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Abenteurer des Schienenstranges

Jack London: Abenteurer des Schienenstranges - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleAbenteurer des Schienenstranges
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorMax Barthel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nächtliche Fahrten

Auf meinen Fahrten habe ich Hunderte von Landstreichern getroffen, mit denen ich gesprochen und an Wasserbehältern zusammen gewartet, mit denen ich an der ›Linie‹ oder in den Häusern um Geld für Unterkunft und Essen gefochten und gemeinsam Züge geentert habe, die aber in der Nacht verschwunden sind und sich nie wieder haben sehen lassen. Anderseits gab es Landstreicher, die ich mit erstaunlicher Häufigkeit getroffen und immer wieder gesehen habe, und andre, die geisterhaft und unsichtbar in der Nacht an mir vorbeigefahren sind. Ein solcher war es, dem ich quer durch Kanada, dreitausend Meilen weit nachjagte, ohne ihn auch nur ein einziges Mal erblickt zu haben. Seine ›Monica‹ war ›Jack Skysegel‹. Ich stieß erst in Montreal auf sie. Da war mit einem Klappmesser die Skysegelrahe eines Schiffes eingeschnitten, und zwar in glänzender Ausführung. Darunter stand ›Skysegel Jack‹, oben drüber ›F. W. 15. 10. 94‹. Das hieß, daß er Montreal auf dem Wege nach Westen am 15. Oktober 1894 passiert habe. Er hatte einen Vorsprung von einem Tage vor mir. ›Jack Seemann‹ war damals meine ›Monica‹, und ich schnitt sie gleich neben der seinen ein. ebenfalls mit dem Datum und der Anzeige, daß ich auch nach Westen fuhr. Die nächsten hundert Meilen hatte ich verschiedentlich Pech, und erst vierzehn Tage später stieß ich wieder auf Jack Skysegels Spur, diesmal dreihundert Meilen westlich von Ottawa. Hier stand das Zeichen, in einen Wasserbehälter geschnitten, und aus dem Datum konnte ich sehen, daß auch er sich verspätet hatte. Er hatte diesmal zwei Tage Vorsprung vor mir. Ich war ein ›Komet‹, ein ›königlicher Landstreicher‹, aber das war er auch, und es war Ehrensache für mich, ihn einzuholen. Tag und Nacht hing ich auf der Eisenbahn und überholte ihn, aber dann erhielt er wieder einen Vorsprung und kam mir zuvor. Zuweilen war er einen Tag vor mir, zuweilen ich einen Tag vor ihm. Von ostwärts reisenden Vagabunden hörte ich manchmal etwas über ihn, wenn er zufällig vor mir war, und sie erzählten mir, er fange an, sich für ›Jack Seemann‹ zu interessieren und sich nach mir zu erkundigen.

Wir wären gewiß ein prächtiges Paar gewesen, wenn wir je zusammengekommen wären, aber wir konnten nicht zusammenkommen. Ich behielt meinen Vorsprung vor ihm durch ganz Manitoba, aber er führte durch Alberta, und an einem bitterkalten grauen Morgen erfuhr ich an einer Zweigstation dicht östlich vom Kicking-Horse-Paß, daß er am Abend zuvor zwischen diesem und dem Rogers-Paß gesehen worden sei. Die Auskunft erhielt ich auf eine recht eigentümliche Weise. Ich war die ganze Nacht in einem ›Pullman mit Seitentüren‹ – geschlossenen Güterwagen– gefahren und schließlich halbtot vor Kälte an der Station herausgekrochen, um mir etwas Essen zu erfechten. Es war eisig kalt und nebelig, und ich faßte ein paar Heizer im Lokomotivschuppen ab. Sie schenkten mir die Überbleibsel aus ihren Frühstückseimern und außerdem fast einen ganzen Liter himmlischen ›Java‹ (Kaffee). Ich wärmte ihn mir, und gerade, als ich mich ans Essen machen wollte, kam ein Güterzug vom Westen. Ich sah, wie eine Seitentür geöffnet wurde und ein junger Vagabund herauskroch. Durch die treibenden Nebelschwaden hinkte er zu mir hin. Er war starr vor Kälte, seine Lippen waren blau. Ich teilte meinen Java und meinen Proviant mit ihm, erhielt Bescheid über Jack Skysegel und übrigens auch über ihn, den Ankömmling, selber. Denkt euch, er war aus meiner eigenen Stadt, Oakland (Kalifornien), und Mitglied der berühmten Boo-Bande – einer Bande, der auch ich mich gelegentlich angeschlossen hatte. In der nächsten halben Stunde unterhielten wir uns eifrig, während wir ins Essen einhieben. Dann fuhr mein Güterzug weiter, und ich folgte jack Skysegel auf den Hacken westwärts.

Zwischen den Pässen verspätete ich mich, bekam zwei Tage lang nichts zu essen, mußte am dritten läge elf Meilen laufen, ehe ich etwas erhielt, aber dennoch glückte es mir, jack Skysegel am Fraser River in Britisch-Kolumbien zu überholen. Ich fuhr die beiden Tage als ›Passagier‹ und kam sehr schnell vorwärts, aber er hatte es ebenso gemacht oder mehr Glück gehabt, oder er war gewandter gewesen, denn er erreichte die Mission vor mir.

Die Mission war ein Knotenpunkt, vierzig Meilen östlich von Vancouver. Ich ging zum Wasserbehälter, um nachzusehen, und da stand mit dem heutigen Datum Jack Skysegels ›Monica‹. Ich machte, daß ich weiter nach Vancouver kam, aber er war verschwunden. Er war gleich an Bord gegangen und flog jetzt immer weiter nach Westen auf seiner weltumspannenden Abenteurerbahn. Wahrhaftig, Jack Skysegel, du warst ein königlicher Vagabund, und dein wahrer Kamerad war der ›sausende Wind, der von Ort zu Ort fährt‹! Ja, ich ziehe meinen Hut vor dir! Du warst einer von der richtigen, waschechten Sorte. Eine Woche später hatte auch ich mein Schiff gefunden, befand mich an Bord des Dampfers ›Umatilla‹ und arbeitete mich als Matrose die Küste nach San Francisco hinunter. Jack Skysegel und Jack Seemann – Holla! Wenn wir uns je getroffen hätten!

