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Carl Sternheim: 1913 - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
authorCarl Sternheim
title1913
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seriesAus dem bürgerlichen Heldenleben
year
correctorJosef Muehlgassner
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Der erste Aufzug

Erster Auftritt

Wilhelm ( hinter dem Schreibtisch): Doch! In den Sätzen dieses Briefes ist das Problem auf die Spitze gebracht ( liest): »Ich wies Euch unsere durch Geschichte bestätigten Tugenden, und welche neuen Tüchtigkeiten der Zeitdeutsche durch Assimilierung annektierter Stämme hinzugewonnen hat. Entgegengestellt wurden die Fähigkeiten, mit welchen in heutiger Epoche alle Erfolge errungen werden, und es erhellt: die eigenen Eigenschaften und Ziele eines großen Volkes, nicht genannt, schlafen noch. Wie überall ist auch bei uns fiebernden Gehirnen einzig die internationale Sucht nach dem Gold affichiert.«

Nun im Programm Schlagworte für die Propaganda ( liest): »Uns Schwindlige stellt ein Ruf auf den Boden dieser Einsicht: von menschlichen Problemen, von jeder Verbrüderung über Grenzpfähle sehen wir ab. Wir wollen zwar menschliche Menschen, aber Deutsche wollen wir vor allem sein. Mit Bewußtsein forschen wir nach unserem Wesentlichen, heben die neue deutsche Idee, die jede Seele im Vaterland mit gleicher Sorge umfaßt, hoch, über den verwaschenen Zeitgeist und, uns selbst mit Begeisterung ehrend, empfinden wir Achtung vor dem Fremden, Bedeutenden.« ( Steht auf): Wie schön das ist: eine heilige, allgemeine, vaterländische Verbrüderung und allgemeine deutsche Ideen. Ich danke sie diesem Hause, in das mich ein Zufall warf. Sein krasser kapitalistischer Geist brachte die innersten Organe zur Empörung, und nun trägt mich jede Stunde einem ungeheuren Ziel, der befreienden Tat näher. Kuvert!

 

Zweiter Auftritt

Ottilie ( tritt auf): Guten Morgen.

Wilhelm ( verbeugt sich).

Ottilie ( nach Stillschweigen): Kommt Baron Philipp Ernst mit dem Elfuhrzug?

Wilhelm: Die Zimmer Ihres Bruders sind für die Stunde in Bereitschaft.

Ottilie: Unseres Vaters Zustand ängstigt ihn.

Wilhelm: Exzellenz sind kränker als es scheint.

Ottilie ( pfeift einen Gassenhauer; dann Schweigen): Meine Schwester und Schwager Freitag, bringen die Prinzessin und den Prinzen Oels mit.

Wilhelm: Alles ist zum Empfang der Herrschaften bereit.

Ottilie: Ist ein Buch »Geschlecht und Charakter« angekommen?

Wilhelm: Es kam und wurde eingeordnet.

Ottilie: Wollen Sie's mir geben?

Wilhelm: Ich bin ohne Exzellenz' Erlaubnis nicht befugt.

Ottilie: Das Buch ist, von mir bestellt, mein Eigentum.

Wilhelm: Wollen Sie es selbst nehmen.

Ottilie: Es wird Ihnen befohlen.

Wilhelm: Ich erhalte Aufträge nur von Seiner Exzellenz.

Ottilie: Wo steht es?

Wilhelm: Im zweiten Schrank, erstes Fach von oben unter W.

Ottilie ( tritt zum Schrank und sieht, das Buch steht sehr hoch): Darf ich Sie bitten, mir behilflich zu sein.

Wilhelm: Ich ersuche, es mir erlassen zu wollen.

Ottilie: Warum?

Wilhelm: Ich möchte die Frage unbeantwortet lassen.

Ottilie: Das Buch gehört doch nach Ihrer Auffassung in die Hand eines jungen Mädchens, oder nicht?

Wilhelm: Über meine Gründe wage ich nicht, mich zu verbreiten.

Ottilie ( läuft zum Schrank, stellt die Leiter an, steigt hinauf und nimmt das Buch): Auch mit Ihrem Stillschweigen überschreiten Sie die Distanz, die ein Angestellter zu Handlungen der Herrschaft einzuhalten hat.

Wilhelm ( erhebt sich und geht zur Tür).

Ottilie: Helfen Sie mir herunter! Ich bin schwindlig.

Wilhelm ( exit).

Ottilie ( gleitet, halb fällt sie die Leiter herunter und bleibt unten liegen).

