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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Dreizehntes Capitel.
Mit Hilfe des Feuers

Währenddessen warteten der Oberst Everest und seine Collegen mit sehr natürlicher Ungeduld auf das Resultat des am Fuße des Berges bestandenen Kampfes.

Wenn die Jäger Erfolg hatten, so sollte sich in der Nacht der Lichtspiegel zeigen.

Mau begreift die Ungeduld, mit welcher die Gelehrten den Tag verbrachten. Ihre Instrumente waren bereit; man hatte sie auf den Berggipfel gerichtet, so daß man im Feld des Fernrohres auch den kleinsten Schimmer wahrgenommen hätte. Sollte sich dieser Schimmer aber zeigen?

Der Oberst Everest und Mathieu Strux genossen keinen Augenblick der Ruhe. Nur Nikolaus Palander, wie immer vertieft, vergaß in seinen Rechnungen, daß eine Gefahr seine Collegen bedrohe. Man werfe ihm nicht originellen Egoismus vor! – Man konnte von ihm sagen, wie vom Mathematiker Bouvarel: »Er wird erst aufhören zu rechnen, wenn er aufhören wird zu leben.« Und vielleicht wird Nikolaus Palander zu leben aufhören, weil er aufhören wird zu rechnen!

Man muß indeß sagen, daß die beiden englischen und russischen Gelehrten wenigstens ebensoviel an die Ausführung ihrer Operationen, als an die Gefahren, die ihre Freunde liefen, dachten. Sie würden selbst diesen Gefahren getrotzt haben, eingedenk, daß sie der kämpfenden Wissenschaft angehörten. Doch beschäftigte sie das Resultat. Ein physisches Hinderniß konnte, wenn es nicht zu überwinden war, entschieden ihre Arbeiten aufhalten, oder wenigstens sie verzögern. Die Angst der beiden Astronomen während dieses endlosen Tages ist leicht zu begreifen. Endlich kam die Nacht. Der Oberst Everest und Mathieu Strux sollten jeder eine halbe Stunde lang beobachten, und stellten sich abwechselnd vor das Glas des Fernrohres. Mitten in der Finsterniß sprachen sie kein Wort, und lösten sich mit chronometrischer Pünktlichkeit ab. Jeder war ungeduldig gespannt, zuerst das Signal zu bemerken.

Die Stunden verflossen. Mitternacht war vorüber, und Nichts war auf dem finstern Bergkegel erschienen. Endlich, um drei Viertel drei Uhr Morgens, erhob sich der Oberst Everest kalt und sagte einfach nur:

»Das Signal!«

Das Glück hatte ihn zum großen Aerger seines russischen Collegen begünstigt, der selbst die Erscheinung der Reverberen bestätigen sollte. Doch bezwang sich Mathieu Strux und sprach kein Wort.

Die Aufnahme wurde nun mit ängstlicher Vorsicht genommen und nach wiederholten Beobachtungen ergab der gemessene Winkel 73° 58' 42"413. Man sieht, daß man dieses Maaß bis zum Tausendstel einer Secunde erhalten hatte, d. h. mit absoluter Genauigkeit.

Am folgenden Morgen, den 2. Juli, wurde das Lager bei Tagesgrauen abgebrochen. Der Oberst Everest wollte so bald als möglich bei seinen Begleitern sein, da es ihn drängte zu wissen, ob die Eroberung des Berges nicht zu theuer erkauft worden sei. Die Wagen machten sich unter Leitung des Forlopers auf den Weg, und zu Mittag waren alle Mitglieder der wissenschaftlichen Commission wieder beisammen; es fehlte Niemand. Die verschiedenen Vorfälle beim Kampf gegen die Löwen wurden erzählt und die Sieger warm beglückwünscht.

