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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Zwölftes Capitel.
Eine Station im Sinne Sir John's

Endlich hatte man also den russischen Rechner wiedergefunden. Als man ihn fragte, wie er in diesen vier Tagen gelebt habe, konnte er es nicht sagen. Hatte er Bewußtsein von den Gefahren, in welchen er sich befand? Das war nicht wahrscheinlich. Als man ihm den Vorfall mit den Krokodilen erzählte, wollte er es nicht glauben und hielt die Sache für einen Scherz. Hatte er Hunger? Nicht im Mindesten. Er hatte sich von Ziffern genährt und so gut, daß er diesen Fehler in seiner Logarithmentabelle entdeckte.

In Gegenwart seiner Collegen wollte Mathieu Strux aus nationaler Eigenliebe seinem Landsmann keinen Vorwurf machen; doch hat man Grund zu glauben, daß der russische Astronom unter vier Augen einen derben Verweis von seinem Chef erhielt, nebst der Aufforderung, sich künftig nicht mehr von seinen logarithmischen Studien fortreißen zu lassen.

Die Operationen wurden sofort wieder aufgenommen, und einige Tage lang ging Alles nach Wunsch. Ein klares und reines Wetter begünstigte die Beobachtungen, sowohl bei der Winkelmessung der Stationen als bei den Zenithaldistanzen. Es wurden neue Dreiecke dem Netz hinzugefügt und ihre Winkel durch vervielfachte Beobachtung genau bestimmt.

Am 28. Juni hatten die Astronomen geodätisch die Basis ihres fünfzehnten Dreiecks erhalten. Ihrer Schätzung nach mußte dieses Dreieck das Stück des Meridians zwischen dem zweiten und dritten Grad umfassen. Um dasselbe völlig zu kennen, blieben noch die beiden anstoßenden Winkel zu messen, indem man auf eine an seiner Spitze gelegene Station visirte.

Dort bot sich indeß eine physische Schwierigkeit dar. Das Land, so weit man sehen konnte, war mit Gehölz bedeckt, und eignete sich nicht zur Errichtung von Signalen. Sein ziemlich starker Abfall von Süd nach Nord machte, wenn auch nicht die Aufstellung, so doch die Sichtbarkeit von Signalstangen schwierig. Ein einziger Punkt konnte zur Aufstellung einer Reverbere dienen, doch ziemlich entfernt. Es war die Spitze eines zwölfhundert bis dreizehnhundert Fuß hohen Berges, der ungefähr dreißig Meilen weit nordwestlich emporragte. Unter diesen Umständen würden also die Seiten des fünfzehnten Dreiecks über zwanzigtausend Toisen lang werden, eine Länge, die zuweilen bei trigonometrischen Vermessungen vierfach vorkommt; aber die Mitglieder der englisch-russischen Commission hatten sie noch nicht erreicht. Nach reiflicher Ueberlegung entschieden die Astronomen sich für die Aufstellung einer elektrischen Reverbere auf dieser Berghöhe, und entschlossen sich, Halt zu machen, bis das Signal errichtet sei. Der Oberst Everest, William Emery und Michel Zorn, begleitet von drei Matrosen und zwei durch den Foreloper angeführten Buschmännern, wurden nach der neuen Station abgeschickt, um den Leuchtspiegel, der für eine Nachtoperation dienen sollte, aufzustellen. Die Entfernung war zu groß in der That, um eine Beobachtung bei Tage mit hinreichender Sicherheit wagen zu können.

Die kleine Truppe brach am Morgen des 28. Juni auf, versehen mit Instrumenten, Apparaten und Lebensmitteln, welche Maulesel trugen. Der Oberst Everest rechnete darauf, erst am nächsten Morgen am Fuß des Berges anzukommen, und im Fall die Besteigung irgend welche Schwierigkeiten machte, konnte die Reverbere frühestens in der Nacht vom 29. zum 30. aufgestellt werden. Die im Lager zurückgebliebenen Beobachter durften also vor sechsunddreißig Stunden wenigstens nicht den Lichtpunkt ihres fünfzehnten Dreiecks suchen.