 

Dritter Auftritt

Christian ( tritt auf): Ottilie! ( Hebt sie auf, setzt sie in einen Stuhl.) Ich hatte einen üblen Traum: da ist er erfüllt.

Ottilie: Das Buch nehmend, verlor ich das Gleichgewicht.

Christian: Schmerzen?

Ottilie: Nirgends.

Christian: Ein zerbrochenes Bein wird durch die beste Buchweisheit nicht aufgewogen. Was wolltest du erfahren?

Ottilie: Der junge Verfasser des Buches erschoß sich, weil er seelisches Neuland von solchem Umfang entdeckte ...

Christian ( lacht): Er tat recht! Seelisches Neuland! Seit sechzig Jahren stehe ich Menschenbataillonen als Kommandeur gegenüber und habe mir nicht mehr als ein paar Kommandos, die auf uralte primitive Empfindungen zielen, zurechtlegen können. Und mit dem wenigen stehe ich über den Zeitgenossen, die überhaupt nicht mehr wissen, mit welchem Anruf die wie Unkraut wuchernden Massen packen. Dein Autor ist auf widerliche Art verrückt. Fünfundsechzig Millionen Fresser in Deutschland auf fünfhundertvierzigtausend Quadratkilometer. Da wird ein Trieb im Wettkampf hypertroph: satt werden. Die Geschlechtsliebe sogar verkümmert. Und seelisches Neuland! Du vertrödelst wichtige Stunden.

Ottilie: Ich habe Zeit genug.

Christian: Vom fünfzehnten bis zwanzigsten fünf Jahre des Reifens. Achtzehnhundert Tage. Dieser Schmöker ist umfangreich. Fünf Tage wirfst du an das Panacée. Hast du die drei Minuten vor der Seele, die Barras Napoleon gab, mit der Übernahme des Armeekommandos sein Leben zu entscheiden? Sie standen sich gegenüber Auge in Auge stumm: dann rief Bonaparte: Ja! Ist dir die Geste des 18. Brumaire gewärtig?

Ottilie: Ich bin kein Politiker.

Christian: Mit seinem Leben sei's jeder Mensch! Du aber sollst später für fünfzehntausend Arbeiter unserer Betriebe entscheiden. Da braucht's Vorbilder.

Ottilie: Wir sind zu dritt.

Christian: Für solchen Plunder hast du keine Minute.

Ottilie: Statt Polo zu spielen.

Christian: Polo ist unschätzbar: Gibt Blick für Distanzen. Für die Nähe des Gegners, und welches! Mit den Alteingesessenen des Landes spielst du nicht nur Polo, sondern um Geltung. Tausend Jahre, die deine Voreltern ein namenloses Dasein führten, sind deine repräsentativen Organe hinter ihnen zurück. Da heißt's mit der letzten Übersetzung fahren, um beizukommen. Hast du an meinem Leben kein Beispiel?

Ottilie: Ein abschreckendes, Väterchen. Wie eine Granate saust du durchs Haus. Bist du im Zimmer, ist's, als steht die Tür auf.

Christian: Dasein mit Ziel! Hab's doch für meinen Liebling zu etwas gebracht. Genug ist nicht genug! Weil, wird's nicht mehr, es weniger wird. Endlich mußt du die Griffe fürs Leben lernen.

Ottilie: Jedem gehorcht die Welt nicht.

Christian: Dem, der den Mut zu sich selbst hat. Auch zu seinen Schwächen. Wiederhole vor aller Welt ein dutzendmal, kannst du's nicht leugnen: ich bin habgierig – so wird man's dir endlich als eine Qualität anrechnen. Doch erst mußt du mit dem nötigen Nachdruck dir die Eigenschaft gestanden haben.

Ottilie: Soll ein junges Mädchen von sich sagen ...

Christian: Als künftiger Chef von Christian Maske A.-G. kannst du von dir behaupten, was du magst. Nachgesagte gute Eigenschaften braucht ein Stellungssuchender. Was hast du?

Ottilie: Ich denke über dein Wort nach.

Christian: Was gibt's da weiter?

Ottilie: Es macht schwindlig. Nicht unterdrücken, was man heimlich wünscht; nichts unterlassen?

Christian: Mädel, im Dunkeln, was denkst du?

Ottilie: Hier ist's zu hell dazu.

Christian: Sag mir's ins Ohr. Ich halte dir die Augen zu.

Ottilie ( flüstert ans Ohr des Vaters gelehnt).

Christian: Machttaumel! Menschen bewältigen – fressen. Recht so! Das ist Rasse!

Ottilie ( läuft in einen Vorhang und versteckt sich darin).

