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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
projectid5cc26277
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Drittes Capitel.
Der Transport des Schiffes

Nachdem die Vorstellung vorüber, stellte sich William Emery den Ankommenden zur Verfügung. In seiner Eigenschaft als einfacher Astronom am Observatorium des Cap, war er dem Range nach dem Obersten Everest untergeordnet, der als Abgeordneter der englischen Regierung mit Mathieu Strux die Präsidentschaft über die wissenschaftliche Expedition theilte. Er kannte ihn außerdem als einen ausgezeichneten Gelehrten, welcher durch Reduktionen von Nebelsternen, sowie Berechnungen über Gestirnfinsternisse berühmt geworden war. Dieser Astronom, fünfzig Jahre alt, ein kalter, methodischer Mann, führte ein mathematisch nach Stunden berechnetes Dasein. Für ihn gab es nichts Unvorhergesehenes. Seine Genauigkeit in allen Dingen war nicht geringer, als die der Sterne beim Eintritt in den Meridian. Man konnte sagen, alle Handlungen seines Lebens waren nach der Uhr geregelt. Dies wußte William Emery, und hatte daher auch nie daran gezweifelt, daß die wissenschaftliche Commission am bestimmten Tage eintreffen werde.

Indessen wartete der junge Mann darauf, daß der Oberst sich in Betreff des Auftrags, welchen er in Süd-Afrika zu erfüllen komme, sich ausspräche. Da jedoch der Oberst darüber schwieg, glaubte Emery ihn nicht weiter ausfragen zu dürfen. Es war wahrscheinlich, daß im Geist des Obersten die Stunde, in welcher er sprechen sollte, noch nicht geschlagen hatte.

William Emery kannte ebenfalls dem Rufe nach Sir John Murray, einen reichen Gelehrten, Nacheiferer von James Roß und Lord Elgie, welcher ohne amtliche Stellung England mit seinen astronomischen Arbeiten beehrte. Die Wissenschaft mußte ihm für sehr beträchtliche Geldopfer dankbar sein. Er hatte zwanzigtausend Pfund auf die Errichtung eines Riesen-Reflectors verwendet, eines Rivalen des Teleskopen von Parson Town, durch welchen die Elemente einer gewissen Anzahl Doppelsterne bestimmt worden waren. Es war ein Mann von höchstens vierzig Jahren mit vornehmer Haltung und leidenschaftslosen Mienen, welche seinen Charakter nicht erkennen ließen.

Die drei Russen, die Herren Strux, Palander und Zorn waren William Emery dem Namen nach nicht fremd, doch kannte er sie nicht persönlich. Nikolaus Palander und Michael Zorn bezeugten gegen Mathieu Strux eine gewisse Ehrerbietung, welche schon seiner Stellung nach, auch ohne jedes andere Verdienst, ihm gebührte.

William Emery machte nur die einzige Bemerkung, daß sich die englischen und russischen Gelehrten in gleicher Anzahl befanden, drei Engländer und drei Russen. Die Mannschaft des Schiffes, »Königin und Czar« genannt, bestand aus zehn Mann, von denen fünf Engländer und fünf Russen waren.

»Herr Emery, sagte der Oberst Everest, sobald die Vorstellung vorüber war, wir kennen uns jetzt, als hätten wir zusammen die Ueberfahrt von London bis zum Cap Voltas gemacht. Ich hege außerdem eine besondere Achtung gegen Sie, die Ihnen für die Arbeiten gebührt, welche Sie mit Recht berühmt gemacht haben. Auf mein Verlangen hat die englische Regierung Sie ausersehen, um an den Operationen, welche wir in Süd-Afrika ausführen wollen, Theil zu nehmen.«

William Emery verneigte sich dankend und dachte, er werde jetzt endlich die Beweggründe erfahren, welche diese wissenschaftliche Commission in die südliche Hemisphäre führte. Doch der Oberst Everest sprach sich darüber nicht aus.

»Herr Emery, fuhr der Oberst fort, ich möchte fragen, ob Ihre Vorbereitungen beendigt sind.

