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Abraham Abt

Victor Hadwiger: Abraham Abt - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleIl Pantegan / Abraham Abt
authorVictor Hadwiger
year1984
firstpub1912
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-8377-162-4
titleAbraham Abt
pages160
created20140910
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Buch der Sonnenuntergänge und der Sterne

Abraham Abt kniete auf den Stufen der Terrasse vor Beate. Auch seine Hände berührten das zarte Mosaik der Treppe, und die Augen hielten sich fest an einer Zeichnung tanzenden Lebens. Leuchtendes Rosa der Amoretten und Smaragd einer Wiese waren hier Stufe über Stufe zu fröhlichen Bildern gefügt. Es eilte ein Traum an Abraham Abts Augen vorüber, geboren aus diesen Bildern.

Die Sonne schob eine lästige Wolke zurück, weil sie ihn sehen wollte in dieser Verwirrung seiner ersten Liebesnot.

»Ich bin nur der Wortführer meiner Träume, ich, der im Kittel, komme nicht in Betracht vor Dir. Hat sich nicht der Glanz Deines Leibes über mich ausgegossen, küsse ich nicht die Stufen, die zu Deiner Erhöhung führen? Du bist so schön, Adi!« –

Er fühlte, wie dieser Name seine Lippen gedrückt hatte, und darum wiederholte er ihn noch einmal, ganz leise, wie zur Erleichterung. Und dann bestätigte er ihn. »Beate!« –

Aber sie hörte ihn nicht, so nahe er auch war. Unter den gesenkten Lidern sah sie auf ihren Schoß hinunter, ihre Hände bewegten sich im Lichte; ähnlich den Flügeln halbwacher Vögel hoben und senkten sie sich oder sie zitterten leise.

»Ich habe nur Deine Stimme gehört, Abraham Abt, nicht Deine Worte. Deine Stimme hat alles, was ich erfassen kann. Ich will Deine Gedanken nicht. Warum soll ich mich in Deinen Gedanken verirren. Ich weiß, daß auch Du das Letzte sagen könntest, wie Er.«

Abraham Abt stand auf.

»Wer sagt das Letzte, Beate? Es bleibt immer noch ein Rest. Selbst über den Tod dürfen wir hinausgehen, und es wird noch immer etwas zu sagen sein.«

»Meinst Du die Sterne, die über den Gräbern aufgehen?«

»Ja, Beate, vielleicht meine ich die Sterne – oder etwas anderes, zu dem wir hinaufsehen können.«

204 »Warte, bis Leonie zurückkommt. Wir wollen in mein Haus gehen, aber Du mußt mich führen. – Du bist ja so stark.«

»Beate, ich glaube, ich könnte noch viel stärker sein, aber ich habe zu lang zu den Sternen hinaufgesehen, zu den aufgehenden und zu den ganz steten, letzten. Darum habe ich die Alltage so mißverstanden, weil ich mich immer nach den Sternen gesehnt habe. Glaub mir, die Kraft ist alles, und die Kraft ist tief, sie geht unter den Sternen. Darum gilt ihr unser ganzes Fürchten, darum wollen wir immer hier bleiben. Wir könnten doch gehen, kein einziger Tag lehrt uns das Hierbleiben, aber die Kraft. Sie könnte einst nicht mehr sein, denken wir, unsere Geliebte, die Kraft. Sie allein gibt es nicht mehr im Jenseits des Todes. Eine Geliebte aber darf man nicht suchen müssen, zuletzt nicht vergeblich suchen müssen. Sie muß immer da sein, wenn wir sie umarmen wollen.«

Er sah ihr starr in das Gesicht, in dem alles Boden zu suchen schien, einen Boden, auf dem man seine Zweifel ausbreiten und prüfen kann wie fehlerhafte Tücher, mit denen man sich lange verhüllt hatte.

Ein Schweigen dehnte sich zwischen ihnen. Aber sie half ihm mit einem Blick; sie hob die Augenlider, und er sah ihre schönen Augen, die ihn befreien wollten.

»Beate, ich will schweigen, bis Du mir ein Wort gibst, mit dem ich anfangen darf.«

»Abraham Abt, Du hast doch von den Sternen gesprochen. Wenn die Kraft, die Dich erhebt, an den Tod grenzt, dann dürfen Dir Deine Sterne lieber sein. Komm, führe mich in das Haus und erzähle mir von ihnen, wie sie aufgehen und wiederkehren. Denke Dir, wir wären gestorben, und die Sterne gingen über uns hin. Oder willst Du warten, bis Leonie kommt und Er. Sie hören Dich auch so gerne, mit andern Ohren als ich, aber doch sehr gern. – Sieh, dort drüben glüht es. Erhitzte Inseln schwimmen im Himmel. Es sind kleine Wolken, die vor Sehnsucht zu sterben glühen. Aber Deine Sterne sind besser, weil sie wiederkehren und man sie tiefer erfassen kann. Komm mit ins Haus, ich bin so müde, gib Deine Kraft her.«

205 Er umfaßte Beate mit einem Arm und hob sie vom Sitze auf. Sie lächelte in diesem Glück, das ihr das Gehen so leicht machte.

»Bis zu ihm zu gehen, war es immer so schwer. Er liebt die, die allein gehen können. Aber Du, Du bist so stark wie Deine Sprache. Du hebst mich vom Boden auf, während Du gehst. Ich weiß es, Du wirst das Letzte doch noch sagen müssen.«

Er preßte ihre Schulter an sein Gesicht, während er sie trug.

»Beate, Du mußt es mir sagen, das Letzte, dann kann ich es leise wiederholen.«

Sie traten in den kleinen Mittelsaal ein, der fast ein Drittel des ganzen Gebäudes füllte. Der Marquis wollte in diesem Hause ein Stück seines Römertums geben. Der Saal, als Atrium gedacht, öffnete sich oben zu einem Quadrat und empfing den abendlichen Himmel. In dem regengefüllten Bassin unter der Öffnung sahen die Beiden ihre Gestalten sich spiegeln. Die ersten Sterne gingen auf. Der Stern Venus stand mit seinem Spiegelbilde neben ihnen. Dann ließen sie sich auf einem der breiten Ruhebetten nieder, die die Ecken des Gemaches füllten.

»Siehst Du, Abraham, dieser Stern ist sehr treu, das ist der Menschenstern. Ich glaube, den könntest auch Du am schwersten missen.«

»Ich weiß es nicht, Beate, es gibt zu viele, die ich schwer missen kann. Ja, es wird einmal gar keine Sterne mehr geben. Wenn alles Unschöne erwürgt ist, wird man bestraft werden mit dem Verlust aller Sterne.«

»Kannst Du Dir denken, Abraham, daß etwas Unschönes Dich vergiften will, das Du ermorden mußt?«

»Ja, ich könnte selbst etwas Unschönes können, sagen oder tun, das ist meine Furcht. Und dann wird es mich anspringen wie ein Tier oder es wird so still daliegen und mich quälen.«

»Meinst Du ein Gedicht?«

»Nein, ich meine etwas Lebendes, zappelnd Häßliches.«

»Erzähle mir davon, ich verstehe Dich nicht so.«

»Willst Du es hören, daß ich etwas erwürge und dann auf die 206 Sterne warte? So will ich Dir von einem Mann erzählen, der eine Mühle hatte, unweit von meines Vaters Hause. Der ist jetzt tot und quält sich mit der Erde, die über ihm liegt. Höre ihn, wie er schreit und auf die Sterne wartet.

*     *     *

Ich grenze mit meiner Stirne an den Tag. Laß mich meine Arme hochheben, hinein in das viele Licht da oben. Ein Gürtel aus Erde schnürt uns. Wir sterben noch immer vor Haß und Hoffnung, und wie wir so ewig noch immer dahinsterben, wachsen die Wurzeln der Bäume uns entgegen. Es wächst und wächst, mit hohlen Händen warten wir, weil etwas wächst, unser Mund ist weit geöffnet, zu empfangen. Und dann müßtet ihr euch füllen, Hände und Mund, denken die Toten, und sie wälzen die Last ihrer Leichname einander zu und starren einander an aus fragenden Augen. So liegen sie da, so warten sie, Last an Last, Schweigen an Schweigen. Und die Bäume spielen mit den Toten und zeigen ihnen die Qualen der Welt in ihrem Wachsen.

Aber manchmal, da ist ein Rufen unter der Scholle, durch den Wald von Wurzeln kommt es und regt sich uns entgegen; dann müßte man aufstehen können, sich seinen Weg mit den Händen zu graben, einen Weg für seine Füße, mit seinem Nacken die Kinde heben, heraustreten aus der Demut der Gestorbenen, seine Kette zerdrücken wie einen Wurm. Laßt uns feiern, sagen die Toten, daß wir stark werden. Aus unseren Händen blühen Schwerter.

Wir wohnen Stern an Stern. Du weißt nicht, wie man Träume zu Boten macht; Träume sind wie weiße Vögel in der Dunkelheit. Oder weißt Du, wie man Häuser baut aus Küssen und einen Brunnen aus der hohlen Hand? Horch, ich werde erzählen. Ich will nicht ein Toter sein, wenn Du meine Geschichte nicht glauben darfst.

 

Wir kauften eine Mühle auf dem Windhügel, mit großen Greifenflügeln, ein Riesentier von einer Mühle, sag ich Euch.

207 »Dieser Pakt soll uns nicht zum Grame gereichen, Katharina« sagte ich, während ich dem Hans, dem Müller so auf die Finger schielte. Aber wie das beim Paktieren geht, man schneidet dem Tage den Kopf ab mit verdrießlichen Redensarten, da hüpft es, Stunde an Stunde, wie Frösche ins Wasser. Eine zänkische Arbeit das Gründen, und das Platzmachen noch zänkischer. Wir brauchen einen Krug, Müller, zu unserer Einigkeit.