Die Wasserbehälter sind Wegweiser für die Vagabunden, und es geschieht nicht aus purem Übermut und um nichts und wieder nichts, wenn ein Landstreicher seine ›Monica‹, Datum und Reiseweg in diese Behälter schneidet. Ich habe oft Vagabunden getroffen, die eifrig fragten, ob ich nicht irgendwo diesen und jenen Landstreicher oder seine ›Monica‹ gesehen hätte. Und mehr als einmal habe ich Auskunft über seine letzte ›Monica‹ am Wasserbehälter und über die Richtung, in der er damals reiste, geben können. Und im selben Augenblick stürzte dann der Landstreicher, dem ich die Auskunft gab, hinaus, um seinen Kameraden zu suchen. Ich habe Landstreicher getroffen, die, um einen Kameraden einzuholen, quer über den ganzen Kontinent und wieder zurück fuhren.

›Monicas‹ sind die Spitznamen, die die Landstreicher sich zulegen oder die ihnen von Kameraden angehängt werden. Es gibt sehr wenige Landstreicher, die sich gern an ihre Vergangenheit erinnern, in der sie die Würdelosigkeit besaßen, zu arbeiten, aber ich entsinne mich doch, ganz vereinzelt auf Namen gestoßen zu sein, die sich auf dieses oder jenes Handwerk bezogen: ich erinnere mich, daß ich auf folgende Namen stieß: Maler Rot, Chi-Kesselschmied, Schiffsjunge, Freund Drucker. ›Chi‹ ist im Landstreicherjargon die Abkürzung von Chicago.

Sehr beliebt ist es dagegen unter den Landstreichern, ihre ›Monica‹ nach den Orten zu wählen aus denen sie stammen, zum Beispiel: New-York-Tommy, Pazifik-Slim, Buffalo-Smithy, Canton-Tim, Pittsburg-Jack, Troy-Mickey, K.-L.-Bill und Connecticut-Jimmy. ›Blank‹ bedeutet immer einen Neger, und er wird möglicherweise so genannt wegen des blanken Schimmers, der auf seinem Gesicht liegt. Texas-Blanker oder Toledo-Blanker bezeichnet sowohl Rasse wie Heimat.

Von solchen, deren ›Monica‹ von ihrer Rasse und Nationalität hergeleitet war, entsinne ich mich folgender: Frisco-Jude, New-York-Irländer, Michigan-Franzose, Engländer-Jack, Londoner Junge und Milwauky-Holländer. Andre haben ihre ›Monica‹ den Farben entlehnt, mit denen die Natur sie ausgestattet hat, und wieder andre körperlichen Eigentümlichkeiten, etwa, ihrer Größe, ihrer Korpulenz oder besonderen Kennzeichen, wie einer gebrochenen Nase oder ähnlichem, während wieder andre nach ihrem besonders großen Mundwerk oder ihrer Gewandtheit hießen.

An dem Wasserbehälter in San Marcial (New Mexiko) stand vor einem Dutzend Jahre folgender ›Speisezettel‹ für Landstreicher:

  1. Hauptstraße gut.
  2. Polizei nicht schlimm.
  3. Lokomotivschuppen gute Schlafstelle.
  4. Nordbahnzüge nicht gut.
  5. Private nicht gut.
  6. Restaurants nur gut für Köche.
  7. Eisenbahnhotel nur gut für Nachtarbeit.

Nummer eins enthält die Mitteilung, daß in der Hauptstraße mit gutem Erfolge gefochten werden kann; Nummer zwei, daß die Polizei Landstreicher nicht belästigt; Nummer drei, daß man im Lokomotivschuppen schlafen kann; Nummer vier ist indessen zweideutig. Es kann heißen, daß es keinen Zweck hat, in nördlicher Richtung laufende Züge zu entern, und es kann auch bedeuten, daß es ein schlechtes Feld für Fechtbrüder ist. Nummer fünf besagt, daß die Privatleute in der Stadt Bettlern nicht wohlgesinnt sind, und Nummer sechs, daß nur Landstreicher, die Köche gewesen sind, in den Restaurationen etwas zu essen bekommen. Aus Nummer sieben werde ich nicht recht klug. Ich weiß nicht, ob am Abend das Eisenbahnhotel überhaupt gut für Fechtbrüder ist, oder ob nur frühere Köche mit Erfolg abends fechten können, oder ob jeder Landstreicher, Koch oder nicht, abends dem Küchenpersonal des Eisenbahnhotels gegen ein bißchen Essen bei der schmutzigen Arbeit helfen kann.

Um aber wieder von den Landstreichern zu reden, die nachts kommen und gehen, so entsinne ich mich eines, den ich in Kalifornien traf. Er war Schwede, hatte aber so lange in Kalifornien gelebt, daß man nicht mehr hören konnte, welcher Nation er angehörte. Er mußte es schon selbst erzählen. Tatsächlich war er als kleines Kind nach den Vereinigten Staaten gekommen. Ich stieß zuerst in der Gebirgsstadt Truckee mit ihm zusammen. »Wohin, Kamerad?« fragten wir beide gleichzeitig. Und »Ostwärts!« lautete die Antwort, die wir beide gaben. Wir waren eine ganze Bande, die an diesem Abend versuchte, mit dem Überlandzug mitzukommen, und in dem Handgemenge kamen der Schwede und ich auseinander. Ich kam übrigens nicht mit.

