Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > George Eliot >

Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
projectideecaf2e32
Schließen

Navigation:

Achtunddreißigster Abschnitt

Die Nachforschung

Die ersten zehn Tage nach Hettys Abreise verstrichen den Leuten auf dem Pachthofe und Adam bei seinem Tagewerk so ruhig wie je. Sie alle waren darauf gefaßt, daß Hetty eine Woche oder zehn Tage wenigstens wegbliebe, und wenn Dina mit ihr zurückkäme, vielleicht noch etwas länger, weil sie dann wohl erst einigen Aufenthalt in Snowfield hätten. Als aber vierzehn Tage vergingen, war man etwas überrascht, daß Hetty noch immer nicht zurückkam; gewiß hatte sie den Besuch bei Dina angenehmer gefunden, als sie gedacht hatte.

Adam wurde sehr ungeduldig, sie wieder zu sehen, und entschloß sich, wenn sie nicht am folgenden Tage (Sonnabend) wiederkäme, am Sonntag Morgen sich aufzumachen und sie zu holen. Am Sonntag ging kein Wagen; aber wenn er sich vor Tagesanbruch aufmachte und vielleicht unterwegs eine Fahrgelegenheit fand, so konnte er noch ziemlich früh nach Snowfield kommen und am folgenden Tage mit Hetty und womöglich auch mit Dina zurückkehren. Für Hetty war es die höchste Zeit, und er wollte den Montag daran setzen, um sie abholen zu können.

Auf dem Pachthof, wohin er noch am Sonnabend Abend ging, billigte man seinen Entschluß vollkommen. Frau Poyser schärfte ihm nachdrücklich ein, er dürfe nicht ohne Hetty zurückkehren; sie sei schon zu lange ausgeblieben und habe bis Mitte März noch so viel zu besorgen, und eine Woche Erholung sei doch wahrlich lange genug. Daß sie Dina mitbrächten, hoffte Frau Poyser kaum, oder sie müßten sie denn überzeugen, den Leuten in Hayslope gehe es noch mal so schlecht als denen in Snowfield. »Freilich,« meinte Frau Poyser zum Schluß, »Sie könnten sie wohl daran erinnern, Herr Bede, daß sie bloß noch eine Tante hat, und die ist beinahe zum Schatten abgemagert, und nächsten Michaelis sind wir alle vielleicht schon viele Stunden weiter weg von ihr und sterben unter fremden Leuten an gebrochenem Herzen und lassen die Kinder ohne Vater und Mutter zurück.«

»Nein, nein!« sagte Poyser, der allerdings nicht nach Sterben aussah, »so schlimm ist's noch nicht. Du siehst jetzt recht gut aus und wirst alle Tage stärker. Aber ich wollte mich recht freuen, wenn Dina käme; sie würde dir bei den Kindern helfen, die haben sich so schön an sie gewöhnt.«

Am Sonntag früh bei Tagesanbruch machte Adam sich auf. Die erste Stunde begleitete ihn Seth, den der Gedanke an Snowfield und die Möglichkeit eines Besuchs von Dina ganz aufgeregt hatte. Erst als er und Adam, beide in ihren besten Kleidern, in der kalten Morgenluft dahinschritten, überkam ihn wieder ein Gefühl von Sonntagsruhe. Es war der letzte Februar, der Himmel bedeckt und grau, und auf dem grünen Rande des Weges und den dunkeln Hecken lag etwas Reiffrost. Sie hörten das Gemurmel des vollen Baches den Hügel hinab und das leise Gezwitscher der ersten Vögel; denn sie gingen schweigend neben einander und erfreuten sich nur im stillen einer an des andern Gesellschaft.

»Nun adieu, mein Junge, bis morgen,« sagte Adam, indem er Seth zum Abschied die Hand auf die Schulter legte und ihn zärtlich anblickte; »ich möchte, du gingst den ganzen Weg mit mir und wärst so glücklich wie ich.«

»Ich bin zufrieden, Adämchen, ganz zufrieden,« antwortete Seth heiter; »ich werde wohl ein alter Junggeselle werden und mit deinen Kindern spielen.«

Sie trennten sich, und Seth ging behaglich langsam nach Haus, indem er sich im stillen einen seiner Lieblingsgesänge wiederholte, die er so gern hatte:

Trübe geht der Morgen auf,
Wenn er ohne dich anbricht;
Freudlos ist des Tages Lauf,
Bis ich seh' dein Gnadenlicht,
Bis du innres Licht verleihst,
Herz und Auge mir erfreust.

Dringe denn, du Himmelsglanz
Durch der Sünde Dunkelheit,
Fülle mir die Seele ganz
Und die Zweifel scheuche weit:
Leuchte heller je und je,
Daß den vollen Tag ich seh'!

