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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 21
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Capitel.
Acht Tage auf dem Gipfel des Scorzef

Nicht ohne eine gewisse Bangigkeit sahen die Astronomen ihre beiden jungen Collegen sich entfernen. Denn welche Mühen, welche Gefahren harrten möglicherweise dieser jungen muthigen Leute mitten in einem Lande, das ihnen unbekannt war und das sie auf eine Strecke von hundert Meilen zu durchreisen vorhatten! Indessen gelang es dem Buschmann, ihre Freunde zu beruhigen, indem er ihnen zunächst für die Geschicklichkeit und den Muth des Forloper garantirte. Ferner war es ja möglich, daß die Makololos, da sie um den Scorzef zu sehr in Anspruch genommen waren, im Norden des Ngami nicht daran dachten, ihre Feindseligkeiten zu treiben. Wenn er Alles zusammennahm, fand Mokum – und sein Instinct täuschte ihn nicht – daß der Oberst Everest sammt seinen Gefährten in dem kleinen Fort noch mehr gefährdet seien, als die beiden jungen Astronomen auf ihrer Reise in den Norden. Während der nächsten Nacht hielten die Bootsleute und der Buschmann abwechselnd Wache. In der That, die große Dunkelheit mußte den feindlichen Absichten der Eingeborenen günstig sein. Jedoch diese »Reptilien«, so nannte sie der Jäger, wagten sich noch nicht an die Abhänge des Scorzef. Möglicherweise aber erwarteten sie auch Verstärkungen, um dann den Berg von allen Seiten herauf in Angriff zu nehmen und durch ihre Zahl die Widerstandsmittel der Belagerten in ihrer Wirkung aufzuheben. Der Jäger hatte sich denn wirklich in seinen Vermuthungen nicht getäuscht. Es war nicht sobald Tag geworden, als der Oberst Everest einen beträchtlichen Zuwachs in der Zahl der Makololos constatiren konnte. Ihr Lager, welches geschickt vertheilt war, schloß den ganzen Fuß des Scorzef ein und machte jede Flucht über die Ebene unmöglich. Glücklicherweise waren aber, und sie konnten es auch nicht gut sein, die Fluthen des Ngami nicht bewacht, so daß, wenn wirklich der Fall eintreten sollte, – man konnte ja nicht vorhersehen, welche Umstände eintreten möchten – immer noch ein Rückzug über den See möglich war.

Aber von Fliehen war gar nicht die Rede. Die Europäer hielten einen der Wissenschaft dienenden Posten besetzt, einen Ehrenposten, welchen sie nicht aufzugeben dachten. Und in dieser Hinsicht stimmten sie auch vollständig in ihren Ansichten überein. Es existirte keine Spur mehr von dem gewöhnlichen Zwist, welcher den Obersten Everest und Mathieu Strux zuvor geschieden hatte. Ebenso wenig war irgend von dem Kriege die Rede, welcher eben zwischen England und Rußland ausgebrochen war. Es verlautete gar keine Anspielung darauf. Beide Gelehrten verfolgten dasselbe Ziel; beide wollten sie das für beide Nationen gleich nützliche Resultat gewinnen und ihre wissenschaftlichen Arbeiten vor Allen auch zu Ende führen.

So lange, bis das Feuerzeichen auf dem Gipfel des Volquiria erschien, beschäftigten sich die beiden Astronomen damit, die Ausmessung des vorigen Dreiecks zu vollenden. Es machte sich aber diese Operation, die darin bestand, daß man mit dem doppelten Spiegel auf die beiden letzten Stations-Punkte der englischen Marschroute visirte, ohne alle Schwierigkeiten, und das Resultat derselben wurde von Nikolaus Palander verzeichnet. Nachdem diese Ausmessung vollendet, kam man überein, in den folgenden Nächten zahlreiche Beobachtungen von Sternen vorzunehmen, um so mit der äußersten Genauigkeit die geographische Breite des Scorzef zu finden.

