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33 Jahre verschollen im Packeis

Adrian Mohr: 33 Jahre verschollen im Packeis - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorAdrian Mohr
title33 Jahre verschollen im Packeis
publisherGrethlein & Co
year1930
correctorJosef Muehlgassner
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Adlerflug

Vielfach kleinliche, um nicht zu sagen höhnische Kritik, die Andrée nach dem Mißerfolg des Jahres 1896 über sich ergehen lassen mußte, hatte ihm nichts von seiner Tatkraft genommen. Er verfolgte sein Ziel unentwegt weiter. War er 1896 auch nicht zum Start gekommen, so waren gleichwohl wertvolle Erfahrungen gemacht. Andrée ging sofort daran, sie sich für das folgende Jahr nutzbar zu machen. Wie bereits erwähnt, wurde der Ballon nach Paris zu Lachambre geschickt, um dort um ein weniges vergrößert zu werden. Bei dieser Gelegenheit wurde eine neue technische Verbesserung angebracht, die Andrée inzwischen ausgedacht hatte. Bei seinem Ballon, wie bei Freiballons überhaupt, machte sich ein Mißstand geltend: verlor der Ballon Gas, so fehlte der Ballonhülle unten am Ventil die Spannung; sie hing schlaff herab und wurde vom Winde nach vorn gedrückt, so daß sie fast wie ein Segel wirkte. Bei gewöhnlichen Freiballons war dieser Mißstand zu ertragen, für Andrée war er jedoch eine Bedrohung der sinnreich ausgedachten Steuerung mit den beiden seitlichen Segeln. Bildete sich da ein drittes Segel, so setzte dieses die beiden anderen außer Funktion. Die Beseitigung dieses Mißstandes hatte sich Andrée genial-einfach ausgedacht. Der Ballon erhielt unterhalb seines Äquators eine breite Leinwandbahn angesetzt, um den Ballon horizontal herumlaufend. Sie sollte den Wind abfangen, der ohne sie das Unterteil des Ballons gebläht haben würde. Da Wind immer nur von einer Seite kommt, ließ man die Bahn nicht um den ganzen Ballon herumlaufen, sondern begnügte sich mit einem Zweidrittelkreis (240 Grad); so sparte man Stoff und, was wichtiger war, Gewicht. Andrée taufte diese Leinwandbahn in seiner zu »kessem« Humor geneigten Weise »Maggördel«, das heißt wörtlich »Magengürtel« und entspricht durchaus unserer deutschen Bezeichnung »Bauchbinde«.

siehe Bildunterschrift

In Abgeschiedenheit von aller Kultur und Zivilisation die Verbindung mit der übrigen Menschheit aufrechtzuerhalten, war zu Andrées Zeiten ein Problem. Unsere Zeit hat die drahtlose Telegraphie, und es ist heute für jeden, der sich auf gewagte Fahrt begibt – etwa auf einen Weltmeerflug – eine Selbstverständlichkeit, »F. T.« (Funkentelegraphie) an Bord oder sonstwie bei sich zu haben. Andrée hoffte, sich mit Brieftauben helfen zu können. Fachleute auf diesem Gebiete bestritten allerdings, daß Brieftauben den Weg zu Menschen aus den arktischen Wüsten finden würden. Erfahrung hatte nämlich gelehrt, daß eine vom Ballon abgelassene Taube nur dann sich auf Tour begibt, wenn sie sich orientieren kann, andernfalls aber zum Ballon zurückkehrt. Die Richtigkeit dieser Erfahrung war an sich nicht zu bestreiten. Dennoch ließ sich Andrée klugerweise nicht abhalten, Brieftauben mitzunehmen und es jedenfalls auf den Versuch ankommen zu lassen. Es sei schon hier vorweggenommen, daß eine seiner Tauben tatsächlich den Weg zu Menschen fand und der Welt Kunde von den kühnen Ballonfahrern brachte. Und weshalb nur diese eine Taube und nicht mehr von ihnen zurückkehrten, dies wird ebenfalls noch klar werden. Andrée hatte 32 Brieftauben zur Verfügung. Er hatte sie, wie selbstverständlich, schon 1896 mitgenommen, ohne sie dann verwenden zu können. Auf der Rückfahrt von der Dansköya ließ er die Tiere in Tromsö, damit sie dort den Winter über trainiert und in Übung erhalten wurden. Man ist in Tromsö mit Geflügel nicht verwöhnt. Im Sommer ist es dort zwar sehr hübsch warm und die ganze Gegend grün von ansehnlichen Birkenwäldern; aber die Vogelwelt hat gleichwohl durchaus arktischen Zuschnitt und ist in der Hauptsache von Möwen mit ihrem häßlichen Gekrächze und heiserem Schreien vertreten. Es läßt sich daher denken, daß Andrées Tauben mit dem sanften Gurren in Tromsö bald volkstümlich waren, und als sich eines schönen Tages eine verflog und von einem der norwegischen Buben in »Schutzhaft« genommen wurde, gurrte sie sich in dessen Kinderherz so tief hinein, daß der Junge vermeinte, sich von dem Tierchen nicht mehr trennen zu können. Da er aber Norweger und daher ein ehrlicher Junge war und zudem natürlich genau wußte, wer der rechtmäßige Eigentümer war, so setzte er sich hin und verfaßte einen rührenden Brief an Andrée und bat, die Taube behalten zu dürfen. Man wird ohne weiteres glauben, daß der schwedische Forscher damals alle Hände voll zu tun und seine Gedanken bei viel wichtigeren Dingen hatte. Gleichwohl nahm er sich die Zeit, dem Jungen zu antworten und, da er die Bitte abschlagen mußte, dies eingehend zu begründen: Gerade diese Taube sei eine seiner besten, und er könne unmöglich auf sie verzichten – aber der kleine Bittsteller solle eine andere erhalten ...