Während der Abwesenheit des Obersten Everest überließen sich Mathieu Strux und Nikolaus Palander ihren gewöhnlichen Beschäftigungen. Sir John Murray und der Buschmann durchstreiften die Umgegend des Lagers und erlegten einige dem Antilopengeschlecht angehörige Thiere, deren es so verschiedene in den südafrikanischen Gegenden giebt. Sir John fügte sogar seiner Jagdbeute eine Giraffe hinzu, ein schönes Thier, das in den nördlichen Gegenden selten, aber auf den südlichen Ebenen ziemlich allgemein ist. Die Giraffenjagd wird von den Kennern als ein schöner » sport« betrachtet. Sir John und der Buschmann trafen auf eine Heerde von zwanzig Stück, die sehr scheu waren und denen sie auf nicht mehr als fünfhundert Ellen nahe kommen konnten. Indessen trennte sich ein Weibchen von der Truppe und die beiden Jäger waren entschlossen, das Thier zu erlegen. Es entfloh in kurzem Trab, so daß man es leicht einholen konnte; als aber die Pferde Sir John's und des Buschmanns sich beträchtlich genähert hatten, bog die Giraffe den Schwanz ein und floh mit außerordentlicher Schnelligkeit. Man mußte sie mehr als zwei Meilen weit verfolgen, bis endlich eine Kugel Sir John's sie in die Schulter traf und zu Boden streckte. Es war ein prachtvolles Muster jener Gattung, von der die Römer sagten: »Pferd am Hals, Ochse an Beinen und Füßen, Kameel am Kopf«, und deren röthliches Haar weißgefleckt ist. Dieser merkwürdige Wiederkäuer maß nicht weniger als elf Fuß vom Huf bis an die Spitze seiner kleinen mit Haut und Haaren bedeckten Hörner.

Während der folgenden Nacht nahmen die beiden russischen Astronomen einige Sternhöhen auf, die ihnen dazu dienten, den Breitegrad ihres Lagers zu bestimmen.

Der 29. Juni verlief ohne Zwischenfall. Man erwartete die folgende Nacht mit einer gewissen Ungeduld, um die Spitze des fünfzehnten Dreiecks festzustellen. Die Nacht kam, eine Nacht ohne Mond, ohne Sterne, aber sehr trocken, und die kein Nebel trübte, eine demnach für die Aufstellung eines entfernten Lichtpunktes sehr günstige Nacht.

Alle Vorbereitungen waren getroffen worden, und das Augenglas der Winkelmaßscheibe, das während des Tages auf den Gipfel des Berges gerichtet gewesen, mußte schnell die elektrische Reverbere visiren, im Fall die Entfernung sie dem bloßen Auge unsichtbar gemacht hätte.

Die ganze Nacht vom 29. zum 30. hindurch lösten sich Mathieu Strux, Nikolaus Palander und Sir John Murray vor dem Instrument ab ... Doch blieb der Berggipfel unbemerkbar und kein Licht brannte auf der höchsten Spitze.

Die Beobachter schlossen daraus, daß die Besteigung auf ernsthafte Schwierigkeiten gestoßen sei, und daß der Oberst Everest den Bergkegel vor Tagesende nicht habe erreichen können. Sie verlegten also ihre Beobachtung auf die folgende Nacht, indem sie nicht daran zweifelten, daß der Lichtapparat während des Tages aufgestellt werden würde.

Aber wie groß war ihre Ueberraschung, als am 30. Juni gegen zwei Uhr Nachmittags der Oberst Everest und seine Begleiter, deren Rückkunft nicht geahnt wurde, im Lager wieder erschienen.

Sir John ging schnell seinen Collegen entgegen.

»Sie, Herr Oberst, rief er.

– Ich selbst, Sir John.

– Der Berg ist also unbesteigbar?

– Im Gegentheil, sehr gut besteigbar, antwortete der Oberst, doch wohl bewacht, versichere ich Sie. Deshalb kommen wir zurück, um Verstärkung zu holen.

– Was! Eingeborene?

