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Abenteurer des Schienenstranges

Jack London: Abenteurer des Schienenstranges - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJack London
titleAbenteurer des Schienenstranges
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1937
translatorMax Barthel
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Der Polizist

V erschwände der Vagabund plötzlich aus den Vereinigten Staaten, so würde in vielen Familien des Landes große Not herrschen. Der Vagabund ermöglicht es Tausenden, ihr Brot auf ehrliche Weise zu verdienen und ihre Kinder zu gottesfürchtigen, arbeitsamen Mitbürgern zu erziehen. Davon kann ich ein Lied singen! Es gab eine Zeit, da mein Vater Polizist war und Vagabunden jagte, um sich auf diese Weise sein Brot zu verdienen. Der Staat bezahlte ihm soundso viel für jeden Landstreicher, den er fing, und wenn ich nicht irre, wurde er auch nach Meilen bezahlt. Es war stets ein schweres Problem in unserm Haushalt, wie wir mit dem Gelde auskommen sollten, ob wir uns viel oder wenig Fleisch, ein Paar neue Schuhe, den gewünschten Tagesausflug oder den in der Schule gebrauchten Leitfaden leisten konnten; das alles hing davon ab, ob mein Vater auf diesen Jagden Glück hatte. Oh, ich erinnere mich gut des unterdrückten Eifers und der Spannung, mit denen ich allmorgendlich darauf wartete, das Ergebnis seiner Mühe in der vergangenen Nacht zu hören – wieviel Vagabunden er gefangen hatte und wie die Chancen für ihre Verurteilung standen. Und daher kam es, daß mir später, wenn ich als Vagabund das Glück hatte, einen Polizisten, der auf Raub aus war, anzuführen, immer ganz unwillkürlich die kleinen Jungen und Mädchen im Hause des Polizisten leid taten; mir war, als brächte ich diese kleinen Jungen und Mädchen um einige Güter des Lebens.

Aber so ist es nun einmal. Der Landstreicher trotzt der Gesellschaft, und die Kettenhunde der Gesellschaft leben von ihm. Es gibt Landstreicher, die Wert darauf legen, von den Kettenhunden eingefangen zu werden – namentlich im Winter. Selbstverständlich wählen nun diese Landstreicher solche Gemeinden, wo die Gefängnisse ›angenehm‹ sind, wo nicht gearbeitet werden muß und wo es ordentliches Essen gibt. Ferner gab es – und gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach noch – Polizisten, die ihren Verdienst mit den eingefangenen Landstreichern teilen. Ein solcher Polizist braucht nicht zu jagen. Er pfeift, und das Wild kommt geradeswegs zu ihm. Es ist erstaunlich, wieviel Geld an elenden, zerlumpten Vagabunden zu verdienen ist. In allen südlichen Staaten gibt es – oder gab es jedenfalls in meinen Landstreichertagen – Gefangenenlager und Plantagen, wo die Farmer die Zeit der verurteilten Landstreicher kaufen und wo die Landstreicher einfach arbeiten müssen. Dann gibt es Plätze, wie die Steinbrüche in Rutland (Vermont), wo der Landstreicher ausgenützt wird, indem die unverdiente Lebenskraft, die er durch das Fechten auf den Straßen und an den Türen in sich aufgespeichert hat, zugunsten dieser besonderen Gemeinde aus ihm ausgesogen wird.

Nun weiß ich zwar nichts von den Steinbrüchen in Rutland. Wie glücklich bin ich, wenn ich bedenke, daß nicht wenig gefehlt hätte, und ich wäre hingekommen. So etwas pflegt unter Vagabunden von Mund zu Mund zu gehen, und ich hörte zum ersten Male von den Steinbrüchen, als ich in Indiana war. Als ich aber nach Neuengland kam, hörte ich noch mehr davon, und zwar immer wie von einer drohenden Gefahr. »Sie brauchen Leute in den Steinbrüchen«, sagten die Landstreicher, die ich unterwegs traf, »und sie geben einem nie weniger als drei Monate.« Als ich nach Newhampshire kam, war ich ziemlich nervös wegen dieser Steinbrüche, und ich war so vorsichtig wie noch nie und hielt mich in gemessenem Abstand von Eisenbahnbeamten und Polizisten.

Eines Abends fand ich auf dem Bahngelände in Concord einen abfahrbereiten Güterzug. Ich entdeckte einen leeren Wagen, öffnete die Seitentüren und kletterte hinein. Ich hoffte, gegen Morgen nach White River zu kommen; das lag in Vermont und kaum tausend Meilen von Rutland. Dann aber wurde, je weiter ich mich nordwärts arbeitete, die Entfernung zwischen mir und dem gefährlichen Punkt immer größer. Im Wagen traf ich einen›Vergnügungsreisenden‹, der furchtbar erschrak, als er mich kommen hörte. Er hielt mich für einen Bremser, und als er merkte, daß ich auch nur ein Landstreicher war, begann er von den Steinbrüchen in Rutland zu reden und sagte, daß er ihretwegen so erschrocken sei. Er war ein junger Bursche vom Lande, der bisher nur auf Lokalbahnen gereist war. Der Zug setzte sich in Bewegung, wir legten uns an das eine Ende des Wagens und schliefen ein. Zwei bis drei Stunden später hielt der Zug, und ich erwachte dadurch, daß die Tür auf der rechten Seite des Wagens ganz vorsichtig aufging. Der ›Vergnügungsreisende‹ schlief weiter. Ich rührte mich nicht, sondern lag mit geschlossenen Augen da und spähte nur durch einen schmalen, von den Augenbrauen überschatteten Spalt. Eine Laterne wurde schnell durch die Türspalte hereingehalten, und dahinter erschien der Kopf eines Bremsers. Er bemerkte uns und betrachtete uns einen Augenblick. Ich war darauf vorbereitet, daß er fluchen oder das übliche »Raus mit euch, ihr verfluchten Kröten!« sagen würde, statt dessen zog er aber die Laterne zurück und schob die Tür ungeheuer vorsichtig zu. Das fiel mir als äußerst merkwürdig und verdächtig auf. Ich lauschte und hörte, wie er leise den Riegel vorschob. Jetzt war die Tür von außen verschlossen. Wir konnten sie nicht von innen öffnen. Der eine der beiden Ausgänge, die wir bei plötzlicher Flucht aus dem Wagen benutzen konnten, war versperrt. Das durfte nicht sein. Ich wartete ein paar Sekunden, schlich mich dann an die Tür auf der linken Seite und untersuchte sie. Sie war noch nicht verschlossen. Ich öffnete sie, sprang auf den Boden und schloß die Tür wieder hinter mir. Dann kletterte ich über die Puffer auf die andre Seite des Zuges, schob den Riegel wieder auf, kletterte hinein und schloß die Tür hinter mir. Jetzt waren beide Ausgänge wieder benutzbar. Der ›Vergnügungsreisende‹ schlief immer noch.

