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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 20
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Neunzehntes Capitel.
Trianguliren oder Sterben

Mit einem Hurrah wurden die Worte des Oberst Everest aufgenommen. Den Makololos und einer gemeinsamen Gefahr gegenüber mußten sich die Engländer und Russen, uneingedenk des internationalen Kampfes, zur gemeinsamen Vertheidigung verbünden. Die augenblickliche Lage beherrschte Alles, und im Angesicht des Feindes war in der That die anglorussische Commission, und zwar stärker und inniger als jemals wiederhergestellt. William Emery und Michel Zorn waren einander in die Arme gesunken. Die andern Europäer hatten mit einem Händedrucke ihre erneute Allianz besiegelt.

Ihren Durst zu löschen war die erste Sorge der Engländer. Im Lager der Russen fehlte es auch nicht an Wasser, das aus dem See geschöpft war. Dann plauderten die Europäer unter dem Schutze einer Kasematte, welche einen Theil einer den Gipfel des Scorzef krönenden, verlassenen Schanze bildete, über Alles, was seit ihrer Trennung in Kolobeng vorgegangen war. Die Matrosen überwachten unterdessen die Makololos, welche ihnen jetzt einige Ruhe ließen.

Warum befanden sich nun die Russen überhaupt auf dem Gipfel dieses Berges, der sich soweit links von ihrem Meridian befand. Aus demselben Grunde, der die Engländer soweit zur Rechten desselben geführt hatte. Der Scorzef nämlich, der so ziemlich in der Mitte des Weges zwischen den beiden Bogen lag. war der einzige Höhepunkt dieser Gegend, der zur Errichtung einer Beobachtungsstation an den Ufern des Ngamisee geeignet erschien. Es war demnach ganz natürlich, daß sich die beiden rivalisirenden Expeditionen, die auf dieser Ebene beschäftigt waren, auf dem einzigen Berge begegneten, der für ihre Zwecke tauglich erschien. In der That berührten der russische und der englische Meridian den See an zwei sehr entfernten Punkten, so daß für die Beobachter daraus die Nothwendigkeit entsprang, das südliche und das nördliche Ufer des Ngamisees geodätisch zu verbinden.

Mathieu Strux berichtete dann verschiedenes Einzelne über die von ihm ausgeführten Arbeiten. Die Dreieckvermessung war von Kolobeng aus ohne Zwischenfall von statten gegangen. Dieser erste Meridian, welchen das Loos den Russen zugetheilt hatte, lief durch ein fruchtbares, wellenförmiges Land, das sehr leicht mit einem trigonometrischen Netze überzogen werden konnte. Ebenso wie die englischen, hatten auch die russischen Astronomen von der übermäßigen Hitze dieser Klimate, aber nicht an Wassermangel, gelitten. In der Gegend waren viele Bäche, welche eine wohlthätige Feuchtigkeit unterhielten. Pferde und Rinder befanden sich sonach gleichsam auf einer ungeheuern Weide, und liefen durch grünende Wiesen, die hier und da von Wäldern oder Buschwerk unterbrochen waren. Die wilden Thiere hatte man durch während der Nacht unterhaltene Feuer in gemessener Entfernung von den Lagerplätzen zu halten vermocht. Die Eingeborenen betreffend, so gehörten diese zu den in Flecken und Dörfern seßhaften Stämmen, bei welchen der Doctor David Livingstone fast stets eine gastfreundliche Aufnahme gefunden hatte.

Während dieser Reise hatten die Buschmänner demnach keinerlei Ursache, sich zu beklagen. Am 20. Februar erreichten die Russen den Scorzef und hatten sich dort schon seit sechsunddreißig Stunden eingerichtet, als die Makololos, drei- bis vierhundert Köpfe stark, auf der Ebene davor erschienen. Sofort überließen die erschreckten Buschmänner die Russen ihrem Schicksal und liefen davon. Zunächst plünderten die Makololos die am Fuße des Berges aufgefahrenen Wagen; glücklicherweise waren alle Instrumente vorher nach der Schanze hinaufgeschafft worden. Auch das kleine Dampfboot war bis jetzt unverletzt, da die Russen Zeit gehabt hatten, es vor dem Erscheinen der räuberischen Horden zusammenzusetzen und in einem kleinen Nothhafen des Ngamisees zu bergen. Auf dieser Seite fiel der Berg fast senkrecht zu dem rechten Ufer des Sees ab und war von da aus nicht wohl zu ersteigen. Nach Süden zu bot der Scorzef freilich gangbare Abhänge, und bei dem von den Makololos versuchten Angriffe wären sie ohne die von der Vorsehung vermittelte Dazwischenkunft der Engländer wohl bis zu jener kleinen Schanze hinaufgekommen.