Adam ging unterdes rüstig weiter. Es hätte eine Freude sein müssen, den großen, breitschultrigen Mann so aufrecht und fest wie ein Soldat entlang schreiten zu sehen und den freudigen Ausdruck seiner Augen zu bemerken, als die dunkelblauen Hügel in der Ferne vor ihm aufstiegen. Selten in seinem Leben war Adams Gesicht so frei gewesen von jeder Wolke von Besorgnis wie diesen Morgen, und in dieser heiteren Stimmung beobachtete er, wie praktisch verständige Leute seiner Art zu thun pflegen, die äußeren Gegenstände um so schärfer und war um so empfänglicher für jede Anregung, die sie ihm für seine Lieblingspläne und scharfsinnigen Erfindungen etwa geben konnten. Sein Liebesglück und das Bewußtsein, daß seine Schritte ihn immer näher zu Hetty brächten, die er bald die Seine nennen durfte, waren für seine Gedanken, was die köstliche Morgenluft für seine Empfindungen: sie gaben ihm ein Gefühl von Wohlsein, welches ihm die Thätigkeit der Bewegung zur Freude machte. Bisweilen vertiefte und verstärkte sich sein Gefühl für sie so, daß alle andern Bilder außer Hettys verschwanden, und damit zugleich kam ein Gefühl von dankbarer Verwunderung über ihn, daß so großes Glück ihm geworden sei, daß dieses Leben so süß sein könne. Wenn aber sein Gefühl in dieser Weise auf- und abgewägt und sich ergossen hatte, dann kamen die geschäftigen Gedanken mit um so größerer Stärke wieder, und diesen Morgen beschäftigten sie sich mit Plänen, wie die schlechten Wege in der ganzen Gegend ausgebessert werden könnten und wie viel Nutzen ein einziger Gutsbesitzer schaffen könne, wenn er sich ordentlich dran gäbe, solche Verbesserungen auf seinen eigenen Besitzungen ins Werk zu richten.

Die paar Stunden bis Oakbourne, wo er frühstückte, schienen ihm nur ein kurzer Spaziergang. Von da ab wurde die Gegend immer kahler: keine Wälder mehr an den Abhängen, keine breit verzweigten Bäume an zahlreich verstreuten Bauernhäusern, keine buschigen Hecken, sondern graue Steinmauern zwischen den mageren Weiden und traurig aussehende Häuser von grauem Stein auf zerklüftetem Boden, wo früher Gruben gewesen waren, die nun nicht mehr bebaut wurden. »Das ist ja eine hungrige Gegend,« sagte Adam bei sich; »ehe ich hier wohnte, ginge ich doch lieber nach dem Süden, wo der Boden so flach sein soll wie ein Tisch; wirklich, wenn Dina am liebsten da ist, wo sie den Leuten am meisten Trost bringt, dann hat sie recht, hier zu wohnen; hier muß sie ja aussehen, als wäre sie gradeswegs vom Himmel gekommen, wie die Engel in der Wüste.« Und als er endlich Snowfield zu Gesicht bekam, da fand er, der Flecken passe vollkommen zu der Gegend, obschon der breite Bach, der bei der großen Fabrik durchs Thal floß, den Feldern unterhalb einen munteren grünen Schein gab. Finster, steinern und ungeschützt zog sich das Städtchen einen steilen Hügel hinan. Dina wohnte vor dem Thor, nicht weit von der Fabrik, in einer alten strohbedeckten Hütte, die seitwärts am Wege stand, von dem sie durch ein kleines Stück Kartoffelland getrennt war. Dinas Wirtsleute waren ein altes Ehepaar, und wenn sie und Hetty nicht zu Haus sein sollten, so konnte Adam von ihnen erfahren, wo sie hingegangen seien oder wann sie wieder zurückkämen. Dina war vielleicht zum Predigen gegangen, Hetty vielleicht allein zu Haus, so hoffte Adam beinahe, und als er nun die Hütte am Wege vor sich sah, da glänzte über sein Gesicht jenes unwillkürliche Lächeln, womit unsere Erwartung eine nahe Freude begrüßt.

Rasch eilte er an die Thür und klopfte; sie ging auf, eine reinliche alte Frau, der der Kopf schon etwas wackelte, stand vor ihm.

»Ist Dina Morris zu Haus?« fragte Adam.

»Zu Haus? Nein,« antwortete die Alte und sah den großen Fremdling so verwundert an, daß sie noch langsamer sprach als gewöhnlich. »Wollt Ihr nicht hereintreten?« fügte sie hinzu und trat von der Thür zurück, als besänne sie sich erst jetzt; »Ihr seid wohl der Bruder von jenem jungen Menschen, der neulich mal hier war, nicht wahr?«

»Ja freilich,« sagte Adam, indem er ins Haus trat, »das war Seth Bede, ich bin sein Bruder Adam, ich soll Euch recht von ihm grüßen und Euren guten Mann auch.«

»Ah, danke, danke! grüßt ihn schön wieder; er war ein lieber junger Mann. Und Ihr seht ihm ähnlich, nur etwas dunkler seid Ihr. Setzt Euch da in den Lehnstuhl. Mein Mann ist noch nicht aus der Versammlung zurück.«

Adam faßte sich in Geduld und nahm Platz; er mochte die gebrechliche alte Frau nicht mit Fragen übereilen; aber er sah begierig nach der engen, gewundenen Treppe in der Ecke; Hetty konnte ja seine Stimme gehört haben und käme gewiß da herunter.