Und eh' der Tropfen den Handschlag bringt, ist die Liebe schon ein Jährchen alt. Das Mädel kann keinen Humpen mehr heben. Da bringt man reifes Korn zur Mühle, eh' sich der Flügel dreht. –

Katharina, es geht jetzt nicht mit dem Hochzeitmachen. Katharina, der Pfaffe zieht ein schiefes Maul, wir wollen warten bis die Mühle mahlt und die Wiege wiegt, dann wollen wirs in aller Stille besorgen.

Das war das erste Kapitel, als ich wartete, und jetzt will ich das zweite berichten, da alles wieder gut werden wollte.

Wir saßen vor unserer Mühle und schauten ins Tal hinunter. »Es kommt heuer bald zur Reife, das Alles da ringsum. Sie werdens bald zur Mühle bringen. Und dann wird auch rasch ein Myrthenkranz gefunden und eine Brautjungfer.« Ich lauschte, wie emsig die Bienen waren und wie der Wind die Kornköpfe wiegte auf seinen Händen. Ich blickt' auch ab und zu auf die großen Mühlenflügel, wie sie da in Erwartung still standen. Es war ein großes Warten ringsum. »Mühle, Mühle, dreh Dich!« Aber ich fühlte, wie der Wind meine Worte fing und zum Scherze in die leeren Böden warf.

Da faßte ich den kleinen blonden Kopf an meiner Seite mit beiden Händen und küßte ihm die stumme Angst aus den Augen. Wenn etwas reift in uns, kommt eine Angst uns an und jagt das Herz in den Herbst hinein. »Mühle, Mühle, mach uns das Glück nicht schwer!« Und so saßen wir und harrten der Abende, die aus der gelben Flut der Felder zu uns hinaufstiegen, und bewirteten sie mit unseren Hoffnungen. »Es wird Alles gut werden. Hat man doch ein Haus. Und laß das 208 Kränzlein und das Pfaffengerät. Ein gelber Kranz ist um den Hügel. Den will ich zu einem Goldreif schmieden lassen und auf Deinen lieben Kopf legen, Kathrin, wenn wir zu Ende gewartet haben.« – Ich gab ihr meinen Arm und führte sie bis an die Türe. Noch lag ein Stück Sonne über ihrem gesegneten Leib. Sie nahm es mit in unser Haus, wohin ihr meine trunkenen Augen folgten. – Das war wieder ein Kapitel. –

»Es ist zu wenig Licht in den Stuben für uns Drei, Kathrin. Ich will noch ein Fenster durch die Wand brechen lassen. Und die Türe sollst Du immer fest schließen, nicht lässig anlehnen. Man hört die Knechte husten. Auch schielen sie durch den Spalt, wenn sie vorbeigehen.«

Sie saß an der Wiege und sah auf das Kind nieder, wie es mit seinen Kissen kämpfte, den kleinen mageren Mund krampfhaft verzog und leise, gequälte Laute von sich gab.

Ich legte meine Hand auf ihren blonden Kopf, auf den der Goldreif meiner ersten Ernte so schön gepaßt hätte. »Aber dies Kapitel ist wohl vorbei« verbesserte ich meine Gedanken. Der kleine häßliche Mund schnappte nach meinen Blicken, und ich verlor die Worte, die sich mein armes gerechtes Herz mühsam gespart hatte in den letzten, unruhigen Tagen.

Aber dann brachte ich es doch hervor: »Kathrin, ich hab' den Pater Pankrazius aus Polen für uns gebeten.«

Der blonde Kopf zuckte unter meiner Hand. Schnell zog ich sie zurück, wie von einer beißenden Glut überrascht. »Und er hat alles zugesagt« log ich zu Ende. Da wandte sie sich nach mir um, und ihr Lächeln kam mir entgegen, das treue Tier, das Lächeln, das ich so sorgsam zog und an mich gewöhnt hatte. Ich hatte es ganz vergessen über meiner Angst.

Und ich legte meinen Mund an den ihren und preßte sie an mich, wie ich es sonst nur selten tat. »Es wird nicht mehr lange dunkel bleiben, Kathrin, und der Regen und – und ich weiß nicht – und alles wird sein Ende finden. Die Sterne, paß auf, die Sterne sind auch bald wieder da.« Ihr Mund schluchzte in meinen hinein. Unsere Lippen wühlten sich fest ineinander. »Es darf nicht mehr dunkel bleiben.« Da fühlte ich, wie sie 209 sprechen wollte. Aber ich ließ sie nicht los und klammerte mich an ihren Mund. »Frag nicht, frag nicht, Kathrin!«

Sie blieb still. Alles blieb still, wie erwürgt lag die Welt auf dem Boden. Nur die Geräusche der Mühle kamen ängstlich durch alle Luken, und die Schatten der Flügel huschten über unsere Kniee und das schlafende Kind. Dann gab ich sie frei. Ich bog ihren Kopf sanft zurück, und leise gingen meine Finger über ihr Gesicht. Meine Liebe hatte Macht über sie. »Frag' nicht, frag' nicht, frag' nicht, Kathrin.« Sie schloß die Augen.

Und ich trat an die Wiege. Ich wußte, was ich tat. Ich feilschte mit meinem Schicksal um diese Tat, und ich fürchtete um jeden Schritt. Deutlich sah ich den großen, häßlichen Kinderkopf, die zerquälten blauen Lippen, wie das zwischen uns hinaufwuchs, ein feindliches Gewächs. Da nahm ich die Kissen und sang ihm ein Schlummerlied, das nur die Toten verstehen, so tief ist es.

»Jetzt darfst Du mich nach dem Pfaffen fragen, Kathrin. Ich kauf ihn Dir für drei klebrige Taler.«

Sie schlief sehr fest. Ich wollte sie auch nicht wecken. So stieg ich denn allein die Treppe zum Bodenspeicher hinauf. Die bleiche Spreu tanzte einen Hexentanz um meine Knöchel. Auf einem Balken saß ich lange. Die heiße Stirn gestützt, wartete ich auf meine Sterne.

Das war auch ein Kapitel. Und das letzte ist kurz, wie so ein Kapitel sein muß.

Ein weißer Fetzen hängt am Himmel und flattert um den Morgenstern. Die Knechte schlafen noch in ihren Kammern.

»Da kommt ein Stern« hauche ich aus meinem Halbschlaf heraus und starre verloren in die Frühlichter. »Da kommt ein Stern, Katharina.« –

Halt, es pocht! Und kriege einen gelinden Stich ins Herz. Oder soll man sich nicht auf seine Seligkeit besinnen, wenn so früh gepocht wird irgendwo?

»Herr Müller, Gevatter Müller, Ihr seid es doch, der auf die Sterne wartet?«

Und es pocht wieder.

210 »Ein früher Besuch« denke ich, indeß ich aber doch öffne. – »Guten Morgen, guten Morgen! Ihr kommt bald – und dann habt Ihr so eine häßliche Narbe im Gesicht.«

Ich schiele noch einmal nach dem schmächtigen Stern und den Wolkenfetzen, die wie im Streit mit mir spielen.

»Hu, hat dieser Morgen hundert kalte Hände, die den Wanderer in den Nacken schlagen. Aber Ihr habt wohl ein Anliegen, Meister Nachrichter?«

Und dann geh' ich mit dem so den Abhang hinunter durch die schlafenden Blumen. »Ach es muß wohl so sein, daß mir kein Sterbenswörtlein einfällt.«

Und hab auch nichts mehr zu vermerken vor dem Blutstuhl. Du lieber Gott, hast Du's nicht wachsen lassen mit seinem großen, häßlichen Kopf mitten in unser Glück hinein? Hast mir's in meine Liebe geworfen wie einen eklen Unrat. Auf meine Beete hast Du's gelegt, und in meinen Speichern hab ich's gefunden mitten im goldenen Korn. Deß klag ich Dich an! Amen. –

Und während der Tote so sein Amen sprach, war es ihm, als riefe da oben jemand. Und er reckte sich wie im Krampfe, seine begrabenen Hände zu befreien. – O wir armen Toten, die wir noch immer die Posaunen hören, wenn uns einmal unsere Geschichte einfällt.

Und er wollte nach seinem Halse fassen, den roten Strich zu verwischen.

»Da sind die Sterne, die uns suchen« schrie er. Da rollte ein lockeres Erdklümpchen in seinen Mund.«

*     *     *

Abraham Abt verlebte viele Tage im Sinne seiner Hochzeit. Die Mauern des kleinen Hauses gaben seiner Liebe den Schatten, der ein Haus so unvergleichbar einsam machen kann. Und er fühlte ein wunderbares Aufhören neben sich. Es war Beate, die neben ihm starb. –

Aber er genoß ihren Tod, er nahm diese Stunden in sich auf wie Tropfen eines Getränkes, das man mit Andacht genießt.

211 Leonie und der Marquis sahen Beate nicht wieder. Abraham Abt begrub seine Geliebte allein. Mit seinen Händen schaufelte er ein Grab in der weichen Fruchterde des Gartens. Dann schrieb er sieben Gedichte auf. Er schrieb über sein Glück und den Tod Beatens und nannte alles: Sonaten einer Liebe. In der veralteten Art mancher Sonderlinge wählte er die Lettern und erdachte einen klingenden Namen für den Gegenstand seiner Liebe.

*     *     *

Sieben Sonaten einer Liebe:

Myriam, Du kommst zu mir von den Bergen! Über den Schnee ist ein junger Wind gegangen, mit seinen dicken kleinen Füßen trollte er Dir voran, und jetzt wachsen Veilchen in der Furche, wo es ihm wohl war. Myriam, ein Brand ist angezündet in meiner Hütte, und treue Tiere sitzen mir zu Füßen; verständig, einer alten Zucht entsprossen, bewahren sie die Feier meiner Hütte und sind mir lieb im Herzen Deinetwegen. Ihre Augen, die südlich tiefen, schwarz und weiten Rätseln offen, suchen Dich, bedächtig ist die Gebärde und lüstern der Leib, ein Schemel Dir zu sein, Myriam.

