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Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz

Andreas Gryphius: Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
authorAndreas Gryphius
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007982-9
titleAbsurda Comica Oder Herr Peter Squentz
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1658
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Der Dritte Auffzug.

Die Personen alle.

Theodorus.
Unsere Comoedianten verziehen ziemlich lange.

Cassandra.
Gut Ding wil Zeit haben.

Serenus.
Jch zweiffele / daß bey ihnen das erste / derowegen halten sie sich an das letzte / vielleicht wird auß der Tragoedi von Pyramo und Thisbe der Carolus quinq; oder Julius unus.

Violandra.
Herr P. Sq. schiene sonst ziemlich leichte: Wo ihm die andern nicht Gegenwage halten / dürffte ihn der Westwind so weit hinwegführen / daß er von Ritter Arto nicht leicht zu ereylen.

Eubul.
Mich bedaucht sie kommen. Jch höre ein gepolter vor der Thür.

Seren.
Es ist nicht anders / Herr Peter Sq. beginnet sich zu reuschpern.

Violand.
Die Morgenröte bricht an / die Sonne wird bald auffgehen.

Theodor.
Man schaue und wundere sich. Wenn man deß Wolffes gedencket so kömt er. Was wil der alte Lappe mit dem höltzernen Ober-Rocken?

Eubul.
Den träget er an stat deß Zepters / weil er sich zum Vorreder deß Traur-Spiels auffgeworffen.

Seren.
Es ist kein Kinderwerck / wenn alte Leute zu Narren werden.

Peter Squentz beginnet nach gethaner altfränckischen Ehrerbittung sein traurig Lust-Spiel.

P. Sq.
Jch wündsche euch allen eine gute Nacht.
Dieses Spiel habe ich Herr Peter Sq. Schulmeister und Schreiber zu Rumpels-Kirchen selber gemacht.

Seren.
Der Vers hat schrecklich viel Füsse.

P. Sq.
So kan er desto besser gehen. Jhrer werden noch mehr dergleichen folgen: nun stille! und macht mich nicht mehr Jrre.

Doch mangelts wol umb einen Birnenstiel.
Fünff Actos hat das schöne Spiel.
Daran hab ich drey selber erticht
Die andern 2. hat M. Lollinger der Leinweber in die falten gericht.
Jst ein Meister Sänger und kein OX,
Versteht sich wol auff Equifox,
Wir haben gesessen manche liebe Nacht /
Eh' wir die fröliche Tragoedi zu wege bracht.
Nu was deß Spiels Summiren summarum sey.
Sag' ich euch hier mit grossem Geschrey.

Hierauff verstummt er und kratzt sich im Kopff.

Cassandra.
Vor diesem Geschrey kan man noch wol bleiben.

P. Sq. (Nach langem Stillschweigen.)
Je du diebischer Kopff! hastu den Dreck denn gar müssen vergessen! Nun das ist die erste Sau / der Comoedianten sind 7. Wenn ein jedweder eine macht / so haben wir ein halb Tutzend weniger zwo. Ey hertzer lieber Herr König / habet mir doch nichts für übel / ich habe es zu Hause schlappermentsch wol gekönnt / ich wils mit meinem Weibe und allen Mitgesellen bezeugen. Ey. Ey. Ey. Ey.

Er suchet eine lange weile den Zedtel / als er ihn zuletzt in dem lincken Ermel funden / da setzt er die Prülle auff / und sihet auffs Papier darnach fähret er fort.

Ein kühner Degen heist Piramus.
Der Tragiret den ersten Actus.
Die Liebe / der reudichte schäbichte Hund /
Hat ihm seine 5. Sinnen verwundt /
Er klaget über die liebliche Pein /
Und wolte so gerne erlöset seyn.
Die Thisbe find sich bey der Wand /
Und redet durch das Loch mit Verstand.

Serenus.
Hilff Gott das sind treffliche Vers.

Cassandra.
Nach Art der alten Pritschmeister Reymen.

Theodorus.
Wenn sie besser wären / werden wir so sehr nicht drüber lachen.