Dann setzte sich der Zug in Bewegung. Wir erreichten die nächste Station. Ich hörte Fußtritte im Kies. Dann wurde die Tür auf der linken Seite mit großem Lärm geöffnet. Der ›Vergnügungsreisende‹ erwachte; ich tat auch, als ob ich erwachte, und wir erhoben uns und starrten den Bremser und seine Laterne an. Er verlor keine Zeit, sondern begann gleich von Geschäften zu reden.

»Ich will drei Dollar haben«, sagte er.

Wir sprangen auf und kamen näher zu ihm, um die Angelegenheit zu erörtern. Wir erklärten unsere grenzenlose opferwillige Bereitschaft, ihm die drei Dollar zu geben, setzten aber gleichzeitig auseinander, daß unsere Situation es uns ganz unmöglich machte, unseren Wünschen entsprechend zu handeln. Der Bremser war ungläubig. Er handelte mit uns. Er wollte sich mit zwei Dollar begnügen. Wir bedauerten, so unsäglich arm zu sein. Er sagte uns wenig schmeichelhafte Dinge, nannte uns Kröten und verfluchte uns in die Hölle. Dann begann er zu drohen. Er erklärte, wenn wir nicht mit dem Draht herausrückten, würde er uns einsperren, mit nach White River nehmen und uns dort den Behörden übergeben. Er gab uns auch eine umständliche Beschreibung von den Steinbrüchen in Rutland.

Jetzt glaubte der Bremser, er hätte uns todsicher. Bewachte er etwa nicht die eine Tür, und hatte er nicht die andre vor ein paar Minuten verriegelt? Als die Rede auf die Steinbrüche kam, versuchte sich der erschrockene ›Vergnügungsreisende‹ seitwärts zu der andern Tür zu stehlen. Der Bremser lachte lange und herzlich. »Nicht so schnell, Kamerad«, sagte er. »Als der Zug das letztemal hielt, hab' ich die Tür von außen verriegelt.« Er glaubte selbst so fest, daß die Tür verschlossen war, daß es vollkommen überzeugend klang; der ›Vergnügungsreisende‹ glaubte ihm und war ganz verzweifelt.

Der Bremser stellte sein Ultimatum. Entweder gaben wir ihm die zwei Dollar, oder er schloß uns ein und übergab uns dem Polizisten in White River, und das bedeutete drei Monate Steinbrüche. Gesetzt, lieber Leser, die andre Tür wäre wirklich verriegelt gewesen! Da siehst du die Unsicherheit des menschlichen Lebens! Weil ich den einen Dollar nicht hatte, sollte ich in die Steinbrüche geschickt werden und drei Monate als Sträfling arbeiten. Und der ›Vergnügungsreisende‹ auch. Laß mich einmal ganz aus dem Spiel und denke nur an den ›Vergnügungsreisenden‹. Wenn er nach den drei Monaten herausgekommen wäre, würde ihm vielleicht gar nichts anderes übriggeblieben sein, als die Verbrecherlaufbahn einzuschlagen. Und dann hätte er dir vielleicht bei dem Versuch, sich des Geldes, das du in der Tasche hattest, zu bemächtigen, den Schädel eingeschlagen, nicht wahr? Und wenn nicht gerade dir, dann vielleicht irgendeinem andern armen, unschuldigen Geschöpf.

Aber die Tür war nicht verriegelt, und das wußte nur ich allein. Der ›Vergnügungsreisende‹ und ich flehten um Gnade. Ich bettelte und jammerte mit, wohl zumeist, um den Bremser zu necken. Und ich tat es, so gut ich konnte. Ich erzählte eine Geschichte, die das härteste Herz erweicht haben würde, nicht aber das dieses dreckigen, geldgierigen Bremsers. Als er sich schließlich überzeugt hatte, daß wir kein Geld hatten, schob er die Tür zu und setzte den Riegel vor. Dann blieb er noch einen Augenblick draußen stehen für den Fall, daß wir ihn angeführt hätten und ihm jetzt die zwei Dollar bieten würden. Aber da legte ich los. Ich nannte ihn eine Kröte. Ich gab ihm alle die andern Namen, die er mir gegeben hatte, und noch einige dazu. Ich kam aus dem Westen, wo man besonders tüchtig im Fluchen ist, und ein räudiger Bremser auf einer lausigen Kleinbahn in Neuengland sollte mich nicht übertreffen an Kraft und Reichhaltigkeit der Sprache! Anfangs versuchte der Bremser darüber zu lachen. Dann beging er den Fehler, daß er antworten wollte. Jetzt legte ich noch kräftiger los. Ich schnitt Riemen aus seiner Haut und rieb ihm flammende, geflügelte Beinamen ins Fleisch. Und dieser großartige Wutanfall war auch nicht nur Laune und Literatur; ich war schrecklich erbittert auf diesen niederträchtigen Menschen, der mich, weil ich keinen Dollar hatte, dreimonatiger Sklaverei ausliefern wollte. Ferner hegte ich einen geheimen Verdacht, daß er einen Anteil vom Verdienst des Polizisten bekam. Aber ich sagte ihm gehörig die Meinung Ich zerfleischte sein Selbstgefühl und seinen Stolz, daß sie für mehrere Dollar im Werte sanken. Er versuchte mich mit der Drohung einzuschüchtern, daß er hereinkommen und mir die Eingeweide aus dem Leibe treten würde. Dafür sagte ich, daß ich ihm einen Tritt ins Gesicht versetzen würde, wenn er hereinkletterte. In diesem Falle befand sich der Vorteil durchaus auf meiner Seite, und das sah er auch ein. Daher hielt er die Tür verschlossen und rief das übrige Zugpersonal zur Hilfe. loh konnte hören, wie sie antworteten und wie der Kies unter ihren Füßen knirschte, als sie angelaufen kamen. Und dabei war die andre Tür gar nicht verschlossen; aber das wußten sie nicht, und der ›Vergnügungsreisende‹ starb beinahe vor Angst.

