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33 Jahre verschollen im Packeis

Adrian Mohr: 33 Jahre verschollen im Packeis - Kapitel 6
Quellenangabe
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authorAdrian Mohr
title33 Jahre verschollen im Packeis
publisherGrethlein & Co
year1930
correctorJosef Muehlgassner
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Andree in London 1895

Von Carsten Borchgrevink

Wäre Salomon August Andrée vor dreiunddreißig Jahren mit Ballon und Kameraden nach planmäßig ausgeführtem Vorhaben wohlbehalten in den Bereich der kultivierten Menschheit zurückgekehrt, würde man ihn kaum mit dem gleichen Verständnis empfangen haben, das seinen irdischen Resten heute entgegenströmt. Die vergangenen drei Jahrzehnte mußten wohl erst vergehen, damit Andrées Gestalt nun als anerkannter wissenschaftlicher Forscher in die Geschichte der Polarforschung eingeht.

Andrée war seiner Zeit um dreiunddreißig Jahre voraus. Die Entwicklung hat es bewiesen.

Wer ihn damals hören konnte, als er im Jahre 1895 in London der Akademie der Wissenschaften seine kühnen Pläne entwickelte – es war auf dem sechsten Internationalen Geographischen Kongreß – den wird sein hoher Gedankenflug heute wie Prophetentum anmuten. Es waren Visionen eines hellsehenden Geistes!

Und doch sprach aus ihm nur der heiße Wunsch eines ernsten Wissenschaftlers, die Richtigkeit einer Theorie durch die Tat zu beweisen – die Überzeugung von dem Vermögen des Menschen, sich die Luft zu erobern.

Man nannte Andrée damals dummdreist. Einen Fanatiker. Einen Jules Verne.

Ja, eines Jules Vernes schaffende und aufbauende Phantasie besaß Andrée! Und hätte er sie nicht besessen, so wäre er wohl kaum der wissenschaftliche Bahnbrecher geworden, als der er sich erwiesen hat. Jetzt, dreiunddreißig Jahre nach seinem Tode, sind Hohn, Kritik, Mißtrauen verstummt. Die ihn damals nicht verstanden, stehen heute in der Schandecke der Dummheit.

Der hochaufgeschossene blonde Schwede mit der Adlernase, wie stand er dort am Rednerpulte! Alles Volk überragte er. Sein Gedankengang schwang sich empor. Wer ihm zuhörte, vermeinte den Flügelschlag der Zukunft zu spüren.

Andrée setzte in seinem Vortrag dem Kongreß auseinander, daß ihm das Experiment geglückt sei, auf den Kurs eines Freiballons in sehr erheblichem Maße einzuwirken durch Schlepptaue und Ballasttaue im Verein mit einem beweglichen Seil. Diese Hilfsmittel benütze er (wie an anderer Stelle dieses Buches ausführlicher dargelegt) in der Weise, daß sich eine »Kräfte-Komponente« bildete, die den Ballon in eine gewünschte Richtung zwang – bis zu einem gewissen Grade unabhängig von der Windrichtung. Die Schleppseile bremsten die Geschwindigkeit des Ballons, so daß das Seil nun, im Verein mit der drückenden Kraft des Windes, ähnlich einem Ruder (Steuer) gebraucht werden konnte.

Das war, wie Andrée hervorhob, nicht Theorie, sondern erprobte Praxis. Hatte er doch schon 1895 auf mehreren Ballonreisen in Schweden vorher bestimmte Ziele einigermaßen erreichen können. Es hatte sich da ergeben, daß Andrées Steuervorrichtung Abweichungen bis 40 Grad von der Windrichtung ermöglicht hatte.

Sein dem Kongreß vorgetragenes Projekt beruhte auf Berechnungen, die genau waren bis in die kleinsten Einzelheiten hinein. Wirkliche Schwierigkeiten erblickte Andrée eigentlich nur in Schneebedeckung oder Vereisung der Ballonhülle und im Auftreten unbekannter Luftströmungen.

Auf diesem Londoner Kongreß war Andrée nicht auf Rosen gebettet.

Zwar erkannte General H. Greely, der bekannte amerikanische Polarforscher, Andrées Mut an, bezweifelte aber, daß Andrées Ansichten stichhaltig wären, bekämpfte sie also und legte dem Kongreß schließlich nahe, »das Andréesche Projekt nicht zu unterstützen – auch nicht moralisch – denn es könne, seiner Überzeugung nach, in keiner Weise als Unternehmen im Dienste der Geographie bezeichnet werden«.

Admiral Markham brachte unter anderem die Einwendung, es würde Andrée nicht möglich sein, vom schwebenden Ballon aus den Ort zu bestimmen, an dem er sich jeweils befinden würde. Und andere hatten wieder andere Bedenken.

Gelassen, bescheiden, ganz sachlich begegnete Andrée den vielfachen Kritiken. Bleich, hoch aufgerichtet stand er dort am Podium und sah hinweg über die Köpfe seiner Gegner.

Was die Ortsbestimmungen anging, so würde er sie mit dem Sextanten ausführen.

Im übrigen stünde er nicht hier, um etwa Geld für sein Vorhaben zu erbitten. Er habe ja die nötigen Mittel. So würde die Expedition eben zustande kommen.

Doch soll nicht verschwiegen werden, daß Andrée auch Zustimmung fand. Oberst Whatson, damals Englands allererste Autorität auf dem Gebiete der Luftschiffahrt, unterstützte Andrées Pläne ohne jeden Vorbehalt und mit überzeugenden Worten. Seine empfehlende Rede schloß er mit den Worten: »Ich kann nicht unterlassen zu betonen: dies ist der originellste und bemerkenswerteste Plan zu einem arktischen Experiment, der mir je begegnet ist!«

Solange der Kongreß währte, war ich viel mit Andrée zusammen.

In besonders guter Erinnerung steht mir ein Tag, den wir in »Kiew Garden« verbrachten. An jenem Nachmittage bot Andrée mir an, ich solle die geplante Polarfahrt auf dem Luftwege mitmachen. Die Art, wie er dieses Angebot vorbrachte, hat tiefen Eindruck auf mich gemacht. Obgleich es sich hier doch wirklich um Außergewöhnliches handelte, kam er in der bescheidensten Form damit heraus, ohne jeden Anstrich von großer Überheblichkeit. Seine Art war wirklich »chemisch rein« von aller Pose. Ein gewisses Etwas lag in ihm – wirkte eindrucksvoll und tragisch zugleich. Es war, als warf sein bedeutendes, aber betrübendes Schicksal schon seine Schatten voraus.

Hätte man den toten Andrée schon vor dreißig Jahren gefunden, so hätte man die arktische Ballonfahrt zweifellos als »mißglückt« beurteilt. Wurde das Unternehmen doch sogar bis in unsere jüngsten Tage als gescheitert angesehen, trotzdem Andrée doch eben der erste Pionier der Tat war unter denen, die die Arktis auf dem Luftwege zu erforschen unternommen haben.

Der technische Fortschritt dreier Jahrzehnte hat bewiesen, daß Andrées geniale Absichten alle Zukunft für sich hatten.

(Deutsch von Dr. Adrian Mohr.)

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