– Ganz und gar, Herr Oberst, erwiderte der Astronom. Dem Auftrag zufolge, welchen mir der Brief des ehrenwerthen Herrn Airy gab, habe ich die Capstadt seit einem Monat verlassen und mich auf die Station Lattaku begeben. Dort habe ich alle nöthigen Erfordernisse zu einer Forschungsreise im Innern Afrika's zusammengebracht, Lebensmittel, Wagen, Pferde und Buschmänner. In Lattaku erwartet Sie ein Gefolge von hundert bewaffneten Männern, geführt von einem geschickten und berühmten Jäger, dem Buschmann Mokum, den ich Ihnen vorzustellen mir erlaube.

– Der Buschmann Mokum, rief der Oberst Everest mit kaltem Ton, der Buschmann Mokum! Ja, sein Name ist mir vollkommen bekannt.

– Es ist der Name eines geschickten und kühnen Afrikaners, fügte Sir John Murray hinzu, indem er sich zu dem Jäger wandte, welchen diese Europäer mit ihrem vornehmen Benehmen nicht aus der Fassung brachten.

– Der Jäger Mokum, sagte William Emery, indem er seinen Gefährten vorstellte.

– Ihr Name ist in dem Vereinigten Königreich wohl bekannt, Buschmann, antwortete der Oberst Everest. Sie sind ein Freund Anderson's und Führer des berühmten David Livingstone gewesen, der mich mit seiner Freundschaft beehrt. England dankt Ihnen durch meinen Mund, und ich gebe Herrn Emery meine Zufriedenheit zu erkennen, daß er Sie zum Anführer unserer Karawane erwählt hat. Ein Jäger wie Sie muß Liebhaber von schönen Waffen sein. Wir haben ein ziemlich vollständiges Arsenal und ich bitte Sie, sich daraus ein Gewehr auszuwählen, welches Ihnen gefällt. Wir wissen, daß es in guten Händen sein wird.«

Ein Lächeln der Befriedigung spielte auf den Lippen des Buschmanns. Die Anerkennung seiner Dienste in England machte allerdings Eindruck auf ihn, doch sicherlich weniger als die angebotene Gabe des Oberst Everest. Er bedankte sich daher in gewählten Ausdrücken, und hielt sich abseits, während die Unterhaltung zwischen William Emery und den Europäern fortgesetzt wurde.

Der junge Mann vervollständigte seinen Bericht über die von ihm organisirte Expedition, und der Oberst schien dadurch sehr befriedigt. Es handelte sich nur darum, so schnell als möglich die Stadt Lattaku zu erreichen, denn die Abreise der Karawane sollte in den ersten Tagen des März, nach Beendigung der Regenzeit, stattfinden.

»Wollen Sie gefälligst bestimmen, Herr Oberst, auf welche Weise Sie die Stadt erreichen wollen.

– Auf dem Orangefluß und einem seiner Nebenflüsse, dem Kuruman, der bei Lattaku vorüberfließt.

– Gut, erwiderte der Astronom, aber so vortrefflich und so schnellfahrend Ihr Schiff auch sein mag, so könnte es doch den Morgheda-Fall nicht hinauffahren!

– Wir wollen den Katarakt umgehen, Herr Emery, und dadurch, daß wir das Schiff einige Meilen weit transportiren, wird es uns möglich, unsere Fahrt oberhalb des Flusses wieder aufzunehmen. Wenn ich mich nicht täusche, so sind die Strömungen von dort bis Lattaku für ein Boot, das nicht beträchtlich tief geht, schiffbar.

– Ohne Zweifel, Herr Oberst, erwiderte der Astronom, aber dies Dampfboot hat solch' Gewicht, daß ...

– Herr Emery, antwortete der Oberst Everest, dies Fahrzeug ist ein Meisterstück aus den Werkstätten von Leard & Comp. in Liverpool. Es läßt sich Stück für Stück auseinandernehmen und äußerst leicht wieder zusammensetzen, eine Arbeit, wozu es nur eines Schraubenziehers und einiger Zapfen bedarf. Sie haben einen Wagen an den Morgheda-Fall mitgebracht?

– Ja wohl, Herr Oberst, versetzte William Emery. Unsere Lagerstätte ist kaum eine Meile von hier.