Oh, ich war ein großer Held – mit meiner Rückzugslinie gerade hinter mir. Ich schimpfte auf den Bremser und seine Kameraden, bis sie die Tür aufrissen und ich im Schein der Laterne ihre erbitterten Gesichter sehen konnte. In ihren Augen war die Sache ungeheuer einfach. Sie hatten uns in der Falle, und jetzt wollten sie heraufkommen und uns verprügeln. Sie kletterten herauf. Ich trat keinem ins Gesicht. Ich riß die Tür gegenüber auf, und der ›Vergnügungsreisende‹ und ich verdufteten. Das Zugpersonal setzte uns nach.

Wenn ich mich recht entsinne, sprangen wir über eine eiserne Einfriedung. Aber eines weiß ich noch ganz deutlich, nämlich, wo wir uns befanden. In der Dunkelheit fiel ich über einen Grabstein. Der ›Vergnügungsreisende‹ taumelte gegen einen andern Grabstein. Und dann liefen wir, wie wir noch nie gelaufen waren, über den Kirchhof. Die Geister müssen sich gedacht haben: Die können aber laufen! Und das dachte das Zugpersonal offenbar auch, denn als wir zum Kirchhof herauskamen und quer über den Weg in einen dunklen Wald liefen, gaben sie die Verfolgung auf und kehrten zu ihrem Zuge zurück. Als die Nacht etwas vorgeschritten war, befanden wir uns bei einem Brunnen in der Nähe einer Farm. Wir wollten Wasser haben, bemerkten aber einen kleinen Strick, der an der einen Seite des Brunnens herabhing. Wir zogen ihn herauf und fanden an seinem Ende einen Eimer Sahne. Und näher bin ich den Steinbrüchen in Rutland nicht gewesen.

Wenn die Landstreicher die Parole ausgeben, daß die Polizisten in der und der Stadt ›feindlich‹ sind, so muß man die Stadt meiden oder, wenn man sie doch passieren muß, verdammt vorsichtig sein. Eine solche Stadt war Cheyenne an der Union-Pazifik-Linie. Sie war im ganzen Lande dafür bekannt, daß sie ›feindlich‹ war, und diesen Ruf verdankte sie einer einzigen Persönlichkeit, die, wenn ich nicht irre, Jeff Carr hieß. Sobald Jeff Carr einen Landstreicher erblickte, wußte er Bescheid. Er ließ sich nie auf eine Diskussion ein. In einem Augenblick sah er sich den Landstreicher an, und im nächsten langte er aus, mit beiden Händen, mit seinem Stab oder was er gerade zur Hand hatte. Und wenn der Landstreicher seine Prügel weg hatte, wurde er aus der Stadt geschickt mit dem Versprechen, daß es ihm noch schlimmer ergehen würde, wenn er sich je wieder sehen ließe. Jeff Carr verstand sein Geschäft. Im Norden, Süden, Osten und Westen, bis an die Grenzen der Vereinigten Staaten erzählten verprügelte Landstreicher, wie ›feindlich‹ Cheyenne war. Ich habe Jeff Carr glücklicherweise nie getroffen. Ich passierte Cheyenne in einem Schneesturm. Damals waren wir vierundachtzig Landstreicher. Wegen unserer Anzahl war uns das meiste ziemlich gleichgültig, nur Jeff Carr nicht. Schon der Name Jeff Carr lähmte unsere Einbildungskraft und erstickte unsern Mut, und die ganze Bande hatte eine Todesangst, ihn zu treffen.

Es lohnt sich selten, stehenzubleiben und sich mit einem Polizisten auf Erklärungen einzulassen, wenn er ›feindlich‹ aussieht. Dann heißt es nur dafür sorgen, so schnell wie möglich wegzukommen. Es dauerte einige Zeit, bis ich das gelernt hatte, aber ein Polizist in New York gab meiner Erziehung in dieser Hinsicht den letzten Schliff. Seitdem fange ich ganz mechanisch zu laufen an, wenn ich einen Polizisten nach mir auslangen sehe. Dieser ganz mechanische Vorgang ist eine der Haupttriebfedern meines Wesens geworden, und sie ist stets aufgezogen und zu sofortiger Funktion bereit. Ich werde das nie überwinden. Und wenn ich achtzig Jahre alt würde und auf Krücken über die Straße humpelte, so weiß ich: in dem Augenblick, wenn ein Polizist die Hand nach mir ausstreckte, würde ich die Krücken wegwerfen und laufen wie ein Hirsch.

