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Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika

Jules Verne: Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJules Verne
titleAbenteuer von drei Russen und drei Engländern in Süd-Afrika
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunFünfte Auflage
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180521
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Neuntes Capitel.
Ein Kraal

Am folgenden Tage, den 25. April, wurden die geodätischen Arbeiten ohne Unterbrechung fortgesetzt. Der Winkel, welchen die Station des Baobab mit den beiden Endpunkten der durch die Fahnenstangen angezeigten Basis machte, wurde genau gemessen. Durch diese neue Aufnahme gelangte man zur Controle des ersten Dreiecks.

Hierauf wurden zwei andere Stationen, rechts und links von dem Meridian, gewählt Siehe die Punkte F und E auf der Figur Seite 76., die eine, durch einen sehr bemerkbaren Hügel sechs Meilen weiter in der Ebene gebildet, die andere in einer Entfernung von etwa sieben Meilen vermittelst einer Signalstange abgesteckt.

Die Dreieck-Messung wurde so ohne Hinderniß einen Monat hindurch fortgesetzt. Am 15. Mai waren die Beobachter einen Grad nach Norden vorwärts gekommen, nachdem sie sieben Dreiecke geodätisch construirt hatten.

Der Oberst Everest und Mathieu Strux waren während dieser ersten Reihe von Operationen wenig mit einander in Berührung gekommen. Wir haben gesehen, daß bei der Vertheilung der Arbeit und selbst in Hinsicht der Controle der Messungen die beiden Gelehrten verschiedener Ansicht waren. Sie arbeiteten täglich an mehreren Meilen von einander entfernten Stationen, und diese Entfernung enthielt eine Sicherung gegen jeden Streit der Eifersucht. Wenn der Abend kam, ging jeder in's Lager zurück und begab sich in seine besondere Wohnung. Zwar entstanden zu wiederholten Malen Streitfragen über die Wahl der Stationen, welche gemeinschaftlich getroffen werden mußte; doch führten sie kein ernstliches Zerwürfniß herbei. Michael Zorn und sein Freund Emery durften demnach hoffen, daß, Dank der Absonderung der beiden Rivalen, die geodätischen Operationen ohne bedauernswerthes Aufsehen fortgesetzt werden würden.

Am 15. Mai, nachdem, wie gesagt, die Beobachter vom Südpunkt des Meridians aus einen Grad vorwärts gekommen waren, befanden sie sich auf der Breite von Lattaku. Das afrikanische Dorf lag fünfunddreißig Meilen östlich von ihrer Station.

Ein großer Kraal war neuerdings an diesem Ort entstanden. Es war ein sehr gelegener Haltepunkt, und auf Vorschlag Sir John Murray's beschloß man, daß die Expedition dort einige Tage ausruhen solle. Michael Zorn und William Emery sollten die Zeit benutzen, um Sonnenhöhen aufzunehmen. Während dieses Haltes sollte sich Nikolaus Palander damit beschäftigen, Reduktionen in den Messungen für die Niveaudifferenzen der Zielpunkte zu machen, so, daß man alle diese Messungen auf das Niveau des Meeres zurückführen könne. Sir John Murray wollte sich von seinen wissenschaftlichen Anstrengungen erholen, und durch Büchsenschüsse die Fauna dieser Gegend studiren.

Die Eingeborenen Süd-Afrika's nennen »Kraal« eine Art wandernden Dorfes, das von einem Weideplatz zum andern weiter verlegt wird. Es ist ein umschlossener Raum, der aus ungefähr dreißig Wohnungen besteht und von mehreren hundert Einwohnern bevölkert wird.

Der Kraal, zu welchem die englisch-russische Commission gekommen war, bildete eine ansehnliche Menge von Hütten, welche an den Ufern eines Zuflusses des Kuruman kreisförmig gruppirt waren. Diese Hütten waren aus Matten auf Holzpfählen errichtet, dichten, undurchdringlichen Binsenmatten. Sie sahen aus wie niedrige Bienenkörbe, deren Eingang durch ein Fell so enge geschlossen war, daß, wer hinein oder heraus wollte, auf den Knieen zu kriechen genöthigt war. Durch diese einzige Oeffnung drangen dichte Wolken beißenden Rauches vom Heerde heraus, welcher die Wohnbarkeit dieser Hütten für jeden Andern, der nicht Buschmann oder Hottentotte war, sehr zweifelhaft machen mußte.