Christian ( zieht sie hervor): Heraus! Ins Licht die Meinung. Nachdruck in dein Bekenntnis, und erhobenen Hauptes gehst du über Sterblichen. Nichts weiter brachte ich in das Zeitalter mit als Selbstmut.

Ottilie: Manchmal habe ich ihn. Sofie hat ihn stets, wie du. Sie müßte dein Liebling sein.

Christian: Wann kommt Philipp Ernst?

Ottilie: Um elf.

Christian: Euch beide wird sie an die Wand schmettern. Wie oft habe ich's dir und dem Jungen gesagt: Ihr laßt euch das Heft aus der Hand winden. Warum kümmert ihr euch nicht. Eine Obligation kannst du von einer Aktie nicht unterscheiden. Trotz aller Verträge wird sie euch erdrosseln. An der Peripherie des Lebens lauft ihr herum; sie sitzt im Kern und spinnt Fäden. Mit gezücktem Messer nach meinem Tod holt sie dir die Börse aus der Tasche.

Ottilie: Nichts ohne meinen Willen.

Christian: Mit allen Hunden ist sie gehetzt. Was hat sie in den kurzen Wochen meiner Krankheit, in meiner Stellvertretung für sich ausgerichtet! Von der Morgenröte an läßt sie die Telegraphendrähte nicht kalt werden. Dieses Weib denkt in Entladungen, jeder Federstrich ist ein Plus in ihr Konto. Ein Tag Abwesenheit kostet mich Prestige, Macht, Vermögen. ( Setzt sich.) So sitzt sie am Schreibtisch. Jede Hauptbuchseite jedes Werkes hat sie im Kopf, sie kalkuliert auf den Pfennig genau. Dem Kunden sieht sie in die Tasche, kennt die ausgeleierten Wege seiner Instinkte und jagt ihm Befehle zu, die er für seinen eigenen Willen hält In diesem Augenblick – ach solche Kreatur – wie sie gegen mich wühlt!

Ottilie: Vater!

Christian: Bin ich von Gott verlassen, hier zu sitzen und ihr das Feld und Abschlüsse von größter Wichtigkeit zu überlassen?

Ottilie: Du darfst dich durchaus nicht erregen.

Das Telephon auf dem Schreibtisch klingelt.

Christian: Ruhe! ( Am Apparat): Wer? Witman? Die Sitzung gewesen? Bedingungen der holländischen Regierung – wie? Wegen der Gewehrlieferung, ja – vom Aufsichtsrat akzeptiert? Waas?! Laut, Witman! Geschäft, Zustimmung der holländischen Kammern vorausgesetzt, perfekt. ( Er läßt den Hörer fallen.) Herrgott im Himmel, dieses Aas! Wider meinen ausdrücklichen Befehl! ( Wieder am Telephon): Sind Sie noch da? Durchschlagender Erfolg der Rede meines Schwiegersohns? ( Er wirft den Hörer hin.) Ich habe genug. Ich närrischer Mann. Pflege hier den alten Leichnam; dort schlägt mir meine Tochter das Lebenswerk in Stücke.

Ottilie: Was ist mit den holländischen Gewehren?

Christian: Und der wollt ihr zwei Puppen widerstehen? Drei Tage nach meinem Tod seid ihr hingesäbelt. Dieser Junge! Habe ich seine Jugend nicht mit meinen Ideen geführt, und er wird ein Nichtstuer. Und du hast doch Rasse, eben habe ich dein Herz behorcht. Komm her! ( Nimmt ihren Kopf und spricht ihr ins Ohr): Wirf Kindheit hin – Scham, Weltmacht – kein Traum – baumstarke Wirklichkeit. ( Er schlägt auf dem Schreibtisch ein Buch, das er aus einer Schublade genommen, auf.) Was ist das für eine Zahl?

Ottilie ( steht geschlossenen Auges).

Christian: Lies – die Zahl!

Ottilie: Hundertundzwanzig.

Christian: Millionen! Liebling, kleine Königin. Laß dir Krallen wachsen, nimm den Kommandostab, greif, was du willst. Für dich, nicht für die andere ist alles bestimmt.

Ottilie: Ich werde – ich verspreche dir – mit aller Kraft versuchen.

Christian: Sieh den heimlichsten, erschütterndsten Gedanken ins Gesicht. Was war das im Auge für ein Blitz? Du weißt einen, der dich packt. Mach ihn zur Tat! Gleich! Zeig dein Probestück! Blut von meinem Blut. Jung sollst du die Macht in Händen haben, die ich entbehren mußte. Granate sagst du? Jetzt wollen wir sie an der richtigen Stelle krachend krepieren lassen. ( Er klingelt.) Wie heißt die Parole? La sensation! Lebendiges, ungezügeltes Lebensbewußtsein. Hinaus!