Blumen schütte ich aus dem Rosse, das Dich trägt, und in den Wäldern ging ich tagelang, den Vögeln das Beste meiner Mahlzeit zu streuen. So hab' ich ihre Herzen genommen für diesen Tag. Still hocken sie, wo ich gefüttert, und warten, bis ich sie wecke. Der Wald wartet, Myriam.

Ich höre Dich! Ich höre Dich! Deine Schritte erzählen vom Paradiese und von weißen Engeln, die Dich lieb haben. Sanfte Rosen sind in Dein Kleid gewirkt, blaß und mit schüchternen Kelchen, und Tau liegt auf den Rosen, der selige Gerüche strahlt.

Kommt, ihr sanften Rosen Myriams! Über meinen armen Acker laßt euch tragen, daß ein Hauch von euch meine Früchte segne.

An meinen Rainen wachsen die Gräser jugendzart und weich, da will ich meinen Kopf hinlegen und Myriams Füße erwarten, 212 die feine Fessel entlang mit meinen Blicken wandern und die seidenen Schnüre ihrer Schuhe will ich mit meinen Augen lösen.

Sieh, Myriam, ich war ein Bettler. Aus Wogen schwarzer Erde tauchte ich jahraus, jahrein, nach Wurzeln und Halmen gierig. Hier in meinem Norden fror ich, und der Haß fraß mir die Stunden ab von meinem Stamm. Jetzt such' ich sie nicht mehr.

Kommt, ihr sanften Rosen Myriams. Ihr Falten göttlicher Gewebe, hüllt mich ein. Laßt mir die Tage über den Scheitel gleiten, daß ich nichts mehr fühle von mir in dem Jenseits Myriams.

Da ist ihre Hand. Sie kommt! Ich weiß, daß Du kommst, Hand Myriams. Noch verbirgt Dich ein geiziger Felsen, aber Minuten und Du bist mein. –

Ich zähle meine Pulse, die im Fieber jagen, und meine Tiere wimmern. Jetzt werde ich sie sehen, die Dir vorangeht, Deine Hand, schüchtern in die Zügel geflochten und doch stark, so stark. Wie eine junge Pflanze wächst sie aus der Seide, von keuscher Zeichnung umweht. Einen Frühling bringt sie, aus dem noch keiner getrunken, einen Gott, zu dem noch keiner gebetet hat.

Wacht auf, ihr Posaunen des Waldes, eures Eides eingedenk! Beugt euch, ihr Blumen! Das ist Myriam! – – –

Und ich führe sie auf Wegen, die ein Traum sind. Lachst Du, Myriam, weil ich Dich so führe? Sieh, wie Dein Hengst mich haßt, weil ich Deine Fessel berührt habe und Deine Zehen küsse. Myriam, meine Augen fürchten sich, aber doch sehe ich das Lächeln Deiner Liebe. In meinem Nacken sitzt es und wärmt mich, über meinen Hals streicht es leise und hält mir hundert Worte fest, weil wir alles wissen, ich und Du, meine Myriam!

 

Da sind Herrlichkeiten gekommen über unsere Hügel. Myriam ist eingetreten in mein Haus. Stört Myriam nicht, wenn sie Glück vergießt, seid starr und feierlich, ihr Türen 213 und Tische, wenn ihre Finger euch liebkosen, schauert, ihr Wände, wenn ihre Falten euch gestreift haben. Myriam hat so süße Hochzeitsgewänder. Und ihr, die ich zog zu meiner Freude, sehnsüchtige Sklaven, gießt aus den Gott aus euren stillen Sternen, seid Wunder für die Seele Myriams. Geh Du und grüße, was ich Dir geweiht. Komm zu den Keimen, die das Fenster hütet, gib ihnen Deinen Blick, geh an den Herd, wo ich ein Opfer angezündet, und lächle, daß die Flammen sich umarmen mit heißer Kraft. Schenke den Spiegeln Dein Bild, und wenn verworren dann in hundert Jahren nur eine Mythe mich bezeugt, bewahren sie Dich noch in ihrem Glanz. Komm, liebe Myriam, rühre flüchtig mit des Gewandes allerletztem Saum die Lagerstatt, auf der die Narben vieler böser Nächte vom Schicksal eingegraben sind. Komm, liebe Myriam!

Sieh, Du bist für alle ein Himmel, Du liebe Fee. Es summen süße Stimmen um Dich, und alle Gegenstände hier haben einen Schein, sie wollen heilig sein und stumm die Ewigkeit erwarten. Die Uhren sind verstummt. Mörderisch haben sie meine Stunden zerteilt bis heute. Jetzt mußten sie sich ihrer Arbeit begeben. Myriam, nimm Dir mein armes Reich und sei ihm gut.

Und ich sehe, wie ihr alles gefällt, was mein Teil ist. Es ist keine Wand mehr zwischen mir und Myriam, überall sehe ich sie, ihre blühenden Arme tragen meine Seele, ein dunkles Geschmeide ist ihr Haar, ein Stirnschmuck für den Eroberer.

Aber nun laß mich hinausgehen und Deinen Hengst abzäumen. Ich weiß auch ein Roß zu satteln, einen Riemen zu schnüren und zu lösen. Ich will um Deines Tieres Liebe werben und sein Gespiele sein. Noch ist ein Schatten zwischen mir und ihm, aber seine Augen sind tief und klug wie schwarze Sonnen in der Steppe. Wie hasten meine Finger durch die Schnallen, und verwogen knirscht das Sattelzeug. Für die Zäume aber muß ich einen neuen Griff ersinnen, dann ist alles bereit und behaglich, die Streu knistert reich geschichtet unter den schmalen Hufen Deines Reittieres. Es legt seinen schönen 214 Kopf an meine Schulter. Sieh, wie es wittert, das ist sein Glaube an Dich, der es mir gefügig macht.

Myriam hat alles in einen Traum gekleidet. Myriam rief die Felder und Schluchten an, auf den Hängen der Waldberge ging ihre Stimme; und wo ein Zauber wohnt, da bat sie ihn zu Gaste. Ferne Wege der Seele geht ihr Blick, indes die Finger, sorgsam auf das Linnen gereiht, die Mahlzeit erwarten, artig wie eines Kindes Finger.

Durch mein Fenster ragt mit rotem Arm der Abend und bringt süße Düfte und haucht sie auf Myriam. Blüten liegen überall, ein Kranz ist um jeden Teller.

Zartes Fleisch der wilden Berghühner und saure Kräuter lege ich vor Myriam und Milch von einer edlen, schöngehörnten Rasse schenk ich ihr ein in den Becher aus Onyx.

Myriam, ich bin ein Kind, mir muß man Märchen erzählen. Du bist so stumm zu meinen Gaben? Aber da sehe ich, wie ihre Lippen ein seltsames Leben haben, und die Linien in ihrem Gesicht geben mir das Zeichen ihrer Gnade.

Verzeih, das Graben in der Erde hat mich töricht und stumpf gemacht. Lehre mich wieder das Andere, Stillere begreifen.

Aber Myriams liebe kleine Finger falten sich, und während sie mir so zulächelt, betet sie. Ihre Andacht ist wie schwere Gerüche, die der Regen in unwegsamen Abgründen geweckt hat. Myriams gefaltete Finger erzählen mir göttliche Märchen.

Immer mehr, immer mehr Blüten, weiß und leicht gerötet in hochzeitlicher Scham bringt der Abend, und der Wind ordnet ihren Tanz um uns herum, wie keusche Knaben heben sie sich schüchtern erst und dann berauscht in einer wirbelnden Seligkeit.

Silbern ist Dein Tellerchen, Myriam, golden die Gabel, und aus Damaskus der Stahl, mit dem Du den mürben Muskel zerteilst zu unserer Labung.

Loben muß ich mich, damit der Ehre kein Ende werde über Dir.

Und dann liegt ihre Hand in der meinen, ihre Finger zittern 215 wie die Saiten einer wunderbaren Harfe, auf der man heiße Liebeslieder spielt.

So tafeln wir, und auf dem Baum der Zeit welkt ab ein Blatt – ein Tag in süßes Sterben abwärts.

 

Myriam, wenn eine Nacht so kommt wie diese, dann wachen die Gefahren auf für jeden, der sich sehnt. Und in den Wäldern brennen heiße Lieder, die Nachtigallen fallen tot herab, erwürgt von einer Lust, von einem Glück verzehrt. Die Mare baden sich im Tau und schaukeln sich im Schilf. Sie finden Worte, die vergraben längst ein Schicksal waren in alten Tagen, verfehmte Worte werfen sie einander zu und lachen häßlich mit verworrenen Gebärden. Lüstern bebt der elbisch runzelige Leib, und dann begreifen sie der Erde ganze Kunst.

Der Glaube ist kein Glaube mehr, und wirklich wandeln Lichter in den Sümpfen, von leichten Händen über Halm und Busch getragen. Heiß atmet das Moor. Von Geistern und Gerüchen voll ist jeder Grund, vergiftet ist der See, und hundert böse Tore hat der Garten, Tore, die verführen, fortzugehen. Ein Fremdling wird man da in seinem Glück, und endlich fällt man tot vom Stamm, wie jene Vögel.

Myriam, es wandert einer um das Haus. Siehst Du, auf seinen Schultern lasten gestorbene Blätter, er sucht sich, was da stirbt um uns, und trägt es fort. Siehst Du, der Mond liegt fragend über ihm, die Sterne sind erfüllt von seiner Sorge. Ein Wanderer trägt alles fort, was welkt.

Und um die Gipfel hebt sich ein Gesang. Horch! – Horch! – Der Fremdling singt. Die Stimme verloren tief ist schön und tröstet. Tiefe Stimmen sind immer voll Trostes, Myriam.

Nimm alle Rätsel fort von meiner Brust, du, den die Götter schicken, unbekannter Wanderer, und die Geräusche der Geister töte und die Blumen pflücke, die verwirren mit ihrem Duft. An alle hundert Türen geh im Garten und sing. So soll es sein. So dichtet mir ein Gott die Liebesnacht.

