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Adam Bede - Zweiter Band

George Eliot: Adam Bede - Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorge Eliot
titleAdam Bede - Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Frese
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080518
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Fünftes Buch

Sechsunddreißigster Abschnitt

Die Reise in Hoffnung

Eine lange, einsame Reise mit Trauer im Herzen, von Heimat und Freunden weg in die Fremde – das ist ein hartes und böses Ding selbst für den Reichen, den Starken, den Gebildeten, das ist hart und bös selbst wenn uns die Pflicht ruft und nicht die Angst forttreibt.

Was mußte es erst für Hetty sein?! Ihre armseligen beschränkten Gedanken lösten sich nicht mehr in unbestimmte Hoffnungen auf, sondern waren belastet mit dem Schauder einer ganz bestimmten Furcht; immer und immer wieder drehte sie sich in demselben kleinen Kreise von Erinnerungen, immer und immer wieder machte sie sich dieselben kindischen Bilder von der Zukunft; in der großen Welt sah sie nichts als die kleine Geschichte ihrer eigenen Freuden und Leiden, und der Weg war so lang und schwierig und das Geld in ihrer Tasche so wenig. Die Fahrt nach Stoniton hatte schon viel mehr gekostet, als sie erwartete, und sie begann zu ahnen, daß sie nicht den ganzen Weg im Wagen fahren könne; wenn sie aber auf Kärrnerwagen und Kohlenkarren warten müsse, wie lange würd' es dann dauern, bis sie an das Ziel ihrer Reise käme! Der dicke alte Kutscher, der sie bis Oakbourne, der nächsten Station, fuhr, lud das hübsche Mädchen ein, sich neben ihn zu setzen, und da er es als Mensch und Kutscher für seine Pflicht hielt, das Gespräch mit einem Scherz zu eröffnen, so suchte er, sobald sie das Straßenpflaster hinter sich hatten, mit einem recht passenden aufzuwarten. Nachdem er einige Male mit der Peitsche geknallt und Hetty von der Seite angeblinzelt hatte, hob er den Mund über den Rand seines Mantelkragens und sagte:

»Er hat gewiß seine sechs Fuß, nicht wahr?«

»Wer?« fragte Hetty erschrocken.

»Nun, der Liebste, den Ihr zu Haus habt, oder der, zu dem Ihr hinreist – welcher von beiden ist es?«

Hetty fühlte ihr Gesicht rot und wieder blaß werden. Sie dachte, dieser Kutscher müsse etwas von ihr wissen, kenne vielleicht Adam und würde ihm erzählen, wohin sie gegangen sei; denn Landleute können sich kaum denken, daß die, welche in ihrem eigenen Dorfe eine Rolle spielen, nicht überall bekannt sind, und eben so wenig vermochte Hetty einzusehen, daß zufällig hingeworfene Worte genau auf ihre Verhältnisse passen konnten. Sie war so erschrocken, daß sie nicht zu antworten vermochte.

»He he he!« sagte der Kutscher, als er bemerkte, daß sein Scherz nicht sehr freundlich aufgenommen wurde, »Ihr müßt das nicht so ernst nehmen; ist er schlecht gegen Euch gewesen, nehmt 'nen andern. So 'n hübsches Mädel wie Ihr kriegt alle Tage einen Liebsten.«

Als Hetty allmählich merkte, der Kutscher mache keine weiteren Anspielungen auf ihre persönlichen Verhältnisse, da legte sich ihre Furcht, aber sie hütete sich doch, ihn nach den weiteren Stationen bis Windsor zu fragen, sondern sagte ihm, sie ginge bloß hier in die Nähe, und als der Wagen auf der nächsten Station hielt, machte sie sich mit ihrem Korbe eilig davon in einen andern Teil der Stadt. Bei ihrem Plane, nach Windsor zu gehen, hatte sie nur an die Schwierigkeiten des ersten Fortkommens gedacht, und als sie diese durch den Vorwand eines Besuchs bei Dina überwunden hatte, flogen ihre Gedanken, ohne sich bei den Wechselfällen der Reise selbst aufzuhalten, sofort zu dem Wiedersehen mit Arthur und dem Empfang bei ihm hinüber. Sie wußte vom Reisen so gar nichts, daß sie an die Einzelheiten nicht weiter dachte, und mit ihrem vielen Gelde in der Tasche – ganze drei Goldstücke – hielt sie sich reichlich versorgt. Erst als die Fahrt bis Stoniton so viel kostete, fing sie an, sich zu ängstigen, und ihre Unkenntnis des Weges fiel ihr schwer aufs Herz. Von dieser neuen Sorge bedrückt ging sie in den finster blickenden Straßen von Stoniton hin und her und kehrte endlich in einem ärmlichen, kleinen Wirtshause ein, wo sie ein billiges Unterkommen für die Nacht zu finden hoffte. Hier fragte sie den Wirt, ob er wisse, durch welche Orte der Weg nach Windsor führe.

