Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
projectid5cc26277
Schließen

Navigation:

Achtes Capitel.
Der vierundzwanzigste Meridian

Die Messung der Basis hatte eine Arbeit von achtunddreißig Tagen erfordert. Am 6. März begonnen, war sie erst am 13. April beendet. Ohne einen Augenblick zu verlieren, entschlossen sich die Chefs der Expedition sofort, die Reihenfolge der Dreiecke in Angriff zu nehmen.

Zuerst mußte man den südlichen Breitepunkt aufnehmen, bei welchem der zu messende Meridianbogen beginnen sollte.

Das Gleiche mußte am nördlichen Endpunkt des Bogens geschehen, und der Breiteunterschied mußte die Anzahl der Grade des ausgemessenen Bogens ergeben.

Vom 14. April ab wurden die genauesten Beobachtungen zum Zweck der Breitebestimmung des Ortes angestellt. Schon hatten William Emery und Michel Zorn in den vorhergehenden Nächten, als die Basismessung eingestellt gewesen, vermittelst einer Winkelmeßscheibe von Fortin zahlreiche Sternhöhen festgestellt. Diese jungen Leute hatten mit solcher Genauigkeit beobachtet, daß die äußerste Grenze der Abweichung nicht mehr als zwei Sechzigstel einer Secunde betrug, welche Abweichung wahrscheinlich durch die wechselnde Lichtstrahlenbrechung veranlaßt wurde, welche die veränderliche Gestalt der Luftschichten hervorbringt.

Von diesen so peinlich genau wiederholten Beobachtungen kann man hinreichend annähernd die Breite des südlichen Endpunktes des Bogens ableiten.

Diese Breite betrug in Decimalgraden siebenundzwanzig Millionen, neunhunderteinundfünfzigtausendsiebenhundertneunundachtzig.

Nachdem man also die Breite erhalten, berechnete man die Länge, und der Punkt wurde auf eine vorzügliche Karte von Süd-Afrika, die man auf einer großen Leiter aufgestellt hatte, übertragen. Diese Karte gab alle kürzlich auf diesem Theil des afrikanischen Festlandes gemachten geographischen Entdeckungen an, die Straßen der Reisenden oder Naturforscher, wie Livingstone, Anderson, Magyar, Baldwin, Vaillant, Burchell, Lichtenstein. Es handelte sich darum, auf dieser Karte den Meridian auszuwählen, von welchem man einen Bogen zwischen zwei, durch eine hinreichende Anzahl von Graden getrennte Stationen messen wollte. Man begreift in der That, daß je länger der gemessene Bogen ist, desto mehr der Einfluß möglicher Irrungen bei Feststellung der Breiten verringert wird. Derjenige, welcher sich von Dünkirchen bis Formentera erstreckt, umfaßte beinahe zehn Grad des Pariser Meridians, nämlich genau 9° 56'.

Nun mußte bei der englisch-russischen Triangulation, die man vorzunehmen im Begriff stand, in der Wahl eines Meridians mit äußerster Behutsamkeit zu Werke gegangen werden. Man durfte sich nicht an natürlichen Hindernissen, wie unübersteigliche Berge, weite Wasserflächen, die den Fortschritt der Beobachtungen aufgehalten hätten, stoßen. Glücklicherweise schien dieser Theil Süd-Afrika's sich wunderbar für ein derartiges Unternehmen zu eignen. Die Erhebungen des Bodens waren nur mäßig; über die wenig zahlreichen fließenden Gewässer war leicht hinaus zu kommen. Man konnte auf Gefahren, nicht aber auf Hindernisse stoßen.

Allerdings befindet sich auf diesem Theile Süd-Afrika's die Wüste Kalahari, eine weite Landstrecke, die vom Orangefluß bis an den Ngami-See, zwischen dem zwanzigsten und neunundzwanzigsten Grad südlicher Breite, reicht. Ihre Ausdehnung in die Länge ist vom Atlantischen Meer im Westen bis zu dem fünfundzwanzigsten Meridian östlich von Greenwich. Auf diesem Meridian reiste im Jahre 1849 der Doctor Livingstone der Ostgrenze der Wüste entlang, als er bis zu dem Ngami-See und den Wasserfällen des Zambése vordrang. Was die Wüste selbst anbetrifft, verdient sie genau genommen diesen Namen nicht. Es sind nicht solche Ebenen, wie die der Sahara, wie man zu glauben versucht wäre, Sandstrecken, aller Vegetation beraubt, welche man ihrer Unfruchtbarkeit wegen fast nicht durchreisen kann. In der Kalahari finden sich eine große Menge Produkte aus der Pflanzenwelt, ihr Boden ist mit Gras im Ueberfluß bedeckt; sie besitzt dichtes Buschwerk und Wälder mit hohen Bäumen; zahlreiches Thierleben, Wildpret und reißende Thiere; sie wird von ansässigen oder umherziehenden Stämmen von Buschmännern und Bakalaharis bewohnt. Aber den größten Theil des Jahres hindurch mangelt es an Wasser; die zahlreichen Flußbette, welche sie durchziehen, sind dann ausgetrocknet, und die Trockenheit des Bodens ist das wirkliche Hinderniß der Erforschung dieses Theiles von Afrika. Doch war damals die Jahreszeit der Regengüsse kaum vorüber, und man konnte noch auf bedeutende Ueberreste stagnirenden Wassers rechnen, welches sich in Sümpfen, Teichen oder Bächen angesammelt hatte.