Ich erreichte Reno (Nevada) in einem Güterwagen, der sofort auf ein Nebengleis gefahren wurde. Es war Sonntag morgen, und nachdem ich ein bißchen Frühstück erwischt hatte, wanderte ich nach dem Piute-Lager hinüber, um die Indianer spielen zu sehen. Und da stand der Schwede, ungeheuer interessiert. Selbstverständlich taten wir uns zusammen. Er war der einzige Bekannte, den ich, und ich der einzige, den er in der Gegend hatte. Wir fielen uns in die Arme wie ein Paar Eremiten, die der Einsamkeit müde geworden sind, und verbrachten den Tag miteinander, liefen herum, um Mittagessen zu kriegen, und versuchten spät am Nachmittage, denselben Güterzug zu erwischen. Er wurde jedoch geschmissen, und so fuhr ich allein ab, aber nur, um selbst irgendwo mitten in der Wüste, ungefähr zwanzig Meilen hinter Reno, geschmissen zu werden. Von allen Einöden der Welt war die, in der ich geschmissen wurde, sicher die schlimmste. Sie nannte sich Signalstation und bestand aus einem Schuppen, der aufs Geratewohl mitten zwischen die Salbeibüsche in den Sand gepflanzt war. Ein kalter Wind wehte, die Nacht brach an, und der einsame Telegraphist, der in dem Schuppen wohnte, fürchtete sich vor mir. Ich wußte, daß ich weder Essen noch Unterkunft aus ihm herauspressen konnte. Weil er sich so offensichtlich vor mir fürchtete, glaubte ich ihm nicht, als er mir erzählte, daß ostwärtsgehende Züge hier nie hielten. Zudem war ich ja selbst von einem ostwärtsgehenden Zuge am selben Orte vor kaum fünf Minuten geschmissen worden. Er versicherte mir, daß der nur auf besondere Order gestoppt hätte und daß ein ganzes Jahr vergehen könnte, ehe ein zweiter Zug hier hielte. Er teilte mir mit, daß es nur zwölf bis fünfzehn Meilen bis Wadsworth seien und daß es am besten wäre, wenn ich mich aus dem Staube machte. Ich zog es indessen vor, zu warten, und hatte nun das zweifelhafte Vergnügen, zwei Güterzüge nach Westen und einen nach Osten ohne Aufenthalt vorbeifahren zu sehen. Ich dachte darüber nach, ob der Schwede sich vielleicht auf dem Zuge befunden haben sollte. Mir blieb also nichts übrig, als die Strecke entlang nach Wadsworth zu traben, und das tat ich denn auch zur großen Erleichterung des Telegraphisten, da ich weder seinen Schuppen in Brand steckte noch ihn ermordete. Telegraphisten haben manche Ursache, dankbar zu sein.

Als ich etwa die Hälfte des Weges hinter mir hatte, mußte ich beiseitetreten, um den Zug nach Osten vorbeizulassen. Er fuhr sehr schnell, aber ich konnte eben noch eine Gestalt auf dem ersten ›Blinden‹ erkennen, die dem Schweden glich.

Ehe ich ihn wiedersah, sollten viele langweilige Tage vergehen. Ich arbeitete mich durch die Wüste von Nevada, die sich Hunderte von Meilen nach allen Richtungen erstreckte, hing nachts an den Überlandzügen, um schneller weiterzukommen, und fuhr am Tage in geschlossenen Güterwagen, um ein bißchen Schlaf zu bekommen.

Es war früh im Jahre und in dieser hochgelegenen Gegend sehr kalt. Hier und dort lag Schnee auf der Ebene, alle Berge waren in Weiß gekleidet, und nachts wehte ein kalter Wind – der ungemütlichste, den man sich denken konnte. Es war kein Land, das einen zu längerem Aufenthalt verlockte. Und vergiß nicht, lieber Leser, daß der Landstreicher durch ein solches Land ohne Schutz vor der Witterung und ohne Geld reist, daß er gezwungen ist, sich durchzubetteln und nachts ohne Decken zu schlafen. Das versteht man jedoch nur hinreichend, wenn man es aus Erfahrung kennt.

Früh am Abend kam ich zum Bahnhof in Ogden. Der Überlandzug der Union-Pazifik-Linie sollte gleich in östlicher Richtung abfahren, und ich war entschlossen, mit ihm in Verbindung zu kommen. In dem Labyrinth von Gleisen vor der Lokomotive stieß ich auf eine Gestalt, die in der Dunkelheit herumschlich. Es war der Schwede. Wir drückten uns die Hände wie zwei Brüder, die lange getrennt gewesen waren, und entdeckten bei dieser Gelegenheit, daß wir beide Handschuhe trugen.

»Wo hast du die aufgegabelt?« fragte ich.

»Auf einer Lokomotive«, antwortete er. »Und wo hast du deine her?«

»Sie gehörten einem Heizer«, sagte ich. »Er war ein bißchen unvorsichtig.«

Als der Überlandzug den Bahnhof verließ, sprangen wir auf den ›Blinden‹. Es war grimmig kalt. Das Gleis durchlief eine enge Felsenschlucht zwischen schneebedeckten Bergen, und wir zitterten beide vor Kälte, während wir dalagen und uns erzählten, wie wir die Strecke von Reno nach Ogden zurückgelegt hatten. Ich hatte in der vorigen Nacht nur eine Stunde geschlafen, und unser jetziger Aufenthalt war nicht so angenehm, daß er zu einem Schläfchen verlockt hätte. Bei einer Station ging ich etwas weiter nach vorn zur Lokomotive. Wir hatten ›doppelte Besetzung‹ (zwei Lokomotiven), um uns die Steigung hinaufzuziehen.

Ich wußte, daß es auf dem Kuhfänger der ersten Lokomotive, die den Wind spaltete, zu kalt sein würde, und deshalb wählte ich den Kuhfänger der zweiten Lokomotive, der von der ersten geschützt wurde. Als ich hinaufkletterte, entdeckte ich, daß er schon besetzt war. Ich tastete mich in der Dunkelheit zurecht und bemerkte einen ganz jungen Burschen. Mit Mühe und Not reichte der Platz eben für zwei; ich veranlaßte den Jungen, sich eng zusammenkauern, und kletterte neben ihn. Es war eine ›gute Nacht‹; die Bremser belästigten uns nicht, und in wenigen Minuten waren wir fest eingeschlafen. Ab und zu wurde ich dadurch geweckt, daß warme Asche auf uns herabfiel, oder daß es einen heftigen Ruck im Zuge gab, dann drückte ich mich nur enger an den Jungen und wurde von dem Fauchen der Lokomotiven und dem Kreischen der Räder wieder in Schlummer versetzt.

Der Überlandzug erreichte Evanston (Wyoming), aber dann ging es auch nicht weiter. Etwas voraus war ein Eisenbahnunglück passiert, und die Linie war gesperrt. Der Zugführer war getötet worden, und seine Leiche, die zu uns gebracht wurde, zeigte, wie gefährlich die ganze Strecke war. Auch ein Vagabund war umgekommen, aber seine Leiche wurde nicht gebracht.

Ich redete mit dem Jungen. Er war dreizehn Jahre alt, seinen Eltern fortgelaufen, die irgendwo in Oregon wohnten, und befand sich nun auf dem Wege nach Westen zu seiner Großmutter. Er erzählte mir, wie furchtbar er in dem Heim, daß er soeben verlassen hatte, mißhandelt worden war, und seine Erzählung klang sehr wahr; übrigens hatte er ja auch keinen Grund, mir, einem namenlosen Landstreicher, der von Ort zu Ort zog, etwas vorzulügen.