Ottilie ( exit.)

 

Vierter Auftritt

Wilhelm: ( tritt auf): Exzellenz?

Christian: Sekretär, Zeitkind, wo stecken Sie? Während dringendster Vorgänge? Das Direktorium der Waffenfabriken hat nach zündender Rede des Grafen Beeskow die Bedingungen der holländischen Regierung für die Gewehrlieferung angenommen.

Wilhelm: Gegen Exzellenz' Absichten?

Christian: Gegen mein Verbot. Warum verbot ich's?

Wilhelm: Exzellenz befürchten einen für uns selbst in Kürze bevorstehenden Krieg, wollen unsere Werke für diesen freihalten.

Christian: Und die Konkurrenz mit der holländischen Lieferung festlegen. Dazu sind die schließlich bewilligten Preise verlustbringend. Als was stellt sich das Vorgehen des von meiner Tochter am Seil geführten Schwiegersohns dar? Als Palastrevolution. Warum ließen Sie mich nicht nach Berlin? Rekonvaleszent bin ich? Was soll der gepflegte Kadaver, bläst man dort meinem Geist das Licht aus.

Wilhelm: Wer hätte der Gräfin diese Tatkraft zugetraut?

Christian: Ich. Seit zwei Jahren suche ich Ihnen den Charakter meiner Tochter klarzumachen.

Wilhelm: Exzellenz belieben die Gräfin als Beispiel eines modernen, einseitig auf Machthunger gestellten Wesens hinzustellen, während mein Empfinden nicht zuläßt ...

Christian: Was läßt Ihr Empfinden nicht zu?

Wilhelm: Ich schweige, mißfalle ich Exzellenz.

Christian: Reden Sie!

Wilhelm: Man kann die in einem Menschen wirbelnden tausendfältigen Empfindungen ...

Christian: Narr! Fünfundsechzig Millionen auf fünfhundertvierzigtausend Quadratkilometer. Magenhunger der Armen. Machthunger der Reichen. Fertig.

Wilhelm: Nein, Exzellenz!

Christian ( schreit): Doch!

Wilhelm ( schweigt).

Christian ( brüllt): Doch, doch! Sehen Sie sich gefälligst um in der Welt. Schweben Sie auf, nehmen Sie Vogelperspektive, sehen Sie den Erdball oder Deutschland getrennt an. Sind's vielleicht immer noch nur die Juden? Gewissen, Bengel, Wahrheit! Ringt euch endlich zu dieser klotzigen Erkenntnis durch, stellt sie monumental vor euch hin: Magenhunger des Pöbels, Machthunger der Reichen. Sonst nichts. Kurszettel her. Waffenfabriken?

Wilhelm ( liest): 264. Sechs Prozent höher.

Christian: Kaffern! Sechs niedriger müßten sie stehen, hätte die Bande Verstand. Dringend Berlin!

Wilhelm ( meldet am Telephon die Verbindung).

Christian: Für nach Tisch den Arzt. Abends fahre ich – muß wissen, wie sie's angestellt hat, der Konkurrenz den Auftrag abzujagen.

Wilhelm: Der Exzellenz mißfällt.

Christian: Für die Welt bleibt's ein Erfolg, der ihre. Ich brenne, ihr Dessin zu kennen, versichere Sie, sie hat einen Saltomortale gesprungen, mich in den Schatten zu drängen.

Wilhelm: Die Gräfin ist bestimmt öffentlich gar nicht genannt.

Christian: Nein. Ihr genügt das Bewußtsein der Urheberschaft, die Ehre für den Hanswurst von Gatten, ( laut) Hanswurst, der ihr nicht einmal ein Kind machen, die Dynastie nicht fortpflanzen konnte.

Wilhelm: Je unbedeutender Graf Beeskow in Wirklichkeit wäre, um so menschlich rührender der Gräfin Bestreben, ihn herauszustellen.

Christian: Zu schlicht gedacht. Die Frau hat doppelten Boden.

( Das Telephon schellt.)

Wilhelm ( am Apparat): Herr Witman? Exzellenz will Sie sprechen.

Christian: Ein schlechter Spion, dieser Witman. Weiß er jetzt nicht das Genaueste, jage ich ihn fort. ( Am Apparat.) Wohin waren Sie zum Teufel verschwunden? Gründe, durch die die Holländer bewogen wurden? So – so – so ah! ( Er läßt den Hörer sinken.) Gott steh mir bei! ( Er nimmt den Hörer auf.) So – so – gut! ( Er hängt langsam, fast feierlich ab, geht dann zu einem Lehnstuhl, in dem er schweigend sitzt: schließlich stößt er ein Ächzen aus.)