Im Verlauf des Morgens maßen Sir John Murray, Michel Zorn und William Emery von der Höhe des Berges die Winkel-Distanz einer neuen, einige Meilen westlich vom Meridian gelegenen Station. Die Operationen konnten also ohne Verzug fortgesetzt werden. Die Astronomen nahmen auch die Zenithalhöhe einiger Sterne auf, und berechneten die Breite des Bergkegels, woraus Nikolaus Palander schloß, daß ein zweites Stück des Meridianbogens von der Größe eines Grades durch die letzten trigonometrischen Messungen erlangt worden war. Es waren demnach in Summa zwei Grade von der Basis an, zu einer Reihe von fünfzehn Dreiecken abgeleitet.

Die Arbeiten wurden augenblicklich fortgesetzt und unter befriedigenden Verhältnissen erledigt; man konnte hoffen, daß kein physisches Hinderniß sich ihrer gänzlichen Vollendung entgegenstellen werde. Während fünf Wochen zeigte sich der Himmel den Beobachtungen günstig. Die etwas ungleiche Gegend eignete sich zur Errichtung von Lichtspiegeln. Unter Leitung des Buschmanns wurden die Lagerplätze regelrecht eingerichtet. An Lebensmitteln fehlte es niemals, da die Jäger der Karawane, Sir John an der Spitze, unaufhörlich die Karawane mit Fleisch versorgten. Der ehrenwerthe Engländer konnte nicht mehr die verschiedenen Antilopen oder Büffel zählen, die unter seinen Kugeln fielen. Alles ging auf's Beste, auch der allgemeine Gesundheitszustand war befriedigend. Das Wasser war in den Erdspalten noch nicht selten geworden. Endlich die Zwistigkeiten zwischen dem Oberst und Mathieu Strux schienen zur großen Freude ihrer Gefährten sich zu legen. Einer wetteiferte mit dem andern, und man konnte schon den bestimmten Erfolg voraussehen, als ein locales Hinderniß die Beobachtungen eine Weile hemmte, und die nationale Eifersucht auf's Neue anfachte.

Es war am 11. August. Seit dem vorigen Tage zog die Karawane durch eine waldige Landstrecke, worauf Forste und Schläge sich meilenweit aneinanderreihten. An diesem Morgen hielten die Wagen vor einem unendlichen Hochwalde, der sich weit über den Horizont hinaus erstreckte. Es giebt nichts Imposanteres, als diese grünen Massen, welche gleichsam einen hundert Fuß über dem Erdboden aufgehängten Vorhang bildeten. Keine Schilderung könnte von den schönen Bäumen eines afrikanischen Waldes ein richtiges Bild geben. Da trifft man im bunten Gemisch der verschiedensten Wohlgerüche, den » Gunda«, den » Mosokoso«, den » Mukomdu«, ein treffliches Schiffsbauholz, die dickstämmigen Ebenholzbäume vom schönsten Schwarz, den » Bauhinia« mit den Eisenfasern, » Buschneras« mit orangegelben Blüthen, prachtvolle » Roodeblatts« mit weißlichem Stamm und carmoisinrothem Laube, Tausende von » Gaïacs«, die zum Theil fünfzehn Fuß im Umfang maßen. Aus diesem tiefen Dickicht vernahm man ein großartiges Brausen, gleich dem Tosen der Brandung an sandiger Küste. Es war der Wind, welcher durch das mächtige Gezweig strich.

Auf eine Frage des Oberst Everest an den Jäger erwiderte dieser:

»Es ist der Ravuma-Wald!

– Wie breit ist er von Ost nach West?

– Fünfundvierzig Meilen.

– Und seine Tiefe von Süd nach Nord?

– Zehn Meilen ungefähr.

– Und wie werden wir durch diese dichte Baummasse kommen?