Dies war die Auskunft, welche der Jäger Mokum ertheilte. Er kannte die Kalahari, weil er sie oftmals durchzogen hatte, sei es als Jäger auf eigene Rechnung, sei es als Führer einer geographischen Expedition. Der Oberst Everest und Mathieu Strux waren über den Punkt einig, daß diese weite Landstrecke alle zu einer guten Triangulation günstigen Bedingungen darbiete.

Es blieb nur noch übrig, den Meridian auszuwählen, auf welchem man einen Bogen von mehreren Graden ausmessen sollte. Konnte dieser Meridian an einem der äußersten Enden der Basis genommen werden, so würde dadurch vermieden, diese Basis mit einem andern Punkt der Kalahari durch eine Reihe von Hilfsdreiecken zu verbinden.

 

Um den Lesern, welche nicht hinlänglich mit der Geometrie vertraut sind, die geodätische Operation, welche man Triangulation nennt, leichter verständlich zu machen, fügen wir hier eine Figur bei, mit deren Hilfe die merkwürdige Arbeit leicht zu begreifen ist.

AB bezeichnet den Bogen, dessen Länge gemessen werden soll. Man mißt zuerst mit größter Sorgfalt eine Basis AC, welche vom Ende A des Meridians nach einer ersten Station, C, führt. Hieraus wählt man auf beiden Seiten des Meridians andere Stationen D, E, F, G, H, I, K ..., von deren jeder man die benachbarten sehen kann, und man mißt mit dem Theodolit die Winkel jedes der Dreiecke ACD; CDE, EDF etc. Durch diese erste Operation ist man im Stande, diese verschiedenen Dreiecke zu erkennen; denn im ersten kennt man AC und die Winkel, und die Seite CD läßt sich berechnen; im zweiten kennt man CD und die Winkel, und man kann die Seite DE berechnen; im dritten kennt man DE und die Winkel, und man kann die Seite EF berechnen, und so weiter die andern. Sodann bestimmt man bei A die Richtung des Meridians durch das gewöhnliche Verfahren, und mißt den Winkel MAC, welchen diese Richtung mit der Basis AC macht. Man kennt also im Dreieck ACM die Seite AC und die anliegenden Winkel, und so kann man das erste Stück des Meridians AM berechnen. Man berechnet zugleich den Winkel M und die Seite CM: man kennt also im Dreieck MDN die Seite DM = CD-CM und die anstoßenden Winkel, und man kann das zweite Stück des Meridians MN berechnen, sowie den Winkel N und die Seite DN. Man kennt also im Dreieck NEP die Seite EN = DE-DN und die anliegenden Winkel, und man kann das dritte Stück NP des Meridians berechnen, und so weiter. Man begreift, daß man auf diese Weise Stück für Stück den ganzen Bogen AB bestimmen kann.

 

Dieser Umstand wurde sorgfältig geprüft, und nachdem man darüber berathen, erkannte man, daß das Südende der Basis als Ausgangspunkt dienen könne. Dieser Meridian war der vierundzwanzigste östlich von Greenwich: er zog auf einer Strecke von wenigstens sieben Graden hin, vom zwanzigsten bis zum siebenundzwanzigsten, ohne auf natürliche Hindernisse zu stoßen, wenigstens gab die Karte keine solche an. Nur im Norden durchschnitt er den Ngami-See in seinem östlichen Theil, doch war dies kein unüberwindliches Hinderniß, und Arago hatte viel größere Schwierigkeiten zu bestehen, als er seine geodätischen Arbeiten von der Küste Spaniens auf die Baleareninseln ausdehnte.

Es wurde also entschieden, daß der zu messende Bogen auf dem vierundzwanzigsten Meridian genommen werden solle, der bei seiner Fortsetzung in Europa es leicht machen würde, einen nördlichen Bogen sogar auf dem russischen Gebiet zu messen.

Die Operationen begannen sogleich und die Astronomen beschäftigten sich damit, die Station auszuwählen, wo die Spitze des ersten Dreiecks auslaufen sollte, welche als Basis die direct gemessene Basis erhalten sollte.

Die erste Station wurde rechts von der Mittagslinie gewählt. Es war ein einzelner, ungefähr zehn Meilen entfernt auf einer Erhöhung des Bodens stehender Baum. Er war vollkommen sichtbar, sowohl von dem südöstlichen als vom nordwestlichen Ende der Basis, auf welchen beiden Punkten der Oberst Everest zwei Flaggenstangen aufstellen ließ. Sein schlanker Gipfel machte es möglich, ihn mit größter Genauigkeit aufzunehmen.

Die Astronomen schritten zuerst zur Messung des Winkels, welchen dieser Baum mit dem Südostende der Basis bildete.

