Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adrian Mohr >

33 Jahre verschollen im Packeis

Adrian Mohr: 33 Jahre verschollen im Packeis - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorAdrian Mohr
title33 Jahre verschollen im Packeis
publisherGrethlein & Co
year1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20141207
projectid1c328444
Schließen

Navigation:

Gedanken um Andrée

Von Tryggve Gran

Jede große Tat kann in der Regel auf einen ganz bestimmten Ausgangspunkt zurückgeführt werden. Will man also ihren wirklichen Anfang betrachten, so muß man auf den Ursprung der Idee zurückgehen. So stand einst Fridthjof Nansen in seinen besten Jugendtagen an Grönlands Küste und betrachtete etliche große Baumstämme, die als Treibholz dort angeschwemmt worden waren. Es waren sibirische Hölzer. Da kam Fridthjof Nansen auf den Gedanken: Was diese Trümmer hierhergeführt hat, das ist eine Polarströmung gewesen. Und der Fund von Resten der wrackgewordenen »Jeanette«, die nördlich der Bering-Straße durch Eispressung zugrunde gegangen war, bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Und Fridthjof Nansen begab sich auf die abenteuerliche »Fram-Fahrt« und bewies die Richtigkeit seiner Theorie.

Auch Andrée ließ sich von einem festen Gedanken leiten, als er sich seinem Luftballon anvertraute, um jenen Punkt unserer Erde zu erreichen, den wir Nordpol nennen. Nicht Sucht nach Abenteuern, Haschen nach Ehren und Berühmtheit trieb ihn zu seiner Tat. Der da den Luftweg über die arktische Eiswüste versuchte, das war Andrée im Dienste der Wissenschaft. Und welches waren Gedanke und Überzeugung, die ihn leiteten? Seine Idee fußte auf Beobachtungen, die in Nordenskiölds Winterquartier in der Wiide-Bay, einem Fjord an der spitzbergenschen Nordküste, gemacht waren und die zu der Vermutung zu berechtigen schienen, es müsse nordwärts ein ziemlich konstanter Luftstrom gehen. Mit anderen Worten: In der Wiide-Bay hatte man beinahe ausschließlich Südwind.

siehe Bildunterschrift

Zu jener Zeit, also ausgangs des vorigen Jahrhunderts, lebten die Menschen mehr für sich als heute. Und zumal zwischen Wissenschaftlern und Laien lag eine Kluft. Diejenigen, die dort oben im Eismeer mit ihren Fangfahrzeugen sozusagen zu Hause waren, behielten das, was sie wußten, für sich; wie ein Buch, das niemand aufschlägt. Hätte man die Nordenskiöldschen Beobachtungen den wirklichen Kennern der spitzbergenschen Küsten zugänglich gemacht, dann würden die Herren Meteorologen erfahren haben, daß die geographische Lage und Richtung des Fjords der Grund zu den merkwürdigen Windverhältnissen waren. Überall auf Spitzbergen geht die Luftströmung nämlich in der Regel mit der Richtung der Fjorde, sofern diese in offenes Meer münden. Mit anderen Worten: Das Inlandsplateau schafft ein Hochdruckgebiet, die See ein Tiefdruckgebiet. Diese Tatsache ist in Andrées grundlegenden Berechnungen unberücksichtigt geblieben. Fest, fast blind, hatte er sich auf die konstante, nördlich gehende Luftströmung verlassen, als er 1896 mit seinem Ballon zur Dansköya kam. Dort freilich gingen ihm die Augen auf über seinen großen Irrtum. Zu der Erkenntnis brachte ihn wohl zuerst Kapitän Otto Sverdrup, der auf seiner »Fram« nach überstandener Eisdrift das Andréesche Quartier anlief. Die Observationsbücher der »Fram« bewiesen wohl besser als alle Worte, daß von einer regelmäßigen, nach Norden gehenden Luftströmung nicht im entferntesten die Rede sein konnte. Wer sich dort oben in einem Freiballon hinausbegab auf das Eismeer, machte sich zum Spielball der Launen des Schicksals wie des Windes.

Andrée kam damals nicht zum Start; die Witterung ließ es nicht zu. Noch stand es ihm frei, das Ganze aufzugeben. Aber er tat es nicht. Als er im nächsten Jahre wiederum klar zum Start war, da haben ihn wohl Starrsinn und Trotz mehr getrieben als alles andere. So schlug die Abschiedsstunde. Wenig verheißungsvoll. Aber lieber den Tod eines Mannes von Mut sterben als sich verlachen und verhöhnen lassen! In diesem Punkte waren sich Andrée, Strindberg und Fränkel völlig einig.