»Nach Windsor? das kann ich so genau nicht sagen. Windsor muß ungefähr bei London sein, weil der König da wohnt. Jedenfalls müßt Ihr erst nach Ashby, das liegt südlich von hier. Aber bis London – ja, da giebt es noch so viele Orte, wie Häuser in Stoniton sind, so sagt man wenigstens. Ich bin selbst nie auf Reisen gewesen. Aber wie kommt Ihr, ein einzelnes junges Mädchen, dazu, Euch auf eine so weite Reise zu machen?«

»Ich will meinen Bruder besuchen, er ist in Windsor Soldat,« antwortete Hetty, die bei der Frage des Wirts fast erschrak. »Ich kann das teure Fahrgeld für den Wagen nicht bezahlen; es geht ja wohl morgen früh ein Karren nach Ashby.«

»Ja, Karren gehen schon, wenn man nur wüßte, wo sie abfahren, aber Ihr könntet die ganze Stadt absuchen, ehe Ihr das herausbrächtet. Am besten ist's, Ihr macht Euch früh auf und geht und verlaßt Euch auf eine Gelegenheit unterwegs.«

Wie Blei fiel der armen Hetty jedes Wort auf die Seele; jetzt sah sie die Reise Stunde für Stunde sich dehnen; schon nach Ashby zu kommen schien schwierig; vielleicht dauerte es einen ganzen Tag, und gegen den Rest des Weges war das noch nichts. Aber es mußte geschehen, sie mußte zu Arthur. – O, wie sehnte sie sich, wieder jemand bei sich zu haben, der für sie sorge! Nie war sie morgens aufgestanden ohne die Gewißheit, bekannte Menschen zu sehen, auf die sie ein anerkanntes Recht hatte; ihre weiteste Reise war nach Rosseter gewesen, wohin sie ihr Onkel auf seinem Pferde mitgenommen hatte; ihre Gedanken hatten immer in erträumtem Vergnügen geschwelgt, weil die eigentliche Arbeit ihres Lebens andere für sie thaten, und nun sollte dieses kleine Kätzchen von einer Hetty, die bis vor wenigen Monaten höchstens den Schmerz gekannt hatte, Marie Burge um ein neues Band zu beneiden oder Tottys wegen von ihrer Tante ausgescholten zu werden, ihre friedliche Heimat auf immer verlassen, durch die Welt ziehen, einsam, nichts vor Augen als eine ungewisse Hoffnung! Zum erstenmale fühlte sie jetzt, wo sie sich auf dem fremden, harten Bett ausstreckte, daß sie eine glückliche Häuslichkeit gehabt habe, daß ihr Onkel sehr gut gegen sie gewesen sei, und ihr ruhiges Los in Hayslope unter lauter bekannten Sachen und Menschen, wo sie auf ihr eines, bestes Kleid und ihren besten Hut ihren kleinen Stolz setzte und vor niemandem etwas zu verbergen brauchte – wie gern wäre sie zu diesem Lose wieder erwacht! Wie viel hätte sie darum gegeben, wenn all die Aufregung, die sie sonst erlebt, nur ein kurzer, böser Traum gewesen wäre! An alles, was sie verlassen hatte, dachte sie nun mit reuiger Sehnsucht zurück; ihr eigenes Unglück erfüllte ihr das Herz; sie hatte keinen Raum darin für fremde Leiden. Und doch wieder, bis zu dem grausamen Briefe war Arthur so zärtlich und liebevoll gewesen, und die Erinnerung daran hatte immer noch einen Zauber für sie, obschon es nur noch ein beruhigender Trank war, der den Jammer eben erträglich machte. Denn Hetty konnte sich in Zukunft keine andere Existenz denken, als eine verborgene, und für sie wäre ein Leben in der Verborgenheit selbst von Liebe verschönt ohne Reiz gewesen; wie viel weniger denn ein Leben von Schande belastet! Sie sah in der Zukunft keine andere Möglichkeit, als daß Arthur in irgend einer Weise für sie sorge und sie vor Haß und Verachtung schütze. Sie heiraten und zu einer Dame machen, das konnte er nicht, und was er sonst etwa für sie zu thun vermochte, entsprach nicht ihrer Sehnsucht und ihrem Ehrgeiz.

