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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 23
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Zweiundzwanzigstes Capitel.
Nikolaus Palander geht verloren

Mit Tagesanbruch landete die Schaluppe an dem nördlichen Ufer des Sees. Dort war keine Spur von Eingeborenen. Der Oberst Everest und seine Begleiter, die sich schußbereit gemacht hatten, entluden ihre Gewehre wieder, und die »Königin und Czar« legte sich in eine kleine, zwischen Felsenwänden ausgehöhlte Bucht.

Der Buschmann, Sir John Murray und einer der Seeleute durchstreiften die Umgebung. Die Gegend war verlassen; es fand sich keine Spur der Makololos, aber zum Glück für die hungernde Gesellschaft fehlte es nicht an Wild. Im hohen Grase der Weidestätten und verdeckt von Buschwerk zeigten sich Heerden von Antilopen. Dazu waren die Ufer des Ngami von einer großen Anzahl Wasservögel, aus der Familie der Enten, bevölkert. Mit reicher Beute kamen die Jäger zurück. Der Oberst Everest konnte sich nun sammt seinen Gefährten an dem schmackhaften Wildpret sättigen, das ihnen nun nicht wieder fehlen würde.

Vom Morgen des 5. März an wurde nun das Lager an der Küste des Ngami und am Ufer eines kleinen Flusses unter dem Schutze hoher Weidenbäume aufgeschlagen. Der mit dem Forloper verabredete Ort des Zusammentreffens war eben dieses nördliche Seeufer, das hier zu einer kleinen Bai ausgeweitet war. Dort wollten der Oberst Everest und Mathieu Strux ihre Collegen erwarten, und es war anzunehmen, daß Letztere den Weg rückwärts unter besseren Bedingungen und schneller zurücklegen würden. Es traten also einige Tage gezwungener Ruhe ein, über die sich nach so vielen Anstrengungen Niemand beklagte. Nikolaus Palander machte sie sich zu Nutze, um die Ergebnisse der letzten Triangulationen zu berechnen. Mokum und Sir John ergötzten sich an der Jagd in dieser wildreichen, wohlbewässerten und fruchtbaren Gegend, die der ehrenwerthe Engländer gern für die britische Regierung angekauft hätte.

Drei Tage nachher, am 8. März, kündigten Flintenschüsse die Ankunft der Truppe des Forloper an. William Emery, Michel Zorn, die beiden Seeleute und der Buschmann kamen in voller Gesundheit zurück. Sie brachten auch ihren Theodoliten unversehrt wieder, der nun der einzige war, welcher der anglo-russischen Commission noch zur Verfügung stand.

Mit unbeschreiblicher Freude wurden die beiden jungen Gelehrten aufgenommen; man sparte die Glückwünsche nicht. Mit wenigen Worten berichteten sie ihre Reise. Der Hinweg war sehr schwierig gewesen. In den ausgedehnten Wäldern, die vor der bergigen Region lagen, hatten sie sich zwei Tage lang verirrt; da sie kein genaues Merkzeichen hatten und nur nach den unsicheren Angaben des Compaß vorwärts drangen, hätten sie ohne den Scharfsinn ihres Führers den Volquiria wohl nie erreicht. Immer und nach allen Seiten hatte sich die Intelligenz und Ergebenheit des Forlopers erwiesen. Die Besteigung des Pic war sehr mühsam gewesen. Daher waren die Verzögerungen gekommen, von denen die jungen Leute nicht weniger ungeduldig zu leiden hatten, als ihre Collegen auf dem Scorzef. Endlich hatten sie den Gipfel des Volquiria zu erreichen vermocht. Der elektrische Leuchtapparat wurde während des Tages am 4. März in Stand gesetzt, und während der Nacht vom 4. zum 5. erglänzte sein durch eine große Reverbere verstärktes Licht zum ersten Male auf der Spitze des Pic. Die Beobachter auf dem Scorzef hatten es also wohl in dem Augenblicke, wo es aufblitzte, wahrgenommen.