In den meisten nichtskandinavischen Ländern nahm man Andrée damals nicht mehr recht ernst, wenigstens nicht als arktischen Luftschiffer. Aber in Skandinavien glaubte die Mehrzahl noch immer an den tüchtigen Mann, zumal in den Kreisen, die man das »große« Publikum nennt. Das Vertrauen äußerte sich in erster Reihe in einer Unzahl Gaben, die Andrée zuströmten. An Geld fehlte es ihm ja nicht (man wußte, daß seine Mäzene: König Oskar II., Nobel und Baron Dickson, eine offene Hand hatten), aber man dachte: Ausrüstung und Ähnliches wird er schon gebrauchen können, wenn man es ihm schenkt. Und so kamen ganze Warenlager an Kleidungsstücken aller Art zusammen, Wasserdichtes, Wollenes, Schuhwerk – eine Menge Gerät für Jagd und Fischerei, photographische Platten, Filme, Papiere, Chemikalien, Hilfsgerät – dann Apothekerwaren, darunter vieles, was Skorbut verhüten oder bekämpfen sollte – auch an Brennstoff wurde seitens der willigen Geber gedacht. Eßwaren, natürlich nur Konserven und haltbare Genußmittel, gingen in Massen ein. Und neben dem Essen wurde auch das Getränk nicht vergessen: man stiftete Whisky, Kognak, Schwedenpunsch und sogar Champagner. Bekannt ist, daß auch der König eine ganz auserlesene Flasche aus den Schloßkellereien spendierte: einen Portwein vom Jahre 1836! Andrée hat sie mit seinen Kameraden geleert, als die drei Männer nach monatelanger Eiswanderung zum ersten Male wieder festes Land in erreichbarer Nähe erblickten. – Selbstverständlich war nicht daran zu denken, diesen ganzen Reichtum etwa im Ballon mitzunehmen. Dazu hätte Andrée einen Luftkreuzer von Zeppelin-Ausmaßen benötigt. Doch es lag ja im Plane der Expedition, durch Schiffe Depots mit allem Nötigen an verschiedenen Stellen der arktischen Küsten anzulegen; hierfür waren die Gaben begreiflicherweise äußerst willkommen.

Ihr reicher Fluß bewies, daß Andrées Unternehmen in Schweden selber noch immer volkstümlich war, trotz der Angriffe, die der Forscher gerade von früheren Anhängern erleiden mußte. Und bejubelt beim Publikum wurde die Äußerung des alten Nordenskiöld, des Erzwingers der nordöstlichen Durchfahrt: Wäre er nicht schon so alt, würde er selber den Flug mitmachen! Tiefen Eindruck auf die öffentliche Meinung machte es auch, als bekannt wurde, daß der König für die neue Expedition ein Kanonenboot zu Andrées Verfügung gestellt hatte.

Eine einschneidende Änderung bedeutete es für Andrée, daß er neue Mitglieder für die Expedition annehmen mußte. Professor Ekholm hatte sich ja in der berichteten, etwas eigenartigen Form zurückgezogen.

Treu geblieben war der 25jährige Nils Strindberg, Physiker, Mathematiker und Chemiker. Zugleich ein tüchtiger Sportsmann, Skiläufer und Schwimmer. Interessiert für alles, nicht zum wenigsten für Sprachen; ledige Stunden füllte er damit aus, daß er Chinesisch lernte. Ein sonniger Mensch, auf der Geige fast ein Meister. Zu allem zu gebrauchen. Vor allem in der Photographie erfahren und geübt wie ein Fachmann. Gerade hierauf legte Andrée großen Wert. War Andrée doch sozusagen der erste, der auf die Wichtigkeit der Terrain-Photographie hingewiesen und sie zu entwickeln sich bemüht hat. Nils Strindberg war ihm da besonders willkommen. Zumal Strindberg obendrein nicht nur photographieren konnte, sondern sogar die Kameras selbst konstruiert hatte, die auf die Expedition mitgenommen werden sollten. Das Material dieser Kameras bestand aus Aluminium. Dies war damals etwas ganz Neues, und die ganze photographisch interessierte Welt sprach von Strindbergs Apparaten.