Am andern Morgen stand sie früh auf, genoß zum Frühstück nur Milch und Brot und machte sich auf den Weg nach Ashby. Schwer und grau wie Blei hing der Himmel über ihr, nur am fernen Horizonte schimmerte ein schmaler Streifen Gelb wie eine entschwindende Hoffnung. In ihrer jetzigen Herzensangst über die Länge und Schwierigkeit der Reise fürchtete sie sich am meisten davor, daß ihr das Geld ausginge und sie so arm würde, bei den Leuten betteln zu müssen; denn Hetty hatte nicht nur den Stolz ihrer eigenen Natur, sondern auch den einer stolzen Klasse von Menschen – der Menschenklasse, welche das meiste Armengeld zahlt und am meisten vor dem Gedanken schaudert, von diesem Armengelde selbst etwas nehmen zu müssen. Daß sie für das Medaillon und die Ohrringe, die sie mitgenommen hatte, Geld lösen könne, war ihr noch nicht eingefallen, und sie strengte ihre ganze kleine Rechenkunst an, um heraus zu bringen, zu wie viel Mahlzeiten und wie viel Meilen im Wagen die beiden Goldstücke und das bißchen Silbergeld wohl reichten.

Die erste Stunde hinter Stoniton schritt sie rüstig weiter; aber als sie endlich an einem Meilenstein sah, eine wie kleine Strecke sie erst zurückgelegt habe, da sank ihr der Mut. Nach einer so kurzen Strecke Weges fühlte sie sich schon müde und beinahe wieder hungrig von der frischen Morgenluft; denn obschon an häusliche Thätigkeit gewöhnt, war ihr das Wandern im Freien ungewohnt. Während sie noch den Meilenstein anblickte, fühlte sie im Gesicht einige Tropfen: es fing an zu regnen. Das war wieder etwas Neues, woran sie in ihrer Betrübnis nicht gedacht hatte, und ganz niedergedrückt durch diese plötzliche Vermehrung ihrer Last setzte sie sich auf einen Stein am Wege und schluchzte krampfhaft. Der Anfang von Mühseligkeit ist wie der erste Bissen von einer bittern Speise; für den Augenblick scheint er unerträglich, aber wenn wir nichts weiter für den Hunger haben, nehmen wir einen zweiten Bissen und finden es möglich, damit fortzufahren. Als Hetty sich von dem Anfall von Weinen erholt hatte, nahm sie ihren schwindenden Mut zusammen: es regnete, und sie mußte versuchen, ein Dorf zu erreichen, wo sie ein Unterkommen finden und sich ausruhen könnte. Indem sie mühsam weiter ging, hörte sie hinter sich das Rollen von schweren Rädern; langsam schleichend kam ein bedeckter Karren heran, dessen Führer neben den Pferden herging und sie antrieb. Es war ein großer, derber Mann, dem ein Sack als Mantel über die Schultern hing. Sie hätte kaum gewagt, ihn anzusprechen, aber vorn auf dem Wagen saß ein kleines Hündchen; sonst wäre ihr ein solches Tier gleichgültig gewesen, jetzt gaben ihr seine sanften Augen Mut, den Fuhrmann anzureden.

»Ihr könntet mich wohl auf Eurem Wagen mitnehmen, wenn Ihr nach Ashby fahrt,« sagte Hetty; »ich will Euch auch dafür bezahlen.«

»Ja wohl,« antwortete der große Kerl mit jenem langsamen Lächeln, welches dummen Gesichtern eigen ist, »ich kann Euch recht gut mitnehmen, auch ohne Bezahlung, wenn Ihr Euch gefallen laßt, ein bißchen unbequem auf den Wollsäcken zu liegen. Wo seid Ihr denn her und was wollt Ihr in Ashby?«