Ihrerseits hatten Michel Zorn und William Emery das intensive Licht leicht bemerkt, das auf dem Gipfel des Scorzef, in Folge des Wartthurmbrandes leuchtete. Sie hatten mittelst des Theodoliten seine Richtung bestimmt, und so die Messung des Dreiecks beendet, dessen Spitze sich auf den Pic Volquiria stützte.

»Und die geographische Breite dieses Pics? fragte der Oberst Everest William Emery, haben Sie diese ausgenommen?

– Ganz genau, Oberst, erwiderte der junge Astronom, durch ganz sichere Sternbeobachtungen.

– Nun, und der Pic liegt? ...

– Unter 19° 37'35,337'', also um nahezu genau dreihundertsiebenunddreißig Tausendtheil einer Sekunde, antwortete William Emery.

– Nun, meine Herren, sagte der Oberst, so ist unsere Aufgabe gewissermaßen gelöst. Wir haben mittelst dreiundsechzig Dreiecken einen Bogen von mehr als acht Graden gemessen, und wenn die Ergebnisse unserer Arbeiten berechnet sein werden, kennen wir genau die Größe eines Breitegrades und folglich auch die des Meters auf diesem Theile der Erdkugel.

– Hurrah! Hurrah! riefen die in derselben Empfindung vereinigten Engländer und Russen.

– Jetzt, setzte der Oberst Everest hinzu, haben wir nur, indem wir dem Laufe des Zambese abwärts folgen, den Indischen Ocean zu erreichen. Ist das nicht auch Ihre Meinung, Herr Strux?

– Ja wohl, Oberst, antwortete der Astronom von Pulkowa, aber ich bin der Ansicht, daß unsere Arbeiten noch einer mathematischen Controle bedürfen. Ich schlage also vor, das trigonometrische Netz nach Osten hin zu verlängern, bis wir eine für die directe Messung geeignete neue Basis gewinnen. Die Uebereinstimmung, welche die einmal berechnete, das andere Mal gemessene Länge dieser Basis zeigen wird, dürfte uns allein den Grad der Genauigkeit unserer Operationen bestimmen lassen.«

Mathieu Strux' Vorschlag ward ohne Widerrede angenommen. Diese Controle der ganzen Reihe der trigonometrischen Arbeiten von der ersten Basis ab war unbedingt erforderlich. Man kam demnach überein, nach Osten hin eine Reihe von Hilfsdreiecken zu construiren, bis man im Stande sein werde, eine Seite eines solchen Dreiecks mit dem Platinamaße direct zu vermessen. Die Dampfschaluppe, welche einen der Zuflüsse des Zambese hinabfuhr, sollte die Astronomen unterhalb der berühmten Fälle dieses Stromes, der Victoria-Fälle, erwarten.

Nachdem Alles in dieser Weise geordnet war, brach die kleine Truppe unter Führung des Buschmanns am 6. März mit Sonnenaufgang auf, während vier von den Seeleuten sich auf der »Königin und Czar« einschifften. In der Richtung nach Westen waren Stationen unter den schon gemessenen Dreiecken ausgewählt worden, und man durfte hoffen, daß das Hilfsnetz in diesem an Visirpunkten sehr Reichen Landstriche leicht zu entwerfen sein werde. Der Buschmann hatte sich sehr geschickt eines Quagga, einer Art wilden Pferdes mit braun und weißer Mähne und röthlichem, zebraartig gestreiftem Rücken, bemächtigt, und benutzte es als Lastthier, welches das Gepäck der Karawane, den Theodoliten, die Richtscheite und die zur Basismessung bestimmten Böcke, die zum Glück mit der Schaluppe gerettet worden waren, tragen mußte.

Die Reise ging schnell von Statten und die Arbeiten vermochten die Beobachter nur wenig aufzuhalten. Für die Hilfsdreiecke von mäßiger Ausdehnung fanden sich in diesem hügeligen Lande leicht die nöthigen Hauptpunkte. Die Witterung blieb günstig, so daß man seine Zuflucht nicht zu nächtlichen Arbeiten zu nehmen brauchte. Fast immer konnten sich die Reisenden unter dem hohen Baumwuchs schützen, der aus dem Boden emporstieg. Dazu hielt sich die Temperatur in mäßigen Graden, und unter dem Einflusse der Feuchtigkeit, den fließende und stehende Gewässer in der Luft unterhielten, erhoben sich einige Dämpfe, welche die Strahlen der Sonne milderten.