Bei der Ankunft der Karawane gerieth die ganze Bevölkerung in Bewegung. Die zur Bewachung an jeder Hütte angebundenen Hunde bellten wüthend. Die kriegerischen Männer des Dorfes, mit Wurfspießen, Messern und Keulen bewaffnet und durch ihr Lederschild geschützt, stellten sich vorne auf. Ihre Zahl, die sich auf zweihundert schätzen ließ, zeigte die Bedeutung des Kraals, der nicht weniger als sechzig bis achtzig Wohnstätten zählen mußte. Diese Hütten waren zum Schutz gegen reißende Thiere von einer Palissadenhecke umgeben, die mit fünf bis sechs Fuß hohen stachlichten Aloen besetzt war.

Indeß verschwand die kriegerische Stimmung schnell, sobald der Jäger Mokum dem Häuptling des Kraals einige Worte gesagt hatte. Die Karawane erhielt die Erlaubnis, neben den Palissaden, dicht am Ufer des Baches ihr Lager aufzuschlagen. Die Buschmänner dachten gar nicht daran, derselben ihren Antheil an den Weideplätzen streitig zu machen, welche sich zu beiden Seiten mehrere Meilen weit erstreckten. Die Pferde, Ochsen und andern Vierfüßler der Expedition konnten sich dort reichlich ernähren, ohne dem Dorfe den geringsten Nachtheil zuzufügen. Alsbald wurde das Lager unter Anleitung und Befehl des Buschmanns nach hergebrachter Weise errichtet. Die Wagen gruppirten sich im Kreise herum, und Jeder lag seinen eigenen Beschäftigungen ob.

Sir John Murray ließ darauf seine Gefährten bei ihren Berechnungen und wissenschaftlichen Beobachtungen und zog, ohne einen Augenblick zu verlieren, in Begleitung Mokum's aus. Der englische Jäger ritt sein gewöhnliches Pferd, und Mokum sein zahmes Zebra. Drei Hunde umsprangen sie. Sir John Murray und Mokum trugen jeder einen Jagdcarabiner mit Explosionskugeln, was ihre Absicht anzeigte, das Hochwild der Gegend anzugreifen.

Die beiden Jäger nahmen ihre Richtung nordöstlich, einer waldigen, einige Meilen vom Kraal entfernten Gegend zu. Sie ritten plaudernd nebeneinander her.

»Ich hoffe, Meister Mokum, sagte Sir John Murray, daß Sie hier Ihr Versprechen, welches Sie mir an den Morgheda-Fällen gaben, halten und mich in die wildreichste Gegend der Welt führen werden. Doch wissen Sie wohl, daß ich nicht nach Süd-Afrika gekommen bin, um Hasen zu schießen oder Füchse zu hetzen. Das haben wir in unsern schottischen Hochlanden. Ehe eine Stunde vergeht, will ich erlegt ...

– Ehe eine Stunde vergangen! antwortete der Buschmann. Ew. Gnaden erlauben mir, Ihnen zu sagen, daß dies ein wenig schnell gehen heißt, und daß es vor allen Dingen der Geduld bedarf. Ich selbst bin nur auf der Jagd geduldig, und unter diesen Verhältnissen mache ich die Ungeduld meines ganzen übrigen Lebens wieder gut. Wissen Sie denn nicht, Sir John, daß die Jagd auf Hochwild eine förmliche Wissenschaft ist, daß man sorgfältig das Land und die Gewohnheiten der Thiere kennen, ihre Wege ausstudiren, sie stundenlang umgehen muß, um sich ihnen unter dem Winde zu nähern? Wissen Sie, daß man sich weder einen Schrei zur unrechten Zeit, noch einen geräuschvollen falschen Schritt, noch einen unvorsichtigen Blick erlauben darf? Ich bin ganze Tage einem Büffel oder Gemsbock auf der Lauer gewesen, und wenn ich nach sechsunddreißig Stunden der List und Geduld das Thier erlegt hatte, hielt ich meine Zeit nicht für verloren.