An die Stelle des ausgeschiedenen Nils Ekholm trat der 27jährige Knut Fränkel, der gerade sein Staatsexamen an der Technischen Hochschule bestanden hatte. Knut Fränkel war ein Idealist, war begeisterungsfähig für alles Große, für mutige und kühne Tat. Für Polarfahrten war er Feuer und Flamme schon mit zehn Jahren, angesteckt durch das große Beispiel seines berühmten Landsmannes Nordenskiöld, der damals von seiner Umsegelung der Alten Welt zurückkehrte. Daß Jungen durch das Vorbild des Mannesmutes mitgerissen werden, wenn sie irgendwie in die Nähe ihrer Idealgestalt geraten, das ist ja eine nicht seltene Erfahrung. Es darf hier vielleicht erwähnt werden (weil es sich um einen Mitarbeiter unseres Buches handelt), daß auch Tryggve Gran, Mitglied der Scottschen Südpolexpedition und Finder des Todeszeltes, fortgerissen wurde durch das große Beispiel: erst durch das seines unvergeßlichen Landsmannes Fridthjof Nansen, dessen triumphale Rückkehr nach Oslo Gran als Junge miterlebte, dann durch persönlichen Einfluß des englischen Polarforschers Sir Ernest Shackleton. Bei den meisten Jungen geht das vorüber. Bei Knut Fränkel hat die Begeisterung angehalten. Als da laut wurde, daß Andrée auf Suche nach Ersatz für Ekholm war, meldete sich Knut Fränkel in aller Heimlichkeit. Weder Vater noch Mutter noch Geschwister ahnten etwas hiervon; nicht einmal sein fünf Jahre jüngerer Bruder Hans, der sich auch ganz heimlich meldete. Überhaupt ist Andrée um Meldungen, was die Zahl anging, wohl nicht verlegen gewesen. Das junge, mutige Volk drängte sich geradezu, diese »Fahrt in den sicheren Tod« mitzumachen. Die Wahl unter den vielen fiel auf Knut Fränkel. Außer seinen guten Eigenschaften und Kenntnissen dankte er die Wahl seiner guten Freundschaft mit Nils Strindberg. Es ist begreiflich, daß Strindberg auf solche Fahrt am liebsten von allen den vertrauten Freund mitzuhaben wünschte.

Persönliche Erfahrungen des Jahres 1896 veranlaßten Andrée, neben den vorgesehenen Teilnehmern einen Ersatzmann anzunehmen. Ein solcher war unentbehrlich für den Fall, daß einer der Teilnehmer erkrankte oder Angst bekam und zurücktrat. Andrées Vertrauen fiel auf den jungen Leutnant G. V. E. Svedenborg, heute Oberstleutnant in Pension, Mitarbeiter an vorliegendem Buche.

Fränkel und Svedenborg gingen den Winter über nach Paris, um bei Lachambre Bau und Behandlung von Ballons zu studieren und sich zum Ballonführer praktisch auszubilden.

Mitte Mai 1897 war Andrée so weit, daß die Expedition von Schweden abgehen konnte. Das ihm zur Verfügung gestellte Kanonenboot »Svensksund« lag im Hafen von Götaborg und lastete. Ebenso die »Virgo«, das Expeditionsschiff des Vorjahres. Am 18. Mai, nach einem feierlichen Abschiedsessen beim Baron Dickson, gingen die Teilnehmer an Bord. Mit ihnen der Ingenieur Stake als Gasfachmann und der Franzose Alexis Marchuron, Lachambres Schwiegersohn, als Vertreter der Ballonfabrik. Zehntausende von Menschen hatten sich am Kai eingefunden, um den kühnen Landsleuten das letzte Lebewohl und das letzte Hurra zuzurufen. Eine gewaltige Begeisterung war's, als die »Svensksund« loswarf und den Götaelf hinabdampfte, dem offenen Meere zu. Keiner von ihnen allen ahnte, daß dieser selbe »Svensksund« 33 Jahre später an einem herbstlich sonnigen Septembertage in Götaborg einlaufen sollte – drei Särge an Bord!

Am 24. Mai erreichte »Svensksund« die Stadt Tromsö. Dicker Schnee, Vorgeschmack der Arktis. Am 27. Mai kommt die langsamer fahrende »Virgo« nach. Gemeinsam geht es nun hinauf nach Spitzbergen. Die Expeditionsmitglieder werden dem anmutigen Leben des Passagiers »entrissen«. Dienst beginnt. Astronomische, meteorologische Beobachtungen. Die Observationsbücher beginnen sich zu füllen. Andrée hat sie hernach auf die Luftreise mitgenommen. 33 Jahre später studieren fremde Augen ihren Inhalt.

Die See vor Tromsö pflegt ungemütlich zu sein. Bei der Andrée-Expedition macht sie keine Ausnahme. Seekrankheit greift um sich. Am tollsten packt sie »la grande nation«. Der arme Machuron will sterben. Gut, daß »Svensksund« einen Arzt an Bord hat. Ob der über alles Maß behäbige Jonas Lembke als Arzt etwas taugte, mag dahingestellt bleiben – was bei Gott nicht etwa ein Anzweifeln bedeuten soll. Sicher ist, daß er ungeahnte Heilerfolge mit rein menschlichen Vorzügen erzielte. Lembke war zeitlebens berüchtigt für die Faulheit seiner Witze. Mit diesem Mittel brachte er sogar den Franzmann auf die Beine. Besser als mit englischem Salz und ähnlichem Kram.

Am 29. Mai wird die Bären-Insel passiert, am 30. Mai der Kurs östlich gelegt. Das Gatt zwischen Amsterdam-Insel und Dansköya erweist sich als vollgepackt mit Eis. »Svensksund« muß den Eisbrecher spielen. Die »Virgo« folgt im Kielwasser. Abends um sechs Uhr ist die Bucht erreicht, die heute Andrée-Hafen heißt.