»Ich bin aus Stoniton und will weit von hier, nach Windsor.«

»Wie, sucht Ihr einen Dienst, oder was sonst?«

»Ich will meinen Bruder besuchen, er ist da Soldat.«

»Schön, schön; ich fahre bloß bis Leicester, aber ich will Euch mitnehmen, wenn es Euch nur nicht zu lange dauert. Euer Gewicht werden die Pferde wohl nicht spüren, so wenig wie von dem kleinen Hunde da vorne, der mir neulich auf der Chaussee zugelaufen ist. Kommt her, gebt mir Euren Korb und laßt mich Euch hinaufheben.«

Auf den Wollsäcken zu liegen war für Hetty jetzt eine wahre Herrlichkeit, und sie verschlief manche Stunde, bis der Führer des Karrens zu ihr trat und sie fragte, ob sie nicht etwas essen wolle. In später Nacht kamen sie nach Leicester, und so war der zweite Tag der Reise überstanden. Sie hatte kein Geld ausgegeben, außer für ihr Essen, aber sie fühlte, daß ihr das langsame Reisen auf die Dauer unerträglich sei, und am andern Morgen fragte sie in einem Postbureau nach, ob ihre Mittel wohl ausreichten, einen Teil der Reise im Wagen zu machen. Aber die Entfernungen waren zu groß, das Fahrgeld zu hoch; sie mußte den Plan aufgeben, und der einzige Vorteil, den sie von ihrer Erkundigung hatte, war der, daß ein freundlicher Beamter ihr die Namen der Hauptorte aufschrieb, über welche der Weg nach Windsor führte. Und so wanderte sie weiter, bald einen Karren, bald eine Wagengelegenheit benutzend, bald wieder einige Stunden zu Fuß, allein, müde, traurigen Herzens, von allen Leuten angegafft, da sie ihr Antlitz hätte verbergen mögen – sie, die sonst so gerne sich von allen angaffen ließ! – und bisweilen mit rohen Späßen heimgesucht, die sie empörten. So ging es vier Tage lang weiter. Das fruchtbare Land mit den weiten Gefilden und mit Landhäusern und Dörfern und Flecken besät, von denen ihrem gleichgültigen Auge immer eins aussah wie das andere, schien gar kein Ende nehmen zu wollen; es kam ihr vor, als müsse sie ewig im Kreise herumwandern. Endlich, als sie nur noch eine Tagereise von Windsor war, konnte sie es vor Ungeduld und Erschöpfung nicht mehr aushalten, und sie beschloß, den letzten Teil des Weges zu fahren, wenn es sie auch das letzte Geld kostete. In Windsor hatte sie ja nichts mehr nötig als Arthur. Sie behielt nur einen Schilling übrig, und als um die Mittagsstunde des siebenten Tags ihrer Reise der Wagen vor dem grünen Mann in Windsor hielt, kam der Kutscher an sie heran und bat sie um ein Trinkgeld. Sie holte den Schilling aus der Tasche, aber in dem Gefühle ihrer Erschöpfung und bei dem Gedanken, daß sie, ehe sie Arthur aufsuche, doch einer Erquickung bedürfe, kamen ihr die Thränen in die Augen, als sie das letzte Geldstück weggeben sollte. Sie sah dem Kutscher mit ihren dunkeln, feuchten Augen ins Gesicht und sagte: »könnt Ihr mir die Hälfte herausgeben?«

»Nein, nein,« antwortete er mit rauher Stimme, »laßt das nur, steckt Euren Schilling wieder ein.«

Der Wirt zum Grünen Mann hatte diesen Vorgang mit angesehen. Er war einer von denen, die im behaglichen Wohlleben so gutmütig bleiben, wie sie wohlbeleibt werden. Freilich das liebliche, thränenfeuchte Antlitz Hettys wäre wohl den meisten Männern zu Herzen gegangen.

»Kommt herein, Mädchen, hier herein!« sagte er, »und genießt etwas; Ihr seid ja ganz erschöpft, man sieht's Euch an.«

Er führte sie in das Schenkzimmer und sagte zu seiner Frau: »Da Frau, nimm das Mädchen mit in die Wohnstube, sie ist sehr angegriffen« – denn Hettys Thränen flossen jetzt reichlich, krampfhafte Thränen der Erschöpfung; sonst hatte sie ja keinen Grund mehr zu weinen, und sie ärgerte sich, daß sie zu schwach und matt sei, um sich dessen erwehren zu können. Endlich war sie ja in Windsor, in Arthurs Nähe.