»Ihr kommt also, um Dina Morris zu besuchen?« fuhr die alte Frau fort, indem sie sich vor ihn stellte. »Und wußtet also nicht, daß sie fort ist?«

»Nein,« erwiderte Adam, »aber ich dachte mir wohl, sie sei vielleicht heute am Sonntag auswärts. Aber das andere junge Mädchen – ist die zu Haus oder ist sie mit Dina ausgegangen?«

Die alte Frau sah ihn erstaunt an.

»Mit ihr ausgegangen?« sagte sie. »Ei, Dina ist nach Leeds, einer großen Stadt weit weg, von der Ihr wohl gehört habt; es sind da recht viele von den Erwählten des Herrn. Sie ist schon Freitag vor vierzehn Tagen abgereist; das Geld zur Reise haben sie ihr geschickt. Ihr Zimmer will ich Euch zeigen,« fuhr sie fort und öffnete eine Thür, ohne zu bemerken, welchen Eindruck ihre Worte auf Adam machten. Er stand auf, ging hinter ihr her und warf einen raschen, begierigen Blick in das kleine Stübchen mit dem schmalen Bette, dem Bilde von Wesley an der Wand und der großen Bibel, auf der noch ein paar andere Bücher lagen. Er hatte die thörichte Hoffnung gehabt, Hetty sei vielleicht in dem Stübchen. Aber es war leer; bei dem Anblick versagte ihm die Sprache; eine unbestimmte Furcht ergriff ihn – Hetty mußte auf der Reise etwas zugestoßen sein. Indes die alte Frau sprach und begriff so langsam; am Ende war Hetty doch noch in Snowfield.

»Es ist recht schade, daß Ihr es nicht gewußt habt,« meinte die Alte. »Seid Ihr ausdrücklich hergekommen, sie zu besuchen?«

»Aber Hetty – Hetty Sorrel!« fuhr ihr Adam dazwischen; »wo ist die?«

»Ich kenne niemand, der so heißt,« sagte die alte Frau verwundert. »Ist es jemand, von dem Ihr in Snowfield gehört habt?«

»Ist hier nicht ein junges Mädchen – recht jung und hübsch – Freitag vor vierzehn Tagen zum Besuch bei Dina Morris angekommen?«

»Nein, ich habe kein junges Mädchen gesehen.«

»Denkt mal nach; wißt Ihr's ganz bestimmt? Ein Mädchen von achtzehn Jahren, mit dunkeln Augen und dunkelm Lockenhaar, in einem roten Mantel und mit einem Korbe am Arm? Ihr müßt es behalten haben, wenn Ihr sie gesehen habt!«

»Nein; Freitag vor vierzehn Tagen – das war grade der Tag, wo Dina wegging – da ist niemand gekommen. Auch seitdem hat keiner nach ihr gefragt bis auf Euch; die Leute hier herum wissen alle, daß sie fort ist. Ach aber, was habt Ihr denn? Fehlt Euch was?«

Die alte Frau hatte endlich die geisterbleiche Furcht auf Adams Gesicht gesehen. Aber er war nicht niedergeschmettert noch bestürzt; er überlegte eifrig, wo er sich nach Hetty erkundigen könne.

»Ja, ein junges Mädchen aus unserem Dorfe ist Freitag vor vierzehn Tagen auf einen Besuch bei Dina fortgegangen. Ich wollte sie hier abholen. Ich fürchte, es ist ihr was zugestoßen. Ich kann mich nicht aufhalten. Adieu.«

Er eilte aus der Hütte, und die alte Frau folgte ihm bis an das Pförtchen und sah ihm traurig kopfschüttelnd nach, als er fast laufend nach der Stadt eilte. Er wollte sich in dem Wirtshause erkundigen, wo der Wagen aus Oakbourne hielt.

Nein! Ein Mädchen wie Hetty war da nicht gesehen worden. War vielleicht dem Wagen vor vierzehn Tagen unterwegs etwas zugestoßen? Nein. Und heute ging kein Wagen mehr nach Oakbourne zurück. Aber er konnte ja zu Fuß gehen; dazubleiben, in dieser schrecklichen Unthätigkeit, das war nicht möglich. Der Wirt bemerkte, daß Adam in großer Aufregung war, und ging auf diesen neuen Vorfall mit dem Eifer eines Mannes ein, der einen großen Teil seiner Zeit damit verbringt, die Hände in den Taschen in eine hartnäckig langweilige Straße zu sehen; er bot daher Adam an, ihn noch denselben Abend auf seinem eigenen Karren nach Oakbourne zu bringen, und da es noch nicht fünf Uhr war, so hatte Adam hinlänglich Zeit, erst zu essen und doch noch vor zehn Uhr nach Oakbourne zu kommen. Er machte einen vergeblichen Versuch, ein wenig zu genießen, steckte sich etwas in die Tasche und war, nachdem er einen Schluck Bier getrunken, zum Aufbruch bereit. Als sie an die Hütte kamen, fiel ihm ein, er würde gut thun, sich bei der alten Frau nach Dinas Adresse in Leeds zu erkundigen; wenn es vielleicht Trübsal gäbe auf dem Pachthof – eine Möglichkeit, die er nur halb zuließ – dann würden Poysers gern nach Dina schicken. Aber Dina hatte keine Adresse zurückgelassen, und die alte Frau hatte ein so schlechtes Namensgedächtnis, daß sie sich auf den Namen der »frommen Frau«, welche Dinas beste Freundin in der Gemeinde zu Leeds war, nicht besinnen konnte.