P. Sq.
Thisbe zeucht auß in schneller eyl
Dem Piramus seinen Liebes-Pfeil /
Und klaget ihm daß ihr die Lieb
Gekruchen in den Bauch so trieb /
Als sie geschlaffen unter dem Baume faul /
Und auffgelassen ihr grosses Maul.
Piramus verspricht ihr zu helffen /
Sagt / sie solte nicht so gelffen /
Bestellet sie zu einem Brunnen /
Bey dem Mondenschein / nicht bey der Sonnen.
Als sie dahin sich nun begeben
Kommet ein grimmiger Löwe eben
Sie erschrickt und lässt den Mantel fallen /
Jn dem thut Piramus auch herwallen /
Und weil sich der Löwe auff den Mantel gestreckt
Und Jungen droben außgeheckt /
Findet er den bluttigen Mantel /
Das macht ihm gar einen bösen Handel /
Er meint der Löwe habe Thisben gefressen /
Darumb wil er nicht mehr Brod essen /
Er ersticht sich und bleibet tod /
Genade ihm der liebe Gott.
Thisbe läst sich dadurch betrügen /
Denn als sie ihn findet todt liegen /
Fällt sie in sein Schwerdt auch
Und ersticht sich in ihren Bauch.
Jhr dürfft euch aber nicht entsetzen /
Wenn Thisbe sich so wird verletzen /
Sie ersticht sich nicht / es ist nur Schimpff!
Wir wollen schon brauchen Glimpff.
Auch lasst euch gar nicht diß betrüben
Wenn der schreckliche grimmende brüllende Löw wird einher schieben.
Jm übrigen sag ich euch diß für wahr /
Es sol nicht fehlen umb ein Haar /
Wo ihr das Lachen nicht werdet lassen /
So werde ich euch schlagen auff die Taschen:
Jch sag euch das / ihr Alten und Jungen
Jch werd euch schlagen auff die Zungen.
Speyet auß und räuschpert euch zuvor /
Und gebet uns denn ein liebreiches Ohr.
Jhr werdet hier schöne Sachen fassen /
Wenn ihr euch nur wollt lehren lassen;
Nun mangelts nur an diesem allein /
Daß ich euch weise die Comoedianten mein.
Kompt herauß liebe Comoedianten,
Die liebe Zeit ist nun verhanden /
Daß wir unsere schöne Gedicht /
Mit der Zeit bringen an das Licht
Nun gehet dreymahl auff und nieder
Stellt euch an diese Seite wieder.
Nun tretet noch einmahl herumb /
Meister Mondschein ey gehet nicht so krumb!
Meister Bullabutän kommet zur hand
Und vertrit in dem Spiel die Wand /
Denn kommt Piramus unverdrossen
Auch Thisbe macht ihm WunderPossen.
M. Kricks über und über ist der Mond /
Er scheint und leucht im höheren Thon.
Der Löwe aber stehet noch in jener Ecken /
Damit ihr ja nicht dürfft erschrecken /
Er wird aber zu rechter Zeit wol kommen
Eh' ihr es meint / hört ihr ihn nicht schon brummen?
Meister Lollinger wird Brunnen seyn /
Schaut nur wie fein er geht herein!
Nun tretet nur wieder an euren Ort
Und sprecht hernach wol aus alle Wort /
Jch habe itzt nicht mehr zu verrichten /
Als / daß ich sitze in diesem Winckel tichten /
Und gebe wol acht in meinem Büchelein /
Ob sie das Spiel tragiren fein.

Peter Sq. setzet sich auff einen Schemmel / nimt die Prülle / setzet sie auff die Nasen / als er aber sein Exemplar ansehen wil / stösset ein Hofediener an den Schemmel / daß Peter Sq. über und über fällt / als er aufgestanden / spricht er wider den König.

P. Sq.
Herr König / es giebet leider viel Narren auff eurem Hofe.

Eubul.
Gott lob! da kommt die Wand.

Cassand.
Treffliche Erfindungen!

Serenus.
Lasst uns hören / ob diese Wand auch reden werde?

M. Bullabut.
Jhr Herren höret mir zu mit offnen Ohren /
Jch bin von ehrlichen Leuten gezeuget.
Mein Groß-Vater ward gefangen und gebunden
Und wie man saget / so ist Er abgezogen /
Mein Vater war der Bettler König /
Er hat mir warhafftig gelassen nicht gar viel /
Meiner Mutter hat es wol gelückt /
Daß man sie hat nach Fischen gesand.
Jch habe in meinen jungen Jahren
Warhafftig sehr viel und mancherley gelernet /
Meine Schwester hat eine schöne Stirn
Und darauff einen Flecken wie ein Apffel.
Es wolte sie schier keiner nehmen /
Jch darff mich meines Geschlechtes nicht verdriessen.
Als ich nun herumb lieff wie ein Pracher /
Thet man mich zu einem Blasebalcke-Erfinder /
Als ich da gelernet in meiner Jugend /
Weißheit / Verstand und grosse Kunst.
Hat mich Herr P. Sq. tüchtig erkant /
Daß ich sol sein in diesem Spiel die Maure /
Nun steh' ich hier auff diesem Plan
Jhr dürfft nicht so ansehen mich /
Jch bin die Maur das solt ihr wissen
Und solt es euch allen mit einander leid seyn.