Eine wichtige Frage mußte ebenfalls vor jeder andern entschieden werden, und Mokum wurde, wie sich von selbst verstand, herbeigerufen, um seine Meinung unter diesem Umstand abzugeben. Zu welcher Zeit mindestens konnten Michel Zorn und William Emery die Gebirgskette, welche im Norden des Ngami zog, und deren höchste Gipfel dem letzten Dreieck in dem Netze als Stützpunkt dienen sollte, erreichen.

Der Buschmann konnte die dazu nöthige Zeit nicht minder als auf fünf Tage schätzen. Und in der That betrug ja die Entfernung vom Scorzef mehr als hundert Meilen. Wenn man berücksichtigte, daß die kleine Truppe des Forlopers zu Fuße war, und die Gegend häufig von Bächen durchschnitten war, so waren fünf Tage eine sehr kurze Zeit.

Man nahm also ein Maximum von sechs Tagen an und richtete darnach die Eintheilung der Nahrung.

Der Lebensmittelvorrath war aber sehr beschränkt, denn man hatte ja auch der kleinen Truppe des Forlopers eine Portion mitgeben müssen, wenigstens für so lange, bis man erwarten konnte, daß sie sich durch die Jagd verproviantiren werde. Was nun die in die Verschanzung übergebrachten, und um diese Portion verkürzten Lebensmittel anlangte, so konnte davon höchstens noch während zweier Tage ein Jeder seine gewohnte Portion haben. Es waren nämlich nur noch wenige Pfund Zwieback, conservirtes Fleisch und Pemmican. Im Einverständniß mit seinen Kollegen bestimmte der Oberst Everest also, daß die Ration für jeden Tag auf ein Drittel herabgesetzt werden sollte. So konnte man bis zum sechsten Tage warten, bis das Licht, nach dem dann unausgesetzt ausgeschaut wurde, am Horizonte erscheinen würde. Sämmtliche vier Europäer, ihre acht Matrosen und der Buschmann, dreizehn Menschen zusammen, hatten gewiß unter dieser ungenügenden Ernährung zu leiden, indessen sie waren schon über dergleichen Leiden erhaben.

»Uebrigens ist es ja nicht verboten auf die Jagd zu gehen!« sagte Sir John Murray zum Buschmann.

Der aber schüttelte seinen Kopf mit zweifelnder Miene, es schien ihm schwer möglich, daß auf diesem isolirten Berge das Wildpret anders als höchst sparsam vorkommen sollte.

Das war indessen kein Grund für ihn, sein Gewehr ruhen zu lassen, und nachdem diese Bestimmungen getroffen worden, verließ er, während seine Collegen damit beschäftigt waren, die in dem doppelten Register Nikolaus Palander's verzeichneten Maße zu reduciren, in Begleitung von Mokum die Mauern des kleinen Forts, um einmal eine gründliche Recognoscirung mit dem Berge Scorzef vorzunehmen.

Die Makololos lagerten ruhig am Fuße des Gebirges und schienen es mit einem Angriffe gar nicht eilig zu haben. Möglicherweise lag es auch in ihrer Absicht, die Belagerten auszuhungern.

Die Untersuchung des Berges Scorzef war rasch beendigt. Der Platz, auf dem sich das kleine Fort erhob, maß nicht einmal zweihundertundfünfzig Fuß in seiner größten Ausdehnung. Der Boden, untermischt mit Kieselsteinen, stand ziemlich dicht mit Gras bewachsen, und war hier und da mit niedrigem Gebüsch bedeckt, das zum Theil aus Schwertlilien bestand. Rothes Haidekraut, Proteen mit Silberblättern, Ericeen in langen Schnüren bildeten die Flora des Berges. Auch an seinem Abhange standen dornige Sträucher, ungefähr in der Höhe von zehn Fuß, mit weißen traubenständigen Blüthen, die dem Jasmin ähnlich rochen. Ihre Namen wußte der Buschmann nicht, aber sie müssen der Species › Ardunia bispinosa‹ angehören, welche die Hottentotten Num'num nennen. Was die Fauna anbelangte, so hatte selbst jetzt nach einer einstündigen Recognoscirung Sir John noch keine Spur davon wahrgenommen, als eben eine Anzahl kleiner Vögel, mit dunkelblauen Schwungfedern und rothen Schnäbeln aus dem Gebüsch aufflogen; aber man hatte nicht sobald mit dem Gewehr auf sie angelegt, als auch schon die ganze geflügelte Gesellschaft auf Nimmerwiederkehr verschwunden war. Man durfte also durchaus nicht auf eine Jagdbeute zählen, mit der man hätte die Garnison verproviantiren können.