– Sehr gut, mein Freund, erwiderte Sir John Murray, ich werde soviel Geduld, als Sie verlangen, zeigen, doch vergessen Sie nicht, daß wir uns hier nur drei oder vier Tage aufhalten, und daß wir weder eine Stunde noch eine Minute verlieren dürfen.

– Das ist zu berücksichtigen, antwortete der Buschmann in so ruhigem Tone, daß William Emery seinen Reisegefährten vom Orangefluß nicht wiedererkannt hätte. Wir werden tödten, was uns in den Weg kommt, ohne lange zu wählen. Antilope oder Hirsch, Gnu oder Gazelle, Alles wird für so eilige Jäger gut sein!

– Antilope oder Gazelle! rief Sir John Murray aus, ich verlange nicht einmal so viel für meinen ersten Schuß auf afrikanischem Boden. Aber was hoffen Sie denn, mir bieten zu können, Buschmann?«

Der Jäger sah seinen Gefährten mit befremdlicher Miene an und antwortete dann in ironischem Tone:

»In dem Augenblicke, wo Ew. Herrlichkeit sich zufrieden erklärt, habe ich nichts weiter zu sagen. Ich glaubte, daß Sie mich wenigstens zu einem Paar' Rhinoceros oder Elephanten verpflichtet hielten! ...

– Jäger, antwortete Sir John Murray, ich werde hingehen, wohin Sie mich führen. Ich werde tödten, was Sie mir sagen. Also, vorwärts! und verlieren wir keine Zeit mehr mit unnützen Worten.«

Die Pferde wurden in Galop gesetzt, und die beiden Reiter näherten sich schnell dem Walde.

Die Ebene, durch welche sie ritten, erhob sich in sanftem Aufsteigen nordöstlich. Sie war hier und da mit unzähligen reich blühenden Gebüschen bedeckt, aus welchen ein klebriges, durchsichtiges und wohlriechendes Harz stoß, woraus die Kolonisten einen Wunderbalsam bereiten. In malerischen Gruppen standen » nwanas«, eine Art Sykomoren-Feigenbäume, deren Stamm, bis zur Höhe von dreißig bis vierzig Fuß nackt, einen großen Blätterschirm trägt. In diesem dichten Laubwerk kreischte eine unzählige Menge Papageien, die sehr emsig die säuerlichen Früchte des Baumes verspeisten. Weiterhin standen Mimosen mit gelben Trauben, »Silberbäume«, die ihr dichtes, seidenartiges Laub schüttelten, Aloe mit langen, grellrothen Stacheln, welche man für dem Grunde des Meeres entrissene baumartige Korallen hätte halten können. Der Erdboden, mit reizenden, bläulich schimmernden Amaryllis besäet, war dem schnellen Lauf der Pferde günstig. In weniger als einer Stunde, nachdem sie den Kraal verlassen, kamen Sir John Murray und Mokum am Saume des Waldes an. Es war ein Hochwald von Akazien, der einen Raum von mehreren Quadratmeilen einnahm. Diese unzähligen regellos gepflanzten Bäume schlangen ihr Gezweig in einander und ließen die Sonnenstrahlen nicht auf den von Dornen und langem Gras bedeckten Boden dringen. Das Zebra Mokum's und das Pferd Sir John Murray's zögerten nicht sich unter diese dichte Wölbung zu wagen, und brachen sich durch die unregelmäßig stehenden Baumstämme einen Weg. Hier und dort zeigten sich mitten im Waldschlag einige große Lichtungen, und die Jäger hielten hier an, um das angrenzende dichte Gebüsch zu beobachten. Man muß gestehen, daß dieser erste Tag Seiner Herrlichkeit nicht günstig war. Vergebens durchstreifte er und sein Gefährte einen großen Theil des Waldes. Kein Probestück der afrikanischen Fauna ließ sich aufstören, um sie zu empfangen, und Sir John dachte mehr als ein Mal an seine schottischen Ebenen, auf welchen ein Flintenschuß nicht auf sich warten ließ. Vielleicht hatte die Nachbarschaft des Kraals dazu beigetragen, das mißtrauische Wild zu verscheuchen. Mokum indeß zeigte weder Ueberraschung noch Aerger. Für ihn war dies keine Jagd, sondern ein schneller Ritt durch den Wald.