Dies geschah vermittelst einer Borda'schen Winkelmeßscheibe, welche für geodätische Beobachtungen geeignet ist. Die beiden Gläser des Instrumentes wurden so gestellt, daß ihre optischen Achsen genau in die Ebene der Scheibe fielen; das eine visirte auf das Nordwestende der Basis, das andere auf den im Nordosten gewählten Baum. Ihre Entfernung von einander gab also die Winkel-Distanz der beiden Stationen an. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß dies bewundernswerthe, mit größter Vollkommenheit construirte Instrument den Beobachter in den Stand setzte, die Irrthümer bei der Beobachtung nach Belieben zu verringern. In der That bekommen bei der Repetitionsmethode diese Irrungen durch häufige Wiederholungen die Bestimmung, sich gegenseitig zu zerstören und aufzuheben. Was die Nonius, die Nivellirinstrumente, die Wasserwagen, welche das regelrechte Legen des Apparates zu sichern bestimmt waren, anbetraf, so ließen sie nichts zu wünschen übrig.

Die englisch-russische Commission besaß vier Winkelmeßscheiben. Zwei sollten zu den geodätischen Beobachtungen dienen, wie das Aufnehmen der Winkel, welche gemessen werden sollten. Die zwei andern, deren Scheiben sich in senkrechter Richtung befanden, machten es möglich, vermittelst künstlicher Horizonte Entfernungen vom Zenith zu erhalten, und demnach sogar in einer einzigen Nacht die Breite einer Station annähernd, bis auf einen kleinen Secundenbruch zu berechnen. Man mußte allerdings bei dieser großen Triangulation nicht allein den Werth der Winkel, welchen die geodätischen Dreiecke bildeten, erhalten, sondern auch von Zeit zu Zeit die Meridianhöhe der Sterne messen, welche gleich der Polhöhe jeder Station ist.

Die Arbeit wurde im Laufe des 14. April begonnen. Der Oberst Everest, Michel Zorn und Nikolaus Palander rechneten den Winkel aus, welchen das Südostende der Basis mit dem Baum bildete, während Mathieu Strux, William Emery und Sir John Murray sich an das Nordwestende begaben, und den Winkel maßen, welchen dieser Endpunkt mit demselben Baum bildete.

Während dessen wurde das Lager aufgehoben, die Ochsen angespannt, und die Karawane zog unter Führung des Buschmanns nach der ersten Station, welche als Halteplatz dienen sollte. Zwei Kaamas und ihre Führer, welche zum Transport der Instrumente verwendet wurden, begleiteten die Beobachter.

Das Wetter war ziemlich klar und zur Operation geeignet. Es war außerdem beschlossen worden, daß, wenn die Atmosphäre die Aufnahme erschweren sollte, die Beobachtungen während der Nacht vermittelst Reverberen oder elektrischer Lampen, mit welchen die Commission versehen war, ausgeführt werden sollten.

Während des ersten Tages, nachdem die beiden Winkel gemessen worden waren, trug man das Resultat der Messungen nach sorgfältiger Vergleichung in das doppelte Register ein. Als der Abend herankam, versammelten sich alle Astronomen mit der Karawane um den Baum, der als Zielpunkt gedient hatte.

Dies war ein ungeheurer Baobab, dessen Umfang mehr als achtzig Fuß betrug. Seine syenitfarbige Rinde gab ihm ein eigenthümliches Aussehen. Unter dem unendlich großen Blätterdach dieses Riesenbaumes, welches mit einer Menge Eichkätzchen bevölkert war, die seine eiförmigen Früchte voll weißen Markes naschten, konnte die ganze Karawane Platz finden, und die Mahlzeit der Europäer wurde vom Schiffskoch zubereitet, dem es nicht an Wildpret mangelte. Die Jäger der Truppe hatten die Umgegend abgejagt und eine Anzahl Antilopen geschossen. Bald erfüllte der angenehme Bratenduft die Atmosphäre und reizte den Appetit der Astronomen, der keiner besondern Anregung bedurfte.

Nach dieser stärkenden Mahlzeit zogen sich die Astronomen in ihre Wagen zurück, während Mokum Schildwachen am Rande der Lagerstätte aufstellte.

Große Feuer wurden die ganze Nacht hindurch mit den abgestorbenen Aesten des Baobab unterhalten, um die reißenden Thiere, welche der Duft des blutigen Fleisches herbeizog, in gehöriger Entfernung zu halten.

Nach zweistündigem Schlummer standen jedoch William Emery und Michel Zorn wieder auf. Ihre Aufgabe als Beobachter war noch nicht beendet. Sie wollten die Breite dieser Station durch Beobachtung der Sternhöhe berechnen. Beide stellten sich, ungeachtet der Anstrengungen des Tages, an die Gläser ihrer Instrumente, und während das Lachen der Hyänen und das Brüllen der Löwen in der dunkeln Ebene widerhallte, stellten sie auf's Genaueste die Veränderung des Zeniths fest, welche derselbe während des Uebergangs von der ersten zur zweiten Station erlitten hatte.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.