Daneben lieferte die Jagd alle Bedürfnisse der kleinen Karawane, und von Eingeborenen war keine Rede. Wahrscheinlich hausten die räuberischen Horden mehr im Süden des Ngami.

Die Verhältnisse zwischen Mathieu Strux und dem Oberst Everest riefen keine weiteren Erörterungen hervor. Die persönlichen Eifersüchteleien schienen vergessen zu sein. Gewiß bestand kein eigentlich inniges Einvernehmen zwischen den beiden Gelehrten, aber der Sachlage nach konnte man nicht mehr von ihnen verlangen.

Während einundzwanzig Tagen, vom 6. bis zum 27. März, trug sich kein nennenswerthes Ereigniß zu. Man suchte vor allen Dingen eine geeignete Stelle zur Messung einer Basis, aber diese bot die Landschaft nicht. Zu diesem Zwecke war ein mehrere Meilen langes, ebenes und horizontales Stück Land nöthig, aber die Unebenheiten des Bodens, welche der Auswahl der Visirpunkte so günstig waren, hinderten gleichzeitig die directe Messung der Basis. Man ging immer nach Nordosten zu, und folgte manchmal dem rechten Ufer des Chobe, eines der Hauptzuflüsse des oberen Zambese, um so Maketo, den Hauptflecken der Makololos, sicher zu vermeiden.

Ohne Zweifel konnte man also annehmen, daß die Rückkehr unter günstigen Bedingungen stattfinden, und die Natur den Astronomen keine weiteren materiellen Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legen werde, daß also die Zeit der Prüfungen vorbei sei. Der Oberst Everest und seine Begleiter durchzogen jetzt eine verhältnißmäßig bekannte Gegend, und wollten nicht zaudern, die Flecken und Dörfer am Zambese zu erreichen, welche Doctor Livingstone kurz vorher besucht hatte. Sie glaubten also nicht ohne Grund, daß der schwierigste Theil ihrer Arbeit überwunden sei. Sie täuschten sich damit wohl auch nicht, und doch hätte ein Zufall, dessen Folgen von höchster Wichtigkeit werden konnten, beinahe den Erfolg der ganzen Expedition auf's Spiel gesetzt.

Nikolaus Palander war der Held, oder vielmehr das Opfer dieses Abenteuers.

Wir wissen, daß der unverzagte, aber unbedachtsame Rechner, der ganz in seine Zahlen vertieft wurde, nicht selten weit von seinen Begleitern abkam. In ebenem Lande hatte diese Gewohnheit keine besondere Gefahr, denn man kam bald auf die Fährte des Abwesenden. In holzreicher Gegend konnte dieses Umherschweifen Palander's aber von bedenklichsten Folgen sein. Mathieu Strux und der Buschmann machten ihm auch in dieser Hinsicht tausendmal Vorstellungen. Nikolaus Palander versprach, sich danach zu richten, war aber über dieses Uebermaß von Vorsicht höchlichst erstaunt. Der würdige Mann merkte seine Zerstreuung selbst nicht.

Da fiel es an jenem Tage, dem 27. März, Mathieu Strux und dem Buschmann auf, daß sie Nikolaus Palander seit mehreren Stunden nicht gesehen hatten. Die kleine Truppe durchzog mehrere Holzungen, die mit vielen niedrigen und dichten Bäumen besetzt waren, und so den Ausblick ungemein behinderten. Dort war es besonders nöthig, geschlossen beisammen zu bleiben, denn es war sehr schwer, die Spuren einer im Walde verirrten Person wieder aufzufinden. Nikolaus Palander aber, der Nichts sah und Nichts vorhersah, war, den Bleistift in der einen, seine Register in der andern Hand, erst an der linken Seite der Gesellschaft gegangen, bald aber vollständig verschwunden.