Obiges bildete im Auszuge den Bericht des Mathieu Strux. Der Oberst Everest theilte nun seinerseits die Ereignisse mit, welche ihnen auf dem Wege nach Norden begegneten, die Leiden und Anstrengungen der Expedition, die Empörung der Buschmänner, und die Schwierigkeiten und Hindernisse alle, die man zu bewältigen hatte. Alles in Allem waren die Russen seit der Abreise von Kolobeng entschieden mehr begünstigt gewesen, als die Engländer.

Die Nacht vom 21. zum 22. Februar verlief ohne Zwischenfall. Der Buschmann und die Seeleute hatten am Fuße der Schanzenmauern Wache gehalten. Die Makololos erneuerten ihre Angriffe nicht, doch zeigten einige Feuer am Fuße des Berges, daß die Räuber noch an derselben Stelle bivouaquirten und ihre Absichten keineswegs aufgegeben hatten.

Mit Tagesanbruch, am 22. Februar, verließen die Europäer die Kasematte, um die umgebende Ebene in's Auge zu fassen. Die ersten Frührothstrahlen erhellten fast mit einem Schlage das ganze ungeheure Territorium bis zum Horizont. Nach Süden hin erstreckte sich ein Wüstenland mit gelblichem Boden, verbrannten Pflanzen und dürrem Aussehen. Um den Fuß des Berges war ein Lager aufgeschlagen, in dessen Mitte wohl vier- bis fünfhundert Eingeborene in buntem Gewimmel hin- und herliefen. Ihre Feuer brannten noch und einige Stücke Wildpret rösteten über glühenden Kohlen. Es lag auf der Hand, daß die Makololos den Platz nicht räumen wollten, bevor nicht Alles, was die Karawane Kostbares besaß, das Material, die Wagen, Pferde und Rinder, sowie die Vorräthe, in ihre Hände gefallen; mit diesem Ziele noch nicht zufrieden, strebten sie offenbar, die Europäer zu tödten und in den Besitz der Waffen zu gelangen, von denen der Oberst nebst den Seinen einen so furchtbaren Gebrauch gemacht hatte.

Nachdem die russischen und englischen Gelehrten das Lager der Eingeborenen betrachtet hatten, unterhielten sie sich lange mit dem Buschmann. Ein bestimmter Entschluß aber mußte ja gefaßt werden. Dieser Entschluß aber mußte vom Zusammenwirken verschiedener Umstände abhängen, und vor allem galt es, die Lage des Scorzef ganz genau festzustellen.

Von diesem Berge wußten die Gelehrten schon, daß er nach Süden die ungeheuren Ebenen bis zu dem Karrou hin beherrschte. Nach Osten und Westen hin setzte sich die Wüste in ihrer geringsten Breite fort. Weiter nach Westen erreichte der Blick die schwachen Schattenrisse der Hügel, die das fruchtbare Land der Makololos umgrenzen, wo Maketo, eine der Hauptstädte, etwa hundert Meilen im Nordwesten des Ngamisees gelegen ist.

Gegen Norden indessen beherrschte der Scorzef einen weitaus verschiedenen Landstrich. Welcher Contrast gegen die dürren Steppen des Südens. Wasserreichthum, Bäume, Weiden und all' jene üppige Bodenbedeckung, welche eine andauernde Feuchtigkeit zu unterhalten vermag. Mindestens auf eine Entfernung von hundert Meilen breitete der Ngamisee von Osten nach Westen sein liebliches Gewässer, das sich unter den Strahlen der auftauchenden Sonne zu beleben schien. Die größte Breite hatte der See entsprechend den Breitegraden der Erde; von Norden nach Süden dagegen mochte er höchstens dreißig bis vierzig Meilen messen. Darüber hinaus fiel die Gegend sanft ab, und bot einen wechselnden Anblick mit ihren Wäldern, Weideflächen und strömenden Wassern, Nebenflüssen des Lyambie oder Zambese; ganz im Norden endlich, aber mindestens in einer Entfernung von achtzig Meilen, war die Landschaft von einer pittoresken Bergkette abgeschlossen. Das schöne Land! Wie eine Oase war es mitten in die Wüste hineingeworfen! Sein wunderbar bewässerter, von einem ganzen Netze fließender Adern übersponnener Boden athmete Leben. Es war der Zambese, jener große Fluß, der mit seinen Nebenarmen diese verschwenderische Vegetation ernährte. Er stellte die riesige Pulsader dar, die für das östliche Afrika dasselbe ist, was die Donau für Europa, der Amazonenstrom für Süd-Amerika.