Was meiner Erziehung mit Bezug auf Polizisten noch fehlte, wurde mir, wie gesagt, an einem warmen Sommernachmittage in New York beigebracht. Die ganze Woche war es glühend heiß gewesen. Ich hatte mir angewöhnt, vormittags loszugehen und das tägliche Brot zu erfechten und den Nachmittag in einem kleinen Park zu verbringen, der in der Nähe des Zeitungsviertels und des Rathauses liegt. Hier herum konnte man auf der Karre neue Bücher (die beim Druck oder Einbinden beschädigt waren) für wenige Cent das Stück kaufen. Dann gab es mitten im Park selbst kleine Buden, wo man herrliche eiskalte, sterilisierte Milch und Buttermilch für zwei Cent das Glas bekommen konnte. Jeden Nachmittag setzte ich mich auf eine Bank, las und schwelgte in Milch. Jeden Nachmittag konsumierte ich fünf bis zehn Glas Milch. Es war schrecklich heiß. Ich war nur ein demütiger, wißbegieriger, milchtrinkender Landstreicher, und wie erging es mir dafür? Eines Nachmittags wollte ich den Park mit einem eben gekauften Buch unterm Arm und dem fürchterlichsten Buttermilchdurst unterm Hemd betreten. Mitten auf der Straße vor dem Rathause war ein Auflauf, gerade an der Stelle, wo ich über die Straße mußte, um zur Buttermilchbude zu kommen. Ich blieb daher stehen, um zu sehen, was los sei. Anfangs konnte ich nichts sehen. Dann konnte ich aus dem Geräusch, das ich hörte, und einem Schimmer, den ich hin und wieder sah, erkennen, daß es eine Schar Straßenjungen war, die Murmeln spielte. Nun ist das Murmelnspielen auf den Straßen von New York nicht erlaubt. Das wußte ich nicht, sollte es aber bald erfahren. Ich stand vielleicht eine halbe Minute, als ich einen Jungen »Polizei!« schreien hörte. Die Jungen wußten, was sie zu tun hatten. Sie liefen. Ich tat es nicht.

Die Volksmenge verlief sich sofort und begab sich auf den Bürgersteig zu beiden Seiten der Straße. Ich ging auf den Bürgersteig nach der Parkseite zu. Ungefähr fünfzig Menschen, die sich in dem Schwärm befunden hatten, bewegten sich in derselben Richtung. Wir waren ziemlich weit verstreut. Ich sah mir den Polizisten an, einen großen starken Burschen in grauem Zeug. Er kam in der Mitte der Straße angeschlendert, scheinbar ohne die geringste Eile zu haben. Ganz zufällig bemerkte ich, daß er den Kurs änderte und schräg auf den Bürgersteig zusteuerte, dem auch ich gerade zustrebte. Er schlenderte ruhig durch den Schwarm, und ich merkte, daß sein Kurs den meinen schneiden mußte. Ich hatte ein reines Gewissen, und obwohl ich sonst gut mit Polizisten Bescheid wußte, war ich durchaus nicht bange. Ich ließ mir nicht träumen, daß der Polizist es auf mich abgesehen hatte. Aber weil ich so von Respekt vor dem Gesetz erfüllt war, war ich gewissermaßen darauf vorbereitet, im nächsten Augenblick stehenzubleiben und ihn vorbeizulassen. Und ich blieb auch ganz richtig stehen! Da geschah es! Ohne eine Warnung hatte der Polizist mich plötzlich mit beiden Händen bei der Brust gepackt, und im selben Augenblick begann er sich in recht unfreundlicher Weise über meine Herkunft auszulassen.

All mein freies amerikanisches Blut begann zu kochen. All meine freiheitsliebenden Vorfahren erhoben ihre Stimme in mir. »Was wünschen Sie,« fragte ich. Seht, ich wollte eine Erklärung haben. Und die bekam ich. Krach! Sein Stab traf meinen Scheitel, und ich taumelte hintenüber wie ein Betrunkener, während sich die neugierigen Gesichter der Zuschauer rings wie die Wogen eines erregten Meeres bewegten und mein teures Buch in den Schmutz fiel. Der Polizist hatte den Stab zu einem neuen Schlage erhoben und ging auf mich los, und in diesem Augenblick, wo mir alles vor den Augen tanzte, hatte ich eine Vision: Ich sah seinen Stab auf meinen Kopf fallen, immer wieder. Ich sah mich selbst blutig, zerschlagen und frech vor dem Polizeigericht, hörte die Anklage wegen Herumtreiberei, unziemlicher Sprache, Widerstandes gegen die Staatsgewalt und einige andere Dinge von einem Schreiber vorlesen und sah mich auf Blackwell Island. O ja, ich wußte Bescheid. Ich verlor alles Interesse an Erklärungen. Ich bückte mich nicht, um mein teures Buch aufzuheben. Ich machte kehrt und lief. Mir war ziemlich schlecht, aber ich lief. Und laufen werde ich bis zu meinem Todestage jedesmal, wenn ein Polizist anfängt, Erklärungen mit seinem Stabe zu erteilen.

Mehrere Jahre später, als ich das Vagabundenleben verlassen hatte und an der California-Universität studierte, war ich eines Abends im Zirkus. Nach der Vorstellung und dem Konzert blieb ich noch da, um zu sehen, wie die Maschinerie, die zu einem großen Zirkus gehört, abtransportiert wurde. Der Zirkus sollte noch am selben Abend weiterreisen, und an einem Feuer traf ich eine Schar kleiner Jungen. Es mochten an zwanzig sein, und aus dem, was sie redeten, merkte ich, daß sie mit dem Zirkus durchgehen wollten. Die Zirkusleute hatten nicht viel Lust, sich mit der ganzen Bande Straßenjungen abzugehen, und ein telephonischer Anruf im Hauptquartier machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Eine Kompanie Polizisten wurde geschickt, um die Jungen zu verhaften unter dem Vorwand, daß jedes Feuer um neun Uhr ausgelöscht sein muß und sie diese Bestimmung übertreten hatten. Die Polizisten umzingelten das Feuer und schlichen sich in der Dunkelheit nahe heran. Auf ein Signal gingen sie drauflos, und jeder Polizist griff zwischen die Jungen wie in einen Korb mit lebenden Aalen.

Nun wußte ich nichts davon, daß die Polizei gerufen war, und als ich plötzlich alle diese Polizisten mit Messingknöpfen und Helmen sah, die nach den Jungen auslangten, schwand alle Kraft und Festigkeit, deren ich mich sonst rühmen kann. Das einzige, was mir einfiel, war, ganz mechanisch zu laufen. Und ich lief. Ich wußte gar nicht, daß ich lief. Ich wußte überhaupt nichts. Es geschah, wie gesagt, ganz mechanisch. Ich hatte gar keine Ursache, zu laufen. Ich war kein Landstreicher. Ich war ein ehrenwerter Bürger im Staate, ich war in der Stadt zu Hause. Ich hatte mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich war Student. Man hatte sogar angefangen, meinen Namen in den Zeitungen zu nennen, und ich trug gute Kleider, in denen ich nie geschlafen hatte. Und dennoch lief ich – blind, wahnsinnig, wie ein gehetztes Wild – ein weites Stück. Und als ich zur Besinnung kam, merkte ich, daß ich immer noch lief. Es bedurfte einer tatsächlichen Willensanspannung, um meine Beine zum Stehen zu bringen.

