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Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz

Andreas Gryphius: Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
authorAndreas Gryphius
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007982-9
titleAbsurda Comica Oder Herr Peter Squentz
pages3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1658
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Der Ander Auffzug.

Theodorus. Cassandra. Violandra. Serenus. Eubulus. P. Squentz.

Theodorus.
Wir erfreuen uns höchst / das wir den nunmehr vergangenen Reichs-Tag glücklich geendet / auch anwesende Abgesandten mit guter Vergnügung abgefertiget / mit was Kurtzweil Herr Marschalck passiren wir vorstehenden Abend?

Eub.
Durchläuchtigster König / es hat sich verwichene Tage ein Seichtgelehrter Dorff-Schulmeister nebens etlichen seines gleichen bey mir angemeldet / welcher willens vor ihrer Majestät eine kurtzweilige Comoedi zu agiren, weil ich denn dieselbe sehr annehmlich befunden / in dem ich dem Versuch beygewohnet; habe ich die gantze Gesellschafft auff diesen Abend herbeschieden / und zweiffele nicht / ihre Majestät werden sich ob der guten Leute Einfalt und wunderlichen Erfindungen nicht wenig erlustigen.

Cassandra.
Wir sehen sehr gerne Comoedi und Tragoedien. Was Jnhalts deß Spieles lassen sie anmelden.

Eub.
Durchläuchtigste Princessin sie haben mir ein groß Register voll überreichet / aus welchen Jhrer Majestäten frey stehet auszulesen / was sie am angenehmsten düncket.

Seren.
Leser uns doch die Verzeichnüß.

Eub.
Ein schön Spiel von der Verstörung Jerusalem. Die Belägerung von Troja. Die Comoedia von der Susanna. Die Com. von Sodom und Gomorrha. Die Trag. von Ritter Petern mit dem Silbernen Schlüssel. Vom Ritter Pontus. Von der Melusina. Von Artus und dem Ostwind. Von Carolus quinque. Die Comoedie von Julius unus. Vom Hertzog und dem Teuffel. Ein schön Spiel lustig und traurig / kurtz und lang / schrecklich und erfreulich von Piramus und Thisbe hat hinten und forn nichts / niemals vor tragiret und noch nie gedrucket / durch Peter Squentz Schulmeistern daselbst.

Seren.
Es scheinet die guten Schlucker können keine als die letzte / darumb sie denn solche sonderlich außgestrichen / ruffet nur den Principal selber herein / ich muß mich was mit ihm unterreden.

Eub.
Durchläuchtigster Fürst / es ist ein schlechter guter Mann / er wird sich zweifels ohn entsetzen / und damit kommen wir umb die Comoedi und verhoffte Lust.

Seren.
Fodert ihn herein / wir wollen schon wissen mit ihm umbzugehen.

Eub.
Dieses ist die bewuste Person / Durchläuchtigster Fürst.

Seren.
Seyd ihr der Author der Comoedi?

P. Sq.
Ja mit züchten zu melden Juncker König.

Theodor.
Von wannen seyd ihr?

P. Sq.
Tugendsamer Herr König ich bin ein Ober-Länder.

Theodor.
Wo habt ihr studiret?

P. Sq.
Jm Mägdeflecken auff der Neustad.

Theodor.
Was habt ihr studiret?

P. Sq.
Jch bin ein Universalem, das ist in allen Wissenschafften erfahren.

Theodor.
Wo haltet ihr euch auff?

P. Sq.
Vor diesem bin ich wolbestelter Glockenzieher deß Spittelglöckleins gewesen / weil ich mich aber aber diese massen auff die Music deß Glockengeklanges verstanden / bin ich nun mehr zu Rumpel-Kirchen wolbestelter Handlanger des Wortes Gottes / das ist Schreiber und Schulmeister auch Expectant deß Pfarr-Ampts / wenn die andern alle werden gestorben seyn.

Theodor.
Seyd ihr denn auch tüchtig darzu?

P. Sq.
Ja freylich / in der gantzen Welt sind 4. Theil / Europa, Asia, Africa und America, unter diesen ist Europa das vornembste / in Europa sind unterschiedene Königreiche / als Spanien / Portugall / Franckreich / Deutschland / Moschkau / Engelland / Schottland / Dennemarck und Pohlen / unter allen aber ist Ober-Land das vornembste / weil es über Niederland / Oberland wird getheilet in Groß- und Klein-Oberland. Groß-Oberland hat den Vorzug / dannenhero heist es auch groß. Jn groß Ober-Land sind unterschiedene Creisser / als der Niesische / Gryllische / Würmische mit ihren vornehmsten Städten / als Fortzenheim / Narrenburg / Weißfischhausen / Kälberfurtz / Mägdeflecken. Diese letztere ist die trefflichste / denn die Mägdlein oder Jungfern haben wieder den Vorzug / denn sie gehen voran. Zu Mägdeflecken gibt es unterschiedene Gassen / als die lange / die breite / die enge / die rechte / die krumme / die Rosmarin-Gassen. Die Graupen-Gasse. Die Kerbe-Gasse. Die Lilien-Gasse / welche andere mit Verlaub aus Haß und Neyd die Dreck-Gasse nennen / unter allen ist die Lilien-Gasse die trefflichste / denn auff derselben wohneten vor Zeiten viel vornehme gelehrte Leute / als Meister Girge Hackenbanck / Matz Stroschneider / Meister Bulla-Butän / Meister Kricks über und über und Meister Klipperling / unter allen aber war ich der vornehmste. Ergò kan es nicht fehlen ich bin der vornehmste Mann in der gantzen Welt / das ist in Europa, Asia, Africa und America, ist mir niemand gleich.