Und der Junge hatte auch Eile. Er konnte nicht schnell genug weiterkommen. Als sich die Bahnaufseher entschlossen, den Überlandzug denselben Weg, den er gekommen war, zurückzuschicken und ihn dann auf einer Seitenlinie nach Oregon und von dort nach der Union-Pazifik, jenseits von dem entgleisten Zuge, zu leiten, kletterte der Junge wieder auf den Kuhfänger und sagte, daß er dort bleiben wolle. Das war jedoch zuviel für den Schweden und mich. Es bedeutete, daß wir die ganze eisige Nacht hindurch reisen sollten, ohne mehr als vielleicht ein Dutzend Meilen zu gewinnen. Wir sagten, wir wollten warten, bis die Strecke frei gemacht wäre, und in der Zwischenzeit ordentlich ausschlafen.

Aber es war keine Kleinigkeit, um Mitternacht, ohne Geld, in furchtbarer Kälte, in einer fremden Stadt eine Schlafstelle zu bekommen. Der Schwede besaß nicht einen Pfennig. Mein Gesamtvermögen belief sich auf zwei Zehncentstücke und ein Fünfcentstück. Wir hatten von einigen Eingeborenen gehört, daß ein Glas Bier fünf Cent koste, und daß die Schanklokale die ganze Nacht geöffnet wären. Das war gerade das Richtige für uns. Zwei Glas Bier kosteten zehn Cent, es gab einen Ofen und Stühle, auf denen wir bis zum Morgen schlafen konnten. Mit raschen Schritten steuerten wir auf eine erleuchtete Schankwirtschaft los, der Schnee knirschte unter unsern Füßen, während ein kalter Wind uns durchwehte.

Ach, ich hatte die Eingeborenen mißverstanden. Es gab nur eine Wirtschaft in der ganzen Stadt, wo das Bier fünf Cent kostete, und wir hatten nicht das Glück, sie zu finden. Aber sonst war es ausgezeichnet. Es gab einen herrlichen, vor Hitze weißglühenden Ofen; es gab bequeme Lehnstühle mit Rohrsitzen und einen nicht gerade angenehm aussehenden Kellner, der uns, als wir eintraten, mißtrauisch von der Seite ansah. Man kann nicht gut Tag und Nacht in denselben Kleidern herumlaufen, auf Züge springen, sich mit Ruß und Asche herumschlagen, schlafen, wie und wo es sich gerade trifft, und dann noch anständig aussehen. Unser Aeußeres sprach entschieden gegen uns, aber was machte das? Ich hatte ja Geld in der Hosentasche, um zu bezahlen. »Zwei Glas Bier«, sagte ich nachlässig zum Kellner, und während er einschenkte, lehnte der Schwede und ich uns über die Bar und sehnten uns dabei im geheimen nach den Lehnstühlen am Ofen.

Der Kellner stellte die beiden schäumenden Gläser vor uns hin, und ich legte stolz die zehn Cent auf den Schenktisch. Ich war ganz sicher. Sobald ich zu wissen bekam, daß ich mich im Preise geirrt hatte, wollte ich weitere zehn Cent aus der Tasche holen. Ich wollte mir nicht das geringste daraus machen, daß ich dann dastand, ohne etwas auf der Welt zu besitzen außer fünf Cent. Ich wollte bezahlen, gewiß! Aber der Kellner ließ mir keine Möglichkeit. Sobald er das Zehncentstück erblickte, das ich auf den Tisch gelegt hatte, ergriff er die beiden Gläser, eines mit jeder Hand, und goß das Bier in den Aufwasch hinter der Bar. Dann sah er uns wütend von der Seite an und sagte: »Ihr habt Warzen auf der Nase! Ihr habt Warzen auf der Nase! Versteht ihr?«

Ich war mir bewußt, daß ich keine Warzen hatte und der Schwede ebensowenig. Unsern Nasen fehlte nichts. Was für einen direkten Sinn diese Worte hatten, ging weit über unsern Verstand, aber der indirekte war klar wie der Tag – unser Aussehen gefiel ihm nicht, und das Bier kostete offenbar zehn Cent das Glas.

Ich fuhr in die Tasche und legte noch zehn Cent auf die Bar, wobei ich nachlässig bemerkte: »Ach, ich glaubte, hier koste es fünf Cent.«

»Wir wollen euer Geld nicht haben!« antwortete er und schob mir die beiden Zehncentstücke über die Bar wieder hin.

Ich ließ sie mit tiefem Bedauern wieder in die Tasche gleiten; mit tiefem Bedauern dachten wir an den gesegneten Ofen und die Lehnstühle, mit tiefem Bedauern gingen wir zur Tür hinaus in die Frostnacht.

Als wir aber zur Tür hinausgingen, rief uns der Kellner noch nach: »Ihr habt Warzen auf der Nase! Versteht ihr?«

Seitdem habe ich mich viel in der Welt umgesehen, ich habe viele fremde Länder bereist und viele fremde Völker besucht, viele Bücher gelesen und viele Vorträge gehört, aber obwohl ich lange und gründlich über die Sache nachgedacht habe, ist es mir doch nicht möglich gewesen, den Sinn der rätselhaften Aeußerung des Kellners in Evanston zu erraten. Unsern Nasen fehlte nicht das geringste. Diese Nacht schliefen wir oben auf den Dampfkesseln einer elektrischen Lichtstation. Wie wir diese ›Schlafstelle‹ entdeckten, weiß ich nicht mehr. Wir müssen gerade drauflosgesteuert sein, instinktiv, wie Pferde in der Richtung der Tränke gehen oder Brieftauben den heimischen Schlag finden. Aber es war eine Nacht, an die ich nicht gern zurückdenke. Als wir hinkamen, lag schon ein Dutzend Landstreicher oben auf den Kesseln, und es war zu heiß für uns alle. Was unsere verzweifelte Lage noch verzweifelter machte, war der Umstand, daß der Heizer nicht erlauben wollte, daß wir uns unten im Raum aufhielten. Er ließ uns die Wahl zwischen den Kesseln und dem Schnee draußen.

»Du sagtest, du wolltest schlafen – so schlaf doch, zum Teufel!« sagte er zu mir, als ich in den Feuerraum kam, ganz außer mir und völlig verkommen vor Hitze.