Nein, ich komme nie darüber hinweg. Ich kann nichts dafür. Wenn ein Polizist nach mir auslangt, laufe ich. Nebenbei bemerkt, habe ich ein ausgerechnetes Pech, ins Gefängnis zu kommen. Seit ich nicht mehr Vagabund bin, war ich häufiger im Gefängnis als damals.

Eines Sonntags morgens mache ich mit einer jungen Dame einen Radausflug. Ehe wir das Weichbild der Stadt ereichen, werden wir verhaftet, weil wir an einem Fußgänger auf dem Bürgersteig vorbeigefahren sind. Ich beschließe, vorsichtiger zu sein. Als ich das nächste Mal auf dem Rade sitze, ist es Nacht, und meine Azetylenlampe funktioniert nicht. Ich bemühe mich liebevoll um das kleine Flämmchen, behandle es, der Polizeivorschrift wegen, mit der größten Sorgfalt. Ich habe Eile, aber ich fahre wie eine Schnecke, um das schwache Licht nicht auszulöschen. Ich erreiche die Stadtgrenze. Jetzt bin ich außerhalb des Gebietes, wo die Polizeiverordnung gilt, und beginne loszulegen, um die verlorene Zeit wiederzugewinnen. Eine halbe Meile weiter werde ich von einem Polizisten geschnappt, und am nächsten Morgen verscherze ich meine Kaution beim Polizeigericht. Die Stadt hat heimtückisch ihre Grenze weiter hinausgeschoben, und das wußte ich nicht – das war alles. Dann fällt mir ein, daß ich ein unverletzliches Recht habe, frei zu reden und in aller Friedlichkeit Zuhörer um mich zu sammeln, und ich klettere auf eine Kiste, um mein letztes Steckenpferd, zum Beispiel irgendein ökonomisches Problem zu reiten, und sofort holt mich ein Polizist herunter und bringt mich ins städtische Gefängnis, wo ich gegen Kaution losgelassen werde. Es nützt alles nichts.

In Korea wurde ich seinerzeit so etwa einen Tag um den andern verhaftet. Ebenso in der Mandschurei. Als ich das letztemal in Japan war, brach ich unter dem Vorwand, russischer Spion zu sein, in ein Gefängnis ein. Ich war es nicht, der diesen Vorwand erdachte, aber ich kam doch daraufhin ins Gefängnis. Es ist hoffnungslos. Ich bin vom Schicksal für die Rolle des Gefangenen auf Chillon ausersehen. Dies ist eine Prophezeiung.

Im Bostoner Volkspark hypnotisierte ich einmal einen Polizisten. Es war Mitternacht, und er hätte mich leicht überwältigen können; aber ehe ich fertig war, hatte er mir einen viertel Dollar und die Adresse einer Gastwirtschaft gegeben, die die ganze Nacht geöffnet war. Und der Polizist in Bristol (New Jersey)! Er fing mich und ließ mich wieder laufen, obwohl der Himmel wissen mag, daß er genügend Ursache hatte, mich ins Gefängnis zu bringen. Ich gab ihm die kräftigste Ohrfeige, die er – darauf möchte ich schwören – in seinem ganzen Leben bekommen hat. Das ging so zu: Um Mitternacht erwischte ich einen Güterzug auf dem Bahnhof von Philadelphia. Der Bremser schmiß mich. Der Zug fuhr ganz langsam durch das Labyrinth von Gleisen und Weichen, das den Güterbahnhof umgab. Ich kriegte ihn wieder und wurde wieder geschmissen. Ihr versteht, ich mußte einen ›Außenplatz‹ ergattern, denn es war ein durchgehender Zug, und alle Türen waren verschlossen und versiegelt.

Als ich das zweitemal geschmissen wurde, hielt mir der Bremser einen richtigen kleinen Vortrag. Er erzählte mir, daß ich das Leben riskierte, daß es ein sehr schnell fahrender Zug wäre. Ich erzählte ihm, daß ich gewohnt sei, sehr schnell zu fahren; aber das half alles nichts. Er sagte, er erlaube mir nicht, Selbstmord zu begehen, und ich wurde wieder geschmissen.

Aber ich kriegte den Zug zum dritten Male und kletterte auf die Puffer. Es waren die magersten Puffer, die ich je gesehen hatte – ich meine nicht die richtigen Puffer, die eisernen, die gegeneinander scheuern und stoßen, sondern die Balken, die wie mächtige Klammern gerade über den eigentlichen Puffern die Enden der Güterwagen verbinden. Wenn man auf den Puffern fährt, steht man mit je einem Fuß auf diesen Klammern, und die Puffer liegen unter einem.

Aber die Balken oder Klammern, auf denen ich mich hier befand, waren nicht die breiten, soliden Balken, wie man sie gewöhnlich an geschlossenen Güterwagen hatte. Im Gegenteil: sie waren schmal – nicht mehr als anderthalb Zoll breit. Nur eine halbe Fußsohle hatte Platz auf jedem. Und dazu gab es nichts, woran ich mich mit den Händen halten konnte. Allerdings hatte ich die Enden der beiden Wagen, aber das waren glatte, senkrechte Flächen. Ich konnte nur die Handflächen gegen die Wagen pressen, um einen Halt zu finden. Aber auch das hätte genügt, wenn die Klammern nur einigermaßen breit genug für meine Füße gewesen wären.