– Nun wohl, so werde ich den Buschmann bitten, den Wagen bis an den Ort, wo wir aussteigen, fahren zu lassen. Man wird die Schiffstheile und die Maschine, die sich ebenfalls auseinander nehmen läßt, darauf laden, und wir werden aufwärts an den Ort fahren, wo der Orange wieder schiffbar wird.«

Die Befehle des Oberst Everest wurden ausgeführt. Der Buschmann verschwand bald in dem Gehölz, nachdem er versprochen, in einer Stunde zurück zu sein. Während seiner Abwesenheit wurde das Dampfboot schnell ausgeladen. Zudem war die Ladung nicht bedeutend: Kästen mit physikalischen Instrumenten, eine ansehnliche Sammlung von Flinten aus der Fabrik von Purdey Moore in Edinburgh, einige Tonnen Branntwein, Tonnen getrockneten Fleisches, Pulverkasten, Felleisen vom kleinsten Umfange, Zeltleinwand mit allem Zubehör, das aus einem Reisebazar hervorgegangen zu sein schien, ein sorgfältig zusammengelegter Kahn von Gutta-Percha, der nicht mehr Platz einnahm als eine gut zusammengerollte Decke, einige Lagergeräthschaften u. s. w.; endlich eine Art Mitrailleuse in Fächerform, ein noch wenig vervollkommnetes Geschütz, welches aber Feinde, wer sie auch sein mochten, von der Annäherung an das Fahrzeug zurückscheuchen mußte.

Alle diese Gegenstände wurden auf dem Uferrande niedergelegt. Die Maschine von acht Pferdekraft zu zweihundertundzehn Kilogramm bestand aus drei Theilen, dem Dampfkessel und seinen Röhren, der mechanischen Einrichtung, welche man vermittelst des Schraubenziehers vom Kessel losmachte, und der Schraube. Indem diese Theile der Reihe nach herausgenommen wurden, ward das Innere des Fahrzeuges frei. Die Schaluppe bestand, außer dem Raum für die Maschine und den Vorrathskammern, aus einem für die Mannschaft bestimmten Vorderraum und aus einer Kajüte im Hintertheil für den Oberst Everest und seine Begleiter.

In einem Augenblick waren die Scheidewände verschwunden, die Koffer und Lagerstätten entfernt, und das Fahrzeug war nur noch ein Rumpf.

Dieser fünfunddreißig Fuß lange Rumpf bestand aus drei Theilen, gleich dem Dampfboot Mâ-Robert, dessen sich Doctor Livingstone bei seiner ersten Reise nach Zambese bediente. Er war aus galvanisirtem Stahl gefertigt, der zugleich leicht und dauerhaft ist. Die Stahlplatten waren durch Zapfen auf Rahmen von gleichem Metall befestigt, wodurch das feste Zusammenhalten und die Wasserdichtigkeit des Bootes gesichert wurde.

William Emery war wahrhaft erstaunt über die Einfachheit der Arbeit, und die Schnelligkeit, womit sie vor sich ging. Der Wagen war vor kaum einer Stunde in Begleitung des Jägers und seiner zwei Buschmänner angekommen, als das Schiff schon zum Verladen fertig war.

Dieser Wagen, ein sehr einfaches Gefährt, ruhte auf vier großen Rädern, welche, je zwei zusammen, zwanzig Fuß von einander entfernt waren. Diese schwere Maschine mit knarrenden Achsen wurde von sechs Büffelochsen gezogen, die, je zwei zusammengespannt, mit einem langen Treibstachel gespornt wurden. Es bedurfte auch solcher Mittel, die schwere Last von der Stelle zu bringen, die sonst mehr als ein Mal im Sumpf stecken geblieben wäre.

Die Mannschaft der Schaluppe befleißigte sich, den Wagen in der Weise zu beladen, daß er überall das Gleichgewicht behielt. Bei der sprichwörtlichen Gewandtheit der Seeleute war dies für diese nur ein Spiel. Für die Reisenden selbst war ein Weg von vier Meilen zu Fuß nur ein Spaziergang.

Um drei Uhr Nachmittags war die Verladung ganz beendet, und der Oberst Everest gab das Zeichen zum Aufbruch. Er ging mit seinen Begleitern, von William Emery geführt, voraus. Der Buschmann, die Schiffsmannschaft und die Wagenführer folgten langsameren Schrittes.