Heute wissen wir, was damals geschah. Vorwärts, rückwärts, wieder vorwärts, ganz nach den Launen des Windes. Dann hinab aufs Eis. Das nächste feste Land mehrere hundert Kilometer entfernt. Das war das Ende der Ballonfahrt. Nun galt es den Rückmarsch. Aber sollte man nicht glauben, daß die drei Männer ihre Lage jetzt besser ansahen als drei Tage zuvor?! Nach den Begriffen jener Zeit waren sie aufs trefflichste ausgerüstet. Der Rückmarsch nach Spitzbergen war durchaus keine Unmöglichkeit. Doch nun begingen sie den verhängnisvollen Fehler. Belasteten sich selber zu schwer. Nicht das geringste bißchen wollten sie von ihrem Zeuge einbüßen; konnte man doch nicht wissen, ob man's nicht später brauchen würde! Das Ergebnis war vorauszusehen: Erschöpfung war die Folge.

Gleichwohl erreichten sie die kleine Insel Hvitöya. Kamen aufs Trockne. Wie wir heute wissen: nur um zu sterben. Es scheint unzweifelhaft, daß die Ursache zum Tode der drei schwedischen Forscher nicht in Kälte oder Hunger zu suchen ist. Recht unwahrscheinlich ist, daß die Erschöpfung nach dem Schlittenmarsch herab vom 83. Grad so vollständig gewesen sein soll, daß nicht eine längere Ruhepause ihren körperlichen Zustand wieder hätte heben können. Krankheit irgendwelcher Art erscheint gleichfalls wenig annehmbar als unmittelbare Todesursache. Bleibt daher nur noch die eine Annahme: Alle Zuversicht, alle Hoffnungsfreudigkeit muß sie verlassen gehabt haben. »Resignation« – Ergebung ins Schicksal! Ohne Widerstand.

Sieht man die Dinge so, dann erhebt sich die Frage: War die Lage am 5. Oktober, als die Expedition wieder auf festem Grund und Boden stand, so hoffnungslos, daß sie zur Verzweiflung berechtigt hätte? Nach allem, was wir wissen, müßte diese Frage klar und ohne Einschränkung verneint werden. Der Zwang, überwintern zu müssen, war kein Grund zu verzweifeln. Andrée und seine Gefährten kannten aus der Geschichte der Polarforschung Beispiele genug, daß Männer unter den denkbar primitivsten Verhältnissen vermocht hatten, sich durch die Zeit der Polarnacht hindurchzubringen. Zumal Nansens und Johansens Überwinterung wird Andrée, Strindberg und Fränkel klar vor Augen gestanden haben: Wenn diese beiden Norweger nach all ihren Strapazen, mit ihren geringen Hilfsmitteln und mit ihren kärglichen Aussichten, je zu Menschen zurückzukehren – wenn die über alles hinwegkamen, dann mußten die drei schwedischen Luftfahrer sich weit besser gerüstet und besser gestellt fühlen für die sechs oder sieben Monate, die sie vielleicht in der Einsamkeit auszuharren verurteilt waren. Die Küste von Spitzbergen war ja gar nicht weit. Sobald der Frühling kam, hätten sie ohne alle übermäßige Anstrengung oder Schwierigkeit dessen Nordküste mit Kajak und Schlitten erreichen können. Dort hatten sie Depots anlegen lassen, dort hatten sie auch die beste Aussicht, von einem Fangfahrzeug gefunden und an Bord genommen zu werden. Und noch ein Lichtpunkt: Es lag doch klar auf der Hand, daß zum wenigsten von schwedischer Seite alles getan und versucht werden würde, sie zu finden und zu retten! Aber es scheint, daß nicht einmal dieser Lichtpunkt vermocht hat, die drei Bedauernswerten bei Widerstandskraft zu erhalten.

Wie schon erzählt, kam im Sommer darauf die Nathorst-Expedition zur Hvitöya. Nathorst war mit mehreren an Land, aber sie sahen nichts. Das Leben der drei war erloschen, Schnee und Eis hatten sie begraben. Überhaupt sah man nicht die geringste Spur davon, daß da vielleicht Menschen auf der Insel gewesen wären und alles Erdenkliche versucht hätten, das bißchen Leben zu retten. Hätte man in dieser Richtung auch nur das geringste Anzeichen entdeckt, dann wäre die Insel selbstverständlich auf das genaueste durchsucht worden, und dann hätte man auch die Reste der Andrée-Expedition schon damals gefunden. Das Jahr 1930 wäre da um eine Sensation ärmer geblieben.

