thun als wollte ich die Gerichtsverhandlungen mit anhören, dagegen kann er nichts haben; was meinen Sie dazu, Herr Pastor?«

»Nun,« antwortete Irwine etwas zögernd, »das hätte manche Vorteile und ich ehre Euch, Barthel, wegen dieser Freundschaft für Adam. Aber . . . Ihr müßt mit Euren Reden etwas vorsichtig sein. Ich fürchte, Ihr habt zu wenig Mitgefühl mit dem, was Ihr seine Schwäche für Hetty nennt.«

»Verlassen Sie sich auf mich, Herr Pastor, verlassen Sie sich auf mich. Ich weiß schon, was Sie meinen. Ich bin früher selbst mal ein Thor gewesen, aber das bleibt unter uns. Ich werde mich ihm nicht aufdrängen, nur ein Auge auf ihn haben und zusehen, daß er was Gutes zu essen bekommt und dann und wann ein Wort mit ihm reden.«

»Dann muß ich sagen,« erwiderte der Pastor einigermaßen beruhigt, »Ihr thut ein gutes Werk; aber Ihr müßt Adams Mutter und Bruder wissen lassen, daß Ihr zu ihm geht.«

»Ja wohl, Herr Pastor,« sagte Barthel, indem er aufstand und die Brille abnahm, »das will ich thun, das will ich thun; zwar die Mutter ist ein weinerliches Ding und ich komme ihr nicht gern zu nahe, aber sie ist brav und reinlich, nicht so 'ne Schlampe. Nun adieu, Herr Pastor; besten Dank, daß Sie so viel Zeit für mich übrig gehabt haben. Sie sind jedermanns Freund in dieser Sache – jedermanns Freund. Sie haben eine schwere Last auf dem Halse.«

»Adieu, Barthel; auf Widersehn in Stoniton, denk' ich.« Barthel eilte aus der Pfarrwohnung fort, indem er den geschwätzigen Fragen des Bedienten auswich und sagte in erbittertem Tone zu Füchschen, die mit ihren kurzen Beinen neben ihm hertrabte:

»Nun, ich werde sie mitnehmen müssen, sie unnützes Frauenzimmer; sie würde sich zu Tode grämen, wenn ich sie verließe – das weiß sie selbst wohl, und vielleicht ließe sie sich von einem Landstreicher auffangen; und jetzt, fürchte ich, wird sie auf der Reise schlechte Gesellschaft aufsuchen und die Nase in jedes Loch stecken, wo sie nichts zu thun hat; aber wenn sie mir Schande macht, dann sag' ich mich von ihr los – merke sie sich das, Frauenzimmer, merke sie sich das!«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.