Man denke sich die Unruhe des Mathieu Strux und seiner Begleiter, als sie um vier Uhr Nachmittags Nikolaus Palander noch nicht wieder bei sich sahen. In ihnen war die Erinnerung an die Krokodile noch lebhaft und unter Allen war wohl der zerstreute Rechner der Einzige, dem sie entschwunden war!

In der kleinen Gesellschaft herrschte also eine große Angst, und gleichzeitig war sie verhindert, weiter zu ziehen, bevor Nikolaus Palander wieder aufgefunden war.

Man rief laut. Vergeblich. Der Buschmann und die Seeleute zerstreuten sich auf einen Umkreis einer Viertelmeile, schlugen auf die Büsche, trieben den Wald ab, durchforschten die hohen Gräser, feuerten die Gewehre ab – Nichts war von Erfolg. Nikolaus Palander erschien nicht.

Die Unruhe Aller stieg auf's Höchste, und bei Mathieu Strux gesellte sich zu dieser Unruhe noch eine tiefgehende Erbitterung gegen den unglücklichen Collegen. Es war nun das zweite Mal, daß ein solcher Fall durch Nikolaus Palander's Verschulden vorkam, und wirklich, wenn der Oberst Everest sich dafür hätte an ihn halten wollen, so hätte er, Mathieu Strux, Nichts zu erwidern vermocht.

Unter diesen Umständen war demnach nur der eine Entschluß zu fassen, sich in dem Gehölz zu lagern, und die genauesten Nachforschungen anzustellen, um den Rechner wiederzufinden.

Der Oberst und seine Begleiter waren eben im Begriff, an einer ziemlich großen Lichtung Halt zu machen, als ein Schrei – ein Schrei, der gar nicht von einem Menschen herzurühren schien – einige Hundert Schritt weit zur Linken im Gehölz hörbar wurde. Gleich darauf wurde Nikolaus Palander sichtbar.

Er lief, so schnell ihn die Beine tragen wollten. Er war im bloßen Kopfe, mit fast zu Berge stehendem Haar, und hatte seine meisten Kleider eingebüßt, von denen noch einige Fetzen seine Lenden bedeckten.

Der Unglückliche kam bei seinen Gefährten an, die ihn mit Fragen bestürmten. Aber mit weit aufgerissenem Auge, erweiterten Pupillen, eingefallenen Nasenflügeln, welche die unvollkommene, stoßweise Respiration hinderten, war der Arme gar nicht im Stande zu sprechen. Er wollte antworten, brachte aber kein Wort heraus.

Was war geschehen? Woher kam diese Bestürzung, dieser Schreck, deren zweifellose Anzeichen Nikolaus Palander in so hohem Grade zeigte? Niemand wußte, was davon zu halten war.

Endlich konnte Palander fast unvernehmlich die Worte vorbringen:

»Die Register! Die Register!«

Bei diesen Worten schauderten die Astronomen, einer wie der andere, zusammen. Man denke! Die beiden Register, worin das Resultat aller trigonometrischen Arbeiten eingetragen war, wovon der Rechner nie sich trennte, selbst im Schlaf nicht! Diese fehlten, Nikolaus Palander hatte sie nicht mehr! Was war aus ihnen geworden? Mußte man Alles von Neuem vornehmen?

Während die Anderen voll Schrecken sich schweigend ansahen, ließ Mathieu Strux seinem Zorn den Lauf! Wie mißhandelte, schimpfte er den Armen!

Auf alles hatte Nikolaus Palander als Antwort nur ein Kopfschütteln.

»Aber hat man sie denn entwendet! fragte endlich der Oberst Everest.

– Einerlei! rief Mathieu Strux außer sich. Warum ist der Tropf, nach all' unsern Ermahnungen, nicht bei uns geblieben?

– Ja, erwiderte Sir John, aber man muß doch wissen, wo sie hingekommen sind. Hat man sie Ihnen geraubt, Herr Palander?«

Derselbe bejahte mit einem Zeichen.

»Und wer hat sie geraubt? Waren's Makololos?«

Nikolaus Palander verneinte.

»Europäer, Weiße? fragte Sir John weiter.

– Nein, erwiderte Nikolaus Palander mit beklommener Stimme.

– Aber wer denn? rief Mathieu Strux mit geballter Faust.