Während der langen, langen Fahrt auf dem Karren hatte Adam Zeit zu all den Vermutungen drängender Furcht und hoffenden Zweifels. In der ersten Erschütterung über die Nachricht, daß Hetty nicht in Snowfield gewesen sei, hatte ihn der Gedanke an Arthur wie ein stechender Schmerz durchzuckt, aber er versuchte eine zeitlang ihn wieder von sich abzuwehren, indem er die erschütternde Entdeckung auf ganz andere Weise zu erklären sich abmühte. Hetty war ein Unglück zugestoßen; durch irgend eine seltsame Fügung war sie in Oakbourne auf einen falschen Wagen gekommen, war dann krank geworden und mochte ihre Angehörigen nicht mit der Nachricht ängstigen. Aber diese schwache Schutzmauer von unbestimmten Unwahrscheinlichkeiten erlag bald unter dem Andrang von nur zu bestimmten, entsetzlichen Befürchtungen.

Hetty hatte sich selbst mit dem Glauben getäuscht, sie könne ihn lieben und heiraten; die ganze Zeit hatte sie Arthur lieb gehabt, und jetzt, in der Verzweiflung über die Nähe der Hochzeit war sie geflohen – und geflohen zu ihm. Die alte Entrüstung und Eifersucht stieg wieder in ihm auf und gab ihm den Verdacht ein, Arthur habe falsch gespielt, habe an Hetty geschrieben, sie verleitet zu ihm zu kommen, weil er sie am Ende doch keinem andern überlassen mochte. Vielleicht hatte er die ganze Geschichte ausgedacht und geleitet, ihr Anweisungen gegeben, wie sie ihm nach Irland folgen könne; denn Adam wußte, Arthur sei schon vor drei Wochen dorthin gegangen; er hatte es kürzlich auf dem Schlosse erfahren. Jeder traurige Blick Hettys seit ihrer Verlobung trat ihm jetzt wieder vor die Seele, mit all der Übertreibung, die ein schmerzlicher Rückblick veranlaßt. Wie thöricht erschien ihm nun all sein Hoffen und die Sicherheit, in die er sich gewiegt! Das arme Ding hatte vielleicht selbst lange Zeit nicht recht gewußt, was sie wolle; hatte gehofft, sie könne Arthur vergessen, hatte sich für den Augenblick hingezogen gefühlt zu dem Manne, der ihr den Schutz seiner treuen Liebe bot. Er konnte es nicht, übers Herz bringen, sie zu tadeln; sie hatte gewiß nie daran gedacht, ihm diesen furchtbaren Schmerz zu machen; Schuld und Tadel traf den Mann, der selbstsüchtig mit ihrem Herzen gespielt, sie vielleicht gar mit voller Überlegung hinweggelockt hatte.

In Oakbourne erinnerte sich der Hausknecht im Wirtshause, daß ein Mädchen, auf welches Adams Beschreibung paßte, vor stark vierzehn Tagen mit dem Wagen von Treddleston angekommen sei, – »ein hübsches Mädchen, ja, das er sobald nicht vergaß,« – ebenso bestimmt wußte er, daß sie nicht mit dem Wagen in der Richtung nach Snowfield weitergefahren sei, aber während er die Pferde in den Stall gebracht hatte, war sie ihm aus dem Gesicht gekommen, und er hatte sie nicht wieder gesehen. Adam ging nun sofort nach dem Hause, wo die Wagen nach Stoniton abfuhren, weil Stoniton für Hetty als nächste Station die gelegenste war, wohin sie auch ihre weitere Reise richten mochte; denn gewiß war sie auf der Hauptstraße geblieben. Auch hier war sie bemerkt worden, und man erinnerte sich, sie habe sich auf den Bock neben den Kutscher gesetzt, aber der Kutscher war nicht in Oakbourne, sondern in Stoniton, und so mußte der bekümmerte Adam schweren Herzens warten bis zum folgenden Tage, bis elf Uhr morgens, wo der Wagen nach Stoniton abfuhr.