»Immer doch wird man in dem Wasser des Sees Fische fangen können, meinte Sir John, indem er nach dem nördlichen Abhang des Scorzef blickte und die großartige Ausdehnung des Ngami betrachtete.

– Fische fangen ohne Netze und Angel, entgegnete der Buschmann, das will so viel heißen als Vögel im Flug fangen.

– Aber wir wollen deshalb den Muth nicht sinken lassen. Ew. Gnaden weiß, daß der Zufall uns bisher so oft schon günstig war, und so denke ich, wird er es auch weiter sein.

– Ja der Zufall! wiederholte Sir John Murray, wenn Gott ihn dazu bestimmt, so wird aus ihm der treueste Fürsorger des Menschen, den ich kenne. Kein Agent ist zuverlässiger und erfinderischer. Er hat uns in die Nähe unserer Freunde, der Russen, gebracht, hat sie gerade dahin geführt, wo wir selbst hinkommen wollten, und er wird uns, die einen wie die andern, ganz gemüthlich an das Ziel führen, das wir erreichen wollen!

– Und wird uns auch mit Nahrung versorgen? ... fragte der Buschmann.

– Ganz gewiß wird er das, lieber Mokum, antwortete Sir John, und damit thut er blos seine Schuldigkeit!«

Die Worte Sr. Gnaden waren gewiß beruhigend. Doch sagte sich der Buschmann, der Zufall sei eine Art Diener, der von seinem Herrn ein wenig geschmeichelt haben wolle, und er versprach sich für den Fall der Noth viel von ihm.

Der 25. Februar brachte keinerlei Veränderung in die Situation der Belagerer und Belagerten. Die Makololos hielten ihre Lagerlinie fest. Ihre Kuh- und Schafheerden weideten auf den dem Scorzef Nächstliegenden Wiesen, welche Dank den Wässerungen des Bodens ein gutes Weideland abgaben.

Die geplünderten Wagen waren mit in's Lager genommen worden. In demselben versahen einige Frauen und Kinder, die sich zu dem Nomadenstamm gesellt hatten, die gewöhnlichsten Arbeiten.

Von Zeit zu Zeit zeigte sich einer der Häuptlinge, der an dem Reichthum seines Pelzwerkes kenntlich war, an dem Abhange des Berges und sah nach, ob er nicht gangbare Wege auffinden könne, die am sichersten auf den Gipfel führen möchten. Eine Kugel aus dem gezogenen Gewehr ließ ihn jedesmal wieder in die Ebene zurückgehen. Auf den Schuß aber antworteten die Makololos dann mit ihrem Kriegsgeschrei, sie sandten auch wohl einige ungefährliche Pfeile ab, schwangen schließlich ihre Spieße, und Alles war wieder ruhig wie zuvor.

Am 26. Februar indessen versuchten die Eingeborenen doch einen etwas ernsteren Angriff und erstiegen ungefähr fünfzig an der Zahl den Berg von drei Seiten zugleich. Die ganze Besatzung begab sich in Folge dessen aus dem Fort heraus und stellte sich am Fuße der Umwallung auf. Sehr bald dann richteten die so schnell geladenen und abgeschossenen Gewehre der Europäer einige Verheerung in den Reihen der Makololos an. Fünf oder sechs der Gesellen wurden getödtet und dann gab die übrige Bande die Sache auf. Immerhin jedoch, und trotz ihres schnellen Schießens konnten die Eingeschlossenen durch die Zahl der Feinde übermannt werden. Wenn mehrere Hundert dieser Makololos zu gleicher Zeit stürmend den Berg hinan drangen, so war es schwierig, ihnen auf allen Seiten Abwehr zu bieten.