»Wasser!« stöhnte ich und wischte mir den Schweiß aus den Augen. »Wasser!«

Er zeigte nach der Tür und versicherte mir, daß ich irgendwo draußen in der Dunkelheit den Fluß finden würde. Ich ging in der angegebenen Richtung, verirrte mich in der Dunkelheit, fiel in einen Schneehaufen und kehrte halb erfroren zu meinem Platze auf den Kesseln zurück. Als ich wieder aufgetaut war, war ich durstiger als je. Überall lagen Landstreicher und klagten, jammerten, seufzten, japsten, stöhnten, warfen sich hin und her und schlugen in großer Qual mit Armen und Beinen um sich. Wir glichen einer Schar verlorener Seelen, die auf einem Rost in der Hölle lagen und gebraten wurden, und der Heizer – der leibhafte Satan selbst – bot uns keine andere Wahl, als draußen zu erfrieren. Der Schwede erhob sich und verfluchte mit großer Leidenschaft die Wanderlust, die im Menschen schlummert und ihn in die Welt hinausgeschickt hatte, um solche Leiden auszustehen.

»Wenn ich nach Chicago zurückkomme,« erklärte er feierlich, »will ich sehen, Arbeit zu bekommen, und sie festhalten, bis die Hölle zufriert. Dann kann ich wieder anfangen zu wandern.«

Und durch eine wahre Ironie des Schicksals mußten der Schwede und ich am nächsten Tage – als die Schienen von dem verunglückten Zuge frei gemacht waren – Evanston in dem Eisbehälter eines ›Apfelsinenzuges‹, eines Gütereilzuges, verlassen, der mit Obst beladen aus dem sonnigen Kalifornien kam. Selbstverständlich waren die Eisbehälter leer wegen des kalten Wetters, aber das machte sie für uns nicht wärmer. Wir schlüpften durch die Luken im Dach hinein; sie waren aus galvanisiertem Eisen gemacht und in der beißenden Kälte nicht angenehm anzufassen. Zitternd vor Kälte lagen wir da und hielten Kriegsrat, und wir entschlossen uns, Tag und Nacht in den Eisbehältern zu bleiben, bis wir von den ungastlichen Hochebenen in das Tal des Missisippi hinunterkämen.

Aber wir mußten selbstverständlich essen, und so beschlossen wir denn, bei der nächsten Zweigstation auszugehen, um etwas Essen zu ergattern, und dann zu unsern Eisbehältern zurückzukehren. Spät am Nachmittage erreichten wir die Stadt, die Green River heißt, aber es war noch ein wenig vor Abendbrotzeit. Vor den Mahlzeiten ist es immer am schwersten, von den Leuten etwas zu essen zu bekommen, aber wir nahmen allen Mut zusammen, stürzten die eisernen Leitern am Wagen hinunter, während der Güterzug in den Bahnhof einfuhr, und liefen nach den Wohnhäusern. Wir wurden bald voneinander getrennt, aber wir hatten verabredet, uns in den Eisbehältern zu treffen. Anfangs hatte ich Pech, aber schließlich bekam ich doch ein paar Futterpakete zusammen, steckte sie ins Hemd und begann dem Zuge nachzulaufen. Der befand sich schon in Bewegung und fuhr sehr schnell. Der Kühlwagen, in dem ich mich mit dem Schweden treffen wollte, war schon vorbeigefahren, aber fünf oder sechs Wagen dahinter kletterte ich die eiserne Leiter hinauf, erreichte in größter Eile das Dach und ließ mich in einen Eisbehälter hinabgleiten.

Aber ein Bremser hatte mich von seinem Häuschen aus gesehen, und an der nächsten Station, Rock Springs, ein paar Meilen weiter, steckte er den Kopf herein und sagte: »Mach', daß du 'raus kommst, du Sohn einer Kröte! Mach', daß du 'raus kommst!« Dann packte er mich bei den Beinen und holte mich ans Tageslicht. Ich kam richtig heraus, während der Apfelsinenzug mit dem Schweden ohne mich weiterfuhr.

Es hatte angefangen zu schneien, und es sah aus, als sollte es eine kalte Nacht werden. Als es dunkel geworden war, begann ich zwischen den Eisenbahnwagen herumzusuchen, bis ich einen leeren Kühlwagen gefunden hatte. Ich kroch hinein – nicht in den Eisbehälter, sondern in den Wagen selbst. Ich schloß die schweren Türen, und da sie mit Gummileisten versehen waren, schlossen sie vollkommen luftdicht. Die Wände waren dick, und es gab keine Ritzen, durch die die Kälte in den Wagen dringen konnte. Aber drinnen war es ebenso kalt wie draußen. Die Erhöhung der Temperatur war mein nächstes Problem. Aber ein richtiger Landstreicher weiß immer Rat. Ich zog drei oder vier Zeitungen aus der Tasche. Die verbrannte ich eine nach der andern auf dem Boden des Wagens. Der Rauch stieg in die Höhe. Nicht das kleinste bißchen Wärme konnte entweichen, und ich lag warm und gut da und verbrachte eine wunderbare Nacht. Ich wachte nicht ein einziges Mal auf.

Am Morgen schneite es immer noch. Während ich draußen war, um etwas Frühstück zu erwischen, entging mir ein ostwärts gehender Güterzug. Später am Tage erwischte ich zwei andere Güterzüge und wurde von beiden geschmissen. Es schneite jetzt stärker als je, aber in der Dämmerung fuhr ich auf dem ersten ›Blinden‹ des Überlandzuges ab. Im selben Augenblick, als ich von der einen Seite aufsprang, sprang einer von der andern Seite auf. Es war der Junge, der aus Oregon weggelaufen war. Aber auf dem ersten ›Blinden‹ eines Schnellzuges in einem mächtigen Schneesturm zu fahren, ist keine Vergnügungsreise. Der Wind fährt durch einen hindurch, prallt von der Vorderseite des Wagens ab und kommt wieder zurück. Als wir das erstemal hielten und es dunkel geworden war, ging ich nach vorn und redete mit dem Heizer. Ich bot ihm an, Kohlen zu schaufele bis zu der Station, wo er abgelöst wurde – es war Rawlins –, und er nahm mein Angebot an. Meine Arbeit bestand darin, daß ich draußen auf dem Tender im Schnee stand, die Kohlenklumpen mit einem Vorhammer zerstückelte und sie ihm zur Lokomotive hinüberschaufelte. Da ich aber nicht die ganze Zeit zu tun hatte, konnte ich hin und wieder zu ihm hinüberkommen und mich ein bißchen wärmen.