– Ja, Eingeborene, und zwar vierfüßige mit schwarzer Mähne, die eins unserer Pferde verschlungen haben!«

In wenig Worten erzählte der Oberst seinen Collegen ihre Reise, die bis zum Fuß des Berges ganz gut von Statten gegangen war. Dieser Berg war, wie man dann erkannte, nur von der Südostseite aus zugänglich. Nun hatte aber gerade an dem einzigen Engpaß, der zu dieser Bergseite führte, eine Heerde Löwen ihren »Kraal«, wie es der Foreloper nannte, aufgeschlagen. Vergeblich hatte der Oberst Everest versucht, diese furchtbaren Thiere von da hinweg zu bringen; doch ungenügend bewaffnet, mußte er den Rückzug antreten, nachdem er ein Pferd verloren, welchem ein prachtvoller Löwe mit seinen Tatzen die Rippen zerbrochen hatte. Eine Erzählung der Art konnte Sir John und den Buschmann nur entflammen. Dieser »Löwenberg« war eine zu erobernde Station, eine Station, deren man außerdem unbedingt zu den geodätischen Arbeiten bedurfte. Die Gelegenheit, sich mit den furchtbarsten Creaturen der Katzenrace zu messen, war zu schön, um sie nicht zu benutzen, und die Expedition wurde augenblicklich organisirt.

Alle europäischen Gelehrten, ohne den friedfertigen Palander auszunehmen, wollten Theil daran nehmen; doch war es nöthig, daß einige im Lager zur Messung der an die Basis des neuen Dreiecks anstoßenden Winkel zurückblieben. Der Oberst Everest, welcher begriff, daß seine Gegenwart zur Controle der Operation nöthig war, beschloß mit den beiden russischen Astronomen zurück zu bleiben. Auf der andern Seite war kein Grund, Sir John zurückzuhalten. Das Detachement, bestimmt, den Zugang zum Berge zu erzwingen, bestand also aus Sir John, William Emery und Michel Zorn, deren Bitten ihre Chefs hatten nachgeben müssen, dann aus dem Buschmann, den nichts vermocht hätte, seinen Platz jemand abzutreten, und endlich aus drei Eingeborenen, deren Muth und Kaltblütigkeit Mokum kannte. Nachdem sie ihren Collegen die Hand gedrückt, verließen die drei Europäer gegen vier Uhr Nachmittags den Lagerplatz und vertieften sich in das Gehölz, in der Richtung des Berges. Sie spornten ihre Pferde, und um neun Uhr Abends hatten sie dreißig Meilen zurückgelegt.

Zwei Meilen vor dem Berge sprangen sie vom Pferde und machten sich ein Nachtlager zurecht. Kein Feuer wurde angezündet, denn Mokum wollte nicht die Aufmerksamkeit der Thiere auf sich ziehen, welche er bei Tage bekämpfen wollte, noch einen nächtlichen Angriff hervorrufen.

Während der ganzen Nacht hörte man fast unaufhörliches Gebrüll. Erst in der Dunkelheit verlassen diese schrecklichen Fleischfresser ihre Höhle und gehen auf Nahrung aus. Keiner der Jäger schlief nur eine Stunde, und der Buschmann benutzte diese Schlaflosigkeit, um ihnen einige Rathschläge zu ertheilen, welche seine Erfahrung werthvoll machte.