Sir John Murray kam deshalb auf den Gedanken, die Vorderseite des kleinen Forts durch Aufstellen einer Mitrailleuse, welche die vornehmste Waffe der Dampfschaluppe bildete, zu schützen. Es war dies ein ganz ausgezeichnetes Vertheidigungsmittel! Die Hauptschwierigkeit bestand darin, dieses schwere Geschütz über die steil abfallenden Felswände, die sehr schwer zu ersteigen waren, heraufzuschaffen. Indessen die Mannschaft der »Königin und Czar« zeigte sich so geschickt, so behend, ja man kann sagen, so wagehalsig, daß die fragliche Mitrailleuse noch im Laufe des 26. in eine Schießscharte der Umfassungsmauern eingestellt werden konnte. Und da konnten die fünfundzwanzig Läufe, deren Schüsse fächerartig auseinandergingen, mit ihrem Feuer die ganze Front des Forts decken. Die Eingeborenen sollten schon bald mit dieser Mordwaffe Bekanntschaft machen, welche die civilisirten Nationen erst später in ihr Kriegsmaterial ausnahmen.

Solange die gezwungene Unthätigkeit auf dem Gipfel des Scorzef dauerte, hatten die Astronomen jede Nacht Sternhöhen gemessen; und zwar gestatteten ihnen der überaus klare Himmel, die sehr trockene Luft, ausgezeichnete Beobachtungen zu machen. Sie erhielten für die geographische Breite des Scorzef 19° 37' 18''265, also einen Werth, der bis auf das Tausendstel einer Sekunde, d. h. ungefähr auf einen Meter richtig war. Eine größere Genauigkeit konnte Niemand erzielen. Uebrigens bestärkte sie dies Resultat in dem Glauben, daß sie sich mindestens einen halben Grad weit von dem nördlichen Punkte ihres Meridians ab befanden, und daß folglich das Dreieck, dessen Spitze sie auf dem Pic Volquiria zu gewinnen suchten, das trigonometrische Netz schließen werde.

In der Nacht vom 26. auf den 27. Februar erneuerten sich die Angriffe der Makololos nicht. Der 27. Februar wurde der kleinen Garnison unendlich lang.

Wenn die Umstände den Forloper, der jetzt seit fünf Tagen fort war, begünstigt hatten, so war es möglich, daß er und seine Begleiter schon heute auf dem Volquiria anlangten. Und deshalb mußte in der folgenden Nacht der Horizont mit der äußersten Sorgfalt untersucht werden, denn das Lichtzeichen konnte nunmehr erscheinen. Der Oberst Everest und Mathieu Strux hatten bereits das Instrument derart auf die Spitze des Berges gerichtet, daß dieselbe von dem Gesichtsfelde umschlossen wurde. Diese Vorsicht vereinfachte die Untersuchungen wesentlich; denn da man kein Merkzeichen besaß, konnten dieselben während einer dunkeln Nacht sehr schwierig werden. Wenn also jetzt das Licht auf dem Gipfel des Volquiria erschien, mußte man es auch bald sehen und dann den Winkel bestimmen können.