So war das Panorama, das sich vor den Augen der Europäer ausbreitete. Der Scorzef selbst erhob sich dicht am Ufer des Sees, und fiel, wie Mathieu Strux gesagt hatte, nach Norden senkrecht zu den Fluthen des Ngami ab. Aber es giebt keine so steilen Abhänge, welche Seeleute nicht erklimmen oder herabklettern könnten, und so waren diese auch durch eine enge Schlucht, die sich von Abhang zu Abhang hinzog, bis zum Spiegel des Sees und zwar an derselben Stelle herabgekommen, wo das Dampfschiffchen geborgen lag. Die Versorgung mit Wasser erschien also gesichert, und die kleine Besatzung konnte sich, so lange die anderen Vorräthe reichten, wohl hinter den Mauern der verlassenen Verschanzung halten.

Wozu diente aber überhaupt diese Schanze in der Wüste und auf dem Gipfel dieses Berges? Man fragte Mokum, der diese Gegend schon, als er David Livingstones Führer gewesen, besucht hatte. Er war in der Lage, darüber Auskunft zu geben.

Diese Umgebungen des Ngamisees waren früher häufig von Elfenbein- und Ebenholzhändlern besucht worden. Das Elfenbein lieferten die Elephanten und Rhinocerosse, aber das Ebenholz war Menschenfleisch, lebendes Fleisch, womit die Vermittler der Sklaverei Handel treiben. Das ganze Zambeseland ist noch vergiftet von jenen fremden Schurken, welche die Ausfuhr der Schwarzen betreiben. Die Kriege, Streifzüge und Plünderungen im Innern liefern immer eine große Menge Gefangene, welche als Sclaven verkauft werden. Dieses Ufer des Ngami bildete nun eine Handelsstraße für die aus dem Westen Kommenden und der Scorzef war ehedem der Mittelpunkt der Karawanenlager. Dort ruhten sie gewöhnlich, bis sie den Zambese bis zu seiner Mündung hinabzogen. Die Sclavenhändler hatten nun diesen Punkt befestigt, um sich und ihre Sclaven gegen Plünderung durch Räuber zu schützen, denn es war nicht selten, daß die eingeborenen Gefangenen durch ihre Verkäufer selbst wieder geraubt wurden, um noch einmal verkauft zu werden.

Das war der Ursprung jener Befestigung, die jetzt zur Ruine wurde. Der Zug der Karawanen war ein anderer geworden. Der Ngami empfing sie nicht mehr an seinen Ufern, der Scorzef hatte sie nicht mehr zu vertheidigen und die Mauern, die ihn bekrönten, zerbröckelten Stein für Stein. Von der Schanze war nur noch ein in Form eines Sectors abgeschnittenes Stück Wall da, dessen Bogen nach Süden und dessen Sehne nach Norden zu lag. In der Mitte dieses Walles erhob sich eine kleine, mit Kasematten versehene Redoute, die von Schießscharten durchlöchert war und von einem engen, hölzernen Wachtthurme überragt wurde, dessen durch die weite Entfernung noch verkleinertes Profil den Fernröhren des Oberst Everest als Zielpunkt gedient hatte. Dennoch bot diese Schanze, soweit sie auch schon zerfallen war, den Europäern einen sicheren Zufluchtsort. Hinter diesen Mauern von dickem Sandstein und bewaffnet mit Schnellfeuergewehren, wie sie es waren, konnten sie sich, so lange die Nahrungsmittel und die Munition ausreichten, wohl gegen ein ganzes Heer Makololos halten und vielleicht ihre geodätischen Arbeiten vollenden.

Schießbedarf hatten der Oberst und seine Leute aber im Ueberfluß, denn die Kiste, welche denselben enthielt, war auf den Wagen gebracht worden, auf dem das Dampfboot verpackt gewesen war, und dieses Wagens hatten sich die Eingeborenen, wie oben erwähnt, nicht bemächtigt.

Bezüglich der Lebensmittel stand es freilich anders. Hierin lag die Schwierigkeit, denn die Proviantwagen waren der Plünderung nicht entgangen. Nicht für zwei Tage befanden sich in der kleinen Schanze Nahrungsmittel für die jetzt dort vereinigten achtzehn Personen, nämlich die drei englischen und die drei russischen Astronomen, die zehn Seeleute von der ›Königin und Czar‹, den Buschmann und den Forloper.