Spannende Minuten folgen nun. Es geht um die Frage: Steht das im Vorjahr errichtete Ballonhaus noch oder ward es Opfer der winterlichen Stürme? Andrée weiß natürlich genau, wo es zu suchen ist. Aber er vermag es doch nicht sofort zu entdecken. Es ist schwer, dort zwischen allen Felsblöcken und Eisblöcken aus größerer Entfernung solch Bauwerk zu erkennen – um so schwerer, wenn Schnee sich noch breitmacht. Doch dann mit einem Male steht es vor seinen Falkenaugen. Das Ballonhaus steht! Andrée ist überglücklich. Es etwa neu errichten zu müssen, hätte kostbare Wochen gekostet.

Um sieben Uhr liegen beide Schiffe vor Anker. Die Expedition ist an ihrem ersten Ziele.

Andrée meldet seinem Bruder in Götaborg durch Telegramm: »Eingetroffen 30. Mai, ohne nennenswert viel Eis begegnet zu sein.« Freilich geht dieses »Telegramm« nach unseren heutigen Begriffen als Schneckenpost. Zu telegraphieren ist es zunächst überhaupt nicht, denn es gibt kein Kabel und noch weniger F.T. Die »Virgo« muß es mitnehmen, um es vom ersten Hafen aus drahtlich weiterzugeben. Sie geht aber erst am 14. Juni nach Norwegen ab! Und erst am 25. Juni erhält es der Empfänger. So sah die Welt zu Andrées Zeit aus!

Auf der Dansköya folgen fünf Wochen anstrengender Vorbereitungsarbeiten.

Das Ballonhaus steht zwar noch, aber die Gewalt der Winterstürme hat es aus seiner Form gebracht. Hat es in seinen oberen Teilen schraubenförmig verzerrt. Von den fünf Wochen, die ein Neubau beansprucht hätte, vergehen immerhin vierzehn Tage, bis alles wieder in Ordnung ist. Dann kann die große Kiste mit der Ballonhülle von Bord des »Svensksund« mühselig über das Eis an Land geschafft werden.

Andrée läßt den Ballon nun erst einmal mit Luft aufblasen. Dann bekommen die jüngeren Expeditionsmitglieder – die Wissenschaftler ebenso wie der Herr Leutnant – die Aufgabe zugewiesen, sich in das Innere des Ballons zu bemühen und die Hülle von innen durch Überstreichen mit Firnis zu dichten. Leutnant Svedenborg hat hinterher erzählt, ihm sei dabei zumute gewesen wie etwa einem Anstreicher, der in der Kuppel des Petersdomes Reparaturarbeiten auszuführen hat. Als diese Arbeit beendet war, wurde die Luft aus dem Ballon wieder entfernt. Dafür begann nun die Füllung mit Wasserstoffgas. Dies war am 19. Juni. Sie währte drei Tage. Andrée überwachte sie persönlich, um sicher zu sein, daß das Gas nach Möglichkeit rein und unvermischt mit Luft blieb.

Nunmehr mußte abermals gedichtet werden. Von außen her. Der Stoff der Ballonhülle war zwar, praktisch genommen, so gut wie völlig gasdicht. Aber da war die Unmenge von Nähten zwischen den Einzelteilen, aus denen die Hülle zusammengesetzt war, und eine Naht ist natürlich nie so dicht wie ein Gewebe. Da sich betrüblicherweise herausgestellt hatte, daß die mitgenommene Firnismenge zu knapp bemessen war, um die ganze Ballonhaut zu überziehen, mußte man sparen und sich auf das Abdichten undichter Stellen beschränken. Um diese Stellen zu finden, wurde dem Wasserstoffgas etwas Schwefelgas beigemengt; dann wurden außen auf die Nähte – nach und nach überall – Leinwandstreifen aufgelegt, die mit Blei-Essig getränkt waren. Blei-Essig färbt sich durch Schwefelgas schwarz. Wo Schwefelgas zutage trat, der Ballon also undicht war, verfärbten sich somit die Leinwandstreifen.

siehe Bildunterschrift

Als der Ballon in den wünschenswerten Zustand gebracht war, gab es andere Arbeit genug. Die Schlitten mußten hergerichtet und zumal ihre Kufen sorgfältig eingeschmiert werden, so wie man Ski einschmiert (was in unseren Tagen ja fast jeder praktisch kennt, zum wenigsten unter den Jüngeren). Besonderer Beliebtheit bei den Expeditionsmitgliedern erfreute sich die Bearbeitung der Schleppseile und Schleppleinen mit Talg und mit Vaselin. Diese Fette mußten eingeknetet werden. Das gab so angenehm schleimige Hände. Und da die einzuknetende Strecke immerhin mehr als ein Kilometer betrug, so blieb diese begeisternde Tätigkeit nicht etwa bloß Zeitvertreib.

Doch blühte den Expeditionsmitgliedern auch Angenehmeres. Weite Ausflüge über Schnee und Eis wurden unternommen, und auf Jagd wurde gegangen, um die Muskeln, die während der wochenlangen Seefahrt steif geworden waren, wieder geschmeidig zu machen. Denn Andrée sah selbstverständlich als möglich voraus, daß ungeheure körperliche Anforderungen an ihn und seine Begleiter herantreten konnten, und da konnte er nur Leute gebrauchen von körperlicher Gewandtheit und sportmäßiger Schulung. Seine jüngeren Kameraden waren natürlich begeistert dabei, ein jeder mit dem Hintergedanken, mindestens einen Eisbären zu erlegen und auf billige Weise zu einem Bettvorleger zu kommen. Doch diese schöne Hoffnung ward zunichte. Die Jagden blieben schlecht und recht »arktische Niederjagd«. Die beste Beute machte noch »la grande nation«, einen lebend gefangenen jungen Fuchs, aber ihn ließ nach wenigen Tagen der dicke Lembke entwischen, und so war es auch mit dieser Beute nichts.