– Nein! keine Eingeborenen, keine Weißen, – es waren Paviane.«

Wahrhaftig, wär' es nicht eine so ernste Sache gewesen, sie hätten bei dieser Aeußerung alle aufgelacht! Affen hatten Nikolaus Palander beraubt!

Der Buschmann erzählte seinen Gefährten, so etwas komme oft vor. So viel er wisse, seien Reisende schon manchmal von »Chacmas«, die zu den Pavianen gehören und in zahlreichen Schaaren beisammen leben, geplündert worden.

Inzwischen gab der Buschmann seinen Rath. Er allein war kaltblütig, die Europäer ohne Ausnahme voll Bestürzung.

»Meine Herren, sagte der Buschmann, die Augenblicke sind kostbar; wir dürfen keinen einzigen verlieren. Verfolgen wir unverzüglich die Räuber! Da die Register nichts zum Fressen sind, so werden wir wohl, wenn wir die Thäter finden, auch die Register wieder bekommen!«

Ein Hoffnungsstrahl, den man nicht durfte erlöschen lassen. Nikolaus Palander kam bei diesem Vorschlag wieder zu vollem Bewußtsein. Er bekleidete sich rasch mit geliehenen Matrosenkleidern und war schnell bereit, seine Genossen zum Schauplatz der That zu führen.

Noch denselben Abend änderte man nach Angabe des Rechners die Richtung des Wegs.

Weder diese Nacht, noch am folgenden Tag ergab sich ein Resultat. An manchen Stellen erkannte der Buschmann und der Forloper frische Spuren von Affen. Nikolaus Palander sagte aus, er habe mit einem Dutzend derselben zu thun gehabt. Man schritt also mit äußerster Vorsicht voran und hielt sich stets verdeckt, denn die Paviane sind gescheit und von scharfen Sinnen, lassen sich Niemand nahe kommen. Der Buschmann rechnete nur durch Ueberrumpelung auf Erfolg.

Am folgenden Tag gegen acht Uhr früh gewahrte ein russischer Matrose, der vorausgegangen war, einen solchen Räuber, und begab sich vorsichtig zurück zu den Andern.

Der Buschmann ließ Halt machen, und die Europäer lauschten seiner Anweisung. Er bat sie, an dieser Stelle zu bleiben, nahm nur Sir John und den Forloper mit, und wendete sich, stets von Bäumen oder Gebüsch verdeckt, in der von dem Matrosen angegebenen Richtung.

Nicht lange, so gewahrte man den gemeldeten Affen, und zugleich ein Dutzend anderer, die zwischen den Zweigen sprangen. Der Buschmann duckte sich mit seinen Begleitern hinter einem Stamm und beobachtete achtsam.

Es war, wie Mokum gesagt hatte, ein Trupp Chacmas, den Leib mit grünlichen Haaren, Ohren und Gesicht schwarz, mit langem Schwanz, der stets in Bewegung den Boden kehrte; starke Thiere mit kräftigen Muskeln, wohl versehenen Kinnladen, scharfen Krallen, selbst dem Gewild furchtbar. Diese Chacmas sind arge Plünderer der Getreide- und Maisfelder, ein wahrer Schrecken der Boërs, deren Wohnungen sie oft verwüsten. Diese hier waren in vollem Spiel, kläffend und bellend, wie große Hunde.

Aber befand sich der Räuber der Register darunter? Darüber galt's Gewißheit zu haben. Kein Zweifel mehr, als der Forloper auf einen derselben wies, der mit Fetzen von Nikolaus Palander's Kleidern behängt war.

Den mußte man um jeden Preis haben, und dafür mit größter Umsicht verfahren. Eine falsche Bewegung, und die ganze Truppe zerstob durch den Wald, ohne daß man sie einholen konnte.

»Bleiben Sie hier, sagte Mokum zum Forloper. Se. Gnaden und ich, wir wollen zu unsern Kameraden und mit ihnen Maßregeln ergreifen, um sie abzuschneiden. Aber vor allen Dingen, verlieren Sie dieselben nicht aus den Augen!«

Der Forloper blieb an dem angewiesenen Posten, und der Buschmann mit Sir John kehrte zu dem Oberst zurück.