– Wir werden gar nicht durchkommen, antwortete der Jäger. Es bleibt uns nur übrig, den Wald entweder östlich oder westlich zu umgehen.«

Die Leiter der Expedition befanden sich, als sie diese so bestimmten Antworten des Buschmanns vernahmen, in großer Verlegenheit. Man konnte offenbar auf dem in diesem Walde vollständig flachen Terrain keinen Zielpunkt aufstellen. Ihn zu umgehen, d. h. sich zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen auf der einen oder andern Seite des Meridians zu entfernen, hieß die Arbeiten der Triangulation auffallend vermehren, da man zu der trigonometrischen Reihe vielleicht weitere zehn Hilfsdreiecke hinzuzufügen hatte. Es entstand also eine wirkliche Schwierigkeit, ein natürliches Hinderniß. Die Frage war wichtig und schwer zu entscheiden. Sobald das Lager im Schatten prächtiger Baumgruppen eine halbe Meile vom Saum des Waldes aufgeschlagen war, wurden die Astronomen zu einer Berathung versammelt, um einen Beschluß zu fassen! Die Frage, durch den unendlich dichten Baumstrich zu trianguliren, wurde sofort beseitigt, da es augenscheinlich war, daß man unter solchen Verhältnissen nicht operiren konnte. Es blieb also der Vorschlag, das Hinderniß rechts oder links zu umgehen, da. Die Entfernung war auf beiden Seiten ziemlich die gleiche, weil der Meridian den Wald mitten durchschnitt.

Die Mitglieder der anglo-russischen Commission beschlossen also, daß man diese unübersteigliche Schranke umgehen müsse; ob östlich oder westlich, darauf kam wenig an. Nun geschah es aber gerade, daß über diese nichtige Frage der Oberst Everest und Mathieu Strux heftig in Streit geriethen. Die beiden Nebenbuhler, die sich eine Zeit lang zurückgehalten, geriethen wieder in ihre frühere Feindseligkeit. Vergeblich suchten die Collegen zu vermitteln. Die beiden Chefs wollten nichts davon hören. Der Engländer bestand auf Rechts, da sich diese Richtung der von David Livingstone eingeschlagenen Route näherte, als er seine erste Reise nach den Wasserfällen des Zambese machte; und dies war auch ein vernünftiger Grund, denn diese bekanntere und besuchtere Gegend gewährte gewisse Vortheile. Der Russe dagegen stimmte für links, augenscheinlich nur um der Meinung des Oberst zu widersprechen. Der Streit ging ziemlich weit und drohte einen Bruch unter den Mitgliedern der Commission herbeizuführen.

Da Michel Zorn, William Emery, Sir John Murray und Nikolaus Palander Nichts thun konnten, so verließen sie die Conferenz und überließen die beiden Chefs ihrem Streit.

Der Tag verging, ohne irgend eine Annäherung der beiden entgegengesetzten Meinungen herbeigeführt zu haben.

Am folgenden Tage, dem 12. August, schlug Sir John, voraussehend, daß die beiden Eigensinnigen sich noch nicht vereinigen würden, dem Buschmann vor, die Umgegend zu durchstreifen. Während dieser Zeit würden die beiden Astronomen sich vielleicht verständigen. Auf jeden Fall war ein Stück frisches Wildpret nicht zu verachten.

Mokum, stets bereit, pfiff seinem Hunde Top, und die beiden Jäger wagten sich bis einige Meilen weit vom Lagerplatz, halb plaudernd, halb spähend, durch das Dickicht bis an den Saum des Hochwaldes.

Ganz natürlich drehte sich die Unterhaltung über den Vorfall, der die Fortsetzung der geodätischen Arbeiten hemmte.

»Ich denke, sagte der Buschmann, daß wir jetzt einige Zeit am Rand des Waldes von Ravuma campiren werden. Unsere beiden Chefs sind nicht nahe daran, einer dem andern nachzugeben. Ew. Gnaden erlauben mir diesen Vergleich, aber der eine zieht rechts und der andere links, wie Ochsen, die sich nicht verstehen, und auf diese Weise kann die Maschine nicht vorwärts gehen.