»Meine Herren, sagte er mit vollkommen ruhigem Tone, wenn sich der Oberst Everest nicht getäuscht hat, werden wir morgen mit einer Bande schwarzmähniger Löwen zu thun haben. Diese Thiere gehören der wildesten und gefährlichsten Race an. Wir müssen deshalb auf unserer Huth sein. Ich empfehle Ihnen an, dem ersten Sprung dieser Thiere, welche einen Satz von sechzehn bis zwanzig Schritte machen können, auszuweichen. Ist ihr erster Anlauf mißglückt, so kommt es selten vor, daß sie einen zweiten machen. Ich spreche aus Erfahrung. Da sie bei Tagesanbruch in ihre Höhle zurückkehren, werden wir sie dort angreifen. Sie werden sich aber vertheidigen und gut vertheidigen. Ich sage Ihnen, des Morgens sind die Löwen, da sie gut gesättigt, weniger wild und vielleicht auch weniger tapfer; das ist eine Frage des Magens. Es ist auch eine Ortsfrage, denn sie sind scheuer in Regionen, wo die Menschen sie unaufhörlich reizen. Doch hier, in diesem wilden Lande, werden sie die größte Wildheit haben. Ich empfehle Ihnen ebenfalls, meine Herren, ehe Sie schießen, gut die Distanz abzuschätzen. Lassen Sie das Thier sich nähern, zielen Sie auf die Schulter und feuern Sie sicher ab. Dann wollen wir auch die Pferde zurücklassen, da sie in der Gegenwart des Löwen scheu werden und die Sicherheit des Reiters gefährden. Zu Fuß wollen wir kämpfen, und ich hoffe, die Kaltblütigkeit wird Sie nicht im Stiche lassen.«

Die Begleiter des Buschmanns hatten schweigend dem Rathe des Jägers zugehört. Mokum war wieder der geduldige Mann der Jagd geworden. Er wußte, daß die Sache ernst werden würde. Wenn in der That der Löwe sich gewöhnlich nicht auf den Menschen wirft, der ihn nicht reizt, so erreicht doch seine Wuth den höchsten Grad, sobald er sich angegriffen sieht. Dann ist er ein furchtbares Thier, dem die Natur die Geschmeidigkeit zum Springen, die Kraft zum Zertrümmern, den Zorn, der ihn schrecklich macht, verliehen hat. Deshalb befahl der Buschmann den Europäern, und besonders Sir John, Kaltblütigkeit an, denn dieser ließ sich zuweilen von seiner Kühnheit hinreißen.

»Schießen Sie einen Löwen, wie Sie ein Rebhuhn schießen würden, ohne mehr Aufregung. Darin liegt Alles!«

Darin liegt wirklich Alles! Aber wer kann dafür einstehen, sein kaltes Blut in Gegenwart eines Löwen zu bewahren, wenn man nicht durch die Gewohnheit gestählt ist?

Um vier Uhr Morgens verließen die Jäger den Halteplatz, nachdem sie ihre Pferde in einem dichten Gehölz fest angebunden hatten. Es war noch nicht Tag, einige röthliche Streiflichter schimmerten durch den Nebel im Osten. Es herrschte noch tiefe Dunkelheit.

Der Buschmann rieth seinen Gefährten, ihre Waffen zu untersuchen. Er selbst und Sir John Murray, jeder mit einem Hinterlader bewaffnet, brauchten nur die Kupferpatrone in den Flintenlauf gleiten zu lassen, und zu probiren, ob der Hahn gut ging. Michel Zorn und William Emery, die gezogene Büchsen trugen, erneuten das Zündpulver, welches durch die Feuchtigkeit der Luft gelitten haben konnte. Was die drei Eingeborenen betraf, so waren sie mit Bogen aus Aloëholz versehen, die sie mit großer Geschicklichkeit handhabten. Wirklich war schon mehr als ein Löwe durch ihre Pfeile gefallen.

Die sechs Jäger, eine dichte Masse bildend, wandten sich dem Hohlwege zu, dessen Eingang die beiden jungen Gelehrten schon am vergangenen Abend erkannt hatten. Sie sprachen kein Wort und schritten zwischen den Stämmen des Hochwaldes hindurch, wie die Rothhäute unter dem Strauchwerk ihrer Wälder. Bald war die kleine Truppe an der engen Schlucht angekommen, die den Anfang des Hohlweges bildete. Hier begann ein schmaler Gang zwischen zwei Granitmauern, welcher zum Abhang der steilen Granitwand führte. In diesem Gange in der Mitte etwa befand sich an einer durch Einsturz erweiterten Stelle, die von der Löwentruppe bewohnte Höhle.