Als der Zug Philadelphia verlassen hatte, begann er die Fahrt zu beschleunigen. Da verstand ich, was der Bremser mit Selbstmord gemeint hatte. Der Zug fuhr immer schneller. Er war ein durchgehender Zug, und nichts hielt ihn auf. Auf diesem Teil der Pennsylvaniabahn laufen vier Gleise nebeneinander, und mein ostwärts gehender Zug brauchte sich also nicht damit aufzuhalten, westwärts fahrende Züge passieren oder sich von Expreßzügen einholen zu lassen. Er hatte ein Gleis für sich und nutzte es aus. Ich befand mich in einer heiklen Lage. Mit jedem Fußrand stand ich auf einem schmalen Vorsprung und preßte verzweifelt die Handflächen gegen die glatten, senkrechten Wagenseiten. Und jeder der beiden Wagen hatte seine eigene Bewegung, auf und ab, hin und her. Habt ihr je einen Zirkusreiter auf zwei Pferden stehen gesehen, die sich in vollem Laufe befinden, je einen Fuß auf dem Rücken eines jeden Pferdes? Dasselbe tat ich eben, aber mit einem gewissen Unterschied. Der Zirkusreiter hat seine Zügel zum Festhalten, ich aber hatte nichts; er steht auf der ganzen Sohle, und ich mußte auf der Kante der meinen stehen; er kann die Beine und den ganzen Körper beugen und so durch die Biegung seines Körpers eine gewisse Stärke erhalten und sich die Stabilität verschaffen, die ein tiefliegender Schwerpunkt zur Folge hat, ich aber mußte ganz gerade und mit ausgestreckten Beinen stehen. Er kann mit vorwärtsgewandtem Gesicht reiten, und ich ritt seitwärts, und endlich kollert er, wenn er fällt, nur auf die Sägespäne, während ich von den Rädern zermalmt worden wäre.

Und wahrhaftig, der Güterzug fuhr! Er brüllte und heulte, schwang sich wie rasend um die Kurven, ratterte über die Schwellen, wobei der eine Wagen hochhüpfte und der andere niederkrachte oder im selben Augenblick einen Ruck nach rechts bekam, wenn der andre nach links fuhr. Die ganze Zeit stand ich da und betete, daß der Zug halten möchte. Aber er hielt nicht. Er hatte keinen Grund, zu halten. Zum ersten, letzten und einzigen Male in meiner Vagabundenzeit bekam ich des Guten zuviel. Ich verließ die Puffer und kam auf eine der eisernen Leitern an der Seite des Zuges. Es war eine gefährliche Arbeit, ich habe nie einen Wagen gesehen, der so sparsam mit Handgriffen und Platz für die Füße versehen war wie die Wagen eines Zuges.

Da hörte ich die Lokomotive pfeifen und fühlte, wie er die Fahrt verlangsamte. Ich wußte, daß der Zug nicht hielt, aber ich war entschlossen, den Versuch zu wagen, wenn er nur ein klein wenig langsamer fuhr. Der Bahndamm machte hier einen Bogen, dann fuhren wir auf einer Brücke über einen Kanal und durch die Stadt Bristol. Diese verschiedenen Umstände veranlaßten zusammen die Herabsetzung der Schnelligkeit. Alles, was ich wußte, war, daß ich herunter wollte. Ich spannte meine Sinne aufs äußerste an, um trotz der Dunkelheit eine Straßenkreuzung zu erblicken, wo ich abspringen konnte. Ich war ziemlich weit hinten im Zuge, und ehe mein Wagen die Stadt erreichte, war die Lokomotive schon zum Bahnhof hinaus, und ich konnte merken, daß es wieder schneller ging. Da kam die Straße. Es war zu dunkel, um zu sehen, wie breit sie war oder was sich auf der andern Seite befand. Ich wußte, daß ich die ganze Straßenbreite brauchte, wenn ich nach dem Abspringen das Gleichgewicht bewahren wollte. Ich sprang ab. Das klingt einfach.

Mit ›Abspringen‹ meine ich folgendes: Zuerst beugte ich, auf der eisernen Leiter stehend, den Oberkörper in der Fahrtrichtung vor, um mir soviel Raum wie möglich zu verschaffen, damit ich mich bei dem Abspringen genügend zurückschwingen konnte. Dann schwang ich, schwang ans aller Kraft vor und zurück und ließ los, indem ich mich gleichzeitig hintenüberwarf, als ob ich die Absicht hatte, den Nacken auf den Boden zu schleudern. Alles das tat ich, um soviel wie möglich dem Stoß zu begegnen, den die Bewegung des Zuges mir im ersten Augenblick vornüber geben mußte. Als meine Füße den Boden berührten, fuhr mein Körper hintenüber, so daß er einen Winkel von fünfundvierzig Grad bildete. Ich hatte die Vorwärtsbewegung ein wenig abgeschwächt, denn sonst wäre ich gleich vornüber aufs Gesicht gefallen. Statt dessen hob mein Körper sich bis zur Senkrechten und neigte sich dann wieder zurück. Tatsächlich hatte mein Körper immer noch dieselbe Bewegung, während meine Füße durch die Berührung mit dem Boden die ihre verloren hatten. Diese verlorene Bewegung mußte ich meinen Füßen wieder verschaffen, indem ich sie so schnell wie möglich hob und vorwärts trieb, wenn ich meinen sich vorwärts bewegen den Körper auf den Beinen halten wollte. Das Ergebnis war, daß sich meine Füße so schnell wie Trommelschlegel quer über die Straße bewegten. Ich wagte nicht anzuhalten. Hätte ich es getan, so wäre ich vornübergefallen. Ich mußte in Bewegung bleiben.

Ich war ein willenloses Projektil, und die ganze Zeit fürchtete ich mich davor, was sich auf der andern Seite der Straße befände, und hoffte, daß es keine Steinmauer und kein Telegraphenpfahl wäre. Aber im selben Augenblick stieß ich mit etwas zusammen. Barmherziger Gott! Ich sah es einen Augenblick, ehe das Unglück geschah: Wahrhaftig, es war ein Polizist, der hier in der Dunkelheit stand! Wir stürzten beide und kollerten herum – immer weiter –, aber der automatische Prozeß, der im Augenblick des Zusammenstoßes in dem armen Geschöpf vorging, war, daß es nach mir auslangte, sich an mich klammerte und nicht loslassen wollte. Wir waren beide ganz verstört, und es war ein lammfrommer Landstreicher, an den er sich klammerte, während er wieder zur Besinnung zu kommen suchte.