Gegen sieben Uhr Abends mußte man an die Rückkehr in's Lager denken. Sir John Murray war sehr ärgerlich, ohne es gestehen zu wollen: ein ausgedienter Jäger unverrichteter Sache zurückkehren! niemals! Er nahm sich deshalb vor, auf das erste, beste Thier zu schießen, Vogel oder Vierfüßler, Roth- oder Hochwild, welches in Schußweite kommen würde.

Das Schicksal schien ihn zu begünstigen. Die beiden Jäger waren nur noch drei Meilen vom Kraal entfernt, als ein Hase afrikanischer Race hundertundfünfzig Schritt vor Sir John in einem Busch aufsprang. Sir John sandte ungesäumt dem unschädlichen Thiere eine Kugel nach.

Der Buschmann schrie vor Unwillen laut auf. Eine Kugel für einen einfachen Hasen, den man mit Schrot hätte schießen können. Doch der englische Jäger hielt auf sein Nagethier und ritt im Galop nach der Stelle, wo das Thier hätte stürzen müsse».

Vergeblicher Ritt! Von dem Hasen keine Spur, ein wenig Blut, doch kein Haar auf dem Boden. Sir John durchsuchte die Büsche und das dichte Gras. Die Hunde durchschnupperten vergeblich das Gesträuch.

»Ich habe ihn doch getroffen! rief Sir John Murray aus.

– Nur zu sehr getroffen! erwiderte ruhig der Buschmann. Wenn man einen Hasen mit einer Explosionskugel schießt, wäre es zu verwundern, wenn man noch ein kleines Theil von ihm fände.«

Und in der That war der Hase in unfaßbare Stückchen zerstoben! Se. Herrlichkeit stieg höchst ärgerlich wieder zu Pferd und erreichte, ohne ein Wort weiter zu reden, das Lager.

Am folgenden Morgen erwartete der Jäger, daß Sir John Murray ihm neue Jagdvorschläge machen würde. Doch vermied der in seiner Eigenliebe stark angegriffene Engländer eine Begegnung mit Mokum. Er schien jeden Jagdgedanken aufgegeben zu haben, und beschäftigte sich damit, Instrumente nachzusehen und Beobachtungen zu machen. Dann zur Erholung besuchte er den Kraal der Buschmänner und sah zu, wie die Männer sich im Bogenschießen übten oder auf der »Gorah« spielten, ein Instrument, welches aus einem mit einer Sehne bespannten Bogen besteht, welchem der Künstler Töne entlockt, indem er durch eine Straußfeder haucht. Während dessen beschäftigten sich die Frauen mit den Hausarbeiten und rauchten dabei den »Matokuané«, d. h. die ungesunde Pflanze des Hanfes, ein Vergnügen, das bei der größten Zahl der Eingeborenen verbreitet ist. In Folge der Beobachtung einzelner Reisender vermehrt das Einathmen des Hanfes die physische Kraft auf Kosten der moralischen Energie. Und wirklich schienen mehrere dieser Buschmänner wie blödsinnig durch die Trunkenheit des Matokuané.

Am folgenden Morgen, den 17. Mai, bei Tagesanbruch wurde Sir John Murray durch die einfache, in sein Ohr geflüsterte Phrase geweckt:

»Ich glaube, Ew. Herrlichkeit, daß wir heute glücklicher sein werden. Doch lassen Sie uns nicht mehr Hasen mit Berghaubitzen schießen!«

Sir John Murray ließ sich durch diese ironische Mahnung nicht irre machen, und erklärte sich zum Aufbruch bereit. Die beiden Jäger entfernten sich einige Meilen links vom Lager, ehe noch ihre Gefährten munter waren.