Die Welt beschäftigte sich inzwischen lebhaft mit der Andréeschen Expedition, und die Zeitungen jener Zeit sind voll von Meldungen aller Art darüber. Einiges davon dürfte interessieren. So wurde am 12. Juni gemeldet, von London sei der Dampfer »Windword« abgegangen, eigentlich für die an anderer Stelle der Arktis zu findende »Jackson-Expedition« bestimmt, eine sportliche Jagdexpedition für reiche Leute, doch gehe das Schiff zunächst zur Dansköya, um dort ein für Andrée bestimmtes Faltboot abzuliefern. Dieses Boot hat bei der Auffindung der toten Ballonfahrer eine Rolle gespielt. Am 18. Juni erfuhr die Welt, daß der Touristendampfer »Lofoten« nach Spitzbergen abgegangen sei. Die Reisenden würden Gelegenheit haben, den Start des Andréeschen Ballons mitzuerleben (diese Hoffnung erfüllte sich nicht, wie wir gleich erfahren werden). Diese Spitzbergenreise kostete ab Trondhjem bis dorthin zurück 300 Kronen. Das war für damalige Zeit viel Geld, zumal für diejenigen, die bis Trondhjem zuvor noch eine weite Reise zu bezahlen hatten. Aber die Aussicht, Andrée starten zu sehen, hat offenbar doch »gezogen«, denn »Lofoten« hatte nicht weniger als 300 Passagiere an Bord. Viele von ihnen waren Deutsche. Unter dem 21. Juni kann man in den Zeitungen lesen, daß Dampfer »Lilla Expreß« von Hammerfest nach Spitzbergen abgegangen war mit 300 Briefen für die Mitglieder der Andrée-Expedition – und mit zwei deutschen Pressevertretern an Bord. Den einen von ihnen hatte der »Berliner Lokal-Anzeiger« entsandt.

Unterdessen war man auf der Dansköya nicht untätig. In erster Reihe stand jetzt die Sorge für richtige Belastung des Ballons oder, richtiger gesagt: der Ballongondel. Eine Unmenge Gerät, Ausrüstung, Proviant war mitzunehmen und entsprechend unterzubringen. Es war da selbstverständlich zu unterscheiden zwischen dem, was während der Ballonfahrt fortlaufend oder sofort benötigt wurde, und zwischen dem anderen, was mehr als Reserve anzusehen war. Das oft Benötigte mußte so untergebracht werden, daß es während der Ballonreise jederzeit und ohne Mühe gegriffen werden konnte. Andrée hatte, was nicht hervorgehoben zu werden braucht, seine Bestimmungen hierüber im voraus getroffen und auf dem Papier über alles disponiert. Aber in der Praxis erwies sich nicht weniges als abänderungsbedürftig. Jede Änderung jedoch hatte irgendwelche anderen Umgruppierungen zur Folge.

siehe Bildunterschrift

Immerhin war Anfang Juli alles so weit in Ordnung, daß jetzt nur noch auf günstigen Wind zu warten war. Mit welcher Ruhe, Sicherheit und Gelassenheit Andrée diese Ordnung geschaffen hat, geht hervor aus einer Bemerkung des Leutnants Celsing vom »Svensksund«. Die Mannschaft des Kanonenbootes hatte in allem zu helfen gehabt, und ihre Offiziere hatten die Aufsicht dabei. Ihnen allen, die sie von der Sache nichts verstanden, war das ganze Andréesche Unternehmen zunächst etwas Phantastisches – das Vorhaben eines Mannes, der »nicht ganz richtig im Kopfe« war. Je mehr sie aber mit den Vorbereitungen zu tun hatten und je mehr das Ganze sich abrundete und ordnete, um so vertrauter wurden sie damit, und schließlich erschien ihnen die ganze Sache höchst selbstverständlich. Dieser Meinungsumschwung ging sogar so weit, daß die »Svensksund«-Leute nach und nach begannen, Andrée zu kritisieren, ja zu bespötteln, als er den Start wider Erwarten der anderen immer wieder hinausschob. Das Marinevolk war da so weit, Andrée gerade deswegen für nicht »seriös« anzusehen, weil er sich an dieses »doch ganz simple« Unternehmen offenbar nicht richtig herantraute!

Der 2. Juli brachte Sturm und beinahe einen verhängnisvollen Unfall. Wenn die Winde das Ballonhaus umbrausten, war Andrée selbstverständlich zur Stelle. War der Ballon wegen des fehlenden Hallendaches dann doch in Gefahr. Als der Sturm am 2. Juli an dem Ballon rüttelte, drohte dieser zu steigen. Mit seiner Körperlast will Andrée ihn nach unten zwingen. Seine Füße verfangen sich im Netzwerk. Mehrere Meter wird der Forscher samt Ballon in die Höhe gerissen. Er hätte sich um ein Haar das Genick brechen können. Doch das Glück war mit ihm. Ohne Schaden kamen Ballon und er selber aus diesen gefährlichen Minuten.

