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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 24
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Dreiundzwanzigstes Capitel.
Die Wasserfälle des Zambese

Die Wunden Nikolaus Palander's waren nicht erheblich. Der Buschmann, welcher darin erfahren war, rieb dem würdigen Manne die Schultern mit einigen Kräutern, und der Astronom von Helsingfors konnte wieder die Reise fortsetzen. Die durch seinen Sieg gehobene Stimmung sank bald, und er ward wieder der zerstreute Gelehrte, welcher nur in der Welt der Zahlen lebte. Man hatte ihm eins der Register gelassen, aber aus Vorsicht mußte er das andere, worin das Duplicat aller Berechnungen enthalten war, an William Emery abgeben, – wozu er sich übrigens in Gutem verstand.

Die Arbeiten wurden fortgesetzt und die Triangulation ging rasch und gut von Statten. Es handelte sich nur noch darum, eine zur Errichtung einer Basis geeignete Ebene zu finden.

Am 1. April mußten die Europäer über ungeheure Sumpfstrecken setzen, wodurch sie etwas gehemmt wurden. An diese feuchten Ebenen schlossen sich zahlreiche Teiche, deren Wasser einen pestilenzialischen Geruch verbreiteten. Der Oberst Everest und seine Genossen eilten sich, indem sie ihren Triangeln eine größere Ausdehnung gaben, aus dieser ungesunden Gegend herauszukommen.

Die Stimmung der kleinen Truppe war vortrefflich, und es herrschte der beste Geist. Michel Zorn und William Emery waren sehr erfreut, daß zwischen den beiden Chefs vollständige Eintracht herrschte. Dieselben schienen vergessen zu haben, daß ein internationaler Zwist sie hatte trennen können.

»Lieber William, sagte eines Tages Michel Zorn zu seinem jungen Freunde, ich hoffe, daß bei unserer Zurückkunft in Europa zwischen England und Rußland Friede geschlossen ist, daß wir demnach dort Freunde bleiben dürfen, wie wir's hier in Afrika sind.

– Das hoff' auch ich, lieber Michel, erwiderte William Emery. Die Kriege können heut zu Tage nicht von langer Dauer sein. Eine oder zwei Schlachten, und die Verträge werden unterzeichnet. Dieser leidige Krieg dauert schon ein Jahr, und ich denke, wie Sie, der Friede wird bei unserer Rückkunft geschlossen sein.

– Aber es ist nicht Ihre Absicht, William, an's Cap zurück zu kehren? fragte Michel Zorn. Das Observatorium ruft Sie nicht dringend zurück, und ich hoffe Ihnen mein Observatorium zu Kiew zeigen zu können!

– Ja, Freund, erwiderte William Emery, ja, ich werde Sie nach Europa begleiten, und ich werde nicht nach Afrika zurückkehren, ohne ein wenig durch Rußland gereist zu sein. Aber Sie werden mich einmal in Capstadt besuchen, nicht wahr? Sie werden da sehen, wie reich das Firmament ist, und welche Lust es ist, nicht nur mit vollen Händen, sondern mit vollen Blicken draus zu schöpfen! Wenn es Ihnen beliebt, wollen wir den Stern T??? des Centauren mit einander auflösen. Ich verspreche Ihnen, ohne Sie nicht anzufangen.

– Ist das ernstlich gemeint, William?

– Im vollen Ernst, Michel. Ich hebe Ihnen È??? auf, und dagegen, fügte William Emery bei, komme ich nach Kiew, um einen Ihrer Nebelsterne zu berechnen!«

Die wackeren Leute! Sieht's nicht aus, als gehöre der Himmel ihnen an! Und wirklich, wem sollte er gehören, wenn nicht den scharfsinnigen Gelehrten, welche ihn bis auf seine Tiefen ausgemessen haben!

»Aber vor allen Dingen, fuhr Michel Zorn fort, muß dieser Krieg zu Ende sein.

– Er wird's sein, Michel. Schlachten mit Kanonendonner dauern nicht so lange, als ein Streiten über die Sterne! Rußland und England sind rascher ausgesöhnt, als der Oberst Everest und Mathieu Strux.

– Sie glauben also nicht an die Aufrichtigkeit ihrer Versöhnung, fragte Michel Zorn, nachdem sie miteinander so viele Prüfungen zu bestehen gehabt?

– Verlassen will ich mich nicht darauf, erwiderte William Emery. Denken Sie doch, Eifersucht der Gelehrten, und berühmter Gelehrten!

– Da wollen wir lieber nicht so berühmt sein, lieber William, erwiderte Michel Zorn, und stets gute Freunde bleiben!«

Elf Tage waren vorüber seit dem Abenteuer mit den Affen, als die kleine Truppe nicht weit von den Wasserfällen des Zambese auf eine Ebene kam, welche sich einige Meilen weit erstreckte. Das Terrain war höchst geeignet zur direkten Messung einer Basis. Am Rande erhob sich ein Dorf, das nur einige Hütten umfaßte. Seine Bewohner, – einige Dutzend Eingeborene höchstens – ungefährliche Leute, nahmen die Europäer gut auf. Das war ein Glück für die Truppe des Obersten; denn ohne Wagen, Zelte, fast ohne Lagergeräthschaften, wäre es schwer gewesen, sich hinreichend einzurichten. Nun konnte die Messung der Basis einen Monat lang dauern, und diesen Monat konnte man nicht im Freien, lediglich unter dem Schutz der Baumgezweige, zubringen.