Myriam, der Vorhang ist leicht. Kein Pförtner lauert und 216 befiehlt die Losung. Heiß liegt die Hand am Saum der Seligkeit. Der Wandrer singt, singt tief an jedem Tor. Ich trete ein zu Dir, und meine Seele rauscht hinab in Deine Liebe, wie junge Wellen bin ich vor der Sonne bang, und rein und herrlich für Dich und in Dir, Myriam. Der Wanderer singt, mit seinen Worten würgt er den Zauber, der den Garten trübt und schrecklich macht.

Ich aber lausche stumm, bis Deine Seide fällt. Ihr süßen Rosen!

 

Fühlst Du, Myriam, die Flügel der Engel Dich streifen, kannst Du sie atmen hören? Alle Engel sind hier, verwaiste Himmel weinen in dem Garten.

Ein Fest geht um an uns, in weiße Gluten steigen wir hinab, geweihte Glieder, Augen voll Märchen. Ewigkeiten aufwärts glühen wir, Sphären sind unsere Küsse. Die Gräber staunen, daß wir ewig sind, und ihre Toten von tausend Jahren kommen und trinken taumelnd, was der Rand in reichen Bächen überströmt.

O Myriam, heilige Myriam, die Toten kommen an die Ufer unserer Seligkeit. Laß auferstehn, was in der Erde hungert, laß ihre Augen wieder blühen, aus tausend Jahren ruf sie her in dieses Fest. Sieh wie sie wandern, tief gebückt, beladen mit Gram und Rätseln, die in tausend Jahren über sie und ihre Welt hinweggewachsen sind.

Kommt ihr Toten, kommt, ich will euch trinken lassen von Myriam. Hier ist ein Fest. Die Mauer ist geschleift. Die Wachen feiern. Und gleich sind alle vor dem Glück. Die Hand, ihr Toten!

Myriam, ewige, heilige Myriam. Wo ist der Weg? Die Lippen suchen ihn, die Hände sind ferne Pilger über Dir, und alles möchte endlos wandern, alles in mir will Beter sein und blutend blind heimkehren in die Zeit, die keine Stunden hat.

Myriam, da blühst Du, eine große stille Blüte, und öffnest Dich hinauf in meine Welt, und ich, ein Tau auf Deine schöne Krone hingestreut, warte, bis Jericho vergeht und keine Rose 217 mehr den Felsen krönt, die Rose von Jericho. Engel und Tote bewachen die Nacht und scheuchen den Morgen ins Meer zurück. Über den Tiefen des Frühlings suchen sich ihre Flügel. Feierlich sind ihre Farben, feierlich wie stumme Fragen in der Seele der Götter.

Und müde werden die Linnen unter meinem Glück. Die ganze Welt ist hier und bettelt, die Götter kommen, der Wald, das Meer. Erloschen sind die Sterne über meinen Wiesen und schreiten schweigsam himmelab zu mir. Die Fenster fassen den Glanz nicht mehr. Ein tausendköpfiges Licht bricht aus, Licht! Myriam, Licht! Licht! – – –

 

Licht muß kommen, Myriam, viel, viel unsäglich süßes Licht, breit in Akkorden ausgreifend.

In den roten Morgen sind kleine graue Wolken gestreut, eine fiebernde Sonne steigt hinauf mit kleinen grauen Sorgen. Sieh, wie sie wandern, kleine graue Gefahren, in einer tiefroten, zitternden Sonne.

Aber Du schläfst. Ja, Myriam, schlaf. Noch bist Du nackt, und der Tau meines Atems liegt zärtlich auf Deinen Lidern. Noch betest Du mit Deinem stillen Leib. Auf Deiner weißen Brust sind die Narben meiner Küsse, aus Deinem jungen Schoß atmet die Freude, die ich gezeugt in dieser Nacht.

Und Myriam lächelt aus ihren Träumen zu mir hinauf. Ob Du mich ahnst, Du Liebe, weil ich meine Arme so in Angst über Deinen Schlaf ausbreite? Das Glück ist ein Gewitter, Myriam. Grausam sind, die sich neben den Sternen brüsten.

Und sie lacht noch immer. Ihre schwarzen Wimpern sind ungezählt, wie Fäden von Geweben, die nicht mehr sind, Gewebe, von denen Bücher sprechen als von einem Stolz versunkener Völker. Alt, uralt muß etwas sein, was nicht in einer blöden Klugheit enden will, verwegen alt und abwärtsweisend in Anfänge hinunter. Da sind Ritter, die Dich zeugten, just eh' sie starben im Turnier. Mütter sah ich lächeln aus Ahnungen 218 heraus. Hundert Mütter ahnten Dich und daß Du so herrlich nackt sein wirst, so betend nackt.

Mein Lieb!

Myriam, so klein sind diese Wolken, die da wandern über die Morgensonne. Lästig wimmeln sie in der Feier des Aufgangs.

Und ich suche Myriams Mund, sie zu wecken. Ich hab' noch viele, viele Küsse, die ich nicht geküßt habe. Ihre Lippen zucken mir im Traume entgegen.

Und ich küsse sie wieder, immer wieder, alle Teile, die ich mit meiner Liebe berührt habe, küsse ich wieder. Dazwischen rede ich, arglos voll kleiner Torheiten und Ängste – so von mir hinweg rede ich – über Wolken – klein und grau, in die Sonne gestreut.

Mein liebes Lieb!

Und Myriam in ihren Träumen regt sich leise, glückselig dehnt sich ihr weißer Leib in den Kissen, wie ein weißer Wildvogel auf den Schneefeldern zittert er von den leichten Flügelschlägen der Seele.

Da bin ich noch immer, Myriam. Du! Du! süße schlafende Myriam!

Ein feuchter Hauch von Morgenrot, zart, wie der Glanz der Apfelblüten, färbt ihre Kniee. Die wachsen, zwei jungen Knospen gleich, in ein verlegenes Paar gedrängt, und auch um ihre Hüften tasten blühende Farben. Die Brüste sind warm wie Rosen im Licht der ersten Stunden.

Bis an ihre Lippen kommt der Schein und zu den Augen. Die öffnet er – die Augen, küßt sie wie ich, noch lieber, fast noch sanfter und sammelt alles, was in Träumen zerstreut ist, Bäche von Liebe und Glück in einen Tag empor.

Alle Geister sind fort. Nur noch ganz kleine Elfen springen als Fünkchen über das Gras. Nicht eine Wolke mehr, nicht ein tückischer Gott.

Da löst sich das erste Lächeln von Myriams Lippen und flattert in den Tau hinaus. Die lieben kleinen Hände tun den ersten Gang nach meiner Stirn, und Glied um Glied steigt aus der Starrheit des Schlafes zu mir hinauf.

219 Draußen ist ein hundertfältiges Fragen, und jeder erzählt von seinen süßen Sünden. Neugierig horcht der alte Wald, versöhnlich nicken seine grauen Gipfel. Ströme von Herrlichkeit sind ausgegossen und münden in das Land, die Fernen überflutend.

 

Stille Tage, die einen Frühling erfüllen. Brütende Sonne. Nachdenkliche, wartende Geschöpfe. Mittagsschwüle. Pausen und schwere Gebärden, Weiblichkeit auf allen Wegen.

Da wandre ich um das Haus und lege meine Hand auf alle Dinge in dieser Zeit der Hoffnungen. Ich prüfe und suche, ob jedem sein Teil ist, ein ewiges Wärmen und Liebkosen ist in mir, und einen guten Rat hab' ich für alle, die sich erwarten. Keinen finde ich mehr, der den andern begehrt. Kirchen überall, Nestfriede und weises Welterfassen. Die Liebe ist ein Sakrament geworden.

Myriam! heilige Myriam! Laß mich mit den Wäldern allein sein und sie fragen. Es gibt tausendjährige Bäume bei uns. Weise und Wahrsager sind unter ihnen.

Und am Abend will ich heimkehren, leise mit betenden Schritten, und meine Bürde vor Dich hinlegen, die Weisheit des Waldes, das, was wir wissen müssen für Deinen Tag.

 

Früher waren viele Wege im Walde, und jeder hatte einen Namen aus Myriams Mund, und wir wußten, wo sie mündeten. Alle fanden einander, alle waren gezählt und von einem Worte geadelt. Ihr Sonntage meiner Liebe, ihr Märchentage seliger Müssiggänger, ihr vielen Sonntage, in denen man Worte fand und Gänge feierlich gewölbt und liebe Orte.

Jetzt ist alles wieder wirr und namenlos geworden, seit Myriam starb. Viele Gewitter sind niedergebrochen über viele Wege. Verworren ist die Welt in den Wäldern, betrübte Vögel sitzen auf kahlen Ruten, und fröstelnd schleicht das Getier in der Niederung.

220 Sieh, Myriam, süße, tote Myriam, da liegt, was wir gelebt, und die sich lieben, werden sich erkennen in diesem Jahr der Liebe.

Da war ein Frühling, der sich müde geblüht hat, und ein Sommer voll wahrer Pracht und ein Herbst, der sich erfüllen wollte, und ein Winter, still sterbend, weiß, unendlich weiß. Ihr winterlichen Wiesen, wie seid ihr aufgeblüht, unendlich still unter den Sternen.

Hinunter aus den Wirrnissen der Berge steige ich und bringe Dir immergrüne Kräuter. Stolze Stauden von Immergrün trag ich für Dich hinab. Auf unsern Wegen wächst so viel, was nicht verwelkt. Was waren wir in diesem Wachsen, Myriam?

Myriam ist tot! Weß wird nun dieser Frühling sein! Die Raben sitzen auf den Stufen meines Hauses und halten ihm die Türen zu.

Zerbrecht mich, ihr Stürme!

Löscht aus, ihr Brände!

 

Goldene Worte hast Du mir gegeben, verborgener Gott, um dieses einen Menschen willen, den ich liebte. Gehorchen will ich Dir in dieser Zeit, die kommt, und meine Särge schichte ich zu Stufen und baue mich hinauf zu Dir. Dies Fest ist aus.