6. Juli: Wind aus Süden! Große Aufregung bei der ganzen Expedition. Die Zeit zum Start ist gekommen! Andrée trommelt alles zusammen. Startklar machen! Doch der Wind steigert sich zum Sturm. Unmöglich, den Ballon unbeschädigt aus der Halle zu bringen. Im Gegenteil, das Ballonhaus selber ist in höchster Gefahr. Andrée eilt hinauf, um von oben die Schutzarbeiten zu leiten. Muß die ganze Nacht dort aushalten. Erst gegen Morgen legt sich der Sturm.

Und – o Wunder! – der Wind bleibt südlich. Nun drängen Strindberg und Fränkel zum Start. Ihr jugendlicher Eifer treibt sie, endlich von der Stelle zu kommen. Einmal muß es ja doch geschehen. Südwind ist da. Also los!

Andrée widersetzt sich. Es kommt fast zu einer Szene zwischen den Teilnehmern. Vermieden wird sie wohl nur dadurch, daß von sofortigem Start sowieso nicht die Rede sein kann, weil der Ballon in der stürmischen Nacht Gas verloren hat und erst nachgefüllt werden muß. Das geht so schnell nicht. Als die Nachfüllung beendet ist, ist der verlockende Südwind eingeschlafen! Am Nachmittage macht sich ein Lüftchen aus Westen auf, das langsam nach rechts dreht. Der folgende Tag bringt ausgesprochenen Nordwind. Andrée hat wieder einmal recht behalten.

An diesem Tage wurde der Ballon zum ersten Male ins Freie gebracht. Einer der wenigen deutschen Augenzeugen war der Kunstmaler, heute Professor, Joseph Gaber, damals ein junger Dachs, den schwedische Freunde auf dem Fangfahrzeug »Ingeborg Larsen« mit nach Spitzbergen genommen hatten. Gaber berichtet darüber mündlich folgendermaßen: »Am 8. Juli schaukelte der vollgefüllte Ballon an seinen Halteseilen im Winde außerhalb der Ballonhalle. Durchsichtig klar war die Luft und zeigte mit voller Deutlichkeit die Risse und Fugen des dunklen Gesteins, auf denen, wie mit dem Pinsel gezogen, schlohweiße Fäden von Schnee und Eis herniederzogen. In der Pracht von Smaragdgrün und Blau der Gletscher hob sich die braungelbe Kugel des Ballons leuchtend ab. Der Wind nahm zu und wurde zeitweise zum Sturm, so daß der Ballon wieder in die Halle zurückgebracht werden mußte. Dabei gab es den ersten Schaden. Ein Windstoß hatte den Ballon so stark an die Seitenwand der Halle gedrückt, daß ein Riß von etwa drei Viertelmeter in der äußersten Seidenhülle entstand, der allerdings sofort ausgebessert wurde ...«

Zwei Tage später, am 10. Juli, erschien die »Lofoten« mit ihren 300 Vergnügungsreisenden auf der Bildfläche. Die Passagiere, zumal die deutschen, ließen es sich nicht nehmen, den Expeditionsmitgliedern ein Fest zu geben – am begeistertsten hierüber soll der behäbige Lembke gewesen sein – aber etwas Gescheites erhielten sie weiter nicht zu sehen: weder den Ballon im Freien noch gar den Start. So empfahl sich die »Lofoten« wieder. Daß die Begegnung mit Andrée dennoch auf die Passagiere des Touristenschiffes tiefen Eindruck gemacht hat, läßt sich teilweise noch heute feststellen. Es gehörte zu ihnen – um nur ein Beispiel anzuführen – der bekannte deutsche Holzindustrielle Vowinckel, der sich, gleich allen anderen, ein »Andenken« mitnahm, und zwar ein Stück vom Tauwerk des Ballons. Dieses unscheinbare Endchen Seilerarbeit hat Herr Vowinckel zeit seines Lebens pietätvoll aufbewahrt; seine Familie besitzt es noch heute. Es erinnerte eben an die Begegnung mit einem bedeutenden Menschen.

Es war, als hätte der Wettergott bloß darauf gewartet, daß sich die überflüssigen Zuschauer wieder empfehlen sollten. Spät am Abend war das Touristenschiff davongedampft – am nächsten Morgen, einem Sonntage, gab es Südwind! Die weniger Beteiligten, nämlich die Besatzung des »Svensksund«, merkten hiervon zunächst nichts. Sonntag ist dienstfrei, vor allem frei von Frühdienst, die gute »Kluft« wird herausgeholt, und um neun Uhr wird Bordgottesdienst gehalten. Um so verblüffter war die Mannschaft, als es nach dem letzten Amen sofort hieß: Raus aus den guten Sachen! Arbeitszeug anziehen! Alles nach dem Ballonhause!

Ja, nun wollte Andrée starten! Wollte es nach eingehender Beratung mit Strindberg, Fränkel und Svedenborg. Strindberg und Fränkel waren eifrig dafür. Wenn Svedenborg noch eine stille Hoffnung gehegt hatte, mit von der Partie sein zu können: dieser Eifer der anderen schaltete ihn als Teilnehmer aus.