Hätte der Polizist auch nur die geringste Phantasie gehabt, so hätte er mich für ein Wesen aus einer andern Welt, für einen soeben angekommenen Marsbewohner halten müssen, denn er hatte mich in der Dunkelheit nicht abspringen sehen. Und das erste, was er mich fragte, war denn auch tatsächlich: »Wo kommst du her?« Seine nächsten Worte, die er sprach, ehe ich Zeit zum Antworten hatte, lauteten: »Ich hätte die größte Lust, dich mit zur Polizei zu nehmen.« Auch das geschah – davon bin ich fest überzeugt – ganz mechanisch. Er war ein gutherziger Mensch, denn nachdem ich ihm die Geschichte erzählt und ihm geholfen hatte, seine Kleider abzubürsten, gab er mir Frist bis zum nächsten Güterzug – aber dann mußte ich auch versprechen zu verschwinden. Ich stellte zwei Bedingungen: erstens, daß der Zug nach Osten ginge, und zweitens, daß es kein durchgehender Schnellzug mit verschlossenen und versiegelten Türen wäre. Darauf ging er ein und schloß mit mir den Frieden von Bristol, demzufolge ich vor dem Eingesperrtwerden bewahrt wurde.

Ich entsinne mich einer andern Nacht in derselben Gegend, als ich beinahe wieder mit einem Polizisten zusammengestoßen wäre. Hätte ich ihn getroffen, so würde ich ihn wie ein Opernglas zusammengeschoben haben, denn ich kam durch die Luft gefahren ohne jeden Halt, und ein paar Bahnbeamte waren hinter mir her und wollten mich gerade packen. Das ging so zu: Ich hatte eine Zeitlang bei einem großen Fuhrmann in Washington logiert, wo ich einen Stand und zahllose Pferdedecken zu meinem persönlichen Gebrauch hatte. Als Entgelt für eine so üppige Unterkunft mußte ich jeden Morgen eine ganze Menge Pferde besorgen. Ich wäre vielleicht noch dort, wenn die Polizei nicht eingegriffen hätte.

Als ich eines Abends gegen neun Uhr in den Stall zurückkam, um mich zur Ruhe zu begeben, war ein Spiel in vollem Gange. Es war Markttag gewesen, und alle Neger hatten Geld.

Es wäre vielleicht gut, eine Bemerkung über die Oertlichkeit vorauszuschicken. Der Stall hatte Eingänge von zwei verschiedenen Straßen. Ich kam zur Haupttür hinein, ging durchs Kontor und einen kleinen Gang, zwischen den zwei Reihen Ständen durch das ganze Gebäude bis zu dem Ausgang nach der andern Straße lief. Mitten im Gange lagen unter einer Gasflamme und zwischen den zwei Reihen Pferden etwa vierzig Neger. Ich schloß mich ihnen als Zuschauer an. Ich war pleite und konnte nicht spielen. Der Bankhalter paßte andauernd, obwohl er hätte gut melden und die Bank nehmen können, aber er versuchte immer wieder sein Glück, und jedesmal, wenn er paßte, wurde der Einsatz verdoppelt. Es lag eine Menge Geld auf der Erde. Es war ungeheuer spannend. Und gerade in diesem Augenblick wurde mächtig gegen die großen Türen gehämmert, die zu der wenig belebten Straße hinausführten.

Ein paar von den Negern rissen in der entgegengesetzten Richtung aus. Ich hielt einen Augenblick in der Flucht inne, um das viele Geld, das auf dem Boden lag zu nehmen. Das war kein Diebstahl. Es war selbstverständlich. Alle, die nicht ausgerissen waren, nahmen sich, soviel sie konnten. Die Türen flogen mit einem Krach auf, und herein kam eine ganze Kompanie Polizisten. Wir stürzten nach der andern Tür. Es war dunkel im Kontor, und die Tür war so schmal, daß wir nicht alle auf einmal auf die Straße kommen konnten. Es gab ein furchtbares Gedränge. Ein Neger stürzte sich durch ein Schiebefenster hinaus, wobei er den untersten Teil davon mitnahm, und andere folgten seinem Beispiel. Hinter uns waren die Polizisten eifrig beschäftigt, Gefangene zu machen. Ein großer Neger steuerte gleichzeitig mit mir auf die Tür los. Er war größer als ich, wirbelte mich herum und kam zuerst hinaus. Im nächsten Augenblick traf ihn der gewaltige Schlag eines Polizeistabes, und er stürzte wie ein Stier.

Draußen stand eine neue Kompanie Polizisten und wartete auf uns. Da sie wußten, daß sie den herausstürmenden Schwarm nicht mit den Händen zum Halten bringen konnten, schwangen sie ihre Stäbe. Ich stolperte über den gefallenen Neger, der mich herumgewirbelt hatte, duckte mich, um einem Schlage zu entgehen, kroch zwischen den Beinen eines Polizisten hindurch und war frei. Und wie ich lief! Gerade vor mir raste ein magerer Mulatte, und ich folgte ihm. Er kannte die Stadt besser als ich, und wenn ich sicher sein wollte, tat ich am besten, in derselben Richtung wie er zu laufen. Aber er dachte, wiederum, daß ich ein Polizist wäre, der ihn fangen wollte. Er sah sich nicht ein einziges Mal um. Er lief nur. Ich hatte gut Luft geholt und blieb ihm auf den Fersen, bis ich ihn fast zu Tode gehetzt hatte. Schließlich stolperte er vor Ermattung, sank ins Knie und ergab sich mir. Und als er dann entdeckte, daß ich kein Polizist war, rettete mich nur der Umstand, daß er außer Atem war. Dies war der Grund, daß ich Washington verließ – nicht des Mulatten, sondern der Polizisten wegen. Ich ging nach dem Bahnhof und erwischte den ersten Blinden des Pennsylvania-Expreßzuges. Als sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte und ich seine Schnelligkeit spürte, wurde ich plötzlich bedenklich. Es war eine viergleisige Linie, und die Lokomotive nahm während der Fahrt Wasser ein. Landstreicher hatten mich längst davor gewarnt, auf dem ersten Blinden von Zügen zu fahren, deren Lokomotive während der Fahrt Wasser einnimmt. Darf ich es näher erklären? Zwischen den Schienen befinden sich niedrige Metallrinnen. Wenn die Lokomotive in voller Fahrt darüber hinwegfährt, fällt ein Rohr in die Rinne. Das Resultat ist, daß alles Wasser aus der Rinne durch das Rohr in den Tender hinaufgesogen wird.