Sir John trug diesmal eine einfache Flinte, eine wunderbar schöne Waffe von F. Goldwin, und für eine einfache Hirsch- oder Antilopen-Jagd besser geeignet als der schreckliche Carabiner. Man konnte allerdings in der Ebene auf Dickhäuter und Raubthiere treffen, doch hatte Sir John zwar noch die »Explosion« des Hasen auf dem Herzen und er hätte es vorgezogen, lieber auf einen Löwen mit Schrot zu schießen, als nochmals solchen in den Annalen des Sport nie dagewesenen Schuß zu thun.

Wie Mokum vorausgesagt, das Glück war an diesem Tage den beiden Jägern günstig. Sie erlegten ein paar Harrisböcke, eine Art schwarzer Antilopen, die selten sind und schwer zu tödten. Es waren wunderschöne, vier Fuß hohe Thiere, mit auseinander stehenden, säbelförmigen Hörnern, dünnem, an den Seiten zusammengedrücktem Maul, schwarzem Huf, dichtem, weichem Haar, und kleinen, spitzen Ohren. Ihr schneeweißer Bauch und Kopf stachen von der schwarzen Haarfarbe des Rückens mit wallender Mähne auffallend ab. Ein Jäger konnte stolz auf solchen Schuß sein, denn der Harrisbock ist auch eine der bewundernswerthesten Species der südlichen Thierwelt.

Was aber dem englischen Jäger das Herz pochen machte, waren gewisse Spuren, welche ihm der Jäger am Saume eines dichten Gehölzes, nicht weit von einem großen, tiefen Sumpfe zeigte, der von riesigen Euphorbien umgeben, und dessen Oberfläche ganz mit himmelblauen Wasserlilien besäet war.

»Herr, sagte Mokum, wenn Sie morgen in den ersten Tagesstunden hier auf diese Stelle auf den Anstand kommen wollen, würde ich Ihnen rathen, diesmal nicht den Carabiner zu vergessen.

– Was veranlaßt Sie zu dieser Aeußerung, Mokum, fragte Sir John Murray.

– Diese frische Fährte, welche Sie auf der feuchten Erde sehen.

– Wie? diese breiten Fußspuren rühren von Thieren her? dann müssen ja die Füße, welche sie machten, mehr als eine halbe Klafter im Umfang haben!

– Das beweist ganz einfach, antwortete der Buschmann, daß das Thier, welches dergleichen Spuren hinterläßt, wenigstens neun Fuß bis zur Höhe der Schulter mißt.

– Ein Elephant! rief Sir John aus.

– Ja, Ew. Herrlichkeit, und wenn ich mich nicht täusche, ein völlig ausgewachsener männlicher junger Elephant.

– Auf morgen also, Buschmann.

– Auf morgen, Ew. Herrlichkeit.«

Die beiden Jäger kehrten in's Lager zurück, die beiden Harrisböcke auf das Pferd Sir John Murray's geladen.

Diese schönen, so selten gefangenen Thiere riefen die Bewunderung der ganzen Karawane hervor. Alle beglückwünschten Sir John, mit Ausnahme vielleicht von Mathieu Strux, der, was Thiere anbetraf, kaum was anderes kannte, als den großen Bären, den Drachen, Centaurus, Pegasus und andere Gestirne der himmlischen Thierwelt. Am nächsten Morgen um vier Uhr erwarteten die beiden Jagdgefährten unbeweglich auf ihren Pferden, die Hunde zur Seite, inmitten eines dichten Gehölzes die Ankunft der Truppe Dickhäuter.

An neuen Spuren hatten sie erkannt, daß die Elephanten in ganzen Rudeln kamen, um aus dem Sumpf zu trinken. Beide waren mit gezogenen Carabinern und Explosionskugeln bewaffnet. Sie standen seit ungefähr einer halben Stunde unbeweglich und schweigsam auf dem Anstand, als sie fünfzig Schritt vom Sumpf eine dunkle Masse sich bewegen sahen.

Sir John hatte seine Waffe ergriffen, aber der Buschmann hielt seine Hand zurück und bedeutete ihn mit einem Wink, seine Geduld zu mäßigen.

Bald erschienen große Schatten, und man hörte wie das Dickicht unter einem unwiderstehlichen Druck sich öffnete; das Holz krachte, das auf dem Boden zertretene Gezweig rasselte, und lautes Schnaufen drang durch die Zweige. Es war die Elephantentruppe. Ein halbes Dutzend dieser riesigen Thiere, fast ebenso groß wie ihre indischen Gattungsverwandten, näherte sich langsam dem Sumpfe.