Der Buschmann ergriff nun folgende Maßregeln: Sir John Murray, einer der Eingeborenen und er sollten sich allein am oberen Rande des Hohlweges hinschleichen. Sie hofften so bis an die Höhle zu kommen, und die fürchterlichen Bewohner herauszutreiben, so daß sie bis an das untere Ende des Hohlweges gejagt würden. Dort sollten sich die beiden jungen Europäer nebst den beiden Buschmännern auf den Anstand stellen und die Fliehenden mit Bogen- und Flintenschüssen empfangen.

Der Ort eignete sich vorzüglich zu diesem Manoeuvre. Eine mächtige Sykomore stand dort, welche das benachbarte Gehölz überragte. Ihr vielfaches Gezweig bot einen sichern Posten dar, welchen die Löwen nicht erreichen konnten. Man weiß, daß diese Thiere nicht wie die ihnen geschlechtsverwandten Katzen die Fähigkeit besitzen, auf die Bäume zu klettern. Auf eine gewisse Höhe postirte Jäger konnten ihrem Sprunge ausweichen und unter günstigen Umständen auf sie schießen.

Das gefährliche Werk sollte also von Mokum, Sir John und einem der Eingeborenen ausgeführt werden. Auf eine Bemerkung William Emery's erwiderte der Jäger, es gehe nicht anders an, und bestand darauf, daß keine Aenderung in seiner Anordnung getroffen würde. Die jungen Leute fügten sich seinen Gründen.

Der Tag graute. Der Gipfel des Berges erglänzte wie eine Fackel unter dem Reflex der Sonnenstrahlen. Nachdem der Buschmann zugesehen, wie sich seine vier Begleiter auf den Zweigen der Sykomore zurechtgesetzt, gab er das Zeichen zum Fortgang. Sir John, der eine Buschmann und er stiegen bald den schlängelnden Fußpfad der rechten Wand des Hohlweges entlang.

Die drei kühnen Jäger kamen auf diese Weise fünfzig Schritte ungefähr vorwärts, wobei sie manchmal anhielten und den engen, vor ihnen liegenden Gang beobachteten. Der Buschmann zweifelte nicht, daß die Löwen, nach ihrem nächtlichen Ausflug in ihr Obdach zurückgekehrt seien, entweder um ihre Beute zu verschlingen oder der Ruhe zu genießen. Vielleicht konnte man sie schlafend überraschen, und schnell mit ihnen fertig werden. Eine Viertelstunde nachdem sie in den Eingang des Engpasses gedrungen, kamen Mokum und seine zwei Begleiter vor der Höhle an, wo Michel Zorn es ihnen angegeben hatte. Dort kauerten sie auf dem Boden und untersuchten das Lager der Thiere.

Es war eine ziemlich geräumige Höhlung, deren Tiefe man nicht schätzen konnte. Ueberreste von Thieren, Haufen von Knochen versperrten den Zugang. Man konnte sich nicht täuschen, es war der von dem Oberst Everest bezeichnete Zufluchtsort der Löwen.

In diesem Augenblicke jedoch schien, der Meinung des Jägers entgegen, die Höhle verlassen. Mokum kroch, die Flinte im Arme, auf den Knieen bis an den Eingang heran. Ein einziger Blick zeigte, daß sie leer sei. Dieser Umstand, auf den man nicht gerechnet, ließ ihn augenblicklich seinen Plan ändern. Seine von ihm herbeigerufenen Begleiter waren sofort bei ihm.

»Sir John, sagte der Jäger, unser Wild ist nicht in seinen Schlupfwinkel zurückgekehrt, aber es wird nicht lange mehr dauern, bis es kommt. Ich denke, wir thun gut, uns an seiner Stelle hier einzuquartieren. Es ist besser, belagert zu werden, als solche Patrone zu belagern, besonders wenn man eine Hilfsarmee an den Thoren des Platzes hat. Was halten Euer Gnaden davon?

– Ich denke wie Sie, Buschmann, antwortete Sir John Murray. Ich stehe unter Ihrem Befehl und gehorche Ihnen.«

Mokum, Sir John und der Eingeborene drangen in die Höhle ein. Dies war eine tiefe Grotte, besäet mit Knochen und blutigem Fleisch.