– Es ist ein ärgerlicher Umstand, antwortete Sir John Murray, und ich fürchte sehr, daß dieser Eigensinn eine vollständige Trennung herbeiführen wird. Wäre es nicht um das wissenschaftliche Interesse, so würde mich diese Astronomen-Rivalität ziemlich gleichgiltig lassen, mein braver Mokum. Die wildreichen Gegenden Afrika's besitzen Zerstreuung genug für mich, und bis zu dem Augenblick, wo sich die beiden Rivalen wieder vereinigt haben, werde ich das Land mit der Büchse in der Hand durchstreifen.

– Denken Ew. Gnaden aber, daß sie sich diesmal über diesen Punkt verständigen werden? Ich für meinen Theil erwarte es nicht, und, wie ich schon sagte, kann unser Halt sich in's Unbestimmte verlängern.

– Ich fürchte es, Mokum, antwortete Sir John. Unsere beiden Chefs streiten über eine leider unbedeutende Frage, die man wissenschaftlich nicht lösen kann. Sie haben Beide Recht und Beide Unrecht. Der Oberst Everest hat auf das Bestimmteste erklärt, daß er nicht nachgeben werde. Mathieu Strux hat geschworen, daß er den Anmaßungen des Oberst Widerstand leisten werde, und diese zwei Gelehrten, die sich ohne Zweifel einem wissenschaftlichen Argument gefügt haben würden, werden niemals in irgend einer bloßen Frage der Eigenliebe Nachgiebigkeit zeigen. Es ist wirklich im Interesse unserer Arbeiten zu bedauern, daß dieser Wald von unserm Meridian durchschnitten wird.

– Zum Teufel mit den Wäldern, versetzte der Buschmann, wenn es sich um solche Operationen handelt! Aber was haben auch diese Gelehrten dabei im Sinn, daß sie die Länge oder Breite der Erde ausmessen? Werden sie etwas davon haben, daß sie die Erde so auf Fuß und Zoll ausrechnen? Ich meines Theils, Ew. Gnaden, will lieber Nichts von diesen Dingen wissen! Ich will lieber den Erdball, den ich bewohne, für unendlich, unermeßlich halten, und ich meine, man setzt ihn herab, wenn man ihn so genau ausmißt. Nein, Sir John, ich könnte hundert Jahre leben, und würde den Nutzen Ihrer Operationen nicht einsehen.«

Sir John konnte sich des Lachens nicht enthalten. Er hatte diesen Gegenstand schon oft mit dem Jäger besprochen, und dies unwissende Naturkind, dieser freie Wanderer durch Wälder und Ebenen, dieser unerschrockene Treiber des Hochwildes konnte augenscheinlich das wissenschaftliche Interesse, welches mit einer Triangulation verbunden, nicht verstehen. Zuweilen hatte ihm Sir John zugesetzt, doch antwortete ihm der Buschmann mit Gründen voll wahrer Naturphilosophie, die er mit einer Art natürlicher Beredtsamkeit vorbrachte, deren ganzen Reiz jener als halber Gelehrter und halber Jäger zu würdigen verstand. So plaudernd, verfolgten Sir John und Mokum das kleine Wild der Ebenen, Berghasen, eine neue Art Nagethiere, die von Ogilly erkannt wurden, einige grellschreiende Regenvögel, und Schaaren Rebhühner mit braunem, gelbem und schwarzem Gefieder. Doch konnte man sagen, Sir John trug allein die Kosten dieser Jagd; der Buschmann schoß wenig; er schien sich über die Feindschaft der beiden Astronomen Gedanken zu machen, welche nothwendig den Erfolg der Expedition gefährden mußte. So mannigfach das Wildpret auch war, er beachtete es wenig.