*     *     *

Abraham erstieg einen kleinen Hügel, um den Garten ein letztes Mal zu überschauen, dessen Bild ihn noch immer ganz erfüllte. Ein ruhiger Himmel breitete sich über seine Gedanken, nichts war da von der Erregung des Abschiednehmens, alles sprach von Sonne und Unermeßlichkeit.

Und er fühlte, wie sein Leben hier gegipfelt hatte, und daß es nun ein Abwärtsgehen geben müsse. Er ging von Blume zu Blume und machte noch einmal Hochzeit mit allen, deren Bräutigam er so lange gewesen, und küßte sie wieder mit seinen Worten.

221 »Ich werde fehlen, wenn es Abend wird, und wenn meine Seele einen Weg entdeckt hat, der in die Tage der Betrübnis hinabführt.

Es ruft aus dem Dunkel: Komm herunter, Abraham Abt, von deinem Hügel, auch du wirst immer dunkler werden, jenseits deiner Befreiung, bis gar kein Tag mehr in dir sein wird. – – –

Beate! Beate! Noch folge ich Deiner klingenden Spur, wie man Gebeten folgt, die man nicht verstehen kann ohne Götter. Ich folge Dir, meine Arme sind hochgehoben und die Stränge meines Lebens gestrafft. Ich bin den Wurzeln zugewandt, aber nirgends ist noch Qual und Finsternis. Es wird Abend werden in meinen Träumen wie hier im Revier, und in meinen Hoffnungen wird es auch Abend werden. Goldene Netze schließen sich um unser Schicksal, das ein großer Gedenktag sein soll.«

Die schwarze Iris zu Seiten des Weges wies ihn zum Tore hin. Und er ging hinaus in das Land, das seine Jugend gewesen war.

 

Abraham Abt sah die Welt vor sich größer werden. Es waren nicht mehr die gläubigen Kinderaugen, die ihm jetzt seine Wege befahlen. Der harte Arm der Erkenntnis, der ihn in träumenden Gärten überrascht hatte, warf einen Schatten neben seine Füße. Er blickte auf die Tiere und Blumen und auf die Formen der Berge nicht mehr mit dem Behagen dessen, der Allem untertan ist und ein Frohlocken aus seiner Knechtschaft erdichtet. Er begann hinüberzugehen in die Welt der Propheten und Warner. Abgewelkte Seligkeiten lagen zu Seiten des Weges. Er sehnte sich nach der Stimme der Propheten, die das Fürchten bringen, deren Worte von kalten Stürmen getragen werden, von Stürmen, die in heiße Sommernächte einfallen.

»Da ist Abraham Abt, er, dessen Sommernächte hinter ihm liegen. Und wenn ich, Abraham Abt, nicht selbst sein kann wie die Propheten, so werde ich euch hinführen zu ihnen, die von den Wundern der Strafe sprechen. – Da kommt schon ein Abend herab, aber wir wollen ihm mit jungen Gesichten 222 begegnen. Die Zeit der Zauberer ist vorüber, es wird jene Zeit eine Zeit der Prophezeiungen sein. Leute tauchen aus der Flut der Völker auf, die wir an diesen Abenden anhören müssen, denn sie sagen das tausendjährige Reich des Gedankens.

Und nun, da wir von unserer Liebe gesungen haben, laßt uns auch unsere Kraft in Worten bestätigen.«

Und er sprach die Geschichte von Isenbein dem Knecht vor sich hin und fühlte seine schöne Befreiung noch einmal in ihrer ganzen Pracht. –

Abraham Abt hatte sein Dorf zerstört, der befreite Knecht schrie auf in ihm. Er sah seine Freiheit wie das Bild eines schönen Tales, eingerahmt von Hügelgeländen. Das weiche Moos eines Buchenwaldes lud ihn ein, zu lagern. So erzählte er sich von Isenbein ein Kapitel der Tat und nannte es: Frühlingsopfer.

*     *     *

»Wie die Fröste über dem Gras will ich sein und meine Finger auf eure Blüten legen. Noch eine Eisnacht und noch eine will ich bringen. Das Eis wächst in mir. Über eure Felder will ich mich ausgießen, wenn die Nächte euch gierig gemacht haben im Frühling. Auf meinen Tischen liegt, was ihr gesammelt gegen mich, mit reichen Händen nehme ich mir von reichen Tischen. Zu eifrig habt ihr meine Qualen aufgetischt, die Tafel biegt sich unter mir.«

Das war es, was Gott dem Isenbein in seine Gedanken gab. Er gab es ihm bald in den Heidestürmen, wenn der Knecht die Schafe hütete, bald in einer Wolke, die das Land bedroht, und bald in brausenden Liedern des Sonntags vor seinem Heiligtum. Und wenn es in der Heide war und die Tiere sich ängstlich drängten, dann kniete der stumme Knecht nieder und weinte es in den Sturm hinein. Seine Haare standen wie weiße Flammen über ihm, wie ein Brandopfer flackerten sie in den zornigen Himmel. Wenn es aber des Sonntags war in der Schenkstube und er sich bei einem Glase vergaß, indes die 223 andern beteten, da fühlte er, wie ihm alles im voraus vergeben sei, ihm und allen Enterbten.

Durch den mageren Fensterspalt quollen die Orgelakkorde, und der Knecht lächelte und trank vom Credo bis zum Ite missa.

»Da ist meine Stimme« sprach es in ihm, »da ist sie.« Sein Mund zitterte hohl geweitet, sein Haar hing in weißen Fetzen über den Kopf bis zu den feuchten Lippen herab. »Da ist sie!« Und es war ihm, als müssten sich die Worte von seinem Gaumen lösen just in dieser Stunde, da die Töne draußen immer größer und dröhnender wurden und auf ihn einsprachen. »Wenn Dir mein Haß gefällt, Du gerechter Gott, so laß mich reden.« Seine Lippen bebten, wie Posaunen schmetterte es um ihn, und seine Finger krampften sich. Dann hob der Priester drüben die Hände. Die Orgel fiel in das Ite, und das Amen verklang.

 

»Da kommen sie, die gewaltig sind, ein Haar von unserem Scheitel zu pflücken, aus ohnmächtigen Haaren drehen sie starke Schlingen, unsere Gelenke zu schnüren.«

Isenbein sah, wie seine Hand aus dem Dunkeln hervorkroch, weiß, kalt und früh gealtert, die Leiche einer Hand. Und er ging mit den Augen nebenher, während sie so hinabglitt über das graue Knie und das Schienbein bis an den Knöchel prüfend. »Sie fangen dich, sie fangen dich, da sind sie, dich zu fangen.« Er zog seinen Arm hastig zurück in den Schatten um seine Ofenbank. Da saß er immer, wenn es ein Feiern gab im Dorf und quälte sich mit seinem einsamen Haß.

Eine kleine Glocke begleitete die Kirchgänger bis zu ihm hinüber, über den Feldweg, das niedrige Grün entlang bis an den Platz, wo Männer und Weiber sich trennten. Viele trugen Blüten und grüne Zweige und freuten sich ihrer festlichen Gebärden, manche hatten nur ein Auge auf den schlanken Weg und mühten sich, ihre Füße recht würdig Schritt vor Schritt zu setzen. Einige, die würgten noch an ihrem letzten Paternoster und versprachen sich eine zahme Zukunft.

224 So waren die Schulze und die Großbauern, die ihre Gebete nie klein genug kauen konnten.

Alle aber hatten ihr festliches Kleid und rafften es, ängstlich vor der nassen Frühlingserde. Die Tagelöhner am Wege, die die Messe trotzig versäumt hatten, glotzten ihnen entgegen und ließen sich verachten.

Es war ein dicker Keil von Männern, der sich zwischen die Kirschbäume schob, in der Richtung der Schankwirtschaft.

So erwartete sie Isenbein mit seinem Haß und der Sehnsucht, sie zu richten. Und er sagte sich leise ihre Namen vor. Wie ein Rosenkranz reihten sie sich unter seinen bebenden Fingern, und er betete an ihnen entlang wohl siebenmal, bis der erste die Türe auftat und an ihm vorüberging.

Es füllte sich Bank um Bank, und ein jeder trug ein Stück des Frühlings auf seinen Schultern. Weiße Arme reckten sich nach ihnen, ein schüchterner Wind wehte die zarten Blättchen unter ihre breiten Schuhe. Und der lange Weg unter Blüten hatte sie müde gemacht, weil sie vorsichtig sich immer hatten bücken müssen, damit der Blütenstaub ihren Sonntagsrock nicht verdürbe. Mit behutsamen Fingern stäubten sie ihre Sammtkragen ab und strichen zärtlich darüber hin.

Draußen pfiffen die Stare sehnsüchtig einander zu, und die feinen schmächtigen Leiber der Finken tranken das Licht aus einem Himmel, der zu weit, zu blau und zu tief war für die Seele der Bauern.

Und weil Isenbein so im Dunkeln saß, daß nur sein grünes Gesicht ein wenig leuchtete, konnte er noch besser sehen, wie sie vor den kleinen Fenstern sich spreizten und räkelten. Jede Furche in ihrer Stirn, jede Falte um ihren Mund zog er vor sein Gericht und ermaß, wie tief sie schon sei, und wie sie noch tiefer werden mußte in den Stunden, die nun kommen sollten.

»So will es Gott, daß die Armen einen Weg finden im Haß, wenn ihre Liebe verbrannt ist auf den Altären der Andern. Warum habt Ihr Euere Geißel an mir geübt, warum habt Ihr mich vor den Karren gespannt, daß ich Euern Unrat von 225 dannen führe, warum habt Ihr Eure Stiere geschont, mich zu zerbrechen. So will es Gott, daß ein Frühling werde, in dem die Vögel nach meiner Seele fragen und sie von Euch fordern, und die Bäume ihre Blätter auf mich werfen, weil es mich fror in allen meinen Nächten.«

Sie aber rückten ein jeder seinen Stuhl zurecht, damit sie auch nichts störe in der Fülle des Genießens. In blaugrauen Linien wand sich der Rauch zwischen den Gläsern und zog alles in eine friedliche Fessel, Köpfe und Hände, und was sich in deren Dienst bewegte.