Piramus gehet etliche mal stillschweigend auff und nieder / endlich fraget er P. Squentzen.

Piram.
Was sol ich mehr sagen?

P. Sq.
Das ist die andere Sau.

Pir.
Das ist die ander Sau. Aber nein / es stehet nicht so in meinem Zedel.

P. Sq.
Gleich wie.

Pir.
Ja / ja / ja / ja / Gleich wie / Gleich wie /
Gleich wie die KühBlum auff dem Acker
Verwelckt / die frü gestanden wacker
So trucknet aus der Liebesschmertz
Der Menschen ihr gar junges Hertz.
O Wasser! O Wasser! ich brenn ich brenn!
Daß ich mich selber nicht mehr kenn /
Ja Cupido, du Beerenhäuter /
Du hast verderbt einen guten Reuter /
O süsse Liebe / wie bistu so bitter /
Du sihest auß wie ein Moßkewitter
Ey / Ey wie krübelt mir der Leib /
Nach einem schönen jungen Weib!
Die Thisbe ist / die mich so plaget /
Nach der meine arme Seele fraget /
Jch weine Threnen auß / wie Flüsse
Wie ungeheure Wassergüsse /
Und kan sie doch nicht sprechen an /
Die Wand hat mir den possen gethan
Du lose Gotts verfluchte Wand
Jch wolte daß du wärst verbrannt.
Du leichtfertige diebische Wand
Warumb bist du nicht in Stücken gerandt?

Violandr.
Daß muß eine fromeWand seyn / daß sie sich gar nichts zu verantworten begehret.

M. Bullab.
Ja ich habe nichts mehr auff meinen Zedel / darff auch nichts mehr sagen / ich wolt es ihm sonst auch wol unter die Nasen reiben.

Pir.
Du lose ehrvergessene Wand.
Du schelmische / diebische / leichtfertige Wand.

M. Bullab.
Ey Pickelhäring / das ist wider Ehr und Redligkeit / es stehet auch in dem Spiel nicht / du kanst es aus deinem Zedel nicht beweisen. Jch bin ein Zunfftmässiger Mann. Mache / daß es zu erleyden ist / oder ich schlage dir die Wand umb deine ungewaschene Gusche.

Piram.
Du rotziger Blasebalckemacherischer Dieb! Solst du mich dutzen? weist du nicht / daß ich ein Königlicher Diener bin? Schau / das gehöret einem solchen Holuncken.

Pickelhäring schläget Bullabutän in den Hals / Bullabutän schläget ihm hergegen die Wand umb den Kopff / sie kriegen einander bey den Haaren und zerren sich hurtig auff dem Schauplatz berumb / worüber die Wand schier gantz in Stücken gehet. Peter Squentz suchet sie zu scheiden.

P. Sq.
Daß müsse GOtt im Himmel erbarmen! das ist die 3. Sau. Je schämet ihr euch denn nicht für dem Könige? Meinet ihr / daß er eine Hundsfutte ist? höret auff in aller Hencker Namen / höret auff / höret auff / sage ich. Stellet euch in die Ordnung / sehet ihr nicht / daß Thisbe herein kömpt?

Bullabutän trit mit der zerrissenen Wand wieder an seinen Ort.

Thisbe.
Wo sol ich hin / wo komm ich her?
Jch sinne bey mir die länge und quer
Mein gantzes Hertz' im Leibe bricht /
Vertunckelt ist mein Angesicht /
Die Liebe hat mich gantz besessen
Und wil mir Lung und Leber fressen /
Jch weiß nicht / wie sie mir den Bauch
Gemacht so pucklicht und so rauch!
Ach Piramus du edles Kraut
Wie hast du mir mein Hertz zuhaut /
Ach! Ach! könnt ich doch bey dir seyn
Mein hertzes liebes Schätzelein.
Ach / daß ich einmal bey dir wär!
Ja wenn die lose Wand nicht wär.

Cassand.
Jtzt wird es wieder über die arme Wand gehen.

Seren.
Jch möchte die Wand nicht sein in diesem Spiel.

Thisbe.
Doch schau / was seh' ich hier vor mir /
Ein Loch so groß als eine Thür.
Du liebe holdselige Wand!
Gebenedeyet sey die Hand /
Die ein solch Loch durch dich that drehen.
O könt ich doch nun Piramum sehen
Doch schau! doch schau! er kommt gegangen
Mit einem Degen gleich einer Stangen /
Jch höre seine Sporne klingen
Die Music thut so lieblich singen
Ach seht sein schönes kleines Maul /
Das grüselt wie ein Acker Gaul.

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