Wilhelm ( steht lautlos).

Christian ( erhebt sich, ohne Wilhelm zu bemerken, sagt er sehr ruhig): Gott steh mir bei. Ich will nicht zum alten Eisen geworfen werden, habe noch dreißig Jahre zu leben. Mein Werk ist alles, ich bin der Schöpfer, der den Abgang nach eigenem Willen hat. Dies kleine mickrige Weib und solch inneres Ausmaß! Denn ihre Pläne sind umfassender, als ich's vorausgesetzt. Hier ist Kampf aufs Messer. Gut ( Zu Wilhelm.) Wie es gemacht wurde? Um das Auftauchen der Nachricht der holländischen Bestellungen etwa hat sie laut Witman im Privatleben Nachdruck auf ihr protestantisches Bekenntnis gelegt. Besuchte werktätige Versammlungen, stiftete Krippen. Als nun vor Tagen die Entscheidung an einem Haar hing, machte sie eine bedeutende kirchliche Zuwendung, deren pomphafte Bekanntmachung sich alle Zeitungen angelegen sein ließen. Wir konnten uns hier den Sinn des Handelns nicht erklären. Dann ließ sie durch einen Mittelsmann im Haag den Gedanken auffliegen, es müsse seltsam berühren, gäbe das stockprotestantische Holland katholischen Firmen, eben unserer Konkurrenz, Millionen zu verdienen. Sie, die bisher von ihrem Glauben nicht das geringste gewußt hat.

Wilhelm: Das ist über alles Begreifen schimpflich.

Christian: Das ist einfach genial, Freundchen.

Wilhelm: Beweist die Richtigkeit Ihres Urteils über die Gräfin.

Christian: Genial. Das ist jetzt mein Urteil ohne Nebensinn.

Wilhelm: Exzellenz erlauben mir zu erwidern?

Christian: Nein.

Wilhelm: Ich muß antworten.

Christian: Ruhe! Ist die Handlung folgerichtig?

Wilhelm: Mit der Voraussetzung, es gibt auf Erden nur materielles Gut zu erwerben ...

Christian: Mit der Voraussetzung.

Wilhelm: Ist sie genial.

Christian: Den Rest, olle Kamellen, behalten Sie für sich. Oder wollen Sie sich moralisch entrüsten, Erziehungsrudimente speien, he?

Wilhelm: Ich möchte mich nicht lächerlich machen.

Christian: Zurück zum Thema. Diese genialen Instinkte sind gegen mich, mein persönliches Ansehen gerichtet. Vom Direktor bis zum Aktionär soll man wissen, ich bin schon jetzt entbehrlich. Sehen Sie den Fall deutlich?

Wilhelm: Gewiß.

Christian: Was hieß übrigens, Sie wollen sich nicht lächerlich machen? Vor wem?

Wilhelm: Vor Exzellenz natürlich.

Christian: Sie sind nicht offen; Ihre Sache. Kurz: Was in Berlin vor sich ging, bedeutet die auf den Tisch gehauene Faust.

Wilhelm: Exzellenz werden auftrumpfen.

Christian: Ich werde, mein Lieber, nur ein wenig die Schleuse der Ideen öffnen, und diese Miniatursemiramis wird weggeschwemmt sein. Ich fahre nicht hinüber, sondern warte hier ihre Ankunft ab, ihr das Fell so gründlich abzuziehen ...

Wilhelm: Die Gräfin wird gewappnet kommen.

Christian: Ihr fehlt Experience. Vierzig Jahre sitze ich am Webstuhl der Zeit. Jede Kombination war schon einmal da. Mit Bismarck habe ich um Fetzen gerauft, daß Funken stoben. Der holländische Auftrag geht durch die Kammer in letzter Minute zurück. Schwöre ich! Ein Gang unter Bäumen, und ich habe dafür den Einfall, der das armselige Kerzenlicht ihres Religionswitzes ausbläst; die Anteilnahme der Beteiligten nicht nur, der politischen Welt wieder in meine Flamme reißt. Siebenzig Jahre, Freundchen; aber Flamme immer noch.

Wilhelm: Exzellenz freut schon der Kampf.

Christian: Die Räder laufen an.

Wilhelm: Und haben, reißen alle Stricke, noch das Fest des siebenzigsten Geburtstags am ersten Juli.