In Stoniton gab es wieder neuen Aufenthalt, denn der alte Kutscher, der an jenem Tage gefahren hatte, kam nicht vor Abend zurück. Als Adam ihn sprach, erinnerte er sich Hettys recht gut und gab seinen Scherz, den er an sie gerichtet hatte, mehr als einmal zum besten und bemerkte jedesmal dabei, es müsse wohl seine besondere Bewandtnis mit ihr gehabt haben, denn sie habe über seinen Witz gar nicht gelacht. Aber er erklärte grade wie die Leute im Wirtshause, daß er sie sofort, als sie abgestiegen sei, aus den Augen verloren habe. Am andern Morgen verbrachte Adam wieder mehrere Stunden mit vergeblichen Nachforschungen an allen Orten der Stadt, wo Wagen abfuhren – sie mußten wohl vergeblich sein, da Hetty von Stoniton aus nicht gefahren, sondern beim Morgengrauen zu Fuß weiter gegangen war – und dann ging er auf den verschiedenen großen Straßen bis an die ersten Chausseehäuser, ob er vielleicht da eine Spur von ihr fände. Aber nein, über Stoniton hinaus war jede Spur verloren, und nun hatte Adam die schwere Aufgabe, sich auf den Rückweg zu machen und die Unglücksbotschaft nach dem Pachthofe zu bringen. In dem Aufruhr seiner Empfindungen und Gedanken, der während dieser Nachforschungen in ihm getobt hatte, war er zu zwei bestimmten Entschlüssen gekommen: von Arthurs Verhältnis zu Hetty wollte er schweigen, bis die Notwendigkeit darüber zu reden klar vorläge; es war ja noch möglich, daß Hetty zurückkäme, und die Enthüllung könnte sie kränken und ihr schaden; und ferner, sobald er zu Haus die nötigen Vorbereitungen für eine längere Abwesenheit getroffen, wollte er sich nach Irland aufmachen, und wenn er unterwegs keine Spur von Hetty fände, gerades Wegs zu Arthur gehen und von ihm erfahren, inwiefern er mit ihrer Reise und ihrem jetzigen Aufenthalte bekannt sei. Mehrmals kam ihm in den Sinn, Pastor Irwine um Rat zu fragen, aber er verwarf das als nutzlos, wenn er ihm nicht alles sagen und so das Geheimnis von Arthur und Hetty verraten wolle. Es scheint auffallend, daß Adam bei seinem unaufhörlichen Nachdenken über Hetty niemals auf die Möglichkeit kam, sie könne, aus Unbekanntschaft mit Arthurs Versetzung, nach Windsor gegangen sein. Der Grund war wohl der, daß er sich nicht denken konnte, Hetty habe sich unaufgefordert zu Arthur begeben; er wußte von keiner Ursache, die sie veranlaßt haben könnte, nach jenem Briefe Arthurs im vorigen August einen solchen Schritt zu thun. Er sah nur zwei Möglichkeiten: entweder hatte Arthur wieder an sie geschrieben und sie zu sich gelockt, oder sie war nur vor der Heirat mit ihm selbst geflohen, weil sie endlich entdeckt, sie habe ihn doch nicht lieb genug, und sich dabei vor dem Zorn ihrer Verwandten gefürchtet hatte, wenn sie von der Verlobung zurückträte.

Diesen letzten Entschluß, gerades Wegs zu Arthur zu gehen, fest im Herzen, quälte sich Adam darüber, daß er mit fast nutzlosen Nachforschungen zwei Tage verbracht hatte, und doch mußte er Poysers sagen können, daß er so weit wie möglich ihre Spur verfolgt habe, weil er ihnen weder seine Überzeugung, wohin Hetty wirklich gegangen sei, noch auch seine Absicht, ihr selbst dahin zu folgen, mitteilen wollte.

Dienstag Mitternacht war schon vorüber, als Adam Treddleston erreichte, und da er Mutter und Bruder zu so später Stunde nicht stören und sich ihren Fragen nicht aussetzen mochte, warf er sich in einem Wirtshause angekleidet aufs Bett und schlief aus reiner Ermattung bald fest ein. Indes schon nach vier Stunden wachte er wieder auf und vor fünf Uhr, als kaum der Morgen graute, war er schon auf dem Heimwege. Den Schlüssel zur Werkstatt hatte er immer in der Tasche, und er hoffte daher, ins Haus kommen zu können, ohne seine Mutter zu wecken; er wollte es gern vermeiden, ihr selbst die Trauerkunde zu bringen und lieber erst mit Seth sprechen, damit der es ihr erzählen könne, wenn's nötig wäre. Er ging leise über den Hof und drehte leise den Schlüssel in der Thür, aber Gyp hatte sein Lager in der Werkstatt und erhob, wie sich erwarten ließ, ein lautes Gebell. Als er Adam erblickte, der ihm mit erhobenem Finger Stillschweigen gebot, wurde er wieder still, und in seiner stummen Freude mußte er sich damit begnügen, seinen Leib an den Beinen seines Herrn zu scheuern.