An diesem Tage durchstreifte Sir John abermals die Gebüsche und das hohe Gras vergebens. Es war ihm nicht möglich, irgend ein eßbares Thier oder sonst etwas derart darin aufzustöbern. Selbst die Vögel, denen ihre Zufluchtsstätte gestört war, hatten sich im Dickicht des Flusses einen sicheren Schutz gesucht. Der ehrenwerthe Jäger ärgerte sich nicht wenig, denn er wollte ja nicht zum Vergnügen schießen. Gesegnet mit einem kräftigen Appetit, dem eine Drittelration nicht genügen konnte, mußte er offenbar Hunger leiden. Seine Collegen überwanden die Enthaltsamkeit leichter, sei es, daß ihr Magen weniger herrschsüchtig war, sei es, daß sie nach dem Beispiele Nikolaus Palander's das traditionelle Roastbeef durch Ausrechnung einer oder zweier Gleichungen des zweiten Grades zu ersetzen im Stande waren.

Die Matrosen und der Buschmann litten ebenso vom Hunger wie der ehrenwerthe Sir John. Aber selbst die letzte kleine Menge der Lebensmittel nahte jetzt ihrem Ende.

Noch ein Tag, und Alles war aufgezehrt, und falls die Expedition des Forlopers in ihrem Marsche aufgehalten war, so stand der Besatzung des Forts unfehlbar der Hungertod bevor.

Während der ganzen Nacht vom 27. auf den 28. Februar wurden Beobachtungen angestellt. Die Dunkelheit, Reinheit und Stille der Luft kamen den Astronomen in ganz besonderer Weise zu Statten. Aber der Horizont blieb in tiefen Schatten versenkt. Nicht ein Schein – auch gar nichts wollte sich in dem Objectiv des Fernrohres zeigen.

Doch war das Minimum, auf das man, wenn man selbst eine Verzögerung der Expedition des Michel Zorn und William Emery annahm, rechnete, so gut wie erreicht. Ihre Collegen konnten also nichts anderes thun als mit Geduld abwarten.

Am Tage des 28. Februar verzehrte die kleine Garnison des Scorzef ihr letztes Stück Fleisch und Zwieback. Aber die Hoffnung ließen diese muthigen Gelehrten trotzdem nicht sinken, und wenn sie auch Gras essen mußten, so waren sie entschlossen, nicht eher den Platz zu räumen, als sie ihre Arbeit zu Ende geführt hatten.

Auch die Nacht vom 28. Februar auf den 1. März brachte noch kein anderes Resultat. Ein oder zwei Mal glaubten allerdings die Beobachter einen Lichtschein wahrzunehmen. Doch wie man sich dann überzeugte, war dieser Schein nichts als ein in der Nebelatmosphäre des Horizontes aufblitzender Stern.

Am 1. März aß man wirklich Nichts. Aber wahrscheinlich hatte man sich bereits während dieser Tage an eine sehr ungenügende Nahrung gewöhnt, und der Oberst Everest und seine Genossen ertrugen alles leichter, weil sie nicht glaubten, daß die Nahrung völlig ausgehen werde; doch es war so, und wenn die Vorsehung ihnen nicht jetzt zu Hilfe kam, so blieben ihnen für den folgenden Tag nur grausame Qualen.

Der folgende Tag kam, aber die Vorsehung enthob sie noch immer nicht ihrer Zweifel; kein Stück Wild irgend einer Art kam Sir John Murray in den Lauf, und doch brachte es die Garnison dahin, mit so Wenigem auszuhalten.

Da machten sich denn Sir John und Mokum, so sehr sie vom Hunger gequält wurden, mit verstörtem Blicke daran, den Gipfel des Scorzef wieder zu durchstreifen. Ein gräßlicher Hunger marterte ihre Eingeweide.

»Hätten wir doch die Magen von Wiederkäuern, dachte der arme Sir John, was könnten wir uns an diesem Futter zu Gute thun! Und nicht ein Stück Wild, nicht ein Vogel!«

Bei diesen Worten wandte er seine Blicke nach dem großen See, der sich zu ihren Füßen ausbreitete. Die Matrosen der »Königin und Czar« hatten allerdings versucht, einige Fische zu fangen, doch vergebens. Die Wasservögel aber, die über der Oberfläche dieser ruhigen Fluthen schwebten, ließen Niemanden an sich herankommen.