Auch Worte kamen, spärlich erst und dann zuhauf, wie Wellen, die sich stauen, weil ihrer zu viele einer einzigen Klippe zugeströmt sind, die dann ein Wirbel werden und sich selbst verzehren.

Da fand er sich wieder, Isenbein, in dem wilden Wirbel ihrer vielen Worte und wie sie ihn heute umkreisten war es ihm wohl. So ließ er sie sich weiter tummeln und rasen, bis ihre Zungen lahm im Gaumen hingen. So fing er sie alle und hielt sie fest.

Dann stand er auf, während sie in ihrer Trunkenheit tobten. Und er fühlte, wie er jetzt stark genug wäre, mit ihnen abzurechnen.

»Es muß ein Feuer in mich kommen von Gott, daß ich glühe zwischen ihnen und der Wirbel ihrer Seelen im Sud verdampfe. Ich muß eine Glut werden, daß sie brüllen wie Tiere in einem dunkeln Stall gefangen und ihre Leiber zerbersten.«

Und er war fort, ehe ihn einer hätte halten können. Nur einen scheuen, traurigen Blick warf er noch nach Veit, seinem Liebling, des Schankbauern Dreijährigem, der mit seinem Röckchen die Erde fegte und eine Burg baute aus Kartenblättern. – – –

Sie saßen in einem dunkeln Rausch, und ihre Stimmen spielten ein kindisches Gröhlen miteinander. Manchmal faßten sie sich in ihre Gesichter und strichen über die Schläfen wie Träumende oder sie sangen etwas Wirres, Lüsternes einander zu. So kam der Mittag heran.

226 Der Wind weckte ein Gewitter und warf die Läden zu. Ein schwüler Schatten lagerte sich über ihr lallendes Laster.

Es regnete in breiten Tropfen stoßweise in die weißen Blüten.

Dann verklang der Donner wieder; wie von ihren Flüchen gescheucht, zogen weiße Wolkenballen hinter die Hügel zurück. Ganz ferne nur leuchtete es noch, ferne, wo Isenbein saß in einer Mulde des Waldes, seine Fackel suchend.

»Wenn mir das ein Zeichen sein soll zur Gnade an ihnen?« fragte er und wartete. »Sollen diese Wasser ihre Dächer kühlen, die ich hasse?« Und die braunen Dünste jagten flüchtig über ihn hinweg.

»Da bin ich, da bin ich. Und wenn alles nicht ein Traum ist und eine Täuschung, was sie Recht nennen oder Glück oder Wille, so laß diese Nacht nicht dunkel sein in meinem Dorfe und laß diesen Morgen nicht wachsen, ehe ich sie verachtet habe in den Grund des Todes hinab und ein Gefährte bin der Begrabenen. Da bin ich, da bin ich!«

Er schrie es in den düstern Grund hinab wie ein röhrender Hirsch, den die Brunst gewaltig macht und begierig, sich zu messen. Sein gelbes Haar stand starr auf dem Scheitel wie das Gehörn des Edeltieres und wachte über seine Kraft.

Und dann stieg der Abend ins Tal und nahm Haus um Haus unter seinen Mantel, die finsteren, armen am Rande und die lichten, reichen in der Mitte. Ein warmer fiebriger Wind begleitete ihn über Wege und Felder und saugte die spärlichen Tröpfchen von den Blättern. Er ging über die Firste der Häuser und wehte in die Speicher, er setzte sich auf das Dach des Turmes und sang dem Pfaffen ein Misericordia.

Es ging an die Mitternacht. Isenbein kauerte noch immer im Walde und quälte sich mit den Lampen, die ihn nicht verlassen wollten. Sieben – sechs – dann drei noch – aber dann endlich nur eines mehr, ein Haus in der Mitte des Dorfes, wie ein Herz, wie ein Ziel.

Das Geheimnis des Knechtes schlich um dieses Haus wie ein Tier, geduckt und doch verwegen; mit der lauernden Wildheit 227 südlicher Katzen zieht es seine Wege wie Schnüre hinter sich, immer enger, immer mehr ein Bann, würgend, mitleidlos.

Wenn aber da drinnen einer noch seine Hand hob und ein Glas vor sich hinstreckte, so geschah das von des Knechtes Gnaden, der noch im Hohlweg zögerte, der die Gräser befühlte, prüfend, ob Gott seiner gedächte.

»Wer weiß, zu wem ich bete; wer weiß, wer mich stumm gemacht hat; wer weiß, ob die Wölfe des Waldes nicht meine Gevattern sind, aber ein großer Gott muß es sein, dem ich solche Opfer verbrenne.«

Und er stieg durch den Hohlweg hinab, schauernd vor den Kieseln, denen der Mond Gesichter malte. Die Weiden peitschten ihn zurück, und die Krötenweibchen weissagten ihm. Aber er ließ nicht ab von sich. – – –

Wie er dann zwischen den Schlehen und wilden Rosen zum Dorf hinabschritt, wie er sein Bündel schwenkte, lässig fast und guter Laune, war er ein später Wanderer, der vom Berge kommt, seine Heimatleute zu begrüßen. Das war ihm der Rest einer Wegzehrung, dies verschwiegene Tüchlein, gefüllt mit Werg, Zunder und mörderischen Stoffen, eine Wegzehrung von weiten Wegen.

Und Isenbein dachte, wie er niemand auf der Welt hätte, der seinen Mantel für ihn zerrisse, wie eine Freude auf den Gesichtern aller auflebte, wenn seine Zunge sich fruchtlos mühte und seine Finger in der Luft tasteten.

So kommst du zu Tale. Isenbein, du gehst, endlich gehst du. Verkrüppelt und verprügelt hockte deine Seele im Schatten der Ofenbank und hatte keine Füße. Da kommt ein Gott und heißt dich dein Bett tragen. Endlich gehst du, Isenbein.

Es waren aber kaum noch hundert Schritte bis an den Acker der Moosbauern und zweihundert bis an das Weizenfeld des Skazegino, des Eingewanderten.

Da saßen ihre Häuser unter den Flügeln der Dunkelheit wie kleine Hühner. In ihrer verträumten, ahnungslosen Unschuld sprachen sie zu ihm, halb im Buschwerk versteckt sprachen sie leise vorwurfsvoll, was er denn so spät hier suche, er, 228 Isenbein, den man in die Ecke verbannt hatte, und warum er sie aufscheuche aus ihrer Wärme.

Er erkannte sie, Häuschen an Häuschen, die Moosbauern zuerst, die in einer Senkung gebaut hatten, weil sie viel Wasser benötigten für ihre Beete, den Skazegino, den begüterten Halbtoten, den Ziegelbauern und den Avenarius, der für sein Feld den Dünger der andern stahl. Alle.

Es war ganz dunkel, der Wind wirbelte in den Schatten oder er zog zwischen den Lehmwänden die Baumadern entlang und pflückte weiße Blättchen in den Kronen.

Isenbein hob sich auf die Spitzen wie einer, der zu spät zur Messe kommt und vorsichtig über die Fliesen tastet bis zu den Staffeln der Altäre.

Ein Tropfen erschreckte ihn, der vom Dache des Moosbauern in die Traufe fiel, und er blickte besorgt in den Himmel. Aber da war nichts, was einen Stern begraben konnte und eine Fackel auslöschen. Von den feuchten Hängen rann der Tropfen knechtisch über das Holz in die feuchten Beete.

Die weißen Bäume bogen sich vom Winde gequält über seinen Weg.

Ein Hund schlug an im Pfarrhof.

»Und dem Pfaffen will ich das Herz austreten und seinen Hofhund zu Tische laden. Und wenn ein Pfaffe nichts wiegt gegen hundert Gläubige, will ich aller Herzen ausreißen und sie an einem lichten Feuer rösten, daß mir Ehre genug sein soll und dem, der mir hilft.«

Auf den Blüten wiegte sich der Schein der Lampen, die aus den Fenstern der Gaststube matt in die Gegend hinausleuchteten. Dumpfe Stimmen kämpften im Qualm der Pfeifen, dort und da war einer in einen Traum gesunken, sah Felder vor sich und pflügende Ochsen, Feinde und Teufel, die den Landmann plagen. Weidlich sang ihm das braune Gold ein Lied in seinen Schlaf.

Ein Mann kam des Weges, torkelnd, in einem langen Rock, mit einem riesigen, gespenstischen Schatten, mit einer Hellebarde und einem ausgebrannten Lämpchen. Er schlug mit seiner 229 Waffe um sich und wütete in den Kirschen. Als er den schwarzen Wanderer gewahr wurde, flüchtete er nach links in die Büsche. Es war der Wächter, der heute seinen Festtag hatte, gleich allen andern. Und Isenbein ließ die Faust sich lockern, die er für jeden bereit hatte, der ihn jetzt stören wollte in seiner Arbeit.

Er stand nahe an der Ziegelbauern Gehöfte, so nahe, daß das Dach seine Brust berührte, wenn er die Augen den First entlang gehen ließ. Er berührte das Stroh, leise zitternd glitten seine mageren Finger über die frisch gebrochenen Halme. Und er fühlte, wie ihm alles bereit lag.

Dann ordnete er sein Bündel, das Werg und die Zündstoffe und schleppte sich noch die wenigen Schritte vorwärts bis an den Gasthof. Die Äste wühlten in seinem Haar. Er war heiß und müde.

Da saßen sie, zwei, drei, sieben – siebzehn. Alle sitzen da.

Er ließ seinen Kopf gegen die Scheiben fallen und seine Augen groß werden. Er suchte sie. Sie röchelten, gröhlten, stockten und spieen.

Und dann war es nur mehr ein Griff. Er schob den brennenden Scheit zwischen die Hölzer, die an den Wänden gespeichert das Haus umfaßten.