Alles ging an die letzten Vorbereitungen. Andrée hatte es eilig, vom Fleck zu kommen, denn das friedliche südliche Windchen entwickelte sich zu einer Brise, einer frischen Brise, und das sanfte Wehen ging mehr und mehr in ein stoßweises, böiges Pusten über. Die Gondel wurde befestigt, die Schleppseile und -leinen geordnet, die Ballastsäcke entfernt. Schleppleinen und -seile konnten leider nicht gestreckt auf dem Erdboden ausgelegt werden, wie Andrée es wohl eigentlich gedacht hatte und wie ihm auch die Marineoffiziere dringend anrieten. Es fehlte hierzu an Platz; das Gelände zwischen Ballonhaus und Fjordufer reichte hierfür nicht aus. Deshalb mußten die Seile und Leinen in der Weise zusammengelegt werden, wie Seeleute Tauwerk zusammenlegen: in Schleifen, eine auf die andere, so daß das Ganze zuletzt einen Ring bildet. Diese Anordnung sollte sich bald als höchst unglücklich und verhängnisvoll herausstellen.

Bei Gelegenheiten wie dieser geht es zumeist beträchtlich weniger feierlich zu, als der Unkundige meint. Die Prosa des Lebens schiebt sich in den Vordergrund; erst in der Erinnerung nimmt der Vorgang etwas Weihevolles an. Das Treiben, Laufen, Rennen, Schreien nach höchst prosaischen Dingen ist von Feierlichkeit weit entfernt. Ohne Poesie ist der Koch, der da mit einem wohlverschlossenen Topf kommt, der das erste Mittagessen bringt, das auf der Fahrt eingenommen werden soll und warmzuhalten ist. Und nicht anders steht es mit dem Eifer, mit dem Fränkel davonstürzt und wiedererscheint – eine Anzahl Bierflaschen in den Händen und unter den Arm geklemmt. Nicht einmal die Taufe des Ballons – die erst jetzt, kurz vor dem Start, vor sich geht – hat etwas sonderlich Stimmungsvolles. Andrée tauft den Ballon »Örnen«, zu deutsch »Der Adler«. Stolz weht nun an diesem Adler die schwedische Flagge und unter ihr – eine Art Hausflagge – eine weißseidene Fahne mit eingesticktem blauem Anker. Sie ist das Geschenk einer Dame an Andrée. Sie muß diesem wert gewesen sein, denn diesen blauen Anker auf weißem Grunde hatte der tote Forscher bei sich, als man dreiunddreißig Jahre später seine Leiche fand.

Endlich ist alles besorgt. Drei und eine halbe Stunde sind darüber hingegangen. Nun kommt der Abschied. Jetzt wird es ernst. Der Abschied besteht zunächst in letzten Grüßen an die Heimat. Strindberg übergibt dem Franzmann Briefe an Mutter und Braut. Eine von den zweiunddreißig Brieftauben wird in Freiheit gesetzt; sie soll der Mutter auf schnellstem Wege des Sohnes Grüße überbringen (doch hat man nie etwas von ihr gehört oder gesehen). Andrée bittet den Grafen Ehrensvärd, den Kommandanten des »Svensksund«, eine Anzahl Telegramme zu befördern: an den König, an Nobel, an Baron Dickson. Das eine dieser Telegramme, für die Öffentlichkeit bestimmt, lautete:

In Übereinstimmung mit unseren früheren Meldungen beschlossen wir heute, 11. Juli, um 10.45 Uhr vormittags, mit den Vorbereitungen zum Start zu beginnen, und sind jetzt, 2.30 Uhr nachmittags, fertig zur Abreise. Wir hoffen, in Richtung NNO fahren zu können, und erwarten, nach und nach in Gegenden mit besseren Windverhältnissen zu kommen als die, die hier vorherrschen.

Im Namen aller Teilnehmer sende ich Vaterland und Freunden wärmste Grüße.

Andrée.

Ja, die Windverhältnisse auf Dansköya hatten sich von 10 bis 1/3 3 Uhr weiter verschlechtert. Der »Örn« Die schwedische Sprache hängt, wie alle skandinavischen Sprachen, den bestimmten Artikel -en an das Hauptwort hinten an. Örn-en heißt daher der Adler. sollte es sehr bald spüren.

Die Berichte der Augenzeugen über den endlichen Start weichen in nicht unwesentlichen Punkten voneinander ab. Wir folgen hier, fast wörtlich, der Darstellung des Franzosen Marchuron. An einer Stelle ist sie ungenau; wir stellen das nachher richtig.

Der letzte Abschied zwischen Mensch und Mensch ging nicht ohne Rührung vor sich. Auch hier war es freilich wie fast stets in solchen Lagen: die Zurückbleibenden, die also, die sich keiner Gefahr aussetzten, waren gerührter als die Scheidenden. Man lag sich buchstäblich in den Armen. Bis Andrée sich mit sanfter Energie freimacht, zum Ballon eilt und die Gondel erklettert.

»Strindberg! Fränkel! Nun macht! Es geht los!«

Das wurde mit fester Stimme gerufen, der nichts von innerer Bewegung anzuhören war. Beide beeilten sich, dem Rufe zu folgen, und standen in der nächsten Minute an Andrées Seite. Jeder von ihnen hielt ein Messer bereit, um je eine Leine durchzuschneiden, wodurch gruppenweise untereinander verbundene Ballastsäcke vom Ballon getrennt wurden. Ihr Tun wurde nun mit Spannung von der Schar der Zuschauer verfolgt. Es war nicht nur die gesamte Besatzung des »Svensksund« zur Stelle, sondern auch noch die Besatzungen dreier norwegischer Walfänger, die grade in der Virgo-Bucht Anker geworfen hatten.