Sir John jedoch und sein Genosse, die so ermüdet waren, daß sie kaum noch fort konnten, lagerten sich auf das Gras, am Fuße eines fünf bis sechs Fuß hohen Erdhügels. Ein schwerer Schlaf oder vielmehr ein Zustand der Erstarrung befiel sie alsbald. Unwillkürlich schlossen sie ihre Augenlider und fielen dann nach und nach in einen Zustand der Betäubung.

Die Leere, welche sie in sich fühlten, nahm ihnen jede Spur von Kraft. Die Betäubung aber ließ sie für den Augenblick die Schmerzen nicht fühlen, die sie so gepeinigt und so weit gebracht.

Wie lange dieser Zustand andauerte, würden weder der Buschmann noch Sir John im Stande gewesen sein zu sagen; aber nach Verlauf einer Stunde wachte Sir John in Folge fortwährenden sehr unangenehmen Stechens auf. Er wandte sich um und versuchte wieder einzuschlafen; doch die Stiche dauerten fort, so daß er endlich ungeduldig die Augen öffnete.

Legionen von weißen Ameisen liefen über seine Kleider hin, und sein Gesicht und seine Hände waren ganz davon bedeckt. So wie er diesen Ueberfall der Insecten bemerkte, sprang er auf, wie von einer Feder emporgeschnellt.

Diese rasche Bewegung weckte auch den Buschmann, der ihm zur Seite gelegen. Mokum war gleichfalls vollständig mit diesen weißen Ameisen bedeckt; aber zur größten Ueberraschung Sir John's nahm er statt die Insecten fortzujagen eine Hand voll nach der andern, führte sie zu feinem Munde und verzehrte sie gierig.

»O pfui! Mokum! rief Sir John, den diese Gefräßigkeit anekelte.

– Essen Sie, essen Sie! Machen Sie es wie ich, antwortete der Buschmann, ohne dabei seinen Mundvoll zu verlieren. Schmecken Sie nur, das ist der Reis der Buschmänner! ...«

Mokum bezeichnete wirklich die Insecten mit dem ihnen von den Eingeborenen gegebenen Namen. Die Buschmänner genießen gern diese Ameisen; deren es zwei Arten giebt, eine weiße und eine schwarze. Die weiße ist nach ihnen vorzüglicher. Der einzige Uebelstand bei diesem Insect, wenn man es vom Standpunkt der Ernährungsfähigkeit betrachtet, besteht darin, daß man zu beträchtliche Mengen davon verzehren muß. Deshalb vermengen auch die Afrikaner diese Ameisen gewöhnlich mit dem Gummi der Mimose, um so eine substantiellere Nahrung zu erhalten. Aber die Mimose wuchs nicht auf der Höhe des Scorzef, und Mokum mußte sich deshalb begnügen, seinen Reis »im Naturzustande« zu verzehren.

Sir John, trotz seines Widerwillens doch, – da sein Hunger durch den Anblick des sich sättigenden Buschmannes nur zunahm, entschloß sich seinem Beispiele zu folgen. Die Ameisen kamen zu Milliarden aus ihrem großen Haufen, der übrigens nichts anderes war, als jener Erdhügel, an dem sich die beiden Schläfer hingelegt hatten. Sir John nahm also mehrere Hände davon auf und brachte sie an seine Lippen. In der That, es ging an! Er fand sogar, daß sie einen scharfen, aber sehr angenehmen Geschmack hatten, und merkte nach und nach, daß sich seine Leibschmerzen legten.

Indessen erinnerte sich Mokum seiner Unglücksgenossen, lief nach dem Fort und brachte die ganze Garnison von dort mit. Während die Matrosen keine Schwierigkeit machten und sich sofort auf diese einzige Nahrung stürzten, zauderte der Oberst, Mathieu Strux und Palander eine kleine Weile. Doch wirkte das gute Beispiel Sir John Murray's entscheidend für sie, und halbtodt schon vor Schwäche beschwichtigten die armen Gelehrten wenigstens ihren Hunger, indem sie zahllose Mengen dieser weißen Ameisen zu sich nahmen.