Er sah noch, wie der Wirt in seine Schürze nickte.

Eine Uhr schlägt. Der kleine Veit ist wieder da. Er reibt sich müde die Augen mit seiner dicken Hand, aber dann findet er eine Karte, die ihm gefällt.

So aufhören müssen mitten in einem Glück! – – –

»Einen Pfuhl haben sie über mein Haar gegossen, sie spieen auf meine Augen, und alle Teile meines Leibes brachen sie wie die Baumfrevler im jungen Garten.«

Sein Mund stand weit offen wie immer, wenn er viel zu sagen hatte, viele Flüche, unendlich viele Flüche. Aber es war nicht an der Zeit, sich zu zerwühlen.

Eine kleine Flamme kroch über das Holz und prasselte in den dürren Kiefernzweigen.

Jemand jagte ihn über die Dorfstraße, irgend ein Dunkler, 230 kein Wächter, keiner mit geizigen Augen, keiner der Buch führt über die Diebe und Übeltäter, einer der alles verzeiht, jagte ihn.

Da hatte er Mühe mit seinem Ölkännchen. War nicht etwa jedes Schlückchen darin ein Jahr der Rache?

So lief er dem Winde entgegen. Die andere Hand hielt er vor die Augen, damit er leichter an ihnen vorbei könnte. Winzige, geduckte Hütten, braun und elend. Der lange Hintz, der Wendel, die Grambauern, die Meiern, der Krugadolf – kleine Häusler, die nichts hatten als ihre Torheit unter dem Dach. Dann aber der Hofbauer mit zwei Ställen und einer Hoffart von zehn Gutsherrn – noch weiter die Moosbauern an der Böschung, wo der Wind einfiel, wenn er zum Dorfe kam.

Wie ein Priester hob Isenbein den Arm. Mit einem langen Schatten ragte er über die Giebel, alle Nischen im Stuhl erforschend. Wie ein Weihwedel in der Messe schüttete er eine Saat von Tropfen auf sie herab. Und der Knecht säte ihnen ihre Stunde allen, die nach Süden gebaut hatten, und den andern mit ihnen. Es blieb kein Schlückchen in der Kanne. So gierig tranken die Giebel.

Da hörte er den ersten Schrei im Rücken. Vor seine Füße sprangen rote Lichter, über seinen Nacken, auf seine Hände, auf allen Wegen zuckten rote Schrecknisse. Die Blüten der Bäume taumelten auf aus ihrem Schlaf, und kleine Vögel flatterten in den Zweigen.

Es sprangen rote Rosen aus der Nacht hervor und legten sich auf die Straße, die er ging.

»Da bin ich, da bin ich, und wenn mein Opfer Dir gefällt, so laß mich jetzt stark sein und hinabschauen. Groß bist Du vor mir, ich erfasse und empfange Dich!«

Sein Herz und seine Hände zitterten.

Dann wandte er sich um und sah, wie sie starben.

 

»Veit! Veit! Wo bist Du?« Seine Stimme ging im Walde umher, bettelnd und müde wie ein wundes Reh.

231 »Veit! Veit! Hast Du eine Karte gefunden? Spiel nicht aus, Veit. Ich bin ganz arm, spiel nicht, spiel nicht, Veit!«

Er lag im Walde mehr als einen Tag. Der Wald sprach mit ihm, leise, wie der Wald spricht, priesterlich gebeugt über seine Seele.

Sein Haar floß in blonden Bächen in das dunkle Moos. Er lag starr, mit den Augen den Himmel trinkend.

So schlief er seinen Richtern entgegen.

*     *     *

Abraham Abt fühlte sich ermüdet durch seine Worte. So entschlief er unter den bewegten Wipfeln. Aus kleinen Morgenwolken kam ein Traum zu ihm herab. Er sah einen Gott die Feder führen. In einer rätselhaften Schrift notierte das Götterwesen Dinge auf einem riesigen Pergament, mit Schnörkeln und Glossen schrieb es in der Art der alten Urkunden. Sein Rücken schien gekrümmt durch vieles Gebücktsitzen.

 

»Ist dies der alte allmächtige Gott, der mein Tagebuch führt?« fragte Abraham Abt aus seinem Traum heraus die Wipfel, und seine verschlafenen Augen quälten sich, alles zu erkennen, was das gebückte Wesen schrieb.

»Du lieber Gott – ich glaube, durch den Tod werden wir mündig, und dann ist es aus mit dem Notieren.« Und er erwachte mit einem Hohn auf den Lippen.

Dieser Schlaf war sein letzter im Walde. Dann erhob er sich von den Mooskissen, den Sonntag zu begrüßen, den ihm kleine Glocken herüberbrachten.

Er sah hinauf in das Gebirge. Die Kanten der Felsen begannen sich vom Nebel zu entblößen. Nur einen roten Fetzen schienen die Tage in der Landschaft vergessen zu haben. Es war eine Schar betender Bacchanten gewesen, diese Tage seines Purpurs.

Er horchte auf. Geräusche erwachten im Jenseits des Geländes. Die Rohrpfeifer riefen den Regen.

In diesen Sonntag trat die Sonne ein, das weiße Morgenkleid in 232 zärtliche Falten gerafft, dehnte und reckte sie sich. Sie hatte schwere Träume gehabt, wie nur Sünderinnen sie haben. Aber dann findet sie ihr Lächeln wieder, wie eine erwachende Favoritin versöhnt sie den König der Graubärte neben sich und streichelt ihm alles Verdrießliche aus der Seele.

Immer hartnäckiger und klagender rufen die Rohrpfeifer und sind bange vor dem Lächeln der Sonne.

Abraham Abt geht ihr entgegen, viele Raubvögel zu seinen Häupten zeigen ihm den Weg zu ihr. Ein kalter Schein hütet den Hügel, den die Geier schon umfliegen. Das ärgerliche Gekrächze der schwebenden Riesenvögel gilt einem einsamen Kopf neben einem Blutblock. Mit weit offenen Lidern starrt das Gesicht des Gerichteten böse auf das Werkzeug seines Henkers. Aber das stumpfe Holz antwortet gelassen der Beschimpfung mit unerbittlicher Strenge, unbeweglich und hartnäckig.

Und Abraham Abt hörte in seiner erschrockenen Seele das stumme Zwiegespräch der beiden, wie sie mit ihrem Haß den Sonntag entehren.

Die Sonne ist schon hoch in den Himmel gestiegen. Sie hat ihren Schleier abgelegt, sie ist wieder ein hohes Licht geworden. Mitleidig blickt sie auf den abgeschlagenen Kopf, wie er zuckt, fast länger, als es das Recht der toten Köpfe ist. Dann deckt sie den Glanz ihrer Hände über die toten Augen und läßt sie wieder leuchten wie am Tage des ersten Triumphes.

»Du Blutblock, du stumpfsinniges Holz, wo hast du deinen Witz, den Henker?« lächelt die Sonne voll Verachtung. »Ich finde dich langweilig und dumm.«

Und der Blutblock antwortet mit dem Nachdruck eines Erfahrenen, mit seiner nackten Unerbittlichkeit beginnt er:

»Ist es nicht merkwürdig, wie man mitleidig wird unter diesen Zärtlichkeiten? Arme Sünder sind so verliebt. Jedes bischen Holz ist ihnen genug für ihre Liebe. Könnte man doch ihre Liebe in Krügen auffangen und über die Welt ausgießen! Sie müßten hundert Hände haben, diese armen Gerichteten, wenn sie zu mir kommen. Ich bin ein offenes Buch für ihren 233 letzten Willen. O wie sie schreiben, wie emsig sie kritzeln, ihre Zähne, ihre Nägel, alles in ihnen schreibt. Wie sie knabbern, diese verliebten Ratten. Immer haben sie noch etwas zu bemerken, ein allzuspätes Liebeswort oder so eine Torheit, zum Sterben dumm. Das Leben ist eine zu treue Geliebte, es läßt sich nicht so leicht mit einem Grashügel abfinden. Da hat es noch eine Hand, da noch einen Fuß und will nichts wissen von Amen und Abgesang. Aber er liegt auch zu hart auf mir, so ein Mensch und sein geliebtes Leben. In einer Liebesnacht, die keinen Morgen hat, sollte man ein schönes Gedicht schlafen dürfen. Wie sie so berauschend nackt sind, die da nicht von einander lassen wollen! Und sie pressen und würgen einander und schreien Worte in einer ganz wilden Sprache. Doch da saust das Beil und schreibt den letzten Satz unter die lieben Geständnisse in einer steilen, feinen Schrift, ehrwürdig fein, wie von einer adeligen Hand.«

Hier schweigt der Blutblock, und er sieht nicht, wie der abgeschlagene Kopf an seinem Fuß in einem bleichen Krampf sich quält. Die Augen sind nur halb gestorben. Ein wildes Licht ist ihnen geblieben. Der Mund des Gestorbenen bebt als breiter Spalt, das schwarz geronnene Blut hat ihn häßlich erweitert. Und der Kopf spricht:

»Es ist doch zu schade um uns arme Köpfe, die man uns von Staatswegen so in den Sand wirft. Ein einziger unserer Witze, war er nicht besser, als all diese dumme Tugend? Waren wir nicht eine reisige Schar voll Kunst und herrlicher Tapferkeiten? Man müßte uns eine Kirche bauen und ein Geistamt celebrieren lassen. Unsere Welt war ein duftendes Gericht. Geräuschlos und voll Andacht aßen wir, was unsere fleißigen Finger so glücklich gebacken. Wir verstanden es, den Allerweltsbrei mit schönen Gewürzen zu kochen, und verzichteten stolz auf die Kartoffeln der Seligkeit. Denn wenn man ißt, soll es immer ein Fest, und wenn man trinkt, ein Gebet sein.

Und wir vergruben die Krumen und Reste und jagten die Hunde und Bettler davon, denn das Mitleid riecht, und Gerüche sind verräterisch.