In der That arbeitete ein, vorläufig noch unklarer Gedanke in dem Geist des Buschmanns, und nahm nach und nach eine bestimmtere Form in seinem Kopfe an. Sir John hörte, wie er mit sich selbst sprach, sich fragte, sich antwortete. Er sah ihn, wie er gleichgiltig gegen alles Wild, das in die Nähe kam, unbeweglich und in sich versenkt war, wie Nikolaus Palander beim Forschen nach einem Logarithmenfehler gewesen war. Doch respectirte Sir John diese Stimmung und wollte seinen Begleiter nicht einem so ernsten Nachdenken entreißen.

Zwei oder drei Mal des Tages näherte sich Mokum Sir John und sagte:

»So glauben Ew. Gnaden also, daß der Oberst Everest und Mathieu Strux sich nicht verständigen werden?«

Auf diese Frage antwortete Sir John unveränderlich, eine Verständigung scheine ihm schwierig, und es sei ein Bruch zwischen den Engländern und Russen zu befürchten.

Ein letztes Mal, gegen Abend, einige Meilen vom Lager, stellte Mokum dieselbe Frage und erhielt dieselbe Antwort. Dann fügte er hinzu:

»Nun wohl, Ew. Gnaden mögen sich beruhigen, ich habe ein Mittel gefunden, den beiden Gelehrten zu gleicher Zeit ihr Recht werden zu lassen!

– Wirklich? mein wackerer Jäger, antwortete Sir John, etwas überrascht.

– Ja! ich wiederhole es, Sir John; vor Morgen noch wird der Oberst Everest und Herr Strux keinen Grund zum Streit mehr haben, wenn der Wind günstig ist.

– Was wollen Sie damit sagen, Mokum?

– Ich weiß, was ich meine, Sir John.

– Nun gut, thun Sie so, Mokum, Sie würden sich um das gelehrte Europa verdient machen.

– Das ist viel Ehre für mich, Sir John«, antwortete der Buschmann, und ohne Zweifel seinen Plan überlegend, fügte er kein Wort mehr hinzu.

Sir John achtete diese Schweigsamkeit und verlangte keine Erklärung vom Buschmann. Aber wirklich konnte er nicht errathen, durch welches Mittel sein Begleiter die beiden Eigensinnigen vereinen zu können meinte, welche auf so lächerliche Weise den Erfolg des Unternehmens auf's Spiel setzten.

Die Jäger kehrten in's Lager gegen fünf Uhr Abends zurück. Man war in der Sache keinen Schritt vorwärts gekommen und das Verhältniß zwischen dem Russen und Engländer war nur noch feindlicher geworden. Die wiederholte Vermittlung Michel Zorn's und William Emery's hatte kein Resultat gehabt. Persönliche Aufforderungen, bedauerliche gegenseitige Beschuldigungen, hatten jetzt jede Annäherung unmöglich gemacht. Es stand sogar zu befürchten, daß der auf solche Höhe getriebene Streit bis zu einer Herausforderung gehen würde. Die Zukunft des Unternehmens war also schon bis auf einen gewissen Punkt in Gefahr, sofern nicht jeder der beiden Gelehrten für sich allein die Messung fortsetzte. Die in diesem Fall unvermeidliche Trennung ging besonders den beiden jungen Männern zu Herzen, die so an einander gewöhnt und durch gegenseitige Sympathie eng mit einander verbunden waren.

Sir John begriff, was in ihnen vorging, errieth bald den Grund ihrer Traurigkeit. Vielleicht hätte er sie durch die Worte des Buschmanns beruhigen können, aber so viel Vertrauen er auch zu diesem letzteren hatte, wollte er seinen jungen Freunden doch keine vergebliche Freude bereiten, und entschloß sich bis zum nächsten Tage darauf zu warten, wie Mokum sein Versprechen erfüllen werde.

Dieser änderte während des Abends nichts an seinen gewöhnlichen Beschäftigungen. Er stellte die Wache für das Lager wie immer auf. Er überwachte die Wagen und ergriff alle für die Sicherheit der Karawane nothwendigen Maßregeln.