»Hör',« sagte ich in der ersten Pause zu ihm, »auf dem ersten ›Blinden‹ liegt ein kleiner Kerl. Er friert sehr.«

Hinten auf den Lokomotiven der Union-Pazifik ist ziemlich viel Platz, und wir räumten dem Jungen einen warmen Winkel vor dem Feuerloch ein, wo er augenblicklich einschlief. Gegen Mitternacht kamen wir in Rawlins an. Es schneite mehr als je. Hier sollte die Lokomotive in den Schuppen gefahren und eine neue Maschine vorgespannt werden. Als der Zug hielt, sprang ich herunter und gerade einem Mann in einem großen Mantel in die Arme. Er begann mich auszufragen, und ich fragte ihn prompt, wer er wäre. Er teilte mir ebenso prompt mit, daß er der Sheriff wäre. Ich zog meine Fühler ein, hörte und antwortete.

Nun begann er den kleinen Kerl zu beschreiben, der auf der Lokomotive lag und schlief. In aller Eile überdachte ich die Situation. Es war klar, daß die Familie dem Bengel auf der Spur und der Sheriff telegraphisch von Oregon aus instruiert war. Ja, ich hätte den Jungen gesehen. Zuerst hätte ich ihn in Oregon getroffen. Das Datum stimmte mit dem überein, das dem Sheriff aufgegeben worden war. Aber der Junge mußte immer noch irgendwo auf der Strecke hinter uns sein, denn er wäre gerade von diesem Zuge geschmissen worden, als wir Rock Springs verließen. Und unterdessen betete ich, daß der Junge nicht aufwachen und den Schauplatz betreten möchte, denn dann war ich geliefert.

Der Sheriff verließ mich, um mit den Bremsern zu reden; ehe er ging, sagte er noch: »Kamerad, diese Stadt ist nichts für dich. Verstanden? Sorge dafür, daß du mit dem Zuge wieder fortkommst. Erwische ich dich, wenn der Zug abgefahren ist, dann –«

Ich versicherte ihm, daß ich mich nicht zum Vergnügen in seiner Stadt befände, und daß der einzige Grund, weshalb ich da wäre, der sei, daß der Zug haltgemacht hätte, daß ich aber so schnell aus seiner verfluchten Stadt verschwinden würde, daß er mich vor lauter Rauch nicht sähe.

Während er weiterging, um die Bremser auszufragen, sprang ich wieder auf die Lokomotive. Der Junge war aufgewacht und rieb sich die Augen. Ich erzählte ihm, was geschehen war, und riet ihm, mit der Lokomotive in den Schuppen zu fahren. Und so geschah es – auf dem Kuhfänger desselben Zuges fuhr der Junge zum Bahnhof hinaus mit dem Bescheid, wenn der Zug das nächste Mal hielt, den Heizer zu bitten, ihn auf der Lokomotive mitfahren zu lassen. Ich selbst wurde geschmissen. Der neue Heizer war jung und noch nicht demoralisiert genug, um die Instruktionen der Gesellschaft, denen zufolge kein Vagabund sich auf der Lokomotive aufhalten darf, unbeachtet zu lassen. Er schlug also mein Angebot, Kohlen für ihn zu schaufeln, ab. Ich hoffe, daß der Junge mehr Glück bei ihm hatte, denn die ganze Nacht im Schneesturm auf dem Kuhfänger zu verbringen, ist gleichbedeutend mit dem Tode.

Merkwürdigerweise kann ich mich heute nicht mehr der Einzelheiten entsinnen, wie es zuging, als ich in Rawlins geschmissen wurde. Ich weiß nur, daß ich dastand und dem Zuge nachsah, der fast im selben Augenblick vom Schneesturm verschlungen wurde, und daß ich auf eine Schankwirtschaft lossteuerte, um mich etwas zu wärmen. Hier gab es Licht und Wärme. Alles war in vollem Betrieb. Pharo-, Roulette- und Pokertische waren besetzt, und ein paar tolle Cowboys waren losgelassen. Ich hatte das Glück, mich mit ihnen zu befreunden, und wollte gerade das erste Glas für ihre Rechnung hinuntergießen, als sich eine schwere Hand auf meine Schulter legte. Ich sah mich um und seufzte. Es war der Sheriff.

Ohne ein Wort zu sagen, zog er mich in den Schnee hinaus.

»Am Bahnhof hält ein Apfelsinenzug«, sagte er.

»Es ist eine verflucht kalte Nacht«, sagte ich.

»In zehn Minuten geht er ab«, sagte er.

Das war alles. Es kam zu keiner Diskussion. Und als der Apfelsinenzug abfuhr, befand ich mich im Eisbehälter. Als der Morgen graute, schien es mir fast, als ob mir die Füße abgefroren wären, und die letzten zwanzig Meilen bis Laramie stand ich im Türrahmen und hüpfte von einem Fuß auf den andern, um mich zu erwärmen. Es schneite zu stark, als daß die Bremser mich hätten sehen können, und übrigens wäre es mir auch einerlei gewesen. Ich hatte fünfundzwanzig Cent in der Tasche, dafür verschaffte ich mir ein warmes Frühstück in Laramie, und unmittelbar darauf sprang ich auf den ›Blinden‹ des Überlandzuges, der durch den Paß kroch, welcher das Rückgrat der Rocky Mountains durchschneidet. Man fährt sonst nicht bei helllichtem Tage auf dem ›Blinden‹, aber ich konnte nicht glauben, daß die Bremser in einem Schneesturm hoch oben in den Rocky Mountains es übers Herz bringen würden, mich zu schmeißen. Und sie taten es auch nicht. Dagegen kamen sie jedesmal, wenn der Zug hielt, zu mir, um zu sehen, ob ich noch nicht erfroren sei.

Bei Ames' Monument, auf dem First der Rocky Mountains – wie hoch es war, weiß ich nicht mehr – kam der Bremser zum letzten Male zu mir. »Hör', Kamerad,« sagte er, »kannst du den Güterzug sehen, der auf das Nebengleis gefahren ist, um uns vorbeizulassen?«

Ja, ich konnte ihn sehr gut sehen. Er hielt auf dem nächsten Gleis, sechs Fuß von uns entfernt. Ein paar Fuß weiter fort hätte ich ihn in dem Schneesturm nicht sehen können.