Irgendwo zwischen Washington und Baltimore merkte ich, als ich so auf der Plattform des Blinden saß, wie die Luft von einem feinen Sprühregen gesättigt wurde. Das machte mir nichts aus. Aha, dachte ich, es ist also nur Bluff, wenn man sagt, daß das Wassereinnehmen während der Fahrt so unangenehm für den Landstreicher auf dem ersten Blinden sei. Was hat das bißchen Sprühregen zu sagen? Dann begann ich die Einrichtung zu bewundern. Das war eine Eisenbahn! Das war doch etwas anderes als die primitiven Bahnen drüben im Westen – und im selben Augenblick war der Tender voll, aber die Rinne noch nicht leer. Eine mächtige Woge ergoß sich über den hinteren Teil des Tenders und über mich. Ich war so naß, als wäre ich über Bord gefallen.

Der Zug fuhr in Baltimore ein. Wie gewöhnlich in den großen Städten des Ostens lief die Eisenbahn unter dem Straßenniveau, auf dem Grund eines tiefen Einschnitts. Als der Zug in den erleuchteten Bahnhof einfuhr, machte ich mich auf dem Blinden so klein wie möglich. Aber ein Bahnbeamter sah mich doch und machte sich an meine Verfolgung. Zwei andere schlossen sich ihm an. Auf der andern Seite des Bahnhofs sprang ich ab und lief das Gleis entlang. Es war die reine Falle. Zu beiden Seiten erhoben sich die steilen Wände des Einschnitts, und ich wußte, daß ich, wenn ich sie zu erklimmen versuchte und es mißglückte, unweigerlich einem Polizisten in die Klauen geraten mußte. Ich lief und lief und war die ganze Zeit auf dem Ausguck nach einer Stelle, wo ich hinaufklettern konnte. Zuletzt fand ich eine. Sie befand sich gerade unter einer Brücke, auf der eine Straße, die auf dem gewöhnlichen Niveau der Stadt lag, über den Einschnitt führte. Auf Händen und Füßen klomm ich die steile Wand hinauf. Die drei Bahnbeamten klommen mir, ebenfalls auf Händen und Füßen, nach. Als ich oben war, befand ich mich auf einem unbebauten Grundstück, das auf einer Seite durch eine niedrige Mauer von der Straße getrennt war. Ich hatte keine Zeit, eingehende Untersuchungen anzustellen. Sie waren mir auf den Fersen. Ich stürzte auf die Mauer los und sprang hinüber. Und da hatte ich die große Überraschung meines Lebens! Man nimmt gewöhnlich an, daß die eine Seite einer Mauer ebenso hoch wie die andere ist. Aber bei dieser Mauer war es nicht so. Das Grundstück lag viel höher als die Straße. Auf meiner Seite war die Mauer niedrig, auf der andern Seite aber–Schön, als ich so in voller Fahrt über die Mauer kam, war es, als fiele ich, mit den Beinen voran, geradeswegs in einen Abgrund. Unter mir, im Schein einer Straßenlaterne, ging ein Polizist auf dem Bürgersteig. Ich nehme an, daß die Höhe neun bis zehn Fuß betrug, aber in meinem Schrecken und Erstaunen kam sie mir aus meiner schwebenden Lage doppelt so groß vor.

Ich streckte mich in der Luft aus und kam hinunter. Zuerst glaubte ich, ich sei dem Polizisten auf den Kopf gefallen, und meine Kleider berührten ihn auch, als meine Füße mit einem mächtigen Krach auf den Bürgersteig sausten. Es war ein Wunder, daß er nicht tot umfiel, denn er hatte mich nicht kommen hören. Es war eine neue Auflage des Marsbewohners. Und der Schutzmann fuhr denn auch wirklich zusammen. Er machte einen Satz zur Seite, wie ein Pferd vor einem Automobil, und dann langte er nach mir aus. Ich ließ mir keine Zeit, ihm die Sache zu erklären. Das überließ ich meinen Verfolgern, die sich ganz vorsichtig über die Mauer schwangen. Aber ich lief gehörig. Ich lief eine Straße hinunter und noch eine, schlüpfte um ein paar Ecken und entkam schließlich.

Nachdem ich etwas von dem Geld, das ich bei den Spielern erwischt hatte, durchgebracht und eine Stunde totgeschlagen hatte, kehrte ich zum Bahneinschnitt zurück und wartete dicht vor den Bahnhofslichtern auf einen Zug. Mein Blut hatte sich etwas abgekühlt, ich zitterte vor Kälte in meinem nassen Zeuge. Schließlich fuhr ein Zug in den Bahnhof ein. Ich gebrauchte die größte Vorsicht und hatte das Glück, mitzukommen, aber diesmal sorgte ich dafür, daß ich auf den zweiten Blinden kam. Ich hatte genug vom Wassereinnehmen während der Fahrt. Der Zug fuhr vierzig Meilen ehe er hielt. Ich stieg ab und befand mich auf einem Bahnhof, der mir bekannt vorkam. Bei der Geschichte in Baltimore und meiner beschwerlichen Flucht durch unbekannte Straßen hatte ich mich in der Richtung geirrt und einen falschen Zug erwischt. Ich hatte eine Nacht Schlaf verloren, war bis auf die Haut durchnäßt worden, hatte laufen müssen, als ob der Teufel hinter mir her sei, und befand mich trotz allem immer noch am selben Fleck. O nein, es ist nicht immer ein Vergnügen, Vagabund zu sein! Aber ich kehrte nicht zu dem Fuhrmann zurück. Ich hatte einen ganz guten Griff getan, und mir lag nichts an einer Abrechnung mit den Negern. Daher verließ ich die Stadt mit dem ersten Zuge und frühstückte in Baltimore.

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