Christian: Umgekehrt; vielleicht genügen die bengalischen Streichhölzer des Jubiläums, die Welt neu mit mir zu blenden. Sonst erst lasse ich die Sonne scheinen. In jedem Fall: Leben vor uns die nächste Zeit und ( kneift ihn ins Ohr) Zeitungsausschnitte die Menge. Ihre Aufgabe ist, die beiden Kinder uns fester zu verbinden. Lassen Sie Ihre Zurückhaltung. Stecken Sie dem Jungen, dem Mädchen einmal ein dickes Stück Wirklichkeit in die Zähne. Alle fossilen Spielereien und Gedankentechtelmechtel endgültig zum Kehricht. Ein Gang unter Bäumen und ... ( lachend exit.)

Wilhelm ( geht zum Schreibtisch, schreibt): Kuvert! Schnell! An die Geschäftsleitung des Jungnationalen Verbandes, Berlin. Fort damit! ( Steht auf.)

 

Fünfter Auftritt

Philipp Ernst ( tritt auf): Guten Tag, Doktor, mein Vater soll hier sein?

Wilhelm: Exzellenz gingen hinaus, einen Zwischenfall zu überlegen.

Philipp Ernst: Überlassen wir ihn diesem. Wissen Sie, daß mir ein Zwischenfall das Entsetzlichste von der Welt ist, weil er zwischen zwei angenehme Chosen immer als etwas Peinliches hineinfällt?

Wilhelm: Es kann auch umgekehrt sein.

Philipp Ernst: Wie das?

Wilhelm: Kann er nicht angenehm eine peinliche Situation unterbrechen?

Philipp Ernst: In einem temperierten Dasein ist der Zwischenfall die einzig denkbare peinliche Situation. Ach, lieber Doktor, gibt es Nachrichten über die Ankunft meiner Schwester?

Wilhelm: Freitag abend. Durchlaucht Prinz und Prinzessin Oels werden in Begleitung der Herrschaften sein.

Philipp Ernst: Aber sagen Sie nicht: Prinz und Prinzessin. Sie sind nicht verheiratet. Geschwister. Die Prinzessin eine charmante Witwe. Der Bruder zwanzig Jahre, ein Bürschchen.

Wilhelm: Ich wußte nicht.

Philipp Ernst: Rotblond mit Sommersprossen und einem Duvet. Die Witwe Doktor. Es ist die, die den Akzident mit dem Grafen Chamel hatte. Dem Sportchamel. Deauville. Sie wissen. Feuerwerk, nachts à la digue. Kasino und so weiter. Wie ist die Zimmerordnung?

Wilhelm: Für Herrn Baron das gewohnte Appartement.

Philipp Ernst: Sind die Badehähne nachgesehen? Es klapperte immer eine Angelegenheit. Die Witwe soll sich jetzt besser anziehen. Bisher immer ein bißchen kariertes Malweib. Distinguiertes Malweib immerhin – immerhin schauerlich.

Wilhelm: Wollten Herr Baron mir bei Gelegenheit eine Stunde für geschäftliche Mitteilungen –

Philipp Ernst: Das paßt. Meinerseits wollte ich Sie bitten; trage seit drei Monaten ein Bündel Papiere herum, Abrechnungen. Saldo zu Ihren Gunsten usw., Sie wissen Bescheid; das heißt, man weiß nie, zu wessen Gunsten; netto, brutto – italienisches Kauderwelsch.

Wilhelm: Wir haben hier eine Kontoseite. Wollen Sie einen Blick herwerfen?

Philipp Ernst: Ich schwöre Ihnen, Doktor – Sie mögen mich für bebête halten – ich kann nicht, mich würgt's im Hals. Idiosynkrasie. Wie ich keine Hühner in meiner Nähe ertrage, das Geflatter, es ist dieselbe Chose.

Wilhelm: Eine so einfache Sache. Drei, vier Begriffe nur.

Philipp Ernst ( außer sich): Ich beschwöre Sie, c'est plus fort que moi. Netto, saldo, brutto. ( Er schüttelt sich.) Voyons.

Wilhelm ( lacht): Man wird Sie im Leben übervorteilen.

Philipp Ernst: Ich lebe von anderen Tricks.

Wilhelm: Darf ich mich beurlauben?

Philipp Ernst: Sehen Sie einmal in die Papiere, die ich Ihnen schicken werde?

Wilhelm: Gern. ( Verbeugt sich, exit.)

 

Sechster Auftritt

Philipp Ernst ( schüttelt sich).

Ottilie ( tritt auf, oben auf der Galerie und stürzt, da sie den Bruder sieht, herunter): Philippchen!