»In einem von den Wagen ist der Nachtrab von Kellys Armee. Sie haben zwei Fuß Stroh unter sich, und es sind so viel Menschen in dem Wagen, daß sie sich leicht warm halten können.«

Es war ein guter Rat, und ich befolgte ihn, war allerdings darauf vorbereitet, falls es nur ein Trick des Bremsers gewesen sein sollte, wieder auf den ›Blinden‹ des Überlandzuges zu springen, wenn er den Bahnhof verließ. Aber es stimmte. Ich fand den Wagen, einen großen Kühlwagen, dessen Tür auf der Leeseite, der Ventilation wegen, weit offen stand. Ich kletterte in den Wagen. Ich trat auf das Bein eines Mannes, dann auf den Arm eines andern. Das Licht war sehr schlecht, und ich konnte nichts sehen, außer einem unentwirrbaren Knäuel von Armen, Beinen und Körpern. Nie habe ich eine solche Verwirrung menschlicher Körper gesehen. Sie lagen im Stroh unter-, über- und durcheinander. Vierundachtzig große, starke Landstreicher nehmen viel Platz ein, wenn sie flach nebeneinander liegen. Die Männer, auf die ich trat, wurden böse. Ihre Körper hoben sich unter mir wie die Wogen des Meeres, und ich wurde ganz unwillkürlich vorwärtsgestoßen. Ich wollte auf Stroh treten, konnte aber keins finden, und trat immer nur auf Menschen. Sie wurden immer wilder, und ich wurde immer weiter geschoben. Plötzlich verlor ich das Gleichgewicht und setzte mich hin. Unglücklicherweise auf den Kopf eines Mannes. Im nächsten Augenblick hatte er sich in großer Wut auf Hände und Füße erhoben, und ich flog durch die Luft. Was hochgeworfen wird, muß wieder herunterkommen, und so landete ich denn auch auf dem Kopfe eines andern Mannes.

Von dem, was dann geschah, habe ich nur eine sehr dunkle Erinnerung. Es war, als wäre ich in eine Dreschmaschine geraten. Wie ein Ball flog ich von einem Ende des Wagens zum andern. Die vierundachtzig Landstreicher siebten mich, bis das bißchen, was von mir übrig war, ein Plätzchen im Stroh finden konnte. Damit war ich aber auch in die Brüderschaft aufgenommen, und es war eine lustige Versammlung. Den ganzen Tag fuhren wir durch den Schneesturm, und um uns die Zeit zu vertreiben, wurde bestimmt, daß jeder eine Geschichte erzählen sollte. Es wurde zur Bedingung gemacht, daß jede eine gute Geschichte sein müßte, die noch keiner gehört hätte. Wer diese Bedingung nicht erfüllte, sollte zur Strafe in die Dreschmaschine. Es gab keinen, der die Bedingung nicht erfüllte. Und das muß ich sagen, ehe ich fortfahre, daß ich nie im Leben so mit guten Geschichten überschüttet worden bin. Hier lagen vierundachtzig Mann aus allen Himmelsgegenden – mit mir waren es fünfundachtzig –, und jeder erzählte eine Geschichte, die ein Meisterwerk war. Es war die Not, die uns trieb, denn es hieß entweder Meisterwerk oder Dreschmaschine.

Spät am Nachmittag kamen wir in Cheyenno an. Der Schneesturm hatte jetzt seinen Höhepunkt erreicht, und obwohl keiner von uns seit dem Frühstück etwas zu essen bekommen hatte, wollte doch niemand hinausgehen, um etwas zum Abendbrot zu ergattern. Die ganze Nacht fuhren wir durch den Sturm, und am nächsten Tage befanden wir uns auf den schönen Ebenen von Nebraska und fuhren immer weiter. Schneesturm und Berge lagen hinter uns. Die gesegnete Sonne schien auf die lächelnde Landschaft herab, und wir hatten seit vierundzwanzig Stunden nichts zu essen bekommen. Wir berechneten, daß der Güterzug gegen Mittag in einer Stadt sein mußte, die wenn ich mich recht erinnere, Grand Island hieß.

Wir legten zusammen und schickten ein Telegramm an die Obrigkeit der Stadt. Der Inhalt des Telegramms besagte, daß fünfundachtzig starke, ausgehungerte Landstreicher gegen Mittag hinkämen, und daß es eine gute Idee wäre, Mittagessen für sie bereit zu halten. Zweierlei konnte die Obrigkeit in Grand Island tun: uns Essen geben oder uns ins Gefängnis setzen. In diesem zweiten Falle war sie unter allen Umständen gezwungen, uns Essen zu geben, und sie kam klugerweise zu dem Resultat, daß die eine Mahlzeit das Billigste wäre.

Als der Güterzug gegen Mittag in Grand Island einfuhr, saßen wir auf den Wagendächern im Sonnenschein und ließen die Beine herabbaumeln. Die ganze Polizeimacht der Stadt gehörte mit zum Empfangskomitee. Sie ordneten uns zu Kompanien und begleiteten uns in die verschiedenen Hotels und Restaurationen, wo für uns gedeckt war. Wir hatten seit sechsunddreißig Stunden nichts zu essen bekommen und bedurften keiner Belehrung, was wir zu tun hatten. Dann wurden wir wieder zum Bahnhof transportiert. Die Polizei war so fürsorglich gewesen, Weisung zu geben, daß der Güterzug auf uns warten solle. Langsam fuhr er zum Bahnhof hinaus, und wir standen alle fünfundachtzig in einer Reihe am Bahnkörper und ergriffen Besitz von dem Zuge.

Wir bekamen an diesem Tage kein Abendessen – oder vielmehr, der Nachtrab bekam keines, wohl aber ich. Als der Zug zur Abendbrotzeit eine kleine Station verließ, kletterte ein Mann in den Wagen, in dem ich mit drei andern Pedro spielte. Das Hemd des Mannes bauschte sich höchst verdächtig. In der Hand hielt er einen verbeulten, dampfenden Blechtopf. Ich konnte riechen, daß ›Java‹ darin war. Ich überließ meine Karten einem der Kerle, die zusahen, und entschuldigte mich. Dann setzte ich mich, von neidischen Blicken gefolgt, an das andere Ende des Wagens mit dem Manne, der auf den Zug gesprungen war und jetzt seinen ›Java‹ und seine verschiedenen Futteralien mit mir teilte. Es war der Schwede.