Heilige Stille im Ballonhause. Man hört nur den Wind durch die Fugen der Holzwände pfeifen und die beiden aufgespannten Steuersegel flattern. Zwischen dem Takelwerk zeichnen sich die Gestalten der drei heldenmütigen Männer ab. Andrée ist gelassen und kaltblütig wie immer. Nichts in seinen Mienen verrät innere Bewegung. Man liest in ihnen nichts als festen Entschluß und unerschütterlichen Willen.

Dann kommt das entscheidende Kommando. »F-e-r-t-i-g! Eins ... zwei ... drei ... kappen!«

Das Kommando gilt nicht nur den Ballonfahrern, es gilt auch drei Matrosen, die mit gezückten Messern neben drei Vertauungen stehen. Im nächsten Augenblick ist der Befehl ausgeführt. Der Ballon, ledig seiner Fesseln, befreit von erdwärts ziehender Last, hebt sich – steigt.

Flaggenwinken, Hurra, Jubel, letzte Glückwünsche. Das Ballonhaus dröhnt.

»Grüßt das liebe alte Schweden!« ruft Andrée.

Doch schon in der nächsten Sekunde scheint das Unheil hereinzubrechen. Kaum hat der Ballon sich so weit erhoben, daß die gelbe Kugel in ihrer oberen Hälfte aus dem Windschutz der Holzwände herauskommt, packt eine Bö den Ballon und preßt ihn gegen einen Eckbalken, daß dieser sich tief in die Hülle eindrückt!

Eine Wiederholung des Unglückes vom 8. Juli? Doch nein, der Ballon wird wieder frei. Von einem Riß oder Loch ist nichts zu sehen. Der Balken war zum Glück dick mit Filz gepolstert.

Nach dieser Karambolage stieg der Ballon schnell zu einer Höhe von etwa 200 Meter. Zugleich wurde er mitgerissen auf den Fjord hinaus. Doch dann sahen die Zuschauer zu ihrem Schrecken, daß er plötzlich wieder herabkam, sich dem Wasser mit unheimlicher Geschwindigkeit von oben herab näherte – daß dann der Ballonkorb in die Flut eintauchte! Man sah Ballast abfliegen. Schon hob sich der Ballon wieder. Aber ihn hielten offenbar noch die Schleppseile, die sich am Strand unglücklicherweise zwischen Steinen verfangen hatten. Dann gab es einen Knall, ein Teil der Schleppleinen löste sich ab und fiel ins Wasser.

siehe Bildunterschrift

Dies ist der Punkt, in dem Marchuron offenbar irrt. Die Schleppseile hatten sich nicht verfangen, sondern sie hatten sich aus ihren Verschraubungen herausgeschraubt. Und dies wieder war die Folge davon, daß man die Seile in ringförmigen Schleifen zusammengelegt hatte. Beim Steigen hob sich eine Schleife nach der anderen auf, es kam dadurch aber in die Seile eine rotierende Bewegung, und so schraubten sie sich unglücklicherweise um so leichter heraus, als die Schraubengänge überhaupt nur aus wenigen Windungen bestanden.

Von der Last der Seile befreit, stieg der Ballon nun mit starker Geschwindigkeit zu einer Höhe, die auf 800 m zu schätzen war. Zugleich führte ihn der frische Wind in Richtung N 14 Grad O, und so schnell, daß der Ballon zusehends kleiner und kleiner wurde. Er überflog den Landvorsprung »Holländernase« und verschwand schließlich hinter den Bergen der kleinen Insel Vogelsang. Etwas später kam er für das Auge noch einmal rechts der Insel hervor, aber nun schon als kleines Pünktchen – bis sich auch dieses der Sicht entzog. Aus der vergangenen Zeit und dem bekannten Abstande der Insel Vogelsang ließ sich die Geschwindigkeit des Ballons mit großer Wahrscheinlichkeit auf etwa 24 Knoten bestimmen, das heißt auf rund 44 km. Blieben Richtung und Geschwindigkeit so, dann konnten die drei kühnen Ballonfahrer nach 24 bis 25 Stunden dem Nordpol nahe sein.

siehe Bildunterschrift

Aber ließ sich das hoffen? Ließ sich überhaupt hoffen, daß die Fahrt ein gutes Ende nahm? Andrée hatte ja einen großen Teil seiner Schleppleinen eingebüßt, und dies bedeutete starke Verringerung der Möglichkeit, den Ballon zu lenken. Der »Örn« mußte jetzt wohl wieder als Freiballon der gewöhnlichen Art betrachtet werden.

Der Jubel der Zurückgebliebenen war verstummt, ernst und bedrückt blickte sich alles an. Am nächsten Tage wurden die verlorengegangenen Schleppleinen aus dem Fjord gefischt. Dann verließen die Schiffe die Virgobucht. Nicht, um nach Norwegen zurückzukehren. Es gab ja noch mehr zu tun: Auslegen der Depots, wie Andrée es bestimmt hatte, auf Syvöyane (Sieben Inseln), dem Nordostlande und auf Franz-Josephs-Land. – –

Das Merkwürdigste an diesem Start war, daß Andrée ihn wagte, ohne mit dem Ballon vorher eine Probefahrt unternommen zu haben!

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