Nachdem man sich überzeugt, daß sie vollständig leer war, beeilten sich die Jäger, den Eingang vermittelst großer Steine zu verbarrikadiren, welche sie nicht ohne Mühe hinrollten und übereinander thürmten. Die Zwischenräume der Steine wurden mit trockenen Zweigen und Strauchwerk verstopft, mit welchem die Schlucht angefüllt war.

Diese Arbeit erforderte nur wenige Minuten, da der Eingang zur Grotte verhältnißmäßig schmal war. Dann postirten sich die Jäger hinter ihrer mit Schießscharten versehenen Barrikade und warteten.

Sie hatten nicht lange zu warten. Gegen ein Viertel auf Sechs erschienen ein Löwe und zwei Löwinnen hundert Schritte von der Höhle. Es waren sehr große Thiere. Der Löwe, seine schwarze Mähne schüttelnd und den Boden mit seinem Schweif fegend, trug zwischen den Zähnen eine ganze Antilope, welche er schüttelte, wie die Katze eine Maus. Dies schwere Wildpret hatte für seinen mächtigen Rachen kein Gewicht, und sein Kopf, so schwer die Last war, welche er trug, bewegte sich mit vollkommener Leichtigkeit. Die beiden Löwinnen, mit gelber Haut, begleiteten ihn springend.

Sir John – Sr. Gnaden gestand es später, – fühlte doch ein heftiges Herzklopfen. Sein Auge öffnete sich weit, seine Stirn zog sich in Falten, und er empfand eine Art krampfhafter Furcht, in welcher sich Erstaunen und Angst mischten; doch dauerte dies nicht lange, und er wurde schnell wieder Herr über sich. Was seine zwei Begleiter betraf, so waren sie so ruhig wie gewöhnlich.

Indessen hatte der Löwe und die zwei Löwinnen die Gefahr gewittert. Beim Anblick ihrer versperrten Höhle blieben sie stehen. Sie waren keine sechzig Schritt davon entfernt. Das Männchen stieß ein heiseres Gebrüll aus, und gefolgt von den zwei Weibchen warf es sich in ein Gebüsch rechts, ein wenig unterhalb des Ortes, wo die Jäger zuerst angehalten. Man sah die furchtbaren Thiere genau durch die Zweige, ihre gelben Leiber, ihre gespitzten Ohren und ihre glänzenden Augen.

»Die Rebhühner sind da, murmelte Sir John dem Buschmann in's Ohr; jedem das Seine.

– Nein, antwortete Mokum mit leiser Stimme, das Nest ist noch nicht vollständig beisammen, und das Schießen würde die andern erschrecken.

– Buschmann, bist Du Deines Pfeiles in dieser Entfernung sicher?

– Ja, Mokum, antwortete der Eingeborene.

– Nun dann, dem Männchen in die linke Seite, und triff ihn in's Herz!«

Der Buschmann spannte seinen Bogen und zielte aufmerksam durch das Strauchwerk. Der Pfeil flog schwirrend ab. Man vernahm ein Gebrüll; der Löwe machte einen Satz und fiel dreißig Schritte von der Höhle zu Boden. Dort blieb er bewegungslos liegen, und man konnte seine spitzen Zähne zwischen seinen bluthrothen Lefzen bemerken.

»Gut, Buschmann«, sagte der Jäger.

In diesem Augenblicke verließen die beiden Löwinnen das Dickicht und stürzten sich auf den Körper des Löwen. Auf ihr fürchterliches Brüllen erschienen zwei andere Löwen, von denen einer ein alter männlicher mit gelben Tatzen war, gefolgt von einer dritten Löwin, um die Ecke des Hohlweges. In erschrecklicher Wuth sträubten sich ihre schwarzen Mähnen riesenhaft. Sie sprangen auf mit unglaublich durchdringendem Gebrüll.

»Zu den Carabinern jetzt, rief der Buschmann, und schießen wir sie im Laufen, da sie sich nicht setzen wollen!«

Zwei Schüsse knallten; der eine Löwe, durch die Explosionskugel des Buschmanns in die Hüfte getroffen, fiel todt nieder. Der andere, dem Sir John eine Tatze zerschmetterte, stürzte sich auf die Barrikade. Die wüthenden Löwinnen folgten ihm.