234 Aber die Bettler und Lastträger krochen uns doch auf die Spur, und sie fanden, daß es nicht billig sei, so herrlich zu feiern, ohne die Bettler und Hunde zu fragen. Da entdeckte man unser Talent.

Ein flinker Gedankendieb, so ein Kopfabschläger.«

Und wie ihm das Licht so verzweifelt aus den Höhlen flackert, verliert der tote Kopf sein Gleichgewicht und kommt ins Rollen. Eine fahlgelben Kugel gleich bewegt er sich hügelab und rollt über Abraham Abts Füße hinweg.

Zwei große Geier folgen dem rollenden Schädel, wie glühende Zangen halten ihn ihre Blicke gefaßt, und langsam senken die Vögel ihren Flug. Das Männchen beobachtet interessiert das fröhliche Stück Aas, wie es über die Grenzen der Felder hüpft, und das Weibchen schlägt seinen Schnabel zum Versuche in die fahle Rundung. Der Kopf nickt unter den Hieben. Aus der Ferne kommen schwärmende Stimmen vieler Aasgeier. Bald ist die Ebene erfüllt von ihrer streitenden Gier.

Der traurige Kopf sieht der Sonne nach, wie sie über den Rand der Welt hinübergleitet, seine Augen weiten sich in einer letzten, äußersten Spannung. Aber er sieht doch noch viel Sonne. Glut und Qual lebt noch einmal auf in diesem Blick, der die Sonne fesseln will.

Wie sie langsam schleicht, ganz langsam, um Sekunden geizend!

Abraham Abt hört noch immer die Stimmen der Geier. Er sieht, wie Flügel an Flügel in die Ebene fällt. Grauschwarz ist das Meer der Flügel.

Abrahams Gedanken kreisten wie schwärmende Geier um dieses letzte Bild seines Erlebnisses. Und er erinnerte sich jenes Knechtes, der im Walde schlief und seine Richter erwartete.

»Gieb ihnen eine Mahlzeit aus brauner Erde, allen, die ihre Karte ausgespielt haben. Man soll das Leid des Gerichtes nicht über die Sonntage hinaustragen.«

Dann stieg er rasch hinab, jenseits der Hügel, wo das Land ärmer war, und er erkannte seine Heimat wieder mit ihrer 235 zarten Umrahmung und den kühlen weißen Hütten, in denen die Liebe nur des Sonntags zu Gaste war. Da wollte er die Zeit mit seinen Schritten besiegen, jenen Sonntag zu begrüßen. Aber es war zu rasch Abend geworden, und er fand den Sonntag seiner Heimat nicht mehr.

 

Abraham Abt umging das Dorf, von dem ihn sein Erlebnis trennte, auf schattigen Wegen, die ihm noch vertraut waren. Nur selten suchte er einen Ausblick und dann mußte er gegen die Lust kämpfen, Hügel hinab zu rasen und Straßen und Markt aufzuscheuchen. Er dachte auch an die Grimasse, mit der er ausgewandert war, die sein kleiner Trotz gewesen, sein köstliches Stück Narrentum.

»Ich hab' dich verloren, du treffliche Larve, ich ging zu schnell für einen Maskenträger. Die Erzähler zwar eilten mir voraus mit ihren Geschichten, aber ich bin doch ein tüchtiger Fußgänger gewesen. Was waren die Berge, was die Flüsse, deren Brücken ich jungfräulich neben mir ließ! Mit meinen Worten im Herzen sprang ich von Berg zu Berg und kletterte in die Klüfte. Wißt ihr noch meine Geschichte? Laßt mich sie nicht selbst vergessen, verachtet mich nicht, weil ich für Tage an Größere glaubte. Auch die besten Wanderer haben einmal einen König angebettelt. Ihr Narren, ihr Spaßmacher und Dichter, am Begräbnistage der Könige wird eure Gebärde laut werden, und man wird euch huldigen. Es kommt ein Reich der Bettler, der Narren und der Dichter nach diesen Zeiten der Propheten.«

Da sah er die Fenster seines Elternhauses aufflammen vor sich. In den Zweigen neben ihm rührten sich die Vögel, die schon geschlafen hatten, als der Schein sie erschreckte.

»Scheucht Ihr die Vögel noch immer auf mit Euren kleinen Lichtern, die Goldhähnchen und die Grasmücken, Ihr mit Eurer ungeschickten Vorsicht?«

Er sah die Schatten seiner Schwestern vor der grünen Türe sich bewegen, Schatten, die sich sehnten.

236 »Vielleicht ist es die Stadt, die dort in die Berge klettert mit vielen langen, dunklen Gassen, nach der sich meine Schwestern sehnen,« dachte Abraham Abt. Und er begrub seine Augen in Erinnerungen. Er wünschte sich, jener Fremde zu sein, der mit prinzlichen Gesten zu ihnen kommt an schwülen Frühlingstagen.

»Die Stadt, die in die Berge klettert, ist verrufen. Meine Schwestern schauen mit ihren runden, guten Augen die Stadt an. Ihre Träume wandern in den schmalen Straßen. Einer begegnet ihnen, der vom Paradies spricht, ein Mann im feinen Rock, mit prinzlichen Gebärden.«

Abrahams Augen rangen sich von den Schatten los, die vor der Türe seines Elternhauses kauerten. Seine Füße bemühten sich um einen steilen, steinigen Weg und nahmen auch seine Gedanken mit fort.

Dann weitete sich das Land gegen Westen. Der erhellte, breite Weg und die Wiesen, von denen man schon geerntet hatte, waren bereit zur Wiedergeburt.

»Das ist ein Abend, just um alles zu vergessen, was die Morgen gebracht haben. Es ist ein Abend, den die Stimmen erfüllen könnten, in denen jeder Ton einzeln schwingt und jedes Wort zur Feier kommt.«

Der Mond trat in das Gelände ein, und Abraham rechnete ab mit den Wegen, die hinter ihm waren. Seine Barschaft, die Kraft von Morgen zu Morgen, wog er und fand, daß er reich genug war, noch viel weiter zu gehen, aber zu arm, um zurückzukehren.

 

In jenen Tagen, in denen Abraham Abt ein neues Kapitel versuchte, erfuhr er den Tod des Marquis. Es war eine regnerische Zeit, eine trübe Epistel seines Gemütes.

Eine Stadt beherbergte ihn, und er sprach jetzt seine Gedichte vor den Bürgern. Er sündigte mit seinen Gedanken gegen seine Gastgeber; ihre Ohnmacht verstand er nicht, wie sie seine Kraft nicht erkannten. Er redete im Gewand der Bettler, 237 das ihm jugendlich anstand. In seinen Gedichten sprach er viel vom Tode, dem er das Gesicht eines großen Liebhabers verlieh. Er schminkte die knöcherne Maske des Marquis mit den Farben, die ihn seine liebsten Blumen gelehrt hatten. Über aller Konsequenz, die er in sich erlebt hatte, stand das Gerippe des gräflichen Gastgebers.

»Lassen Sie uns einen Gang durch den Garten machen, wir wollen Beate und Leonie bitten, uns zu begleiten. Finden Sie nicht, daß Beatens Hände und Füße sehr schön sind? Sie erinnert an eine der Bräute, wie sie die späteren Künstler der Renaissance sich ausgedacht haben.«

Abraham Abt rezitierte diese Worte in der großen Stadt, die ihn bedrückte und enttäuschte. – – –

Die Stadt, in der Abraham Abt redete und schrieb, lag im flachen Lande, unbeschützt vor den Winden. Die Geranien, die er als dürftige Erinnerung vor sein Fenster gepflanzt hatte, erlagen dem Frost. –

Er ging weiter im November eines Jahres, das unter vielen das reichste gewesen war. Er begegnete wieder dem Schnee, der ihn mit seinem kühlen Lächeln auf das Gesicht küßte, und freute sich über diese Begrüßung mit dem Kinderherzen von damals.

»Man ist zur Hälfte Erinnerung, man ist Vergangenheit trotz aller schnellen Schritte der Zukunft. Ich möchte ein Jenseits fühlen, ein Zeitloses begreifen dürfen. Ich bin des Teilens satt und der Teilchen.« So sprach er und schritt vor das Tor der großen Stadt hinaus. Die Kraft, die seinen Wuchs geleitet hatte in den Tagen der Kindheit, kam wieder in ihn, und seine Rede hatte noch starke Flügel. Er lebte vor dem Tore der Stadt seine Gedächtnisse zu Ende. Selten bestieg er den Turm und rührte an die Glocken oder er sprach mit den Eulen über das Nestbauen und den Genuß des Fliegens. Man hörte ihn auch in den Weinbergen und den Laubgängen der öffentlichen Parks mit sich reden. Man wußte nicht, ob er für ein Werk oder für den Tod Vorbereitungen traf. Er war stärker als alle.

In diesen Zeiten, die kamen, entledigte sich Abraham Abt 238 vollkommen der zeitlichen Begriffe. Er teilte sein Leben nicht mehr nach Jahren ein, er lebte von Jahreszeit zu Jahreszeit. Wenn der Wein blühte, freute er sich des Weines, der mit guten und wackeren Worten ein Erlöser wird. Er ging in den Gängen zwischen den reifenden Reben und zählte die Trauben, die sich ihm auszuschütten versprachen. Auch den Winter verstand er jetzt besser als in den Tagen seiner Liebe. Er erfreute sich wieder der tanzenden Flocken im Gefilde, ganz wie damals, als er ausging. Er wanderte an den Herbergen vorüber und lobte die Sünden, von denen man erlöst wird wie ein Schlafender von den Wegen, die ermüden. Er zündete die Lichter wieder an, die verloschen waren, weil schmutzige Laster sie ablösen sollten. Er gedachte seines Kapitels in der Herberge, auch der verwirrten, des Blutblocks, des abgeschlagenen Kopfes und der Geier in der Ebene.

Nach allem dem fühlte er, daß Vieles noch nicht gesagt sei und gesagt werden müßte. Er hoffte auf einen Winter, der alles abschließen würde.

So blieb sein Werk ein Fragment, das er liebte.

 

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