Der Marsch war keineswegs ermüdend. Der Weg über die Abhänge, welche zum oberen Lauf des Orange führten, war zwar ein Umweg, aber leichter zu passiren, ein Umstand, der dem schwer beladenen Wagen sehr zu Statten kam.

Die Mitglieder der Commission stiegen leicht den Rücken des Hügels hinan. Ihre Unterhaltung hielt sich im Allgemeinen; vom Zweck ihrer Reise war durchaus nicht die Rede. Die Europäer bewunderten die großartigen Ansichten, die vor ihren Augen abwechselten. Diese großartige Natur, in ihrer Wildheit so schön, entzückte sie, wie sie den jungen Astronom entzückt hatte. Ihre Reise hatte sie noch nicht gegen die Naturschönheiten der afrikanischen Zone unempfindlich gemacht. Sie bewunderten jedoch mit jener Zurückhaltung, welche den Engländern eigenthümlich ist. Dem Katarakt schenkten sie einige Beifallsbezeigungen guten Styls.

Uebrigens glaubte William Emery seinen Gästen den Cicerone Süd-Afrika's machen zu müssen. Er war hier zu Hause, und wie mancher allzu enthusiastische Bürger verschonte er sie mit keinem Detail seines afrikanischen Parkes.

Ungefähr um vierundeinhalb Uhr hatte man die Morgheda-Fälle umgangen. Auf dem Plateau angekommen, sahen die Europäer den oberen Lauf des Flusses sich vor ihren Blicken bis in's Entfernteste hinziehen.

Sie lagerten sich nun am Uferrande, um die Ankunft des Wagens zu erwarten. Das Gefährt erschien um fünf Uhr auf dem Gipfel des Hügels, nach glücklich vollbrachter Fahrt. Der Oberst ließ sogleich zum Abladen schreiten, und kündigte ihre Weiterreise für den folgenden Morgen bei Tagesanbruch an. Die ganze Nacht verging unter verschiedenen Arbeiten. Der Rumpf des Schiffes wurde in weniger als einer Stunde wieder eingerichtet, die Schraubenmaschine an ihrem Platz befestigt, die Scheidewände zwischen den Kajüten eingezogen, die Vorrathsräume wieder hergestellt, das verschiedene Gepäck ordentlich eingeräumt; alle diese in größter Schnelligkeit vollzogenen Arbeiten zeugten zu Gunsten der »Königin und Czar«. Diese Engländer und Russen waren auserwählte Leute, geschulte und geschickte Männer, auf welche man sich gänzlich verlassen konnte.

Am folgenden Tage, dem 1. Februar, war das Fahrzeug bei Tagesanbruch zur Aufnahme der Passagiere bereit. Schon entströmte wirbelnder schwarzer Rauch der Feueresse und der Maschinist ließ, um die Zugkraft zu vermehren, zwischen diesem Rauch weiße Dampfwolken aufsteigen.

Die Hochdruck-Maschine ohne Condensator ließ ihren Dampf bei jedem Kolbenstoß entgleiten, gemäß dem bei den Locomotiven angewandten System. Der Kessel, welcher mit sinnreich angebrachten Siederöhren versehen war, und der Heizung eine große Fläche bot, brauchte nur eine halbe Stunde, um eine hinreichende Quantität Dampf zu liefern. Man hatte sich gut mit Ebenholz und Gaïac versorgt, welches in der Umgegend reichlich wuchs, und mit diesen kostbaren Holzarten heizte man stark ein. Um sechs Uhr Morgens gab der Oberst Everest das Zeichen zur Abfahrt. Passagiere und Seeleute schifften sich auf der »Königin und Czar« ein. Der mit dem Lauf des Flusses vertraute Jäger folgte ihnen an Bord, und den beiden Buschmännern blieb die Sorge, den Wagen nach Lattaku zurückzubringen.

Im Augenblick, als das Schiff den Anker lichtete, sagte der Oberst Everest zu dem Astronomen:

»Apropos, Herr Emery, wissen Sie, weshalb wir hierher gekommen sind?

– Nicht im Geringsten, Herr Oberst.

– Der Grund ist sehr einfach, Herr Emery, wir wollen einen Meridianbogen in Süd-Afrika ausmessen.«

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