Das anbrechende Tageslicht setzte Sir John in Stand, diese gewaltigen Thiere zu bewundern. Einer von ihnen, ein Männchen von ungeheurer Größe, zog besonders seine Aufmerksamkeit auf sich. Seine breite, gewölbte Stirn dehnte sich zwischen großen Ohren aus, die bis zur Brust hinabhingen. Seine kolossalen Dimensionen erschienen in der Dämmerung noch größer.

Er streckte seinen Rüssel aus dem Dickicht empor und schlug mit seinen krummen Hauern gegen die Baumstämme, welche unter seinen Schlägen ächzten. Vielleicht ahnte das Thier eine nahe Gefahr.

Inzwischen sagte der Jäger dem Sir John Murray leise in's Ohr:

»Gefällt Ihnen dieser?«

Sir John bejahte es mit einem Wink.

»Gut, fügte Mokum hinzu, wir werden ihn von den übrigen trennen.«

In diesem Augenblick kamen die Elephanten am Rande des Sumpfes an. Ihre schwammigen Füße traten tief in den schlammigen Grund. Sie zogen das Wasser mit ihrem Rüssel ein und dies Wasser ließ, indem es in ihre breite Kehle sich ergoß, ein lautes Glucken hören. Das große Männchen, das ernstlich unruhig war, schaute um sich und athmete schnaufend die Luft ein, um jede verdächtige Ausströmung zu wittern.

Plötzlich ließ der Buschmann einen auffallenden Schrei hören. Seine drei Hunde sprangen sofort mit heftigem Bellen aus dem Gebüsch heraus und stürzten sich auf die Truppe Elephanten; zugleich sprang Mokum, der seinem Begleiter nur das einzige: »Bleiben Sie« zurief, mit seinem Zebra über das Gebüsch hinaus, um dem großen Elephanten den Rückzug abzuschneiden.

Dies prächtige Thier suchte übrigens nicht einmal ihm durch die Flucht zu entkommen. Sir John, mit dem Finger auf dem Drücker seines Gewehrs, beobachtete ihn.

Der Elephant schlug mit dem Rüssel gegen die Baumstämme und bewegte wüthend den Schwanz, ließ nicht mehr Unruhe, sondern Zorn erkennen. Bis dahin hatte er nur den Feind gewittert, in diesem Augenblick aber erblickte er ihn und stürzte sich auf ihn los.

Sir John Murray stand jetzt sechzig Schritt von dem Thiere. Er wartete, bis er auf vierzig Schritt näher gekommen, und dann ihm in die Seite zielend, gab er Feuer. Doch änderte eine Bewegung des Pferdes die Richtung des Schusses, und die Kugel drang nur in das weiche Fleisch ein, ohne auf ein Hinderniß zu stoßen, welches genügt hätte, die Kugel platzen zu lassen.

Der Elephant rannte wüthend schneller, doch nicht sowohl im Galop, als in außerordentlich schnellem Gang. Doch hätte dieser schon ein Pferd überholen können.

Das Pferd Sir John's bäumte sich und warf sich aus dem Gebüsch, ohne daß sein Herr es zurückhalten konnte. Der Elephant verfolgte es, spitzte die Ohren und stieß aus seinem Rüssel einen trompetenartigen Ton aus. Der Jäger, von seinem Pferde fortgerissen, klammerte sich mit kräftigen Beinen fest, während er eine Patrone in seinen Flintenlauf gleiten zu lassen suchte. Indessen gewann der Elephant einen Vorsprung, und bald waren Beide auf der Ebene außerhalb des Waldes.

Sir John spornte sein wild gewordenes Pferd blutig. Zwei der nebenher bellenden Hunde flohen athemlos. Der Elephant war nicht mehr zwei Längen hinter ihm; Sir John fühlte schon feinen schnaufenden Athem und hörte das Pfeifen des Rüssels, der in die Lüfte fuhr. In jedem Augenblick erwartete er von diesem lebendigen Lasso aus dem Sattel gehoben zu werden.