Gegen zehn Uhr abends kamen wir in Omaha an. »Laß uns sehen, daß wir den Nachtrab loswerden«, sagte der Schwede zu mir.

»Gemacht!« sagte ich.

Als der Zug in Omaha einfuhr, waren wir bereit, unsern Vorsatz auszuführen. Aber die Bevölkerung von Omaha war auch bereit. Der Schwede und ich hingen an den eisernen Leitern an der Seite des Zuges und wollten abspringen. Aber der Güterzug hielt gar nicht. Ferner standen dort lange Reihen von Polizisten, deren Messingknöpfe und Sterne in dem elektrischen Licht blitzten, zu beiden Seiten des Fahrdamms. Der Schwede und ich wußten, was wir zu gewärtigen hatten, wenn wir ihnen in die Arme sprangen. So hielten wir uns an den eisernen Leitern fest, während der Zug weiter über den Missouri nach Council Bluffs fuhr.

›General‹ Kelly lagerte mit seinem Heer von zweitausend Landstreichern im Chautauquapark, ein paar Meilen weiter. Es war sein Nachtrab, in den wir geraten waren. Nachdem wir in Council Bluffs ausgestiegen waren, ging es nach dem Lager. Es war kalt geworden, und schwere Sturmböen durchnäßten uns und ließen uns erschauern. Eine große Anzahl Polizisten paßte auf und trieb uns nach dem Lager. Der Schwede und ich fanden glücklich eine Gelegenheit zu entwischen.

Jetzt begann es in Strömen zu regnen, und wir tappten in der Finsternis weiter, ohne auch nur eine Hand vor Augen sehen zu können. Es galt ja, Unterkunft für die Nacht zu finden, und unser Instinkt half uns, denn ehe wir es zu sagen wußten, standen wir vor einer Schankwirtschaft. Es war kein eigentliches Restaurant, das nur in der Nacht geschlossen hatte, nicht einmal eine Wirtschaft mit fester Adresse, sondern eine Wirtschaft, die auf einer schweren Holzunterlage mit Walzen darunter stand und von einem Ort zum andern gefahren werden konnte. Die Türen waren verschlossen. Eine mächtige Bö peitschte uns den Regen ins Gesicht. Wir bedachten uns nicht einen Augenblick. Ein Krach – die Tür war eingeschlagen, wir traten ein. Ich habe in meinem Leben manches in bezug auf schlechtes Nachtlogis erlebt. Ich habe im Höllenpfuhl der Hauptstädte kampiert, in Wasserpfützen genächtigt, im Schnee geschlafen, wenn das Spiritusthermometer vierundsiebzig Grad unter Null zeigte – eine Bagatelle von hundertundsechs Grad Kälte Fahrenheit –, aber ich muß sagen, daß ich nie eine scheußlichere Unterkunft gehabt, nie eine verzweifeltere Nacht verbracht habe als die mit dem Schweden in der rollenden Gastwirtschaft bei Council Bluffs. Erstens hatte das Gebäude, das ein Stück über dem Boden lag, eine Menge Spalten im Fußboden, so daß der Wind ungehindert hindurchsausen konnte. Zweitens war die Bar leer, und es gab nicht eine einzige Flasche Feuerwasser, die uns erwärmen und uns unser Elend vergessen machen konnte. Wir hatten keine Decken, und in unserm nassen Zeug, bis auf die Haut durchweicht, versuchten wir einzuschlafen. Ich legte mich unter den Schanktisch, und der Schwede kroch unter den Tisch. Aber es war nicht auszuhalten bei all den Löchern und Spalten im Fußboden, und nach Verlauf einer halben Stunde war ich oben auf den Schanktisch geklettert. Etwas später kletterte auch der Schwede auf seinen Tisch.

Und da lagen wir nun zitternd vor Kälte und beteten, daß der Tag bald kommen möchte. Ich weiß, daß ich zitterte, bis ich nicht mehr zittern konnte, bis die Muskeln, die das Erschauern bewirkten, vollkommen schlaff waren und wahnsinnig schmerzten. Der Schwede jammerte und stöhnte und murmelte jeden Augenblick mit klappernden Zähnen: »Nie wieder, nie wieder!« Er murmelte diesen Satz immer wieder, unaufhörlich, mindestens tausendmal, und als er schließlich ein bißchen einnickte, murmelte er ihn noch im Schlaf. Bei Tagesanbruch verließen wir dies Haus der Qual und gerieten in einen sehr dichten und kalten Nebel. Wir tappten weiter, bis wir die Schienen erreichten. Ich wollte nach Omaha zurück, um möglichst etwas Frühstück zu erwischen, und mein Begleiter wollte weiter nach Chicago. Die Stunde der Trennung war gekommen. Die Hand des einen suchte, völlig gelähmt, die ebenso kraftlose des andern. Wir zitterten beide am ganzen Körper. Wenn wir etwas sagen wollten, klapperten unsere Zähne, so daß wir kein Wort hervorbringen konnten. Allein, von aller Welt abgeschnitten, standen wir da; alles, was wir sahen, war ein Stückchen Gleis, das zu beiden Seiten vom Nebel umschlungen wurde.

Wir starrten uns an, ohne etwas zu sagen, und als wir uns die Hände drückten, zitterten sie wie in beiderseitigem Einverständnis. Das Gesicht des Schweden war blau vor Kälte, und ich weiß, daß meins es auch gewesen ist.

»Nie wieder, was?« brachte ich endlich heraus.

Die Kehle des Schweden bewegte sich, und er versuchte etwas zu sagen, und dann erklang, schwach und fern, mit einem Flüstern, das so leise war, als käme es aus der Tiefe seiner erfrorenen Seele:

»Nie wieder Landstreicher.«

Er hielt inne, und als er fortfuhr, wurde seine Stimme immer kräftiger und immer heiserer, je mehr sein Wille die Herrschaft über sie erhielt:

»Nie wieder Landstreicher. Ich will versuchen, Arbeit zu bekommen. Das solltest du auch tun. Von solchen Nächten bekommt man ja nur Rheumatismus.«

Er schüttelte mir die Hand.

»Leb' wohl, Kamerad«, sagte er.

»Leb' wohl, Kamerad«, sagte ich.

Im nächsten Augenblick hatten wir uns im Nebel verloren. Es war unsere letzte Begegnung. Aber ich trinke dein Wohl, Herr Schwede, wo immer du bist. Ich hoffe, du hast die gesuchte Arbeit gefunden.

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