Philipp Ernst: Didelchen! ( Umarmung.) Bist du groß geworden!

Ottilie: Bist du schön geworden!

Philipp Ernst: Aber nicht doch!

Ottilie: Clean shaved steht dir himmlisch. Und schlanker.

Philipp Ernst: Fünfundsechzig Zentimeter Taille. Easton wird bei der Anprobe außer sich sein.

Ottilie: Und das Haar tête carrée. Zeig die Zähne.

Philipp Ernst ( tut's).

Ottilie: Wundervoll!

Philipp Ernst: Deine?

Ottilie ( zeigt sie).

Philipp Ernst: Splendid. Cherry tooth?

Ottilie: Pàte dentifrice. Was hast du mir mitgebracht?

Philipp Ernst: Sel Morny fürs Bad. Frühling im Badewasser. Maiandacht. Man plätschert au dessus de tout. Dann Houbigant mon délice und die Gazette du bon ton.

Ottilie ( dreht sich vor ihm): Wie siehst du mich im ganzen?

Philipp Ernst: Behaglich. Fünfundsechzig Kilo.

Ottilie: Pfui! Achtundfünfzig netto.

Philipp Ernst: Du meinst ohne – also brutto. Ach, Didelchen, es ist gemütlich zu leben. ( Er legt den Arm um sie.)

Ottilie: Auf deine Art lebt man aber mit Vater. Ich fürchte, Philipp Ernst, es gibt ernste Dinge im Leben. Die Fabriken.

Philipp Ernst: Für die ist Sofie ausgemacht.

Ottilie: Sie sind eine Macht, die uns gehört.

Philipp Ernst: So lala. Ich habe eine andere.

Ottilie: Auf Frauen?

Philipp Ernst: Sie genügt mir. Ich bedaure dich, weil du's in seiner charmanten Gesamtheit nicht empfinden kannst: das Weib.

Ottilie: Lili Oels kommt. Hast du's auf sie abgesehen?

Philipp Ernst: Ich sehe es nie geradezu ab. Ich bin einfach da, voyons.

Ottilie: Du hast den Willen, den Griff.

Philipp Ernst: Meine kleinen Tricks.

Ottilie: Wüßte ich sie auch! Armer Kerl, ich glaube, dein Aufenthalt wird weniger behaglich sein, als du hoffst.

Philipp Ernst: Wie das?

Ottilie: Durch die gezwungene Muße ist Vater in unbeschreiblicher Erregung.

Philipp Ernst: Attacken auf meine Gemütsruhe setze ich mich unter keinen Umständen aus.

Ottilie: Es scheinen ernste Zeiten bevorzustehen. Man spricht vom Krieg.

Philipp Ernst: Ich bin militärfrei, gehe in einen Badeort, mache eine Weltreise. ( Erregt.) Unannehmlichkeiten irgendwelcher Art, woher sie auch kommen, lehne ich aus Prinzip ab.

 

Siebenter Auftritt

Christian ( tritt auf): Sieben Koffer – daran erkenn ich meinen Erstgeborenen. ( Umarmung.) Du kommst aus London? Was sagen Hadfield und Kompagnie? Hast du das elektrische Hebewerk bei Fowler gesehen? Die Kerls bauen bis zu 50 000 PS.

Philipp Ernst: Fabelhaft!

Christian: Wo ist dein Bart?

Philipp Ernst: Shaved.

Christian: Was sagt man von uns? Munkelt man von unserem Ballongeschütz? Nicht zu schlagen. Englische Rente?

Philipp Ernst: Grüße bringe ich von Aishot, Taxis und so weiter.

Christian ( ihn ansehend): Ist das der letzte Schrei? Aufgepaßt jetzt! Mit deiner Schwester sprach ich, um meine Gesundheit steht's jämmerlich.

Philipp Ernst: Du siehst solide aus.

Ottilie: Der Geheimrat war heute zufrieden.

Christian: Auf den Hund. Morgen könnt ihr vor dem Faktum stehen: Erbteilung. Ihr seid nicht Nachkommen von Hinz und Kunz. Eure Erbmasse besteht aus vierzehn Werken, die einen Hauptteil unserer Industrie ausmachen. Platz für alle drei und Kind und Kegel. Gesät habe ich. Die himmlischsten Ernten könnt ihr sammeln. Aber ihr habt, du, Philipp Ernst, besonders, bis heute geschlampt, überzeugt, ich sorge bestens für euch. Das ist geschehen. Durch Verträge nach Möglichkeiten über meinen Tod hinaus.

Philipp Ernst: Gottlob!