Adam war zu schwer herzenskrank, um die Liebkosung des Hundes zu beachten. Er warf sich auf die Bank und starrte in dumpfem Brüten die hölzernen Bretter und das Handwerkszeug an, indem er sich verwundert fragte, ob er wohl je wieder Freude daran haben werde, während Gyp in der dunklen Ahnung, mit seinem Herrn sei etwas besonderes vorgefallen, ihm seinen zottigen, grauen Kopf auf das Knie legte und mit verzogenen Augenbrauen zu ihm aufblickte. Bisher war Adam seit Sonntag Abend unter fremden Leuten und an fremden Orten gewesen, die mit den Einzelheiten seines täglichen Lebens nichts gemein hatten, und jetzt, wo er beim ersten Schein des Morgens nach Haus zurückgekommen war und sich umgeben sah von den altbekannten Gegenständen, die für immer ihres Reizes beraubt schienen, da bedrückte ihn die Wirklichkeit, die harte unentrinnbare Wirklichkeit seiner Leiden mit neuer Schwere. Grade vor ihm stand eine halbfertige Kommode, die er für Hetty in freien Augenblicken gemacht hatte – auf die Zeit, wo sein Haus auch das ihre wäre!

Seth hatte Adam nicht ins Haus kommen hören, aber von dem Bellen des Hundes war er aufgewacht und Adam hörte ihn oben in der Kammer. Seths erster Gedanke galt seinem Bruder; gewiß kam er heute endlich zurück, denn morgen war er im Geschäft dringend nötig, aber er freute sich doch, daß Adams Ferien länger geworden seien, als er beabsichtigt hatte. Und ob Dina wohl mitkäme?! Er fühlte, das sei das größte Glück, was er für sich selbst erwarten könne, obschon er keine Hoffnung mehr hegte, daß sie ihn je lieb genug haben würde, um ihn zu heiraten; aber er hatte sich oft gesagt, Dinas Freund und Bruder zu sein sei mehr wert, als ein anderes Mädchen zur Frau zu haben. Wenn er ihr nur immer nahe sein könnte, statt so ferne von ihr zu leben!

Er kam die Treppe herunter und öffnete die innere Thür, die vom Hausflur in die Werkstatt führte, um Gyp herauszulassen, aber wie von einem plötzlichen Schlage getroffen, blieb er auf der Schwelle stehen: vor ihm auf der Bank saß Adam, lautlos, blaß, ungewaschen, mit eingesunkenen stieren Augen, fast wie ein Trunkenbold nach durchschwärmter Nacht. Aber Seth erkannte sofort, was diese Zeichen bedeuteten: nicht Trunkenheit, sondern ein großes Unglück. Adam blickte zu ihm auf, ohne ein Wort zu sprechen, und Seth ging auf ihn zu und zitterte selbst so, daß ihm das Sprechen schwer wurde.

»Gott sei uns gnädig, Adam!« sagte er leise und setzte sich zu ihm auf die Bank, »was hast du?«

Adam war unfähig zu sprechen; der starke Mann, der so gewohnt war, seinen Schmerz zu beherrschen, fühlte bei diesem ersten Zeichen von Teilnahme sein Herz aufschwellen wie ein Kind; er fiel Seth um den Hals und weinte und schluchzte.

Jetzt war Seth auf das Schlimmste gefaßt; selbst aus seiner Kindheit konnte er sich nicht erinnern, daß Adam jemals geschluchzt hatte.

»Tot, Adam? Ist sie tot?« fragte er mit gedämpfter Stimme, als Adam den Kopf erhob und wieder etwas zu sich kam.

»Nein, mein Junge; aber sie ist fort – sie hat uns verlassen. Sie ist gar nicht in Snowfield gewesen. Dina ist schon seit Freitag vor vierzehn Tagen nach Leeds, gerade seit dem Tage, wo Hetty wegging. Bis Stoniton habe ich ihre Spur verfolgt, aber wohin sie weiter gegangen ist, kann ich nicht herausbringen.«

Seth verstummte vor äußerstem Erstaunen; er konnte sich keinen Grund denken, weshalb Hetty fortgegangen sei.

»Hast du 'ne Ahnung, warum sie das gethan hat?« fragte er endlich.

»Sie muß mich nicht geliebt haben; die Heirat ist ihr zuwider gewesen, als sie nahe bevorstand – das muß es sein,« antwortete Adam, entschlossen, keinen weiteren Grund zu erwähnen.

»Ich höre die Mutter oben,« sagte Seth; »wollen wir's ihr sagen?«

»Nein, noch nicht,« erwiderte Adam und stand von der Bank auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht, wie um sich selbst zu ermuntern. »Sie darf es jetzt noch nicht wissen, und wenn ich im Dorfe und auf dem Pachthofe gewesen bin, muß ich mich gleich wieder auf die Reise machen; ich kann dir nicht sagen, wo ich hingehe, und du mußt ihr erzählen, ich sei in Geschäften fort, von denen niemand etwas wissen dürfe. Jetzt will ich mich waschen.« Mit diesen Worten ging Adam nach der Thür der Werkstatt, aber nach wenigen Schritten wandte er sich um, sah dem Bruder mit einem Blick stiller Wehmut in die Augen und sagte: »ich muß alles Geld aus der Sparbüchse nehmen, mein Junge, aber wenn mir etwas zustoßen sollte, dann gehört alles übrige dir und du kannst es für die Mutter verwenden.«