Eine sorgsame Aufnahme des Oberst Everest und Mathieu Strux hatte dieses Ergebniß geliefert.

Nach dieser Inventur und nach eingenommenem – und zwar sehr kurzem – Morgenimbiß zogen sich die Astronomen und der Buschmann in die Kasematten zurück, während die Seeleute rund um die Schanzenmauern eifrig Wache hielten.

Jene sprachen eingehend über den erschwerenden Umstand des Mangels an Nahrungsmitteln und fanden kein Mittel, dieser gewissen, fast unmittelbar drohenden Noth entgegenzutreten, als sich der Jäger folgendermaßen ausließ:

»Sie beschäftigen sich, meine Herren, im Voraus mit dem Mangel an Proviant, und wahrlich, ich begreife nicht, warum Sie das beunruhigt. Sie sagen, daß wir kaum für zwei Tage Lebensmittel haben – aber wer nöthigt uns, zwei Tage in dieser Verschanzung auszuhalten? Können wir sie nicht morgen, selbst heute schon verlassen? Wer hindert uns daran? Die Makololos? Diese kommen doch, soviel ich weiß, nicht auf die Gewässer des Ngami, und ich verpflichte mich, Sie mit dem Dampfboote binnen wenigen Stunden auf die Westseite des Sees überzuführen!«

Bei diesem Vorschlage sahen die Gelehrten sich gegenseitig und den Buschmann an. Es schien wirklich, als sei dieser so nahe liegende Gedanke ihnen gar nicht in den Sinn gekommen.

Er war ihnen in der That auch nicht gekommen! Er konnte diesen Kühnen auch gar nicht kommen, ihnen, die sich bei dieser merkwürdigen Expedition bis zum Ende nur als Helden der Wissenschaft bewähren sollten.

Sir John Murray nahm zuerst das Wort und erwiderte dem Buschmann:

»Aber, mein braver Mokum, wir haben unsere Arbeit hier noch nicht vollendet.

– Welche Arbeit?

– Die Messung des Meridians.

– Glauben Sie denn, daß die Makololos sich um Ihren Meridian kümmern? entgegnete der Jäger.

– Sie nicht, das ist wohl möglich, antwortete Sir John Murray, aber wir Anderen, wir kümmern uns darum und werden dieses Unternehmen nicht unvollendet lassen. Ist das nicht auch Ihre Ansicht, meine werthen Herren Collegen?

– Es ist ganz die unserige, erwiderte der Oberst Everest, der, indem er im Namen Aller sprach, der Dolmetsch der Gefühle war, die Jeder theilte. Wir werden die Messung des Meridians nicht aufgeben! So lange noch Einer von uns lebt, und dieser Eine noch das Auge an das Ocular eines Fernrohres zu bringen vermag, wird die Triangulation ihren Fortgang haben! Wenn es Noth thut, werden wir mit dem Gewehre in der einen und dem Instrumente in der andern Hand beobachten, aber wir werden bis zum letzten Athemzuge ausharren!

– Ein Hurrah für England! Und Hurrah für Rußland!« riefen die entschlossenen Gelehrten, welche das Interesse an der Wissenschaft jeder möglichen Gefahr voranstellten.

Der Buschmann sah seine Genossen einen Augenblick an und antwortete nicht. Er hatte sie verstanden.

Das war also abgemacht. Die geodätischen Operationen sollten trotz Allem fortgesetzt werden. Sollten aber die örtlichen Schwierigkeiten, das Hinderniß des Ngamisees, die Wahl einer passenden Station sie nicht unausführbar machen?

Diese Frage wurde Mathieu Strux vorgelegt. Der russische Astronom mußte sie, da er schon zwei Tage auf dem Gipfel des Scorzef zugebracht hatte, beantworten können.

»Meine Herren, sagte dieser, die Arbeit wird schwierig und sehr genau sein; sie wird Geduld und Hingebung erfordern, ist aber nicht unausführbar. Um was handelt es sich? – Den Scorzef mit einer im Norden des Sees gelegenen Station geodätisch zu verbinden. – Existirt ein solcher Punkt? Ja, er existirt, und ich hatte am Horizont schon eine Bergspitze ausgewählt, die unsern Fernröhren als Richtungspunkt dienen könnte. Sie erhebt sich im Nordosten des Sees, so daß diese Seite des Dreiecks den Ngami in schiefer Richtung schneiden würde.