Doch ein unerwarteter Zufall sollte dem Oberst Everest und seinen Gefährten eine solidere Nahrung zuwenden. Mokum kam nämlich auf den Gedanken, um einen gewissen Vorrath von diesen Insecten mitzunehmen, eine Seite des enormen Ameisenhaufens zu demoliren. Es war, wie gesagt, ein conischer Hügel nebst noch einigen kleineren kugelförmigen Spitzen, welche rings um seine Basis standen. Der Jäger, welcher seine Axt bei sich führte, hatte bereits mehrere Schläge auf den Bau geführt, als er durch ein eigenthümliches Geräusch aufmerksam wurde. Man konnte es für ein Brummen halten, das aus dem Innern des Ameisenhaufens kam. Der Buschmann unterbrach seine Zerstörungsarbeit und horchte auf. Seine Begleiter aber sahen ihn an, ohne nur ein Wort zu sprechen. Als wieder einige Schläge mit der Axt gegeben waren, ließ sich ein deutlicheres Brummen vernehmen.

Der Buschmann rieb sich vergnügt die Hände, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Nur seine Augen erglänzten lüstern.

Von Neuem bearbeitete er jetzt den kleinen Hügel, so daß er ungefähr ein fußbreites Loch anbrachte. Die Ameisen flohen nach allen Seiten hin, aber der Jäger bekümmerte sich nicht darum, sondern überließ den Matrosen die Sorge sie einzusacken.

Jetzt erschien an der Mündung des Loches ein seltsames Thier. Es war ein Vierfüßler, mit einem langen Rüssel, kleinem Munde, ausdehnbarer Zunge, aufrechtstehenden Ohren, kurzen Beinen und einem langen und spitz zulaufenden Schwanz; sein Leib war mit röthlich gefärbtem Seidenhaar bedeckt und an seinen Füßen saßen ungeheure Krallen, die ihm unter Umständen als Waffen dienten.

Ein einziger tüchtiger Schlag, den Mokum auf die Schnauze des sonderbaren Thieres führte, genügte, um es zu tödten.

»Hier liegt unser Braten, meine Herren, sagte der Buschmann. Wir haben zwar warten müssen, aber das thut Nichts. Jetzt schnell ein Feuer, dann einen Ladestock, den wir als Bratspieß benutzen, und wir haben alsbald eine Mahlzeit, wie wir noch niemals eine genossen haben.«

Der Buschmann machte nicht gerade viele Worte: er hatte aber unterdessen das Thier rasch abgezogen. Es war ein Ameisenfresser, welchen die Holländer auch unter dem Namen Erdschwein kennen. Das Thier kommt sehr häufig im südlichen Afrika vor und ist der größte Feind der Ameisenhaufen. Der Ameisenbär bringt Legionen dieser Insecten um, und wenn er nicht in ihre engen Gänge eindringen kann, so fängt er sie, indem er seine außerordentlich dehnbare und klebrige Zunge hineingleiten läßt, die dann, wenn er sie wieder herauszieht, von den Ameisen wie mit Butter bestrichen ist.

Der Braten war bald fertig. Er hätte vielleicht noch einige Male am Bratspieß gewendet werden können, aber die Ausgehungerten waren zu ungeduldig! Es wurde ziemlich die Hälfte des Thieres verzehrt, und sein Fleisch, das fest und gesund war, für ausgezeichnet erklärt, obwohl man fand, daß es einen kleinen Beigeschmack von Ameisensäure hatte.

Was war das für ein Mahl und wie gab es den wackeren Europäern mit neuer Kraft auch den Muth und die Hoffnung zurück!

Und es war in der That nöthig, daß ihnen die Hoffnung wieder im Herzen erweckt wurde, denn auch in der folgenden Nacht zeigte sich noch kein Lichtschein auf dem düstern Gipfel des Volquiria.

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