Die erschrecklichen Thiere trachteten den Eingang zur Höhle zu erzwingen, und es wäre ihnen auch gelungen, wenn nicht eine Kugel sie aufgehalten hätte.

Der Buschmann, Sir John und der Eingeborene hatten sich in's Innere der Höhle zurückgezogen. Die Büchsen waren schnell wieder geladen, ein oder zwei glückliche Schüsse, und die wilden Bestien lagen vielleicht todt am Boden, als ein unvorhergesehener Umstand die drei Jäger in eine fürchterliche Lage versetzte.

Dichter Rauch erfüllte plötzlich die Höhle. Einer der Ladepfropfen, der in das trockene Gesträuch gefallen war, hatte dies in Flammen gesetzt. Bald umhüllte ein Flammenstrom, vom Wind angefacht, Menschen und Thiere. Die Löwen wichen zurück. Die Jäger konnten nicht länger in dieser Behausung bleiben, ohne sich in wenig Minuten dem Ersticken auszusetzen.

Es war eine gräßliche Lage; man durfte nicht zögern.

»Hinaus, hinaus!« schrie der Buschmann, der am Ersticken war.

Sofort warf man mit den Flintenkolben das Strauchwerk bei Seite, stieß die Steine fort und die drei halberstickten Jäger stürzten sich mitten durch den Rauchwirbel in's Freie.

Der Eingeborene und Sir John hatten kaum Zeit gehabt, zur Besinnung zu kommen, als beide zu Boden geworfen wurden, der Afrikaner durch einen Stoß mit dem Kopfe, der Engländer durch einen Schlag mit dem Schwanze der noch kräftigen Löwin. Der Eingeborene, gerade vor die Brust getroffen, blieb bewegungslos liegen. Sir John hielt sein Bein für zerschmettert, und fiel auf die Kniee. Aber als eben das Thier auf ihn loskam, ward es von einer Kugel des Buschmanns getroffen, die auf einem Knochen in seinem Körper explodirte.

In diesem Augenblick erschienen Michel Zorn, William Emery und die beiden Buschmänner an der Biegung des Engpasses, um zur rechten Zeit Theil am Kampfe zu nehmen. Zwei Löwen und ein Weibchen waren den tödtlichen Angriffen der Kugeln und Pfeile erlegen. Doch waren noch die überlebenden, die zwei andern Weibchen und das Männchen, dem ein Schuß Sir John's die Tatze zerschmettert hatte, zu fürchten. Indessen thaten in diesem Augenblick die von sicherer Hand gehandhabten gezogenen Büchsen ihren Dienst. Eine zweite Löwin fiel, von zwei Kugeln im Kopf und in die Seite getroffen. Der verwundete Löwe und das dritte Weibchen machten darauf einen erstaunlichen Satz über die Köpfe der jungen Leute fort und verschwanden um die Biegung des Hohlweges, zum letzten Mal noch von zwei Kugeln und zwei Pfeilen begrüßt.

Sir John jubelte mit triumphirendem Hurrah, die Löwen waren besiegt. Vier Cadaver lagen auf dem Boden.

Jetzt bemühte man sich um Sir John, und mit Hilfe seiner Freunde konnte er aufstehen; glücklicherweise war sein Bein nicht gebrochen. Der Eingeborene, den ein Stoß mit dem Kopfe niedergeworfen hatte, kam nach einigen Minuten wieder zu sich, da ihn nur die Heftigkeit des Stoßes betäubt hatte ...

Eine Stunde später hatte die kleine Truppe das Gehölz wieder erreicht, wo die Pferde angebunden waren.

»Nun, sagte Mokum jetzt zu Sir John, ist Ew. Gnaden mit den afrikanischen Rebhühnern zufrieden?

– Entzückt, erwiderte Sir John, sein gequetschtes Bein reibend, entzückt! Aber was haben sie für einen Schweif, wackerer Buschmann, was für einen gewaltigen Schweif!«

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