– Nun, meinte der Oberst Everest, wenn ein Zielpunkt vorhanden ist, worin liegt dann noch eine Schwierigkeit?

– In der weiten Entfernung des Scorzef von dieser Bergspitze.

– Und wieviel beträgt diese? fragte der Oberst Everest.

– Mindestens hundertundzwanzig Meilen.

– Unser Teleskop wird dazu ausreichen.

– Aber am Gipfel dieses Pics wird eine Leuchte angebracht werden müssen.

– So werden wir sie anbringen.

– Man muß diese aber erst hinschaffen.

– Das wird geschehen.

– Und während dieser Zeit sich gegen die Makololos vertheidigen! fügte der Buschmann hinzu.

– Wir werden uns vertheidigen.

– Meine Herren, sagte der Buschmann, ich bin zu Ihren Befehlen, und was Sie mir auftragen, werd' ich ausführen! ...«

Mit diesen Worten des treuergebenen Jägers schloß diese Unterhaltung, von der das Schicksal der wissenschaftlichen Arbeiten abhing. In ein und demselben Gedanken waren die Gelehrten vereinigt, und entschlossen, sich im Nothfalle zu opfern, traten sie aus der Kasematte, um das Land im Norden zu betrachten.

Mathieu Strux bezeichnet den Pic, welchen er ausgewählt hatte. Es war der Pic Volquiria, eine Art Kegel, welcher der großen Entfernung wegen kaum sichtbar war. Er erhob sich zu bedeutender Höhe, und trotz der Entfernung konnte wohl ein elektrisches Licht in den Gesichtsfeldern der Fernröhre, die mit stark vergrößernden Oculargläsern versehen waren, wahrgenommen werden. Aber der Apparat dazu mußte mehr als hundert Meilen vom Scorzef weggeschafft, und auf dem Gipfel des Berges angebracht werden. Hierin lag die beträchtliche, aber nicht unüberwindliche Schwierigkeit. Der Winkel, den der Scorzef einerseits mit dem Volquiria, andererseits mit der vorhergehenden Station bildete, mußte voraussichtlich die Messung des Meridians vollenden, denn der Pic mußte sehr nahe dem zwanzigsten Breitegrade liegen. Es erklärt sich daraus die Wichtigkeit dieser Operation und die Begierde, mit welcher die Astronomen deren Schwierigkeiten zu überwinden suchten.

Vor Allem mußte demnach zur Aufstellung des Blendlichtes geschritten werden. Dazu waren hundert Meilen in unbekanntem Lande zurückzulegen. Michel Zorn und William Emery boten sich an und wurden angenommen. Der Forloper meldete sich zu ihrer Begleitung, und sie rüsteten sich sogleich zum Aufbruche.

Sollten sie sich des Dampfbootes bedienen? Nein. – Sie wollten, daß dasselbe zur Verfügung ihrer Collegen bleibe, welche genöthigt sein konnten, sich nach Vollendung der Beobachtung schleunig zu entfernen. Um über den Ngami zu setzen, genügte ja eine Art leichten und doch widerstandsfähigen Bootes aus Birkenrinde, wie es die Eingeborenen in einigen Stunden herstellen. Mokum und der Forloper stiegen also zu dem steilen Ufer des Sees hinab, wo einige Zwergbirken wuchsen, und hatten bald ihre Arbeit vollendet.

Um acht Uhr Abends war das Canot mit den Instrumenten, dem elektrischen Apparate, einigen Nahrungsmitteln, Waffen und Munition beladen. Man kam überein, daß die Astronomen sich am südlichen Ufer des Ngami, an einem kleinen Hafen, den der Buschmann und der Forloper beide kannten, wieder treffen sollten. Sobald übrigens der Lichtreflex vom Volquiria aus bemerkt und gemessen worden wäre, wollte der Oberst Everest ein ebensolches auf dem Gipfel des Scorzef anzünden, damit Michel Zorn und William Emery auch ihrerseits die Position zu bestimmen vermöchten.

Nachdem sie von ihren Collegen Abschied genommen, verließen Michel Zorn und William Emery die kleine Schanze und kletterten zum Canot hinab. Der Forloper, ein russischer und ein englischer Seemann waren ihnen schon vorangegangen.

Es war tief dunkel. Die Schiffsleine wurde gelöst und schweigend glitt das zerbrechliche Fahrzeug von den Rudern getrieben über die dunkeln Fluthen des Ngami.

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