Plötzlich brach das Pferd mit den Hinterfüßen zusammen. Der Rüssel hatte ihn in's Kreuz getroffen. Das Thier wieherte vor Schmerz und machte einen Seitensprung. Dieser Satz rettete Sir John vor einem sichern Tode. Der von seiner eigenen Schnelligkeit fortgerissene Elephant flog darüber hinaus und sein Rüssel ergriff beim Hinstreifen am Boden einen der Hunde, welchen er in der Luft mit unbeschreiblicher Heftigkeit schüttelte.

Es blieb Sir John keine andere Rettung, als in den Wald zurückzureiten. Der Instinct seines Pferdes trug ihn dorthin, und bald setzte er mit staunenswerthem Schwung über den Saum des Gehölzes.

Der ihm überlegene Elephant hatte sich zu seiner Verfolgung in Bewegung gesetzt, schleuderte den unglücklichen Hund wider den Stamm einer Sykomore, so daß er ihm den Kopf zerschmetterte; dann stürzte er in den Wald hinein.

Das Pferd setzte in ein dichtes mit dornigen Lianen durchschlungenes Gebüsch und blieb stehen. Sir John, obgleich zerfetzt und blutend, verlor nicht einen Moment seine Kaltblütigkeit; er drehte sich um, legte vorsichtig seinen Carabiner an und zielte durch das Lianennetz auf den Elephanten. Die Kugel traf auf einen Knochen, so daß sie explodirte. Das Thier schwankte und fast im selben Augenblick traf ihn ein vom Waldesrand her abgefeuerter zweiter Schuß in die linke Seite. Er fiel auf die Knie neben einem kleinen, halb im Gras versteckten Teiche. Dort fing er an, seine Wunden mit dem Wasser, welches er in den Rüssel einsog, mit kläglichem Geschrei zu waschen.

In diesem Moment erschien der Buschmann.

»Er ist unser! er ist unser!« rief er aus.

Und wirklich war das ungeheure Thier tödtlich getroffen. Es jammerte kläglich, sein Athem ging pfeifend; sein Schwanz bewegte sich nur noch schwach, und sein Rüssel, die Blutlache, die sich um ihn gebildet hatte, aufsaugend, goß einen rothen Regen über das benachbarte Dickicht. Dann entgingen ihm die Kräfte, und es stürzte nieder, um sich nicht wieder zu erheben.

In diesem Augenblick trat Sir John Murray aus dem Dornengestrüpp hervor. Er war halbnackt, denn von seinen Jagdkleidern waren nur noch Fetzen übrig.

»Ein prachtvolles Thier, Buschmann, rief er aus, indem er den Cadaver des Elephanten untersuchte, ein prachtvolles Thier, aber ein wenig zu schwer für die Jagdtasche eines Jägers!

– Wohl, Ew. Herrlichkeit, erwiderte Mokum, wir wollen ihn auf dem Platze zerlegen und nur die ausgesuchtesten Stücke mit fortnehmen. Sehen Sie nur, mit welch' prächtigen Hauern ihn die Natur versehen hat! Sie wiegen wenigstens fünfundzwanzig Pfund jeder, und das Pfund Elfenbein zu fünf Shilling gerechnet, giebt schon eine hübsche Summe.«

Mit diesen Worten schritt der Jäger sofort zum Zerlegen des Thieres. Er hieb mit seinem Beil die Hauer ab, und begnügte sich damit, die Füße und den Rüssel loszutrennen, welches die besten Stücke sind, die er den Mitgliedern der Commission vorsetzen wollte.

Diese Operation erforderte einige Zeit, und er kam mit seinem Begleiter erst zu Mittag in's Lager zurück.

Dort ließ der Buschmann die Füße des riesigen Thieres nach afrikanischer Weise kochen, indem er sie in ein vermittelst weißglühender Kohlen gleich einem Backofen geheiztes Loch eingrub.

Es versteht sich, daß das Gericht sogar von dem gleichgiltigen Palander nach seinem richtigen Werthe geschätzt wurde, und daß Sir John Murray von der ganzen gelehrten Truppe dafür beglückwünscht wurde.

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