Seth wurde blaß und zitterte am ganzen Leibe; er fühlte, hier sei ein schreckliches Geheimnis verborgen. »Bruder,« sagte er mit matter Stimme – so nannte er Adam nur in feierlichen Augenblicken – »Bruder, du wirst doch nichts thun, wozu du nicht Gott um seinen Segen anflehen kannst?«

»Nein, Seth,« erwiderte Adam, »fürchte nichts; ich will nur thun, was Mannes Pflicht ist.«

Der Gedanke, daß ihn die Mutter, wenn er ihr von seiner Not erzähle, nur mit Ausbrüchen ungeschickter Zärtlichkeit oder auch mit triumphierenden Worten darüber quälen würde, wie sehr sich ihre Prophezeiung bestätige, daß Hetty nicht für ihn zur Frau passe, – dieser Gedanke gab ihm zum Teil seine gewohnte Festigkeit und Selbstbeherrschung wieder. Als sie herunterkam, sagte er ihr, er sei auf dem Rückwege unwohl geworden, und deshalb die ganze Nacht in Treddleston geblieben, und ein böses Kopfweh, das ihn auch heute früh noch nicht verlassen habe, mußte für sein blasses Aussehen und seine müden Augen vorhalten.

Zunächst entschloß er sich, ins Dorf zu gehen, eine Stunde nach dem Geschäft zu sehen und Burge anzuzeigen, daß er genötigt sei, eine Reise anzutreten, von der er niemanden etwas sagen dürfe; er wollte es nämlich vermeiden, um die Frühstückszeit auf den Pachthof zu kommen, weil dann die Kinder und die Dienstboten auf dem Flur wären und Zeugen der Verwunderung sein würden, daß er ohne Hetty zurückgekehrt sei. Er wartete bis neun Uhr, ehe er die Werkstatt im Dorfe verließ, und ging dann übers Feld nach dem Pachthof. Als er schon nicht mehr weit davon war, sah er zu seiner großen Freude Poyser selbst auf sich zukommen. Er konnte sich also den peinlichen Besuch im Hause ersparen. Poyser fühlte sich recht munter an dem frischen Märzmorgen; er war ausgegangen, um ein neues Karrenpferd beschlagen zu sehen, und hatte seinen Stock mit der kleinen Schaufel in der Hand. Sein Erstaunen war groß, als er Adam zu Gesicht bekam, aber er ahnte nicht so leicht Unheil.

»Wie? Adam, Junge, seid Ihr das? So lange seid Ihr weg gewesen und habt doch die Mädchen nicht mitgebracht? Wo bleiben sie denn?«

»Nein, ich habe sie nicht mitgebracht,« antwortete Adam und wandte sich um, damit er gleich mit Poyser zurückgehen könne.

»Aber was seh ich?« sagte Poyser und blickte Adam scharf an, »Ihr seht ja schlecht aus; ist was vorgefallen?«

»Ja,« erwiderte Adam mit schwerer Stimme. »Etwas Trauriges ist vorgefallen. Ich habe Hetty nicht in Snowfield getroffen.«

Auf Poysers gutmütigem Gesichte zeigte sich Bestürzung und Erstaunen. »Sie ist nicht gefunden? was ist ihr denn passiert?« fragte er, indem er zunächst an körperliches Leiden dachte.

»Ob ihr etwas zugestoßen ist, kann ich nicht sagen. Sie ist gar nicht in Snowfield gewesen, sie ist nach Stoniton gefahren, aber was nachher aus ihr geworden ist, habe ich nicht erfahren können.«

»Wie, Ihr wollt doch nicht sagen, sie sei weggelaufen?« sagte Poyser und blieb so bestürzt und erschrocken stehen, daß er das schwere Gewicht der Thatsache zunächst noch gar nicht empfand.

»Ja, das fürcht' ich,« antwortete Adam. »Sie hat unsre Heirat nicht gemocht, als die Entscheidung herankam – das muß es sein. Sie hat sich über ihre Gefühle getäuscht.«

Poyser schwieg einige Minuten, blickte zu Boden und schaufelte im Grase herum, ohne zu wissen was er that. Seine gewöhnliche Langsamkeit steigerte sich immer, wenn ihm der Gegenstand des Gespräches peinlich war. Endlich sah er auf, blickte Adam grade ins Gesicht und sagte:

»Dann war sie Eurer nicht wert, mein Junge. Und ich fühle mich selbst dabei schuldig, denn sie war meine Nichte, und ich war immer darauf versessen, daß sie Euch heiraten sollte. Ich kann Euch nichts zum Ersatz bieten, mein Junge; desto mehr thut's mir leid; es ist ein böser Schlag für Euch, fürcht' ich.«

Adam konnte nicht antworten; schweigend gingen sie wieder etwas weiter, dann fuhr Poyser fort:

»Verlaßt Euch drauf, sie ist fortgegangen, um eine Stelle als Kammerjungfer zu suchen; das hatte sie schon vor einem halben Jahre vor und bat mich um meine Einwilligung. Aber ich habe besser von ihr gedacht,« fügte er hinzu und schüttelte langsam und traurig den Kopf – »ich habe besser von ihr gedacht und war auf so was nicht gefaßt, nachdem sie Euch zugesagt hatte und alles schon so weit vorbereitet war.«

Adam fühlte sich verpflichtet, Poyser in dieser Annahme möglichst zu bestärken, und versuchte sogar, sich selbst einzureden, sie sei möglicherweise richtig. Noch hatte er ja keine Gewißheit, daß sie zu Arthur gegangen sei.