Theodor.
Wir nehmen mit höchster Verwunderung an was ihr vorbringet / und erfreuen uns / daß wir so statliche und treffliche Leute in unserm Lande haben.

Seren.
Aus so vielen Comoedien, die ihr zu agiren willens / begehren Jhre Majestat die erste zu sehen / von der Verstörung Jerusalem.

P. Sq.
O potz tausend felten.

Seren.
Was sagt ihr darzu? nun wie stehet ihr so / was krümmert ihr lange im Kopffe?

P. Sq.
Die wolten wir wol tragiren, aber ihr müst uns zuvor Jerusalem lassen bauen / da wolten wir es zustören und einnehmen.

Seren.
Wie stehets denn mit der Belägerung von Troja?

P. Sq.
Es ist ein Ding.

Seren.
Und was macht denn die schöne Susanna?

P. Sq.
Wir wolten die wol tragiren, aber es werde übel stehen vor dem Frauen Zimmer / wann sich die Susanna nackend baden solte.

Seren.
Was sagt ihr denn zu Sodom und Gomorrha?

P. Sq.
Die wolten wir wol tragiren, aber es werde viel Feuerwerck dazu gehören / wir möchten vielleicht den Teuffel gar anzünden.

Seren.
Was sol man denn mit Rittern Peter machen?

P. Sq.
Die wolten wir wol tragiren, aber ihr müsset noch 14. Tage darauff harren.

Seren.
Wie stehets denn mit Ritter Pontus?

P. Sq.
Die wolten wir wol tragiren, aber Ritter Pontus ist uns daraus gestorben.

Seren.
Können wir die Melusinen sehen?

P. Sq.
Das hat Meister Lollinger wider mein Wissen und Willen dazu gesetzet / den lasse ichs verantworten.

Seren.
Sol denn Artus und der Ostwind mit einander fechten?

P. Sq.
Die wolten wir wol tragiren, aber der / der den Ostwind tragiret, ist itzt zu Schlieren Schlaff nach Wolle gezogen / könnet ihr geduld haben / biß er wieder komt / so wollen wir sehen / wie wir das Spiel zuwege bringen.

Seren.
Was ist denn Carolus quinque vor einer gewesen?

P. Sq.
Er ist seines Namens der Erste gewesen / Julius unus der Andere / aber zu dem ersten mangeln uns die Kleider/ und in der andern Comoedi ist zu viel Lateinisch. Es wurde dem Gestrengen Frauen-Zimmer nur verdrüßlich fallen.

Seren.
Könnet ihr denn den Hertzog und den Teuffel einführen?

P. Sq.
Das könten wir wol thun / aber es würde erschrecklich seyn / wenn der Teuffel kommen solte / die kleinen Kinder würden so drüber weinen / daß man sein eigen Wort nicht vernehmen könte.

Seren.
Nun ich sehe / ihr seyd sehr wol ausgerüstet / es mangelt nun nichts mehr als die letzte von Pyramus und Thisbe.

P. Sq.
Die wollen wir euch den Augenblick hermachen.

Seren.
Jhre Majestät verstehen den Titul nicht wol / könt ihr uns denselben nicht etwas erklären?

P. Sq.
Das kan ich besser als der Cantzler.

Theodor.
Bey Gott P. Sq. düncket sich keine Sau zu seyn.

P. Sq.
Ein schön Spiel / schön wegen der Materie, schön wegen der Comoedianten und schön wegen der Zuhörer / lustig und traurig / lustig ists weil es von Liebes-Sachen handelt / traurig weil zwey Mörde drinnen geschehen / kurtz und lang / kurtz wird es euch seyn / die ihr zusehet / uns aber lang / weil wir es auswendig lernen müssen. Schrecklich und erfreulich / schrecklich weil ein grosser Löwe / so groß als ein Affe drinnen ist / dahero es auch wol Affentheuerlich heissen mag. Erfreulich / weil wir von Jhr Gestr. eine gute Verehrung gewertig sind / hat hinten und forn nichts / ihr sehet wie die Comoedi gebunden ist / sie hat vornen nichts und hinten auch nichts. Niemals vor tragiret und noch nie gedrucket. Jch bin erst vor 3. Tagen mit fertig worden / derowegen ist nicht glaublich / daß sie zuvor tragiret oder gedruckt sey.

Theodor.
Sie wird ja aber in künfftig gedrucket werden.

P. Sq.
Ja freylich / und ich wil sie Jhrer Majestät dediciren, durch P. Sq. der bin ich / Schulmeister daselbst / das ist zu Rumpels-Kirchen.

Cassandra.
Wer wolte das errathen?

P. Sq.
Wer es nicht kan / dem steht es frey / daß er es bleiben lasse. Jch richte mich nach dem Cantzley Stylo. Neulich bekam ich einen Brieff / der war unterschrieben datum Kunrathsheim durch Peter Aschern / Stadtschreibern daselbst. Bin ich nicht so gut als er?

Seren.
Jhr habt euch sehr wol verantwortet / Herr Marschalck man lasse sie in dessen tractiren. Nach vollendeter Abendmalzeit stellet euch mit euren Gehülffen auffs fertigste ein.

P. Sq.
Ja / ja Juncker König / ja.

Serenus.
Bey Gott Herr Marschalck / ihr habet statliche Kurtzweil angerichtet / wo die Tragoedi so anmuttig / wie sich der Anfang anlässet / wird unter den Zusehern niemand eines Schnuptuches zu Abtrucknung der Threnen bedürffen.

Cassandra.
Es wäre denn daß sie im Lachen hervor dringen.

Eubul.
Jhre Majestät werden Wunder sehen und hören / ich hätte selbst nimmermehr vermeinet / daß so vortreffliche Geschickligkeit in Herren Peter Squentz vergraben.

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