Die wissenschaftliche Commission richtete sich also in den Hütten ein, welche zuvor zum Gebrauch der neuen Bewohner eingerichtet werden mußten. Die Gelehrten waren übrigens Leute, die sich mit Wenigem zu begnügen verstanden. – Ein einziger Gedanke belebte sie damals: die Prüfung ihrer früheren Operationen, welche durch directe Messung dieser neuen Basis vorgenommen werden sollte, d. h. der letzten Seite ihres letzten Dreiecks. In der That, der Berechnung nach hatte diese Seite eine mathematisch bestimmte Länge, und je näher das directe Maß dem berechneten kam, desto mehr mußte die Bestimmung des Meridians als richtig angesehen werden.

Die Astronomen schritten unverzüglich zur directen Messung. Die Unterlagen und die Platinarichtscheite wurden auf dem völlig ebenen Boden nach einander gelegt, und zwar mit all' den kleinlichsten Vorsichtsmaßregeln, welche man bei der Messung der ersten Basis angewendet hatte. Man zog alle atmosphärischen Bedingungen, die Veränderlichkeiten des Thermometers, die wagerechte Lage der Apparate u. s. w. in Berechnung, kurz es wurde nichts bei der Operation versäumt, die Gelehrten lebten nur in diesem einzigen Gedanken.

Die am 10. April begonnene Arbeit ward erst am 15. Mai fertig. Es waren fünf Wochen für die mißliche Aufgabe erforderlich. Nikolaus Palander und William Emery berechneten die Ergebnisse unverzüglich.

Wahrlich, es schlug diesen Astronomen das Herz gewaltig, als das Resultat gesprochen wurde. Welcher Lohn für ihre Mühen und Prüfungen, wenn die abgeschlossene Probe ihrer Arbeiten es möglich machte, sie als unanfechtbar der Nachwelt zu überliefern!

Als von den Rechnern die gewonnenen Längenmaße auf Bogen im Verhältniß zum durchschnittlichen Niveau des Meeres, und zur Temperatur von einundsechzig Grad Fahrenheit (16° 11' hunderttheilig) reducirt worden waren, überreichten Nikolaus Palander und William Emery ihren Collegen die folgenden Ziffern:

???tabelle

Neue gemessene Basis 5075t,25
Mit der nämlichen Basis abzüglich der ersten Basis und des ganzen trigonometrischen Netzes 5075t,11
Differenz d. Berechnung u. Beobachtung 0t,14

Nur vierzehn Hunderttheile einer Toise, d. h. keine zehn Zoll, und die beiden Basen waren sechshundert Meilen von einander entfernt!

Als die Messung des Meridians von Frankreich zwischen Dünkirchen und Perpignan vorgenommen wurde, betrug die Differenz zwischen der Basis von Melun und der von Perpignan elf Zoll. Die von der englisch-russischen Commission gewonnene Uebereinstimmung ist also noch auffallender, und macht diese unter den schwierigsten Umständen mitten in der afrikanischen Wüste unter Gefahren und Beschwerden aller Art zu Stande gebrachte Arbeit zur vollkommensten der bis auf den heutigen Tag vorgenommenen geodätischen Operationen.

Dreifaches Hurrah begrüßte dieses bewundernswerthe Resultat, welches in den Annalen der Wissenschaft ohne Gleichen war!

Und jetzt, welche Geltung hatte ein Meridiangrad bei diesem Theil der Erd-Sphäroide. Nach den Reductionen Nikolaus Palander's gerade siebenundfünfzigtausendundsiebenunddreißig Toisen. Das war, fast um eine Toise, die im Jahre 1752 von Lacaille beim Cap der Guten Hoffnung gefundene Ziffer. Nach Verlauf eines Jahrhunderts waren der französische Astronom und die Mitglieder der englisch-russischen Commission so nahe mit einander in Uebereinstimmung gekommen.

Was die Geltung des Meters betrifft, so mußte man, um sie zu ermitteln, die Resultate der Operationen abwarten, welche später auf der nördlichen Hemisphäre vorgenommen werden sollten. Es sollte derselbe den zehnmillionsten Theil des Erdmeridianviertheils betragen. Nach den früheren Berechnungen machte dieses Viertheil, die Abplattung der Erde im Anschlag von 1/499,15??? berücksichtigt, zehn Millionen achthundertsechsundfünfzig Meter aus, was die Länge des Meters genau zu 0t,513074 ergab, oder drei Fuß elf Linien und zweihundertsechsundneunzig Tausendstel einer Linie. War diese Ziffer die richtige? Das mußte aus den späteren Arbeiten der anglo-russischen Commission sich ergeben.