Der Fund auf Hvitöya hat so manchen Gedanken hervorgerufen. Ob wohl auch Roald Amundsen eines Tages gefunden werden wird? Könnte nicht seine Leiche eines Tages an irgendeiner öden Küste angespült werden? Vielleicht kommt auch der Tag, der uns Aufklärung bringt über das Ende der Letzten von der »Italia«?

Der Zufall bringt so manches Mal Licht ins Dunkel. Die Auffindung der Andrée-Expedition hat die Gedanken auch hinabwandern lassen zu dem englischen Polarforscher Kapitän Robert Scott dort unten auf der großen Eisbarriere am Gestade des »sechsten Erdteiles«, des Kontinents am Südpol. Für unmöglich soll man es nicht ansehen, daß der Tote mit seinen Gefährten mit den Eismassen nach Norden geführt wird und vielleicht eines Tages von Walfängern auf einem treibenden Eisberg gefunden wird. Freilich, wünschen möge dies keiner! Scott selber hatte den Wunsch, im großen weißen Schweigen den letzten Schlaf zu schlafen – dort, wo er seines Lebens Werk vollbracht. Wir, die wir ihn fanden, haben uns, wie selbstverständlich, in Ehrerbietung diesem Wunsche gebeugt, und wir beließen ihn auf dem Felde der Ehre, auf dem er gefallen.

Die Namen Roald Amundsen und »Italia« leiten hin zu Malmgren, dem tapferen jungen Schweden, der sich einunddreißig Jahre später auf demselben Packeise umherirren fand, auf dem auch sein Landsmann Salomon August Andrée gewandert ist. Ob je eines Menschen Auge Malmgrens Leiche erblicken wird? Der bedeutende französische Polarforscher Professor J. B. Charcot, der seit dreißig Jahren in den kalten Zonen Forschungen treibt, meist auf seinem in aller Welt bekannten Schiff »Pourquoi pas«, und nach dem das Charcot-Land in der Antarktis benannt ist, hält es für keineswegs ausgeschlossen, daß das Eis den toten Malmgren einst wiedergeben könnte. So hat er es jüngst in Stockholm ausgesprochen. Und man muß ihm zustimmen, wenngleich nur die Möglichkeit nicht gleich Null, die Wahrscheinlichkeit aber gering ist; aus welchen Gründen gering, bleibe hier unerörtert. Wer sich vor Augen hält, welche Verwüstungen Bären und Füchse im Lager Andrées anrichteten, wird wenigstens einen Grund sofort herausfühlen.

siehe Bildunterschrift

Von Malmgren, dem trotz seiner Jugend in der Arktis allseitig erfahrenen, mutigen Schweden, wissen wir übrigens, wie er über seinen Landsmann Andrée gedacht hat. Ein schwedischer Meteorologe, Dr. Nordenmark, berichtet, daß er erst vor wenigen Jahren mit Dr. Finn Malmgren eingehend über die Andrée-Expedition gesprochen hat und dabei hervorhob, wie »eigenartig« es doch gewesen sei, daß dieses »Wagestück« überhaupt in Szene gesetzt wurde. Malmgren erwiderte (nach Nordenmarks Angabe wörtlich): »Ich würde mich nicht besonnen haben mitzumachen!« Ein Ausspruch, der Malmgren ebenso ehrt wie Andrée.