Mit gierigen, hungrigen Augen blickte sie auf das Brot und Fleisch und Bier, welches die Wirtin ihr brachte, und die nächsten Minuten vergaß sie alles über dem köstlichen Gefühl, ihren Hunger zu stillen und sich von ihrer Erschöpfung zu erholen. Die Wirtin saß ihr gegenüber, als sie aß, und sah sie ernsthaft an. Kein Wunder; Hetty hatte ihren Hut abgelegt und die Locken hingen ihr lose um den Kopf; ihr junges, schönes Gesicht sah in der Erschöpfung um so rührender aus, und bald richteten sich die Augen der guten Frau auch auf Hettys Gestalt, die sie bei dem eiligen Ankleiden auf der Reise versäumt hatte geschickt zu verbergen.

»Nun, Ihr scheint mir nicht ganz dazu gemacht, auf Reisen zu gehen,« sagte sie und blickte bei diesen Worten auf Hettys Hand, die keinen Ring am Finger trug. »Kommt Ihr weit her?«

Hetty merkte an dieser Frage, daß sie sich mehr zusammennehmen müsse, und da sie sich nach dem Essen kräftiger fühlte, so antwortete sie: »Ja, ich habe eine lange Reise gemacht, die mich sehr angegriffen hat. Aber jetzt fühl' ich mich besser. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, wo ich nach diesem Hause hier komme?« und dabei zog sie ein Stück Papier aus der Tasche: es war der Streifen von Arthurs Briefe, wo er ihr seine Adresse aufgeschrieben hatte. Inzwischen war auch der Wirt hereingekommen und fing an, sie ebenso ernsthaft anzusehen, wie seine Frau gethan. Er nahm das Stückchen Papier in die Hand, welches Hetty über den Tisch ihm entgegenhielt, und las die Adresse.

»Was wollt Ihr denn in dem Hause?« fragte er. Gastwirte und alle solche Leute, die selbst nichts eiliges zu thun haben, fragen gern so viel wie möglich, ehe sie eine Antwort geben.

»Ich will einen Herrn sprechen, der da wohnt,« antwortete Hetty.

»Aber da wohnt kein Herr jetzt,« entgegnete der Wirt. »Das Haus steht leer, schon seit vierzehn Tagen. Und wie heißt denn der Herr, zu dem Ihr wollt? Vielleicht kann ich Euch sagen, wo Ihr ihn finden könnt.«

»Es ist Kaptän Donnithorne,« sagte Hetty mit zitternder Stimme, und ihr Herz zuckte krampfhaft zusammen, daß ihr die Hoffnung fehlschlug, Arthur sogleich zu treffen.

»Kaptän Donnithorne? Halt mal!« antwortete der Wirt langsam. »War der nicht in der Loamshire-Miliz? Ein hübscher, großer Offizier, hatte blondes Haar und einen rötlichen Backenbart, und sein Bedienter hieß Pym?«

»Ja, ja!« sagte Hetty; »Ihr kennt ihn also, wo ist er?«

»O, der ist manch' liebe Meile von hier; die Loamshire-Miliz ist nach Irland, schon seit vierzehn Tagen.«

»Da, sieh! Sie wird ohnmächtig,« sagte die Wirtin und beeilte sich, Hetty in ihren Armen aufzufangen, die ihr trauriges Bewußtsein verloren hatte und aussah wie eine schöne Leiche. Sie trugen sie aufs Sofa und machten ihr das Kleid los.

»Das ist 'ne böse Geschichte, wie mir scheint,« sagte der Wirt, nachdem er etwas Wasser geholt hatte.

»Na, was das für 'ne Geschichte ist, das ist klar genug,« erwiderte die Frau. »Sie ist kein gewöhnliches, leichtsinniges Mädchen, das sieht man ihr an. Sie sieht wie ein anständiges Landmädchen aus, und nach ihrer Aussprache zu schließen muß sie recht weit her sein. Sie spricht beinah wie der Hausknecht, den wir mal aus dem Norden hatten; er war der ehrlichste Dienstbote, den wir je gehabt haben; die Leute sind alle ehrlich da oben im Norden.«

»So 'n hübsches, junges Mädchen hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen,« sagte der Mann. »Sie ist wie ein Bild im Kunstladen. Es geht einem zu Herzen, wenn man sie ansieht.«

»Für sie wär's viel besser, wenn sie häßlicher gewesen und sich besser aufgeführt hätte,« sagte die Wirtin, die sicherlich mehr »gute Aufführung« als Schönheit hatte. »Aber sie kommt wieder zu sich; hole noch etwas Wasser.«

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