Christian: Vor dem Willen einer zielbewußten Kreatur aber sind die ausgeklügelten Verträge null.

Philipp Ernst: Das Gesetz, cher père.

Wilhelm ( tritt auf).

Christian: Der Betrug geht auf legale Weise vor sich, kein Gesetz tritt in Kraft. Ohne Voraussetzung in euch ist das nicht klarzumachen. Kurz, nach einiger Zeit hat sich die Ziffer nicht, aber der Wert eures Vermögens geändert, da ihr nicht imstande seid, das euch Zugeschobene auf seine reelle Substanz hin zu prüfen.

Philipp Ernst: Welcher durchschnittliche Erbe wäre das aber?

Christian: Darum ist es für andere so leicht von seinem Gelde zu leben. Nicht die paar Millionen, die man selbst hat, die ungeheuren Summen, die vom Publikum wenigen Männern anvertraut werden, und über die diese nach Gutdünken verfügen, geben ihnen die unvergleichliche Macht.

Wilhelm: Ich mache mich bemerklich, Exzellenz!

Christian: Eure Schwester, ohne jedes Sentiment, hat euch in kürzester Zeit bis aufs Hemd ausgeplündert.

Philipp Ernst: Doktor Krey, cher père!

Christian ( außer sich): Weil ihr sündhaft nachlässig mit eurem Besitz seid, um eure Fußnägel euch mehr kümmert, als um euer Vermögen. Es ist kein Einwurf, neun Zehntel der Besitzenden tut ebenso wie ihr. Sie kommen mit der Zeit alle an den Bettelstab, zu Fug und Recht. Und von der anderen Seite ist's keine Sünde; aus ihrer Überlegenheit folgerichtig, macht sie mit Imbéciles kurzen Prozeß.

Philipp Ernst: Herr Doktor Krey, Papa!

Christian ( zu Wilhelm): Kommen Sie her! Stecken Sie diesen Narren endlich ein Licht auf. Das Mädchen ist willig. An einer Lebenswende ist sie mit einem Ruck zum Entschluß zu bringen. ( Zu Philipp): Bei dir ließ ich's lange gehen. Jetzt aber will ich Vernunft! Ich will! Ruhe! Jubiliert, daß in einem Anfall von Größenwahn das Hühnchen sich einfallen läßt, mit mir ein Tänzchen zu wagen. Dazu trete ich an, und werde ihr zeigen, man kann mit Unmündigen wohl, muß es sein mit Ebenbürtigen, aber nicht aus Übermut mit dem Überlegenen sich einlassen. Breche ich ihr aber auch noch vor meinem Abmarsch den Hals, ist es nur dann Gewinn für euch, seht ihr bis dahin klar. Also voran! ( Zu Wilhelm): Ich bin auf dem Weg. Noch ist des Planes Umriß dunkel; doch schwant mir etwas von schauerlicher Großartigkeit. ( Exit.)

 

Achter Auftritt

Schweigen.

Wilhelm: Herr Baron?

Philipp Ernst: Liebster Doktor, Sie sehen mich vollständig zersplittert.

Ottilie: Was zu wissen notwendig, werden wir aus uns selbst uns aneignen. Und was zu wollen und zu tun ist!

Philipp Ernst: Später würde ich Ihnen dankbar sein.

Ottilie: Wir haben den Entschluß. Komm.

Sie verschwinden die Treppe hinauf.

 

Neunter Auftritt

Wilhelm: Solcher Zynismus ist der Gipfel. Auf legalem Wege geht der Betrug vor sich. Die Nation gesetzmäßig geplündert von den wenigen Verwaltern ihres Vermögens? So war mein praktischer Anfang richtig: die Armen durch die Schrift aufzuklären, welche Gefahr sie im Geldbeutel laufen, und ist das Volk in der Angst um seinen Besitz aufgeschreckt, kann ich's tiefer anrufen: es stehen im Lande alle Güter des Gewissens und der Liebe in Gefahr! Nie noch war ich so unbedingt frei vom Einfluß eurer bezaubernden verabscheuungswürdigen Eigenschaften.

Ottilie ( die schließlich, vornübergebeugt, von der Galerie seinen Worten gefolgt ist, ersteigt das Geländer).

Wilhelm: Was wollen Sie?

Ottilie: Ich springe hinunter!

Wilhelm: Um Gottes willen!

Ottilie: Ich springe!

Wilhelm: Halten Sie ein! ( Er stürzt die Stufen hinan und umfaßt sie.)

Ottilie ( sieghaften Blickes): Fassen Sie mich nicht so fest!

Vorhang

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