»Es ist so doch besser,« sagte er so ruhig wie möglich; »wenn sie einmal fühlte, sie könne mich nicht zum Manne nehmen – besser daß sie jetzt entflohen ist als nachher zu bereuen. Ich hoffe, Ihr werdet nicht zu hart gegen sie sein, wenn sie zurückkommt, und das thut sie vielleicht, wenn ihr das Fortkommen in der Fremde zu schwer wird.«

»Ich kann sie nicht wieder so aufnehmen, wie früher,« erwiderte Poyser mit Bestimmtheit. »Sie hat schlecht an Euch gehandelt und schlecht gegen uns alle. Aber ganz will ich mich doch nicht von ihr abwenden; sie ist noch jung und es ist das erste Leid, was sie mir anthut. Aber es wird mir sauer werden, es ihrer Tante zu sagen. Doch warum habt Ihr Dina nicht mitgebracht? Sie hätte recht mit helfen können, die Tante zu beruhigen.«

»Dina war nicht in Snowfield; sie ist seit vierzehn Tagen in Leeds, aber ich konnte von ihrer alten Wirtin keine genaue Adresse erfahren, sonst hätt' ich sie Euch mitgebracht.«

»Sie thäte viel besser, zu ihren eigenen Verwandten zu kommen« bemerkte Poyser entrüstet, »als so bei fremden Leuten herumzugehen und ihnen was vorzupredigen.«

»Ich muß jetzt fort,« sagte Adam; »ich habe noch viel zu thun.«

»Ja, Ihr geht am besten wieder an Eure Arbeit, und ich muß es meiner Frau sagen, wenn ich nach Haus komme, es wird mir recht sauer.«

»Aber, sagte Adam, ich bitte Euch recht, behaltet es noch ein oder zwei Wochen für Euch. Ich habe meiner Mutter auch noch nichts davon gesagt, und man kann nicht wissen, wie sich die Sache noch wendet.«

»Ja, ja, je weniger man davon spricht, desto besser. Wir brauchen ja nicht zu sagen, warum aus der Heirat nichts wird, und vielleicht hören wir bald von ihr. Gebt mir die Hand, mein Junge; ich wollte, ich könnte das an Euch gut machen.«

Poysern schien was in der Kehle zu stecken, als er diese wenigen Worte sagte; sie kamen etwas abgebrochen heraus. Um so besser fühlte Adam, wie sie gemeint waren, und die beiden braven Männer schüttelten sich die harten Hände und verstanden sich.

Nun war Adam durch nichts mehr gehindert, seine Reise anzutreten. Er hatte Seth aufgetragen, aufs Schloß zu gehen und dem alten Herrn zu bestellen, er habe plötzlich eine dringende Reise antreten müssen, und genau das und nichts weiter sollte er jedem andern antworten, der etwa nach ihm fragte. Poysers würden schon wissen, daß diese Reise Hetty gelte, wenn sie davon hörten.

Er hatte vorgehabt, sich gleich vom Pachthof auf den Weg zu machen, aber nun kam ihm der Gedanke, der ihm so oft durch den Kopf gegangen war, zum Pastor Irwine zu gehen und ihn ins Vertrauen zu ziehen, mit aller Kraft wieder; es sollte ein letzter Versuch sein. War er doch im Begriff, eine lange, schwierige Reise anzutreten, über See zu gehen, und keine Seele wußte, wo er hin sei. Wenn ihm nun etwas zustieße? Oder wenn er für Hetty durchaus der Hilfe bedürfte? Auf den Pastor war Verlaß, und die Abneigung, etwas zu verraten, was ihr Geheimnis war, mußte der Rücksicht weichen, daß sie außer ihm selbst noch jemand nötig habe, der für sie einträte, wenn es zum Äußersten käme. Gegen Arthur fühlte sich Adam nicht zum Stillschweigen verpflichtet, selbst wenn er keine neue Schuld auf sich geladen haben sollte; Hettys Interesse verlangte, daß er jetzt rede.

»Ich muß es thun,« sagte Adam, als diese Gedanken, die ihn auf seiner traurigen Wanderung schon stundenlang beschäftigt hatten, nun mit einemmale wie eine langsam angewachsene Woge auf ihn einstürzten; »ich muß es thun, es ist das Rechte. Ich kann nicht länger so allein stehen.«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.