*

Die geodätischen Operationen waren also vollständig zu Ende geführt. Die Astronomen waren mit ihrer Aufgabe fertig. Es blieb ihnen nur noch übrig, die Mündung des Zambese zu erreichen, in entgegengesetzter Richtung von der Linie, welche der Doctor Livingstone bei seiner zweiten Reise von 1858 bis 1864 verfolgt hatte.

Am 25. Mai, nach einer ziemlich beschwerlichen Reise, mitten in einem von reißenden Bächen durchschnittenen Lande kamen sie an den Wasserfällen an, welche in der Geographie unter dem Namen Victoria-Fälle bekannt sind.

Diese staunenswerthen Katarakte, von den Eingeborenen »Tosende Dunstwirbel« genannt, sind eine Meile breit, stürzen von einer Höhe herab, welche das Doppelte des Niagarafalles beträgt, und sind mit einem dreifachen Regenbogen geziert. Durch die tiefe Spalte des Basaltsteines entstand ein Getöse, das einem zwanzigfachen Donner zu vergleichen war.

Abwärts vom Katarakt, wo die Oberfläche des Flusses wieder ruhig ist, wartete bereits die Dampfschaluppe, welche auf einem Nebenfluß des Zambese bereits vor vierzehn Tagen angekommen war.

Alle stiegen hier ein, mit Ausnahme des Buschmanns und des Forlopers. Mokum war mehr als ein ergebener Führer, er war ein Freund, welchen die Engländer, und besonders Sir John auf dem afrikanischen Continent zurückließen. Sir John hatte demselben angeboten, ihn nach Europa mitzunehmen, und so lange, als es ihm belieben würde, als Gast zu bewirthen; aber Mokum hatte bereits andere Verbindlichkeiten zu erfüllen. Er mußte David Livingstone bei seiner zweiten Reise, welche der kühne Reisende demnächst an den Zambese vornehmen wollte, begleiten, und Mokum wollte ihm Wort halten.

Der Jäger blieb also zurück, wohl belohnt, und, was er noch höher anschlug, nach herzlicher Umarmung von Seiten der Europäer, die ihm so sehr verpflichtet waren. Die Schaluppe stieß vom Ufer ab, um in der Mitte des Stromes zu fahren.

Diese Hinabfahrt auf der raschen Schaluppe zwischen zahllosen Flecken längs seiner Ufer geschah ohne Beschwerden oder Unfall.

Die Eingeborenen staunten mit abergläubischer Bewunderung über das rauchende Boot, das durch unsichtbare Kraft auf den Wassern des Zambese trieb, und sie störten nicht im Mindesten die Fahrt.

Am 15. Juni, nach sechsmonatlicher Abwesenheit kamen der Oberst Everest und seine Gefährten zu Quillimane an, einer der bedeutendsten Städte an der Hauptmündung des Flusses.

Vor allen Dingen fragten sie den englischen Consul um Nachricht über den Krieg.

Der Krieg war noch nicht zu Ende, und Sebastopol hielt sich fortwährend gegen die englisch-französischen Armeen.

Diese Kunde war sehr niederschlagend, da man jetzt im Interesse der Wissenschaft so hübsch einig geworden war.

Ein österreichisches Handelsfahrzeug, Novara, war im Begriff, nach Suez abzufahren. Die Mitglieder der Commission beschlossen, auf demselben sich einzuschiffen.

Am 18. Juni, im Begriff unter Segel zu gehen, versammelte der Oberst seine Collegen, und sprach zu ihnen in ruhigem Ton folgendermaßen:

»Meine Herren, seit beinahe achtzehn Monaten leben wir zusammen und haben viel auszustehen gehabt; doch haben wir ein Werk vollbracht, womit das gelehrte Europa zufrieden sein wird. Gewiß hat sich daraus eine unerschütterliche Freundschaft unter uns entwickelt.«

Mathieu Strux verbeugte sich leicht, ohne zu antworten.

»Doch, fuhr der Oberst fort, dauert der Krieg zwischen Rußland und England leider noch fort. Bis daß Sebastopol in unsern Händen ist ...«

– Das wird nie der Fall sein! sagte Mathieu Strux ...

– Das wird die Zukunft lehren, erwiderte kalt der Oberst. Jedenfalls, und bis zum Ende dieses Krieges, denke ich, daß wir uns wieder als Feinde ansehen müssen ...

– Das wollte ich schon vorschlagen«, erwiderte der Astronom von Pulkowa.

Die Lage war klar gezeichnet, und unter diesen Umständen schifften sich die Mitglieder der Commission auf der Novara ein.

Nach einigen Tagen langten sie zu Suez an, und bei der Trennung sagte William Emery mit einem Händedruck zu Michel Zorn:

»Allezeit Freunde, Michel?

– Ja, lieber William, allezeit und trotz Allem!«

 

Ende.

 

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