War es Zufall, daß kurz nach der Auffindung der Andrée-Expedition die verblüffte Welt erfuhr, auch von der viel länger verschollenen Franklin-Expedition seien Reste durch einen kanadischen Flieger entdeckt worden? Sir John Franklin war am 18. Mai 1845 mit den Schiffen »Erebus« und »Terror« in See gegangen, um die nordwestliche Durchfahrt, nämlich vom nördlichen Atlantik zum nördlichen Pazifik, zu finden. 134 Köpfe stark war seine Expedition. Keiner dieser Männer ist je zurückgekehrt. Die Schiffe wurden zum letzten Male von Walfischfängern am 26. Juli 1845 vor der Mündung des Lancaster-Sundes gesehen. Als man dann nichts wieder von ihnen hörte, entsandten England und Amerika in den Jahren 1847 bis 1857 nicht weniger als 39 verschiedene Expeditionen zur Aufsuchung der Verschollenen. Im Jahre 1850 fand man Franklins erstes Winterquartier an der Beechey-Insel. 1854 wurde von Eskimos berichtet, die ganze Expedition sei untergegangen. Dies war alles, was in jenen zehn Jahren zu ermitteln war. Doch Sir Franklins Gattin ließ die Hoffnung nicht fahren, ihren Mann doch noch aufzufinden, und schickte 1857 eine neue Expedition aus. Dieser glückte es, in zwei langen Jahren voller Mühsal und Strapazen das Schicksal der Verschollenen einigermaßen aufzuhellen. Franklin ist vermutlich am 11. Juli 1847 gestorben. Von den Überlebenden soll es 105 Teilnehmern geglückt sein, die Schiffe wieder freizubekommen und Kap Victoria an der amerikanischen Nordküste zu erreichen, um von dort zu Fuß zum Großen Fischfluß zu marschieren. Weiter kamen die Nachforschungen damals nicht. Doch hörte der Polarforscher Hall im Jahre 1866 von Eskimos, es seien viele weiße Männer auf dem Marsche nach Süden irgendwo in den kanadischen Wüsten umgekommen. Diese Kunde veranlaßte eine neue Hilfsexpedition, die auf abenteuerlicher Schlittenreise 1879 nach König-Williams-Land gelangte und dort nicht nur eine Masse Überreste an Ausrüstungsgegenständen fand, sondern sogar einige Leichen. Andere Leichen waren unverkennbar begraben gewesen, von Eskimos jedoch wieder ausgegraben und geplündert und später von Raubzeug gefressen worden. Jetzt, im Jahre 1930, kam der kanadische Major Burwash auf einem Fluge zum Magnetischen Nordpol auch nach König-Williams-Land und entdeckte dort zwei weitere Zeltlager, die von der Franklin-Expedition herstammen. Seine Funde enthalten höchst wertvolle Aufzeichnungen wissenschaftlicher Natur. So mußten also 85 Jahre vergehen, bis die letzten Reste dieser Expedition aufgefunden wurden.

Das merkwürdigste Beispiel jedoch von späterer Auffindung solcher Reste ist in der Geschichte der Polarforschung wohl der Fall des Holländers Willem Barents. Er ist, wie man sich erinnern wird, der Entdecker der Insel Novaja Semlja. Nach ihm ist das Meer zwischen Nordkap und Kap Kanin Barents-See genannt.

Barents versuchte schon 1596, also lange vor dem Dreißigjährigen Kriege, die »nordöstliche Durchfahrt« zu finden (die erst zu Andrées Zeiten durch den Schweden Nordenskiöld erzwungen wurde). Barents entdeckte damals so nebenbei erst die Bären-Insel, dann Spitzbergen, und ging nun nach Novaja Semlja, wo dann überwintert werden mußte. Diese Überwinterung war die erste, die die Geschichte der Polarforschung verzeichnet. Im Frühjahr 1597 setzte die Expedition fort, und Barents machte den tollkühnen Versuch, in zwei offenen Booten von Novaja Semlja nach Russisch-Lappland zu gelangen. Er selber starb unterwegs. Seine Mannschaft wurde nach der Halbinsel Kola verschlagen und dort durch ein holländisches Fahrzeug gerettet. Die Hütte, in der Barents auf Novaja Semlja überwintert halte – sie war nur aus Treibholz kümmerlich zusammengeschlagen –, stand nun leer und verlassen, und keines Menschen Auge hat sie wieder erblickt, bis der Zufall den norwegischen Kapitän Carlsen im September 1871 dorthin führte. Die Hütte stand – es klingt unglaublich – noch immer, und als man sie betrat, fanden sich noch alles Hausgerät vor und alle Bücher, die Barents fast dreihundert Jahre zuvor dort zurückgelassen hatte. Und alles noch in bestem Zustande! Drei Jahrhunderte waren über die Sachen hinweggegangen!

Solche Wunder kennt wohl bloß die Arktis. In ihrem weißen Schoße verbirgt sie vieles dem Menschenauge, aber sie bewahrt es. Und kommt ein freundlicher Zufall zu Hilfe, so bringt sie späteren Geschlechtern Kunde von den Großtaten früherer Geschlechter.

(Deutsch von Dr. Adrian Mohr.)

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.