Die Affen umzingeln war in der That das einzige Mittel, um des Thäters habhaft zu werden. Die Europäer theilten sich in zwei Trupp. Die einen suchten den Forloper auf und stellten sich in seiner Nähe in einem Halbkreise auf; die andern wandten sich links, um sie zu umgehen und sich auf die Bande der Affen zu werfen.

Man ging, wie der Buschmann anbefohlen, nur mit äußerster Vorsicht voran. Alle Gewehre geladen, war ausgemacht, daß alle auf den mit den Kleiderfetzen behängten Affen zielten.

Nikolaus Palander, der seinen Eifer kaum mäßigen konnte, hielt sich an Mokum's Seite, der ihn überwachte, daß er nichts Verkehrtes thue. Es galt ihm auch wirklich um Leben oder Sterben.

Nachdem man eine halbe Stunde im Halbkreise gegangen und häufig Halt gemacht, hielt der Buschmann für zeitig, sich zusammen zu ziehen. Seine Genossen, je zwanzig Schritte von einander, gingen stille vor; kein Wort, kein Knistern der Zweige vernahm man.

Plötzlich machte der Jäger Halt; seine Kameraden ebenfalls, den Finger auf gespanntem Hahn.

Die Chacmas waren in Sicht. Sie hatten etwas gemerkt, waren auf ihrer Hut. Ein ausnehmend großes Thier – eben der Räuber – ließ unzweideutige Zeichen von Unruhe erkennen. Nikolaus Palander erkannte den Wegelagerer wieder, nur sah man nichts von den Registern, die er nicht bei sich zu haben schien. Er schien voll Angst seinen Kameraden Zeichen zu geben.

Die Jäger rückten immer näher, Jeder erkannte den Räuber und konnte schon mit Sicherheit zielen. Da ging unversehens dem Nikolaus Palander das Gewehr los.

»Verdammt!« rief Sir John, und schoß ebenfalls ab. Im Moment fielen noch zehn andere Schüsse. Drei Affen fielen todt auf den Boden herab, die andern setzten wie geflügelte Schaaren, mit einem ungeheuern Sprung über den Kopf des Buschmanns und seiner Kameraden.

Nur ein einziger Chacma blieb an seinem Platze: es war der Räuber. Anstatt zu fliehen, schwang er sich auf den Stamm einer Sycomore, kletterte behend hinauf und verschwand in dem Gezweig.

»Dort hat er die Register versteckt!« rief der Buschmann, und er irrte nicht.

Indessen war zu befürchten, das Thier möge von einem Baum zu einem anderen flüchtend entkommen. Aber Mokum zielte mit Kaltblütigkeit und gab Feuer. Der Affe, am Bein getroffen, purzelte von Zweig zu Zweig herab. In einer Hand hielt er die Register, welche er aus dem Gezweig hervor geholt hatte. Bei diesem Anblick sprang Nikolaus Palander wie eine Gemse, stürzte über den Affen her, und nun begann ein Ringen.

Welch' ein Kampf! Zorniges Heulen Palander's klang mit dem Bellen des Affen zusammen! Man konnte sie nicht mehr von einander unterscheiden, nicht auf das Thier zielen, ohne den Astronomen zu treffen.

»Schießt nur auf die Beiden!« schrie Mathieu Strux, und wahrhaftig, der Russe wäre im Stande gewesen es zu thun, wäre sein Gewehr geladen gewesen.

Nikolaus Palander, bald oben, bald unten, suchte seinen Gegner zu erwürgen, der ihm mit seinen Krallen die Schultern blutig kratzte. Endlich ersah sich der Buschmann einen Moment, und schlug mit einem Beil dem Thier auf den Kopf, daß es augenblicklich erlag.

Nikolaus Palander ward wie ohnmächtig von seinen Genossen aufgehoben. Er drückte die wieder eroberten Register mit der Hand wider seine Brust. Des Affen Leichnam ward in's Lager getragen, und zum Abendessen verspeisten die Gäste den Räuber mit ebenso viel Appetit als Rachbegier, denn es war ein treffliches Fleisch.

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