Sir John mußte glauben, der Jäger habe sein Versprechen vergessen. Ehe er zur Ruhe ging, wollte er wenigstens den Oberst Everest in Betreff des russischen Astronomen ausforschen. Der Oberst zeigte sich jedoch unerschütterlich, so ganz in seinem Recht, mit dem Beifügen, daß, im Fall Mathieu Strux nicht nachgeben wolle, die Engländer und Russen sich trennen müßten, da »es Dinge gebe, welche man nicht einmal von Seiten eines Kollegen sich gefallen lassen könne.«

Hierauf ging Sir John Murray, sehr beunruhigt, schlafen, und da er von der Jagd sehr ermüdet war, schlief er auch bald ein. Gegen elf Uhr Nachts wachte er plötzlich auf. Eine ungewöhnliche Bewegung hatte die Eingeborenen ergriffen. Sie liefen im Lager hin und her.

Sir John sprang sofort auf und fand schon seine Gefährten alle auf den Beinen.

Der Wald stand in Flammen! Was für ein Schauspiel! In dieser finstern Nacht, am schwarzen Himmelsgrunde, schien sich der Flammenvorhang bis in den Zenith empor zu ziehen! In einem Augenblick hatte sich das Feuer mehrere Meilen weit entwickelt.

Sir John Murray sah Mokum an, der unbeweglich neben ihm stand. Doch Mokum beantwortete diesen Blick nicht. Sir John hatte begriffen – das Feuer sollte den Gelehrten einen Weg durch diesen Jahrhunderte alten Wald bahnen. Ein kräftiger Südwind begünstigte des Buschmann's Plan. Die wie aus einem Ventilator herausströmende Luft fachte das Feuer an und sättigte die sprühende Gluth mit Sauerstoff. Sie fachte die Flammen an, riß Feuerbrände, flammende Zweige, weißglühende Kohlen mit sich fort und verbreitete sie weiter in die dicksten Schläge, welche alsbald zu neuen Feuerstätten wurden. Der Schauplatz des Feuers vergrößerte und erweiterte sich immer mehr. Eine auf's Höchste gestiegene Hitze drang bis an's Lager. Das dürre unter dem dunkeln Laubwerk angesammelte Holz knisterte. Mitten im Flammenmeer erglänzten einzelne hellere Streifen, welche von den harzigen Bäumen herrührten, die wie Fackeln flammten. Das war ein wirkliches Knallen gleich Büchsenschüssen, ein Knistern und Prasseln, je nach der Natur der Baumgattung; das Holz von alten Eisenbaumstämmen platzte wie Bomben, und über All diesem der Widerschein dieses Riesenfeuers am Himmel. Die blutrothen Wolken schienen Feuer gefangen zu haben, als ob sich die Feuersbrunst bis zur Höhe des Firmaments erstreckt hätte. Funkengarben sprühten am schwarzen Himmelsgewölbe mitten durch dichte Rauchmassen. Dann vernahm man auf allen Seiten Heulen, Gelächter, Brüllen von Thieren. Schatten huschten vorüber, erschreckte Heerden, die nach allen Seiten hinflohen, große dunkle Gespenster, deren fürchterliches Brüllen sie in der Bande der Flüchtlinge verrieth. Ein entsetzlicher Schrecken trieb diese Hyänen, Büffel, Löwen, Elephanten bis an die äußersten Grenzen des finstern Horizontes.

Die Feuersbrunst dauerte die ganze Nacht, den folgenden Tag und auch noch die nächste Nacht. Und als der Morgen des 14. August erschien, war der Wald mehrere Meilen weit vom Feuer verzehrt, und zugänglich. Dem Meridian war Bahn gemacht, und für dies Mal die Zukunft der Triangulation durch die kühne That des Jägers Mokum gerettet.

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